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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

29. Jun. 2015
von Andreas Platthaus
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Besser klauen

Diesen Comic über eine Ladendiebin hätte ich fast gestohlen. Nein, nicht ernsthaft, aber als ich ihn zu Jahresanfang während eines Privatbesuchs in Brooklyn als englisches Original in einem Comicladen liegen sah und darin  blätterte, kam bei mir der Gedanke auf, ob Lektüre einen Einfluss auf das eigene Handeln insoweit haben kann, dass es Elemente der Handlung nachvollzieht. „Shoplifter“ spielt in New York (oder zumindest einer sehr ähnlichen Metropole; der Name der Stadt fällt nie) und sieht als Comic so unverschämt gut aus – zumindest für Liebhaber des Stils von Adrian Tomine oder Daniel Clowes, wie ich es bin –, dass man ihn unbedingt besitzen möchte. Aber egal, ob gekauft oder gestohlen, es hätte Gewicht im Fluggepäck ergeben, und im selben Laden lag auch der hinreißende Sammelband mit den „New Yorker“-Zeichnungen von Tomine. Unentbehrlich natürlich und wohl kaum je als deutsche Übersetzung zu erwarten, während „Shoplifter“ vielleicht doch … Und ja, kaum ein halbes Jahr später liegt die deutsche Fassung vor mir. Ehrlich bleiben zahlt sich aus. Den Tomine-Band hatte ich gekauft.

„Shoplifter“ stammt von Michael Cho, einem mir zuvor unbekannten kanadischen Zeichner aus Toronto, dessen Website (http://chodrawings.blogspot.de/) einen Besuch lohnt. Das er ursprünglich aus Südkorea stammt, verbindet ihn mit dem in San Francisco lebenden Tomine, der wiederum japanischer Abstammung ist. Als These mag es gewagt klingen, aber die Verbindung einer so bildorientierten Kultur wie der ostasiatischen mit den amerikanischen realistischen Erzähltraditionen scheint Comicbegabung zu begünstigen. Mit seiner Debüterzählung (nach etlichen Illustration und dem schönen Zeichnungsband „Back Alleys and Urban Landscapes“ über Toronto) landete Cho gleich bei Pantheon, dem renommiertesten Verlag in den Vereinigten Staaten für Graphic Novels.

Auf Deutsch hat sich immerhin Egmont der Sache angenommen und den amerikanischen Titel beibehalten, wobei „Ladendiebin“ nicht schlechter gewesen wäre, zumal man sich dann den sehr dummen Untertitel „Mein fast perfektes Leben“ hätte sparen können. Denn das Leben der Protagonistin Corrina Park ist keinesfalls nahe an der Perfektion. Im Beruf als junge Werbetexterin fühlt sie sich nicht wohl, ein Gruppentyp ist sie auch nicht, allein lebt sie sowieso – wobei es zu Hause immerhin den Kater Anäis gibt. Und das leichten Prickeln, den ihr die Gelegenheitsdiebstähle verschaffen, billiges Zeug, eine Zeitschrift etwa, in nächsten Supermarkt. Nicht, dass sie es nötig hätte, aber es ist das einzige Ungewöhnliche in ihrem Alltag.

Es geht also bei Cho nicht um einen Krimi, sondern um eine psychologische Studie des gut bezahlten Angestellten- und Singledaseins in einer modernen Großstadt. Und hätte Cho seine Geschichte konsequent erzählt, dann wäre daraus mehr geworden als das letztlich harmonistische Geschehen, in das sich „Shoplifter“ verwandelt. Es ist – und das hätte es weiß Gott nicht sein müssen, auch nicht sein dürfen – ein Feelgood-Comic und also doch eine Apologie ebendieses Lebens, das Corrina Park führt. Und das ist angesichts dessen, wie Cho es anlegt, ein verlogenes Projekt.

Allerdings ein sehr gut anzusehendes. Als einzige Zusatzfarbe in den bewusst ohne Rahmenlinien gehaltenen Panels wird ein Rosarot verwendet, das weniger auf ein Happy Ending verweist als auf die Intensität der Existenz in der Stadt (Leseprobe: http://www.egmont-graphic-novel.de/graphic-novel/shoplifter/). Es brechen plötzlich stumme doppelseitige Stadtansichten ins Geschehen ein, und Cho ist generell ein Meister der Perspektivverschiebungen – mag sein, dass ihm bei seinem optishen Einfallsreichtum der Rat des Graphikers und Buchgestalters Chip Kidd, dem er eigens dankt, eine gewisse Hilfe gewesen ist. Wenn er zu diesen ästhetischen Fertigkeiten auch noch eine erzählerische Ader entwickelt, dann dürfte aus Michael Cho einer der interessantesten nordamerikanischen Comickünstler werden. Einer, der den jetzt Etablierten die Schau und sich in unser Gedächtnis stiehlt. Letzteres ist den Bildern von „Shoplifter“ schon gelungen.

29. Jun. 2015
von Andreas Platthaus
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23. Jun. 2015
von Andreas Platthaus
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Schauen Sie mal nicht nur auf die Frauen

Das, was mir selbst in jungen Jahren einmal modern vorkam, ist längst historisch, und so ist es eine zwiespältiger Erfahrung, einen prachtvollen Band aufzuschlagen, in dem die „Valentina“-Gesichten des italienischen Comiczeichners Guido Crepax versammelt sind. Sie erschienen zwischen  1965 und 1972, addieren sich zu immerhin 170 Seiten und sind eine wahre Fundgrube des Grafikdesigns und der Gegenwartskunst jener Jahre. Schon im allerersten Bild debattiert eine New Yorker Partygesellschaft die Op-Art.

Für optische Valeurs ist auch Crepax bekannt, nicht selten auch berüchtigt. Er gilt als der wichtigste Protagonist der Erotikcomics, seit 1975 seine Adaption von Anne Declos‘ pornographischem Roman „Geschichte der O“ in Frankreich erschien, aufwendig gedruckt und geadelt (aber nicht gesellschaftsfähig gemacht) durch Vorworte von Roland Barthes und Alain Robbe-Grillet und dann in etliche Sprachen übersetzt. Für solch ein Thema finden sich überall Liebhaber. Und fortan hatte Crepx seinen Ruf weg, im Guten wie im Schlechten.

Das hat auch auf „Valentina“ abgefärbt, die selbst in kundigen Publikationen gern pauschal als Erotikcomic abgehandelt wird. Gut, Crepax entwickelte die Geschichten in diese Richtung, aber das Ganze bleibt doch äußerst zahm und hat vor allem einen ganz anderen Anspruch. Zu Beginn allemal, denn da ist die junge Mailänder Fotografin Valentina noch gar nicht die Hauptfigur, sondern der amerikanische Kunstkritiker Philip Rembrandt. Für ihn hat Crepax das seit „Tim und Struppi“  altehrwürdige Prinzip des Journalisten als Comic-Held ebenso herangezogen wie die amerikanische Superhelden-Tradition, denn Rembrandt verfügt über die Gabe, mit seinen Augen Menschen zu bannen und technische Gerätschaften außer Funktion zu setzen. Und natürlich führt er ein Doppelleben; in seiner Rolle als Verbrechensbekämpfer nennt er sich Neutron. Valentina ist anfangs nur eine Zufallsbekanntschaft, die ihm beim Lösen eines Falls in Italien begegnet ist.

Was Crepax, der 1933 in Mailand geboren wurde und 2003 dort auch starb, prägte, waren vor allem die Comics eines Mannes, dessen Name weder im Vorwort von Umberto Eco noch im Begleitessay von Paolo Canepelle und Günter Krenn (die den Band auch aus dem Italienischen übersetzt haben) fällt: Alex Raymond. Es ist schon eine Kunst, darüber zu schweigen, wo Neutron/Rembrandt sich bis in die Details an Raymonds berühmtester Figur Rip Kirby orientiert und außerdem etliche Anspielungen auf seine Science-Fiction-Serie „Flash Gordon“ in den „Valentina“-Comics zu finden sind, bis hin zu seitenlangen Phantasmagorien der Heldin, in denen sie sich selbst an die Seite Flashs träumt. Und der ornamentreiche Schwarzweiß-Stil von Crepax hat auch nur ein Vorbild: Raymond natürlich (Leseprobe: http://www.avant-verlag.de/comic/valentina).

Was nicht heißt, dass er nicht noch viel mehr gelesen hat, und einer der großen Reize von „Valentina“ besteht in den persönlichen Elementen, die der Zeichner in die Welt seiner Protagonisten integriert: moderne, aber auch alte Kunst (etwa ein Cranach-Bild als wichtige Schule des Sehens), Comics sonder Zahl, darunter selbst die italienische Zeitschrift „Linus“, in der „Valentina“ veröffentlicht wurde – eine wunderbare Selbstreflexion. Und die französische Rennfahrerserie „Michel Vaillant“, bei der er für den ersten Teil des „Valentina“-Zyklus geradezu hemmungslos klaut. Dazu Filme, Literatur (vor allem deutschsprachige), Musik (vor allem die des zwanzigsten Jahrhunderts mit besonderem Respekt für Alban Berg), Architektur. Es ist ein Fest der Anspielungen und Zitate für jeden Kulturbeflissenen.

Aber die meisten Crepax-Leser haben nur Augen für seine Frauen mit den knabenhaften Körpern und den aufreizenden Stellungen. Die kommen bei „Valentina“ aber erst spät im Gesamtkonvolut, und die diesbezüglich expliziteste Geschichte erzählt von Valentinas Schwangerschaft (sie ist mittlerweile mit Philip Rembrandt liiert), die Crepax die Rechtfertigung für eine geradezu sensationell surrealistische Handlung bietet, die neben sexuellen Reizen auch die ästhetischen Bezüge auf einen Höhepunkt treibt. Dazu kommt seine immer einfallsreichere Seitenarchitektur, die manchmal Parallelstränge inszeniert, die sich auf den oberen beziehungsweise unteren Seitenhälften fortsetzen, dann wieder kurzerhand die Leserichtung umkrempelt (allerdings immer noch sehr bemüht unter Einsatz von Richtungspfeilen, damit auch ja niemand sich im Panelarrangement verläuft) oder das Gescehen in winzigste Bilder unterteilt. Und nichts davon ist l’art pour l’art. Das Großartige an Crepax ist – das wiederum führt Eco schön aus –, dass er stets einen inhaltlichen Grund für seine künstlerischen Innovationen hatte.

