Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Leise, Leser, schaut einfach nur zu

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Der erste Gedanke lautet: Gipi. Denn das, was in dem schönen Comic mit dem langen Titel „Hat man erst angefangen zu reden, kann alles Mögliche dabei herauskommen“ passiert, ist gipiesk erzählt und gezeichnet. Zur Erinnerung: Der Italiener Gipi, vor einem Dutzend Jahren der Shoting-Star des europäischen Autorencomics, hat es meisterhaft verstanden, seinen Geschichten über ein ländliches Italien (und auch seiner kürzlich erschienenen Dystopie „Die Welt der Söhne“) einen autobiographischen Anschein zu verschaffen. Alles, was er erzählt, wirkt erlebt.

„Hat man erst einmal angefangen …“ sieht gipiesk aus, ist aber tatsächlich selbst erlebt, also nicht von Gipi. Sondern von dem Schweizer Zeichner Pirmin Beeler. Als 1975 Geborener ist er – wie auch Gipi – ein spätberufener Autor; erst 2011 beendete er sein Illustrationsstudium in Luzern. Das war die Hochphase von Gipis Einfluss, und das Debütbuch Beelers (erschienen bei der Edition Moderne aus Zürich, die gerade sehr lokal geprägt ist, aber dennoch sehr starke Alben publiziert) zeigt diese Einfluss jetzt überdeutlich. Sofern man nicht auch den späten Hugo Pratt mit seinen bewusst simplen Linien und den matten Aquarellfarben als Vorbild zitieren will. Egal: Man kann Schlechteres über einen Comic sagen als das.

So sieht das aus: https://www.editionmoderne.ch/de/68/leseprobe/326/hat-man-erst-angefangen-zu-reden-kann-alles-moegliche-dabei-herauskommen.html. Mit einem Wort: graublaugrün. Nicht nach der Türkei jedenfalls, wie sie sich uns in der Tourismuswerbung präsentiert. Aber dort spielt die Geschichte zum größten Teil, in jenem ostanatolischen Teil des Landes, wo viele Kurden leben, nicht weit von Berg Ararat. Das karge Bergland ist bei Beeler mehr als Kulisse, es ist Basis für die ganze Erzählstimmung, für das türkisch-schweizerische Paar Ali und Anne, das sich vor Jahrzehnten in der Schweiz kennengelernt hat, als Ali sich dort als Erntehelfer verdingte. Da war Pirmin, Annes Sohn, schon auf der Welt, und irgendwann ist seine Mutter in die Türke gegangen, wohin nun die Hauptfigur des Comics, ein junger Mann wie Beeler, reist. Dort spricht er mit beiden, der Mutter und dem Stiefvater.

„Erinnerungen sind unzuverlässig“, heißt es einmal im Comic. Da kommt eine Kindheitserinnerung des Alter Egos von Beeler ins Spiel, an den richtigen Vater, von dem sich die Mutter später getrennt hat. Nach der Geburt ihres Sohnes kam sie in die Psychiatrie, und es gibt ein hinreißendes Kapitel in Beelers Buch, das in der Schweiz spielt, in jener Klinik, in der die Mutter behandelt wurde und später der Sohn als Pfleger arbeitete. Hinreißend ist es nicht des heimatlichen Schauplatzes wegen, sondern weil hier mit größter Sensibilität über psychisch Kranke erzählt wird. Es sind eher die Pfleger, die einem gestört vorkommen.

Ähnlich vorsichtig nährt sich der Ich-Erzähler der Türkei und seiner dort lebenden Mutter, der nach wie vor alles fremd bleibt, auch weil die psychische Erkrankung nicht überwunden ist. Von den Nachbarn fühlt sie sich missachtet, doch ihr Sohn sieht die Freundlichkeit der Menschen und die Hingabe von Ali. Der Comic ist eher eine Stiefvater-Sonn- als eine Mutter-Sohn-Geschichte. Und als jene auch eine Kulturanalyse zweier Gesellschaftsformen.

Das alles weist Pirmin Beeler als höchst eigenständigen Erzähler aus, und der Ton ist tatsächlich anders als bei Gipi oder wem auch immer – phänomenologisch unaufgeregt. Eine Abenteuerhandlung gibt es hier nicht; selbst dramatische Ereignisse werden wie nebenbei inszeniert, das Einzige, was in diesem Comic zählt, sind Stimmen und Stimmungen, und für Letztere spielen auch die Landschaften eine zentrale Rolle. Nicht umsonst setzt Beeler gerne ganzseitige Bilder ein, die Totalen der Umgebung zeigen, begleitet von innerem Monolog des Ich-Erzählers oder gar ganz wortlos.

Der Schluss ist dann der Gipfel an Zurückhaltung: eine völlig undramatische Trennung von Mutter und Sohn, von der man aber merkt, dass die Verbindung ungeachtet der geographischen Trennung bleiben wird, weil beider Blick auf die Welt ein ähnlicher ist. Der eine fliegt in die Schweiz zurück, die andere sucht ihr Heil in der Türkei, und es spricht viel dafür, dass sie es schon gefunden hat, ohne ihr Wissen. Es gibt wenige Comics, die sich allein auf eine psychologische Ebene wagen und darüber alle Spannungselemente vergessen lassen. Gipi kann das nicht, Pirmin Beeler gelingt es. Das ist nichts für ein große Publikum, auch nichts für Comicpreis-Jurys. Es ist etwas für leise Leser – wenn es die geben sollte.

 

 


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