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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

27. Apr. 2015
von Andreas Platthaus
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Landlust fühlt sich anders an

Das nenne ich mal eine geschickt gewählte Kategorie: „Landei ist ihr erster abendfüllender Comic“, heißt es im Klappentext zu ebenjenem Band einer Zeichnerin namens Christiane Pieper, die man als Jahrgang 1962 wohl eine Spätdebütierende nennen darf. Das macht aber nichts, denn „Landei“ ist insofern tatsächlich abendfüllend, als man eine ganze Menge fürs Geld geboten bekommt. Und besser als „Graphic Novel“ klingt „abendfüllender Comic“ allemal.

Nur dass der Band bei der sonst eher avantgardistischen Edition Moderne erscheint, irritiert, denn inhaltlich ist dieser Band weitaus näher an „Strizz“ als etwa an „Persepolis“ oder „Der Photograph“. Sprich: Hier geht es vorrangig ums Amüsement. Aber das ist ja nichts Schlechte, im Gegenteil. Und die ähnlich gestaltete Serie „Zürich by Mike“ des 2009 verstorbenen Mike van Audenhove war und ist ja der Bestseller der Edition Moderne – weit vor Jacques  Tardi oder eben auch Marjane Satrapi. Fun  sells.

Dass Christiane Pieper studierte Psychologin ist, merkt man ihrem sublimen Blick auf die Protagonisten einer Bauernfamilie an, in der man rasch die der Zeichnerin erkennt. Alle Zeitangaben des Comics stimmen mit dem Lebenslauf seiner Autorin gegenüber: Sie selbst stand also wohl Modell für die kleine Inga, aus deren Sicht hier erzählt wird. Die Geschichte endet bereits vor dem ersten Schultag, aber es passiert mehr als genug, um die 120 großformatigen Schwarzweißseiten zu füllen. Und wo Zeitschriften wie „Landlust“ riesige Verkaufszahlen erreichen, sollten doch auch genug Interessenten für „Landei“ zu finden sein.

Wobei hier kein idyllisches Landleben porträtiert wird, sondern das ziemlich brutale Dasein eines kleinbäuerlichen Betriebs, dessen Betreiber keine großen Sprünge machen und seiner Frau und den beiden Töchtern (neben Inga noch die etwas ältere Greta) nur eines zuverlässig bieten kann: viel Arbeit. Die Mutter wird darüber auch schwerkrank, aber wer glaubt, hier liefe alles auf aus Kino, Fernsehen und Literatur sattsam bekannte rührselige Entwicklungen hinaus, der unterschätzt den Einfallsreichtum des Lebens und damit auch diesen Comic.

Christiane Pieper verherrlicht ihre Kindheit, aber wer täte das nicht, sofern sich diese nicht mitten im Krieg oder in größtem Elend abgespielt hat – und selbst dann neigen Menschen im Rückblick auf die Unschuld der Jugend noch zur Idealisierung. Sehr subtil wird aber eben immer wieder die Härte des Landlebens miteingeflochten, und trotzdem wird der naiv-euphorische Blick Ingas beibehalten. Dass man sich so konsequent in die Sicht einer Drei- bis Sechsjährigen  hineindenken kann, ist keine Selbstverständlichkeit.

Graphisch ist „Landei“ dagegen weitaus weniger überzeugend (Leseprobe unter http://www.editionmoderne.ch/angebot.php?vl=0&vi=63&vs=282&va=&vsa=&vlp=282&vflip=). Pieper liefert solides Kinderbuchillustrationsmaterial, aber keine wirklich überzeugende Comic-Arbeit ab. Die hätte einen einfallsreicheren Umgang mit der Seitenarchitektur erfordert als nur gelegentliche ganzseitige Bildlösungen . Leider verheißen die ersten fünf Seiten etwas viel Ungewöhnlicheres als das, was dann auf den restlichen 115 folgt. Wenn es doch nur Comic-Lektorate existierten…

Doch gerade, weil es in „Landei“ noch einige Defizite gibt, wünscht man sich einen zweiten Band, denn auch eine Schulzeit in den sechziger Jahren auf dem Land – konkret handelt es sich übrigens um das Bergische Land, und da kenne ich mich kindheitsbedingt aus – dürfte berichtenswert sein und für heutige Leser entweder nostalgische Reminiszenzen oder echte Überraschungen bereithalten. Hoffentlich macht Christiane Pieper also weiter. Dann gern mit mehr Augenmerk auf das, was ein abendfüllender Comic neben einer guten Geschichte auch noch braucht: gute Bilder.

27. Apr. 2015
von Andreas Platthaus
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20. Apr. 2015
von Andreas Platthaus
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Dieser König ist nackt

Vor ein paar Jahren habe ich in Toronto den hochsympathischen homosexuellen Comiczeichner und Illustrator Maurice Vellekoop getroffen. Aus dem großen internationalen Erfolg, den ich für ihn damals voraussah, ist nichts geworden, aber sein Zeichenstil begeistert mich immer noch. Wie er seine eigene Subkultur und deren Ästhetik in Bilder zu fassen versteht, das ist einerseits nostalgisch und doch ungebrochen modern, selbst bei Arbeiten, die schon anderthalb Jahrzehnte auf dem Buckel haben.

Warum erzähle ich von Vellekoop, wo es doch um dessen Berufskollegen Dylan Horrocks gehen soll? Weil mich Horrocks‘ Bilder mehr als die jedes anderen Künstlers in ihrer Qualität an Vellekoop erinnert haben. Zumindest die in seinem jetzt auf Deutsch erschienenen Band „Der König des Mars“. Als Horrocks vor drei Jahren mit dem im englischen Sprachraum längst legendären „Hicksville“ sein spätes deutsches Debüt erlebte, fühlte ich mich vor allem an Dupuy & Berberian erinnert. Auch das eine Empfehlung. Wer es selbst überprüfen will, schaue sich http://hicksvillecomics.com/ an, die Website von Horrocks, auf der sich viel zum neuen Band findet. Denn bei dem, beim „König des Mars“ also, der im Original „Sam Zabel and the Magic Pen“ heißt (weiß der Teufel, was den Redakteuren bei Egmont Graphic Novel da beim Betiteln der Übersetzung durch die Birne gerauscht ist), mit Farbe statt Schwarzweiß und einem zutiefst nostalgischen Setting arbeitet, brüllen mir meine Synapsen zu. Vellekoop! Vellekoop! Und entsprechend begeistert ging ich an die Lektüre.

Dylan Horrocks ist Neuseeländer und nicht homosexuell. Er hat Familie und lebt in Auckland, und wenn man mehr über ihn wissen will, ist es nicht schlecht, sich an Sam Zabel zu halten, den Protagonisten seines neuen Comics. Der ist Comiczeichner, oft mit unbefriedigender Lohnarbeit dabei, die Familie zu ernähren, und ständig auf der Suche nach Möglichkeiten, an jenen Comics weiterzuarbeiten, denen sein Herz eigentlich gehört: eigenen nämlich. Natürlich verbietet sich jede Gleichsetzung zwischen einem Autor und seiner Figur, aber nach allem, was man hört, ist Zabel sehr nahe an seinem Schöpfer Horrocks. Beide teilen sogar die Vorliebe für die frankobelgische Comictradition (und somit war die frühere Dupuy-&-Berberian-Assoziation wohl doch zutreffender).

In „Der König des Mars“ stößt Sam Zabel auf alte neuseeländischen Comichefte der fünfziger Jahre, die ihn auf seltsame Weise mit Haut und Haaren in die Handlung hineinziehen. Da es sich dabei um erotische Science-Fiction-Phantasien handelt (oder das, was man in den Fünfzigern für erotisch hielt), lässt er es sich gern gefallen, fortan selbst im Geschehen mitzuspielen und damit den Lauf der Comicgeschichte, die er eben noch las, zu verändern. Dass sie „Der König des Mars“ heißt wie der Comic, in dem wir davon lesen, wird schlichten Gemütern als gelungene mise en abyme erschienen. Erzähltechnisch ist das aber ein alter Hut: Was Horrocks hier augenzwinkernd anstellt, hat Marc-Antoine Mathieu schon alles weitaus intelligenter durchdekliniert – und Horrocks selbst in „Hicksville“ auch, obwohl das kein Comic war, der in einem Comic spielte.

Kurz: Ich war enttäuscht. Warum? Es wird die Enttäuschung darüber sein, dass nun wieder ein Horrocks-Album erscheint, das selbstreflexiv von der Comicliebe seines Verfassers erzählt. Wobei man bedenken muss, dass „Hicksville“ im Original schon 1998 herauskam, so dass der Abstand zum „König des Mars“ sechzehn Jahre betrug, nicht lediglich drei wie bei den deutschen Übersetzungen. Aber das hilft mir ja nicht, der ich nun mal beide Bücher in enger Abfolge las und dabei eine Masche identifizierte, die mir missfällt.

Und je länger ich mit den 220 Seiten beschäftigt war, desto  mehr missfiel mir. Selbst die Idee mit dem Manga-Mädchen, das plötzlich in einem westlichen Comic auftaucht, hat ja im schlechtesten aller Asterix-Alben, dem 2005 erschienenen Band „Gallien in Gefahr“, schon eine Vorwegnahme erfahren – und was für eine; allein die Erinnerung macht leiden! Immer mehr löste sich für mich auch die Vellekoop-Optik auf. Stattdessen sah ich Einflüsse von Moebius‘  Edena-Zyklus und natürlich all des Trashs der billig produzierten, mit nur einer Zusatzfarbe gedruckten Massencomicware aus den fünfziger Jahren. Auch jeweils für sich schön, aber dieser Stilmix überzeugt nicht, und die anfänglich noch einfallsreiche Seitenarchitektur degeneriert im Laufe der Handlung zum schematischen Wiederkauen des langweiligsten Comicumbruchs der Welt, aus dem Horrocks nur noch selten auszubrechen wagt.

Ja, natürlich ist das alles eine Hommage an jene antiquierte Form, die hier alles in Gang bringt. Aber muss ich verstehen, wie man diese Dinge offenbar derart lieben kann, dass man ihnen überhaupt eine Reverenz erweist? Guilty pleasures hin oder her: Dylan Horrocks kennt ersichtlich mehr als genug großartige Comics, als dass er dem tristen Zeug der traurigsten aller Comicepochen hinterherschmachten müsste. Und nochmal ja: Ich verstehe, dass es sich hier eben wieder um einen zutiefst persönlichen Band handelt, in dem er selbstverständlich machen und lieben und ehren kann, was immer er will. Aber muss es mir deshalb gefallen?