Selbstverständlich wirkt „Valentina“ heute vor allem nostalgisch. Und das, was Crepax erzählt, steckt so voller Klischees und Unwahrscheinlichkeiten, dass man kein Wort darüber verlieren müsste, wenn hier nicht Epoche geschrieben worden wäre. Hugo Pratt und er, zwei Italiener also, haben im Gleichschritt das begründet, was später Autorencomic heißen sollte (und heute auf den Namen Graphic Novel hört). In Frankreich dachte man in den sechziger Jahren noch in den alten Rastern von Heftformaten und Abenteuerserien, während Crepax und Pratt diese Rahmenbedingungen dadurch aushebelten, dass sie einfach immer weiter erzählten und zeichneten, so dass endlose Geschichten entstanden („Valentina“ führt zudem ganz am Ende wieder zum Anfang zurück), und die wahren Abenteuer in die Köpfe verlagerten. Weder „Corto Maltese“, Pratts Erfolgsserie, noch „Valentina“ erheben irgend einen Anspruch auf Realitätsbezug, aber sie sind exemplarischen Beispiele einer entfesselten Phantasie.

So ist die neue „Valentina“-Gesamtausgabe, die im Avant-Verlag erschient, Verpflichtung und Chance zugleich. Verpflichtung, weil hier zu lernen ist, wie der Comic wurde, was er ist. Und Chance, weil sie Crepax aus der Schmuddelecke holen kann. Sein „Mann aus Harlem“ wartet auch seit dreißig Jahren auf eine Neuausgabe: Weil er kein Erotikcomic ist, wagte sich niemand daran. Dabei knüpfte er noch einmal dort an, wo Crepax mit „Valentina“ zugunsten seiner erfolgreicheren Pornographie aufgehört hatte: bei Erzeugen von Stimmungen mittels des optischen Einbezugs von akustischer Kunst. Fürwahr, das ist Op-Art in Comicform. Man möchte dem eigenen Auge manchmal nicht trauen bei dem, was Guido Crepax da veranstaltet.

23. Jun. 2015
von Andreas Platthaus
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17. Jun. 2015
von Andreas Platthaus
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Mehr Mut zum Übermut

Andreas Eikenroth ist auf den Geschmack gekommen. Und wir auch. 2013 kam sein Comic „Die Schönheit des Scheiterns“ heraus, eine in einer leicht als Gießen zu identifizierenden mittelgroßen Universitätsstadt angesiedelte Geschichte um die Lebens- und Liebeswirren des Mittzwanzigers Paul, der einerseits einen klassischen Malocherjob in untergeordneter Stellung ausübt, andererseits als Sänger einer lokalen Rockband den Chef spielen möchte. Seine Musikerkollegen, Freunde und Liebschaften legten einen sozialen Kokon um den blondsträhnigen jungen Mann, der so vielfach miteinander verflochten war, dass es für zwei Comics gereicht hätte. Und kaum zwei Jahre später ist der zweite auch schon da.

Diesmal heißt er deutlich profaner „Hummel mit Wodka“, keine Spur mehr vom existenzialistischen Sound des früheren Titels. Aber der Philosoph und Dichter Helge Borchert, der für die Band die Texte schreibt, tritt diesmal ja auch nur in einer Nebenrolle auf. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Band als Kollektiv, obwohl deren Stammbesetzung zur Hälfte kneift, als es mal über den Gießener Umkreis hinaus und nach Hamburg auf Tournee gehen soll. Wobei der tiefere Grund für die Reise Pauls Sehnsucht nach der Kunststudentin Ina ist, in die er sich im ersten Band verliebt hatte und die ihm mittlerweile zwar nicht den Laufpass, aber doch durch ihren Wegzug in die Hansestadt das deutliche Signal gegeben hat, dass diese Beziehung ihr wenig Hoffnung macht.

Soweit zur Ausgangskonstellation. Was macht Eikenroth nun anders als beim ersten Mal? Und ist das klug, wo er doch für „Die Schönheit des Scheiterns“ den ICOM-Preis für das beste Szenario bekommen hatte, eine der wenigen deutschen Comicauszeichnungen und zudem eine ernstzunehmende, wenn auch undotierte? Nun, zunächst einmal hat der Gießener Zeichner und Musiker seinen Stil insoweit perfektioniert, als dass er jetzt wie ein deutscher Klon des frühen Serge Clerc aussieht (Leseprobe: http://www.edition52.de/sites/default/files/LESEPROBE_HUMMEL_MIT_WODKA_0.pdf). Kein Wunder, denn wer wie Eikenroth Jahrgang 1966 ist – der Verfasser weiß, wovon er spricht –, der hat in jener Lebensphase, die die Spreu der Kindercomics vom Weizen der Bildergeschichten für Erwachsene trennte, auf jeden Fall die französischen New-Wave-Comics wahrgenommen, die damals durch den seinerzeitigen Klein- und heutigen Großverleger Benedikt Taschen nach Deutschland kamen und einen ihrer wichtigsten Protagonisten in Serge Clerc hatten – zumal einen, für den Rockmusik das wichtigste Thema war. Und so sieht denn Eikenroths Held Paul aus wie ein etwas abgefuckter Sam Bronx. Aber Gießen ist ja auch nicht Paris.

Aber auch nicht Hamburg, und aus dem Besuch der vier mittelhessischen Provinzler in der Großstadt zieht „Hummel mit Wodka“ dementsprechend einen Großteil seines Humors. Der fällt etwas brachialer aus als im ersten Band, was aber auch daran liegt, dass mit dem Ersatzschlagzeuger Uwe ein besonders schlichtes Gemüt mitreist, was diesen Unglücksraben allerdings nicht daran hindert, sich für unwiderstehlich und vor allem ortskundig (daher das „Hummel“ aus dem Titel) zu halten. Die weitgehende Abwesenheit von Ina, die diesmal lediglich zwei Auftritte hat, wird nur halbwegs kompensiert durch die Cellistin Sani, die den zu Hause gebliebenen Stammbassisten Stefan ersetzen soll, aber schon vorzeitig wieder die Rückfahrt nach Gießen antritt, so dass die Männer am Ende unter sich sind. Mit denen fühlt sich Eikenroth aber eh wohler; Frauenfiguren sind seine größte Stärke nicht.

Was nichts macht, denn das geht Sven Regener oder Detlef Buck, um zwei im Humor vergleichbare Erzähler aus anderen Kunstformen zu nennen, nicht anders. Eikenroth hat wie sie keine Scheu, auch mal die schnelle Pointe zu suchen und auf tiefenpsychologische Erörterungen seines Personals zu verzichten. Deshalb kommt auch nie die Frage nach autobiographischem Hintergrund auf, obwohl es da einige Berührungspunkte gibt, aber hier wird so lustvoll klischeereich erzählt, dass man das dem Leben doch nicht ganz zutraut. Da hat sich Eikenroth gegenüber dem ersten Teil noch einmal gesteigert.

Und doch ist die Überraschung nicht mehr so groß, weil man den kleinen Gießener Kreis ja schon kennt und durch ein paar Hamburger Begegnungen nicht viel neue Skurrilität dazukommt. Vor allem der Antagonist von Paul, ein blendend aussehender Rastamann, der in einem der Clubs arbeitet, in dem die Band auftritt, bleibt trotz Tätowierungen und Großkotzgehabe zu blass – beim finalen Aufeinandertreffen macht er enttäuschen schnell schlapp. Nur der Mann, der dafür verantwortlich ist, ein aus Schwaben zugezogener Clubbesitzer namens Florian, der sich aber als Russenmafioso Dragan ausgibt (daher der Wodka aus dem Titel des Comics), ist eine echte Bereicherung des Ensembles.

So liest man „Hummel mit Wodka“ mit großem Vergnügen und doch etwas Enttäuschung. Wenn Eikenroth einmal ungewöhnlich wird, etwa bei jenem Panel, auf dem Paul all seinen Charme einsetzt, um Sani zum Eintritt in die Band zu bewegen, dann ist das großartig, weil plötzlich der allzu vertraute Clerc-Stil gebrochen wird mit einem Manga-Zitat. Aber solchen Mut zum Übermut gibt es zu selten.

Andererseits ist es ein Zeichen von großer Courage, überhaupt einen Erfolg wie „Die Schönheit des Scheiterns“ fortzusetzen. In Deutschland gibt es zu viele Comiczeichner, die sich ständig neu erfinden wollen, und deshalb entsteht nur selten eine den französischen Vorbildern folgende Serie mit stehendem Personal. Eikenroth macht nun vor, wie das geht, und dass er ganz zum Schluss noch eine Volte einsetzt, die alles, was man vorher gelesen hat, plötzlich auch ganz anders deuten ließe, zeigt großes erzählerisches Geschick. Bitte noch mal den ICOM-Szenario-Preis für ihn. Und gern noch ein paar Käufer mehr, das wäre ihm und dem wunderbaren Wuppertaler Kleinverlag Edition 52 zu gönnen.

 

PS: Ein paar Mal hüpft ein Eichhörnchen scheinbar funktionslos durch die Handlung. Das kenne ich aus den Romanen von Marc Degens, zuletzt etwa „Fuckin Sushi“. Dort hat es etwas zu bedeuten, wie ich weiß, auch wenn ich noch immer nicht weiß, was. Gibt es unter den deutschen Erzählern eine Art Eichhörnchenverschwörung?

 

17. Jun. 2015
von Andreas Platthaus
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08. Jun. 2015
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Comic von der großartigen Gestalt

Erinnern Sie sich noch an die Comicserie „Don Quijote“, die Flix 2012 fürs Feuilleton der F.A.Z. gezeichnet hat und die dann später gesammelt als Band bei Carlsen erschienen ist? Das war eine wunderbare Aktualisierung des Klassikers, die die Abenteuer des Ritters von der traurigen Gestalt aus der spanischen Mancha des sechzehnten Jahrhunderts ins moderne Mecklenburg-Vorpommern unserer Gegenwart verlegte, und plötzlich kämpfte der Held, ein demenzkranker alter Herr, nicht gegen Windmühlen, sondern gegen Growiane – aber buchstäblich, denn er zog gegen die Landschaftsverschandelung ins Feld. Sein Sancho Pansa war ein kleiner Junge im Batman-Kostüm, und überhaupt passte alles großartig in das alte Muster von Cervantes. Auch so kann man die zeitlose Qualität eines Buchs bestätigt finden.

