Home
Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

02. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
495
     

Verfolgungswahn und Mutterliebe

Was Raphaela Buder in ihrem Debütcomic „Die Wurzeln der Lena Siebert“ veranstaltet, ist höchst beachtlich. Zumal er als Bachelor-Abschlussarbeit entstand (in Halle), was normalerweise mehr Freiheiten bedeutet, aber nicht unbedingt der Lesbarkeit zugute kommt. Denn im Studium kann man noch experimentieren, und es bedarf schon eines sehr guten Betreuers, um auch daran zu erinnern, dass man mit dieser Form ein erzählerisches Medium gewählt hat, nicht nur ein graphisches.

Dass der Comic so gut wurde, verdankt sich also neben der Autorin auch dem Betreuer; in Halle dürfte es sich um Atak gehandelt haben. Dass „Die Wurzeln der Lena Siebert“ dann noch den Afkat-Preis gewann, ist eine schöne Pointe: Atak meets Afkat. Ersterer ist der Berliner Comiczeichner Georg Barber, der seit einigen Jahren als Professor in Halle immer neue Talente hervorbringt, Letzterer ist der zum dritten Mal ausgeschriebene Comicförderpreis der Hamburger Rechtsanwaltskanzle Dr. Bahr, mit dem eine Publikation beim Mairisch Verlag verbunden ist. So kann können jetzt alle „Die Wurzeln der Lena Siebert“ lesen.

Und das sollte man tun, denn Raphaela Buder gelingt etwas sehr Schwieriges, was so einfach aussieht: die Perspektive eines Kindes. Die Titelheldin ihres Comics ist noch im Kindergartenalter und wohnt als Einzelkind bei ihrer alleinerziehenden Mutter. Die leidet unter Verfolgungswahn und sieht die Welt in der Hand von Scientologen, weshalb sie auch der Tochter Angst davor einimpft. Der seltsame Traum von Frau Siebert: mit Lena nach Amerika auswandern. Als ob es dort weniger Scientologen gäbe.

Aber die Plausibilität eines Wahnsystems spielt keine Rolle. Zentral für die Geschichte ist die Unfähigkeit der Mutter, ihrer Tochter eine Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen. Privat dagegen läuft alles bestens; Frau Siebert liebt Lena abgöttisch, und umso tragischer ist ihr Scheitern am sonstigen Leben, das sie schließlich in eine geschlossene Anstalt bringt. Lena wird vom Jugendamt zu Pflegeeltern gegeben.

Hier könnte nun ein Drama inszeniert werden, aber das Ehepaar kümmerst sich hingebungsvoll um das Mädchen. Sogar die Einschulung gelingt, obwohl Frau Siebert ihre Tochter gerade von den Lehrern immer besonders gewarnt hatte. Gleichzeitig aber bleibt Lenas Erinnerung an die liebevolle Mutter wach. Und so lässt sie sich gern darauf ein, diese zu begleiten, als sie eines Tages vor der Schule auftaucht und die Tochter einfach mitnimmt. Es geht ans Meer, du ndas Fernziel heißt immer noch Amerika.

Mehr zu erzählen, wäre schädlich, denn Raphaela Buder gelingt es meisterhaft, bei der Lektüre Unsicherheit, Mitgefühl und Freude in ständigem Wechsel zu erzeugen. Zu der kindlichen Perspektive passen die in Bleistiftschraffur mit weiß belassenen Konturen angelegten Panels (ein paar Seiten sind auf der Homepage der Autorin zu sehen: http://www.raphaelabuder.blogspot.de/search/label/COMIC), die nach allen Seiten hin offen sind – Entsprechung der Beeinflussbarkeit eines kleinen Mädchens. Gelegentlich wird eine andere Erzählperspektive eingenommen, etwa, wenn ein Gespräch zwischen den Pflegeeltern gezeichnet wird, das Lena nicht mithört. Doch es ist das Mädchen, das konsequent im Mittelpunkt der Handlung steht.

Alles Überflüssige hat Raphaela Buder aus ihrer 120 Seiten umfassenden Geschichte entfernt. Wo sie spielt ist egal, die Dekors sprechen für eine mittelgroße Stadt. Das Figurenensemble beschränkt sich auf ein rundes Dutzend Akteure, nur wenn nötig, treten ein paar Passanten dazu. Und besonders schön ist die Flucht von Mutter und Tochter ans Meer inszeniert, wie ein Märchen im tristen Alltag.

Welcher andere Comic zöge aus der Ambivalenz seiner Figuren eine solche erzählerische Stärke? Und dass Raphaele Buder als Autorin durchaus auch auf Seiten der geisteskranken Mutter steht, zeigt die Wahl des Titel: Ohne das Wahnsystem, aber auch ohne die Liebe von Frau Siebert wäre Lena wurzellos. Wurzeln kann man nicht entwachsen. Aber was daraus entsteht, das liegt in den Händen der Verwurzelten und derer, die ihr beim Aufwachsen helfen. Ein weiser Comic. Ein schöner sowieso.

 

02. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
495

     

23. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

0
1062
     

Der Junge aus der Mondfamilie

Wo hat Joey nur seinen Kopf? Das fragen sich alle, die Eltern, die Klassenkameraden und die Lehrer. Und die Leser von Andrew Raes Comic „Moonhead and the Music Machine“. Denn dessen Hauptfigur, eben Joey, lässt beim Aufwachen erst einmal seinen Kopf auf dem Kissen liegen und geht kopflos zur Schule. Aber seltsam genug: Das scheint niemanden zu wundern.

Es ist eine wunderbare Idee von Rae, eine Redensart wörtlich zu nehmen und seinen Joey in den Momenten, in denen er träumt, ohne Kopf zu zeichnen. Wobei dieser Kopf alles andere als normal ist, selbst wenn er wieder zu Joey stößt. Denn es ist ein Mondkopf, riesig, blass, mit einem Mondgesicht darauf und immer ein paar Zentimeter über dem restlichen Körper schwebend. So kennzeichnet Rae seinen Protagonisten auch noch als Außenseiter in der Schule, und wenn man zum ersten Mal die Köpfe von Joeys Eltern sieht (was spät geschieht), dann weiß man, dass dieser Junge ein Außenseiter durch Abstammung ist. „Moonhead“ kann man also ruhig als ein Gesellschaftsporträt lesen. (Und sich hier ansehen, inklusive Musikvideo: http://www.andrewrae.org.uk/Moonhead-and-the-Music-Machine)

Ein britisches natürlich, wie die Schuluniformen und etliche andere Details verraten. Erschienen ist Raes Comic nämlich beim englischen Nobrow-Verlag, ins Französische übersetzt ist er aber auch schon, und eine deutsche Fassung dürfte wohl nicht lange auf sich warten lassen, denn der Band hat alles, was einen internationalen Comicerfolg erleichtert: klare Graphik, Graphic-Novel-Format und vor allem eine Handlung, die in vielen Kulturkreisen angesiedelt sein kann.

Denn Probleme mit ihren Mitschülern, Lehrern und Eltern dürfte wohl die meisten Jugendlichen haben, und viele werden auch den Ausweg erträumen, auf den der gehänselte und schikanierte Joey hofft: eine Karriere als Rockmusiker. In einer hinreißenden Sequenz zeichnet Andrew Rae die Plattencover der Alben, die der Junge sich während eines Hausarrests anhört: alles Parodien von realen Stars wie den Beatles, Cream, Captain Beefheart, Michael Jackson, Martha Reeves and the Vendellas und etlichen mehr. Etliche davon haben übrigens auch Mondköpfe.

Joey baut sich ein Instrument, die „music machine“ aus dem Titel. Doch es bringt nur Misstöne hervor. Bis er einen Mitschüler trifft: Ghostboy, der genauso aussieht, wie sein Name lautet. Der beherrscht das neue Instrument perfekt, weil er aber scheu ist, spielt er es bei einem gemeinsamen Auftritt zwar, doch lässt die begeisterten Mitschüler glauben, dass Joey der Urheber des Wohlklangs ist. Wieder hat Rae zur Visualisierung des Erfolgs eine großartige Idee: Er zeichnet Doppelseiten, die man hochkant betrachten, das Buch also querlegen muss, und darauf wird die Musik in psychedelische Farbmuster umgesetzt, die das Publikum in die phantastischsten Kreaturen verwandeln.

Am Tag darauf ist Joey plötzlich der Beliebteste von allen, und etliche Mitschüler haben sich in ähnliche Sonderlinge wie er verwandelt – die Schule, wie Rae sie nun zeichnet, gleicht einer Freakshow. Die Einzige, die vorher zu ihm gehalten hat, das Mädchen Sockets, sieht sich allerdings nun vernachlässigt, weil Joey die neue Gunst der anderen genießt und sie darüber vergisst. Das wird sich rächen.

Es ist also eine durchaus moralische Geschichte, die Andrew Rae erzählt, und durch die konsequent eingesetzte Verfremdung der Akteure mittels Symbolen wie dem Mond oder dem Gespenst wird es auch eine allegorische. Dass sich am Schluss alles zum Wunderbarsten fügt, mag man unrealistisch nennen, aber Rae folgt damit konsequent den Traditionen solcher Außenseiterromane für Jugendliche. Und wie er am Schluss  den geheimnisvollen Ghostboy entschlüsselt und jedem Schüler einen eigenen solchen Helfer zuordnet, der jeweils nur durch anderes Schuhwerk individualisiert ist, das ist im Idiom der Comics so grandios gelöst, dass man dem Band die süßliche Harmonie gern nachsieht. Und überhaupt: Happy Endings sind ja auch mal schön.

23. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

0
1062

     

17. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
2 Lesermeinungen

1
870
     

Der Schimmel über Berlin

Ist es gestattet, einmal ein guilty pleasure vorzustellen, eine jener meist verschwiegenen Vorlieben, die sich nicht mit den Erwartungen decken, die Leser an meine Lektüren haben könnten? Ja, wenn das einmal geduldet sein soll, so möge diese Offenbarung dem Berliner Zeichner OL gelten, und speziell seiner Cartoonserie „Cosmoprolet“, die seit 2006 im zweiwöchentlich erscheinenden Stadtmagazin „tip“ erscheint.

Glücklicherweise gibt es beim Lappan Verlag mittlerweile schon zwei schöne querformatige Sammelbände mit den einzelnen Folgen, denn im Kontext lesen sich die jeweils aus nur einem Bild bestehenden Episoden noch besser (wer sich mal etwas davon ansehen will, muss einen Umweg gehen: über OLs eigene Website, auf der er Originale zum Kauf anbietet: http://shop.ol-cartoon.de/Originale-oxid/. Da sind auch „Cosmoprolet“-Folgen dabei, und nur hier kann man sie sich durch Anklicken schön groß darstellen lassen). Der zweite ist gerade erschienen, und er sollte nicht nur für mich Pflichtlektüre sein.

Worum geht es? Um Berlin und um Cosmoprolet, einen meist stummen Mann im klassischen Superheldenkostüm – blauer Anzug, roter Umhang, Augenmaske –, der auf jedem Bild auftaucht (manchmal relativ schwer zu identifizieren, aber das macht den Reiz aus), jedoch nur selten das Geschehen bestimmt. Dieser Superheld ohne erkennbare Superkraft ist vielmehr eine Art Flaneur, und den größten Einfluss auf OLs Szenen hat er als Gesprächspartner anderer Figuren, die dem armen Mann ein Ohr abkauen.