20. Apr. 2015
von Andreas Platthaus
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13. Apr. 2015
von Andreas Platthaus
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Der Weltkrieg trennt den schlechten Teil vom guten

Es ist eine seltsame Lektüre. Einerseits ist Raymond Briggs einer der prominentesten Illustratoren und Bilderbuchkünstler überhaupt. Der 1934 geborene Brite hat mit „Der Schneemann“ und „When the Wind Blows“ (das allerdings vor allem durch den gleichnamigen Trickfilm weltweit erfolgreich wurde) in den siebziger und achtziger Jahren gleich zwei moderne Klassiker gezeichnet. Und nun erscheint nach siebzehn Jahren auf Deutsch ein Buch, das er 1998 über das Leben seiner Eltern publiziert hat: „Ethel & Ernest“. Das war damals vor der Graphic-Novel-Welle, als autobiographische Stoffe noch selten waren und man ohnehin nicht verwöhnt (oder verstört) war durch experimentelles Erzählen. Heute dagegen wirkt „Ethel & Ernest“ geradezu verschnarcht.

Zumindest die Hälfte des Buchs lang. Denn der Auftakt ist denkbar konventionell. Streng chronologisch läuft eh alles ab, aber die Vorkriegsjahre des Milchmannes Ernest und des Hausmädchens Ethel (das seine Beschäftigung mit der Heirat 1928 sofort aufgibt) sind derart absehbar erzählt in den Schwierigkeiten, die ein Paar am unteren Rande der sozialen Schichtung in England eben hat, dass man versucht ist, die Lektüre aufzugeben. Dazu trägt auch der sehr statische Zeichenstil von Briggs auf, der in Bilderbüchern weitaus besser aufgehoben ist als in Comics (Leseprobe, leider nur vom Anfang, hier: http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/ethel-ernest/).

Aber dann bricht der Zweite Weltkrieg ins friedliche Großbritannien ein, London leidet unter dem „Blitz“ der Nazis, und nach dem Ende der Kampfhandlungen ist die Welt eine andere, gerade auch im Vereinigten Königreich. Was Briggs nun meisterhaft gelingt ist das Porträt eines alternden Paares, das von den Entwicklungen der Gesellschaft, der Technik oder auch nur der des eigenen Sohnes einfach überfordert ist. Im Grunde bleiben Ethel und Ernest Vorkriegsexistenzen, und gerade die früher eher aufgeschlossene Ethel entwickelt sich zur großen Skeptikerin gegenüber jeder Veränderung des Gewohnten. Es mag ja daran liegen, dass Raymond Briggs selbst erst die Nachkriegszeit mit dem abgeklärteren Blick eines Erwachsenen begleitet hat und irgendwann auch das Familienheim verließ, so dass ihm nunmehrige Veränderungen seiner Eltern leichter auffielen als in jenen Jahren, als man noch zu dritt zusammenlebte, aber eine solche Befreiung innerhalb derselben Geschichte habe ich in kaum einem anderen Comic erlebt. Es ist, als hätte Briggs die eigenen  Geschichte durchgelüftet, obwohl sich die Welt einer Eltern immer mehr verengt

Plötzlich ist die Geschichte witzig, auch politisch und sogar melancholisch in einer Weise, die nie etwas Rührseliges hat, sondern immer neu Stimmungen zu erzeugen weiß, für die man Briggs bewundern muss. Viel konsequenter als in der ersten Hälfte setzt er in dem kleinformatigen Band nun auch die ihm vertraute Bilderbuchästhetik ein: zum Beispiel lange Dialoge als reine Textpassagen unter einem Einzelbild. Dadurch bekommen seine Eltern paradoxerweise eine größere Anschaulichkeit als in den unverändert eher unbewegten Bildern selbst. Erst ganz am Schluss, bei der Schilderung des Todes erst der Mutter und nur wenig später dem des Vaters im Jahr 1971 greift die innere Beteiligung von Briggs offensichtlich auf seine Bilder über, und ihm gelingen grandiose Bilderfindungen, die Trauer und Altersschwäche spürbar machen, ohne dass darüber gesprochen werden müsste.

Was den Berliner Reprodukt Verlag dazu gebracht hat, diesen Band nach mehr als anderthalb Jahrzehnten doch noch ins Deutsche zu bringen, bleibt dennoch unerfindlich. Es ist ja nicht so, dass die fremdsprachigen Stammzeichner des Verlags nicht genügend neue Titel publizierten, und in letzter Zeit musste das Programm dieses ambitioniertesten einheimischen Comicverlags ohnehin etwas ausgedünnt werden. Dann mit einem Band wie „Ethel & Ernest“ zu kommen, ist nur aus der ständigen Verführung zu erklären, die das Zauberwort „Graphic Novel“ offenbar auf Verlage und Handel ausübt. Format, Erzählweise und Thema von Briggs‘ Buch passen einfach zu perfekt ins Schema dessen, was man von diesem Genre zu erwarten meint. Aber genau das macht den Comic anfangs auch tatsächlich so erwartbar. Geradezu verblüffend, dass er sich dann so souverän noch selbst befreit.

13. Apr. 2015
von Andreas Platthaus
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06. Apr. 2015
von Andreas Platthaus
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Gott trägt gern Streifen

Vor fünf Jahren erschien im Zwerchfellverlag, einem jener deutschen Comicverlage, die vor allem durch Selbstausbeutung die Publikation schöner Bücher ermöglichen, einen kleinen Band namens „Die Zeit und Gott“. Ich habe ihn damals gelesen und beiseite gelegt. Das war dumm. Jetzt ist er neu aufgelegt worden, und zugleich ist ein weiterer Comic namens „Das Nichts und Gott“ erschienen. Ich habe beide gelesen und bin begeistert. Denn sie sind klug.

Geschrieben und gezeichnet sind sie von Aike Arndt, einem nach fünf Jahren Wartezeit auf Renegatenleser nicht mehr ganz so jungen Künstler (mittlerweile fünfunddreißig) aus Münster, der im biographischen Hinweis des zweiten Bandes über sich selbst sagt: „Er gilt als der beste deutschsprachige Comiczeichner in seiner ganzen WG.“ Er ist aber auch, wie man auf seiner Website http://www.aikearndt.de/ lernt, ein wunderbarer Trickfilmzeichner, dessen auch schon neun Jahre alte Animation „Styx“ zum Komischsten gehört, was dieses Metier in Deutschland hervorgebracht hat.

Seine beiden Comics allerdings sind noch komischer. Warum ich das nicht schon vor fünf Jahren gemerkt habe, ist rätselhaft. Ich könnte mich damit herausreden, dass „Die Zeit und Gott“ wirklich Zeit brauchte, um zu wirken, aber das ist albern (was Aike Arndts Comics nie sind), denn beim zweiten Versuch zündete der Humor sofort, auch beim zweiten Band. Es sind großartig witzige Comics, wie sie in Frankreich jemand wie Lewis Trondheim oder Manu Larcenet in seinen guten Momenten zustande bringt. Und in Deutschland derzeit fast niemand sonst.

Schon die Schöpfungsgeschichte auf der ersten Seite! Weil es zunächst nichts gab (oder besser geschrieben: Nichts), machte niemand dem DHL-Boten die Tür auf. Daraufhin stellte er das mitgebrachte Paket ab, und erst als der darin verpackte kleine Elefant zu trompeten anfängt, erwachte das Universum. Anders möchte man sich die Entstehung des Seins künftig nicht mehr vorstellen.

Wobei wir alles natürlich Gott verdanken. Den zeichnet Arndt als eher pummelige Gestalt mit kleinem Kopf und immergleichem gestreiften Pullover – mit einem Wort: Arndt lässt Gott einen guten Mann sein (bisweilen auch eine Frau). Der/die auch Humor beweist. So zum Beispiel, wenn er von seinen Autofahrten durch Südeuropa berichtet, wo die Leute ihm beim Aussteigen immer zurufen: „Deus ex macchina“. Nun, das ist wohl doch etwas albern. Aber eben auch sehr komisch.

Vor allem, weil Aike Arndt die Kunst der reduzierten Zeichnung beherrscht: Mit wenigen Linien wird ausdrucksstark erzählt. Immer schwarzweiß, bisweilen auf grau getönten Seiten, wie man es früher mal bei den wunderbaren Mose-Comics des Münchners Steffen Haas sehen konnte, die überhaupt das Einzige sind, was hierzulande einen Vergleich mit Aike Arndts göttlichen Komödien aushält. Aber Arndts Gott treiben im Gegensatz zur vor allem trinkfreudigen Maus Mose gravierende Themen um wie die Frage, warum die Sonne nicht scheint (weil der Christopher gestern seinen Teller nicht leer gegessen hat), wie man querulatorische Menschen loswird (man droht ihnen die Streichung von Kapitalismus, Eigentum, Privatvermögen und Schweizer Konten an) oder wie er auf die Cloud gekommen ist (ein Hacker-Pastor hat ihn runtergeladen und dort gespeichert).

Der Charme der Sache ergibt sich aus der Scheinnaivität Gottes und anderen höherer Wesen sowie der echten Naivität der Menschen, bei denen Aike Arndt meist selbst als Figur auftritt. Es wimmelt vor reizenden Details wie etwa dem leisen Spott über in Wirklichkeit viel erfolgreichere Comicverlage als Zwerchfell, die aber hier vor Neid erblassen, wenn sie den Erfolg der Gottescomics von Arndt sehen. Ach, wäre es doch so! Im dritten Teil, der hoffentlich nicht wieder fünf Jahre auf sich warten lassen möge und mit einiger Wahrscheinlichkeit „Das Sein und Gott“ heißen wird, sollte sich Arndts Gott die Theodizeefrage stellen: Wie kann eine göttliche Schöpfung (diese Comics) derart ihren Zweck verfehlen (erfolgreich zu sein)? Oder wir leben dann doch in der besten aller möglichen Welten, in der diese Comics die verdiente Beachtung finden.

06. Apr. 2015
von Andreas Platthaus
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30. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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Lieben Sie Mendelssohns?

Wer den Namen Mendelssohn hört, der denkt an Moses und Felix, vielleicht noch an Fanny, die Schwester des Letzteren, eine gleichfalls sehr begabte Komponistin. Doch das reicht nicht, denn die Familie Mendelssohn ist überreich an bedeutenden Persönlichkeiten gewesen, und gerade die aus der zweiten Reihe der öffentlichen Aufmerksamkeit sind unserer Beachtung besonders wert.