Nun flattert mir ein neuer Don-Quichote-Comic (ja, diesmal mit „ch“ statt mit „j“) auf den Tisch – oder besser: Er knallt darauf, denn das Buch ist 300 Seiten stark und trotz Graphic-Novel-Format schwergewichtig, weil der Egmont-Verlag den Käufern etwas fürs Geld bieten will. Ich war fest entschlossen, ihn ganz schrecklich zu finden, denn „Don Quichote“ einfach zu adaptieren, ohne große Abweichung, das schien mir – gelinde gesagt – wenig vielversprechend. Wie man sich täuschen kann!

Der Zeichner Rob David, der sowohl das Szenario wie die Bilder verantwortet, kannte ich nicht. Er ist Engländer, und zwar einer jener Landsleute im Comicgeschäft, die ihr Geld wirklich noch daheim verdienen und nicht bei den amerikanischen Superheldenverlagen. Wobei „Judge Dredd“- oder „Doctor-Who“-Comics auch nicht unbedingt als Empfehlung taugen. Aber sein „Don Quichote“ ist toll.

Woran liegt das? Erstaunlicherweise daran, dass er so nahe an der Vorlage bleibt. Keine Aktualisierung, alles ganz wie im Buch, vom ersten, noch einsamen Ausritt bis zur gemeinsamen Abenteuertour mit Sancho Pansa. Sogar die Erzählfiktion wird übernommen – mit einer Ausnahme: Davis lässt den Autor Cervantes aus einem vergitterten Fenster heraus zum Leser sprechen und zieht damit noch eine Fiktionalitätsebene mehr ein, die aber weder aufgesetzt noch banal ist.

Ansonsten überzeugt dieser Comic vor allem durch das Geschick, mit dem Davis seinen Stil wandelt. Für die Geschichten in der Geschichte (beispielsweise Erzählungen von Menschen, auf die Don Quichote trifft) benutzt er andere zeichnerische Mittel, um die entsprechenden Passagen als Fiktion in der Fiktion zu kennzeichnen. Da wird es wahlweise graphisch historisch oder bilderbuchgemäß, kindlich schlicht oder fantasymäßig opulent, jeweils eben so, wie es zum Tonfall der Episoden passt. Das einzige, was ich bemängele, ist eine durchweg etwas zu blasse Kolorierung.

Aber was soll’s, wenn man so viel Spaß an der Lektüre hat und sich vor allem beim Lesen tatsächlich vor allem an die früheren Erlebnisse mit dem Original erinnert (Leseprobe unter http://www.egmont-graphic-novel.de/graphic-novel/don-quixote/). Dieser Comic frischt alles wieder auf, und wer den „Don Quichote“ tatsächlich noch nicht gelesen haben sollte, der bekommt hier wirklich einmal das geboten, was bei Literaturadaptionen so gern behauptet und so selten eingelöst wird: eine lusterregende Hinführung zum Buch.

08. Jun. 2015
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01. Jun. 2015
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Der Russe ist einer, der Blut liebt

Jerome Charyn ist Ende siebzig alt, aber unermüdlich. Der amerikanische Schriftsteller hat nicht einmal mit den eigenen Krimis genug, er betätigt sich auch als Szenarist, besonders gern europäische Zeichner (denn wie sollte in den Vereinigten Staaten ein literarischer Genrecomic Platz am Markt finden?). Für den Schweizer Andreas Gefe hat er schon einmal geschrieben und für Francois Boucq gleich mehrfach, denn diesem 1955 geborenen Franzosen verbindet Charyn die Vorliebe für Hardboiled-Stories. Ihr jüngstes, mittlerweile schon drittes gemeinsames Werk heißt „Little Tulip“. Gerade ist es bei Splitter erschienen.

Es beginnt in New York, Charyns Heimatstadt, die er so gut kennt und immer wieder gern zum Schauplatz seiner Geschichten macht. Diesmal sielt das Geschehen 1979, und Boucq rekonstruiert mit sichtbarer Freude eine Metropole, die damals in ihrer schwersten Krise steckte: Gewaltexzesse, wirtschaftlicher Niedergang, Mafia. Boucq war schon immer ein Künstler des Extremen, seine Figuren sind nie schön, oft ein wenig grotesk, regelmäßig skrupellos. Der Mittvierziger Paul, ein Tätowierer, passt allerdings nur teilweise in dieses Schema.

Paul ist das Kind amerikanischer Kommunisten, die in den späten dreißiger Jahren in die Sowjetunion emigriert sind. Ein  Fehler, denn im Kalten Krieg fallen sie Stalins Misstrauen zum Opfer, und die dreiköpfige Familie wird in den GULag verschleppt. Dort wird der mittlerweile Halbwüchsige von den Eltern getrennt, die beide im Lager den Tod finden. Paul aber überlebt, weil er ein großes Zeichnertalent besitzt und bei einer Häftlingsbande als deren Nachwuchstätowierer reüssiert.

Es ist üblich bei Charyn, dass er als Szenarist die spezifischen Interessen seiner Comiczeichner bedient – hier das Zeichnen selbst zum zentralen Motiv macht. Zugleich wird die physische Drastik, die Bouc zu seinem Markenzeichnen gemacht hat, mit einer Lagergeschichte aus dem hohen sowjetischen Norden besonders herausgefordert. Da wird nach Strich und Faden gemordet, gequält, verstümmelt und ausgebeutet. Die Häftlinge sind sich gegenseitig die schlimmsten Feinde – oder besser: Die Ukrainer im Lager treiben es besonders schlimm. Und ein Vierteljahrhundert später wird Paul seine einstigen Peiniger in New York wiedertreffen.

Die Handlung wechselt zwischen der Sowjetunion der vierziger und fünfziger Jahren und dem New York der Siebziger hin und her. Das amerikanischen Geschehen dreht sich um einen Serienmörder, der als Weihnachtsmann verkleidet Frauen abmeuchelt. Auch im Land der Freien geht es übel zu, aber welche Überraschung: Es gibt auch über die Untaten eine Verbindung zu Pauls russischer Vergangenheit. Mehr sei besser nicht verraten.

Boucq steht in der realistischen Tradition von Jean Giraud und Hermann. Das ist erst einmal gut. Seine Dekors sind akribisch, seine Farben geschickt eingesetzt, seine Seitenarchitekturen abwechslungsreich, aber niemals effekthascherisch (zwölf Probeseiten finden sich unter http://www.splitter-verlag.eu/little-tulip.html). Sehr solider Mainstream also, aber das muss man ja auch erst einmal hinbekommen. Wenige Zeichner sind handwerklich so sicher wie Francois Boucq.

Überraschungen darf man seit etwa zehn Jahren aber auch nicht mehr von ihm erwarten. Er galt einmal als großer Satiriker, das ist vorbei. „Little Tulip“ ist bierernst. Und Charyn nutzt für seine Erzählung alle Klischees über sowjetische Gewalttätigkeit, die man kennt: Willkür, Grausamkeit, Verrat, Heimtücke. Dass die besonders bösen Figuren gerade Ukrainer sind, dürfte keine politische Absicht sein, ist allerdings doch extrem auffällig. Wobei Charyn sich auf die historischen Lagererzählungen stützen kann, die oft von ukrainischen Häftlingsgruppen berichten, die ihren Leidensgenossen das Leben noch mehr zu Hölle machten.

Warum der Band „Little Tulip“ heißt, obwohl das Tätowiermotiv der kleinen Tulpe nie englisch bezeichnet wird, ist rätselhaft – mutmaßlich glaubten französischer und deutscher Verlag, dass es besser klingt. Und warum ganz am Schluss alles noch ins Mystische abdriftet, würde man gern von Charyn erfahren. Vermutlich hält er Russen für so irrational wie nur möglich. Des ungeachtet, liest sich der Band gut, sofern man sich an hardboiled-typischen Grausamkeiten verschiedenster Provenienz nicht allzu sehr stört. Die Lösung des New Yorker Kriminalfalls allerdings ist enttäuschend. Die Vergangenheit von Paul ist weitaus interessanter zu lesen als seine amerikanische Lebensphase.

01. Jun. 2015
von Andreas Platthaus
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26. Mai. 2015
von Andreas Platthaus
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Deutsche Doppelmonarchie

Kürzlich setzte sich im Zug Ralf König neben mich. Er schaute auf meine Lektüre, Hendrik Dorgathens Comic „Space Dog“ (erschienen 1993, aber immer noch einer der besten deutschen Comics), und fragte mich mit Verweis auf die darunterliegende Tageszeitung, ob das nun für mich die Kür nach der Pflichtlektüre sei. Ich nickte, wobei es nicht ganz stimmte, denn gute Comics zu lesen ist nicht weniger Pflicht als das Interesse am Zeitgeschehen. Er selbst, sagte Ralf König, möge Comics auch sehr gern, allerdings solche, für die er bisweilen seltsam angesehen werde von seinem Umfeld. Denn da gehe es bisweilen sehr drastisch zur Sache, zum Beispiel in seinem persönlichen Lieblingsband „Superparadise“ mit all diesen Schwulen, die da ohne falsche Rücksichtnahme in exzessiven Liebesszenen auftreten. Dabei sei er selbst gar nicht homosexuell, versicherte Ralf König.

Aber solche Comics machten prominent. Als er vor einiger Zeit in Köln in einem Hotel einchecken wollte, habe man ihm angeboten, zum gleichen Preis eine Suite zu beziehen – nur weil er als Ralf König identifiziert worden sei. Das habe er aber abgelehnt. Bisweilen rufe er auch die Facebookseite mit seinem Namen ab, sehe sich an, was von Ralf König da wieder gepostet worden sei und vergebe das eine oder andere Like. „Zurückgeliket“ worden sei er jedoch noch nie.

