Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

26. Jan. 2018
von Andreas Platthaus

4
3799
     

Träumen Bücher von ihrer Umsetzung in Comics?

Zamonien ist ein literarisches Wunderwerk. In bislang sieben Romanen hat Walter Moers es ausbuchstabiert. Und es auch graphisch dazu gemacht: durch seine vielen Illustrationen, die die Bücher begleiten. Wobei das jüngste, „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“, von fremder Hand mit Bildern versorgt wurde: Die begeisterte Zamonien-Leserin Lydia Kode griff zum Stift, und man darf sagen, dass diese Entdeckung von Moers ihren eigenen Reiz hat. Der Mann hat offenbar nicht nur gesegnete Hände und einen hellwachen Geist, sondern auch weit offene Augen.

So auch im Falle von Florian Biege, eines freischaffenden Illustrators aus Münster, von dem ich noch nie etwas gehört hatte, bis er sich mit Moers zusammentat. Zum ersten Mal stieß ich vor sieben Jahren auf Früchte dieser Kollaboration, in der Oberhausener Ausstellung „Die 7 ½ Leben des Walter Moers“. Dort waren ein paar Comicseiten zu sehen, die Biege nach dem Zamonien-Roman „Die Stadt der Träumenden Bücher“ gestaltet hatte, nach einem Szenario von Moers selbst. Es ist kein Geheimnis, dass die 2004 erschienene „Stadt der Träumenden Bücher“ mein Lieblingsbuch von Moers ist (was einiges heißen will), und ich habe Grund zur Annahme, dass es auch sein Lieblingsbuch ist – nie habe ich ihn als so persönlich berührt empfunden wie in diesem Text. Und Comics wiederum sind unser beider Lieblingsmedium. Was durfte man also mehr erhoffen als „Die Stadt der Träumenden Bücher“ als Comic?

Nun, zum Beispiel, dass Moers ihn selbst anfertigen würde. Er begann schließlich als Comiczeichner, und sein „Kleines Arschloch“ oder die „Adolf“-Bände waren Riesenerfolge. Er hatte doch das ganze Panoptikum Zamoniens schon parat: durch seine Illustrationen in den Büchern. Und ein Szenario für ein Comic schreiben, das heißt ja meistens auch zeichnen. Allemal für jemanden wie Walter Moers. Sein Szenario ist sogar vollständig gezeichnet: Jede einzelne Comicseite ist darin ausgeführt: in schwarzweißen Panels, die man sofort auch in dieser Form drucken könnte; Moers‘ französischer Kollege Joann Sfar hat doch mehrfach bewiesen, dass die Spontaneität der Skizze die beste Form einer Bildererzählung sein kann. Und Moers, so möchte man meinen, kann gar nicht skizzieren, dafür ist er ein viel zu akribischer Zeichner.

© KnausMit „Die Katakomben“ ist jetzt der zweite Teil der „Stadt der Träumenden Bücher“ als Comic erschienen.

Aber es kam eben Florian Biege zum Einsatz, und das ist keine übereilte Entscheidung gewesen, sondern wie alles bei Moers uuuuneeeendlich lang erwogen. Was vor sieben Jahren in Oberhausen angekündigt wurde, ist jetzt erst fertig geworden, ein erster Band im vergangenen Herbst, der zweite zur Jahreswende: „Die Stadt der Träumenden Bücher“ als Comic, zusammen fast 190 reine Comicseiten, angereichert im ersten Buch durch ein Glossar, das aus Anna Dollingers akribisch aufgeschlüsseltem Zamonien-Lexikon entnommen wurde, und im zweiten durch eine weitere Sensation, ein ausgiebiges Making-of, in dem sich auch einige Seiten aus dem Szenario von Moers finden. Ob das klug war, darf man bezweifeln. Denn dadurch sehnt man sich nach dem noch Besseren.

„Noch Besseren“, weil Bieges Arbeit sehr gut ist. Wer sie sich ansehen will, weil er den Comic noch nicht hat (der erste Teil hat sich schon mehr als 25.000 Mal verkauft; das sind Bestsellerzahlen in dieser Branche), der schaue hier in die etwas geizigen Leseproben des Verlags: https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Stadt-der-Traeumenden-Buecher-(Comic)/Walter-Moers/Knaus/e409864.rhd und https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Stadt-der-Traeumenden-Buecher-(Comic)/Walter-Moers/Knaus/e417138.rhd. In der Tat sehr gut, aber gewöhnungsbedürftig. Schon anhand des Vorgeschmacks in Oberhausen, von dem ja nicht klar war, ob er dem entsprechen würde, was dann schließlich herauskäme, wurde deutlich, dass Moers den Comic bewusst von seinen eigenen Illustrationen absetzen wollte. Nicht, was die Figurengestaltung angeht, da nimmt Biege genau auf, was Moers vorgezeichnet hat, aber stilistisch. Biege hat den Comic „gemalt“, was auch immer das im Computergraphikzeitalter bedeutet. Es gibt also keine Konturlinien, und die Figuren wirken plastisch. Dass alles farbig ist, sei nur nebenbei erwähnt. Das war 2011 noch ein größerer Schock, aber seitdem ist ja die kolorierte Ausgabe von „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ erschienen (nicht zum Besten des Buches, wie ich anmerken möchte), und „Prinzessin Insomnia“ ist farbig illustriert.

Kurz gesagt: Biege verschafft der bislang bewusst klassisch-zweidimensional gezeichneten Zamonien-Welt eine dritte Dimension durch seine künstlerische Handschrift. Über die kann man geteilter Meinung sein; ich zum Beispiel mag gemalte Comics nicht. Und was bei Bieges Bildern sofort auffällt, ist, dass er etwa den Drachendichter Hildegunst von Mythenmetz, Hauptfigur und Ich-Erzähler der „Stadt der Träumenden Bücher“, fast immer so zeichnet, dass nur eines seiner Augen zu sehen ist, also in variierenden Profilperspektiven. Das ist ein probates Mittel, sich die Sache leicht zu machen: Der Micky-Maus-Zeichner Floyd Gottfredson hat einmal wunderbar ausgeführt, dass er Könner auf dem Feld der Funnies – und da gehören Moers‘ Akteure ungeachtet aller philosophischen oder pathetischen Grundstimmung hin – daran erkennt, dass sie ihre Figuren aus jeder Perspektive beherrschen.

Irritierend also, dass im Anhang zu Band 2 des Moers/Biege-Comics eigens angefertigte plastische Umsetzungen der wichtigsten Figuren abgebildet sind, ganz nach der Art der Maquettes im Zeichentrick, dass man aber bei Mythenmetz nichts davon merkt. Ich habe bei nochmaliger, zugegebenermaßen rascher Durchsicht im zweiten Band ein einziges Panel gefunden, auf dem man den Drachen frontal und also seine beide Augen sieht. Bemerkenswert übrigens, dass auf den Moersschen Szenario-Seiten auch keine Frontalansicht vom Ich-Erzähler zu haben ist – und auch in allen Illustrationen zum Roman nicht. Nur fällt das dort nicht auf, weil keine Illusion von Dreidimensionalität angestrebt wird.

Aber nun genug des Bekrittelns, denn obwohl ich mit negativer Stimmung an die Zeichnungen herangegangen war, bin ich in größtem Glück aus der Lektüre herausgekommen – und in größtem Bedauern, dass ich ans Ende gelangt bin. Denn Moers und Biege ist ein Kunststück geglückt, dass man gar nicht hoch genug einschätzen kann: Sie haben die gleichermaßen abenteuerliche wie melancholische wie ironische Atmosphäre der Vorlage bewahrt, vor allem durch die höchst geschickt ausgewählten Textpassagen, die überwiegend orginalgetreu sind, an einigen Stellen aber auch variiert oder gar ganz neu. Das war natürlich allein Moers‘ Werk, und wie gesagt hat er den Comic auch graphisch weitgehend selbst konzipiert, indem sein Szenario die Panelabfolge und -perspektiven vorgab. Aber Biege hat dann auch Abwandlungen vorgenommen, und von wem etwa die spektakuläre Idee des Ausklappbildes zum Abschluss des ersten Bandes stammt, das auf vierseitiger Breite die Lederne Grotte, in der die Buchlinge leben, zeigt, würde man gerne wissen. Ein Hoch dem Knaus Verlag, dass er sich diesen speziellen Effekt geleistet hat.

Auf dieser Panoramaansicht wird ein anderer Effekt nicht eingesetzt, den Moers und Biege schätzen: das Durchwandern eines einzigen größeren Panels durch Hildegunst von Mythenmetz mittels mehrfacher Einzeichnung der Figur darin. Zum ersten Mal wird dieser Kunstgriff auf einer Doppelseite angewandt, die Mythenmetz‘ Ankunft in Buchhaim zeigt, dem Zentrum der literarischen Produktion in Zamonien, aber im Laufe des Comics verlieben sich dessen beide Macher regelrecht in diese Technik. Während einige andere graphische Experimente, etwa das Heraustreten von Mythenmetz aus den Seiten eines illustrierten Buches oder überhaupt der regelmäßige Einsatz von doppelseitigen Kompositionen auf den ersten Band beschränkt blieben. Hier wird nicht nur die Handlung, hier wird auch der Comic selbst als deren Form etabliert. Im zweiten, etwas umfangreicheren Band folgt dann die eigentliche Abenteuerhandlung, und die Atemlosigkeit des Geschehens artikuliert sich auch in den dichteren Panelsequenzen.

Hier tritt dann auch die zweite Hauptfigur auf, der Schattenkönig, und das ist natürlich die größte Herausforderung der Adaption. Im Roman hat Moers ihn nie als ganze Figur gezeichnet, lediglich einzelne Partien des aus Papier zusammengefügten Körpers werden gezeigt, während die eigentliche Vorstellung dieser im unterirdischen Höhlenlabyrinth unter Buchhaim lebenden legendären Gestalt der Phantasie des Lesers überlassen bleibt. Kein Wunder, dass Bieges Schattenkönig dann eine Enttäuschung ist – Grauen und Grusel sind ungezeigt immer stärker. Aber Moers wollte es so haben, und es gibt auch für den Schattenkönig eine plastische Vorlage, die der Puppenbauer Carsten Sommer eigens als Vorbild angefertigt hat – jener Sommer, der auch die Puppen für die „Käpt’n Blaubär“-Filme im Fernsehen geschaffen hat und der zum festen Team um Moers gehört.

Bei den zwei Bänden des Comics „Die Stadt der Träumenden Bücher“ sind sie alle wieder mit dabei: Sommer eben, aber auch Oliver Schmitt (der traditionell die Buchausstattung von Moers‘ Werken beaufsichtigt), Elvira Moers (die Gattin des Autors und unentbehrliche Lektorin) und Wolfgang Ferchl (der Verleger, dem Moers seit seinen Anfängen als Buchautor bei Eichborn treugeblieben ist). Dazu ist mit Michael Hau einer der beiden besten deutschen Letterer beteiligt (der andere ist Dirk Rehm). Was soll da noch schiefgehen? Es ist ja auch nichts schiefgegangen. Der Comic macht das Wunderwerk Zamonien noch ein kleines bisschen wundersamer.

