Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Das ist und das macht sprachlos (vor Freude)

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Luftschacht ist ein Wiener literarischer Verlag, der seit einigen Jahren zuverlässig ungewöhnliche österreichische Comics im Programm hat. Mit Nicolas Mahler gibt es einen Star. Mit Michaela Konrad, Thomas Kriebaum und Gerald Hartwig hochinteressante und hochunterschiedliche Autoren, sowie mit Leopold Maurer einen Wanderer zwischen Erzählwelten, wie man im deutschsprachigen Comic nur wenige findet. Und nun gibt es auch noch Albert Mitringer.

Über ihn verliert die Verlagshomepage kein Wort. Das passt, denn auch Mitringers Buch ist (und macht) sprachlos. „Lila“ heißt es, und wie man der Homepage des Autors entnehmen kann, entstand es als Diplomarbeit in Wien. Wir dürfen uns Albert Mitringer also als jungen Mann vorstellen, und damit ist durchaus in Einklang zu bringen, dass sein Stil gewisse Manga-Einflüsse verrät, vor allem in den Actionsequenzen. Doch die wichtigste Inspiration dürften Storyboard-Zeichnungen gewesen sein, also jene skizzenartigen wortlosen Sequenzen, mit denen im Filmgeschäft vor der eigentlichen Dreharbeiten die Handlungsverläufe geplant und den Mitwirkenden veranschaulicht werden (eine Leseprobe findet sich unter https://www.behance.net/gallery/4868683/LILA, einer Website, die kreative Talente vorstellt, und dort wird Mitringers Arbeit unter „Zeichentrick“ subsumiert).

Lila, so würde ich einmal vermuten, ist der Name der Hauptfigur des Comics, eines kleinen Mädchens, das in einer tristen Umgebung aufwächst, die deshalb auf den ersten drei Seiten auch streng schwarzweiß gezeichnet wird: aufstehen in der Frühe, unerfreulicher Schulalltag, Heimkehr zu einem trinkenden und offenbar gewaltsamen Vater – um das klar zu machen, braucht Albert Mitringer nicht einmal die ganze erste Seite. Die weiteren beiden der Auftaktsequenz erzählen dann von der Begegnung mit einem auf dem außeririschen Wesen, das sich in seiner Knuffigkeit an der schlichten Gestaltung des weiblichen Roboters Eve aus dem Pixar-Film „Wall.E“ orientiert, aber erzählerisch auch an „Astroboy“. Jedenfalls handelt es sich um eine uneingeschränkt positive Begegnung, und so fliegen Lila und er denn auch am Ende der dritten Seite schon hinaus ins All, und fortan wird es bunt.

Wieso Lila plötzlich fliegen, interessiert im Buch nicht, und so hat das Geschehen von Beginn an (die Begegnung findet nachts statt) den Charakter eines Traums. Aber ein Erwachen gibt es auf den nun noch folgenden neunzig Seiten nicht mehr. Dafür ein gigantisch inszeniertes Abenteuer, das Lila zunächst in den Kampf mit einem riesigen Roboter verwickelt, der als zigarrerauchender Unsympath gezeichnet wird und eine technologisch weit fortgeschrittene Zivilisation bedroht. Dieser Gegner stellt aber noch gar keine echte Herausforderung für das schlaue Duo aus Erdenmädchen und Alien-Begleiter dar, doch anspruchsvoller werden die Herausforderungen, als sich mit einem kleinen Jungen die dritten Hauptperson dazugesellt, dessen Perspektive fortan zur dominierenden wird.

Er hat seinen ersten Auftritt im Comic als einsamer Gefangener in einem Käfig über einer kalten Welt, in der Krieg herrscht – Krieg zwischen Truppen, die Mitringer als Armeen aus Playmobil- und Lego-Männchen zeichnet. das ist großartig, weil es konsequent die kindlich Perspektive ins Spiel bringt, die dann auch die Rechtfertigung für die zügellose Phantasie bietet, mit der weitererzählt wird. Mitten im Schlachtgetümmel treffen sich Lila und der Junge (und natürlich auch der Außerirdische, der jedoch eher ein ständiges Hilfsmittel ist als ein vollwertiger Akteur), freunden sich an und stellen alsbald fest, dass es einen großen Superschurken gibt, der von einem Zirkus aus agiert. Auch hier wieder die Kinderperspektive, die aus vertrauten Räumen unheimliche Bedrohungen entstehen lässt.

Bald sind beide Kinder in der Gewalt des Schurken, und Mitringer unterwirft Lila einem bösartigen Verhör, während der Junge sich in Haft Erinnerungen an eine frühere glückliche Zeit hingibt. Wie gesagt, alles ohne Worte, nur sehr vereinzelt gibt es – dann allerdings völlig überflüssig – einzelne Schriftelemente wie „Applaus, Applaus“ im Zirkus oder die Kennzeichnung einer gezeichneten Gedankensequenz als „Masterplan“. Da hat man tatsächlich den Eindruck, dass Mitringer die ganze Geschichte als Storyboard angelegt und einfach zum Comic umgewidmet hat, ohne sie noch zu überarbeiten. Aber dagegen spricht der dramaturgische Einsatz der Seitenarchitektur, die für ein Storyboard sinnlos und somit undenkbar wäre.

Das Abenteuer steuert selbstverständlich auf ein großes Finale zu – wieder extrem filmisch inszeniert. Die zuvor einmal angedeutete amouröse Faszination des Jungen für Lila bekommt neue Hoffnung, wird aber nie zu mehr als einem subtil mit den Genregesetzen einer Space Opera spielenden vertrauten Handlungselement. Oder zu einer Paraphrase auf Hayao Miyazakis Trickfilme, deren Charakteristika man immer stärker auch in „Lila“ findet. Und das sind ja die schönsten Einflüsse, die man sich wünschen kann.

Trotzdem darf man nicht erwarten, dass sich erzählerisch alles schon glatt fügt. „Lila“ ist auch ein Erstlingswerk mit gewissen narrativen Schwächen, über die man aber angesichts des graphischen Einfallsreichtums lässig hinweglesen kann. Dass der Comic aufgemacht ist wie ein Bilderbuch, könnte im Handel zu Irritationen führen, wobei ein Blick hinein jedes Missverständnis ausschließt. Aber dieser Comic braucht auch selbst ein abenteuerlustiges Publikum, dem es nicht ganz an Lese- und Seherfahrung fehlen sollte, um Mitringers Leistung würdigen zu können. Kinderkram ist das jedenfalls nicht. Sondern eine Kindergeschichte für Leser jeden Alters mit Lust am Aufbruch in nie auszulotende Phantasiewelten.

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