Bevor nun bei meinen Lesern die Vermutung entsteht, Ralf König litte an einer schweren Identitätskrise oder wäre zumindest ein monomanischer Idiosynkrat, sei aufgeklärt, dass es sich bei meinem Mitfahrer um einen Herrn gleichen Namens, aber aus einer ganz anderen Gegend handelt (obwohl beider Geburtsorte, wie der zweite Ralf König mir sagte, nicht allzu weit voneinander entfernt liegen) und auch nicht um einen Comiczeichner, sondern um einen Psychologen. Schon oft habe ihm sein Name Ralf König große Sympathien beschert, denn ganz unähnlich sehe er dem Comicstar ja nicht (einerseits ja: beide haben einen schütteren Vollbart, andererseits nein: der andere Ralf König ist fülliger als der berühmte). Ungefähr im selben Alter sind die beiden auch noch, und die sexuelle Orientierung sieht man den Menschen ja nicht an. Erst kürzlich wieder sei ihm, dem zweiten König, das bei der Kontrolle seiner Bahncard passiert. Der Schaffner habe ihn angestarrt wie ein Wundertier, doch bevor der etwas habe sagen können, habe er selbst abgewiegelt: Nein, nein, ich bin nicht der, an den Sie denken. Nicht der bekannte Ralf König.

Die Filme, die man nach den Comics seines Namensvetters gemacht hat, möge er nicht, zumindest nicht „Kondom des Grauens“, den er neulich gesehen habe. Aber die Comics seien allesamt großartig, denn hinter der gefälligen Oberfläche verberge sich viel mehr, als man erwarte: gesellschaftliche Fragen zum Beispiel. Und komisch sei es auch immer. Er selbst sei übrigens gerade unterwegs zu einem Parteitag, politisches Engagement mache ihm Spaß. Jetzt erst bemerkte ich die signifikanten Farben von Hemd und Krawatte. Dann war die gemeinsame schöne Zeit mit Ralf König auch schon wieder vorbei; wir stiegen beide aus, unsere Wege trennten sich. Der andere, der berühmte Ralf König dürfte sich wundern, wenn er wüsste, in welcher Partei sein Namensdouble aktiv ist. Und wenn er das hier liest, könnte er den weniger berühmten Ralf König ja mal zurückliken. Solche Fans wünscht man sich doch.

26. Mai. 2015
von Andreas Platthaus
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15. Mai. 2015
von Andreas Platthaus
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Auch ich in Ostasien

Der Titel ist das klügste an diesem Comic: „Ein schöner kleiner Krieg“ zitiert die Einschätzung des amerikanischen Diplomaten John Hay zurück, der den spanisch-amerikanischen Krieg von 1898 „a splendid little war“ genannt hat. Allerdings erst nach dessen Ende, das ein für die Vereinigten Staaten glückliches war. Der Zynismus, für den diese Einschätzung weltberühmt wurde, war also ein gemilderter; keinesfalls dachte man im Vorhinein schon so über den Waffengang, der Amerika endgültig zur Weltmacht beförderte. Und im Vergleich mit dem, was das nächste Jahrhundert brachte, war der dreieinhalbmonatige Krieg tatsächlich eher von Kleinformat: betreffs seiner Dauer und der Zahl der Opfer; auf beiden Seiten wurden zusammen etwas mehr als 10.000 Gefechtstote gezählt.

Im Vietnamkrieg starben dagegen allein auf amerikanischer Seite mehr als 50.000 Soldaten, und die Verluste an Menschenleben unter den Vietnamesen in den fast anderthalb Jahrzehnten seiner Dauer können nur geschätzt werden, gehen aber über eine Million hinaus. Deshalb ist die Titelwahl von Marcelino Truongs Comic, der vor drei Jahren in Frankreich erschien, eine bewusst bittere: So leichtfertig, will er sagen, haben die Amerikaner ihn durch die Unterstützung Südvietnams ausgelöst. Krieg als Fortsetzung der Politik, aber nicht im Clausewitzschen Sinne als wohlbedachte Aktion, sondern als Ersatz politischen Handelns.

Marcelino Truong wurde 1957 als drittes Kind eines südvietnamesischen Diplomaten und einer Französin geboren und wuchs teilweise in den Vereinigten Staaten auf, wohin sein Vater versetzt worden war. Dort setzt der Comic ein. 1961 aber wurde der Vater nach Saigon zurückbeordert, und die Familie zog mit um. Das war das Jahr, in dem Präsident Kennedy eine Verstärkung der amerikanischen Unterstützung Südvietnams gegen den kommunistischen Nordteil des Landes beschloss, womit Ngô Dinh Diêm gestärkt wurde, der in Saigon seit 1956 regierte. Als Katholik wurde er in dem mehrheitlich buddhistischen Land argwöhnisch betrachtet, und sein machtgieriger Clan tat ein Übriges, um den südvietnamesischen Präsidenten unpopulär zu machen. Der Vater von Marcelino Truong aber war als Übersetzer für Französisch und Englisch einer von Diêms engen Vertrauten.

Zwei Jahre blieb die nach der Geburt einer zweiten Tochter bald sechsköpfige Familie in Vietnam, ehe die angesichts der fremden Kultur und politischen Lage am Rande des Nervenzusammenbruchs befindliche Mutter einen abermaligen Umzug erzwang. Deshalb deckt der autobiographische Bericht von Truong nur die früheste Phase des Krieges ab, damals waren noch gar keine amerikanischen Soldaten an den Kampfhandlungen beteiligt. Was der rund 270seitige Band aber leistet, ist ein Blick auf etwas, das sonst meist zu kurz kommt, nämlich die südvietnamesische Seite.

Wie Marjane Satrapi („Persepolis“) oder Riad Sattouf („Der Araber von morgen“) erzählt Truong streng aus Kindersicht. Oder nein, doch nicht streng genug, denn das, was den beiden anderen in ihren international vielbeachteten Comics gelungen ist, das traut sich Truong nicht. Er erklärt laufend die realen Ereignisse und Hintergründe, statt sich auf die kindliche Perspektive zu verlassen, die zwar vieles offen lassen muss, aber dafür umso eindrucksvoller Dinge in den Mittelpunkt stellen kann, die ungewöhnlich sind – und unbekannt in Europa. Bei „Ein schöner kleiner Krieg“ wird dauernd erläutert, Truong traut der Relevanz seiner eigenen Beobachtungen nicht. Und seinen Lesern traut er  nichts zu.

Es ist ein Comic für Menschen, die nichts von Comics verstehen und deshalb alles kommentiert lesen müssen, was man auch einfach hätte zeigen können, ohne darüber eigens Worte zu verlieren. Das ist ja die eigentliche Kunst dieser Erzählform. Dass Truong überdies einen graphischen Stil benutzt, den Guy Delisle in seinen Erlebnisberichten aus Nordkorea, China, Birma und Israel schon so perfektioniert hat (Leseprobe: http://www.egmont-graphic-novel.de/graphic-novel/ein-schoener-kleiner-krieg/), dass jede Übernahme für verwandte Bücher wie ein billiges Plagiat wirken muss, trägt auch nicht zur Begeisterung bei. Immerhin hat Truong aber auch woanders Anleihen gemacht (farblich bei Loustal), so dass er zumindest mehrere ästhetische Versatzstücke zu einem Ensemble zusammenfügt, dass als Montagearbeit taugt.

Aber originell ist nichts von dem, was er erzählt, zeigt oder zeichnet. Dass solche Comics ihren Weg nach Deutschland finden, ist dennoch ein gutes Zeichen. Denn es demonstriert, wie begierig selbst die etablierten Verlage (in diesem Falle Egmont) nach Material sind, das einigermaßen ins Schema von erfolgreichen Phänomenen – Graphic Novel, Autobiographie, Zeitgeschichte – passt.

15. Mai. 2015
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11. Mai. 2015
von Andreas Platthaus
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Was ist besser: Film oder Comic?

Ich erinnere mich genau an den Kinobesuch, weil ich mich an so wenig von dem erinnere, was ich damals sah. 2007 kam „Der goldene Kompass“ heraus, gedreht mit Stars wie Nicole Kidman und Daniel Craig, doch kein Bild ist bei mir haftengeblieben, auch kaum etwas von der Handlung. Na gut: die gepanzerten Eisbären, die Panzerbären, weil die sich von gefürchteten Feinden zu guten Freunden der Hauptperson, der jungen Lyra, wandelten. Und die Daemonen (ja, mit ae), jene animalischen Seelenwesen, die jedem Menschen beigegeben sind, wobei  deren Erscheinung erst im Erwachsenenalter festgelegt wird. Deshalb kann Lyras Begleiter Pantalaimon, kurz Pan gerufen, von der üblichen Hermelingestalt auch rasch mal in die eines Fischs, Vogels oder sonstigen Tiers wechseln. Für solche Kapriolen ist das Kino mit seiner reichen Tricktechnik natürlich ideal.

Aber das Kino hat zu wenig Zeit, zumindest für diese Adaption. Die Verfilmung beruhte auf dem 1995 erschienen Roman „Northern Lights“, der auf Deutsch (und auch in den Vereinigten Staaten) mit „Der goldene Kompass“ betitelt ist, obwohl gar keiner im Buch vorkommt. Das war der erste Band  einer Fantasy-Trilogie namens „His Dark Materials“, die der britische Autor Philip Pullman als bewussten Gegenentwurf zur Trilogie „Die Chroniken von Narnia“ des Amerikaners C.S. Lewis konzipiert, in der ein christliches Religionsideal vertreten wurde. Pullman setzt dagegen eine aufklärerische Haltung, die gegen religiöse Sicherheiten und Autoritäten argumentiert.

Im vergangenen Jahr ist in Frankreich ein Comicalbum namens „Der goldene Kompass“ erschienen, adaptiert von Stéphane Melchior und gezeichnet von Clément Oubrerie, der bislang vor allem für seine Zusammenarbeit mit Marguerite Abouet an dem sechsteiligen Comic „Aya“ über die Erlebnisse einer jungen Ivorerin in deren Heimat an der Elfenbeinküste bekanntgeworden ist. Im Auftaktband zu „Der goldene Kompass“, der prompt beim Comicfestival von Angoulême im Januar als beste Jugendpublikation ausgezeichnet wurde. Carlsen, auch deutsche Heimat der Pullman-Bücher, hat den Band jetzt bereits übersetzen lassen, eine Leseprobe findet sich hier: http://www.carlsen.de/softcover/der-goldene-kompass-comic-band-1/58060.