Vor zehn Jahren bekam man als Comicleser einen Vorgeschmack davon, als Elke Steiner einen schmalen Band mit dem Titel „Die anderen Mendelssohns“ herausbrachte. Ihr Gegenstand: Dorothea Schlegel, die berühmte Romantikerin, die aber auch Tochter des Philosophen Moses Mendelssohn war, und Arnold Mendelssohn, ein Enkel von Moses und Cousin von Felix Mendelssohn Bartholdy. Beide einte, dass sie im Widerstreit mit der Gesellschaft standen, Dorothea als emanzipierte Frau, die zwischen zwei Männern und damit quer zur Moralvorstellung ihrer Zeit stand, Arnold als politischer Kopf, der in Preußen keine Zukunft mehr sah. Auf nur fünfzig Seiten erzählte Elke Steiner nach einer Idee des Publizisten Thomas Lackmann diese beiden Lebensläufe. Anders als kursorisch konnte das nicht werden.

Nun ist ein weiterer Comic aus ihrer Feder über einen unbekannten Mendelssohn erschienen, und für diesen Karl Mendelssohn Bartholdy , den ältesten Sohn von Felix, hat sie sich diesmal gleich 125 Seiten Platz genommen. Ein Segen, dass dieses faszinierende Leben sie von dem bereits 2004 angekündigten Plan abbrachte, wieder mehrere Personen in einem Band zusammenzufassen; damals war neben Karls Schicksal auch noch das von Eleonora und Francesco von Mendelssohn angekündigt, den Ur-Urenkeln von Moses aus der Linie des geadelten Enkels Franz, eines Bankiers. Damit hätte die Geschichte bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts erzählt werden müssen, während Karl Mendelssohn Bartholdy schon 1897 starb, nachdem er mehr als zwanzig Jahre lang als geistig Gestörter in einer Schweizer Anstalt behandelt worden war. Da waren Eleonora und Fancesco noch nicht einmal geboren.

Was ein Glück also, dass Elke Steiner sich anders besonnen hat und nun eine auf einen einzigen Protagonisten konzentrierte Darstellung liefert. Wobei immer noch mehr als genug um ihn herum erzählt werden muss. Vom frühen Tod seiner Eltern etwa, wozu es notwendig ist, die rastlose Lebensführung des damaligen Komponistenstars Felix Mendelssohn Bartholdys zu schildern, der in Berlin und Leipzig wirken, aber in Frankfurt am Main leben wollte – vor dem Bau von entsprechenden Eisenbahnverbindungen. Oder die Karriere seines jüngeren Bruders Paul, der später Mitgründer und Generaldirektor der Agfa werden sollte. Er ist der eigentliche Erzähler von Elke Steiners Buch, denn das schildert die Reise der beiden Brüder Karl und Paul im Jahr 1874 ins schweizerische Königsfelden, wo man Heilung für den depressiven Karl suchte. In ihrer Begleitung ist der Krankenpfleger Thiel, dem Paul Mendelssohn Bartholdy auf der tagelangen Fahrt die Vorgeschichte der Krankheit seines Bruders erzählt.

Das ist ein sehr konventioneller literarischer Trick, der jedoch den Vorzug hat, die extrem persönliche Perspektive zu beglaubigen und doch auch immer wieder zu relativieren, indem Elke Steiner die Farbe von Blaugrau zu Schwarz wechseln lässt, was den Wiedereintritt in  die erzählte Gegenwart signalisiert. Zudem wird mit Thiel eine auf den ersten Blick unauffällige Figur etabliert, die aber als wichtiges Korrektiv zur einseitigen Meinung von Paul dient und Karls Partei einnimmt. Plötzlich wird dieser „andere Mendelssohn“ wiederum anders gesehen, nämlich nicht als gescheiterte Geistesgröße, sondern als immer noch respektabler Mensch. Dadurch bekommt der Begriff Emanzipation, der in so vielfältiger Weise mit der Geschichte dieser deutschjüdisch-protestantischen Familie verbunden ist, eine neue Dimension.

Zeichnerisch hat sich Elke Steiner in mehr als zehn Jahren kaum weiterentwickelt (Leseprobe unter http://www.reprodukt.com/produkt/deutscheautoren/die-anderen-mendelssohns-karl-mendelssohn-bartholdy/). Immer noch wirken ihre dicken Linien unbeholfen, und die dunklen Zusatzfarben kleistern bisweilen subtile Bildkompositionen zu. Da wäre ein neuer Ansatz hilfreich gewesen, aber offenbar zählte die antiquierte Anmutung der Panels mehr als gute Lesbarkeit. Das ist schade, weil es potentielle Leser verprellen wird, obwohl das Publikum durch Comics wie „Gift“ von Barbara Yelin mittlerweile viel besser vorbereitet wäre auf historische Comicstoffe in moderner Erzählweise. Aber der Band zu Karl Mendelssohn Bartholdy kommt alles andere als verlockend daher.

Dennoch bleibt es ein faszinierendes Vorhaben, das Elke Steiner hier weitertreibt. Und die aktuell gewählte Biographie, die vom empfindsamen Sohn des berühmten Komponisten zum erfolgreichen Historiker und dann in den Wahnsinn führt, ist ein mitreißender Stoff. Bisweilen hätten chronologische Hinweise gut getan, aber Elke Steiner setzt auch hier auf einen assoziativen Fluss des Geschehens, für den konkrete Daten irrelevant sind. Immerhin setzt ihr Comic mit einer Jahreszahl ein: 1874, als Karl erstmals in eine Anstalt kommt, in Görlitz. Und das Buch hört mit einer Jahreszahl auf, leider einer falschen. Denn Karl Mendelssohn Bartholdy ist nicht nach 21 Jahren in Königsfelden dort gestorben, sondern nach 23. Eine Kleinigkeit, aber bezeichnend für den Unwillen der Autorin zur historischen Genauigkeit, weil sich darin für Elke Steiner offenbar das Diktat eines gefährlichen Rationalismus verbirgt. Aber dann besser gleich ganz weglassen.

30. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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23. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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Nur nicht unter die Gürtellinie

Das nenne ich Disziplin in Liebesdingen: Im Abstand von jeweils zwei Jahren sind die drei Bände von „Royal Lip Service“ erschienen, Marika Pauls Boys-Love-Manga über ein schwules Paar in Dresden. Das ist kein Genre, dem ich sehr viel Aufmerksamkeit schenke, denn die Zielgruppe sind Mädchen, die sich an schönen Jungenkörpern und schwuler Erotik erfreuen – ein Parallelphänomen zur männlichen Begeisterung für lesbische Liebe, nur deutlich weniger banal sexualisiert. Aber abgesehen davon, dass mich generell sehr interessiert, was deutsche Künstler zeichnen, hat mich auch der Handlungsort Dresden gereizt. Die Stadt kenne ich gut. Und ihr Aussehen passt zu einer romantischen Geschichte.

Wobei „Royal Lip Service“ eher dramatisch als romantisch ist. Erzählt wird von dem norwegischen Kunststudenten Arjen, der an der Dresdner Akademie Malerei studiert. Bald verliebt er sich in den Rockschlagzeuger Victor, doch im Hintergrund lauert Arjens Stiefbruder Anton. Seit den gemeinsamen Kindertagen ist er in Arjen verliebt, und irgendwann kommt er nach Dresden nachgereist. Da sind wir aber schon am Ende des ersten Bandes.

Wobei das ja schon wieder vier Jahre zurückliegt, denn Band 1 erschien bereits 2011 (und nur dazu gibt es eine Leseprobe beim Verlag: http://www.carlsen.de/taschenbuch/royal-lip-service-band-1/25361). Marika Paul ist Jahrgang 1982, also jetzt gerade mal Anfang dreißig, aber angesichts der dynamischen deutschen Mangaszene, die schon begabte Schülerinnen fürs Zeichnen rekrutiert, war sie damals trotzdem eine Spätdebütantin. Die sich zudem Zeit ließ, es aber auch schaffte, den Spannungsbogen über ebenjene vier Jahre zu halten – und damit auch den Verlag (mit Carlsen ja auch nicht irgendwen) bei der Stange.

Viel japanischer, was die Figurengestaltung angeht, als in den Bildern von „Royal Lip Service“ geht es trotz deutschen und norwegischen Protagonisten auch kaum. Das endet allerdings bei den Geräuschwörter, von denen besonders Arjens Herzschlag (DADUMM) ein Leitmotiv durch alle drei Bände abgibt. Etwas nervig sind dagegen Geräusche wie „Gulp“ oder „Grab“ fürs Schlucken und Grabschen. Aber heutzutage muss es ja Englisch sein. Man denkt trotzdem melancholisch an jene Manga, die solche Effekte auf Japanisch ins Bild setzen und dadurch fürs deutsche Publikum meist unleserlich, doch zugleich viel besser sind. Erfreulich skurril dagegen ist in „Royal Lip Service“ die Übernahme der Praxis, Figuren in emotionalen Ausnahmezuständen wie Karikaturen anzulegen. Da hat sich Marika Paul richtig entschieden.

Und Dresden? Erstaunlich up to date. Im neuen Band gibt es einen Blick über Wilsdruffer Straße und Kulturpalast zum Residenzschloss, der genau dem derzeitigen Erscheinungsbild der in permanentem Wiederaufbau befindlichen Innenstadt entspricht (na gut, ohne die Gerüste am Kulturpalast). Die sächsische Landeshauptstadt gibt mit ihrem nachts morbid-ausgestorbenen Zentrum einen geeigneten Hintergrund für die traurigen Teile der Geschichte ab, zumal im Winter, der im dritten Teil den größten Teil der Handlungszeit ausmacht. Die Räume der Kunstakademie auf der Brühlschen Terrasse direkt am Elbufer sind gleichermaßen perfekte Dekors. Und besonders attraktive sowieso. Da betreibt „Royal Lip Service“ sogar noch etwas Stadtmarketing.

Nacktheit wird dezent gezeichnet – wie im Boys-Love-Genre eben üblich; unter die Gürtellinie geht wenig, der Waschbrettbauch ist Trumpf. Und natürlich jeweils ein eher feminin gebauter Knabe, hier selbstverständlich der sensible Künstler Arjen. Dass Marika Paul sich ganz am Ende, im Epilog, der die Handlung noch ein paar Jahre in die Zukunft treibt, tatsächlich einmal full frontal nudity gestattet, ist nur deshalb möglich, weil es da eine burleske Szene zu gestalten gab. Ansonsten wird auch das Alterslabel „16+“ offenbar nicht als ausreichende Warnung betrachtet, weshalb man jede Szene, die verstören könnte, scheut, und in die Nähe von Pornographie will im zeichnerinnendominierten Boys-Love-Genre ohnehin niemand.

