Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Mut zum Widerstand

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„Nieder mit Hitler!“, das ruft sich heute so leicht, wo jeder einigermaßen Vernunftbegabte weiß, was es mit dem Nationalsozialismus auf sich hat. Aber in dessen Herrschaftszeit selbst gehörte dazu viel Mut, und man kann deshalb nicht behaupten, dass die damals einigermaßen Vernunftbegabten in großer Zahl laut gegen die NSDAP protestiert hätten. Darum ist jeder Einzelfall, der es doch wagte, interessant, auch weil damit die oft gehörte Behauptung, es hätte gar keine Möglichkeit zur Verweigerung oder gar zum Protest gegeben, relativiert wird. Und über einen solchen Fall gibt es jetzt einen Comic, der „Nieder mit Hitler!“ heißt.

Es gibt noch einen Untertitel: „Warum Karl kein Radfahrer sein wollte“. Karl ist der mutige Mann, um den es vor allem geht, mit vollem Namen Karl Metzner, geboren im Oktober 1927 in Thüringen, also noch nicht volljährig zur Nazi-Zeit. Aber couragiert, obwohl er die normalen Indoktrinationen des NS-Systems durchlief, erst Jungvolk, dann HJ. In Erfurt lernte er einen noch Mutigeren kennen, den gleichalten Jochen Bock, gebildetes Kind aus gutem Hause, verzweifelt über den Tod seines älteren Bruders an der Front. Bock lässt sich vom in der Sowjetunion gegründeten Nationalkomitee Freies Deutschland inspirieren, in dem deutsche Kriegsgefangene und Dissidenten sich gegen Hitler zusammengeschlossen hatten, und gründet in einer Mischung aus jugendlicher Naivität und ernstem Engagement eine „Ortsgruppe Erfurt“ des Nationalkomitees. Sie stellt Flugblätter gegen das Regime her, und eines der insgesamt fünf Mitglieder wird Karl Metzner.

Die noch nicht erwähnten anderen drei heißen Gerd Bergmann, Helmut Emmerich und Joachim Nerke. Alle werden festgenommen; ihre Jugend erspart ihnen wohl Todesurteile, aber alle kommen sie in Haft und in der letzten Kriegsphase noch an die Front – bis auf Bock, der als „Rädelsführer“ selbst dann noch im Gefängnis schmachtet. Er stirbt an den gesundheitlichen Folgen der Haft nur zwei Jahre nach Kriegsende, und weil die Gruppe der fünf Jungen nicht als stramm kommunistisch eingestuft werden konnte (und Nerke gegen seine Freunde ausgesagt hatte, aber dann eine aalglatte Karriere in FDJ und SED hinlegte), wurde in der DDR das Andenken an ihren Widerstand nicht gewürdigt. Zumal Karl Metzner evangelischer Pfarrer wird und sich als solcher mit dem zweiten totalitären Regime anlegt.

Das macht „Nieder mit Hitler“ besonders faszinierend: der Widerstand eines Einzelnen in zwei Systemen. So unvergleichlich auch die jeweilige Perfidie war, so konsequent gleich blieb die Haltung von Metzner: Nieder mit Unterdrückung. Jochen Voit, der Leiter der Gedenkstätte Andreasstraße in Erfurt, angesiedelt im Gebäude eines ehemaligen Stasi-Knasts, der aber auch schon zu NS-Zeiten als Untersuchungsgefängnis genutzt wurde, stieß bei der Suche nach Zeitzeugen für seine Institution vor einigen Jahren auf den damals schon fast neunzigjährigen Metzner und befragte ihn lange zu dessen Leben. Da Voit dafür gesorgt hatte, dass in der Gedenkstätte intensiv mit Comiczeichnern zusammengearbeitet wird, um Geschichte möglichst anschaulich zu machen – Simon Schwartz aus Hamburg (aber in Erfurt geboren) gestaltete ein großes Außenwandbild für einen Neubau im Hof, Phillip Janta aus Leipzig stattete einen Teil der Dauerausstellung mit Comicsequenzen aus –, wollte er auch Karl Metzners Geschichte als Comic erzählt sehen. Und er gewann wieder einen exzellenten Zeichner als Mitarbeiter dafür: den Berliner Hamed Eshrat.

Man könnte meinen, dass sei die unwahrscheinlichste Wahl, denn der gebürtige Iraner, dessen Familie vor dem Mullah-Regime nach Berlin floh, hat bislang vor allem mit seinem Comic „Venus Transit“ Aufsehen erregt, eine radikal autobiographisch geprägte Geschichte, also unmittelbare Gegenwart und höchst privat. Doch schon sein Zeichenstil für „Nieder mit Hitler!“ unterscheidet sich radikal vom Vorgängerband (so sieht der Comic aus: http://www.avant-verlag.de/comic/nieder_mit_hitler_oder_warum_karl_kein_radfahrer_sein_wollte). Alles ist im plakativen Sinne historischer, obwohl es einen verblüffenden Effekt gibt: Die Episoden aus der Nazi-Zeit sind farbig gehalten, die aus der DDR schwarzweiß – also gegen die Erwartung von mit fortschreitender Chronologie zunehmender Farbigkeit. Beide Zeitebenen sind ineinander verschränkt, wobei dem „Dritten Reich“ das klare Übergewicht zukommt. Und Eshrats eigene Familienerfahrung mit totalitären Systemen hat dem Projekt sicher genutzt.

Voits Szenario hat durchaus pädagogische Ambitionen; hier wird einfach erzählt, weil die Zielgruppe für diesen Comic nicht das für den Avant-Verlag oder Eshrats bisherige Arbeiten typische erwachsene Graphic-Novel-Publikum sein soll, sondern eher Schüler. Dass das Thema nach Chemnitz in den ostdeutschen Bundesländern von besonderer Relevanz ist, liegt auf der Hand, und der Westen sollte sich nicht einbilden, so etwas könne ihm nicht passieren. Man darf gespannt sein, wie „Nieder mit Hitler!“ eingesetzt wird – hoffen wir auf Landes- und Bundeszentralen für politische Bildung und auf viele Leser generell. Denn ganz so wenig Mut erfordert es heute wohl doch nicht überall in Deutschland, „Nieder mit Hitler!“ zu rufen. Karl Metzner möge als Vorbild dienen. Leider ist er kurz bevor der Comic erschien, in diesem Sommer mit neunzig Jahren gestorben. Aber gesehen hat er das Resultat seiner Gespräche mit Voit und Eshrat noch.


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