26. Jan. 2018
von Andreas Platthaus

4
3799

     

22. Jan. 2018
von Andreas Platthaus

0
801
     

Künstlercomic in jeder Hinsicht

Was kommt für ein Comic dabei heraus, wenn dessen Zeichner als seine Vorbilder Honoré Daumier, Rolf Escher, Horst Jansen, Gustave Doré, Ludwig Richter, William Kentridge, Tomi Ungerer, Sempé, Dan Perjovschi, FW Bernstein, Saul Steinberg, Raymond Pettibon, Paul Flora und Adolf Menzel nennt? Gewiss kein gewöhnlicher, auch keiner, bi dem man eine klassischen Comic-Ästhetik erwarten darf, sondern wohl eher eine karikaturesk oder cartoonesk inspirierte Graphik, bei der das Einzelbild eine wichtigere Rolle spielt als der Zusammenklang in dem, was man im Comic Seitenarchitektur nennt. Und genau so ist denn auch „Im Dschungel der Kunstwelt“ geworden.

Zeichner dieses in jeder Hinsicht gewichtigen Bandes (248 Comicseiten auf Kunstdruckpapier und Hardcover) ist Helmut Kesberg. Wer bitte? Der Name dürfte Comicfreunden nichts sagen; Kesberg lebt als freier Künstler in Köln und stellt vor allem Gemälde aus. Geboren 1948, wurde er nach einem Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte Lehrer und leitete mehr als zwanzig Jahre lang ein Gymnasium. Schon während dieser Zeit, aber vermehrt danach richtete Kesberg sein Augenmerk auf die eigene Kunstbegeisterung, betrieb Studie, belegte Kurse, richtete sich Ateliers ein und stellte seine Arbeiten aus. Und nun hat er in Eigenregie und kleiner Auflage (150 Exemplare) eine „Graphic Novel“ zusammengestellt, für die er sich des eigenen Zeichnungsfundus bediente. Die Herausforderung, daraus eine Geschichte zu konstruieren, muss reizvollgewesen sein, aber für den Band wurde dieses Konvolut noch um zahllose Bilder erweitert. Zu haben ist er für 50 Euro beim Zeichner selbst (https://www.helmut-kesberg.de/; dort kann man sich auch einen Eindruck verschaffen) oder für zwei Euro weniger (dann aber ohne Versand) bei der auf Kunstbücher spezialisierten Buchhandlung Walther König in Köln.

Der Umfang ist für ein Debüt ungewöhnlich groß, das Thema dagegen eher erwartbar: Es hat autobiographische Züge, ist durchzogen „vom Atem einer ‚großen Confessio‘“, wie es im Vorwort heißt, auch wenn der wichtigste Protagonist nicht Helmut Kesberg, sondern Georg K. heißt. Der weist aber durchaus einige Gemeinsamkeiten mit Kesberg auf (Lebensdaten, später Karrierebeginn als Künstler), steht allerdings zu Beginn der Handlung unmittelbar vor seinem internationalen Durchbruch auf dem Kunstmarkt. Leicht zu identifizierende Herrschaften (ein prominenter Kunsthändler heißt zum Beispiel Gerry Lagossian) treten da auf, die Kunstszene wird zum Defilee der Reichen und Naiven, die Bilder nur nach Ruhm des Künstlers kaufen und auf Vernissagen lieber sich selbst sehen wollen als die ausgestellten Werke. „Im Dschungel der Kunstwelt“ ist eine Philippika gegen den Kunstbetrieb.

Die Handlung deckt das ganze Leben von Georg K. ab, setzt aber erst einmal im Herbst 2010 ein, als er sich trotz einer großen Vernissage in Lagossians New Yorker Galerie absetzt und aussteigt: nach Indien. Dor verbringt K. etliche Jahre und schickt als einzige Lebenszeichen riesige Ballen von neu entstandenen Zeichnungen nach Hause, wo sein alter Weggefährte Hermann van der Plinten, der Ich-Erzähler des Buchs, diese Blätter sammelt und kommentiert – wozu ihm auch Tagebucheinträge und Briefe von Georg K. dienen, von denen nicht immer klar ist, wie sie überhaupt in seine Hände gelangt sind. Die Erzählstruktur mit Herausgeberfiktion (jener Van der Plinten) und Selbstzeugnissen (Georg K.) ist arg konfus angelegt, zumal auch noch weitere Kommentatoren aus dem Umfeld des Künstlers dazukommen. Erzählt wird mit etlichen Rückblicken bis fast in die Gegenwart, und der Schluss ist offen, denn ein zweiter Teil, der dann die Kindheitserlebnisse in den Mittelpunkt stellen soll, ist in Vorwort und auch Comic selbst schon angekündigt.

Das erkennbarste Vorbild ist Tomi Ungerer mit seinen gesellschaftskritischen Cartoonzyklen wie „The Party“ (daraus wird einmal sogar direkt zitiert), aber all die eingangs genannten Zeichner – deren Namensliste übrigens von Georg K. stammt – sind auch leicht in „Im Dschungel der Kunstwelt“ als Einflüsse wiederzuentdecken. Das führt zum Verzicht auf eine eindeutige graphische Handschrift, macht aber viel Spaß bei der Dechiffrierung der Herkünfte. Kritisch ist jedoch manchmal das Montageprinzip, wo man an abgeschnittenen Textpassagen auf den Zeichnungen erkennt, dass hier ehedem autonome Motive in neue Zusammenhänge gebracht wurden. Und wenig ansprechend ist die Wahl einer Groteskschrift als Druckfont für die gesetzten Textpassagen, während das Handlettering ganz nach Sempés oder Bernsteins Vorbild in einer schwungvollen Handschrift besteht, die jedoch bisweilen schwierig zu entziffern ist.

Formen gibt es also reichlich in diesem Band, Farben nur selten; das Gros des Bandes ist in Grauschwarz gehalten, auch wenn es manchmal bunte Montageelemente gibt, für die sich Kesberg bei seiner Malerei bediente. Und ein Kesberg-Bild wie „Beauty Salon“, das auf der Website der Kölner Kunstschule art factory zu finden ist, spielt sogar eine wichtige Rolle in der Handlung: als das zentrale Werk von Georg K., das im Comic allerdings als „Mann mit den Lockenwicklern“ firmiert und gegen Bacons Variation auf Velázquez‘ Papstporträt von Innozenz X. ausgespielt wird. Es gibt Passagen in diesem Comic, wo nicht ein karikaturesk übersteigerter Zorn auf den Kunstbetrieb waltet, sondern eine wohl ernsthafte Distanzierung des Verfassers Helmut Kesberg. Da wird es leider zu oft bitterernst, und es hat etwas Peinliches, wenn Bacons Bild durch das von Georg K. ersetzt werden soll (dem zudem noch eine Rembrandtnähe angedichtet wird).

Zugleich aber ist diese Geschichte auch eine Art Notschrei eines Künstlers, dessen Erfahrungen jeder kennt, der zumindest Freunde in dieser Szene hat. Die Arroganz der Galeristen, der Jugendkult, die Mauscheleien, der Jargon – all das ist denn doch schön scharf beobachtet und aufgespießt.

 

 

22. Jan. 2018
von Andreas Platthaus

0
801

     

15. Jan. 2018
von Andreas Platthaus

1
1573
     

Betagt, aber oho!

Eine der erfolgreichsten jüngeren Comicserien auf dem konkurrenzintensiven französischen Comicmarkt ist „Les vieux forneaux“, auf Deutsch „Die alten Knacker“. Darin lässt der keineswegs alte Wilfrid Lupano (Jahrgang 1971) ein betagtes Freundestrio in dessen Heimatdorf in Südfrankreich reichlich abgedrehte Abenteuer erleben. Abgedreht deshalb, weil sich die drei Senioren im Stil französischer Filmkomödien von keiner Autorität einschüchtern lassen und vehement eine privat begründete Fehde mit dem lokalen Großunternehmen Baran-Servier ausfechten – dessen Eigentümer nicht jünger ist als sie, worauf die privaten Probleme auch zurückgehen. Das bewährte David-Goliath-Thema sorgt verlässlich für Unterhaltung, und Paul Cauuet (Noch jünger: Jahrgang 1980) hat dazu lichte und leichte Bilder gezeichnet, die in der Tradition eines karikaturesk angehauchten Realismus stehen (Leseprobe hier: https://www.splitter-verlag.de/die-alten-knacker-bd-4.html). Boucq ist wohl der Zeichner, der da am ehesten als Vorbild erscheint.

Was begeistert die Franzosen (und offenbar auch das deutsche Publikum, denn alle vier Bände sind schleunigst von Tanja Krämling für den Splitter Verlag übersetzt worden) an den „Alten Knackern“? Gewiss vor allem die politische Inkorrektheit, mit der die munteren Greise durchs Leben gehen. Dann die der Geschichte inhärente Globalisierungsskepsis und schließlich der Schuss Erotik, der durch die Enkelin eines der Knacker ins Spiel kommt. Diese junge Dame betreibt ein Marionettentheater namens „Der Wolf im Slip“, das nach der Hauptfigur der Vorführung benannt ist. Und wie erfolgreich die „Alten Knacker“ sind, zeigt sich nicht nur daran, dass der 2014 erschienene Debütband der Serie, „Die übrig bleiben“, einen Preis auf dem Comicfestival von Angoulême einheimste, sondern auch an einem bereits fertigen Spin-off: einem Bilderbuch, der die Geschichte des Puppenstücks erzählt. Auch dieser Band, wieder geschrieben von Lupano (Nomen est omen beim Thema Wolf), aber statt von Cauuet von der bilderbucherfahrenen Mayana Itoiz gezeichnet (wobei Cauuet dann doch noch bei einem zweiseitigen Appendix in Comicform zum Zuge kam), ist gerade bei Splitter erschienen.

Im neuen Band („Die Zauberin“ betitelt, nach einer seltenen Insektensorte, die es zu schützen gilt) wird der nie erlahmende Kampf zwischen dem Konzern und den alten Knackern fortgeschrieben, obwohl strenggenommen nur noch einer von ihnen im Dorf wohnt. Doch im Laufe der Handlung kommen die beiden Freunde aus Paris und Schottland angereist: der eine, um sich in den Kampf um ein von der Expansion des Unternehmens bedrohtes Stück Land einzumischen, der andere, um eine alte Liebe zu bezirzen. Wenn man sagt, dass nur einer reüssieren wird, dürfte die Prognose, wer es ist, nicht schwer fallen.

Allerdings sind die Rollen diesmal weniger klar verteilt als in den ersten drei Bänden, denn der ortsansässige Knacker ist durchaus willig, die Zerstörung der Landschaft durch eine neue Fabrik hinzunehmen, wenn dadurch im Gegenzug Jobs geschaffen werden, die das Ausbluten der Region verhindern. Doch nun kommt der Revoluzzer in Konflikt mit einer jüngeren ökologisch orientierten Generation, und es spricht für Lupano, dass er die Zwiespältigkeiten der politischen Gegenwart durch diese Konfrontation deutlich macht, ohne dabei ein verbissenes Szenario zu schreiben, das für eine der beiden Seiten Partei nähme. Wobei ihn diesmal ohnehin die Enkelin viel mehr interessiert, die sich in einen der angereisten Demonstranten verguckst, der sich aber schließlich als gar nicht so angereist erweist.

Der Mikrokosmos des kleinen südfranzösischen Dorfs wird also gar nicht einmal angekratzt, und natürlich liegt auch in der Reminiszenz an das andere widerständige Dorf in der französischen Comicgeschichte ein Reiz des Zyklus. Wobei der Slapstick mittlerweile doch arg die Oberhand gewinnt, worunter die Satire leidet. Aber für einen Mainstream-Comic sind „Die alten Knacker“ doch verblüffend schlau. Sowohl die Macher wie ihre Figuren.

