Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ihm kann es plötzlich nicht schwarzweiß genug sein

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Als Gipi vor etwas mehr als anderthalb Jahrzehnten die Bühne des europäischen Comics betrat, tat er es mit Aplomb: Der heute fünfundfünfzigjährige Italiener (dessen bürgerlicher Name Gian-Alfonso Pacinatti lautet, abgekürzt G.P. und englisch ausgesprochen eben Gipi) war zuvor nie aufgefallen, obwohl er für einige Fanzines und Anthologien gezeichnet hatte. Wenn man sich diese frühen Arbeiten der neunziger Jahre ansieht (als Gipi ja auch schon nicht mehr ganz jung war), mag man kaum glauben, dass es sich um denselben Künstler handelt: Tiefschwarz, fast schon Hellboy-artig verschattet, sind seine damaligen Kurzgeschichten; so wie etwa auch der deutsche Kollege Uli Oesterle anfangs zeichnete. Der Erfolg kam dann mit lichten, geradezu federleicht angelegten und oftmals auch auf diese Weise aquarellierten Zeichnungen, die aber trotzdem düstere Geschichten erzählten: Einblicke in ein italienisches Alltagsleben der jüngeren Vergangenheit abseits der großen Städte. Man merkte diesen Erzählungen die Lebenserfahrung, die dahinter stand, deutlich an.

In den ersten Jahren räumte das reife Wunderkind aus Italien dann alle wichtigen europäischen Comicpreise ab: in Angoulême und Erlangen und in Fiesole. Zugleich etablierte sich Gipi auch als Enfant terrible: Auftritte wurden häufig kurz vorher abgesagt, und ganz generell richtete er sich nicht nach den Gepflogenheiten des Metiers. Das hatte damit zu tun, dass er auf einem anderen Feld, der Videokunst, genauso erfolgreich war und es mit seinem Kinoregiedebüt sogar in den Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig schaffte. Das war 2011, und da glaubte man ihn dem Comic bereits wieder abhandengekommen, denn das letzte große Buch, „Mein schlecht gezeichnetes Leben“, war 2008 in Italien herausgekommen (auf Deutsch erst 2013). Aber dann kam 2012 „S“, wieder ein autobiographischer Text, diesmal allerdings über den Vater. Es war zudem der erste Comic, den in Deutschland der Reprodukt Verlag herausbrachte, nachdem zuvor alles von Gipi bei Avant erschienen war. „Mein schlecht gezeichnetes Leben“ wurde dann der zweite Band bei Reprodukt, obwohl er im Original vor „S“ herausgekommen war.

Dann schon wieder jahrelange Pause. Bis 2016 in Italien. Und bis jetzt auf Deutsch. Denn nun ist hierzulande  „Die Welt der Söhne“ erschienen, zwei Jahre nach dem italienischen Original „La terra dei figli“, was man wohl eher als „Das Land der Söhne“ übersetzen müsste. Und plötzlich ist Gipi hierzulande wieder bei Avant, was dem Verlag gegönnt sein soll, aber überraschend ist schon, dass Reprodukt diesen Star nach nur zwei Bänden wieder ziehen ließ. Wobei die Verkäufe von Gipi in Deutschland nie seinem fulminanten Ruf entsprachen oder gar den französischen Absatzzahlen seiner Comics erreichten.

Mit „Die Welt der Söhne“ kommt eine Geschichte, die mit allem bricht, was Gipi berühmt gemacht hat. Sie ist in Schwarzweiß gehalten (Leseprobe unter https://www.avant-verlag.de/comic/die_welt_der_soehne): in einem feinen Bleistiftstrich von einer Subtilität, die sonst nur der italienische Kollege Lorenzo Mattotti mit Tusche kultiviert hat. Und die Handlung ist nicht in einem realen Italien angesiedelt, sondern als dystopische Erzählung aus postapokalyptischer Zeit. In einem Seengebiet leben in vereinzelten Häusern auf dem Wasser ein paar Menschen. Nur die Älteren haben noch das erlebt, was wir für alltäglich halten: ein sorgenfreies Dasein, Schulbildung, soziale Kontakte. Nun kämpft jeder für sich selbst, und die Kinder können nicht einmal lesen und schreiben.

Umso faszinierter sehen zwei halberwachsene Knaben ihrem Vater beim Tagebuchführen zu. Sie sind die Söhne aus dem Titel der Geschichte, aber die Welt gehört ihnen gar nicht. Ganz im Gegenteil fühlen sie sich bei allem außen vor gehalten, und die Überlebensstrategie des Vaters leuchtet zumindest dem mutigeren unter den beiden nicht ein. Aber als dieser Junge seine eigenen Pläne umzusetzen beginnt, gerät nicht nur die familiäre Balance außer Kontrolle. Zumal es noch eine fanatische und skrupellose Sekte gibt, die nicht allzu weit entfernt von weiteren Überlebenden gebildet wurde und sich munter durch die Gegen plündert und vergewaltigt. Die Schwarzweiß-„Welt der Söhne“ ist auch moralisch schwarzweiß angelegt.

Das macht die Lektüre des Comics arg absehbar; dergleichen Geschichten haben wir oft gelesen und noch häufiger gesehen – dem Kinofan Gipi muss man sicher nichts von „Mad Max“ oder Michael Haneke erzählen. Für solch vertraute Szenarien sind 280 Seiten ziemlich viel. Wobei sich Gipi den Luxus erlaubt, ganze Suiten von Seiten mit Tagebuchnotaten des Vaters zu bestreiten (die aberv allesamt unleserlich sind, um den Effekt dieser Aufzeichnungen auf die Söhne deutlich zu machen). Das ist eine wunderbare Idee, allerdings auch eine, die schon im „Schlecht gezeichneten Leben“ strukturelle Vorläufer hatte. Da konnte man noch alles lesen.

Wobei „Die Welt der Söhne“ kein schlechter Band ist, dafür erzählt Gipi viel zu intensiv, vor allem auch viel zu subtil (explizite Gewaltdarstellungen etwa gibt es kaum, aber die Opfer der Gewalt sieht man, und das ist unerfreulich genug). Aber man vermisst sein Kolorierungsgeschick und ist vergrätzt über den notwendigen Mangel an Gegenwart in dieser Dystopie. Kurz: Es ist die erste moderate Enttäuschung aus seiner Feder, aber was bei ihm enttäuscht, das wäre bei anderen Autoren ein Wunderwerk.


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