Was also bestenfalls mittelgründig als Superhelden-Comic-Strip gelten, ist vorder- wie hintergründig ein Berlin-Cartoon. Denn der gebürtige Berliner OL nimmt die Stadt nicht nur als Dekor (in extrem akribisch gezeichneten Szenerien, die man alle in der Wirklichkeit wiederfinden kann, wenn man das wollte), sondern auch als Akteur – in Form ihrer Bewohner. Hier bekommen die Berliner freien Auslauf in ihrer Wurschtigkeit, ihrem Witz, ihrer Wichtigkeit und ihrer Widerborstigkeit. Und so manches Hauptstadt- oder Metropolenspezifikum wird hier gesondert veralbert, so etwa die zahlreichen Dreharbeiten in der Stadt oder die Demonstrationsvielfalt. Oder auch der Niedergang von Hertha BSC, ein Gag, den man leider jedes Jahr mit neuer Aktualität abdrucken könnte.

Was diesen Olaf Schwarzbach (wie OL bürgerlich heißt) auszeichnet, ist seine Zeichnungskunst. Früher, in den Neunzigern, als er berühmt wurde, hatte er grandios verzerrte Protagonisten, die das Proletentum in jeder Hinsicht kultivierten: in Aussehen, Verhalten, Wortwahl. Mit seinen jüngeren gezeichneten Berlinsatiren, zu denen neben „Cosmoprolet“ auch „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ gehören (letztere in der „Berliner Zeitung“), hat er sich aber ein Feld als Stadtchronist erschlossen, auf dem er sich graphisch milde tummelt. Seine Figuren haben den simplen Strich eines Bosc oder noch passender Avril (vor allem in Kombination mit der Begeisterung für den Stadtraum), und gleichzeitig hat er sich doch die Drastik zumindest im Humor bewahrt. Und in der Bosheit, mit der er uns uns, wenn denn die Wahl dazu besteht, gewiss nicht das himmlische, sondern das schimmelige Berlin präsentiert.

Ich merke gerade: Bei OLs „Cosmoprolet“ handelt es sich gar nicht um ein guilty pleasure. Sondern um ein reines Vergnügen, auf das wir stolz sein können: dass es so etwas Witziges gibt.

 

17. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
2 Lesermeinungen

1
870

     

10. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

2
1601
     

Neonazis in Dortmund

Jetzt ging es aus traurigem Anlass wieder mal durch die Nachrichten: Dortmund hat die als aktivste eingeschätzte Neonazi-Szene in Nordrhein-Westfalen. Wieder mal wurde ein Asylantenheim bedroht, wieder mal konnte niemand dafür belangt werden. Aber immerhin schweigt die Lokalpresse die Ereignisse nicht tot.

Einer der dafür verantwortlichen Journalisten ist David Schraven, bis vor neun Monaten Chef des Recherche-Ressorts der WAZ-Gruppe, deren Zeitungen sich das Ruhrgebiet in schöner Eintracht aufteilen. Mittlerweile hat er eine neue Aufgabe: Schraven leitet ein von ihm mitbegründetes gemeinnütziges Recherchebüro namens „Correct!v“, das einer kommerziellen Monopolbildung der Presse entgegenwirken soll und dazu auf Förderung durch unabhängige Gönner setzt. Einen Preis als „Journalist des Jahres“ in der Kategorie Newcomer gab es dafür schon vom Fachblatt „Medium Magazin“; einen Wächterpreis gewann Schraven 2008.

Ein hochdekorierter Journalist also und einer, der auch den Comic für sich entdeckt hat. Vor vier Jahren schrieb er „Die wahre Geschichte vom Untergang der Alexander Kielland“ über eine 1980 gekenterte norwegische Ölförderplattform, die mehr als hundert Menschen in den Tod riss. Dieser Comic war eine Recherche, und Vincent Burmeister als Zeichner setzte die Ergebnisse von Schravens Arbeit eindrucksvoll duster um. Im Jahr darauf fanden sich beide noch einmal zusammen: für den Comic „Kriegszeiten“ zum militärischen Afghanistan-Einsatz der westlichen Staaten. Das brachte ihnen 2013 eine Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis ein.

Nun hat Schraven sich einen neuen Zeichner für ein neues Projhekt gesucht. Jan Feindt  ist seit Jahren im Geschäft, lebte allerdings einige Jahre in Tel Aviv, weshalb er in Deutschland nicht so präsent war, wie es sein sicherer Stil vermuten ließe. Lediglich in zwei deutsch-israelischen Comic-Anthologien war er vertreten, hatte daneben aber als Zeitschriftenillustrator einiges zu tun. Jetzt bringt er gemeinsam mit David Schraven seinen ersten großen Band heraus.

„Weiße Wölfe“ heißt er, und da der Titel in Großbuchsatben auf dem Cover prangt, kann das ß typographisch wie Himmlers SS gesetzt werden. Der Untertitel verheißt eine graphische Reportage über rechten Terror, allerdings beschreitet Schraven als Szenarist ungewöhnliche Wege. Wie etliche seiner Reportagecomickollegen arbeitet er sich selbst als Figur mit ein, doch die Perspektive wechselt zwischen seinen Recherchen und dem Weg eines jugendlichen Punkers aus Dortmund an den äußersten rechten Rand. Ob und wie dieser Teil der Geschichte recherchiert ist, lässt der Comic offen.

Das Nachwort lässt immerhin vermuten, dass auch diese Biographie zu einem Mitglied des 1987 begründeten international vertretenen Neonazi-Forums „Blood & Honour“ gehört. Die deutsche Untergruppe gilt als aufgelöst – wenn man dem nordrhein-westfälischen Innenministerium vertraut. Das tut Schraven aber nicht, und was er in seinem Comic zutage fördert, gibt nicht zu großen Hoffnungen, dass es anders wäre. Schon die banale Frage, die gleich am Anfang gestellt wird: Warum der NSU eines seiner Opfer 2006 in Dortmund erschossen hat (den türkischen Kioskbetreiber Mehmet Kubasik), führt zu einer Spur, die auf ein Netzwerk hinweist, in dem sich die beiden thüringischen Mörder und ihre mutmaßliche Verbündete Beate Zschäpe bewegt haben. Davon ist aber im Prozess gegen Zschäpe keine Rede. Schraven steuert nun neben den bereits bekannten weitere Indizien bei, dass man es hier mit mehr als drei Tätern zu tun hat – und das ein Zentrum für Planung und Ausführung in Dortmund lag.

Und es wäre ja schön, wenn man in der Vergangenheitsform bleiben könnte. Oder nur in Dortmund. Doch Stand dieses Comics ist die Gegenwart, und wenn am Schluss auf drei Doppelseiten die Perspektive sich zu einem Satellitenbild weitet, das erst Dortmunds Innenstadt, dann die Umgebung der Stadt und schließlich ganz Deutschland in den Blick nimmt, finden Feindt und Schraven eine bedrückend kongeniale Bildlösung für den überregionalen rechten Terror. Wie auch mit dem kalten Schwarzweiß des ganzen Buchs (einige Seiten kann man hier finden: http://correctiv.jimdo.com/).

Erschienen ist der Band übrigens nicht, wie man hätte erwarten dürfen, bei Carlsen, wo Schravens erste beiden Comics herauskamen, sondern im Eigenverlag  von Correct!v. Gewagt, aber er,möglicht durch eine Förderung der Rudolf Augstein Stiftung. Ob allerdings ein kritisches Lektorat nicht zumindest die regelmäßig eingestreuten Notate, die Schraven dem rechtsradikalen Roman „The Turner Diaries“ von William L. Pierce entnahm und von Feindt wie wirkliche beschriebene Seiten gestalten ließ, hätte herausnehmen lassen, weil hier noch eine Fiktionsebene ins angeblich recherchierte Geschehen eindringt, darf man fragen. Allerdings dankt Schraven seinen alten Carlsen-Redakteuren. Vielleicht war dieses Thema einfach zu heiß, als das er den Verlag den mit der Publikation verbundenen Risiken aussetzen wollte.

Eine Netzversion ist derzeit in Vorbereitung. Die wird dann auch gratis sein, wie es eigentlich die Aktivitäten von Correct!v allgemein sein sollen. Für den mehr als zweihundertseitigen Comic ist aber mit 15 Euro eher ein symbolischer Preis fällig. Und man ermöglicht damit weitere Recherche. So etwas wie David Schraven macht in Deutschland sonst niemand.

10. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

2
1601

     

01. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

0
658
     

Auch bei Comics zählt Symbolpolitik

Jetzt ist „Charlie Hebdo“ auch verewigt: In Angoulême gibt es seit dem heutigen Sonntag eine Place Charlie. Der Bürgermeister benannte zur Mittagszeit in einem feierlichen Akt die bisherige Place des Halles, auf der das Comicfestival seit Jahren eines seiner Ausstellerzelte aufbaut, um – nicht nur in Erinnerung an das Massaker vom 7. Januar, sondern vor allem, wie dabei betont wurde, als Mahnung an die Zukunft, die freie Meinungsäußerung zu verteidigen. Auf dem neuen Straßenschild, das wie alle in der Innenstadt von Angoulême die Form einer Sprechblase hat, steht denn auch unter dem Namen die Devise „Pour la défense de la liberté d’expression“ (kurzer Fernsehbeitrag dazu: http://videos.tf1.fr/infos/2015/angouleme-la-place-charlie-inauguree-pendant-le-festival-de-8556998.html). Man kann den Anwohnern nur wünschen, dass das fortan nicht fest zu ihren Adressen gehört.

Die Benennung erfolgte in Absprache mit der Redaktion des Satiremagazins, aber während der Feierstunde völlig unsatirisch. Neben seinem Amts- und Parteikollegen aus Angoulême hatte sich als prominentester Gast der Bürgermeister von Bordeaux eingefunden, Alain Juppé, ehedem französischer Außen- und Premierminister für die konservative UMP. Die sozialistische Kulturministerin Fleur Pellerin weilte zwar zum Zeitpunkt der Umbenennung des Platzes auch schon auf dem Festival, ließ sich aber bei der Zeremonie nicht blicken. In Angoulême wurde ihre Anwesenheit am letzten Tag des Festivals ohnehin eher als schwacher Trost für den abwesenden Staatspräsidenten Francois Hollande betrachtet, mit dessen Besuch man insgeheim doch gerechnet hatte.