 

15. Jan. 2018
von Andreas Platthaus

1
1573

     

08. Jan. 2018
von Andreas Platthaus
Kommentare deaktiviert für Mehr Licht? Das geht gar nicht

0
1244
     

Mehr Licht? Das geht gar nicht

Das ist einer der ungewöhnlichsten Comics der jüngeren Zeit, und obwohl man von Paula Bulling seit ihrem autobiographisch-dokumentarischen Debüt „Im Land der Frühaufsteher“ Überraschungen gewöhnt ist, kommt er doch ganz unerwartet. Schon deshalb, weil ich erwartete, dass die Zeichnerin weiter an ihrem schon länger laufenden Projekt arbeitet, einer großen Recherche über muslimische französische Kriegsgefangene und Widerstandkämpfer im Zweiten Weltkrieg. Aber vielleicht hing der zweimalige Aufenthalt, den Paula Bulling in Les Ateliers Sauvages, einem Künstlerhaus in der algerischen Hauptstadt Algier, absolviert hat, mit ihren diesbezüglichen Nachforschungen zusammen. Wie dem auch sei, die Stadt scheint sie fasziniert zu haben, denn nun hat sie einen Comic über ihre Eindrücke gezeichnet. „Lichtpause“ heißt er. Beim wunderbaren Rotopol-Verlag aus Kassel ist er erschienen

Der Titel ist zunächst erst einmal ein Verweis auf eines der wichtigsten Arbeitsmittel in der Architektur, und Paula Bullings Comic ist vor allem das: Architektur. Gar nicht einmal im Sinne der Seitenarchitektur allein (die allerdings von grandioser Vielfalt ist), sondern mehr noch, weil es tatsächlich die Stadt selbst ist, die auf den 36 großformatigen Seiten die Hauptrolle spielt. Einmal etwa zeichnet Paula Bulling eine ganze Doppelseite lang nur Straßenpflaster – mit alle den verschiedenen Mustern, die eine traditionelle Pflasterung hervorbringt. Diese Sequenz wirkt wie eine Sequenz von Paul Klee. Aber auch die Materialexperimente des späten Willi Baumeister fallen einem ein; das liegt aber vor allem an den Farben, die die sonnig-sandige Welt Nordafrikas heraufbeschwören. Hier kann man es sich ansehen: http://www.rotopolpress.de/produkte/lichtpause.

Kunst also kommt in den Sinn, denn das, was Paula Bulling hier macht, ist in der Tat Kunst, ein großes Experiment in visueller Assoziation. Und trotzdem ist es auch ein Comic, der vom Leben als Ausländerin in Algier erzählt, an einem einzigen Tag, der vom Morgen bis zum Abend begleitet wird, formuliert als Ansprache an einen Freund, dem von Begegnungen berichtet wird, von wechselseitigem Beobachten, auch von Enttäuschungen. Und natürlich von Begeisterung, nicht zuletzt für das Licht in dieser Stadt.

Das ist „Lichtpause“ nämlich vor allem: ein gezeichneter Essay über das Licht im Tagesverlauf, komplett mit farbigen Bleistiften angefertigt. Gelb, Blau und Orange sind dabei die vorherrschenden Töne. Und selbst die Randlinien der Panels sind hier farbig und das auch noch von Seite zu Seite meist unterschiedlich gehalten. Diese simple Idee macht großen Effekt, genauso wie die über die Seiten gestreute Erzählstimme, die aus der Perspektive Paula Bullings berichtet. Aber immer wieder verstummt sie über ganze Bilderfolgen hinweg, als müsse sie Atem schöpfen, etwas überdenken, käme vor flirrender Hitze oder unter der Fülle der Eindrücke gar nicht zur Beendigung eines Satzes.

So liest sich „Lichtpause“ blitzschnell, aber fertig ist man damit nicht so rasch, denn eie abermalige Lektüre fördert neue Details (und neues Verständnis) zutage, und das wird beim dritten oder verten Mal kaum anders sein. Man mag sich an Lorenzo Mattotii erinnert fühlen, was die Freiheit des Farbgebraucht angeht, an David Mazzucchelli bei den architektonisch anmutenden Linienführungen und an Avril oder Nicolas de Crécy, wenn es um Stadtporträts geht. Aber keiner dieser vier Meister hat Paula Bullings geradezu traumartige Erzählstruktur, mit er sie sich – und wir als Leser mit ihr – durch die Straßen und Zimmer treiben lässt. Und dann dieser Blick für Details auf den Bürgersteigen, diese Kompromisslosigkeit beim Auflösen eines Eindrucks in Liniengespinste, ja Liniengewirre, die beinahe abstrakt anmuten. Und schon ist man wieder bei der modernen Kunst. Bei Kandinsky, für den es vor allem der Rhythmus war, was ein Bild ausmachte. Und Rhythmus ist eine im Comic immer noch unterschätzte Kategorie, in der nun wieder Paula Bulling sich mehr und mehr als große Meisterin erweist.

08. Jan. 2018
von Andreas Platthaus
Kommentare deaktiviert für Mehr Licht? Das geht gar nicht

0
1244

     

02. Jan. 2018
von Andreas Platthaus

5
1378
     

Ihre beste Rolle

Der Comic „Das Hochhaus“ von Katharina Greve ist kein Buch im klassischen Sinne, obwohl man ihn auch als solches bekommt, beim Avant Verlag. Da ist der Comic schon seltsam genug, denn man muss den Band querlegen, um ihn zu lesen, also um 90 Grad drehen. Dann baut sich Stockwerk für Stockwerk das titelgebende Hochhaus auf, vom Kellergeschoss bis in die hundertste Etage. So hat Katharina Greve, die selbst fünfzehn Semester Architektur studiert hatte, aber dann doch Cartoonistin wurde, ihn publiziert: im Internet unter http://www.das-hochhaus.de/. Hundertzwei Wochen lang türmte sie ein Geschoss auf das andere, bekam dafür zwischendurch den Max-und-Moritz-Preis der Stadt Erlangen für den besten Comic-Strip, und nachdem alles fertig war, wurde das komplette Hochhaus auch noch als Buch publiziert. Und eben als etwas, das kein Buch im klassischen Sinne ist. Darum soll es hier gehen.

 

Denn „Das Hochhaus“ ist auch als Buchrolle erschienen. Was das ist? Eine aufgerollter langer Papierstreifen, auf dem das gesamte Hochhaus gedruckt ist, so dass man, wenn man will, die ganze Geschichte als einzige Zeichnung von rund sieben Meter Länge bekommen und vor sich ausbreiten kann. Wer nur eine kleine Wohnung hat, muss aber keine Sorge haben: Lesen lässt sich das Ganze auch ohne komplettes Ausrollen, denn man kann ganz nach antikem Vorbild mit der linken Hand den Anfang der abgerollten Buchrolle nach der Lektüre eines Abschnitts wieder neu aufrollen und so immer weiter machen, so dass man am Schluss eine neue Rolle bekommt, die allerdings zum Wiederlesen erst einmal wieder zurückgespult werden muss – „wie früher eine Kassette“, scheiben die Macher vom Berliner Verlag Round Not Square in der mit eingerollten Bedienungsanleitung.

Ist das ein Gag? Natürlich, aber im Falle von Katharina Greves Comic-Strip auch genau die richtige Form und mit 27 Euro nur sieben Euro teurer als die Buchausgabe von Avant (will man eine von der Zeichnerin signierte Ausgabe, kostet das 35 Euro). Aussehen tut das so: http://round-not-square.com/de/portfolio/das-hochhaus/, und anfühlen tut es sich dank sehr schönen Papiers hervorragend. Etwas gewöhnungsbedürftig ist nur das Zurückrollen statt des Zurückblätterns, wenn man etwas bereits Gelesenes noch einmal überprüfen will. Und dazu besteht oft Anlass.

Denn Katharina Greve hat nicht nur einfach 102 Etagen als wöchentliche Einzelepisoden gestaltet, sondern auch vielfach Bezüge zwischen den Stockwerken hergestellt – der größte Abstand besteht dabei zwischen Keller und Dachgeschoss, also über fast zwei Jahre Publikationsdauer hinweg, weil der Aufenthalt der Bewohner des Letzteren im Ersteren einem anderen Mieter des Hochhauses eine günstige Gelegenheit zur Ausübung seines Broterwerbs verschafft. Dessen Folgen sind übrigens mehrfach Thema des Geschehens im Hochhaus, wie auch andere Kapitel (also Stockwerke) inhaltlich miteinander verknüpft sind. Doch alle Episoden können auch für sich gelesen werden, denn in den immer gleichen zwei Räumen (Küche und Wohnzimmer samt Balkon) der Etagenwohnungen, die wir im Querschnitt sehen, spielen sich mehr oder minder burleske Szenen und Dialoge ab, deren Witz sich Katharina Greves Erfahrung als Cartoonistin verdankt – also als Gestalterin humoristischer Einzelbilder.

Aber erst die minutiösen Details machen diesen Comic so reizvoll. Details wie zum Beispiel die Aufschrift auf einer Fensterscheibe im 98. Stockwerk: „Bitte keine Werbung einwerfen“. Überhaupt ist dieses Fenster der jeweiligen Nachbarwohnung eine Quelle nie versiegenden Vergnügens: Es ist das einzige, was man von diesem kleinen Einzimmerappartement sieht (bei der Behausung im Querschnitt handelt es sich dagegen jeweils um eine Dreizimmerwohnung plus Küche und Bad, wie man einem von der Zeichnerin angefertigten Etagengrundriss entnehmen kann), und trotzdem werden auch damit kleine Geschichten ganz ohne Worte erzählt. So steht einmal ein brennender Chanukka-Leuchter auf dem Fensterbrett, und in einem anderen Stockwerk hängt dort ein Adventskranz. Diese jahreszeitliche Parallele verweist darauf, dass wir über den ganzen Comic hinweg einen identischen Moment dokumentiert haben. Es ist wichtig, das im Auge zu behalten, wenn man „Das Hochhaus“ liest.

Katharina Greve bietet uns einen Querschnitt nicht nur durch ihr Wohnhochhaus, sondern auch durch die Gesellschaft. Junge und alte Bewohner sind vertreten, hetero- und homosexuelle, Repräsentanten verschiedener Kulturen, Berufsgruppen und Geisteszustände. Wir treffen Zeugen Jehovas, die sich nicht aus dem Haus trauen und deshalb die Mitarbeiter von Lieferservices bekehren wollen. Da ist eine Domina, deren Küche in ihrer Lieblichkeit das Komplementärphänomen zur Folterkammer im Wohnzimmer ist (und ihr Kunde ist ein Hausbewohner, dessen Lebensumstände noch in zwei anderen Etagen eine wichtige Rolle spielen). Oder eine Wahrsagerin, deren Mann ihr vorausgesagt hatte, dass sie erfolglos bleiben werde – und sich damit als der bessere Prognostiker erwies. Man muss dieses Panoptikum der Mühseligen und Beladenen einfach lieben.

Wenn man ans Ende der Geschichte gerollt ist, geht es noch etwas weiter als ursprünglich im Netz bei der Erstpublikation: in den Himmel hinauf, so wie es zu Beginn auch etwas tiefer losgeht als im Keller, mit der Kanalisation nämlich. Katharina Greve hat diese kleinen Extras ergänzt, die ihr Hochhausdasein abrunden. Höher hinaus kommt man im deutschen Comic derzeit nicht. Und die Edition von Round Not Square spielt dabei die beste Rolle.

