Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Mit Stampfen fängt man Muscheln

Auf dem diesjährigen Comicsalon in Erlangen gab es nicht nur ein faszinierend erfolgreiches neues Segment für Kinder zu sehen (siehe das Blog von letzter Woche: http://blogs.faz.net/comic/2018/06/04/kinder-kinder-das-koennte-euer-comic-sein-1207/), sondern auch im Stadtmuseum eine große Ausstellung zum Thema Comicreportage, die den Vorzug bietet, noch bis Ende August geöffnet zu sein, während sonst schon fast alles, was der Salon geboten hat, nur noch in der Erinnerung besteht. Wobei man diese Ausstellung auch gerne wieder vergessen kann, denn sie ist wenig inspirierend gestaltet und bietet keine Überraschungen.

Für die sollte man lieber die jüngste, passend zum Erlanger Termin erschienene Ausgabe des Schweizer Comicmagazins „Strapazin“ zur Hand nehmen. Die Nummer 131 dieser längst legendären (auch seiner Langlebigkeit wegen) Publikation widmet sich zur Gänze Comicreportagen, und wie es bei „Strapazin“ üblich ist nicht in der Form theoretischer Abhandlungen darüber, sondern konkret mit Beispielen. Fünf Künstler sind vertreten, und vier davon dürften für die meisten Leser neu sein: Andrew Greenstone aus den vereinigten Staaten, Sharad Sharma aus Indien (obwohl er schon einmal in „Strapazin“ vertreten war), Stefan Vercsey aus der Schweiz und Walter Steffek aus der Bretagne. Die fünfte Zeichnerin ist die einzige richtig berühmte: Ulli Lust. Die in Berlin lebende und in Hannover lehrende Österreicherin ist eine Pionierin der Comicreportage; ihre ersten Publikationen erfolgten vor fast zwanzig Jahren, als das Genre in Deutschland noch unbekannt war. Seitdem hat sie vor allem mit ihren autobiographischen Comics Furore gemacht.

Aber der Reportage bliebv sie immer treu, und so kommen in „Strapazin“ jetzt fünf Episoden aus Ulli Lusts für das englischsprachige Magazin „Ex-Berliner“ gezeichneter Serie „The Simple Stroll“ zum Abdruck. Der schlichte Spaziergang des Titels ist eine Untertreibung, denn so simpel ist es nicht, was Ulli Lust da unternimmt. Alltagsbeobachtungen ja, aber an Berliner Orten, die nicht selbstverständlich sind wie dem „Berghain“ oder auf dem Friedhof Grunewald. Oder sie dokumentiert private Begegnungen und Gespräche, die ihr skurril erschienen. Hier verbindet sich das Autobiographische und Reportierende aufs Schönste. Schade, dass es bei fünf Episoden geblieben ist.

Auch übernommen aus einem anderen Medium ist Andrew Greenstones Schilderung seiner Teilnahme an einem Ufologen-Kongress in Kalifornien. Der Einfluss seiner Landsleute James Kochalka oder Craig Thompson auf den zweiunddreißigjährigen Amerikaner ist unübersehbar, allerdings fragt man sich, warum „Strapazin“ statt meist zwei nicht jeweils vier seiner Einzelbilder zu einer Seite arrangiert wurden. Erstmals veröffentlicht wurde die Reportage im Netz, und so gibt es kein zwingendes Layout, aber das nun gewählte, lässt so viel Freiraum auf den Seiten, dass es an Verschwendung grenzt und keine guten Eindruck macht. Darunter leidet auch die Reportage selbst, die ganz neutral bleibt, aber nun übertrieben „künstlerisch“ großzügig daherkommt.

Keinesfalls neutral blickt Sharad Sharma auf seine indische Heimat, wo er den Hindu-Radikalismus im Vormarsch sieht, wie er am Beispiel rabiater Kuh-Schützer zeigt, die in en letzten Jahren mehrere angebliche Rindfleischesser auf offener Straße ermordet oder misshandelt haben. Über das Phänomen hat Martin Kämpchen, regelmäßiger Berichterstatter für das Feuilleton der F.A.Z. aus Indien, mehrfach geschrieben, doch Sharma macht die Gewalt mit einer Mischung aus Agitprop- und Infographik-Ästhetik eindrucksvoll deutlich. Er sieht die ehedem tolerante indische Gesellschaft vor dem Untergang, und natürlich richtet sich die Gewalt vor allem gegen ohnehin schon benachteiligte: muslimische Minderheiten, niedrige Kasten oder gar Menschen, die gar nicht ins Kastensystem kommen wie die Dalit, über die auch schon Joe Sacco, der bekannteste Comicreporter der Welt, eine eindrucksvolle Besuchsschilderung verfasst hat.

Stefan Vercseys Reportage über Hamburger Obdachlosen kann man dagegen beim besten Willen nicht mehr Comic nennen: Es ist eine Folge von Illustrationen zu kurzen Texten. Das mag seine Berechtigung haben, wenn auch die Originalität nicht eben hoch ist. Mal akribisch detailliert gezeichnet wie bei Robert Crumb, mal so locker skizziert wie bei Olivier Kugler, hat Vecseys Stil noch nichts Eigenständiges. Verblüffend, dass ausgerechnet seine Arbeit das Titelblatt von „Strapazin“ (zu sehen hier: http://strapazin.ch/?page_id=7782, dort auch Probeseiten aus den Geschichten des Hefts) schmückt, noch dazu als computergenerierte Montage zweier Einzelbilder. Das Ethos beim Umgang mit dem gelieferten Material ist in der Redaktion in diesem Fall nicht besonders ausgeprägt, und eine Bemerkung im Impressum zu dieser dubiosen Gestaltungspraxis sucht man vergebens.

Schließlich aber versöhnt Walter Witteks nur neuseitige Schilderung seiner Zeit als „pêcheur à pied“, also Fußfischer, an der Nordküste der Bretagne. Steffek war in den späten neunziger Jahren gerade aus Deutschland dort hingezogen, als er sich mit dieser Tätigkeit ein Zubrot verdiente; kleine Truppe gehen bei Ebbe über den Strand und stampfen im feuchten Sand, so dass allerlei Meeresgetier, das noch zurückgeblieben ist, an die Oberfläche kommt und eingesammelt werden kann. Gezeichnet ist das nicht originell, die französischen Vorbilder sind offensichtlich, aber hier herrscht wirklich ein Dokumentationston in Bild und Wort, der eine unbekannte Welt im besten Sinne vorstellt. Ob man von Steffek, der sich erst im Rentenalter, mit Ende sechzig, zum Comiczeichnen entschlossen hat, noch viel sehen wird? Freuen würde es mich.