Immerhin gab sie der nachmittäglichen Preisverleihung die Ehre, auf der im Großen Saal des Stadttheaters die „Fauves“ verliehen wurden, also die als kleine Katzenplastiken gestalteten Preise für die besten im Vorjahr in Frankreich veröffentlichten Comics verliehen wurden. Insgesamt 35 Alben hatte die Jury für den Hauptpreis, die „Fauve d’or“, nominiert, und es gab keine Überraschung: „L’Arabe du futur“ von Riad Sattouf ging als Gewinner daraus hervor (Leseprobe auf Französisch: http://fr.calameo.com/read/003705385ab5cc1d1ae39). Damit wurde nicht nur eines der erfolgreichsten Bücher im Frankreich des Jahres 2014 ausgezeichnet, sondern auch ein Comic, der genau zum Ernst der Stunde passt, auch wenn er urkomisch zu lesen ist. Sattouf erzählt darin von seinen Kinderjahren, die er als Sohn eines syrischen Vaters in Libyen und Syrien verbrachte. Der Vater war ein kompromissloser Propagandist eines modernen arabischen Nationalismus, den er als in Frankreich ausgebildeter Politologe selbst mitaufbauen wollte (deshalb der Titel „Der Araber von morgen“), und die bretonische Mutter zog samt der beiden Söhne mit.

Dieser Band macht auf humoristische Weise mehr über das Verhältnis zwischen arabischer und westeuropäischer Welt klar als ganze Stapel Fachliteratur, und zugleich wirft Sattouf einen tiefskeptischen Blick auf die Heimat und auch die Überzeugungen seines Vaters. Dass der sechsunddreißigjährige Zeichner zudem bis Mitte des letzten Jahres regelmäßiger Mitarbeiter von „Charlie Hebdo“ war, dürfte der Wahl seines Buchs zum besten Comic gleichfalls nicht geschadet haben.

Den Spezialpreis der Jury erhielt die französische Ausgabe von Chris Wares im amerikanischen Original schon 2012 erschienenen Meisterwerk „Building Stories“, der Publikumspreis ging an die Rentnergroteske „Les Vieux fourneaux – Ceux qui restent“ von Paul Cauuet und Wilfrid Lupano. Diesmal leer ging der Berliner Jens Harder aus, der mit „Beta – Civilisations“, dem zweiten Teil seines großen Evolutions-Sachcomics, nach dem Auftaktband „Alpha“ schon zum zweiten Mal in Angoulême nominiert war. „Alpha“ hatte 2010 eine Fauve gewonnen. Die Auszeichnung für die beste Neuentdeckung erhielt der im Senegal angesiedelte Band „Yekini, le roi des arènes“ von Lisa Lugrin und Clément Xavier, der die Geschichte dreier realer Laamb-Ringkämpfer erzählt. Als beste comichistorische Publikation bekam der in den dreißiger Jahren publizierte chinesische Comic-Strip „San Mao“ (der nichts mit dem späteren kommunistischen Diktator zu tun hat) die entsprechende Fauve. Die erste Übersetzung ins Französische passte perfekt zum sehr aufwendigen Gastauftritt Chinas auf dem diesjährigen Festival, für den ein eigenes Zelt reserviert war. Da kam der Preis gerade recht zur Belohnung für das chinesische Engagement. Zum besten Band einer bereits laufenden Serie wurde Band 6 von „Lastman“ bestimmt, einem erzählerischen Hybrid aus Manga-Stil und Videospielästhetik.

Ein Fazit der vier Tage: Kompliment für die Durchführung unter erschwerten Sicherheitsbedingungen. Über die Qualität der Ausstellungen konnte man streiten, vor allem die Gestaltung war oft einfallslos. Am eindrucksvollsten geriet die, die am wenigsten Vorbereitungszeit gestattete: die spontan zusammengestellte Hommage an „Charlie Hebdo“. Da alle vier Tage im Zeichen der Pariser Attentate standen, passte das gut.

01. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

0
658

     

01. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
264
     

Ich bin doch keine Kinderzeichnerin!

Das musste ja so kommen. Am Samstag sorgten die nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ anberaumten Sicherheitskontrollen auf dem Comicfestival von Angoulême für endlose Schlangen vor den Verlagszelten und Ausstellungsorten. Zumal die Öffnungszeiten von jeweils zehn Uhr morgens sklavisch eingehalten wurden, genauso wie die Anfangszeiten der Diskussions- und Vortragsveranstaltungen, von denen einige gleichfalls um zehn Uhr morgens angesetzt waren. Der Zeitplan stammte noch aus den Tagen vor dem 7. Januar, aber warum sie denn den geänderten Bedingungen anpassen? Und so kam es, dass sich zu einer dieser vormittäglichen Veranstaltungen nur zwei einsame deutsche Gäste einigermaßen pünktlich einfanden (die allerdings auch durch ihre Presseausweise profitiert hatten, weil sie sich nicht in die hundert Meter lange Schlange mit normalen Besuchern vor den Kontrollposten einreihen mussten).

Also begegneten sich im Konferenzsaal der Musée de la Bande dessinée um 10.05 Uhr vier Menschen: die beiden deutschen Gäste, eine betretene Organisatorin und die Referentin, die fünfunddreißigjährige französische Comiczeichnerin Nancy Pena (von der unbegreiflicherweise noch kein einziges Buch auf Deutsch erschienen ist, man sehe sich nur http://nancypena.canalblog.com/ an). Letztere zeigte sich erfreut über diese ersten Besucher, einmal, weil überhaupt jemand kam, und dann, weil es sich dabei um Erwachsene handelte. Die Veranstaltungsreihe, in der Frau Pena auftrat, lief nämlich unter dem Titel „Rencontres jeunesse“, also Begegnungen für die Jugend, aber Nancy Pena versteht sich gar nicht als Zeichnerin für Kinder oder Jugendliche. Wie sie in diese Schiene geraten sei, wisse sie nicht, aber sie habe anfangs auch mal Illustrationen für Jugendbücher gemacht, also werde das schon irgendwie angehen.

Wann aber sollte es irgendwie losgehen? Die Organisatorin eilte ins Foyer, um die ersten durch die Sicherheitsschleusen gelangten Besucher zum Vortragsraum zu lotsen. Eine Frau mit zwei Kindern trifft ein. Der Junge fragt: „Worum geht es in Ihren Comics?“ Nancy Pena antwortet: Im neuesten Band um Medea, eine Zauberin aus dem antiken Griechenland.“ „War sie böse?“ „Das ist nicht so eindeutig zu sagen.“ Ehrlichkeit zahlt sich aus, die dreiköpfige Familie bleibt.

Um 10.20 Uhr kommt die Organisatorin aus dem Foyer zurück und verkündet einen ersten Anwerbeerfolg: Eine Gruppe von rund vierzig Kinder werde gleich eintreffen, eine Betreuerin ist schon mitgekommen. „Aber ich mache keine Kindercomics“ – die Beteuerung der Zeichnerin schreckt erfreulicherweise nicht ab, im Nu ist der Saal voll, in der ersten Reihe nehmen mit Gabriel und Etienne zwei hyperaktive Knaben Platz, deren Namen dank der Ermahnungen der Aufsichtsperson im Publikum bald besser bekannt sind als der der Künstlerin.

Nancy Pena hat wunderbare Comics gezeichnet: „La Gilde de la mer“ etwa, der aber nach zwei Bänden nicht mehr fortgesetzt wurde, weil sich der mutige Kleinverlag den finanziellen Aufwand dafür nicht mehr leisten konnte. Oder „Tea Party“, eine Geschichte aus dem England des neunzehnten Jahrhunderts, wo Penas literarische Vorbilder zu suchen sind. Und eben „Medée“, dessen zweiter Teil gerade zum Comicfestival erschienen ist. Um den soll es in der Präsentation gehen, aber die Geschichte von Medea ist eben kein Schlummerlied, doch das hat die Programmplaner nicht gestört, also wurde Nancy Pena ins Kinderprogramm geschoben, wo noch Platz war. Aus Rücksicht aufs junge Publikum wird sie kein einziges Bild aus „Medée“ zeigen. Aber der Vormittag wird dennoch grandios.

Denn die Kinder stellen großartige Fragen: „Was ist deine Lieblingsgeschichte?“ „Der gestiefelte Kater. Kennt ihr den?“ Betretenes Schweigen auf beiden Seiten: Die Kinder kennen das Märchen nicht, Nancy Pena versteht die Welt nicht mehr. „Was machen Sie, wenn Sie mal keine Comics mehr zeichnen werden?“ „Vielleicht Schafe hüten.“ „Und was wollten Sie vorher werden?“ „Schatzsucherin oder Entdeckerin.“ Wann wird man als Comiczeichnerin schon mal nach so etwas gefragt?

Man merkt Nancy Pena an, dass sie ausgebildete Lehrerin ist, die ihren Beruf aber mit 25 Jahren an den Nagel hängte, als sie ihren ersten Comic veröffentlichen konnte. Zehn Alben hat sie seitdem fertiggestellt und etliche Bücher illustriert, doch besonderes Vergnügen bereiten ihr Zeichnungen für T-Shirts oder Teedosen, „denn da muss ich als Illustratorin dreidimensional denken“. Am Schluss gehen Publikum und Zeichnerin zufrieden auseinander, auch wenn von der angekündigten Stunde Vortragszeit durch die einlasskontrollenbedingte Verspätung nur die Hälfte geblieben ist. Bei den Kindern war Nancy Pena genau richtig.

Solche Zuhörer hätte man auch Riad Sattouf gewünscht, dem Verfasser des erfolgreichsten französischen Comics im vergangenen Jahr, „L’Arabe du futur“ (http://fr.calameo.com/read/003705385ab5cc1d1ae39). Durch einen Zufall kam mir die Aufgabe zu, ihn ins Deutsche zu übersetzen (er erscheint in zwei Wochen), aber das musste sehr schnell passieren, und ich hatte Sattouf bisher noch nie getroffen, also wollte ich ihn nun zumindest einmal hören. Da sein Buch für den Hauptpreis des Festivals nominiert ist, wollten ihn aber auch Hunderte anderer Leute hören, und sie hatten dieselben Probleme, in die Salle Bunuel im Espace Franquin zu kommen, wie morgens etwaige Interessenten von Nancy Pena.

So herrschte noch weit nach Beginn des Gesprächs ein eifriges Kommen im Saal, und diese erwachsene Unruhe hätte man gern gegen die hyperaktiven Gabriel und Etienne vom Vormittag eingetauscht. Zumal der Moderator sich in ironischen Mätzchen gefiel, die dem Gespräch nicht zuträglich waren, wenn Sattouf sie auch souverän konterte. Keine Rede kam übrigens darauf, dass er zehn Jahre lang für „Charlie Hebdo“ gezeichnet hat. Erstaunlich, dass das größte Thema des Festivals dort keine Rolle spielte, wo man wirklich einen kenntnisreichen Gesprächspartner gehabt hätte.

Mittlerweile sind übrigens die anfangs schier unendlich scheinenden Bestände an der nach dem Attentat erschienenen Nummer von „Charlie Hebdo“ auch in Angoulême ausverkauft. Nur an den beiden Ständen des Satiremagazins selbst gibt es noch Reste, aber die werden nur an Interessenten abgegeben, die ein Abonnement abschließen. An einem der Stände beschied man einen deutschen Festivalgast, er möge doch zum anderen gehen; dort sagte man ihm dann, er möge die Ausgabe in Deutschland kaufen. Selten so gelacht! Aber dann bekam er doch noch zwei Exemplare. Gut, dass ich meines schon am Donnerstag erworben hatte.

01. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
264

     

30. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
1 Lesermeinung

0
372
     

Unser Bürgermeister soll ein Schwachkopf sein?