 

02. Jan. 2018
von Andreas Platthaus

5
1378

     

18. Dez. 2017
von Andreas Platthaus
1 Lesermeinung

5
18662
     

Stille Nacht, wilde Nacht

© Ralf König - Santa Claus JuniorNoch ahnt die Festgemeinschaft nicht, welch bittere Wahrheit ihr sogleich eröffnet wird: Szene aus Ralf Königs „Santa Claus Junior“

Es ist noch gar nicht so lange her, da flatterte pünktlich jedes Jahr zur Weihnachtszeit ein Rowohlt-Buch ins Haus. „Engel & anderes Geflügel“ hieß es, und in jedem neuen Jahr war ein neuer Illustrator damit befasst, dieses als Adventskalender konzipierte Werk (man konnte die Seiten, wenn man wollte, täglich auftrennen) zu gestalten. Daran beteiligt waren, um nur einige zu nennen: Wolf Erlbruch, Binette Schröder, Axel Scheffler, Jutta Bauer, Bernd Pfarr, Sabine Wilharm – kurz gesagt: die Creme der deutschen Bilderbuchszene.

Warum diese wunderbare Reihe eingestellt wurde, weiß ich nicht. Kandidaten für eine Fortführung hätte es genug gegeben, zum Beispiel Comic-Zeichner. Und einer davon, kein Geringerer nämlich als das Rowohlt-Urgestein Ralf König, hat jetzt in seinem Stammverlag ein kleines Buch publiziert, das genau dem Konzept von „Engl & anderes Geflügel“ entspricht, auch wenn es kein Adventskalender mehr ist. Da wird es dem die Reihe entbehrenden Leser warm ums Herz.

Das war ehedem auch ihr Sinn und Zweck. Und deshalb wäre König als Erzähler wohl nicht die erste Wahl dafür gewesen. Seinen internationalen Ruhm hat er sich mit Comics erworben, die zwar durchaus warmherzig sind, aber auch – sagen wir – großschwänzig. Und bitterböse im Blick auf unsere Gesellschaft und ihren Umgang mit Schwulen. Und durchaus auch im Blick auf den Umgang der Schwulen untereinander. So zu sehen und zu lesen erst im vor einem halben Jahr erschienenen Band „Herbst in der Hose“, der die Alterspanik unter Schwulen zum Gegenstand eines ebenso witzigen wie nachdenklichen graphischen Romans gemacht hat.

Nun also in sehr knappem Abstand schon der nächste König: „Santa Claus Junior“ (und schon der Umfang der Leseprobe des Verlags ist ein Geschenk: https://www.rowohlt.de/download/file2/row_upload/3610913/LP_978-3-499-29082-4.pdf). Es geht, schnell zusammengefasst, darum, dass die einsame Ute Hinzmann (Ehe schon länger gescheitert, neue Beziehung vor einem Jahr auch) allen Weihnachtstrubel ablehnt und am 24. Dezember allein zu Hause in der ungeschmückten Wohnung sitzt. In Köln! Jenem hillije Kölle, wo es zum guten Ton gehört, das Heim festlich herauszuputzen und ungeachtet aller religiösen Überzeugung gutchristlich zu jubilieren – sei es auch nur mittels Schallplatte. Das kann nicht gutgehen mit Ute Hinzmanns Vorhaben, und so sitzt denn auch alsbald das Christkind höchstpersönlich auf dem Sofa neben ihr und kündigt den Besuch des frischgebackenen neuen Weihnachtsmanns an. Ach was, „kündigt ihn an“ – es preist ihn an wie eine Partnerschaftsvermittlungsagentur, und tatsächlich erweist sich der Herr, als er mit seinem Rentierschlitten auf dem Balkon des Mehrfamilienhauses im Belgischen Viertel landet, als höchst attraktiv. Und es kommt, wie es unter den Geschlechtern kommen muss.

Wobei man nicht behaupten kann, dass das bei Ralf König die Regel wäre. Bei ihm kommt es sonst eher, wie es unter einem Geschlecht kommen muss. Hier aber einmal nicht. Hier ist alles so wunderbar harmonisch heterosexuell, dass es eine Art hat. Selbst vor dem emotionalen Höhepunkt (und man möchte vermuten, auch dem körperlichen), blendet die Geschichte ab. Und doch vermisst man nichts. Denn König erweist sich in „Santa Claus Junior“ als das, was ihn als Comiczeichner mindestens so selten und bedeutend macht wie seine Rolle als Chronist schwulen Lebens in Deutschland: urkomisch.

Er spielt einfach mit dem eigenen Klischeehaushalt, ist nie böse, aber auch nie harmlos. Man könnte sich als gläubiger Mensch verspottet fühlen, aber dann wäre man ein verbissener Christ, der den Fundamentalisten anderer Religionen wenig voraus hätte. König bietet eine kleine Geschichte, die in eng begrenzter Zeit (Heiligabend) und eng begrenztem Raum (Utes Etagenwohnung) nicht weniger verhandelt als die Conditio Humana. Glaubensmäßig, aber auch psychologisch und sexuell natürlich sowieso. Auch wenn es nichts zu sehen gibt, was unter die Gürtellinie ginge.

Hundert Seiten ist die Geschichte lang (und am Ende, man glaubt es kaum, liefert König noch Ausschnittbögen für Christbaumfiguren nach seiner Manier), sie liest sich in einer halben Stunde, aber man wird sie künftig häufig lesen, so häufig vielleicht wie Eilert/Gernhardt/Knorrs „Erna, der Baum nadelt“. Schön, dass die deutsche Weihnachtskomik nun ein zweites kleines Meisterwerk zu bieten hat. Ach ja, das noch: König wird immer besser beim Reimen der Texte seiner Erzählerstimme. „Nun kann man, grad des Kitsches wegen, / die Weihnachtstage durchaus mögen! / Bei Leuten, denen Glockenläuten / und Christbaumschmuck noch was bedeuten.“ Doch just bei der letzten Silbe unterbricht Ute rigoros die Erzählstimme und schmäht ihre Worte als „schlechte Weihnachtsgedichte“. Mit Verlaub, sie hat Unrecht, das Knüttelgereimte passt zur heimeligen Stimmung wie die Gans in den Ofen. Und wie die Weihnachtswichtel und pudelnackten Putten, die auch alle ihren Auftritt in „Santa Claus Junior“ haben – Engel & anderes Geflügel eben.

18. Dez. 2017
von Andreas Platthaus
1 Lesermeinung

5
18662

     

11. Dez. 2017
von Andreas Platthaus

4
2025
     

Der Mann, den Johnny Hallyday verdross

Vergangene Woche starb Johnny Hallyday, ein Musiker, von dessen Bedeutung für die französische Kultur man sich in Deutschland gar keine rechte Vorstellung machen kann, weil wir nichts Vergleichbares hatten. Peter Kraus oder Ted Herold werden gerne genannt – lächerlich, denn Hallyday war ein Star über ein halbes Jahrhundert hinweg. Und natürlich hat er auch seinen Weg in die französischen Comics gefunden. 1992 erschien ein Band namens „Johnny Hallyday – Les années soixante“. Darin erwiesen prominente Comiczeichner dem Sänger mit Kurzgeschichten ihre Reverenz, und zwar, wie am Titel erkennbar, dem jungen Johnny Hallyday. Unter den Beteiligten war einer meiner Lieblingszeichner: Hervé Barulea, der seine Comics unter dem Künstlernamen Baru publiziert.

Wie es der Zufall will, ist vor wenigen Tagen nach langer Pause wieder mal ein Baru-Band ins Deutsche übersetzt worden: „Ici et là“, im Original 2012 erschienen, nun „Hier und dort“, eine Sammlung von zuvor verstreut veröffentlichen Kurz- und Kürzesterzählungen, und darin findet sich auch „Eine Fete bei John“, der genau vor einem Vierteljahrhundert gezeichnete Beitrag zu „Johnny Hallyday“. Baru nennt den Sänger in seiner kurzen Einführung (jede der fünfzehn in „Hier und dort“ enthaltenen Geschichten hat eine eigene) „unser Nationaldenkmal“, lässt aber ansonsten Distanz erkennen: „Glücklicherweise hat man mich nur zu den ersten Schritten des ‚Künstlers‘ herangezogen …“

Wie jeder weiß, der Baru liebt, liebt der Zeichner den Rock’n’Roll, aber den authentischen, nicht den adaptierten von Johnny Hallyday. Doch die rebellische Begeisterung, die der junge Sänger unter der französischen Jugend in den frühen Sechzigern auslöste, ist genau Barus Fall. Also erzählt er auf sieben Seiten die Geschichte eines Fünfzehnjährigen, der von seinen Eltern zu einem Raymond-Devos-Auftritt mitgenommen wird. Mehr muss man einem einigermaßen musikkundigen Franzosen nicht sagen: Es geht um jenen berühmt-berüchtigten Abend im Pariser „Alhambra“ vom 20. September 1960, als ein Teil der älteren Zuschauer den im Vorprogramm auftretenden Johnny Halliday und dessen Fans wüst beschimpfte. Es kam zu Ausschreitungen im Publikum, bis Raymond Devos, ein damals höchst beliebter Komiker, sein eigenes Publikum zurechtwies: „Wenn ihr den Kleinen rauswerft, höre ich auf!“ Johnny Hallyday war durch diesen Skandal und den Einsatz von Devos mit einem Schlag berühmt.

Wie meistens in seinen Comics erzählt Baru auch diese Episode als Emanzipationsgeschichte eines Jugendlichen. Der Zeichner selbst wurde 1947 als Arbeiterkind in Lothringen geboren, hat die rebellischen Jahre, um die es hier geht, als Heranwachsender also miterlebt, allerdings in der Provinz, dafür aber intensiv mit Musik. Davon erzählt er in „Quéquette Blues“, seinem meisterlichen Erstlingswerk, das in drei Bänden von 1984 bis 1987 erschien. In Stil und Tonfall knüpft „Eine Fete bei John“ daran noch an, doch der Bildaufbau weist Parallelen zu „Der Champion“ auf, Barus kurz zuvor erschienene Boxergeschichte aus dem Algerienkrieg, die ihn erstmals als politischen Künstler mit zeitgeschichtlichem Interesse auswies und ein Erzählen in seinem Werk etablierte, das mit „Autoroute du Soleil“, „Die Sputnik-Jahre“ und „Wut im Bauch“ die Höhepunkte fand.

Aber obwohl Baru einer der größten Comic-Autoren unserer Zeit ist, hat er in Deutschland keinen großen Erfolg. Umso bemerkenswerter, dass der ehrgeizige Kleinverlag Edition 52 aus Wuppertal es immer wieder aufs Neue wagt, ihn zu übersetzen, nachdem Carlsen, die Edition Moderne und Reprodukt es leider nicht mehr tun. Bedauerlich nur, dass die deutsche Ausgabe von „Ici et là“ gegenüber der französischen etwas verkleinert wurde – zwar wenig nur, doch leider gerade im Falle der Texte um einen deutlich bemerkbaren Faktor, denn die Sprechblasen sind nun häufig geradezu gestopft voll. Da hätte sich der Übersetzer Uwe Löhmann bisweilen vom Original lösen, es verknappen müssen, denn so kommt das Verhältnis von Detailreichtum der Zeichnungen und relativer Textknappheit im Baruschen Original durcheinander. Und etwas zu dunkel gedruckt wurde der deutsche Band auch; vor allem den in späteren Arbeiten von Baru bevorzugten Aquarellfarben fehlt die Leuchtkraft. Eine Leseprobe macht das deutlich: http://edition52.de/wp-content/uploads/PDF.js-viewer.pdf. Wer noch eine umfangreichere haben will, wird hier fündig, allerdings nur auf Französisch: https://issuu.com/soopachachameow/docs/issu_pl_baru_ici-la. Leider hört dieser lange Auszug gerade vor „Eine Fete bei John“ auf.