Ach ja, was Marika Paul auch gut beherrscht, ist Seitenarchitektur. Wie sie die Panels auf den Taschenbuchseiten gewichtet, das zeugt von sehr durchdachter Arbeit. Ärgerlich dagegen die Graustufen bei Träumen, Visionen oder schlechtem Wetter. Da saufen die feinen Tuschelinien der Zeichnerin im abgedunkelten Papier geradezu ab. Und das ist angesichts des dramatischen Höhepunkts von Band 3 nicht nur graphisch enttäuschend, sondern unfreiwillig frivol.

23. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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16. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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Obacht! Vorlesespaß

Über eine neue Comicreihe soll hier erzählt werden, aber keine mit Büchern, sondern eine, die vier- oder fünfmal im Jahr an idealerweise wechselnden Orten Comickünstler mit deren neuen Publikationen vorstellen soll. Nicht, dass es solche Präsentationen seit dem breiten Erfolg der Graphic Novels  nicht schon in Buchhandlungen, Literaturhäusern oder Kulturzentren gäbe, aber erst einmal bislang nicht in Frankfurt am Main und dann auch anderswo nicht mit der hier avisierten Regelmäßigkeit.

„Stories + Strips“ ist der Rahmentitel der Reihe, und der Organisator Jakob Hoffmann macht keinen Hehl daraus, dass ihm dafür der Name der Hamburger Spezialbuchhandlung „Strips + Stories“ als Ideenlieferant diente (von denen er aber eine – dann auch freundlich erteilte – Genehmigung erbat). Das passt, weil auch dieser erst seit einigen Jahren etablierte Mittelpunkt der äußerst regen Hamburger Comicszene sich vor allem anspruchsvollen Hervorbringungen widmet und damit perfekt den Erwartungen des durch die Graphic Novels neugewonnenen Publikums entspricht. Es sind oft Hipster, die voller Stolz verkünden, dass sie keine Comic läsen, sondern eben nur Graphic Novels, aber das ist auch das einzig Naive an ihnen.

Zur Premiere der „Stories + Strips“-Reihe fanden sich an die drei Dutzend Interessenten in der Frankfurter Goldstein Galerie (spezialisiert auf Outsider-Art) ein, was den schönen Raum eines ehemaligen Feinkostladens mit Resten gründerzeitlicher Bemalung bis auf den letzten Platz füllte. Einige mussten gar stehen. Da traf es sich gut, dass der erste Gast, die Kanadierin Kate Beaton, gerade erst angekommen und seit 24 Stunden auf den Beinen war, so dass man ihr nicht mehr als eine Stunde zumuten wollte. Ihre Lebendigkeit, die sich vor allem in schallendem Lachen äußerte, legte allerdings Zeugnis davon ab, dass man ihr wohl noch viel mehr hätte zumuten können.

Beaton ist ein relativ junger Star des nordamerikanischen Independent-Comics. Sie wurde 1983 in Cape Breton geboren und lebt heute in Toronto, dem Herz der kanadischen Comicszene. Ihre Serie „Hark! A Vagrant“ hatte ich erst vor zwei Monaten in New York als Sammelband kennengelernt, gelesen, dann aber entschieden, das Buch nicht zu kaufen. Umso überraschender, dass der Zwerchfell-Verlag es kurz danach auf Deutsch herausbrachte, unter dem sehr schönen Titel „Obacht! Lumpenpack“.

Damit wird zwar das Altertümliche des englischen Titels nicht ganz so deutlich wiederholt, aber wenn man von der Zeichnerin Asja Wiegand, die das Lettering der deutschen Ausgabe besorgte, hört, dass die Übersetzung ursprünglich „Die verrückte Geschichte der Geschichte“ heißen sollte, kann man sich nur freuen. Der Grundgedanke des als Webcomics (http://www.harkavagrant.com/) seit 2007 entstandenen Strip-Serie ist einfach: Kate Beaton nimmt aus Geschichte oder Literatur bekanntes Personal und lässt es miteinander Gespräche führen, die in der Wirklichkeit oder den Büchern nicht stattgefunden haben. Dass sie dabei gängige Klischees über die jeweiligen Figuren nutzt, ist selbstverständlich.

Allerdings überzeugte mich bei der Lektüre auch die deutsche Fassung nicht. Vor allem, weil die meisten der sehr kurzen stripartigen Geschichten von Kate Beaton sich auf Phänomene der angelsächsischen Kulturgeschichte, bisweilen gar – ganz schwierig für Europäer – der kanadischen beziehen. Aber auch wenn man etwas gut kennt, Shakespeares Stücke etwa, Jane Austens Romane oder ein paar prominente historische Ereignisse, stellt sich oft ein schales Gefühl ein, weil die Masche so offensichtlich ist – und viele Gags absehbar. Zumal Kate Beaton über ein Talent ganz sicher nicht verfügt: eine Punchline zu liefern. Ihre Strips haben selten einen lustigen Abschluss, eher verlieren sie sich ins Unbestimmte.

Was bei Längen von drei bis acht Bildern auch schon wieder eine Kunst ist. Wie man auch bewundern kann, mit welcher erkennbaren Freude sich die Autorin ihrer Persiflagen annimmt (denn darum handelt es sich, nicht um alternative Geschichts- oder Literaturschreibung). Dass so etwas im Netz in Häppchen ganz hervorragend funktioniert, ist evident, und deshalb sind Website und Tumblr auch die bevorzugten Publikationsorte von Beaton. Wie sie selbst sagt, passte sie 2007 genau den richtigen Moment mit ihrer Idee ab. Doch berühmt über die Netzkreise hinaus wurde sie erst durch die Buchpublikation (und erst seit ihr kann sie von ihrer Kunst auch leben).

In Frankfurt trat die studierte Historikerin im Gespräch mit Jakob Hoffmann mit einer Verve auf, die mitreißend war. Und die Schriftstellerin Alexandra Maxeiner las einige Episoden auf Deutsch mit so großer Begeisterung, dass man fast an seinem mittlerweile zweiten Urteil zweifeln mochte. Eine weitere Überprüfung bestätigte es danach leider abermals. Offenbar ist der Vortrag der Strips aber ein sicherer Weg zum Erfolg, und das dürfte für nicht wenige andere Comics auch gelten. Insofern ist die Etablierung von „Stories + Strips“ ein Segen. Am 21. Mai kommt mit Lewis Trondheim ein Superstar als Gast zur zweiten Ausgabe. Danach ist mit Reinhard Kleist für September ein weiteres Schwergewicht angekündigt, ehe im Oktober die Lokalmatadoren Piwi und Ingo Röhmling anstehen.

Am meisten aber freue ich mich schon auf November, wenn mit dem Franzosen Marc Boutavant ein Illustrator der Extraklasse nach Frankfurt kommen wird. All diese Zeichner genießen meine Bewunderung für ihre Bücher. Wenn dann die Menschen dahinter auch noch überzeugen, ist das besonders schön. Bei Kate Beaton schätze ich jetzt die Person. Vielleicht kommt eines Tages auch ein Comic von ihr, der mich überzeugt.

16. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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09. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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Jugendliteratur, wie sie sein soll

Vor fünf Jahren bekam Émile Bravo als erster Comiczeichner den Deutschen Jugendliteraturpreis – für seinen Band „Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen“ (geschrieben von Jean Regnaud). Noch mehr verdient aber hätte er ihn für seine Serie „Pauls fantastische Abenteuer“, die in Frankreich als „Une épatante aventure de Jules“ bereits seit 1999 erscheint uns bislang sechs Alben umfasst. Warum deutsche Verlage fünfzehn Jahre brauchten, um deren Qualität zu erkennen, ist ein Rätsel, aber umso schöner, dass Carlsen sie nun doch noch ins Programm genommen hat und nach dem Debüt 2014 jetzt schon den dritten Band herausbringt: „Beinahe begraben“.

Was ist so bemerkenswert an den Abenteuern des schlaksigen Paul? Dass sie im klassischen Stil eines André Franquin gezeichnet sind, aber in der unmittelbaren Gegenwart spielen und dabei alle Themen aufnehmen, die Jugendliche heute umtreiben. Also Umweltschutz, Zukunftsangst, Drogenmissbrauch und vor allem Sexualität. Pauls Freundin Janet, die er im ersten Band kennen- und liebengelernt hat, bringt ein mädchenhaftes Selbstvertrauen in die Handlung, das im Comic nahezu allein steht. Außer Yves Chalands legendärer Dinah aus der Serie „Freddy Lombard“ (erschienen in den achtziger und frühen neunziger Jahren) gibt es keine vergleichbare Figur, und diese Serie richtete sich klar an Erwachsene. Bravo dagegen hat zuerst diejenigen Leser im Blick, die im Alter seiner Helden sind, also etwa Vierzehn- bis Siebzehnjährige.

Dass dem fünfzigjährigen Franzosen die Hineinversetzung in deren Lebenswelt offenbar spielerisch leicht fällt, macht einen Teil der Qualität seiner Serie aus. Der andere liegt im bereits beschriebenen zeichnerischen Geschick (eine Leseprobe gibt es unter http://www.carlsen.de/softcover/pauls-fantastische-abenteuer-band-3-beinah-begraben/51723), eine in Belgien und Frankreich tiefvertraute Linie zum ästhetischen Leitfaden seiner Bilder zu machen. Und dann ist da die grandiose Verknüpfung von existenziellen Themen – in „Beinahe begraben“ ist es illegale Müllbeseitigung, im zweiten Band „Unverschämt viele Klone“ Gentechnik – mit einem geradezu klassischem Abenteuerschema (eine Gruppe von gegensätzlichen Charakteren, wechselnde Schauplätze, die mal in der Ferne, mal in unbekannten Ecken der Heimat zu finden sind), das die Lektüre auch für Erwachsene fesselnd macht, vor allem, wenn sie Freunde der berühmten französischsprachigen Serie wie „Tim und Struppi“, „Spirou“ oder „Jeff Jordan“ sind.

emila bravo paul

 

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„Pauls fantastische Abenteuer“ halten diese Vergleich aus, weil sie originelle Geschichten erzählen und ihren Witz auf bewährte Weise aus den Marotten der Protagonisten ziehen. Ganz eigen ist Bravos Serie aber ein ironischer Blick auf die Welt der Erwachsenen (grandios ins Deutsche gebracht von Uli Pröfrock, dem derzeit besten Comic-Übersetzer), in der sich gerade auf Führungspositionen die kläglichsten Figuren finden – im aktuellen Band etwa der Bürgermeister des südfranzösischen Orts, wohin Janet, Paul und dessen vorlauter kleiner Bruder Romeo von ihrem erwachsenen Freund Bastien auf eine Höhlenexpedition mitgenommen werden. Was dann passiert, wechselt derart häufig das Thema, das man auch als Leser nicht weniger Überraschungen erlebt als die Protagonisten selbst. Und das man nebenbei erfährt, was Speläologie ist und vor allem, wie sie betrieben wird, ist nicht der kleinste Zugewinn, den dieses Musterbeispiel intelligenter Lektüre für Heranwachsende auch noch bietet. Her mit dem nächsten Deutschen Jugendliteraturpreis für dieses Meisterwerk!