Man kann nicht sagen, dass das Glück in Angoulême vollkommen gewesen wäre, als gestern gleich zwei Große Preise verliehen wurden. Nur merkte man davon nichts, denn die eigentliche Preisübergabe fand wetterbedingt nicht wie üblich auf dem Rathausbalkon, sondern in den repräsentativen Innenräumen statt, wodurch nur geladene Gäste etwas von dem mitbekamen, was geschah. Und das, was da geschah, erregte heute die Gemüter in der südwestfranzösischen Stadt, die sich viel auf zwei Dinge zugute hält: auf ihre illustre Vergangenheit als Sitz eines bedeutenden Grafengeschlechts und auf ihre Rolle als Comichauptstadt Europas. Deshalb wurden die beiden Preisträger nur sehr eingeschränkt gutgeheißen.

Bei „Charlie Hebdo“, der Satirezeitschrift, die drei Wochen nach dem Attentat auf ihre Redaktion, als erste in den Genuss eines Spezial-Grand-Prix kam, war an der Entscheidung nicht zu rütteln – alle in Angoulême stehen hinter dem Blatt. Aber das Blatt steht nicht hinter Angoulême. Deshalb entsandte die Redaktion keinen eigenen Mitarbeiter zur Preisverleihung, sondern ließ die Auszeichnung durch Jean Christophe Menu stellvertretend entgegennehmen. Menu ist als Zeichner und Verleger einer der streitbarsten Geister des französischen Comics und hatte als Aufgabe laut eigener Aussage nur eine Aufgabe: er selbst zu sein. Dann würde sich „Charlie Hebdo“ durch ihn blendend repräsentiert fühlen.

Bei seinen Dankesworten nahm Menu entsprechend kein Blatt vor den Mund. Keineswegs fühle sich „Charlie Hebdo“ von allen geschätzt, die sich nach den Morden als solidarisch erklärt haben. Man nehme nur den Bürgermeister von Angoulême. Das sei ein Schwachkopf, der die öffentlichen Bänke in seiner Stadt habe einzäunen lassen. Der auf diese Weise wenig schmeichelhaft bezeichnete Würdenträger, der den Preis immerhin gerade erst an Menu übergeben hatte, machte offenbar gute Miene zum sarkastischen Spiel, doch die Lokalpresse schäumte am Freitag über den dreisten Dank. Wobei Menu abermals nur die Anregungen seiner Freunde von „Charlie Hebdo“ befolgt haben wollte, die sich über die Einzäunung von Straßenbänken im Winter (um zu vermeiden, dass sich Obdachlose darauf legen) beklagt und ihn beauftragt hätten, diese anzuprangern. Dass es sich dabei um Satire der Redaktion eines Satiremagazins handeln könnte, kam in Angoulême wohl niemand in den Sinn.

Gravierender ist da die bereits einsetzende Kritik am eigentlichen Großen-Preis-Gewinner dem Japaner Katsuhiro Otomo. Die wichtigste europäische Comicauszeichnung gilt einem Lebenswerk, und der Sieger wird gleichzeitig zum Präsidenten des nächstjährigen Comicfestivals. In diesem Jahr war in Angoulême allerdings vom Präsidenten nichts zu sehen, denn Bill Watterson, Schöpfer der Comic-Strip-Serie „Calvin & Hobbes“, dachte gar nicht daran, sein selbstgewähltes und seit einem Vierteljahrhundert konsequent gewahrtes Inkognito zu lüften. Und 2016 droht wohl etwas Ähnliches. Niemand erwartet, dass Otomo, der sich nach dem Erfolg seines Manga „Akira“ in den achtziger Jahren ähnlich wie Watterson von den Comics weitgehend zurückgezogen hat, nach Frankreich kommen wird, um dem Festival vorzustehen. Dieses Desinteresse der Ausgezeichneten verletzt den Stolz der Menschen in Angoulême.

Deshalb werden wieder einheimische Preisträger verlangt (wobei man daran erinnern könnte, wie aktiv die beiden Amerikaner Robert Crumb und Art Spiegelman ihre jeweiligen Präsidentschaften betrieben haben). Aber unter den drei Finalisten um den Großen Preis gab es diesmal keinen einzigen Franzosen, und der Brite Alan Moore wäre im Falle seines Sieges gewiss auch nicht gekommen (der Belgier Hermann dafür umso sicherer, aber er gilt als politisch heikler Fall). Kurt gesagt: Früher war beim Festival alles besser. Und so sollte es nach dem Willen der Öffentlichkeit bitte wieder werden.

Doch was passieren kann, wenn man sich zu sehr an die Vergangenheit klammert, das war am heutigen Freitag im Theater der Stadt zu erleben. Dort war die neueste Ausgabe einer Besonderheit des Comicfestivals von Angoulême zu erleben: Um 14 Uhr stand ein Concert de dessins auf dem Programm. Diese Bezeichnung hatte Angoulême sich schützen lassen, als es das Prinzip vor zehn Jahren erfand: Comickünstler zeichnen auf der Bühne zu live gespielter Musik, und die Entstehung ihrer Bilder wird durch Kameras auf eine große Leinwand übertragen, so dass das Publikum im Saal ein synästhetisches Vergnügen hat. So weit so gut.

Ich erinnere mich an meine ersten Besuche von Concerts de dessins, damals bestritten von Blutch als alleinigem Zeichner beziehungsweise Dupuy & Berberian, einem Künstlerduo, das damals noch als untrennbar galt – und als ununterscheidbar in der jeweiligen Arbeit. Das Konzert bewies, dass die beiden durchaus unterschiedlich zeichneten, aber da stand eben ein eingeschworenes Team auf der Bühne; beide wussten, was der jeweils andere wollte, und so ergänzten sich ihre Bilder perfekt. Und Blutch duldete erst gar nicht jemanden anderen als Zeichner auf der Bühne. Zudem waren es damals Abendveranstaltungen. Auch das hat seine Bedeutung.

Diesmal standen nicht eine oder maximal zwei, sondern gleich acht Zeichner auf der Bühne, die in zwei Gruppen zu jeweils vier Personen kollektiv an ihren Bilder arbeiteten. Wirkte früher alles spontan aus dem Erlebnis der Musik geschaffen, so war diesmal alles bis ins Kleinste abgesprochen, was man sofort daran merkte, dass es einen vorproduzierten und zu Beginn des Konzerts eingespielten Film gab, der den Diebstahl eines Huts durch einen maskierten Herrn zeigte. Bestohlen wurde der Musiker Aleski Belkacem, und zwar in der Garderobe des Theaters von Angoulême (http://www.bdangouleme.com/571,concert-de-dessins).

Das war die Ausgangsbasis für das Konzert. Vier weitere Musiker (für Keyboard, Bass, Schlagzeug und Gitarre) kamen nacheinander auf die Bühne, doch noch bevor man sie überhaupt sah, wurden sie schon gezeichnet, und zwar täuschend echt, also vorher eingeübt. Aleski trat dann als Letzter auf, aber nur um sich zu weigern, seine Aufgabe als Sänger zu erfüllen, ehe sein Hut wieder da sei. Und so spielte seine Band dann eben allein, während Aleski mit dem Rücken zum Publikum schmollte und die beiden Zeichnergruppen auf ihren Bildern zur flotten Instrumentalmusik eine Verfolgungsjagd auf den Dieb inszenierten, die natürlich am Ende erfolgreich sein musste, damit das letzte Stück doch noch gesungen werden konnte. Ein in seiner Schlichtheit geradezu kindisches Konzept.

Das liegt daran, dass um 14 Uhr natürlich ein Großteil des Publikums aus Kindern besteht. Früher waren die Concerts de dessins ästhetische Erlebnisse, jetzt sind es reine Spektakel, auch wenn mit den Franzosen Jean-Louis Tripp und Alfred, dem Amerikaner Derf Backderf und dem Engländer Luke Pearson gleich vier international berühmte Zeichner agierten. Und Nie Jun aus China stahl allen die Schau, weil er binnen Sekunden Figuren auf dem Papier zum Leben erwecken konnte. Doch was hilft das, wenn die Handlung der zu erzählenden Geschichte so banal ist? Es war zwar bemerkenswert zu beobachten, wie einige Zeichner selbst für sie auf dem Kopf stehende Elemente eines Bildes ergänzen konnten, ohne dass es einen Bruch in den Linien gegeben hätte, doch das war mehr Artistik als Beseeltheit. Das Festival von Angoulême hat einen Mythos zugunsten größerer Popularität geopfert. Darüber aber beklagt sich niemand.

30. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
1 Lesermeinung

0
372

     

29. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
268
     

Vergnügen ist gut, Sicherheitskontrolle ist besser

In Angoulême geht die Welt unter, es regnet in Strömen. Das treibt die Besucher in die Zelte mit den Ständen des Comicfestivals und in die Ausstellungen, doch vor deren jeweiligen Besuch sind Sicherheitskontrollen zu absolvieren, denn natürlich steht diese 42. Ausgabe des größten europäischen Comicfestivals unter einem ganz anderen Stern als alle seine Vorgänger: Seit dem Attentat vom 7. Januar steht die ganze Branche im Zentrum der Aufmerksamkeit und gilt als Speerspitze im Kampf der Kulturen. Und folglich gilt sie als höchst bedroht.
Zugleich bekommt sie mehr Aufmerksamkeit als jemals zuvor. Als am Donnerstag, dem ersten Tag des Festivals, ein kleiner Fehlalarm im Musée de la Bande Dessinée ausgelöst wurde, war der große Komplex binnen Minuten geräumt, inklusive der deutschen Botschafterin, die aus Paris gekommen war, um dort eine technische Errungenschaft zu präsentieren, die mit Comics gar nichts zu tun hatte, aber im selben Gebäude gefeiert werden sollte. Der Übereifer bei der Räumung hatte seinen Grund darin, dass am selben Ort auch die „Charlie Hebdo“-Ausstellung zu sehen ist, die in einer wahren Herkulesarbeit in kaum zwei Wochen organisiert wurde und hervorragend geraten ist.
In langen gewundenen Tischvitrinen liegen sämtliche Ausgaben der Satirezeitschrift aus, aber auch deren Vorgeschichte – also die des Magazins „Hara-Kiri“, für das fast alle Mitarbeiter des 1970 gegründeten Blatts gearbeitet hatten – wird präsentiert. Hier zeigt sich, was für ein Zentrum des französischsprachigen Comics Angoulême mittlerweile ist. Nicht nur das Museum steht hier, sondern auch eine gigantische Spezialbibliothek, deren Beständen sich der Großteil der Ausstellung verdankt. Private Leihgeber steuerten dann noch ein paar Plakate und Originalzeichnungen der „Charlie“-Zeichner bei, Interviews mit den Künstlern wurden für Bildschirme aufbereitet  – fertig war die Schau.
Wie lange sie gezeigt wird, weiß niemand in Angoulême. Zu rasch musste sie konzipiert werden, als dass man sich darüber bislang hätte Gedanken machen können. Es steht zu hoffen, dass sie nicht nach den vier Festivaltagen schon wieder abgebaut werden muss; normalerweise erlaubt der Standort im Museum mehrere Monate Laufzeit, so wie im Fall der parallel gezeigten, aber natürlich auch viel länger vorbereiteten Ausstellung zu Tove Janssons „Mumins“, die ein großer Erfolg bei den jungen Besuchern ist. Allerdings müssen auch sie durch die gleich doppelten Kontrollen der „Charlie“-Schau. Und es macht wenig Vergnügen, in den entsprechenden Schlangen zu stehen, während es von oben schüttet.
Abends am ersten Festivaltag war der Regen dankenswerterweise etwas weniger grässlich, als traditionell vom Rathausbalkon herab der Gewinner des Großen Preises von Angoulême verkündet wurde: Katsuhiro Otomo (http://grandprix.bdangouleme.com/). Der japanische Mangaka, berühmt vor allem durch „Akira“, ist der erste asiatische Künstler, dem diese Ehre widerfährt, erstaunlicherweise noch vor seinem Landsmann Jiro Taniguchi, der diesmal einer Stargäste in Angoulême ist und von den Franzosen vergöttert wird. So sehr, dass er sich bei einem bis auf den letzten Platz gefüllten kurzen öffentlichen Gespräch am Nachmittag aus dem Publikum fragen lassen musste, wann er denn endlich in seiner Heimat so bekannt werde wie in Frankreich. Taniguchi lächelte, nannte das eine interessante Frage, und verwies darauf, dass er Manga zeichne, die eine langsame Lektüre erforderten. Das sorge dafür, dass sie in Japan schnell wieder aus den Verkaufsregalen genommen würden.
Wenn der Wirbel um Taniguchi, dem jede französische Zeitschrift, die sich überhaupt für Comics interessiert, ihre Januar-Titelstory gewidmet hat, ein Indikator sein kann, was im kommenden Jahr blüht, wenn Otomo nach Angoulême kommt, dann dürfte das Comicfestival endgültig für den Manga gewonnen sein. Immerhin nahm Otomo die Preisverleihung im fernen Frankreich so wichtig, dass er schon drei Stunden nach Verkündigung aus Japan eine Videobotschaft zum Dank schickte. Dabei war ihm auf dem Balkon sogar noch die Schau gestohlen worden. Es gab nämlich erstmals zwei Große Preise, denn an „Charlie Hebdo“ wurde eine Spezialauszeichnung verliehen (http://grandprix.bdangouleme.com/14/grand-prix-special.html). Damit hat die aus ehemaligen Siegern und Vertretern der Stadt bestehende Jury des bedeutendsten Comicpreises der Welt ein wenig Terrain zurückgewonnen.
Denn sie war entmachtet worden – was ich bislang noch gar nicht wusste. Mittlerweile erfolgt die Vergabe des Grand Prix über ein Votum von mehr als 3500 französischsprachigen Comicschaffenden, mit dem erst einmal drei Finalisten und dann der Gewinner festgelegt werden. Diesmal standen neben Otomo der englische Szenarist Alan Moore und der belgische Zeichner Hermann zur Wahl. Für den Japaner stimmten dann 38 Prozent, also eine ziemlich dünne Mehrheit. Aber der über Jahrzehnte aktiven Jury blieb gar nichts mehr – bis das Massaker von Paris sie noch einmal forderte. Hoffentlich zum letzten Mal, wenn es dazu solcher Anlässe bedarf.
Und in einer der Kategorien für die besten Publikationen des vergangenen Jahres wurde auch schon der Gewinner bestimmt: Als bester Comic für junge Leser ist der erste Band der Serie „Les Royaumes du Nord“ (Die Königreiche des Nordens von Clément Oubrerie und Stéphane Melchior ausgezeichnet worden. Wie es der Zufall wollte, saß ich gerade im „Chat Noir“, der Stammkneipe der deutschen Festivalgäste, als sich ein junger Mann mit stolzgeschwellter Brust und drei hochgestimmten Begleitern nebenan niederließ und eine „Fauve“ (den von Lewis Trondheim gestalteten Hauptpreis in Form einer Cartoon-Katze) auf den Tisch stellte. Das war Stéphane Melchior, und näher werde ich wohl keinem anderen Preisträger des Festivals mehr kommen. Denn wenn die anderen Auszeichnungen am Sonntag Nachmittag vergeben werden, dürfte ich schon wieder auf dem Heimweg sein.

29. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
268

     

28. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
491
     

Ein Comicfestival, das ganz Charlie sein wird

Dieser Eintrag wird in Tours geschrieben, einer französischen Stadt 210 Kilometer vor Angoulême, wo von morgen (Donnerstag) an vier Tage lang zum 42. Mal das größte europäische Comicfestival ausgerichtet wird. Natürlich steht es ganz im Schatten des Attentats auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ vom 7. Januar in Paris. Einer der dabei ermordeten fünf Zeichner war Georges Wolinski, der 2005 in Angoulême den Großen Preis der Stadt zuerkannt bekommen hatte und deshalb im Folgejahr Präsident des Festivals war. An ihn und an seine mit ihm gestorbenen Kollegen Jean Cabut, Stéphane Charbonnier, Philippe Honoré und Bernard Verlhac erinnert man sich in diesem Jahr in Angoulême besonders.

Die Preisträgerkollegen von Wolinski haben eine eigene Stellungnahme zu dem Attentat verfasst, und das Festival hat auf Facebook ein eigenes Hommage-Album angelegt (http://www.bdangouleme.com/648,le-dessin-et-ses-dessinateurs-sont-eternels), auf dem Zeichner ihre Arbeiten zu dem Pariser Massaker einstellen können. Und keine Geringere als „la fauve“, jene Katze, die Lewis Trondheim (Grand-Prix-Gewinner im Jahr nach Wolinski) als Maskottchen des Festivals gezeichnet hat, trägt das Schild „Je suis Charlie“.

Trondheim hat auch das erste Comic-Meisterwerk des neuen Jahres vorgelegt, das ich heute Nachmittag in einem Comicladen in Tours gekauft habe: „Capharnaum“, verlegt bei L’Association, dem Verlag, den der Zeichner selbst Anfang der neunziger Jahre mitbegründet hatte und den er mit fünf weiteren Kollegen vor drei Jahren vor der Pleite bewahrte. „Capharnaum“ ist das erste neue Trondheim-Werk, was seitdem dort erschienen ist, wobei es so neu gar nicht ist. „Récit inachevé“ (unvollendete Erzählung) steht auf dem Cover, denn die 275 jetzt publizierten Seiten sind der Torso einer ursprünglich angeblich auf fünftausend Seiten angelegten Geschichte, die Trondheim 2003 begann und 2005 abbrach. Damals begann just der Ärger um L’Association, der ihn für einige Jahre aus dem Verlag vertrieb.

Der Titel ist der Name einer fiktiven Stadt, in der sich eine aberwitzige Geschichte um eine Mörderbande abspielt. Sie wird von einer Spezialeinheit gejagt, die vor allem als Comic-Helden berühmt sind. Einer ihrer größten Fans ist Herr Hase, der unfreiwillig in die ganze Sache hineingezogen wird. Trondheim vermengt hier wieder etliche Genres, und wer das Ganze vor der Folie der “Charlie Hebdo”-Morde lesen will, der kann das tun, auch wenn alles schon vor zehn Jahren gezeichnet wurde.

Seitdem aber haben einige Vertrauenspersonen die in Notizbüchern gezeichneten Seiten von „Carphaneum“ gesehen und Trondheim zur Veröffentlichung geraten. Zu Recht. Es taucht darin nämlich das klassische Personal seiner Erfolgsserie „Lapinot“ (auf Deutsch: „Herrn Hases haarsträubende Abenteuer“) auf, und „Capharnaum“ ist überdies nicht weniger als die Fortsetzung jenes fünfhundertseitigen Albums „Lapinot et les carottes de Patagonie“, das Trondheim 1992 den Durchbruch beschert hatte. Zwar nicht die inhaltliche Fortsetzung, aber immerhin eine strukturell-ästhetische – „Capharnaum“ ist ein ähnlich frei erzähltes Abenteuer, auch wieder schwarzweiß gezeichnet und mit langen wortlosen Passagen.

Mit L’Association begann vor einem Vierteljahrhundert die Erneuerung des französischen Comics. Kein Wunder, dass der erfolgreichste französische Comic des vergangenen Jahres, „L’Arabe du futur“, von einem Zeichner stammt, der mit den Comics von Trondheim und Co. aufgewachsen ist und dann selbst bei L’Association publizierte: Riad Sattouf. Er ist mit seinem Bestsellercomic der heiße Kandidat für den Hauptpreis des besten Albums auf dem diesjährigen Festival, aber er käme auch als neuer Gewinner der Grand Prix in Frage, denn die Jury, die diese Auszeichnung verleiht (die früheren Preisträgern und Vertreter der Stadt), trifft sich erst auf dem Festival selbst. Und was könnte man sich als stärkere Reaktion auf die Pariser Morde vorstellen als die Auszeichnung eines Mitarbeiters von „Charlie Hebdo“?

Das ist Riad Sattouf. In der Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Novel Observateur“ von letzter Woche erzählt er auf zwei Seiten in einem kurzen Comic, wie er zu den „Charlies“ stieß. Er war 2004 wegen der Publikation seines Albums „La circoncision“ (Die Beschneidung) vor eine französische Kontrollkommission geladen worden, die über Verbote von Büchern entscheidet. Konkret machte man Sattouf den Vorwurf, mit seinem Vater (einem Syrer, der den Sohn gemäß muslimischen Regeln beschneiden ließ) in dem Buch zu respektlos umgesprungen zu sein. Der Zeichner suchte Beistand von Kollegen, die Erfahrungen mit dieser Kommission hatten, und wo hätte er diesbezüglich kenntnisreichere Leute treffen können als bei „Charlie Hebdo“, einem Magazin, dem bekanntlich nichts heilig ist? Man half ihm, und Sattouf wurde danach zum regelmäßigen Mitarbeiter, der im Heft wöchentlich seine Serie „La vie secrète des jeunes“ (Das geheime Leben der Jugend) veröffentlichte. Da er Redaktionssitzungen hasst, war er glücklicherweise am 7. Januar nicht dabei, als das Magazin ausgelöscht werden sollte.

Spannung ist also garantiert auf diesem Festival: Wie wird Angoulême der Toten gedenken, wie die Überlebenden feiern? Niemand konnte ahnen, wie brisant die diesjährige Veranstaltung werden würde. Ich selbst hatte sofort nach dem letztjährigen Festival nach mehrjähriger Pause wieder mal eines der raren Hotelzimmer gebucht, denn der Gewinner des Großen Preises 2014 und damit der Präsident des Festivals von 2015 heißt Bill Watterson. Mit „Calvin & Hobbes“ wurde der Amerikaner zu einem der berühmtesten Comiczeichner aller Zeiten, doch niemand kennt ihn persönlich, weil Watterson seit mehr als zwanzig Jahren völlig zurückgezogen lebt, keine Interviews gibt und keine Fotos von sich publizieren lässt. Traditionell wird dem letztjährigen Preisträger in Angoulême eine Sonderausstellung ausgerichtet, und schon das lohnt den Weg in den Südwesten Frankreichs. Und vielleicht wird Watterson ja wirklich da sein. Wobei ihn dann ja niemand erkennen würde. Aber allein die Hoffnung, dieser Legende einmal nahezukommen, sorgt für weitere Spannung. In den nächsten vier Tagen werde ich berichten, was in Angoulême geschieht.

