Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Viermal ja zu Jaja

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Wenn man den ungewöhnlichsten deutschen Comicverlag benennen sollte, dann wählte ich derzeit Jaja. Das in Berlin angesiedelte Haus, strenggenommen ein Häuschen, wenn nicht gar nur ein Stübchen, ist als Verlagsadresse doch „Musenstube“ (eine Ateliergemeinschaft, also auch nur der Bruchteil einer Stube) angegeben, besteht seit sechs Jahren und vor allem aus Annette Köhn. In dieser kurzen Zeit hat sie Jaja zum Forum für deutschen (oder in Deutschland lebenden) Comiczeichnernachwuchs gemacht, wobei der Nachwuchs auch gerne einmal älter sein kann wie etwa Michael Beyer alias Mic, dessen Serie „Papa Dictator“ wohl das bekannteste Produkt des Verlags ist.

Anlass dieses Textes ist denn auch meine Freude über den mittlerweile fünften Band, „Papa Dictator kriegt Besuch“. Wieder ein kleines quadratisches Schwarzweißheftchen – Ausnahme dabei war der Pracht-Hardcoverband „Weltherrschaft“ – mit farbigem Umschlag, das für vier Euro sehr viel boshaften Lesespaß bietet, hat Mic doch diesmal einen anderen skrupellosen Staatschef ins Reich des politisch völlig unkorrekten Papa Dictator geschickt; die blonde Haartolle und die seltsamen Augen verraten, wer gemeint ist – und nein: Der junge Reporter Tim ist es trotz dieser Attribute nicht.

Ein „Papa Dictator“-Album zu beschreiben, ist, wie einen Witz zu erklären: kontraproduktiv. Man sehe es sich an auf der Jaja-Website an, die weniger Lese- als Erlebensproben der Bücher bietet, hier etwa https://www.jajaverlag.com/papa-dictator-kriegt-besuch/. Erwähnt sei dann nur noch, dass es wenig niedlichere Figuren im deutschen Comic gibt als diese schwarze Bestie, die vor nichts zurückschreckt. Es sei aber hier noch auf andere Jaja-Publikationen verwiesen, denn das Verlagsprogramm ist ein Gesamtkunstwerk, ein Festival der Formate, Stile und Ideen, deren jeweilige Unvergleichlichkeit die Gemeinsamkeit ausmacht. Wie etwa Valentin Krayls „Weltenbummler“, erschienen schon im Februar, ein kleines Album (wenn auch viel größer als „Papa Dictator“), das die vielfältigen Ausflüge eines Ich-Erzählers beschreibt, die nach Belgien führen können, aber auch ins schamanistisch eröffnete geistige Reich des eigenen „Krafttiers“. In „Weltenbummler“ wird gereist und erkundet, aber stets über den Rand des Phantastischen hinaus, und die dabei verwendeten Stilformen (Leseprobe unter https://www.jajaverlag.com/weltenbummler/) weisen das Heft als ein Langzeitprojekt aus, an dem man auch die Entwicklung des Zeichners Valentin Krayl verfolgen kann.

Bei Hanna Gressnich ist das ganz anders. Ihr zauberhaftes Buch „Nichts ist doch schon etwas“ (Leseprobe unter https://www.jajaverlag.com/nichts-ist-doch-schon-etwas/)begegnete mir erst ein Jahr nach der Publikation, weil Jaja so viele kleine Comics herausbringt, dass man kaum hinterher kommt. Eine junge Frau namens Karo und ein altkluger Vogel, der Pik gerufen wird, treten als Protagonisten auf und gehen gemeinsam durch den Alltag, der durchaus auch im Flugzeug seinen Handlungsort findet – eine wunderbar skurrile Situation, die besonderer Reiz gewinnt aus der Begegnung eines Menschen mit einem comictypisch anthropomorphen Tier, dem man aber qua Aussehen immer noch besondere Kompetenz, was das Fliegen angeht, zuspricht. Hanna Gressnich arbeitet dabei mit einer klaren Cartoonlinie, die Blau-, Rot- und Gelbstifte benutzt, und in den Sprechblasen stehen Texte, die wie mit einem Computerfont gesetzt erschienen, sich aber bei genauerem Betrachten als Handlettering erweisen.

Die zahlreichen kleinen Panels, aus denen sich die Seitenarchitektur zusammensetzt, evoziert Kindercomics, aber Dramaturgie und bewusste Reduktion der Mittel sind höchst erwachsen; ein Beispiel seltener Perfektion im Programm des Jaja-Verlags, der ansonsten eher ein Herz fürs spontan wirkende Zeichnen hat. Oder zur ganz einfachen Graphik, wie sie Tanja Esch in ihrem Band „Du kannst natürlich heute noch hier schlafen“ einsetzt, einem in heftigen Farbkontrasten erzählten Liebesreigen einer jungen Frau, die von einer gescheiterten Affäre in die nächste stolpert (Leseprobe unter https://www.jajaverlag.com/du-kannst-natürlich-heute-noch-hier-schlafen/). Im Gegensatz zum Titel des Buchs, der ähnlich wie bei Gressnichs Comic der seit Mawils „Wir können ja Freunde bleiben“ nie wieder abgeflauten Welle von Phrasentiteln zuzurechnen ist, überzeugt die Originalität, mit der Esch durch die bewusst schlicht gehaltenen Figuren einen subtilen Kontrast zum hochkomplizierten Beziehungsleben der Protagonistin schafft. Der stete Wechsel zwischen ganzseitigen Panels und kleinteiligen sonstigen Seitenarchitekturen mag dagegen Anna Haifisch abgeschaut sein. Die Lakonie des Erzählens verbindet die beiden jungen Zeichnerinnen ohnehin.

Mehr als fünfzig Autoren sind beim Jaja-Verlag mittlerweile vertreten, wobei nur die Wenigsten mehrere Titel zu bieten haben. Das mag an der steten Neugier von Annette Köhn liegen, womöglich aber auch daran, dass nur Einzelne es geschafft haben, ein größeres Publikum für ihre Comics zu begeistern. Die Bücher des Jaja-Verlag zu entdecken, ist das eigentliche Problem, denn die Darstellung im Netz wird trotz der ungewöhnlichen Präsentation dem Einfallsreichtum an jeweiliger Gestaltung nicht gerecht, und außer dem Berliner Haus Neurotitan kenne ich keine Verkaufsstelle, die eine größere Palette der Verlagserzeugnisse ausliegen hätte. Mehr Mut muss man Annette Köhn nicht wünschen, wohl aber dem Comicfach- oder auch gewöhnlichen Buchhandel bei der Präsentation von Jaja-Heften. Köhn dagegen wäre Unmut anzuraten, wenn ihre Autoren sich nach einem schönen Debüt wieder vom Comic abwenden. Zur Autorenpflege gehört auch verlegerisches Drängeln und Einfordern. Bei Esch, Gressnich und Krayl würde es sich wohl allemal lohnen. Bei Mic ist es erfreulicherweise nicht nötig.

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