 

09. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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02. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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Verfolgungswahn und Mutterliebe

Was Raphaela Buder in ihrem Debütcomic „Die Wurzeln der Lena Siebert“ veranstaltet, ist höchst beachtlich. Zumal er als Bachelor-Abschlussarbeit entstand (in Halle), was normalerweise mehr Freiheiten bedeutet, aber nicht unbedingt der Lesbarkeit zugute kommt. Denn im Studium kann man noch experimentieren, und es bedarf schon eines sehr guten Betreuers, um auch daran zu erinnern, dass man mit dieser Form ein erzählerisches Medium gewählt hat, nicht nur ein graphisches.

Dass der Comic so gut wurde, verdankt sich also neben der Autorin auch dem Betreuer; in Halle dürfte es sich um Atak gehandelt haben. Dass „Die Wurzeln der Lena Siebert“ dann noch den Afkat-Preis gewann, ist eine schöne Pointe: Atak meets Afkat. Ersterer ist der Berliner Comiczeichner Georg Barber, der seit einigen Jahren als Professor in Halle immer neue Talente hervorbringt, Letzterer ist der zum dritten Mal ausgeschriebene Comicförderpreis der Hamburger Rechtsanwaltskanzle Dr. Bahr, mit dem eine Publikation beim Mairisch Verlag verbunden ist. So kann können jetzt alle „Die Wurzeln der Lena Siebert“ lesen.

Und das sollte man tun, denn Raphaela Buder gelingt etwas sehr Schwieriges, was so einfach aussieht: die Perspektive eines Kindes. Die Titelheldin ihres Comics ist noch im Kindergartenalter und wohnt als Einzelkind bei ihrer alleinerziehenden Mutter. Die leidet unter Verfolgungswahn und sieht die Welt in der Hand von Scientologen, weshalb sie auch der Tochter Angst davor einimpft. Der seltsame Traum von Frau Siebert: mit Lena nach Amerika auswandern. Als ob es dort weniger Scientologen gäbe.

Aber die Plausibilität eines Wahnsystems spielt keine Rolle. Zentral für die Geschichte ist die Unfähigkeit der Mutter, ihrer Tochter eine Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen. Privat dagegen läuft alles bestens; Frau Siebert liebt Lena abgöttisch, und umso tragischer ist ihr Scheitern am sonstigen Leben, das sie schließlich in eine geschlossene Anstalt bringt. Lena wird vom Jugendamt zu Pflegeeltern gegeben.

Hier könnte nun ein Drama inszeniert werden, aber das Ehepaar kümmerst sich hingebungsvoll um das Mädchen. Sogar die Einschulung gelingt, obwohl Frau Siebert ihre Tochter gerade von den Lehrern immer besonders gewarnt hatte. Gleichzeitig aber bleibt Lenas Erinnerung an die liebevolle Mutter wach. Und so lässt sie sich gern darauf ein, diese zu begleiten, als sie eines Tages vor der Schule auftaucht und die Tochter einfach mitnimmt. Es geht ans Meer, du ndas Fernziel heißt immer noch Amerika.

Mehr zu erzählen, wäre schädlich, denn Raphaela Buder gelingt es meisterhaft, bei der Lektüre Unsicherheit, Mitgefühl und Freude in ständigem Wechsel zu erzeugen. Zu der kindlichen Perspektive passen die in Bleistiftschraffur mit weiß belassenen Konturen angelegten Panels (ein paar Seiten sind auf der Homepage der Autorin zu sehen: http://www.raphaelabuder.blogspot.de/search/label/COMIC), die nach allen Seiten hin offen sind – Entsprechung der Beeinflussbarkeit eines kleinen Mädchens. Gelegentlich wird eine andere Erzählperspektive eingenommen, etwa, wenn ein Gespräch zwischen den Pflegeeltern gezeichnet wird, das Lena nicht mithört. Doch es ist das Mädchen, das konsequent im Mittelpunkt der Handlung steht.

Alles Überflüssige hat Raphaela Buder aus ihrer 120 Seiten umfassenden Geschichte entfernt. Wo sie spielt ist egal, die Dekors sprechen für eine mittelgroße Stadt. Das Figurenensemble beschränkt sich auf ein rundes Dutzend Akteure, nur wenn nötig, treten ein paar Passanten dazu. Und besonders schön ist die Flucht von Mutter und Tochter ans Meer inszeniert, wie ein Märchen im tristen Alltag.

Welcher andere Comic zöge aus der Ambivalenz seiner Figuren eine solche erzählerische Stärke? Und dass Raphaele Buder als Autorin durchaus auch auf Seiten der geisteskranken Mutter steht, zeigt die Wahl des Titel: Ohne das Wahnsystem, aber auch ohne die Liebe von Frau Siebert wäre Lena wurzellos. Wurzeln kann man nicht entwachsen. Aber was daraus entsteht, das liegt in den Händen der Verwurzelten und derer, die ihr beim Aufwachsen helfen. Ein weiser Comic. Ein schöner sowieso.

 

02. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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23. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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Der Junge aus der Mondfamilie

Wo hat Joey nur seinen Kopf? Das fragen sich alle, die Eltern, die Klassenkameraden und die Lehrer. Und die Leser von Andrew Raes Comic „Moonhead and the Music Machine“. Denn dessen Hauptfigur, eben Joey, lässt beim Aufwachen erst einmal seinen Kopf auf dem Kissen liegen und geht kopflos zur Schule. Aber seltsam genug: Das scheint niemanden zu wundern.

Es ist eine wunderbare Idee von Rae, eine Redensart wörtlich zu nehmen und seinen Joey in den Momenten, in denen er träumt, ohne Kopf zu zeichnen. Wobei dieser Kopf alles andere als normal ist, selbst wenn er wieder zu Joey stößt. Denn es ist ein Mondkopf, riesig, blass, mit einem Mondgesicht darauf und immer ein paar Zentimeter über dem restlichen Körper schwebend. So kennzeichnet Rae seinen Protagonisten auch noch als Außenseiter in der Schule, und wenn man zum ersten Mal die Köpfe von Joeys Eltern sieht (was spät geschieht), dann weiß man, dass dieser Junge ein Außenseiter durch Abstammung ist. „Moonhead“ kann man also ruhig als ein Gesellschaftsporträt lesen. (Und sich hier ansehen, inklusive Musikvideo: http://www.andrewrae.org.uk/Moonhead-and-the-Music-Machine)

Ein britisches natürlich, wie die Schuluniformen und etliche andere Details verraten. Erschienen ist Raes Comic nämlich beim englischen Nobrow-Verlag, ins Französische übersetzt ist er aber auch schon, und eine deutsche Fassung dürfte wohl nicht lange auf sich warten lassen, denn der Band hat alles, was einen internationalen Comicerfolg erleichtert: klare Graphik, Graphic-Novel-Format und vor allem eine Handlung, die in vielen Kulturkreisen angesiedelt sein kann.

Denn Probleme mit ihren Mitschülern, Lehrern und Eltern dürfte wohl die meisten Jugendlichen haben, und viele werden auch den Ausweg erträumen, auf den der gehänselte und schikanierte Joey hofft: eine Karriere als Rockmusiker. In einer hinreißenden Sequenz zeichnet Andrew Rae die Plattencover der Alben, die der Junge sich während eines Hausarrests anhört: alles Parodien von realen Stars wie den Beatles, Cream, Captain Beefheart, Michael Jackson, Martha Reeves and the Vendellas und etlichen mehr. Etliche davon haben übrigens auch Mondköpfe.

Joey baut sich ein Instrument, die „music machine“ aus dem Titel. Doch es bringt nur Misstöne hervor. Bis er einen Mitschüler trifft: Ghostboy, der genauso aussieht, wie sein Name lautet. Der beherrscht das neue Instrument perfekt, weil er aber scheu ist, spielt er es bei einem gemeinsamen Auftritt zwar, doch lässt die begeisterten Mitschüler glauben, dass Joey der Urheber des Wohlklangs ist. Wieder hat Rae zur Visualisierung des Erfolgs eine großartige Idee: Er zeichnet Doppelseiten, die man hochkant betrachten, das Buch also querlegen muss, und darauf wird die Musik in psychedelische Farbmuster umgesetzt, die das Publikum in die phantastischsten Kreaturen verwandeln.

Am Tag darauf ist Joey plötzlich der Beliebteste von allen, und etliche Mitschüler haben sich in ähnliche Sonderlinge wie er verwandelt – die Schule, wie Rae sie nun zeichnet, gleicht einer Freakshow. Die Einzige, die vorher zu ihm gehalten hat, das Mädchen Sockets, sieht sich allerdings nun vernachlässigt, weil Joey die neue Gunst der anderen genießt und sie darüber vergisst. Das wird sich rächen.

Es ist also eine durchaus moralische Geschichte, die Andrew Rae erzählt, und durch die konsequent eingesetzte Verfremdung der Akteure mittels Symbolen wie dem Mond oder dem Gespenst wird es auch eine allegorische. Dass sich am Schluss alles zum Wunderbarsten fügt, mag man unrealistisch nennen, aber Rae folgt damit konsequent den Traditionen solcher Außenseiterromane für Jugendliche. Und wie er am Schluss  den geheimnisvollen Ghostboy entschlüsselt und jedem Schüler einen eigenen solchen Helfer zuordnet, der jeweils nur durch anderes Schuhwerk individualisiert ist, das ist im Idiom der Comics so grandios gelöst, dass man dem Band die süßliche Harmonie gern nachsieht. Und überhaupt: Happy Endings sind ja auch mal schön.

23. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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17. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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Der Schimmel über Berlin

Ist es gestattet, einmal ein guilty pleasure vorzustellen, eine jener meist verschwiegenen Vorlieben, die sich nicht mit den Erwartungen decken, die Leser an meine Lektüren haben könnten? Ja, wenn das einmal geduldet sein soll, so möge diese Offenbarung dem Berliner Zeichner OL gelten, und speziell seiner Cartoonserie „Cosmoprolet“, die seit 2006 im zweiwöchentlich erscheinenden Stadtmagazin „tip“ erscheint.