 

 

28. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
491

     

26. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
436
     

Was hat denn die für einen Kopf?

Seit fünf Jahren gibt der Louvre eigene Comics heraus, elf Bände sind mittlerweile erschienen. Die Reihe hat zwei programmatische Bedingungen: Die Geschichten müssen im Louvre selbst spielen, und es sollen gestandene Comickünstler sein, die sie erzählen. Klar, das größte und berühmteste Museum der Welt ist auf seinen Ruf bedacht.

Neun der bislang elf Comics stammen von französischen Zeichnern (nein, Frauen sind bislang nicht vertreten, auch wenn Loo Hui Phang für Philippe Dupuy immerhin ein Szenario verfassen durfte), darunter solch Berühmtheiten wie Enki Bilal, Nicolas de Crécy, Bernard Yslaire, David Prudhomme oder Marc-Antoine Mathieu. Die beiden Ausnahmen sind Japaner: Hirohiko Araki, der einen klassischen Manga für den Louvre zeichnete, und jetzt als elfter und somit aktuellster in der Serie Jiro Taniguchi. Über ihn habe ich schon mehrfach an dieser Stelle geschrieben, und somit kann ich meinerseits zwei Dinge wohl als bekannt voraussetzen: Taniguchi ist der angesehenste lebende Mangaka, und er zeichnet im Vergleich mit seinen japanischen Kollegen eher westlich, weil seine Liebe dem französischen Comic gehört. Deshalb ist er vom kommenden Donnerstag (29. Januar) an auch einer der Ehrengäste beim diesjährigen Comicfestival von Angoulême. Mal sehen, ob er mir da begegnen wird … Aber der französischen Fachpresse entnehme ich, dass die Plätze für seine Signierstunden verlost werden. Und Taniguchi soll sehr scheu sein.

Aber eben ein Frankophiler und in diesen Tagen zu Gast in Frankreich. Beste Voraussetzungen also für eine Zusammenarbeit mit dem Louvre (und dem Pariser Verlag Futuropolis, der die Bände vertreibt). Taniguchis Band heißt „Les Gardiens du Louvre“ (Die Schutzgeister des Louvre) und kommt im klassischen französischen Albenformat daher. Aber dann schon die erste Überraschung: Er will von rechts nach links gewesen sein, also so, wie Manga im Original gedruckt werden, und das hat man bislang bei Taniguchi-Publikationen im Westen stets vermieden. Der Louvre setzt damit ein Signal: Wir wollen so authentisch japanisch sein wie möglich (und wie das Manga-Publikum es liebt).

Worum geht es? Wie fast immer bei Taniguchi um einen einsamen Mann, einen Japaner, der im Mai 2013 zu einem spanischen Comicfestival gereist ist und auf der Rückreise ein paar Tage in Paris Halt macht, um sich dort die Museen anzusehen (Leseprobe: http://www.futuropolis.fr/planche.php?id_article=790344). Leider ist er krank, nur mit Mühe schleppt er sich aus seinem Hotelzimmer zum Louvre, wo er auch prompt einen Anfall erleidet. Als er aus seiner Benommenheit wieder erwacht, ist das zuvor überfüllte Museum leer, und eine seltsam in Rosaweiß gewandete Frau spricht ihn an, die sich als einer der Schutzgeister des Louvre vorstellt. Taniguchi lässt in seiner Erzählung bewusst offen, ob es sich bei allem, was dann folgt, nicht nur um Fieberhalluzinationen seines Protagonisten handelt.

Was konkret folgt, sind Streifzüge durch einen Louvre, wie ihn keiner kennt (nämlich weiterhin menschenleer) und Ausflüge in die Geschichte des Museums und der Malerei. Zum Beispiel trifft der japanische Gast den Landschaftsmaler Jean-Baptiste Camille Corot, Vincent van Gogh und den für die Räumung der Louvre-Bestände im Zweiten Weltkrieg zuständigen Mitarbeiter – und das jeweils in ihrer Epoche. Der gute Schutzgeist, der diese Zeitreisen ermöglicht, entpuppt sich als Nike von Samothrake, deren weltberühmte Skulptur im Treppenhaus des Museums steht. Dass Taniguchi aus der reichen Auswahl an Artefakten des Louvre  ausgerechnet ein Objekt wählt, dem der Kopf und die einstige Bemalung fehlen, so dass man nicht sofort auf die Identität der jungen Dame in Rosaweiß kommt, ist ein geschickter Kunstgriff – andererseits aber habe zumindest ich mir die Nike (zugegebenermaßen mein Lieblingsobjekt im Louvre) ganz anders vorgestellt. Sie ist dann doch nur eine der vielen Taniguchi-Frauen, die bewusst ähnlich austauschbar gehalten sind wie seine männlichen Helden.

Immer, wenn Taniguchi farbig arbeitet, verliert seine Graphik an Charme. Das ist auch hier so. Was wäre das in Schwarzweiß für ein Fest gewesen, aber so etwas kauft der Louvre-Besucher wohl eher nicht. Man kann es sich – wenn auch in anderem Format – exemplarisch in seiner jüngsten deutschen Publikation ansehen: der Kurzgeschichtensammlung „Der Gourmet“ (erschienen bei Carlsen). Alles wie gehabt – ein Japaner mittleren Alters durchstreift Tokio, diesmal auf der Suche nach gutem Essen. Und natürlich ist alles schwarzweiß, weil die Geschichten ursprünglich für japanische Manga-Anthologien gezeichnet wurden. Das übrigens schon in den neunziger Jahren. Weshalb der dokumentarisch-klare Stil von Taniguchi eine Stadt rekonstruiert, die es heute kaum noch so gibt, mit den Straßenzügen, Menschen und vor allem Accessoires von damals.

Farbe kleistert solche Genauigkeit zu, oder um es brutal zu sagen: Der Louvre sieht nicht so aus, wie Taniguchi ihn koloriert. Er wird zur Fantasywelt, und das passt ja auch zur Geschichte, die erzählt wird, aber die wahre Stärke von Taniguchis Zeichnungen, ihr Realismus, kommt dadurch nicht zur Geltung. Die Farben unterstützen die elegisch-romantisierende Stimmung, die in allen Manga dieses Autors herrscht, zusätzlich, und das tut der Sache nicht gut, weil es zu viel des Wehmütigen ist. Zumal Taniguchi die Geschichte in einer Apotheose gipfeln lässt, die mit „Kitsch“ wohl noch freundlich umschrieben ist.

Aber natürlich muss man alles lesen, was man von ihm kriegen kann. Selbst weniger gute Geschichten von Taniguchi sind immer noch besser als fast alles andere. Und so ist meine Vorfreude auf Angoulême, wo es eine Ausstellung seiner Werke geben wird, immens. Von Donnerstag an, wenn alles klappt, zu ihm und allem anderen auf dem Festival mehr an dieser Stelle.

26. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
436

     

18. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
642
     

Das furiose Doppelspiel des Königs

Als Ralf König vom Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ erfuhr, machte ihn das sprachlos. Er, der wie kein zweiter prominenter deutscher Comicautor in Wort und vor allem Bild für die Meinungsfreiheit eingetreten ist, flüchtete sich in die Arbeit und gab keinen Kommentar zum Ereignis ab. Mit  „Prototyp“, „Archetyp“ und „Antityp“, seiner Comictrilogie nach Bibelmotiven, hat König erfahren müssen, was für einer Kritik man sich in religiösen Kreisen aussetzt, wenn man die Kraft des Lachens gegen die des Glaubens setzt. Dass solche Kritik in Mord umschlagen kann, hat König nicht überrascht; das Ausmaß des Massakers schon.

Aber er hat es auch satt, sich von Fanatikern das Leben und die Kunst vergällen zu lassen. Nach dem religiösen Furor hatte König sich deshalb zuletzt wieder auf seine langlebigsten Figuren, auf die seit 1989 immer wieder von ihm gezeichneten (und seit 1993 als eigene Comicalbenreihe veröffentlichten) Konrad und Paul, zurückgezogen. Und das diesmal gleich mit einer doppelten Publikation: Im vergangenen Frühjahr erschien bei Rowohlt, Königs Stammverlag fürs Populäre, der Band „Raumstation Sehnsucht“, jetzt legte König noch nach mit „Barry Hoden – Im Weltall hört dich keiner grunzen“, einem homoerotisch expliziteren, oder sagen wir besser: drastischeren Comic, der deshalb seinen Platz im einschlägigen Männerschwarm-Verlag gefunden hat.

Zwei Comics innerhalb eines Jahres, das ist bei König nichts Ungewöhnliches. Eine Besonderheit aber ist die Verknüpfung der beiden Bände, denn „Barry Hoden“ ist die Fortsetzung von „Raumstation Sehnsucht“, allerdings nicht vorrangig  in dem Sinne, dass darin etwas zu Ende gebracht würde, das der Vorgängerband  offen gelassen hätte. Vielmehr wechselt König die Schwerpunkte aus: Im Rowohlt-Band (Leseprobe unter http://www.rowohlt.de/fm90/131/Koenig_Konrad_Paul_Raumstation_Sehnsucht.pdf) steht Paul im Mittelpunkt, der gerade an einem schwulen Science-Fiction-Epos schreibt, dann aber wegen familiärer Probleme aus Köln zu seiner schwangeren Schwester nach Frankfurt am Main reist und dort seinen Schwager trifft, der, gelinde gesagt, Pauls sexuellem Beuteschema entspricht. Gleichzeitig verliebt sich der in Köln zurückgelassene Konrad in seinen schüchternen Klavierschüler. Und zwischen all diesen Irrungen und Verwirrungen sind Kapitel aus Pauls Weltraum-Roman eingeschoben, dessen Held den Namen Barry Hoden trägt.

Man kann sich also denken, was sich nun in dem nach dieser Figur benannten Band (zu dem es leider keine Leseprobe gibt) ändert: Hier steht das Raumfahrtabenteuer im Mittelpunkt, während die Liebes- und Schreibprobleme von Konrad und Paul die Funktion von Intermezzi annehmen. Hatte König in „Raumstation Sehnsucht“ die Barry-Hoden-Kapitel meist  noch in Prosa erzählt und zunächst nur durch Einzelillustrationen ergänzt, die zudem schwarzweiß gehalten waren, wird das Ganze nun zum durchweg farbigen Comic, was die bisherigen Genregrenze innerhalb der Handlung einreißt. Das allerdings wr im ersten Teil schon dadurch angelegt, dass auch hier der gezeichnete Anteil am „fiktiven“ Erzählen immer größer wurde. Subtiler also war „Raumstation Sehnsucht“, schon allein deshalb, weil der Titel des Buchs nicht einfach eine Persiflage auf das Theaterstück „Endstation Sehnsucht“ ist, sondern tatsächlich einige Strukturen des Geschehens ihren Ursprung in Tennessee Williams‘ Drama haben.

