Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

In Technocolor und multikulturell

| 0 Lesermeinungen

Wenn es einen Comiczeichner gibt, dessen Werk man auf den ersten Blick erkennt, dann ist es Enki Bilal. Deshalb wäre man gerne gleich zur Leseprobe als Beweis übergegangen, aber mehr als Vorder- und Rückseite stellt der deutsche Verlag nicht ein: https://www.carlsen.de/hardcover/bug-1/93863. Also gehe man lieber gleich zum französischen Originalverlag, zu Casterman: https://www.casterman.com/Bande-dessinee/Catalogue/albums-bug/bug-1, da gibt es deutlich mehr. Und ob man es dann versteht oder nicht, es geht jedenfalls um den jüngsten Band des Künstlers, „Bug“. Bilals Pastelltechnik ist dabei ebenso unverkennbar wie die Stimmung der Geschichten, die stets in einer postapokalyptischen Welt angesiedelt scheinen – selbst in solchen Fällen, wo die Zeit eine historische ist wie die des Ostblocks in Bilal immer noch bestem Comic „Treibjagd“ (erschienen 1983).

Blaue Verfärbungen von Gesichtern bei Protagonisten sind ein untrügliches Bilal-Zeichen, ätherische Frauen mit leicht verstrubbelter Kurzhaarfrisur genauso (nie blond). Man könnte seine Farbgebung mit einem Wirtspiel „Technocolor“ nennen. Und die Phantastik ist bestimmendes Merkmal aller seiner Erzählungen: visuell und narrativ, und kaum ein anderer Comicautor ist so multikulturell in seinen Themen – und dabei doch zugleich auch so ästhetisch reaktionär.

Das hat seinen Grund in der Biographie des Zeichners. Bilal wurde 1951 in Belgrad geboren, und auch wenn er seit seinem zehnten Lebensjahr in Paris wohnt und französischer Staatsbürger ist, hat er seine kulturellen Wurzeln zur serbischen Heimat nie gekappt. Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er sich in den jugoslawischen Kriegen der neunziger Jahre hätte instrumentalisieren lassen – von welcher Seite auch immer –, aber der Blick auf die sozialistische Gesellschaft seiner Kindheit in Belgrad ist ein prägender gewesen und taucht in allen seinen Comics auf. Die grauen Wohnblocks, die wuchernde Stadtszenerie, das Nebeneinander von technoider Moderne und pittoreskem Verfall in der Architektur – dadurch entsteht der unverwechselbare Bilal-Look. Selbst wenn Paris der meistdargestellte Handlungsort in seinen Comics sein dürfte, vermutet man diese Stadt eher an der Donau. Und eine Cité lumière ist sie gewiss nicht!

„Bug“ setzt auch wieder in Paris ein, und zwar im Jahr 2041. Alsbald wird die Welt mit einem aus bereits vielen Comics vertrauten Problem konfrontiert: alle digitalen Funktionen versagen, und da natürlich die Zukunft noch digitaler aussieht als die Gegenwart, ist das Chaos unbeschreiblich groß. Pech auch für die Insassen der in den Umlaufbahnen befindlichen Raumstationen und Raumschiffe, denn wie sollen sie nun zur Erde zurückgelangen? Von der Aufrechterhaltung der Lebenssysteme ganz zu schweigen. Doch wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch: Einer der Astronauten – er trägt den schönen Bilal-Namen Kameron Obb und entwickelt eine blaue Gesichtsverfärbung – verfügt über ein bemerkenswertes Erinnerungsvermögen, das die ausgefallenen Computer ersetzen hilft. Gemeinsam mit zwei Kollegen kehrt er so zur Erde zurück, aber dort warten Gute und Böse bereits begierig auf den gedächtnisstarken Mann, der nun zur allmächtigen Waffe taugt.

Mehr nicht zum Geschehen in „Bug“, zumal es sich um den ersten Band handelt, und bei Bilal weiß man nie, wie viele dann noch kommen. Es ist auch eigentlich egal, denn man liest ihn nicht einer ausgefeilten Handlung wegen, sondern eben als Stimmungsmacher – Düsterstimmung versteht sich. Dass er ein grandioser Zeichner ist, bezweifelt niemand, und das hat auch der Kunstmarkt längst gemerkt, der für die Werke keines lebenden Comiczeichners höhere Preise bezahlt als für die des Franzosen. Wobei der längst verstanden hat, dass man mit großformatigen Gemälden (natürlich genug im Comic-Stil) viel mehr Geld erzielen kann als mit Originalseiten, die allerdings auch noch teuer genug sind.

Was an „Bug“ aber zusätzlich interessant ist, ist der deutsche Verlag. Bilal ist nämlich zu Carlsen zurückgekehrt, wo er seine ersten deutschen Publikationen in achtziger und neunziger Jahre hatte, ehe er zur Ehapa Comic Collection wechselte, die damals zu großen Konkurrenzkampf auf dem anspruchsvollen Sektor blies. Der abermalige Wechsel nach nun mehr als anderthalb Jahrzehnten zeigt zweierlei: den Nimbus, den Bilal, der sich in Deutschland ganz im Gegensatz zu seinem Heimatland Frankreich nie glänzend verkauft hat, nach wie vor genießt, und die aufgegebenen Ambitionen von Ehapa (heute Egmont). Letzteres wusste man schon länger, nachdem das vor ein paar Jahren noch mit viel Ehrgeiz und Aplomb neukonzipierte Graphic-Novel-Programm sanft entschlummerte. Wie soll man auch den verlagsinternen Vergleich mit Serie wie „Asterix“ oder „Lucky Luke“ aushalten? Da tut sich selbst ein Minoritätenprodukt wie „Bug“ leichter im Vergleich mit „Spirou und Fantasio“ (solange es nicht der neue Band von Flix ist) oder „Clever und Smart“. Ob Carlsen wiederum genug Nostalgiker erreicht, um bei Bilal kostendeckend arbeiten zu können, ist eine spannende Frage. Denn Zuschussgeschäfte erlauben sich die Comicverlage immer seltener.


Hinterlasse eine Lesermeinung