Glücklicherweise gibt es beim Lappan Verlag mittlerweile schon zwei schöne querformatige Sammelbände mit den einzelnen Folgen, denn im Kontext lesen sich die jeweils aus nur einem Bild bestehenden Episoden noch besser (wer sich mal etwas davon ansehen will, muss einen Umweg gehen: über OLs eigene Website, auf der er Originale zum Kauf anbietet: http://shop.ol-cartoon.de/Originale-oxid/. Da sind auch „Cosmoprolet“-Folgen dabei, und nur hier kann man sie sich durch Anklicken schön groß darstellen lassen). Der zweite ist gerade erschienen, und er sollte nicht nur für mich Pflichtlektüre sein.

Worum geht es? Um Berlin und um Cosmoprolet, einen meist stummen Mann im klassischen Superheldenkostüm – blauer Anzug, roter Umhang, Augenmaske –, der auf jedem Bild auftaucht (manchmal relativ schwer zu identifizieren, aber das macht den Reiz aus), jedoch nur selten das Geschehen bestimmt. Dieser Superheld ohne erkennbare Superkraft ist vielmehr eine Art Flaneur, und den größten Einfluss auf OLs Szenen hat er als Gesprächspartner anderer Figuren, die dem armen Mann ein Ohr abkauen.

Was also bestenfalls mittelgründig als Superhelden-Comic-Strip gelten, ist vorder- wie hintergründig ein Berlin-Cartoon. Denn der gebürtige Berliner OL nimmt die Stadt nicht nur als Dekor (in extrem akribisch gezeichneten Szenerien, die man alle in der Wirklichkeit wiederfinden kann, wenn man das wollte), sondern auch als Akteur – in Form ihrer Bewohner. Hier bekommen die Berliner freien Auslauf in ihrer Wurschtigkeit, ihrem Witz, ihrer Wichtigkeit und ihrer Widerborstigkeit. Und so manches Hauptstadt- oder Metropolenspezifikum wird hier gesondert veralbert, so etwa die zahlreichen Dreharbeiten in der Stadt oder die Demonstrationsvielfalt. Oder auch der Niedergang von Hertha BSC, ein Gag, den man leider jedes Jahr mit neuer Aktualität abdrucken könnte.

Was diesen Olaf Schwarzbach (wie OL bürgerlich heißt) auszeichnet, ist seine Zeichnungskunst. Früher, in den Neunzigern, als er berühmt wurde, hatte er grandios verzerrte Protagonisten, die das Proletentum in jeder Hinsicht kultivierten: in Aussehen, Verhalten, Wortwahl. Mit seinen jüngeren gezeichneten Berlinsatiren, zu denen neben „Cosmoprolet“ auch „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ gehören (letztere in der „Berliner Zeitung“), hat er sich aber ein Feld als Stadtchronist erschlossen, auf dem er sich graphisch milde tummelt. Seine Figuren haben den simplen Strich eines Bosc oder noch passender Avril (vor allem in Kombination mit der Begeisterung für den Stadtraum), und gleichzeitig hat er sich doch die Drastik zumindest im Humor bewahrt. Und in der Bosheit, mit der er uns uns, wenn denn die Wahl dazu besteht, gewiss nicht das himmlische, sondern das schimmelige Berlin präsentiert.

Ich merke gerade: Bei OLs „Cosmoprolet“ handelt es sich gar nicht um ein guilty pleasure. Sondern um ein reines Vergnügen, auf das wir stolz sein können: dass es so etwas Witziges gibt.

 

17. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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10. Feb. 2015
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Neonazis in Dortmund

Jetzt ging es aus traurigem Anlass wieder mal durch die Nachrichten: Dortmund hat die als aktivste eingeschätzte Neonazi-Szene in Nordrhein-Westfalen. Wieder mal wurde ein Asylantenheim bedroht, wieder mal konnte niemand dafür belangt werden. Aber immerhin schweigt die Lokalpresse die Ereignisse nicht tot.

Einer der dafür verantwortlichen Journalisten ist David Schraven, bis vor neun Monaten Chef des Recherche-Ressorts der WAZ-Gruppe, deren Zeitungen sich das Ruhrgebiet in schöner Eintracht aufteilen. Mittlerweile hat er eine neue Aufgabe: Schraven leitet ein von ihm mitbegründetes gemeinnütziges Recherchebüro namens „Correct!v“, das einer kommerziellen Monopolbildung der Presse entgegenwirken soll und dazu auf Förderung durch unabhängige Gönner setzt. Einen Preis als „Journalist des Jahres“ in der Kategorie Newcomer gab es dafür schon vom Fachblatt „Medium Magazin“; einen Wächterpreis gewann Schraven 2008.

Ein hochdekorierter Journalist also und einer, der auch den Comic für sich entdeckt hat. Vor vier Jahren schrieb er „Die wahre Geschichte vom Untergang der Alexander Kielland“ über eine 1980 gekenterte norwegische Ölförderplattform, die mehr als hundert Menschen in den Tod riss. Dieser Comic war eine Recherche, und Vincent Burmeister als Zeichner setzte die Ergebnisse von Schravens Arbeit eindrucksvoll duster um. Im Jahr darauf fanden sich beide noch einmal zusammen: für den Comic „Kriegszeiten“ zum militärischen Afghanistan-Einsatz der westlichen Staaten. Das brachte ihnen 2013 eine Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis ein.

Nun hat Schraven sich einen neuen Zeichner für ein neues Projhekt gesucht. Jan Feindt  ist seit Jahren im Geschäft, lebte allerdings einige Jahre in Tel Aviv, weshalb er in Deutschland nicht so präsent war, wie es sein sicherer Stil vermuten ließe. Lediglich in zwei deutsch-israelischen Comic-Anthologien war er vertreten, hatte daneben aber als Zeitschriftenillustrator einiges zu tun. Jetzt bringt er gemeinsam mit David Schraven seinen ersten großen Band heraus.

„Weiße Wölfe“ heißt er, und da der Titel in Großbuchsatben auf dem Cover prangt, kann das ß typographisch wie Himmlers SS gesetzt werden. Der Untertitel verheißt eine graphische Reportage über rechten Terror, allerdings beschreitet Schraven als Szenarist ungewöhnliche Wege. Wie etliche seiner Reportagecomickollegen arbeitet er sich selbst als Figur mit ein, doch die Perspektive wechselt zwischen seinen Recherchen und dem Weg eines jugendlichen Punkers aus Dortmund an den äußersten rechten Rand. Ob und wie dieser Teil der Geschichte recherchiert ist, lässt der Comic offen.

Das Nachwort lässt immerhin vermuten, dass auch diese Biographie zu einem Mitglied des 1987 begründeten international vertretenen Neonazi-Forums „Blood & Honour“ gehört. Die deutsche Untergruppe gilt als aufgelöst – wenn man dem nordrhein-westfälischen Innenministerium vertraut. Das tut Schraven aber nicht, und was er in seinem Comic zutage fördert, gibt nicht zu großen Hoffnungen, dass es anders wäre. Schon die banale Frage, die gleich am Anfang gestellt wird: Warum der NSU eines seiner Opfer 2006 in Dortmund erschossen hat (den türkischen Kioskbetreiber Mehmet Kubasik), führt zu einer Spur, die auf ein Netzwerk hinweist, in dem sich die beiden thüringischen Mörder und ihre mutmaßliche Verbündete Beate Zschäpe bewegt haben. Davon ist aber im Prozess gegen Zschäpe keine Rede. Schraven steuert nun neben den bereits bekannten weitere Indizien bei, dass man es hier mit mehr als drei Tätern zu tun hat – und das ein Zentrum für Planung und Ausführung in Dortmund lag.

Und es wäre ja schön, wenn man in der Vergangenheitsform bleiben könnte. Oder nur in Dortmund. Doch Stand dieses Comics ist die Gegenwart, und wenn am Schluss auf drei Doppelseiten die Perspektive sich zu einem Satellitenbild weitet, das erst Dortmunds Innenstadt, dann die Umgebung der Stadt und schließlich ganz Deutschland in den Blick nimmt, finden Feindt und Schraven eine bedrückend kongeniale Bildlösung für den überregionalen rechten Terror. Wie auch mit dem kalten Schwarzweiß des ganzen Buchs (einige Seiten kann man hier finden: http://correctiv.jimdo.com/).

Erschienen ist der Band übrigens nicht, wie man hätte erwarten dürfen, bei Carlsen, wo Schravens erste beiden Comics herauskamen, sondern im Eigenverlag  von Correct!v. Gewagt, aber er,möglicht durch eine Förderung der Rudolf Augstein Stiftung. Ob allerdings ein kritisches Lektorat nicht zumindest die regelmäßig eingestreuten Notate, die Schraven dem rechtsradikalen Roman „The Turner Diaries“ von William L. Pierce entnahm und von Feindt wie wirkliche beschriebene Seiten gestalten ließ, hätte herausnehmen lassen, weil hier noch eine Fiktionsebene ins angeblich recherchierte Geschehen eindringt, darf man fragen. Allerdings dankt Schraven seinen alten Carlsen-Redakteuren. Vielleicht war dieses Thema einfach zu heiß, als das er den Verlag den mit der Publikation verbundenen Risiken aussetzen wollte.

Eine Netzversion ist derzeit in Vorbereitung. Die wird dann auch gratis sein, wie es eigentlich die Aktivitäten von Correct!v allgemein sein sollen. Für den mehr als zweihundertseitigen Comic ist aber mit 15 Euro eher ein symbolischer Preis fällig. Und man ermöglicht damit weitere Recherche. So etwas wie David Schraven macht in Deutschland sonst niemand.

10. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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01. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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Auch bei Comics zählt Symbolpolitik

Jetzt ist „Charlie Hebdo“ auch verewigt: In Angoulême gibt es seit dem heutigen Sonntag eine Place Charlie. Der Bürgermeister benannte zur Mittagszeit in einem feierlichen Akt die bisherige Place des Halles, auf der das Comicfestival seit Jahren eines seiner Ausstellerzelte aufbaut, um – nicht nur in Erinnerung an das Massaker vom 7. Januar, sondern vor allem, wie dabei betont wurde, als Mahnung an die Zukunft, die freie Meinungsäußerung zu verteidigen. Auf dem neuen Straßenschild, das wie alle in der Innenstadt von Angoulême die Form einer Sprechblase hat, steht denn auch unter dem Namen die Devise „Pour la défense de la liberté d’expression“ (kurzer Fernsehbeitrag dazu: http://videos.tf1.fr/infos/2015/angouleme-la-place-charlie-inauguree-pendant-le-festival-de-8556998.html). Man kann den Anwohnern nur wünschen, dass das fortan nicht fest zu ihren Adressen gehört.