Die Begeisterung der Jury von Angoulême wie auch Philip Pullmans selbst, der vom Verlag mit dem Satz „Ich bin völlig begeistert und alles in allem denke ich, dass dies die beste aller möglichen Adaptionen des Romans ist“ zitiert wird (obwohl er ja erst zwei Versuche zu begutachten hatte), ist schwer nachvollziehbar, wenn es auch ein lesenswerter Comic geworden ist, der äußerst geschickte Farbeffekte zur Stimmungsprägung zu bieten hat. Doch die Verquickung von den Lesern vertrauter englischer Welt und phantastischen Ländern im hohen Norden gelingt hier nicht, weil die opulente Oubreriesche Graphik alles wunderschön und damit sehr ähnlich macht. Auch die geschickt zeitenthobene Handlung von Pullmans Original wird hier durch etliche Details eher auf ein ziemlich exaktes frühes zwanzigstes Jahrhundert festgelegt. Die visuelle Konkretisierung schadet also der phantastischen Erzählweise.

Das ist ein interessantes Phänomen, das sich indes bei vielen Romanadaptionen feststellen lässt, und nicht nur im Comic. Gerade die Verfilmungen leiden darunter, und „Der goldene Kompass“ ist da ein besonders abschreckendes Beispiel, weil unsere eigenen Phantasien von den Interpretationen der Filmemacher (oder eben auch des Comiczeichners) negiert werden. Gegen das Hollywood-Spektakelvehikel ist Melchiors und Oubreries französischer Autorencomic tatsächlich ein Muster an Dezenz, aber beide Versionen verblassen gegenüber dem Anspielungs- und vor allem Assoziationsreichtum von Pullmans Vorlage. Allerdings sind wir mit dem mehr als siebzigseitigen Comic erst bei der Hälfte des Buchs angelangt, vielleicht steigert sich das Gespann also noch. Und vielleicht kommen sie dann irgendwann auch zum zweiten oder gar dritten Band, die Hollywood wohl nicht mehr zu liefern gedenkt, nachdem der Erfolg der Verfilmung von „Der goldene Kompass“ (völlig berechtigt) ausblieb.

11. Mai. 2015
von Andreas Platthaus
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04. Mai. 2015
von Andreas Platthaus
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Mit Mangakräften durchs Eismeer

Jetzt auch Hinstorff. Wer oder was Hinstorff ist? Ein extrem interessanter Rostocker Verlag mit großer DDR-Vergangenheit insofern, als dass damals dort Bücher erscheinen konnten, die es in anderen ostdeutschen Häusern, die näher an oder gar in Ost-Berlin lagen, schwer gehabt häten. Ich sage nur Ulrich Plenzdorfs „Neue Leiden des jungen W.“. Oder denken wir an Jurek Becker, Gert Neumann, Franz Fühmann. Aber Hinstorff ist noch viel älter, gegründet 1831. Und nun, nach 184 Jahren, erscheint der erste Comic des Verlags. Und es ist keine Lizenzausgabe eines ausländischen Erfolgs, sondern eine Eigenproduktion, geschrieben und gezeichnet von einer Debütantin, also ein Wagnis. Schön, dass Hinstorff es eingeht.

Es dürfte sich lohnen. Der Comic heißt „Im Eisland“ und stammt von Kristina Gehrmann, die keine Rostockerin ist, sondern in Hamburg lebt. Hansestadt und Hansestadt verbindet natürlich die Liebe zur Seefahrt, und das heutige Programm von Hinstorff rekrutiert sich zu nicht unwesentlichen Teilen neben Heimatlichem aus Maritimem. Da passt „Im Eisland“ gut rein.

Kristina Gehrmann erzählt darin die Geschichte der Franklin-Expedition. Für Freunde der Polarregion oder Liebhaber großer Entdeckergeschichten muss ich nicht mehr sagen. Für die anderen: Sir John  Franklin leitete 1845 eine aus zwei Schiffen bestehende Expedition aus, die sich in staatlichem Auftrag und mit privaten Geldern finanziert zum Ziel gesetzt hatte, die Nordwestpassage zu finden, also eine Schiffsroute vom Atlantik in den Pazifik oberhalb von Kanada. Die Schiffe verschwanden, und Suchmissionen konnten in den Folgejahren durch einzelne Spuren nur feststellen, dass 1848 die letzten Überlebenden der ursprünglich 134 Mann gestorben waren – verhungert, erfroren, von Krankheiten getötet. Im Herbst 2014 erst wurden in der kanadischen  Victoria Strait Schiffsreste im Meer gefunden, die als eines der beiden Franklin-Schiffe identifiziert werden konnten. Der Expeditionsleiter selbst war schon 1847 gestorben.

Ein großer Stoff also, ein schrecklicher, ein höchst umstrittener zudem, denn schon die ersten Suchexpeditionen hörten von Eingeborenen der Polarregion, dass einzelne Angehörige der Schiffsbesatzungen aus Hunger angefangen hätten, die Leichen ihrer Kollegen zu verspeisen. Das rührte ans Ehrgefühl der Royal Navy, und bis heute ist die Debatte darüber nicht beendet. Gehrmann selbst schreibt auf ihrem Blog „Mondhase“ (http://www.mondhase.com/just-drew-graphic-novel-franklin-expedition/), sie wäre so besessen von all den offenen Fragen um die Franklin-Expedition gewesen, dass sie den Comic einfach zeichnen musste. Respekt, wenn’s stimmt. Denn es sind insgesamt sechshundert Seiten geworden.

Die ersten zweihundert sind nun erschienen, als Band 1 der Trilogie „Im Eisland“. Gehrmann fiktionalisiert das Geschehen an Bord notgedrungen, denn man weiß ja nur anhand einiger aufgefundener Dokumente, was passiert ist, alle Beteiligten starben, bevor einer etwas aus eigenem Erleben hätte berichten können. Im Mittelpunkt des ersten Bandes steht der zwanzigjährige Oberheizer John Torrington, der aus Abenteuerlust und finanziellen Gründen (doppelte Heuer als Gefahrenzulage) mit an Bord ging. Am Ende des Comics ist Torrington tot, als erster der Expedition gestorben an Schwindsucht und Lungenentzündung. Es ist ein wohlkalkulierter Schock, den Gehrman ihren Lesern zum Schluss des ersten Teils verpasst, denn wie das Ganze ausgeht wissen wir ja: Am Ende von Band 3 werden alle tot sein. Dass der vermeintliche Hauptheld schon nach dem erstzen Drittel stirbt, signalisiert, dass es einige Überraschungen geben wird.

„Im Eisland“ ist aufgemacht wie ein Manga (Leseprobe unter https://www.hinstorff.de/modules/pdfreader/uploads/0003bdd95411c413e2d683ec1e6d9e1a.pdf), und Gehrmanns Zeichenstil verdankt der japanischen Erzählweise viel (die Schwarzweiß-Rastertechnik, die oft noch kindlichen Gesichter, die Seitenarchitektur). Das ist aber keinesfalls von Schaden, denn zugleich hat sie auch die akribische Recherche übernommen, die japanische Mangaka betreiben, wenn es um realistische Dekors geht. Für nautisch interessierte Leser dürfte die Lektüre eine reine Freude sein, und mit Hinstorff hatte Kristina Gehrmann eben auch genau den richtigen Verlag dafür. Da könnte ein sehr ungewöhnliches Projekt entstehen, mit dem eine weitere Lücke im deutschen Comicangebot geschlossen wird: die große historische Abenteuererzählung.

Bis zum nächsten Frühjahr soll die Trilogie komplett sein, derzeit arbeitet Gehrmann am Abschlussband. Da wird sie dann wohl die kanadischen Funde vom vergangenen Herbst mit einarbeiten, die im jetzt publizierten Auftakt noch unberücksichtigt blieben. Die Rätsel beginnen sich zu lüften. Doch es wird genug unklar bleiben, dass die Rekonstruktion in diesem Comic weiterhin reizvoll zu lesen bleibt. Und das, was wir wissen, das wird wundervoll in die Handlung integriert – etwa die Bleivergiftung der Matrosen durch Lebensmittelkonserven, die als eine der Ursachen für das Scheitern genannt wird. Das letzte Kapitel des Auftaktbands wird eingeleitet durch die ganzseitige Zeichnung einer Konservenbüchse, ohne dass dazu etwas gesagt würde. Man schaudert.

04. Mai. 2015
von Andreas Platthaus
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27. Apr. 2015
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Landlust fühlt sich anders an

Das nenne ich mal eine geschickt gewählte Kategorie: „Landei ist ihr erster abendfüllender Comic“, heißt es im Klappentext zu ebenjenem Band einer Zeichnerin namens Christiane Pieper, die man als Jahrgang 1962 wohl eine Spätdebütierende nennen darf. Das macht aber nichts, denn „Landei“ ist insofern tatsächlich abendfüllend, als man eine ganze Menge fürs Geld geboten bekommt. Und besser als „Graphic Novel“ klingt „abendfüllender Comic“ allemal.

Nur dass der Band bei der sonst eher avantgardistischen Edition Moderne erscheint, irritiert, denn inhaltlich ist dieser Band weitaus näher an „Strizz“ als etwa an „Persepolis“ oder „Der Photograph“. Sprich: Hier geht es vorrangig ums Amüsement. Aber das ist ja nichts Schlechte, im Gegenteil. Und die ähnlich gestaltete Serie „Zürich by Mike“ des 2009 verstorbenen Mike van Audenhove war und ist ja der Bestseller der Edition Moderne – weit vor Jacques  Tardi oder eben auch Marjane Satrapi. Fun  sells.

Dass Christiane Pieper studierte Psychologin ist, merkt man ihrem sublimen Blick auf die Protagonisten einer Bauernfamilie an, in der man rasch die der Zeichnerin erkennt. Alle Zeitangaben des Comics stimmen mit dem Lebenslauf seiner Autorin gegenüber: Sie selbst stand also wohl Modell für die kleine Inga, aus deren Sicht hier erzählt wird. Die Geschichte endet bereits vor dem ersten Schultag, aber es passiert mehr als genug, um die 120 großformatigen Schwarzweißseiten zu füllen. Und wo Zeitschriften wie „Landlust“ riesige Verkaufszahlen erreichen, sollten doch auch genug Interessenten für „Landei“ zu finden sein.