Wer einen der intelligentesten Gegenwartskommentatoren Frankreichs kennenlernen oder endlich einmal wiederlesen will, der liegt mit „Hier und dort“ richtig. Und mit einer anderen Hommage darin, diesmal an Albert Uderzo, gezeichnet 2007, liefert Baru eine der besten Aktualisierungen eines klassischen Comics ab, hinter denen sich sogar Blutchs gerade erschienener Prachtband „Souvenirs“ verstecken muss (der lautes Pastiches auf berühmte Comic-Szenen bietet). „Abdelix und Kaderix langweilen sich“ heißt Barus nur dreiseitiges Juwell, eine geradezu akribisch nacherzählte Passage aus einem Asterix-Abenteuer, doch verlegt in die Pariser Banlieu von heute, in der zwei streitlustige junge Araber die Polizei provozieren und nach Strich und Faden verprügeln. Sehenswert, lesenswert, bedenkenswert. Baru eben.

11. Dez. 2017
von Andreas Platthaus

4
2025

     

05. Dez. 2017
von Andreas Platthaus

2
1550
     

Das ist und das macht sprachlos (vor Freude)

Luftschacht ist ein Wiener literarischer Verlag, der seit einigen Jahren zuverlässig ungewöhnliche österreichische Comics im Programm hat. Mit Nicolas Mahler gibt es einen Star. Mit Michaela Konrad, Thomas Kriebaum und Gerald Hartwig hochinteressante und hochunterschiedliche Autoren, sowie mit Leopold Maurer einen Wanderer zwischen Erzählwelten, wie man im deutschsprachigen Comic nur wenige findet. Und nun gibt es auch noch Albert Mitringer.

Über ihn verliert die Verlagshomepage kein Wort. Das passt, denn auch Mitringers Buch ist (und macht) sprachlos. „Lila“ heißt es, und wie man der Homepage des Autors entnehmen kann, entstand es als Diplomarbeit in Wien. Wir dürfen uns Albert Mitringer also als jungen Mann vorstellen, und damit ist durchaus in Einklang zu bringen, dass sein Stil gewisse Manga-Einflüsse verrät, vor allem in den Actionsequenzen. Doch die wichtigste Inspiration dürften Storyboard-Zeichnungen gewesen sein, also jene skizzenartigen wortlosen Sequenzen, mit denen im Filmgeschäft vor der eigentlichen Dreharbeiten die Handlungsverläufe geplant und den Mitwirkenden veranschaulicht werden (eine Leseprobe findet sich unter https://www.behance.net/gallery/4868683/LILA, einer Website, die kreative Talente vorstellt, und dort wird Mitringers Arbeit unter „Zeichentrick“ subsumiert).

Lila, so würde ich einmal vermuten, ist der Name der Hauptfigur des Comics, eines kleinen Mädchens, das in einer tristen Umgebung aufwächst, die deshalb auf den ersten drei Seiten auch streng schwarzweiß gezeichnet wird: aufstehen in der Frühe, unerfreulicher Schulalltag, Heimkehr zu einem trinkenden und offenbar gewaltsamen Vater – um das klar zu machen, braucht Albert Mitringer nicht einmal die ganze erste Seite. Die weiteren beiden der Auftaktsequenz erzählen dann von der Begegnung mit einem auf dem außeririschen Wesen, das sich in seiner Knuffigkeit an der schlichten Gestaltung des weiblichen Roboters Eve aus dem Pixar-Film „Wall.E“ orientiert, aber erzählerisch auch an „Astroboy“. Jedenfalls handelt es sich um eine uneingeschränkt positive Begegnung, und so fliegen Lila und er denn auch am Ende der dritten Seite schon hinaus ins All, und fortan wird es bunt.

Wieso Lila plötzlich fliegen, interessiert im Buch nicht, und so hat das Geschehen von Beginn an (die Begegnung findet nachts statt) den Charakter eines Traums. Aber ein Erwachen gibt es auf den nun noch folgenden neunzig Seiten nicht mehr. Dafür ein gigantisch inszeniertes Abenteuer, das Lila zunächst in den Kampf mit einem riesigen Roboter verwickelt, der als zigarrerauchender Unsympath gezeichnet wird und eine technologisch weit fortgeschrittene Zivilisation bedroht. Dieser Gegner stellt aber noch gar keine echte Herausforderung für das schlaue Duo aus Erdenmädchen und Alien-Begleiter dar, doch anspruchsvoller werden die Herausforderungen, als sich mit einem kleinen Jungen die dritten Hauptperson dazugesellt, dessen Perspektive fortan zur dominierenden wird.

Er hat seinen ersten Auftritt im Comic als einsamer Gefangener in einem Käfig über einer kalten Welt, in der Krieg herrscht – Krieg zwischen Truppen, die Mitringer als Armeen aus Playmobil- und Lego-Männchen zeichnet. das ist großartig, weil es konsequent die kindlich Perspektive ins Spiel bringt, die dann auch die Rechtfertigung für die zügellose Phantasie bietet, mit der weitererzählt wird. Mitten im Schlachtgetümmel treffen sich Lila und der Junge (und natürlich auch der Außerirdische, der jedoch eher ein ständiges Hilfsmittel ist als ein vollwertiger Akteur), freunden sich an und stellen alsbald fest, dass es einen großen Superschurken gibt, der von einem Zirkus aus agiert. Auch hier wieder die Kinderperspektive, die aus vertrauten Räumen unheimliche Bedrohungen entstehen lässt.

Bald sind beide Kinder in der Gewalt des Schurken, und Mitringer unterwirft Lila einem bösartigen Verhör, während der Junge sich in Haft Erinnerungen an eine frühere glückliche Zeit hingibt. Wie gesagt, alles ohne Worte, nur sehr vereinzelt gibt es – dann allerdings völlig überflüssig – einzelne Schriftelemente wie „Applaus, Applaus“ im Zirkus oder die Kennzeichnung einer gezeichneten Gedankensequenz als „Masterplan“. Da hat man tatsächlich den Eindruck, dass Mitringer die ganze Geschichte als Storyboard angelegt und einfach zum Comic umgewidmet hat, ohne sie noch zu überarbeiten. Aber dagegen spricht der dramaturgische Einsatz der Seitenarchitektur, die für ein Storyboard sinnlos und somit undenkbar wäre.

Das Abenteuer steuert selbstverständlich auf ein großes Finale zu – wieder extrem filmisch inszeniert. Die zuvor einmal angedeutete amouröse Faszination des Jungen für Lila bekommt neue Hoffnung, wird aber nie zu mehr als einem subtil mit den Genregesetzen einer Space Opera spielenden vertrauten Handlungselement. Oder zu einer Paraphrase auf Hayao Miyazakis Trickfilme, deren Charakteristika man immer stärker auch in „Lila“ findet. Und das sind ja die schönsten Einflüsse, die man sich wünschen kann.

Trotzdem darf man nicht erwarten, dass sich erzählerisch alles schon glatt fügt. „Lila“ ist auch ein Erstlingswerk mit gewissen narrativen Schwächen, über die man aber angesichts des graphischen Einfallsreichtums lässig hinweglesen kann. Dass der Comic aufgemacht ist wie ein Bilderbuch, könnte im Handel zu Irritationen führen, wobei ein Blick hinein jedes Missverständnis ausschließt. Aber dieser Comic braucht auch selbst ein abenteuerlustiges Publikum, dem es nicht ganz an Lese- und Seherfahrung fehlen sollte, um Mitringers Leistung würdigen zu können. Kinderkram ist das jedenfalls nicht. Sondern eine Kindergeschichte für Leser jeden Alters mit Lust am Aufbruch in nie auszulotende Phantasiewelten.

05. Dez. 2017
von Andreas Platthaus

2
1550

     

28. Nov. 2017
von Andreas Platthaus
Kommentare deaktiviert für Viermal ja zu Jaja

0
2145
     

Viermal ja zu Jaja

Wenn man den ungewöhnlichsten deutschen Comicverlag benennen sollte, dann wählte ich derzeit Jaja. Das in Berlin angesiedelte Haus, strenggenommen ein Häuschen, wenn nicht gar nur ein Stübchen, ist als Verlagsadresse doch „Musenstube“ (eine Ateliergemeinschaft, also auch nur der Bruchteil einer Stube) angegeben, besteht seit sechs Jahren und vor allem aus Annette Köhn. In dieser kurzen Zeit hat sie Jaja zum Forum für deutschen (oder in Deutschland lebenden) Comiczeichnernachwuchs gemacht, wobei der Nachwuchs auch gerne einmal älter sein kann wie etwa Michael Beyer alias Mic, dessen Serie „Papa Dictator“ wohl das bekannteste Produkt des Verlags ist.

Anlass dieses Textes ist denn auch meine Freude über den mittlerweile fünften Band, „Papa Dictator kriegt Besuch“. Wieder ein kleines quadratisches Schwarzweißheftchen – Ausnahme dabei war der Pracht-Hardcoverband „Weltherrschaft“ – mit farbigem Umschlag, das für vier Euro sehr viel boshaften Lesespaß bietet, hat Mic doch diesmal einen anderen skrupellosen Staatschef ins Reich des politisch völlig unkorrekten Papa Dictator geschickt; die blonde Haartolle und die seltsamen Augen verraten, wer gemeint ist – und nein: Der junge Reporter Tim ist es trotz dieser Attribute nicht.

Ein „Papa Dictator“-Album zu beschreiben, ist, wie einen Witz zu erklären: kontraproduktiv. Man sehe es sich an auf der Jaja-Website an, die weniger Lese- als Erlebensproben der Bücher bietet, hier etwa https://www.jajaverlag.com/papa-dictator-kriegt-besuch/. Erwähnt sei dann nur noch, dass es wenig niedlichere Figuren im deutschen Comic gibt als diese schwarze Bestie, die vor nichts zurückschreckt. Es sei aber hier noch auf andere Jaja-Publikationen verwiesen, denn das Verlagsprogramm ist ein Gesamtkunstwerk, ein Festival der Formate, Stile und Ideen, deren jeweilige Unvergleichlichkeit die Gemeinsamkeit ausmacht. Wie etwa Valentin Krayls „Weltenbummler“, erschienen schon im Februar, ein kleines Album (wenn auch viel größer als „Papa Dictator“), das die vielfältigen Ausflüge eines Ich-Erzählers beschreibt, die nach Belgien führen können, aber auch ins schamanistisch eröffnete geistige Reich des eigenen „Krafttiers“. In „Weltenbummler“ wird gereist und erkundet, aber stets über den Rand des Phantastischen hinaus, und die dabei verwendeten Stilformen (Leseprobe unter https://www.jajaverlag.com/weltenbummler/) weisen das Heft als ein Langzeitprojekt aus, an dem man auch die Entwicklung des Zeichners Valentin Krayl verfolgen kann.