Die Benennung erfolgte in Absprache mit der Redaktion des Satiremagazins, aber während der Feierstunde völlig unsatirisch. Neben seinem Amts- und Parteikollegen aus Angoulême hatte sich als prominentester Gast der Bürgermeister von Bordeaux eingefunden, Alain Juppé, ehedem französischer Außen- und Premierminister für die konservative UMP. Die sozialistische Kulturministerin Fleur Pellerin weilte zwar zum Zeitpunkt der Umbenennung des Platzes auch schon auf dem Festival, ließ sich aber bei der Zeremonie nicht blicken. In Angoulême wurde ihre Anwesenheit am letzten Tag des Festivals ohnehin eher als schwacher Trost für den abwesenden Staatspräsidenten Francois Hollande betrachtet, mit dessen Besuch man insgeheim doch gerechnet hatte.

Immerhin gab sie der nachmittäglichen Preisverleihung die Ehre, auf der im Großen Saal des Stadttheaters die „Fauves“ verliehen wurden, also die als kleine Katzenplastiken gestalteten Preise für die besten im Vorjahr in Frankreich veröffentlichten Comics verliehen wurden. Insgesamt 35 Alben hatte die Jury für den Hauptpreis, die „Fauve d’or“, nominiert, und es gab keine Überraschung: „L’Arabe du futur“ von Riad Sattouf ging als Gewinner daraus hervor (Leseprobe auf Französisch: http://fr.calameo.com/read/003705385ab5cc1d1ae39). Damit wurde nicht nur eines der erfolgreichsten Bücher im Frankreich des Jahres 2014 ausgezeichnet, sondern auch ein Comic, der genau zum Ernst der Stunde passt, auch wenn er urkomisch zu lesen ist. Sattouf erzählt darin von seinen Kinderjahren, die er als Sohn eines syrischen Vaters in Libyen und Syrien verbrachte. Der Vater war ein kompromissloser Propagandist eines modernen arabischen Nationalismus, den er als in Frankreich ausgebildeter Politologe selbst mitaufbauen wollte (deshalb der Titel „Der Araber von morgen“), und die bretonische Mutter zog samt der beiden Söhne mit.

Dieser Band macht auf humoristische Weise mehr über das Verhältnis zwischen arabischer und westeuropäischer Welt klar als ganze Stapel Fachliteratur, und zugleich wirft Sattouf einen tiefskeptischen Blick auf die Heimat und auch die Überzeugungen seines Vaters. Dass der sechsunddreißigjährige Zeichner zudem bis Mitte des letzten Jahres regelmäßiger Mitarbeiter von „Charlie Hebdo“ war, dürfte der Wahl seines Buchs zum besten Comic gleichfalls nicht geschadet haben.

Den Spezialpreis der Jury erhielt die französische Ausgabe von Chris Wares im amerikanischen Original schon 2012 erschienenen Meisterwerk „Building Stories“, der Publikumspreis ging an die Rentnergroteske „Les Vieux fourneaux – Ceux qui restent“ von Paul Cauuet und Wilfrid Lupano. Diesmal leer ging der Berliner Jens Harder aus, der mit „Beta – Civilisations“, dem zweiten Teil seines großen Evolutions-Sachcomics, nach dem Auftaktband „Alpha“ schon zum zweiten Mal in Angoulême nominiert war. „Alpha“ hatte 2010 eine Fauve gewonnen. Die Auszeichnung für die beste Neuentdeckung erhielt der im Senegal angesiedelte Band „Yekini, le roi des arènes“ von Lisa Lugrin und Clément Xavier, der die Geschichte dreier realer Laamb-Ringkämpfer erzählt. Als beste comichistorische Publikation bekam der in den dreißiger Jahren publizierte chinesische Comic-Strip „San Mao“ (der nichts mit dem späteren kommunistischen Diktator zu tun hat) die entsprechende Fauve. Die erste Übersetzung ins Französische passte perfekt zum sehr aufwendigen Gastauftritt Chinas auf dem diesjährigen Festival, für den ein eigenes Zelt reserviert war. Da kam der Preis gerade recht zur Belohnung für das chinesische Engagement. Zum besten Band einer bereits laufenden Serie wurde Band 6 von „Lastman“ bestimmt, einem erzählerischen Hybrid aus Manga-Stil und Videospielästhetik.

Ein Fazit der vier Tage: Kompliment für die Durchführung unter erschwerten Sicherheitsbedingungen. Über die Qualität der Ausstellungen konnte man streiten, vor allem die Gestaltung war oft einfallslos. Am eindrucksvollsten geriet die, die am wenigsten Vorbereitungszeit gestattete: die spontan zusammengestellte Hommage an „Charlie Hebdo“. Da alle vier Tage im Zeichen der Pariser Attentate standen, passte das gut.

01. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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01. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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Ich bin doch keine Kinderzeichnerin!

Das musste ja so kommen. Am Samstag sorgten die nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ anberaumten Sicherheitskontrollen auf dem Comicfestival von Angoulême für endlose Schlangen vor den Verlagszelten und Ausstellungsorten. Zumal die Öffnungszeiten von jeweils zehn Uhr morgens sklavisch eingehalten wurden, genauso wie die Anfangszeiten der Diskussions- und Vortragsveranstaltungen, von denen einige gleichfalls um zehn Uhr morgens angesetzt waren. Der Zeitplan stammte noch aus den Tagen vor dem 7. Januar, aber warum sie denn den geänderten Bedingungen anpassen? Und so kam es, dass sich zu einer dieser vormittäglichen Veranstaltungen nur zwei einsame deutsche Gäste einigermaßen pünktlich einfanden (die allerdings auch durch ihre Presseausweise profitiert hatten, weil sie sich nicht in die hundert Meter lange Schlange mit normalen Besuchern vor den Kontrollposten einreihen mussten).

Also begegneten sich im Konferenzsaal der Musée de la Bande dessinée um 10.05 Uhr vier Menschen: die beiden deutschen Gäste, eine betretene Organisatorin und die Referentin, die fünfunddreißigjährige französische Comiczeichnerin Nancy Pena (von der unbegreiflicherweise noch kein einziges Buch auf Deutsch erschienen ist, man sehe sich nur http://nancypena.canalblog.com/ an). Letztere zeigte sich erfreut über diese ersten Besucher, einmal, weil überhaupt jemand kam, und dann, weil es sich dabei um Erwachsene handelte. Die Veranstaltungsreihe, in der Frau Pena auftrat, lief nämlich unter dem Titel „Rencontres jeunesse“, also Begegnungen für die Jugend, aber Nancy Pena versteht sich gar nicht als Zeichnerin für Kinder oder Jugendliche. Wie sie in diese Schiene geraten sei, wisse sie nicht, aber sie habe anfangs auch mal Illustrationen für Jugendbücher gemacht, also werde das schon irgendwie angehen.

Wann aber sollte es irgendwie losgehen? Die Organisatorin eilte ins Foyer, um die ersten durch die Sicherheitsschleusen gelangten Besucher zum Vortragsraum zu lotsen. Eine Frau mit zwei Kindern trifft ein. Der Junge fragt: „Worum geht es in Ihren Comics?“ Nancy Pena antwortet: Im neuesten Band um Medea, eine Zauberin aus dem antiken Griechenland.“ „War sie böse?“ „Das ist nicht so eindeutig zu sagen.“ Ehrlichkeit zahlt sich aus, die dreiköpfige Familie bleibt.

Um 10.20 Uhr kommt die Organisatorin aus dem Foyer zurück und verkündet einen ersten Anwerbeerfolg: Eine Gruppe von rund vierzig Kinder werde gleich eintreffen, eine Betreuerin ist schon mitgekommen. „Aber ich mache keine Kindercomics“ – die Beteuerung der Zeichnerin schreckt erfreulicherweise nicht ab, im Nu ist der Saal voll, in der ersten Reihe nehmen mit Gabriel und Etienne zwei hyperaktive Knaben Platz, deren Namen dank der Ermahnungen der Aufsichtsperson im Publikum bald besser bekannt sind als der der Künstlerin.

Nancy Pena hat wunderbare Comics gezeichnet: „La Gilde de la mer“ etwa, der aber nach zwei Bänden nicht mehr fortgesetzt wurde, weil sich der mutige Kleinverlag den finanziellen Aufwand dafür nicht mehr leisten konnte. Oder „Tea Party“, eine Geschichte aus dem England des neunzehnten Jahrhunderts, wo Penas literarische Vorbilder zu suchen sind. Und eben „Medée“, dessen zweiter Teil gerade zum Comicfestival erschienen ist. Um den soll es in der Präsentation gehen, aber die Geschichte von Medea ist eben kein Schlummerlied, doch das hat die Programmplaner nicht gestört, also wurde Nancy Pena ins Kinderprogramm geschoben, wo noch Platz war. Aus Rücksicht aufs junge Publikum wird sie kein einziges Bild aus „Medée“ zeigen. Aber der Vormittag wird dennoch grandios.

Denn die Kinder stellen großartige Fragen: „Was ist deine Lieblingsgeschichte?“ „Der gestiefelte Kater. Kennt ihr den?“ Betretenes Schweigen auf beiden Seiten: Die Kinder kennen das Märchen nicht, Nancy Pena versteht die Welt nicht mehr. „Was machen Sie, wenn Sie mal keine Comics mehr zeichnen werden?“ „Vielleicht Schafe hüten.“ „Und was wollten Sie vorher werden?“ „Schatzsucherin oder Entdeckerin.“ Wann wird man als Comiczeichnerin schon mal nach so etwas gefragt?

Man merkt Nancy Pena an, dass sie ausgebildete Lehrerin ist, die ihren Beruf aber mit 25 Jahren an den Nagel hängte, als sie ihren ersten Comic veröffentlichen konnte. Zehn Alben hat sie seitdem fertiggestellt und etliche Bücher illustriert, doch besonderes Vergnügen bereiten ihr Zeichnungen für T-Shirts oder Teedosen, „denn da muss ich als Illustratorin dreidimensional denken“. Am Schluss gehen Publikum und Zeichnerin zufrieden auseinander, auch wenn von der angekündigten Stunde Vortragszeit durch die einlasskontrollenbedingte Verspätung nur die Hälfte geblieben ist. Bei den Kindern war Nancy Pena genau richtig.