Wobei hier kein idyllisches Landleben porträtiert wird, sondern das ziemlich brutale Dasein eines kleinbäuerlichen Betriebs, dessen Betreiber keine großen Sprünge machen und seiner Frau und den beiden Töchtern (neben Inga noch die etwas ältere Greta) nur eines zuverlässig bieten kann: viel Arbeit. Die Mutter wird darüber auch schwerkrank, aber wer glaubt, hier liefe alles auf aus Kino, Fernsehen und Literatur sattsam bekannte rührselige Entwicklungen hinaus, der unterschätzt den Einfallsreichtum des Lebens und damit auch diesen Comic.

Christiane Pieper verherrlicht ihre Kindheit, aber wer täte das nicht, sofern sich diese nicht mitten im Krieg oder in größtem Elend abgespielt hat – und selbst dann neigen Menschen im Rückblick auf die Unschuld der Jugend noch zur Idealisierung. Sehr subtil wird aber eben immer wieder die Härte des Landlebens miteingeflochten, und trotzdem wird der naiv-euphorische Blick Ingas beibehalten. Dass man sich so konsequent in die Sicht einer Drei- bis Sechsjährigen  hineindenken kann, ist keine Selbstverständlichkeit.

Graphisch ist „Landei“ dagegen weitaus weniger überzeugend (Leseprobe unter http://www.editionmoderne.ch/angebot.php?vl=0&vi=63&vs=282&va=&vsa=&vlp=282&vflip=). Pieper liefert solides Kinderbuchillustrationsmaterial, aber keine wirklich überzeugende Comic-Arbeit ab. Die hätte einen einfallsreicheren Umgang mit der Seitenarchitektur erfordert als nur gelegentliche ganzseitige Bildlösungen . Leider verheißen die ersten fünf Seiten etwas viel Ungewöhnlicheres als das, was dann auf den restlichen 115 folgt. Wenn es doch nur Comic-Lektorate existierten…

Doch gerade, weil es in „Landei“ noch einige Defizite gibt, wünscht man sich einen zweiten Band, denn auch eine Schulzeit in den sechziger Jahren auf dem Land – konkret handelt es sich übrigens um das Bergische Land, und da kenne ich mich kindheitsbedingt aus – dürfte berichtenswert sein und für heutige Leser entweder nostalgische Reminiszenzen oder echte Überraschungen bereithalten. Hoffentlich macht Christiane Pieper also weiter. Dann gern mit mehr Augenmerk auf das, was ein abendfüllender Comic neben einer guten Geschichte auch noch braucht: gute Bilder.

27. Apr. 2015
von Andreas Platthaus
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20. Apr. 2015
von Andreas Platthaus
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Dieser König ist nackt

Vor ein paar Jahren habe ich in Toronto den hochsympathischen homosexuellen Comiczeichner und Illustrator Maurice Vellekoop getroffen. Aus dem großen internationalen Erfolg, den ich für ihn damals voraussah, ist nichts geworden, aber sein Zeichenstil begeistert mich immer noch. Wie er seine eigene Subkultur und deren Ästhetik in Bilder zu fassen versteht, das ist einerseits nostalgisch und doch ungebrochen modern, selbst bei Arbeiten, die schon anderthalb Jahrzehnte auf dem Buckel haben.

Warum erzähle ich von Vellekoop, wo es doch um dessen Berufskollegen Dylan Horrocks gehen soll? Weil mich Horrocks‘ Bilder mehr als die jedes anderen Künstlers in ihrer Qualität an Vellekoop erinnert haben. Zumindest die in seinem jetzt auf Deutsch erschienenen Band „Der König des Mars“. Als Horrocks vor drei Jahren mit dem im englischen Sprachraum längst legendären „Hicksville“ sein spätes deutsches Debüt erlebte, fühlte ich mich vor allem an Dupuy & Berberian erinnert. Auch das eine Empfehlung. Wer es selbst überprüfen will, schaue sich http://hicksvillecomics.com/ an, die Website von Horrocks, auf der sich viel zum neuen Band findet. Denn bei dem, beim „König des Mars“ also, der im Original „Sam Zabel and the Magic Pen“ heißt (weiß der Teufel, was den Redakteuren bei Egmont Graphic Novel da beim Betiteln der Übersetzung durch die Birne gerauscht ist), mit Farbe statt Schwarzweiß und einem zutiefst nostalgischen Setting arbeitet, brüllen mir meine Synapsen zu. Vellekoop! Vellekoop! Und entsprechend begeistert ging ich an die Lektüre.

Dylan Horrocks ist Neuseeländer und nicht homosexuell. Er hat Familie und lebt in Auckland, und wenn man mehr über ihn wissen will, ist es nicht schlecht, sich an Sam Zabel zu halten, den Protagonisten seines neuen Comics. Der ist Comiczeichner, oft mit unbefriedigender Lohnarbeit dabei, die Familie zu ernähren, und ständig auf der Suche nach Möglichkeiten, an jenen Comics weiterzuarbeiten, denen sein Herz eigentlich gehört: eigenen nämlich. Natürlich verbietet sich jede Gleichsetzung zwischen einem Autor und seiner Figur, aber nach allem, was man hört, ist Zabel sehr nahe an seinem Schöpfer Horrocks. Beide teilen sogar die Vorliebe für die frankobelgische Comictradition (und somit war die frühere Dupuy-&-Berberian-Assoziation wohl doch zutreffender).

In „Der König des Mars“ stößt Sam Zabel auf alte neuseeländischen Comichefte der fünfziger Jahre, die ihn auf seltsame Weise mit Haut und Haaren in die Handlung hineinziehen. Da es sich dabei um erotische Science-Fiction-Phantasien handelt (oder das, was man in den Fünfzigern für erotisch hielt), lässt er es sich gern gefallen, fortan selbst im Geschehen mitzuspielen und damit den Lauf der Comicgeschichte, die er eben noch las, zu verändern. Dass sie „Der König des Mars“ heißt wie der Comic, in dem wir davon lesen, wird schlichten Gemütern als gelungene mise en abyme erschienen. Erzähltechnisch ist das aber ein alter Hut: Was Horrocks hier augenzwinkernd anstellt, hat Marc-Antoine Mathieu schon alles weitaus intelligenter durchdekliniert – und Horrocks selbst in „Hicksville“ auch, obwohl das kein Comic war, der in einem Comic spielte.

Kurz: Ich war enttäuscht. Warum? Es wird die Enttäuschung darüber sein, dass nun wieder ein Horrocks-Album erscheint, das selbstreflexiv von der Comicliebe seines Verfassers erzählt. Wobei man bedenken muss, dass „Hicksville“ im Original schon 1998 herauskam, so dass der Abstand zum „König des Mars“ sechzehn Jahre betrug, nicht lediglich drei wie bei den deutschen Übersetzungen. Aber das hilft mir ja nicht, der ich nun mal beide Bücher in enger Abfolge las und dabei eine Masche identifizierte, die mir missfällt.

Und je länger ich mit den 220 Seiten beschäftigt war, desto  mehr missfiel mir. Selbst die Idee mit dem Manga-Mädchen, das plötzlich in einem westlichen Comic auftaucht, hat ja im schlechtesten aller Asterix-Alben, dem 2005 erschienenen Band „Gallien in Gefahr“, schon eine Vorwegnahme erfahren – und was für eine; allein die Erinnerung macht leiden! Immer mehr löste sich für mich auch die Vellekoop-Optik auf. Stattdessen sah ich Einflüsse von Moebius‘  Edena-Zyklus und natürlich all des Trashs der billig produzierten, mit nur einer Zusatzfarbe gedruckten Massencomicware aus den fünfziger Jahren. Auch jeweils für sich schön, aber dieser Stilmix überzeugt nicht, und die anfänglich noch einfallsreiche Seitenarchitektur degeneriert im Laufe der Handlung zum schematischen Wiederkauen des langweiligsten Comicumbruchs der Welt, aus dem Horrocks nur noch selten auszubrechen wagt.

Ja, natürlich ist das alles eine Hommage an jene antiquierte Form, die hier alles in Gang bringt. Aber muss ich verstehen, wie man diese Dinge offenbar derart lieben kann, dass man ihnen überhaupt eine Reverenz erweist? Guilty pleasures hin oder her: Dylan Horrocks kennt ersichtlich mehr als genug großartige Comics, als dass er dem tristen Zeug der traurigsten aller Comicepochen hinterherschmachten müsste. Und nochmal ja: Ich verstehe, dass es sich hier eben wieder um einen zutiefst persönlichen Band handelt, in dem er selbstverständlich machen und lieben und ehren kann, was immer er will. Aber muss es mir deshalb gefallen?

20. Apr. 2015
von Andreas Platthaus
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13. Apr. 2015
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Der Weltkrieg trennt den schlechten Teil vom guten

Es ist eine seltsame Lektüre. Einerseits ist Raymond Briggs einer der prominentesten Illustratoren und Bilderbuchkünstler überhaupt. Der 1934 geborene Brite hat mit „Der Schneemann“ und „When the Wind Blows“ (das allerdings vor allem durch den gleichnamigen Trickfilm weltweit erfolgreich wurde) in den siebziger und achtziger Jahren gleich zwei moderne Klassiker gezeichnet. Und nun erscheint nach siebzehn Jahren auf Deutsch ein Buch, das er 1998 über das Leben seiner Eltern publiziert hat: „Ethel & Ernest“. Das war damals vor der Graphic-Novel-Welle, als autobiographische Stoffe noch selten waren und man ohnehin nicht verwöhnt (oder verstört) war durch experimentelles Erzählen. Heute dagegen wirkt „Ethel & Ernest“ geradezu verschnarcht.