Bei Hanna Gressnich ist das ganz anders. Ihr zauberhaftes Buch „Nichts ist doch schon etwas“ (Leseprobe unter https://www.jajaverlag.com/nichts-ist-doch-schon-etwas/)begegnete mir erst ein Jahr nach der Publikation, weil Jaja so viele kleine Comics herausbringt, dass man kaum hinterher kommt. Eine junge Frau namens Karo und ein altkluger Vogel, der Pik gerufen wird, treten als Protagonisten auf und gehen gemeinsam durch den Alltag, der durchaus auch im Flugzeug seinen Handlungsort findet – eine wunderbar skurrile Situation, die besonderer Reiz gewinnt aus der Begegnung eines Menschen mit einem comictypisch anthropomorphen Tier, dem man aber qua Aussehen immer noch besondere Kompetenz, was das Fliegen angeht, zuspricht. Hanna Gressnich arbeitet dabei mit einer klaren Cartoonlinie, die Blau-, Rot- und Gelbstifte benutzt, und in den Sprechblasen stehen Texte, die wie mit einem Computerfont gesetzt erschienen, sich aber bei genauerem Betrachten als Handlettering erweisen.

Die zahlreichen kleinen Panels, aus denen sich die Seitenarchitektur zusammensetzt, evoziert Kindercomics, aber Dramaturgie und bewusste Reduktion der Mittel sind höchst erwachsen; ein Beispiel seltener Perfektion im Programm des Jaja-Verlags, der ansonsten eher ein Herz fürs spontan wirkende Zeichnen hat. Oder zur ganz einfachen Graphik, wie sie Tanja Esch in ihrem Band „Du kannst natürlich heute noch hier schlafen“ einsetzt, einem in heftigen Farbkontrasten erzählten Liebesreigen einer jungen Frau, die von einer gescheiterten Affäre in die nächste stolpert (Leseprobe unter https://www.jajaverlag.com/du-kannst-natürlich-heute-noch-hier-schlafen/). Im Gegensatz zum Titel des Buchs, der ähnlich wie bei Gressnichs Comic der seit Mawils „Wir können ja Freunde bleiben“ nie wieder abgeflauten Welle von Phrasentiteln zuzurechnen ist, überzeugt die Originalität, mit der Esch durch die bewusst schlicht gehaltenen Figuren einen subtilen Kontrast zum hochkomplizierten Beziehungsleben der Protagonistin schafft. Der stete Wechsel zwischen ganzseitigen Panels und kleinteiligen sonstigen Seitenarchitekturen mag dagegen Anna Haifisch abgeschaut sein. Die Lakonie des Erzählens verbindet die beiden jungen Zeichnerinnen ohnehin.

Mehr als fünfzig Autoren sind beim Jaja-Verlag mittlerweile vertreten, wobei nur die Wenigsten mehrere Titel zu bieten haben. Das mag an der steten Neugier von Annette Köhn liegen, womöglich aber auch daran, dass nur Einzelne es geschafft haben, ein größeres Publikum für ihre Comics zu begeistern. Die Bücher des Jaja-Verlag zu entdecken, ist das eigentliche Problem, denn die Darstellung im Netz wird trotz der ungewöhnlichen Präsentation dem Einfallsreichtum an jeweiliger Gestaltung nicht gerecht, und außer dem Berliner Haus Neurotitan kenne ich keine Verkaufsstelle, die eine größere Palette der Verlagserzeugnisse ausliegen hätte. Mehr Mut muss man Annette Köhn nicht wünschen, wohl aber dem Comicfach- oder auch gewöhnlichen Buchhandel bei der Präsentation von Jaja-Heften. Köhn dagegen wäre Unmut anzuraten, wenn ihre Autoren sich nach einem schönen Debüt wieder vom Comic abwenden. Zur Autorenpflege gehört auch verlegerisches Drängeln und Einfordern. Bei Esch, Gressnich und Krayl würde es sich wohl allemal lohnen. Bei Mic ist es erfreulicherweise nicht nötig.

28. Nov. 2017
von Andreas Platthaus
Kommentare deaktiviert für Viermal ja zu Jaja

0
2145

     

21. Nov. 2017
von Andreas Platthaus

2
1206
     

Panik unter Wasser

Der Rostocker Hinstoff-Verlag, der an dieser Stelle schon mehrfach vorkam, hat ein klares Programm, was Comics angeht: Maritim müssen sie sein. Für Kristina Gerhmanns „Im Eisland“, der in drei Bänden über die Expedition von Sir John Franklin in die Arktis erzählte, gab es prompt den Deutschen Jugendliteraturpreis – das können noch nicht viele Comics von sich behaupten. Dann kam ein Störtebeker-Comic, also wieder etwas Maritim-Historisches, und nun erscheint ein Band, der in der Gegenwart spielt du reine Fiktion ist: „Der Unterwassserschweißer“.

 

Geschrieben und gezeichnet hat ihn mit Jeff Lemire ein hochgehandelter kanadischer Autor, der mit „Essex County“ einen lupenreinen Independent-Autorencomic vorgelegt, aber auch schon für den Marvel-Verlag im Superheldengeschäft gearbeitet hat. Wenn man einen graphischen wie geschäftstrategischen Vorläufer nennen wollte, dann müsste es der Amerikaner Ted McKeever sein, der in den frühen neunziger Jahren mit „Metroland“ einen phantastischen Heftzyklus publiziert hat du dann auch für die großen Comicverlagshäuser arbeitete. Wie McKeever ist Lemire ein grandioser Schwarzweißstimmungskünstler. Sein „Unterwasserschweißer“ erschien im Original schon 2012 und war die bislang letzte Arbeit Lemires für den ambitionierten Topshelf-Verlag, eine Leseprobe findet sich hier: https://www.ppm-vertrieb.de/Comics/Hinstorff/Der-Unterwasser-Schweisser::310202.html.

Der Umfang ist stolz: 215 Seiten. Das ist viel für eine eigentlich ganz simple Erzählung, in der ein professioneller Taucher namens Jack in einem kleinen nordamerikanischen Fischerdorf an der fiktiven Tigg’s Bay mit Dämonen seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Die kommen zur falschen Zeit, weil gerade besonders konzentrierte Arbeit nötig ist: Nicht nur ist die Tätigkeit als Unterwasserschweißer anspruchsvoll und gefährlich; Jacks Frau erwartet zudem Nachwuchs, und auch diese absehbare Änderung der Lebensumstände trägt nicht zur Beruhigung des Tauchers bei. Sind doch die Schatten der Vergangenheit eng verbunden mit dem eigenen Vater, und nun wird es selbst bald ein Kind haben.

Mehr zu erzählen würde den Reiz der Geschichte zerstören, die bewusst mit dem Übersinnlichen spielt, sanfte Horrorelemente und am besten wohl als Psychothriller charakterisiert wäre, wenn Lemires Stil nicht etwas zu harmlos dafür wäre, ohne jene Exzentriken, die Ted McKeevers Zeichnungen abgründig machten. Aber dafür versteht sich Lemire auf Spannungsaufbau und höchst abwechslungsreiche Seitenarchitektur. Und wie er die Unterwasserszenen und vor allem dabei die zwischen Rausch und Panik angelegten Visionen Jacks anlegt, das ist eindrucksvoll.

Der Stoff ist bereits für eine Kinoadaption verkauft worden, allerdings haben die Dreharbeiten noch nicht begonnen; man darf gespannt sein, ob die subtile Graphik als Vorlage für eine Realverfilmung taugt. Wenn sie aber in ein paar Jahren kommen sollte, dann hat Hinstorff womöglich einen vielversprechenden Schläfer im Programm. Wer zur Avantgarde zählen will, lese aber besser jetzt. Fünf Jahre Verspätung gegenüber der englischen Fassung sind ja genug.

21. Nov. 2017
von Andreas Platthaus

2
1206

     

13. Nov. 2017
von Andreas Platthaus

0
1067
     

Der Krimi zweier Legenden

Zunächst einmal das: Zeigen kann ich hier nur eine Seite aus dem Comic (http://kultur-online.net/files/exhibition/04_3747.jpg). Denn die Berliner Akademie der Künste als Auftraggeber und Steffen Thiemann als Zeichner (oder besser Holzschneider) dieses Comics haben selbst keine Bilder daraus ins Netz gestellt. Und die beiden Szenaristen konnten es nicht tun; sie sind schon lange tot. Trotzdem ist es interessant, im Netz nach „Mord im Fahrstuhlschacht“ zu suchen, denn dabei stößt man vor allem auf ein Verbrechen, das 2016 in Leipzig vor Gericht verhandelt wurde. Es gibt nichts Neues unter der Sonne, oder anders gesagt: Brecht und Benjamin waren einmal mehr ihrer Zeit voraus, 83 Jahre diesmal.

Ihr „Mord im Fahrstuhlschacht“ stammt von 1933, als beide sich im Pariser Exil trafen und eine gemeinsame Leidenschaft fruchtbar machten: die für Kriminalromane. Allerdings ging das Projekt nicht über fünf mit „Tatsachenreihe“ betitelte Brechtsche Typoskriptseiten hinaus (die, wie bei ihm üblich, eine seiner Geliebten schrieb, weshalb man Margarete Steffin wohl als dritte Autorin bei „Mord im Fahrstuhlschacht“ nennen sollte) beziehungsweise über eine handschriftliche Szenenfolge, die Benjamin notiere und in einem Briefumschlag mit der Aufschrift „Kriminalroman“ hinterließ, in dem sich noch ein paar Bemerkungen dazu fanden. Die beiden Entwürfe  wurden unabhängig voneinander 1989 in den jeweiligen Werksuasgaben publiziert. Dass sie etwas miteinander zu tun hatten, merkte erst mein hochgeschätzter Kollege Lorenz Jäger, der diese Entdeckung 1993 im „Brecht-Jahrbuch“ vorstellte und ihm den Titel gab, der nun auch auf dem Comic steht: eben „Mord im Fahrstuhlfach“. Also gibt es – Ehre, wem Ehre gebührt – mit ihm auch noch einen vierten Verfasser.

Aber nun endlich zur Sache selbst, Thiemanns Comic. Angefertigt wurde er anlässlich des aktuell in der Akademie laufenden Aussstellung „Benjamin und Brecht – Denken in Extremen“, und es gibt ihn in zwei Versionen: einmal im sehr schönen bei Suhrkamp erschienenen Katalog und dann als Separatpublikation der Akademie. Ich empfehle Letztere, nicht nur, weil sie mit 7,50 Euro deutlich billiger ist, sondern vor allem, weil sie mehr als doppelt so groß ist, und das bekommt den Holzschnitten von Thiemann exzellent. Dazu gibt es im reinen Comic noch ein Nachwort des Literaturwissenschaftlers Erdmut Wizisla, das genaue Auskunft über die Geschichte der seltsamen Geschichte gibt. Und ein alternatives Titelblatt, das wesentlich dramatischer ist als das im Katalog, das allerdings wiederum im Heft fehlt. Also sollten Liebhaber kurzerhand beide Publikationen kaufen.

25 Seiten umfasst der Comic, nicht schlecht für das denkbar spärliche Ausgangsmaterial. Zumal sich Thiemann sklavisch an Brechts Text hält und ihn  Wort für Wort in Holz geschnitten hat. Da die getippte Projektskizze keine Dialoge hält, sondern nur die Handlung beschreibt, gibt es auch im Comic kaum wörtliche Rede, obwohl die ersten Sätze als Sprechblasen angelegt sind, die Brecht seiner Geliebten Steffin beim Rasieren diktiert. Und auch Benjamin kommt zu Wort und Bild: mit „Fußnoten“, die seine hinterlassenen Bemerkungen zum Gemeinschaftsprojekt wiedergeben – eine wunderbare Lösung, die so erstmals beide Überlieferungen literarisch zusammenführt.