Dafür ist „Barry Hoden“ lustiger, weil Ralf König hier seiner Phantasie (und nicht nur der sexuellen) freien Lauf lässt. Auch dieser Titel persifliert: die deutsche Science-Fiction-Serie „Perry Rhodan“, doch mit diesem Vorbild hat die Handlung im zweiten Buch nichts gemein. Der Paul nicht ganz zufällig sehr ähnlich sehende Barry Hoden wird durch ein Schlurchloch in einen weit entfernten Teil der Galaxis verfrachtet, in dem eine seltsam entsexualisierte Gesellschaft lebt, die ihm den Wissenschaftler Gon Rath als Betreuer zuteilt, der ebenfalls nicht ganz zufällig wie Konrad klingt und aussieht (wenn auch ohne Brustwarzen und Testikel). Was im ersten Teil mangels zahlreicher Bilder noch rein durch Text vermittelt wurde – die Überführung von Pauls und Konrads Eheproblemen in den Science-Fiction-Roman des Ersteren –, das ist hier Auslöser einer wilden Parodie, in die jetzt das ganze Personal aus der „realen“ Welt miteinbezogen wird, also auch Konrads alte Freundin Brigitte, Pauls Schwester und der angebetete Schwager sowieso.

König zeigt sich auf der Höhe seines erzählerischen Könnens – und im Verteilen der beiden Bücher auf die jeweils passenden Verlage auch auf der Höhe seiner strategischen Werkplanung. „Barry Hoden“ dürfte er Rowohlt gar nicht erst angeboten haben, und so kommt Männerschwarm (als gleichfalls langjähriger König-Verlag) auch noch zum dickeren der beiden Teile (223 vs. 155 Seiten). Was sich in „Raumstation Sehnsucht“, aber auch in „Archetyp“ schon andeutete – die Einbeziehung von Fotos in die Hintergründe der Panels –, hat König hier vor allem bei Planetenansichten ebenso rigoros wie virtuos gehandhabt: So bekommen seine Himmelskörper durchaus anzügliche Oberflächen. Es dürfte dem Zeichner einen Heidenspaß gemacht zu haben, sich die geeigneten Partien dafür auszusuchen.

Großartig auch der Bogen, den die Handlung bei allen Unterschieden im Aufbau über die beiden Bände hinweg schlägt. Viele Leitmotive der Figurenkonstellationen kehren wieder, werden zart (soweit dieses Wort bei König angebracht ist) variiert und münden am Schluss von „Barry Hoden“  in einem Finale, das so wunderbar konstruiert ist, dass man endgültig bestätigt sieht, was König ja schon immer behauptet hat: dass in Paul wie auch in Konrad vor allem er selbst steckt. Also sind beide trotz allen Kapriolen ihrer Partnerschaft untrennbar. Und ihnen folgen wir tatsächlich noch lieber als auch dem schärften politischen Kommentar ihres Schöpfers. Denn der wäre nicht überraschend. Das Leben von Konrad und Paul dagegen ist es.

18. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
642

     

13. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
649
     

Der Mann, der New York umkrempelte

Kurz vor Silvester bin ich durch Brooklyn gegangen, zum Hafengelände hinab, dem alten Herz des New Yorker Stadtteils mit fast drei Millionen Einwohnern. Oberhalb des Gowanus Expressways, der sich auf hohen Stelzen quer durch das Viertel zieht und sich dann auch noch verzweigt, links in die Zufahrt zum Hugh-L.-Carey-Tunnel, rechts in den Brooklyn-Queens-Expressway, ist das Stadtbild kleinteilig und lebendig, dahinter folgen die Red Hook Houses, für die 1938 radikal alle Altbebauung abgebrochen wurde, damit hier in jeweils uniformen Backstein-Sechsgeschossern neuer Wohnraum für mehr als 2500 Familien geschaffen werden konnte. Der Abriss veränderte das Viertel unwiderbringlich, und der Expressway sorgte zusätzlich für die Abtrennung und Isolierung der Südspitze des alten Brooklyns.

Verantwortlich dafür war Robert Moses, ein 1888 geborener Stadtplaner deutschjüdischer Abstammung, der ununterbrochen von 1924 bis 1968 für die Entwicklung New Yorks verantwortlich war. Er machte die Stadt autogerecht, erschloss Naherholungsgebiete in der Umgebung für die Mittelschicht, ließ Hunderte von kleinen Spielplätzen auf Grundstücksbrachen errichten und genehmigte Bauten wie das Rockefeller Center, die Verrazano Bridge oder eben die Expressways. Er arbeitete neben (nicht unter) fünf Bürgermeistern, sechs Gouverneuren und sieben Präsidenten, und als der Gouverneur Nelson Rockefeller ihm die Einnahmen aus den Straßengebühren wegnahm, mit dem Moses sein Planungs- und Bauamt finanziell autark hatte halten können (was den Bau weiterer Expressways, Brücken oder Tunnel begünstigte), war der Stadtplaner entmachtet.

Ein Leben so groß wie die Stadt, in der es sich abspielte. Und eines, bei dem man die Bilder schon vor sich sieht: riesige Horizontalen für die Strände, Brücken und Straßen, die Moses gestaltete, gewaltige Vertikalen für die New Yorker Hochhäuser, die dafür den Rahmen boten. Ein idealer Stoff also für einen Comic, und das konnte jemandem wie Pierre Christin nicht entgehen, der für diverse französische Zeichner wie Bilal, Mezières, Boucq und andere Große Szenarien mit bisweilen phantastischen Architekturvisionen (vor allem in Mezières “Valerian und Veronique”) geschrieben hat. So fand ein amerikanischer Stadtplaner seinen Biographen in einem Franzosen.

Natürlich gab es schon zuvor Bücher über Moses, dessen Schaffen schon zu Lebzeiten (er starb 1981) kontrovers beurteilt wurde. Der mittlerweile sechsundsiebzigjährige Christin aber hat in mehrfacher Hinsicht einen attraktiv fremden Blick auf den New Yorker: nicht nur als Franzose, sondern auch als Philosoph, Historiker, Ästhet, und das alles merkt man seinem Szenario zur gezeichneten Biographie von Robert Moses an. Es ist akribisch recherchiert, auch durch mehrfache Besuche in New York. Der einzige Wermutstropfen ist, dass nicht jemand wie Francois Schuiten (der gemeinsam mit Benoit Peeters die Sereie “Die geheimnisvollen Städte” als Idealbild aller urbanistischen Comics geschafen hat und die Realität hasst, aber den Visionär Moses geliebt hätte), sondern der zweiundvierzigjährige Zeichner Olivier Balez das Szenario umgesetzt hat.

Wobei das gar nicht schlecht aussieht (eine ungewöhnliche Einsichtmöglichkeit unter http://www.nobrow.net/16678), nur mangelt es am Schuiten-typischen Pathos (das auch Mezières hat) und Aberwitz, der zu Moses so gut gepasst hätte, auch in dessen Betonung von Modernität. Balez nämlich taucht seine Seiten in eine dunkle Kolorierung, die viel eher das New York des frühen zwanzigsten Jahrhunderts heraufbeschwört, als die vibrierende Stadt nach Überwindung der Depression (durch die Moses etliche Projekte genehmigt bekam, die dann die Basis für seine Hausmacht bildeten). Nicht einmal in den sechziger Jahren, als sich Bürgerprotest gegen Moses‘ rücksichtslosen Umgang mit den alten Strukturen regte, hellt es sich im Comic auf. Dabei tritt im vierten und letzten Kapitel mit der Aktivistin Jane Jacobs erstmals ein ernstzunehmender Gegner auf, die für eine menschen- statt autogerechte Stadt eintrat.

Natürlich hätte man diesen Comic auch vorstellen können, als er im französischen Original oder auf Deutsch bei Carlsen erschien (beides im letzten Sommer). Aber nun, kurz danach, ist er auch auf Englisch herausgekommen, noch dazu im fabelhaften Nobrow Verlag, dessen Bücher zum Schönsten gehören, was es zu lesen gibt. Und da es ja um einen Amerikaner geht, ist es nur passend, sich dieser Übersetzung anzunehmen. Die Nobrow-Gestaltung macht (obwohl sie bildidentisch mit dem französischen Original ist) durch besseren Druck aus Balez‘ dunkler Graphik eine Tugend und bietet das ganze dar wie einen Noir-Film. Und das passt dann auch wieder, obwohl man Christin nicht den Vorwurf machen kann, Moses dämonisiert zu haben. Was ich tun würde, wenn ich an seine gewaltsame Teilung Brooklyns denke.

13. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
649

     

05. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

4
1538
     

Als man den Vater von „Vater & Sohn“ in den Tod trieb

Als ich irgendwann im abgelaufenen Jahr nachts über einem Aufsatz zu e.o.plauen saß, lenkte ich mich mit einer E-Mail an eine Freundin in Neuseeland ab. Sie fragte zurück, was mich zu dieser tageswachen neuseeländischen Zeit noch arbeiten ließe, und ich schrieb es ihr. Sie kannte e.o.plauen nicht, doch als ich ihr ein paar Bilder aus „Vater & Sohn“ schickte, war sie begeistert und meinte, man sehe den Zeichnungen die Menschenfreundlichkeit ihres Schöpfers an. Da wusste sie noch nicht, wann Erich Ohser alias e.o.plauen gezeichnet hat und wie er gestorben ist.

Aber sie hatte ja recht: Ohsers „Vater & Sohn“ ist ungeachtet dessen, dass er von 1934 bis 1937 erschien, also im nationalsozialistischen Deutschland, der Inbegriff eines humanistischen Comics. Der allerdings den Nazis durchaus gefiel, so gut, dass Goebbels persönlich den Künstler im Jahr 1940 als Karikaturisten in sein Renommierblatt „Das Reich“ holte, nachdem er es dem 1903 geborenen Ohser schon 1934 ermöglicht hatte, überhaupt wieder als humoristischer Zeichner zu arbeiten, obwohl der in der Weimarer Republik als scharfer Gegner des Nationalsozialismus  aufgefallen war. 1944 jedoch war der künstlerische Kredit beim Propagandaminister  aufgebraucht: Als Ohser vor dem Volksgerichtshof in Berlin der Wehrkraftzersetzung angeklagt wurde, weil er angeblich die NS-Führung geschmäht hatte, setzte Goebbels persönlich den Blutrichter Roland Freisler für die Verhandlung an und stimmte sich vorab mit diesem über das Todesurteil ab. Der verzweifelte Ohser brachte sich in der letzten Nacht der Untersuchungshaft in der Zelle um.

Es ist eine grässliche Episode der Comicgeschichtsschreibung, auch wenn das schlimme Schicksal Ohsers nach dem Krieg dazu beigetragen hat, dass seine Figuren weltberühmt wurden. Aber das war sein Leben nicht wert und „Vater & Sohn“ als Serie allemal gut genug, um sie vor dem völligen Vergessen zu bewahren. Zumal die meisten Episoden wortlos waren, was ihre internationale Verbreitung natürlich begünstigte. Auch die neuseeländische Freundin hatte ja sofort einen Zugang zu dem deutschen Comic.