Zumindest die Hälfte des Buchs lang. Denn der Auftakt ist denkbar konventionell. Streng chronologisch läuft eh alles ab, aber die Vorkriegsjahre des Milchmannes Ernest und des Hausmädchens Ethel (das seine Beschäftigung mit der Heirat 1928 sofort aufgibt) sind derart absehbar erzählt in den Schwierigkeiten, die ein Paar am unteren Rande der sozialen Schichtung in England eben hat, dass man versucht ist, die Lektüre aufzugeben. Dazu trägt auch der sehr statische Zeichenstil von Briggs auf, der in Bilderbüchern weitaus besser aufgehoben ist als in Comics (Leseprobe, leider nur vom Anfang, hier: http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/ethel-ernest/).

Aber dann bricht der Zweite Weltkrieg ins friedliche Großbritannien ein, London leidet unter dem „Blitz“ der Nazis, und nach dem Ende der Kampfhandlungen ist die Welt eine andere, gerade auch im Vereinigten Königreich. Was Briggs nun meisterhaft gelingt ist das Porträt eines alternden Paares, das von den Entwicklungen der Gesellschaft, der Technik oder auch nur der des eigenen Sohnes einfach überfordert ist. Im Grunde bleiben Ethel und Ernest Vorkriegsexistenzen, und gerade die früher eher aufgeschlossene Ethel entwickelt sich zur großen Skeptikerin gegenüber jeder Veränderung des Gewohnten. Es mag ja daran liegen, dass Raymond Briggs selbst erst die Nachkriegszeit mit dem abgeklärteren Blick eines Erwachsenen begleitet hat und irgendwann auch das Familienheim verließ, so dass ihm nunmehrige Veränderungen seiner Eltern leichter auffielen als in jenen Jahren, als man noch zu dritt zusammenlebte, aber eine solche Befreiung innerhalb derselben Geschichte habe ich in kaum einem anderen Comic erlebt. Es ist, als hätte Briggs die eigenen  Geschichte durchgelüftet, obwohl sich die Welt einer Eltern immer mehr verengt

Plötzlich ist die Geschichte witzig, auch politisch und sogar melancholisch in einer Weise, die nie etwas Rührseliges hat, sondern immer neu Stimmungen zu erzeugen weiß, für die man Briggs bewundern muss. Viel konsequenter als in der ersten Hälfte setzt er in dem kleinformatigen Band nun auch die ihm vertraute Bilderbuchästhetik ein: zum Beispiel lange Dialoge als reine Textpassagen unter einem Einzelbild. Dadurch bekommen seine Eltern paradoxerweise eine größere Anschaulichkeit als in den unverändert eher unbewegten Bildern selbst. Erst ganz am Schluss, bei der Schilderung des Todes erst der Mutter und nur wenig später dem des Vaters im Jahr 1971 greift die innere Beteiligung von Briggs offensichtlich auf seine Bilder über, und ihm gelingen grandiose Bilderfindungen, die Trauer und Altersschwäche spürbar machen, ohne dass darüber gesprochen werden müsste.

Was den Berliner Reprodukt Verlag dazu gebracht hat, diesen Band nach mehr als anderthalb Jahrzehnten doch noch ins Deutsche zu bringen, bleibt dennoch unerfindlich. Es ist ja nicht so, dass die fremdsprachigen Stammzeichner des Verlags nicht genügend neue Titel publizierten, und in letzter Zeit musste das Programm dieses ambitioniertesten einheimischen Comicverlags ohnehin etwas ausgedünnt werden. Dann mit einem Band wie „Ethel & Ernest“ zu kommen, ist nur aus der ständigen Verführung zu erklären, die das Zauberwort „Graphic Novel“ offenbar auf Verlage und Handel ausübt. Format, Erzählweise und Thema von Briggs‘ Buch passen einfach zu perfekt ins Schema dessen, was man von diesem Genre zu erwarten meint. Aber genau das macht den Comic anfangs auch tatsächlich so erwartbar. Geradezu verblüffend, dass er sich dann so souverän noch selbst befreit.

13. Apr. 2015
von Andreas Platthaus
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06. Apr. 2015
von Andreas Platthaus
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Gott trägt gern Streifen

Vor fünf Jahren erschien im Zwerchfellverlag, einem jener deutschen Comicverlage, die vor allem durch Selbstausbeutung die Publikation schöner Bücher ermöglichen, einen kleinen Band namens „Die Zeit und Gott“. Ich habe ihn damals gelesen und beiseite gelegt. Das war dumm. Jetzt ist er neu aufgelegt worden, und zugleich ist ein weiterer Comic namens „Das Nichts und Gott“ erschienen. Ich habe beide gelesen und bin begeistert. Denn sie sind klug.

Geschrieben und gezeichnet sind sie von Aike Arndt, einem nach fünf Jahren Wartezeit auf Renegatenleser nicht mehr ganz so jungen Künstler (mittlerweile fünfunddreißig) aus Münster, der im biographischen Hinweis des zweiten Bandes über sich selbst sagt: „Er gilt als der beste deutschsprachige Comiczeichner in seiner ganzen WG.“ Er ist aber auch, wie man auf seiner Website http://www.aikearndt.de/ lernt, ein wunderbarer Trickfilmzeichner, dessen auch schon neun Jahre alte Animation „Styx“ zum Komischsten gehört, was dieses Metier in Deutschland hervorgebracht hat.

Seine beiden Comics allerdings sind noch komischer. Warum ich das nicht schon vor fünf Jahren gemerkt habe, ist rätselhaft. Ich könnte mich damit herausreden, dass „Die Zeit und Gott“ wirklich Zeit brauchte, um zu wirken, aber das ist albern (was Aike Arndts Comics nie sind), denn beim zweiten Versuch zündete der Humor sofort, auch beim zweiten Band. Es sind großartig witzige Comics, wie sie in Frankreich jemand wie Lewis Trondheim oder Manu Larcenet in seinen guten Momenten zustande bringt. Und in Deutschland derzeit fast niemand sonst.

Schon die Schöpfungsgeschichte auf der ersten Seite! Weil es zunächst nichts gab (oder besser geschrieben: Nichts), machte niemand dem DHL-Boten die Tür auf. Daraufhin stellte er das mitgebrachte Paket ab, und erst als der darin verpackte kleine Elefant zu trompeten anfängt, erwachte das Universum. Anders möchte man sich die Entstehung des Seins künftig nicht mehr vorstellen.

Wobei wir alles natürlich Gott verdanken. Den zeichnet Arndt als eher pummelige Gestalt mit kleinem Kopf und immergleichem gestreiften Pullover – mit einem Wort: Arndt lässt Gott einen guten Mann sein (bisweilen auch eine Frau). Der/die auch Humor beweist. So zum Beispiel, wenn er von seinen Autofahrten durch Südeuropa berichtet, wo die Leute ihm beim Aussteigen immer zurufen: „Deus ex macchina“. Nun, das ist wohl doch etwas albern. Aber eben auch sehr komisch.

Vor allem, weil Aike Arndt die Kunst der reduzierten Zeichnung beherrscht: Mit wenigen Linien wird ausdrucksstark erzählt. Immer schwarzweiß, bisweilen auf grau getönten Seiten, wie man es früher mal bei den wunderbaren Mose-Comics des Münchners Steffen Haas sehen konnte, die überhaupt das Einzige sind, was hierzulande einen Vergleich mit Aike Arndts göttlichen Komödien aushält. Aber Arndts Gott treiben im Gegensatz zur vor allem trinkfreudigen Maus Mose gravierende Themen um wie die Frage, warum die Sonne nicht scheint (weil der Christopher gestern seinen Teller nicht leer gegessen hat), wie man querulatorische Menschen loswird (man droht ihnen die Streichung von Kapitalismus, Eigentum, Privatvermögen und Schweizer Konten an) oder wie er auf die Cloud gekommen ist (ein Hacker-Pastor hat ihn runtergeladen und dort gespeichert).

Der Charme der Sache ergibt sich aus der Scheinnaivität Gottes und anderen höherer Wesen sowie der echten Naivität der Menschen, bei denen Aike Arndt meist selbst als Figur auftritt. Es wimmelt vor reizenden Details wie etwa dem leisen Spott über in Wirklichkeit viel erfolgreichere Comicverlage als Zwerchfell, die aber hier vor Neid erblassen, wenn sie den Erfolg der Gottescomics von Arndt sehen. Ach, wäre es doch so! Im dritten Teil, der hoffentlich nicht wieder fünf Jahre auf sich warten lassen möge und mit einiger Wahrscheinlichkeit „Das Sein und Gott“ heißen wird, sollte sich Arndts Gott die Theodizeefrage stellen: Wie kann eine göttliche Schöpfung (diese Comics) derart ihren Zweck verfehlen (erfolgreich zu sein)? Oder wir leben dann doch in der besten aller möglichen Welten, in der diese Comics die verdiente Beachtung finden.

06. Apr. 2015
von Andreas Platthaus
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30. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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Lieben Sie Mendelssohns?

Wer den Namen Mendelssohn hört, der denkt an Moses und Felix, vielleicht noch an Fanny, die Schwester des Letzteren, eine gleichfalls sehr begabte Komponistin. Doch das reicht nicht, denn die Familie Mendelssohn ist überreich an bedeutenden Persönlichkeiten gewesen, und gerade die aus der zweiten Reihe der öffentlichen Aufmerksamkeit sind unserer Beachtung besonders wert.

Vor zehn Jahren bekam man als Comicleser einen Vorgeschmack davon, als Elke Steiner einen schmalen Band mit dem Titel „Die anderen Mendelssohns“ herausbrachte. Ihr Gegenstand: Dorothea Schlegel, die berühmte Romantikerin, die aber auch Tochter des Philosophen Moses Mendelssohn war, und Arnold Mendelssohn, ein Enkel von Moses und Cousin von Felix Mendelssohn Bartholdy. Beide einte, dass sie im Widerstreit mit der Gesellschaft standen, Dorothea als emanzipierte Frau, die zwischen zwei Männern und damit quer zur Moralvorstellung ihrer Zeit stand, Arnold als politischer Kopf, der in Preußen keine Zukunft mehr sah. Auf nur fünfzig Seiten erzählte Elke Steiner nach einer Idee des Publizisten Thomas Lackmann diese beiden Lebensläufe. Anders als kursorisch konnte das nicht werden.