Thiemann, Jahrgang 1966, versteht sich als Theater- und Hörspielautor aufs Montieren von Szenen und Texten. Aber er ist auch ein guter Holzschneider, der sich hier biographisch passend auf den expressionistischen Stil der zwanziger Jahre bezieht, auf Masereel, Kirchner, Heckel, auch Grosz. Es gibt wohl kaum eine andere Ästhetik, sie sosehr Berlin in seiner (kulturell) goldenen Phase heraufbeschwört, und so muss man gar keinen weiteren Gedanken daran verschwenden, wo „Mord im Fahrstuhlschacht“ spielt – obwohl der Handlungsort mit „M…“ bezeichnet wird.

Erzählt wird die Geschichte von Karl Seifert, der angeblich als Handlungsreisender unterwegs ist, aber tatsächlich Aktiengesellschaften erpresst, indem er ein häufiges Versäumnis bei deren Publizitätspflichten ausnutzt. Es ist bemerkenswert, wie Brecht und Benjamin hier ein reales Phänomen zur Grundlage einer Geschäftsidee ihres erpresserischen Protagonisten machen, die erst einmal gar nichts Kriminelles hat. Seifert nutzt gnadenlos die rechtslage aus: Sein Drohpotential ist eine Anzeige, die eine empfindliche Geldstrafe nach sich zöge. Ihn auszuzahlen, kommt billiger.

Auf diese Tricks wird mehr zeit verwandt als auf den titelgebenden Mord im Fahrstuhlschacht (der aber ja eh nicht Brechts und Benjamins Titel war). Der ereignet sich als eine höhere Gerechtigkeit, und es ist einigermaßen kompliziert, wie es dazu kommt. Denn man merkt auch Brecht den Theaterkenner (und polygamen Liebhaber) an, der ein munteres Wechsel- und Verwechselspiel zwischen Ehefrau und Liebschaften von Herrn Seifert in Gang setzt, die ein böses Ende nehmen. Ein Whodunnit ist diese Geschichte nicht, eher ein Moralstück. Es hätte aber ohnehin nur Auftakt sein sollen für eine Serie (deshalb der Typoskripttitel „Tatsachenreihe“) um eine stehende Figur, den pensionierten Richter Lexer (nomen est omen), der jedoch hier erst am Rande auftritt – und hätte Benjamin nicht zwei seiner „Fußnoten“ zu ihm hinterlassen, würde man Lexers detektivischen Blick gar nicht bemerken.

Thiemann hat erkennbar Spaß an seiner Adaption, sie quillt über von kleinen Details, und Brecht und Benjamin selbst sind wichtige Zaungäste des Geschehens. So wird die gemeinsame Arbeit an „Mord im Fahrstuhlschacht“ gespiegelt im Comic, der darüber hinaus kluge Bildübergänge und -allegorien zu bieten hat. Für 25 Seiten ist das eine beeindruckende Ausbeute. Nur, dass die Klimax vier ganzseitige Bilder gewidmet bekommt, ist ein wenig übertrieben, so schön jedes einzelne davon geraten ist. Aber „Mord im Fahrstuhlschacht“ ist eine echte Entdeckung, und das also schon zum zweiten Mal.

13. Nov. 2017
von Andreas Platthaus

0
1067

     

07. Nov. 2017
von Andreas Platthaus

1
1444
     

Bunt getrieben erzählt besser

Manchmal genügt ein Blick im Buchladen, und man hat einen neuen Lieblingszeichner. So geschehen vergangene Woche im Pariser Comic-Dorado „Super Héros“, das ungeachtet seines Namens kaum Superhelden, aber umso mehr Autorencomics anbietet. Darunter drei eines Franzosen namens Victor Hussenot, von denen jeder auf Anhieb verrät, dass hier ein höchst intelligenter Autor am Werk ist. Nur erlaubte die aktuelle Gepäcklage nicht den Erwerb aller drei Comics, also wählte ich den leichtesten: „Les Gris colorés“ (Die farbigen Grauen), erschienen beim Brüsseler Kleinverlag La 5e Couche (der offenbar so klein ist, dass er keien Leseprobe aus „Le Gris colorés“ anbietet, aber auf https://www.du9.org/entretien/victor-hussenot/ kann man einige Seiten finden, wenn man ganz nach unten scrollt).

Um den Titel zu finden, muss man das kleine broschierte Buch aufschlagen, denn auf dem Umschlag steht kein Wort, nicht einmal der Name des Autors. Das ist Programm, denn Hussenot erzählt hier stumm, ohne jeden Dialog, obwohl es zahllose Sprechblasen gibt. Aber die sind alle leer (mit Ausnahme von gelegentlichen Symbolen wie etwa Dollar- oder Fragezeichen), erzählen jedoch trotzdem viel, denn sie sind jeweils farbig gehalten: rot, wenn es heiß hergeht, grün, wenn hoffnungsfrohe Stimmung herrscht, blau bei harmonischer Atmosphäre und so weiter. Und natürlich gibt es dem Titel gemäß auch graue Sprechblasen: Das signalisiert Traurigkeit oder Langeweile.

Der Clou an den „Gris colorés“ ist aber, dass diese Farbzuordnungen auch auf die Figuren ausgedehnt werden. Die meisten der kurzen Episoden beginnen mit grauen Personen, und je nach Erlebnis oder eben auch Gespräch werden sie von der Stimmung oder den anderen Akteuren angesteckt und umgefärbt. Natürlich gibt es dabei auch diverse Handlungsverläufe, die am Schluss wieder in die graue Ausgangsstimmung zurückführen; das kennt man ja von Sempé, der erkennbar eines der großen Vorbilder Hussenots bei diesem Band war. Die anderen beiden Bücher sehen übrigens ganz anders aus, haben völlig andere graphische und erzählerische Charakteristika. Dieser Mann ist erkennbar einer der originellsten Denker, den der europäische Comic derzeit zu bieten hat.

Trotzdem kannte ich ihn nicht, aber besser spät als nie. „Les Gris colorés“ ist 2016 gedruckt worden, als leicht erweiterte Neuausgabe der beim selben Verlag erschienenen Originals von 2014. Die beiden anderen Bücher bei Super Héros sind vor einem und in diesem Jahr erschienen; produktiv ist Hussenot also auch noch. Dass er die Piktogrammatik des Comics beherrscht, beweist aber auch der kleine Band: Wie da mit den Farben gespielt wird, Menschen zum Beispiel nur halbrot werden oder die grauen Körper ihre kolorierten Sprechblasen Lügen strafen, das ist ebenso klug wie witzig. Alles ist rasch mit Wasserfarben angelegt, auf den ersten Blick kaum mehr als Strichmännchen, doch die simple Physiognomie ist genau durchdacht und durchaus individuell. Das Ganze liest sich äußerst schnell, denn Stimmungen vermitteln sich rascher als Worte, aber wer glaubte, nach einmaliger Lektüre schon alles erfasst zu haben, was da auf 75 Seiten so bunt getrieben wird, der dürfte beim zweiten Durchgang eine angenehme Überraschung erleben. Wie ich hoffentlich noch ein paar Mal mit den Comics von Victor Hussenot.

07. Nov. 2017
von Andreas Platthaus

1
1444

     

01. Nov. 2017
von Andreas Platthaus
Kommentare deaktiviert für Grenzenlose Freiheit birgt Risiken

0
1969
     

Grenzenlose Freiheit birgt Risiken

Vor drei Jahren erschien der Comic „Ein Sommer am See“, die hinreißende Adoleszenzgeschichte eines Mädchens, gezeichnet von der Kanadierin Jillian Tamaki und geschrieben von ihrer Cousine Mariko Tamaki. Es war schon die zweite Zusammenarbeit der beiden jungen Frauen (die erste, „Skim“ von 2008, hatte ein ähnliches Thema, aber nicht so großen Erfolg), doch als Mariko Tamaki im vergangenen Jahr bekanntgab, dass sie nun als Szenaristin ins Superheldengenre wechseln würde – passenderweise für allerdings jeweils noch ausstehende Serien um Superheldinnen, nämlich „She-Hulk“ und „Supergirl“ –, da war klar, dass „Ein Sommer am See“ wohl auf absehbare Zeit die letzte Kooperation der Tamakis bleiben würde. Denn Jillian zieht es nicht ins kommerzielle Comicgewerbe; sie ist vielmehr als Illustratorin vielbeschäftigt und das bei solch illustren Kunden wie dem „New Yorker“ oder der „New York Times“. Schon ihr Debütbuch „Gilded Lilies“, das sie 2006 als Mittzwanzigerin herausbrachte, hatte Comics und Illustrationen kombiniert.

Nach „Der Sommer am See“ hat auch Jillian Tamaki noch keinen neuen größeren Comic publiziert, der 2015 beim renommierten kanadischen Verlag Drawn & Quarterly erschienene „SuperMutant Magic Academy“ war vorher als Online-Fortsetzungsgeschichte entstanden. Deshalb ist „Boundless“ nun die erste Neupublikation (wieder bei Drawn & Quartely), wobei es sich dabei um eine Sammlung von Kurzgeschichten handelt, die aber überwiegend für den Band gezeichnet wurden. Er ist sofort auch ins Deutsche übersetzt worden und kommt wieder bei Reprodukt heraus, unter dem Titel „Grenzenlos“. Das wird der Vielfalt der von Tamaki verwendeten Erzähl- und Graphikstile gerecht (Leseprobe unter http://www.reprodukt.com/produkt/comics/grenzenlos/).

Wobei das Covermotiv dem Titel zu widersprechen scheint: Eine junge Frau bindet sich darauf die Haare zum Pferdeschwanz. Doch schon die erste Geschichte, „Die Weltstadt“, ist ein Bekenntnis zur Unkonventionalität und Multikultur. Ersteres auch formal, weil man das Buch zur Lektüre um neunzig Grad drehen muss, um einer sich vertikal entwickelnden Handlung zu folgen, die auch die Seitengrenzen dadurch aufhebt, dass die Bilder einfach auf der nächsten Seite fortgezeichnet werden. Hier wäre ein Leporello die ideale Form gewesen – ein Erzählformat, das derzeit beliebt sit (seit die Druckkosten für solche Sonderwünsche gesunken sind); zuletzt hat etwa der Franzose Philippe Dupuis seine unglaublich witzige „Histoire de l’art“ so gestaltet: als Fließbildgeschichte. Schade, dass im Falle von Tamakis Buch, das diesen Kunstgriff in der abschließenden Titelgeschichte noch einmal aufnimmt, dafür keine finanziellen Mittel da waren.

In den sieben Kurzgeschichten dazwischen erweist sich vor allem ein Vorbild als entscheidend: David Mazzucchelli, der vor einem Vierteljahrhundert in den drei Ausgaben seiner Serie „Rubber Blankets“ schon genau denselben eklektizistischen Stil- und Erzählmix vorgeführt hat wie nun Jillian Tamaki. Und das ist auch das große Problem von „Grenzenlos“: Bis auf die beiden vertikalen Geschichten wirkt alles ästhetisch wie aus zweiter Hand. Nähme man noch die schwarzweißen Comics von Lorenzo Mattotti dazu, dann hätte man mit ihm und Mazzucchelli alle Mittel abgedeckt, über die Tamaki verfügt. Die Vielfalt wird jedoch bei ihr ganz anders als bei Mazzucchelli scheinbar zur Ratlosigkeit über den jeweils zu wählenden Strich, weil es keine inhaltliche Notwendigkeit für die individuellen Stile gibt. „Grenzenlos“ wirbt graphisch wie ein Bewerbungsportfolio.