Nach seinem Freitod wurde Ohsers Leiche seiner Witwe übergeben – die Überreste seines Mitangeklagten Erich Knauf, der verurteilt und hingerichtet wurde, sind auf Anordnung des Gerichts an unbekanntem Ort verstreut worden; dieses Regime war perfide bis zum Letzten – und in seiner sächsischen Heimatstadt Plauen, nach der er auch sein Pseudonym gewählt hatte, bestattet. Doch Frau und Sohn blieben nach 1945 erst in Westdeutschland und gingen dann nach Amerika, weshalb Ohsers Grab nahezu vergessen wurde. Erst nach 1989 besann sich die Stadt wieder auf ihren prominenten Bürger, und auch die Nachfahren nahmen aus den Vereinigten Staaten Kontakt zur früheren Heimat Erich Ohsers auf. So kam dessen Nachlass spät, aber doch noch nach Deutschland, nicht zuletzt dank der Mithilfe etlicher Sponsoren der öffentliche Hand.

Eine lange Einleitung, die aber nötig ist, um zu verstehen, was das Besondere an einem Buch ist, dass die Kunsthistorikerin Elke Schulze jetzt veröffentlicht hat. „Erich Ohser alias e.o.plauen – Ein deutsches Künstlerschicksal“ (Südverlag, Konstanz) ist zwar mit 144 Seiten schmal, aber es beruht auf den Beständen des Nachlasses, weil Elke Schulze die Leiterin des Erich-Ohser-Hauses in Plauen ist. Dort habe ich sie kennengelernt, denn ich wiederum gehöre dem Wissenschaftlichen Beirat der e.o.plauen-Stiftung an, die sich um den Nachlass kümmert. Die Bestände schreien danach, konsequent ausgewertet zu werden, und Elke Schulze macht das mittlerweile mit halbjährlich wechselnden Ausstellungen in der Galerie genauso wie nun mit ihrem Buch.

Darin kann sie naturgemäß viel Unbekanntes zeigen und vor allem auch Archiv und Korrespondenz des Künstlers – soweit erhalten – auswerten. Daraus sind keine spektakulär neuen Erkenntnisse erwachsen, aber das Buch ist gut erzählt und gerade seines knappen Umfangs wegen geschickt konzentriert. Was man über Erich Ohser wissen muss, ist hier nachzulesen (ein Eindruck unter http://issuu.com/suedverlag/docs/ohser_biografie-zum-blaettern2/0).

Der traurige Höhepunkt der Schilderung ist natürlich die Zeit von Verhaftung, Verhören und Suizid, Ende März und Anfang April 1944. Denunziation und Manipulation werden überdeutlich, obwohl kein Zweifel daran besteht, dass Ohser mit den Nazis nichts anfangen konnte, auch wenn er für sie arbeitete. Eine Tragik seines Lebens bestand darin, dass er mangels Fremdsprachenkenntnissen nicht an Emigration denken mochte. Zudem liebte er sein Land, was wiederum zu panischer Angst vor den Russen führte und Ohser leider seine Aufgabe als politischer Karikaturist ernster (und damit auch brillanter) nehmen ließ, als man es sich für NS-Blätter wünschte. Diese Meisterschaft im Dienst des Bösen spielt bei Schulze keine große Rolle.

Wer aber ein zentrales Kapitel der Comic-Historiographie klug und prägnant präsentiert bekommen möchte, der greife zu diesem Buch. Zeitgeschichte steckt darüber hinaus sowieso reichhaltig mit drin. Hoffentlich wird es mal ins Englische übersetzt, das sollte jemand in Neuseeland freuen.

05. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

4
1538

     

22. Dez. 2014
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

2
582
     

Punkerin in der Nonnenschule

So ein Comic kann wohl nur aus Japan kommen, denn die Verhaltensweisen der Protagonisten sprechen allen westlichen Erwartungen Hohn. Da ist ein junges Mädchen namens Hanami, noch nicht volljährig, die bei ihrem greisen Großvater aufwächst, weil die alleinerziehende Mutter ihre internationale Karriere als Sängerin verfolgt. Natürlich gibt es potenzierte Generationenkonflikte, und natürlich raufen sich Opa und Enkelin auch immer wieder zusammen, gerade weil sie doch besser miteinander klarkommen als Mutter und Tochter. So weit, so absehbar.

Keineswegs absehbar ist für uns als westliche Leser die groteske Seite des Alten. Er ist ein Leichtfuß, der das von der Mutter zurückgelassene Haushaltsgeld verzockt. Er begibt sich auf Freiersfüßen und fällt dabei auf eine Betrügerin herein. Und er pflegt seine Beschützerrolle und folgt der Enkelin zu deren abendlichen Treffpunkten, wo sich die Punk-Szene von Tokio trifft (das Ganze spielt in den achtziger Jahren), und erntet dort durch seine englischen Sprachkenntnisse und die Erinnerung an einen London-Aufenthalt in den zwanziger Jahren höchsten Respekt. Immer aber erweist sich dieser alte Herr als höchst kindisch oder zumindest kindlich.

Wie viel von diesem Stoff, den die 1967 geborene Zeichnerin Mari Yamazaki da erzählt, autobiographisch grundiert ist, können wir nur ahnen. Immerhin spricht sie selbst von ihrer Begeisterung für Punk-Mode und –Musik, und nicht ganz zufällig ist ihre aus fünf Episoden bestehender Manga „PiL“ betitelt (erschienen bei Carlsen). Also wie die Band, die Johnny Lydon nach den Sex Pistols gegründet hat: weichgespülter Punk mit allerdings immenser Breitenwirkung über die enge Szene hinaus. Genau so ist auch der Manga konzipiert.

Denn es ist auch kein Zufall, dass kein Geringerer als Jiro Taniguchi ein lobendes Vorwort für den Band beigesteuert hat. Er gilt als der westlichste aller Mangaka, und dass ihm die kulturelle Grenzüberschreitung von Mari Yamazaki hin zum englischen Punk gefällt, ist klar, zumal auch die eher eine atypisch ruhige Manga-Ästhetik pflegt. Es gibt zwar bisweilen expressive Gesten, und die weiblichen Mädchenfiguren entsprechen teilweise dem Shojo-Ideal, aber in dem Moment, in dem Hanami sich die langen Haare zugunsten einer Skinhead-Frisur abrasiert (die dann in der christlichen Nonnenschule, die sie besucht, durch eine Perücke kaschiert werden muss), verabschiedet sich „PiL“ vom japanischen Mainstream.

Nur ist der Band damit noch nicht ungewöhnlich genug, um zu überzeugen. Denn wenn man denn doch den japanischen Blick annimmt, dann entspricht die Verhaltensweise des Opas gerade der Leichtfertigkeit etlicher einschlägiger Figuren von Taugenichtsen aller Altersgruppen, die in Japan vom Publikum geliebt werden. So dass nach der ersten Überraschung auch wieder eine gewisse Langeweile einschleicht, zumal Mari Yamazaki darauf verzichtet, ein graphisches Zeitfenster in die Handlung zu öffnen, die uns zeigte, wie Japan in den achtziger Jahren aussah. Dazu ist ihr Manga viel zu stilisiert – der deutsche Verlag bietet keine Leseprobe an, aber durch den italienischen kann man sich zum Beispiel ein Bild davon machen: http://www.rizzoli-lizard.com/pil-mari-yamazaki/ –, und gerade Taniguchi ist geradezu das Gegenmodell, weil seine akribisch rekonstruierten Dekors genau das leisten: eine Epoche zu vergegenwärtigen. Das hat gerade sein Manga „Der Gourmet – Von der Kunst, allein zu genießen“ wieder gezeigt. Aber zu dem in ein paar Wochen mehr. Von „PiL“ dagegen nichts weiter.

 

22. Dez. 2014
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

2
582

     

15. Dez. 2014
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
506
     

China baut einfach Zürich nach

Wenn das Resultat so aussieht, dann mögen bitte noch ganz viele Crowdfunding-Projekte für Comicpublikationen gelingen! Matthias Gnehms Album „Die kopierte Stadt“ ist ein wunderschöner Band geworden, und erzählt wird auch noch gut. Dass es allerdings dem hochtalentierten Zürcher Zeichner nicht möglich scheint, ohne finanziellen Beistand von Sympathisanten seiner Kunst bei einem Verlag unterzukommen, muss bedenklich stimmen. Denn viele kluge Comicautoren seiner Art haben wir im deutschen Sprachraum nicht.

Mit „Die kopierte Stadt“ begibt sich der ausgebildete Architekt einmal mehr auf sein ureigenes Feld. Die Grundkonstellation ist ebenso spektakulär wie nachvollziehbar: In Südchina errichtet ein dortiger Oligarch eine Retortensiedlung und baut dazu die komplette Stadt Zürich nach. Als Planer holt er sich Beistand aus der Schweiz: den Architektenstar Hans Romer, der sich wiederum an einen alten Studienfreund erinnert, Leo Lander, den Protagonisten des Comics. Wir begleiten Lander auf dem Flug nach China und werden mit ihm eingeführt in die seltsame Welt eines entfesselten Kapitalismus in einem pseudosozialistischen System. Und in die entsprechenden Intrigen.

Die drehen sich um dieselbe Frage, die schon der Nachbau von Zürich aufwirft: Was ist echt? Und was für einen Reiz hat das Echte überhaupt? Man könnte „Die kopierte Stadt“ auch einen Thesencomic nennen, aber das würde ihm nur intellektuell gerecht. Verpackt sind Gnehms Überlegungen zum Verhältnis von Authentischem und Reproduziertem in eine klug verwickelte Handlung und atemraubend schöne Zeichnungen in Pastellkreide, die ihr Vorbild in dem französischen Zeichnerstar Blutch haben (Leseprobe unter http://www.hochparterre.ch/publikationen/editionhochparterre/neuerscheinungen/shop/artikel/detail/die-kopierte-stadt-erscheint-am-12-november-2014/).

Erzählt wird im Rückblick, und man könnte das für manieriert halten, wenn Gnehm nicht für den Schluss, der siebzehn Jahren nach den geschilderten Ereignissen angesiedelt ist, eine bitterböse Pointe parat hätte. Das ist ein Finale, das noch einmal bestätigt, was man die ganze Zeit schon dachte, aber nicht so einfach einzuräumen bereit war, ehe das letzte Bedenken durch diese konsequente Wendung ausgeräumt wurde: dass Gnehm gerade narrativ zu den Großen seines Metiers gehört. Damit erfüllt sich die Erwartung, die er mit dem auch schon höchst beachtlichen Vorgängerband Die ewige Porträtgalerie“ aufgebaut hatte (http://blogs.faz.net/comic/2013/06/17/das-neue-ewigkeitsmodell-370/). Zeichnerisch war da schon alles perfekt; allein die Geschichte ließ noch ein paar Wünsche offen. Das sind mit „Die kopierte Stadt“ nun alle erfüllt.

Die Publikation im Zürcher Architekturverlag Edition Hochparterre (Zürich) schließt einen Kreis für den Autor. Denn vor sechzehn Jahren erschien dort schon sein Debütcomic „Paul Corks Geschmack“. Wer sehen will, welche Entwicklungen ein Zeichner machen kann, der vergleiche beide Bände. Nicht, dass „Paul Cork“ schlecht gewesen wäre, aber „Die kopierte Stadt“ gehört nun zum Besten. Zeit, dass es das deutsche Publikum merkt. Und die Verlage dürfen da gern mittun.

 

 

15. Dez. 2014
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
506