Nun ist ein weiterer Comic aus ihrer Feder über einen unbekannten Mendelssohn erschienen, und für diesen Karl Mendelssohn Bartholdy , den ältesten Sohn von Felix, hat sie sich diesmal gleich 125 Seiten Platz genommen. Ein Segen, dass dieses faszinierende Leben sie von dem bereits 2004 angekündigten Plan abbrachte, wieder mehrere Personen in einem Band zusammenzufassen; damals war neben Karls Schicksal auch noch das von Eleonora und Francesco von Mendelssohn angekündigt, den Ur-Urenkeln von Moses aus der Linie des geadelten Enkels Franz, eines Bankiers. Damit hätte die Geschichte bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts erzählt werden müssen, während Karl Mendelssohn Bartholdy schon 1897 starb, nachdem er mehr als zwanzig Jahre lang als geistig Gestörter in einer Schweizer Anstalt behandelt worden war. Da waren Eleonora und Fancesco noch nicht einmal geboren.

Was ein Glück also, dass Elke Steiner sich anders besonnen hat und nun eine auf einen einzigen Protagonisten konzentrierte Darstellung liefert. Wobei immer noch mehr als genug um ihn herum erzählt werden muss. Vom frühen Tod seiner Eltern etwa, wozu es notwendig ist, die rastlose Lebensführung des damaligen Komponistenstars Felix Mendelssohn Bartholdys zu schildern, der in Berlin und Leipzig wirken, aber in Frankfurt am Main leben wollte – vor dem Bau von entsprechenden Eisenbahnverbindungen. Oder die Karriere seines jüngeren Bruders Paul, der später Mitgründer und Generaldirektor der Agfa werden sollte. Er ist der eigentliche Erzähler von Elke Steiners Buch, denn das schildert die Reise der beiden Brüder Karl und Paul im Jahr 1874 ins schweizerische Königsfelden, wo man Heilung für den depressiven Karl suchte. In ihrer Begleitung ist der Krankenpfleger Thiel, dem Paul Mendelssohn Bartholdy auf der tagelangen Fahrt die Vorgeschichte der Krankheit seines Bruders erzählt.

Das ist ein sehr konventioneller literarischer Trick, der jedoch den Vorzug hat, die extrem persönliche Perspektive zu beglaubigen und doch auch immer wieder zu relativieren, indem Elke Steiner die Farbe von Blaugrau zu Schwarz wechseln lässt, was den Wiedereintritt in  die erzählte Gegenwart signalisiert. Zudem wird mit Thiel eine auf den ersten Blick unauffällige Figur etabliert, die aber als wichtiges Korrektiv zur einseitigen Meinung von Paul dient und Karls Partei einnimmt. Plötzlich wird dieser „andere Mendelssohn“ wiederum anders gesehen, nämlich nicht als gescheiterte Geistesgröße, sondern als immer noch respektabler Mensch. Dadurch bekommt der Begriff Emanzipation, der in so vielfältiger Weise mit der Geschichte dieser deutschjüdisch-protestantischen Familie verbunden ist, eine neue Dimension.

Zeichnerisch hat sich Elke Steiner in mehr als zehn Jahren kaum weiterentwickelt (Leseprobe unter http://www.reprodukt.com/produkt/deutscheautoren/die-anderen-mendelssohns-karl-mendelssohn-bartholdy/). Immer noch wirken ihre dicken Linien unbeholfen, und die dunklen Zusatzfarben kleistern bisweilen subtile Bildkompositionen zu. Da wäre ein neuer Ansatz hilfreich gewesen, aber offenbar zählte die antiquierte Anmutung der Panels mehr als gute Lesbarkeit. Das ist schade, weil es potentielle Leser verprellen wird, obwohl das Publikum durch Comics wie „Gift“ von Barbara Yelin mittlerweile viel besser vorbereitet wäre auf historische Comicstoffe in moderner Erzählweise. Aber der Band zu Karl Mendelssohn Bartholdy kommt alles andere als verlockend daher.

Dennoch bleibt es ein faszinierendes Vorhaben, das Elke Steiner hier weitertreibt. Und die aktuell gewählte Biographie, die vom empfindsamen Sohn des berühmten Komponisten zum erfolgreichen Historiker und dann in den Wahnsinn führt, ist ein mitreißender Stoff. Bisweilen hätten chronologische Hinweise gut getan, aber Elke Steiner setzt auch hier auf einen assoziativen Fluss des Geschehens, für den konkrete Daten irrelevant sind. Immerhin setzt ihr Comic mit einer Jahreszahl ein: 1874, als Karl erstmals in eine Anstalt kommt, in Görlitz. Und das Buch hört mit einer Jahreszahl auf, leider einer falschen. Denn Karl Mendelssohn Bartholdy ist nicht nach 21 Jahren in Königsfelden dort gestorben, sondern nach 23. Eine Kleinigkeit, aber bezeichnend für den Unwillen der Autorin zur historischen Genauigkeit, weil sich darin für Elke Steiner offenbar das Diktat eines gefährlichen Rationalismus verbirgt. Aber dann besser gleich ganz weglassen.

30. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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23. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus

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Nur nicht unter die Gürtellinie

Das nenne ich Disziplin in Liebesdingen: Im Abstand von jeweils zwei Jahren sind die drei Bände von „Royal Lip Service“ erschienen, Marika Pauls Boys-Love-Manga über ein schwules Paar in Dresden. Das ist kein Genre, dem ich sehr viel Aufmerksamkeit schenke, denn die Zielgruppe sind Mädchen, die sich an schönen Jungenkörpern und schwuler Erotik erfreuen – ein Parallelphänomen zur männlichen Begeisterung für lesbische Liebe, nur deutlich weniger banal sexualisiert. Aber abgesehen davon, dass mich generell sehr interessiert, was deutsche Künstler zeichnen, hat mich auch der Handlungsort Dresden gereizt. Die Stadt kenne ich gut. Und ihr Aussehen passt zu einer romantischen Geschichte.

Wobei „Royal Lip Service“ eher dramatisch als romantisch ist. Erzählt wird von dem norwegischen Kunststudenten Arjen, der an der Dresdner Akademie Malerei studiert. Bald verliebt er sich in den Rockschlagzeuger Victor, doch im Hintergrund lauert Arjens Stiefbruder Anton. Seit den gemeinsamen Kindertagen ist er in Arjen verliebt, und irgendwann kommt er nach Dresden nachgereist. Da sind wir aber schon am Ende des ersten Bandes.

Wobei das ja schon wieder vier Jahre zurückliegt, denn Band 1 erschien bereits 2011 (und nur dazu gibt es eine Leseprobe beim Verlag: http://www.carlsen.de/taschenbuch/royal-lip-service-band-1/25361). Marika Paul ist Jahrgang 1982, also jetzt gerade mal Anfang dreißig, aber angesichts der dynamischen deutschen Mangaszene, die schon begabte Schülerinnen fürs Zeichnen rekrutiert, war sie damals trotzdem eine Spätdebütantin. Die sich zudem Zeit ließ, es aber auch schaffte, den Spannungsbogen über ebenjene vier Jahre zu halten – und damit auch den Verlag (mit Carlsen ja auch nicht irgendwen) bei der Stange.

Viel japanischer, was die Figurengestaltung angeht, als in den Bildern von „Royal Lip Service“ geht es trotz deutschen und norwegischen Protagonisten auch kaum. Das endet allerdings bei den Geräuschwörter, von denen besonders Arjens Herzschlag (DADUMM) ein Leitmotiv durch alle drei Bände abgibt. Etwas nervig sind dagegen Geräusche wie „Gulp“ oder „Grab“ fürs Schlucken und Grabschen. Aber heutzutage muss es ja Englisch sein. Man denkt trotzdem melancholisch an jene Manga, die solche Effekte auf Japanisch ins Bild setzen und dadurch fürs deutsche Publikum meist unleserlich, doch zugleich viel besser sind. Erfreulich skurril dagegen ist in „Royal Lip Service“ die Übernahme der Praxis, Figuren in emotionalen Ausnahmezuständen wie Karikaturen anzulegen. Da hat sich Marika Paul richtig entschieden.

Und Dresden? Erstaunlich up to date. Im neuen Band gibt es einen Blick über Wilsdruffer Straße und Kulturpalast zum Residenzschloss, der genau dem derzeitigen Erscheinungsbild der in permanentem Wiederaufbau befindlichen Innenstadt entspricht (na gut, ohne die Gerüste am Kulturpalast). Die sächsische Landeshauptstadt gibt mit ihrem nachts morbid-ausgestorbenen Zentrum einen geeigneten Hintergrund für die traurigen Teile der Geschichte ab, zumal im Winter, der im dritten Teil den größten Teil der Handlungszeit ausmacht. Die Räume der Kunstakademie auf der Brühlschen Terrasse direkt am Elbufer sind gleichermaßen perfekte Dekors. Und besonders attraktive sowieso. Da betreibt „Royal Lip Service“ sogar noch etwas Stadtmarketing.

Nacktheit wird dezent gezeichnet – wie im Boys-Love-Genre eben üblich; unter die Gürtellinie geht wenig, der Waschbrettbauch ist Trumpf. Und natürlich jeweils ein eher feminin gebauter Knabe, hier selbstverständlich der sensible Künstler Arjen. Dass Marika Paul sich ganz am Ende, im Epilog, der die Handlung noch ein paar Jahre in die Zukunft treibt, tatsächlich einmal full frontal nudity gestattet, ist nur deshalb möglich, weil es da eine burleske Szene zu gestalten gab. Ansonsten wird auch das Alterslabel „16+“ offenbar nicht als ausreichende Warnung betrachtet, weshalb man jede Szene, die verstören könnte, scheut, und in die Nähe von Pornographie will im zeichnerinnendominierten Boys-Love-Genre ohnehin niemand.

Ach ja, was Marika Paul auch gut beherrscht, ist Seitenarchitektur. Wie sie die Panels auf den Taschenbuchseiten gewichtet, das zeugt von sehr durchdachter Arbeit. Ärgerlich dagegen die Graustufen bei Träumen, Visionen oder schlechtem Wetter. Da saufen die feinen Tuschelinien der Zeichnerin im abgedunkelten Papier geradezu ab. Und das ist angesichts des dramatischen Höhepunkts von Band 3 nicht nur graphisch enttäuschend, sondern unfreiwillig frivol.

23. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus

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