Solche Zuhörer hätte man auch Riad Sattouf gewünscht, dem Verfasser des erfolgreichsten französischen Comics im vergangenen Jahr, „L’Arabe du futur“ (http://fr.calameo.com/read/003705385ab5cc1d1ae39). Durch einen Zufall kam mir die Aufgabe zu, ihn ins Deutsche zu übersetzen (er erscheint in zwei Wochen), aber das musste sehr schnell passieren, und ich hatte Sattouf bisher noch nie getroffen, also wollte ich ihn nun zumindest einmal hören. Da sein Buch für den Hauptpreis des Festivals nominiert ist, wollten ihn aber auch Hunderte anderer Leute hören, und sie hatten dieselben Probleme, in die Salle Bunuel im Espace Franquin zu kommen, wie morgens etwaige Interessenten von Nancy Pena.

So herrschte noch weit nach Beginn des Gesprächs ein eifriges Kommen im Saal, und diese erwachsene Unruhe hätte man gern gegen die hyperaktiven Gabriel und Etienne vom Vormittag eingetauscht. Zumal der Moderator sich in ironischen Mätzchen gefiel, die dem Gespräch nicht zuträglich waren, wenn Sattouf sie auch souverän konterte. Keine Rede kam übrigens darauf, dass er zehn Jahre lang für „Charlie Hebdo“ gezeichnet hat. Erstaunlich, dass das größte Thema des Festivals dort keine Rolle spielte, wo man wirklich einen kenntnisreichen Gesprächspartner gehabt hätte.

Mittlerweile sind übrigens die anfangs schier unendlich scheinenden Bestände an der nach dem Attentat erschienenen Nummer von „Charlie Hebdo“ auch in Angoulême ausverkauft. Nur an den beiden Ständen des Satiremagazins selbst gibt es noch Reste, aber die werden nur an Interessenten abgegeben, die ein Abonnement abschließen. An einem der Stände beschied man einen deutschen Festivalgast, er möge doch zum anderen gehen; dort sagte man ihm dann, er möge die Ausgabe in Deutschland kaufen. Selten so gelacht! Aber dann bekam er doch noch zwei Exemplare. Gut, dass ich meines schon am Donnerstag erworben hatte.

01. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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30. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
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Unser Bürgermeister soll ein Schwachkopf sein?

Man kann nicht sagen, dass das Glück in Angoulême vollkommen gewesen wäre, als gestern gleich zwei Große Preise verliehen wurden. Nur merkte man davon nichts, denn die eigentliche Preisübergabe fand wetterbedingt nicht wie üblich auf dem Rathausbalkon, sondern in den repräsentativen Innenräumen statt, wodurch nur geladene Gäste etwas von dem mitbekamen, was geschah. Und das, was da geschah, erregte heute die Gemüter in der südwestfranzösischen Stadt, die sich viel auf zwei Dinge zugute hält: auf ihre illustre Vergangenheit als Sitz eines bedeutenden Grafengeschlechts und auf ihre Rolle als Comichauptstadt Europas. Deshalb wurden die beiden Preisträger nur sehr eingeschränkt gutgeheißen.

Bei „Charlie Hebdo“, der Satirezeitschrift, die drei Wochen nach dem Attentat auf ihre Redaktion, als erste in den Genuss eines Spezial-Grand-Prix kam, war an der Entscheidung nicht zu rütteln – alle in Angoulême stehen hinter dem Blatt. Aber das Blatt steht nicht hinter Angoulême. Deshalb entsandte die Redaktion keinen eigenen Mitarbeiter zur Preisverleihung, sondern ließ die Auszeichnung durch Jean Christophe Menu stellvertretend entgegennehmen. Menu ist als Zeichner und Verleger einer der streitbarsten Geister des französischen Comics und hatte als Aufgabe laut eigener Aussage nur eine Aufgabe: er selbst zu sein. Dann würde sich „Charlie Hebdo“ durch ihn blendend repräsentiert fühlen.

Bei seinen Dankesworten nahm Menu entsprechend kein Blatt vor den Mund. Keineswegs fühle sich „Charlie Hebdo“ von allen geschätzt, die sich nach den Morden als solidarisch erklärt haben. Man nehme nur den Bürgermeister von Angoulême. Das sei ein Schwachkopf, der die öffentlichen Bänke in seiner Stadt habe einzäunen lassen. Der auf diese Weise wenig schmeichelhaft bezeichnete Würdenträger, der den Preis immerhin gerade erst an Menu übergeben hatte, machte offenbar gute Miene zum sarkastischen Spiel, doch die Lokalpresse schäumte am Freitag über den dreisten Dank. Wobei Menu abermals nur die Anregungen seiner Freunde von „Charlie Hebdo“ befolgt haben wollte, die sich über die Einzäunung von Straßenbänken im Winter (um zu vermeiden, dass sich Obdachlose darauf legen) beklagt und ihn beauftragt hätten, diese anzuprangern. Dass es sich dabei um Satire der Redaktion eines Satiremagazins handeln könnte, kam in Angoulême wohl niemand in den Sinn.

Gravierender ist da die bereits einsetzende Kritik am eigentlichen Großen-Preis-Gewinner dem Japaner Katsuhiro Otomo. Die wichtigste europäische Comicauszeichnung gilt einem Lebenswerk, und der Sieger wird gleichzeitig zum Präsidenten des nächstjährigen Comicfestivals. In diesem Jahr war in Angoulême allerdings vom Präsidenten nichts zu sehen, denn Bill Watterson, Schöpfer der Comic-Strip-Serie „Calvin & Hobbes“, dachte gar nicht daran, sein selbstgewähltes und seit einem Vierteljahrhundert konsequent gewahrtes Inkognito zu lüften. Und 2016 droht wohl etwas Ähnliches. Niemand erwartet, dass Otomo, der sich nach dem Erfolg seines Manga „Akira“ in den achtziger Jahren ähnlich wie Watterson von den Comics weitgehend zurückgezogen hat, nach Frankreich kommen wird, um dem Festival vorzustehen. Dieses Desinteresse der Ausgezeichneten verletzt den Stolz der Menschen in Angoulême.

Deshalb werden wieder einheimische Preisträger verlangt (wobei man daran erinnern könnte, wie aktiv die beiden Amerikaner Robert Crumb und Art Spiegelman ihre jeweiligen Präsidentschaften betrieben haben). Aber unter den drei Finalisten um den Großen Preis gab es diesmal keinen einzigen Franzosen, und der Brite Alan Moore wäre im Falle seines Sieges gewiss auch nicht gekommen (der Belgier Hermann dafür umso sicherer, aber er gilt als politisch heikler Fall). Kurt gesagt: Früher war beim Festival alles besser. Und so sollte es nach dem Willen der Öffentlichkeit bitte wieder werden.

Doch was passieren kann, wenn man sich zu sehr an die Vergangenheit klammert, das war am heutigen Freitag im Theater der Stadt zu erleben. Dort war die neueste Ausgabe einer Besonderheit des Comicfestivals von Angoulême zu erleben: Um 14 Uhr stand ein Concert de dessins auf dem Programm. Diese Bezeichnung hatte Angoulême sich schützen lassen, als es das Prinzip vor zehn Jahren erfand: Comickünstler zeichnen auf der Bühne zu live gespielter Musik, und die Entstehung ihrer Bilder wird durch Kameras auf eine große Leinwand übertragen, so dass das Publikum im Saal ein synästhetisches Vergnügen hat. So weit so gut.

Ich erinnere mich an meine ersten Besuche von Concerts de dessins, damals bestritten von Blutch als alleinigem Zeichner beziehungsweise Dupuy & Berberian, einem Künstlerduo, das damals noch als untrennbar galt – und als ununterscheidbar in der jeweiligen Arbeit. Das Konzert bewies, dass die beiden durchaus unterschiedlich zeichneten, aber da stand eben ein eingeschworenes Team auf der Bühne; beide wussten, was der jeweils andere wollte, und so ergänzten sich ihre Bilder perfekt. Und Blutch duldete erst gar nicht jemanden anderen als Zeichner auf der Bühne. Zudem waren es damals Abendveranstaltungen. Auch das hat seine Bedeutung.

Diesmal standen nicht eine oder maximal zwei, sondern gleich acht Zeichner auf der Bühne, die in zwei Gruppen zu jeweils vier Personen kollektiv an ihren Bilder arbeiteten. Wirkte früher alles spontan aus dem Erlebnis der Musik geschaffen, so war diesmal alles bis ins Kleinste abgesprochen, was man sofort daran merkte, dass es einen vorproduzierten und zu Beginn des Konzerts eingespielten Film gab, der den Diebstahl eines Huts durch einen maskierten Herrn zeigte. Bestohlen wurde der Musiker Aleski Belkacem, und zwar in der Garderobe des Theaters von Angoulême (http://www.bdangouleme.com/571,concert-de-dessins).

Das war die Ausgangsbasis für das Konzert. Vier weitere Musiker (für Keyboard, Bass, Schlagzeug und Gitarre) kamen nacheinander auf die Bühne, doch noch bevor man sie überhaupt sah, wurden sie schon gezeichnet, und zwar täuschend echt, also vorher eingeübt. Aleski trat dann als Letzter auf, aber nur um sich zu weigern, seine Aufgabe als Sänger zu erfüllen, ehe sein Hut wieder da sei. Und so spielte seine Band dann eben allein, während Aleski mit dem Rücken zum Publikum schmollte und die beiden Zeichnergruppen auf ihren Bildern zur flotten Instrumentalmusik eine Verfolgungsjagd auf den Dieb inszenierten, die natürlich am Ende erfolgreich sein musste, damit das letzte Stück doch noch gesungen werden konnte. Ein in seiner Schlichtheit geradezu kindisches Konzept.

Das liegt daran, dass um 14 Uhr natürlich ein Großteil des Publikums aus Kindern besteht. Früher waren die Concerts de dessins ästhetische Erlebnisse, jetzt sind es reine Spektakel, auch wenn mit den Franzosen Jean-Louis Tripp und Alfred, dem Amerikaner Derf Backderf und dem Engländer Luke Pearson gleich vier international berühmte Zeichner agierten. Und Nie Jun aus China stahl allen die Schau, weil er binnen Sekunden Figuren auf dem Papier zum Leben erwecken konnte. Doch was hilft das, wenn die Handlung der zu erzählenden Geschichte so banal ist? Es war zwar bemerkenswert zu beobachten, wie einige Zeichner selbst für sie auf dem Kopf stehende Elemente eines Bildes ergänzen konnten, ohne dass es einen Bruch in den Linien gegeben hätte, doch das war mehr Artistik als Beseeltheit. Das Festival von Angoulême hat einen Mythos zugunsten größerer Popularität geopfert. Darüber aber beklagt sich niemand.

30. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
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