Erzählerisch gibt es mehr Verbindungen, auch untergründige wie den fiktiven Kult-Trashfilm „Body Pods“, die aus der Handvoll Geschichten doch etwas Größeres machen: ein Psychogramm weiblicher Selbstfindung, verkörpert durch neun individuelle Protagonistinnen, meist in Ich-Perspektive geschrieben. Dass dabei Identität, Gender, Kultur und natürlich auch Sex zu wichtigen Prüfsteinen auf dem Weg zum jeweiligen Ich werden, das dann wieder aufgeht in die eingangs beschworene metropolitane Vielfalt, für die der Band steht, ist geschickt konstruiert, aber es kaschiert schwächere Episoden wie die Soziale-Medien-Allegorie „1. Jenny“ oder die arg epigonal im Ton von „Ein Sommer am See“ gehaltene Erzählung „Sexcoven“. Dass Jillian Tamaki auf eine Reigen-Struktur, die unmittelbare Verbindungen zwischen den Teilen geschaffen hätte, verzichtet hat, erweist sich als Manko, weil man immer wieder versucht ist, die Erzählungen autonom zu lesen, und dabei bestehen die wenigsten.

Zumal die erste und die letzte als formal Gewagteste mehr Proklamationscharakter haben, als dass sie Erzählungen wären – ungeachtet eines veritablen Knalleffekts zum Abschluss. Dazwischen kann man sich dann am ständiger Seitenarchitekturvariation erfreuen (oder manchmal auch verärgern, weil auch hier die Lust an der Freiheit die an der erzählerischen Notwendigkeit verdrängt) und die erfreulich lapidaren Dialoge lesen, deren Ton Sven Scheer als Übersetzer gut getroffen hat. Gut so auch aus dem Grind, weil es ja durchaus keine Selbstverständlichkeit ist, dass Verlage ihre fremdsprachigen Autorinnen von Männern übertragen lassen, während das umgekehrte Verhältnisse eher schon normal genannt werden darf.

01. Nov. 2017
von Andreas Platthaus
Kommentare deaktiviert für Grenzenlose Freiheit birgt Risiken

0
1969

     

23. Okt. 2017
von Andreas Platthaus
2 Lesermeinungen

0
2223
     

Donald Trump im Stil von Robert Crumb

Bisweilen treffen Comics in meinem Büro ein, die auf den ersten Blick etwas Besonderes sind. So auch jetzt „Early Retirement“ von Mark Thomas Gibson. Es ist ein großformatiger Band, fast im Ausmaß von Art Spiegelmans legendärer Anthologienserie „Raw“ (oder, wenn es deutsch sein soll, die eindrucksvollen Künstlerbücher des Leipziger Lubok-Verlags), und auch die Schwarzweiß-Ästhetik der Zeichnungen erinnert an diese Projekte, mit dem der Underground sich auf die Höhen der Kunst geschwungen hat. Nur dass Spiegelman in den achtziger Jahren niemals an einen Umfang von 328 Seiten in einem einzigen dicken Band gedacht hätte – den hat ja nicht einmal sein auf zwei Bände verteilter Comic „Maus“ als Komplettausgabe. Und an einen Verkaufspreis von sechzig Euro für ein Buch hätte er wohl auch nicht geglaubt. Wobei das längst keine Ausnahme bei aufwendigen Produktionen mehr ist. Die Lubok-Hefte kosten pro Stück immerhin fünfzig. Und sind es allemal wert.

Gibson, geboren 1980 in Miami und Inhaber eines Lehrstuhls für Zeichnung an der Yale School of Art in New Haven, hat einen ungewöhnlichen Stil für seinen Comic gewählt: Er pfeift auf Einzelseitenarchitektur und legt seine Zeichnungen mit Ausnahme eines Personenverzeichnisses gleich zu Beginn jeweils ganzseitig an, manchmal allerdings auch doppelseitig, und einige Bilder sind so unmittelbar auf die gegenüberliegende Seite bezogen, dass doch wieder das comicspezifische Element des Bildarrangements zu finden ist. Der Effekt beim Lesen ist erstaunlich: Die Größe der Zeichnungen macht jedes Umblättern zum Erlebnis, und da es wenig Text in „Early Retirement“ gibt, wirkt nahezu allein die graphische Kraft der Tuschezeichnungen. Die Hauptfiguren sind in der Tradition von Robert Crumbs „Fritz the Cat“ als anthropomorphe Tiere dargestellt, aber die Nebenfiguren wiederum sind alle menschlich. Und manchmal unmenschlich – charakterlich.

Das ist Programm, denn „Early Retirement“ ist Wilsons Reaktion auf die Präsidentschaft Doanld Trumps. Da sie erst neun Monate währt, kann man sich vorstellen, in was für einem Tempo du mit was für einer Wut im Bauch hier gezeichnet worden ist. Gibson ist als Kurator und Mitwirkender bei afroamerikanischen Kunstprojekten aktiv, unterstützt die Kampagne „Black lifes matter“, und in Trump sieht er das verkörperte Böse. Der Präsident tritt denn auch auf dem Höhepunkt der Geschichte als blondiertes Schwein auf, das mittels einer Sänfte durch die Stadt getragen wird – besser hätte Crumb das auch nicht darstellen können.

„Early Retirement“ knüpft an einen 2016 entstandene Vorläufergeschichte an: „Some Monsters Loom Large“, und das es keine Leseprobe des aktuellen Bandes gibt, sei auf ein Interview der „Huffington Post“ mit Gibson verwiesen, in dem man sich ansehen kann, wie er zeichnet (https://www.huffingtonpost.com/ridley-howard/some-monsters-loom-large-_b_9706150.html). Auch über die Entstehung der neuen Erzählung gibt es einen amerikanischen Bericht, der aber nur wenige Bilder bietet (http://brooklynrail.org/2017/10/artseen/MARK-THOMAS-GIBSON-Early-Retirement). Aus der früheren Geschichte werden vor allem zwei Figuren wiederbelebt: Mr. Wolfson und einen Engel-Trommler, der die Apokalypse verkündet, die nun aber, aus dem Vorruhestand reaktiviert, zur Rettung vor Trump wird. Das ist eine wunderbar zynische Sicht auf den Zustand Amerikas.

Verlegt wird „Early Retirement“ – auch das ist wohl bezeichnend – bei der in Zürich beheimateten Edition Patrick Frey, einem auf Kunst- du Künstlerbücher spezialisierten Verlag. In einem handgeschriebenen Vorwort erläutert Gibson seine Motivation, aber die Lektüre braucht es ebenso wenig wie die Kenntnis des Vorgängerbandes. Denn Gibson erzählt so bildassoziativ, dass man selbst in den surrealistischen Passagen immer das grundlegende Anliegen des Zeichners spürt: seinen Zorn auf die eigene Gesellschaft und den Aufruf zum Widerstand. Es ist ein kämpferisches Buch und zugleich eine graphische Tour de force, ein Elementarereignis, das man wohl als eine der wenigen positiven Folgen der Trumpschen Präsidentschaft verbuchen darf.

23. Okt. 2017
von Andreas Platthaus
2 Lesermeinungen

0
2223

     

16. Okt. 2017
von Andreas Platthaus

1
1920
     

Fotorealismus auf zweierlei Weise

Schauen Sie sich zuerst einmal die vom Verlag angebotene Leseprobe an, die sich unter http://www.avant-verlag.de/comic/der_riss findet. Was sehen Sie da? Nach einem fotorealistischen Cover geht es genauso weiter: mit zwei ganzseitigen historischen Fotos, die allerdings graphisch überarbeitet wurden: koloriert, leicht weichgezeichnet, im Ganzen einer Zeichnung nähergebracht. Und um Textkästen ergänzt. So sehen dann auch die Folgeseiten aus, die nun allerdings ein typisches Comic-Arrangement aus jeweils mehreren Bildern aufweisen, aber weiterhin erkennbar auf Fotovorlagen beruhen. Dennoch handelt es sich bei dieser Geschichte nicht um das, was in Spanien „fotonovela“ heißt, also eine Bildergeschichte aus lauter mit Texten versehenen Fotografien. Hier wurde vielmehr eine Zwischenlösung angestrebt. Das ist das formal Besondere an Carlos Spottornos und Guillermo Abrils Comic „Der Riss“.

Comic und besonders deshalb, weil Spottorno aus mehr als 25.000 Fotos, die er im Laufe der gemeinsamen Reise gemacht hat, comicartige Bildsequenzen montiert und die Aufnahmen am Computer so bearbeitet hat, dass sie den bereits erwähnten graphischen Charakter bekommen. Dabei wurden die Motive nicht manipuliert, nur moderat korrigiert – die Korrekturen beschränken sich neben Kolorierung und Weichzeichnung auf Begradigungen von Motiven oder eine mehrfach simulierte Fernglasperspektive. Alles, was gezeigt wird, hat sich so ereignet wie gezeigt. Wenn auch, wie Abril einräumt, nicht notwendig in der exakten Reihenfolge des Buchs. Da wurde auf die Erwartungen an eine stringente Geschichte Rücksicht genommen.

Es gibt aber auch inhaltlich Besonderes an „Der Riss“. Das Buch ist ein Reportagecomic, oder genauer: ein Reportagecomicsammelband. Denn es umfasst insgesamt sieben Reiseberichte, die der Fotograf Spottorno und sein spanischer Landsmann, der schreibende Journalist Abril, im Auftrag der Wochenzeitschrift „El País Semanal“ seit 2013 drei Jahre lang quer durch die Europäische Union getätigt haben – und über die EU hinaus, zum Beispiel nach Tunesien, in die Türkei oder die Ukraine. Ihr anfängliches Thema: die Flüchtlingskrise, 2013 noch lange nicht auf dem Höhepunkt, aber durch etliche Schiffskatastrophen im Mittelmeer schon präsent. Im Zentrum des Buchs steht deshalb auch eine im März 2014 entstandene Reportage von Bord eines italienischen Rettungsschiffs der EU-Grenzschutzmission Frontex. Bei dieser und den anderen von Spottorno fotografisch festgehaltenen Konfrontation der Kulturen und des differierenden Wohlstands an den Außengrenzen der EU fiel beiden Berichterstattern auf, dass sich dabei ein Riss in ihrem Zivilisationsverständnis auftat, der auf den Fotos sichtbar gemacht wurde durch Zäune, Sicherheitszonen, einander gegenüberstehenden Menschenmengen oder auch Meeresströmungen und Bergketten. Dieser Riss gab dem Buch, in dem die Reportagen versammelt wurden, seinen Titel.

Aber er will noch mehr symbolisieren. Abril schreibt unter dem Eindruck der Pariser Attentate vom November 2015 und eines Besuchs im Baltikum an der russischen Grenze: „Bei unserer Reise entlang der Außengrenze – des großen Risses – haben wir Dutzende kleinere Risse im europäischen Boden gesehen. (…) ‚Alle sind miteinander verbunden’, sagte Carlos kurz vor dem Attentat. ‚Hält man sie nicht auf, kollabiert die Struktur.’“ Hier zeigt sich am im Deutschen etwas schiefen Bild die Herausforderung für den Übersetzer André Höchemer: Einen Riss kann man nicht aufhalten, man kann ihn nur schließen; aufhalten ließe sich das Aufreißen. „La grieta“, wie der Band im Original heißt, ist auch „die Spalte“, und hier ist das Aufhalten der Spaltung gemeint.

Gemeint ist damit sowohl die Diskrepanz zwischen dem europäischen Wohlstand und der Armut in den Ländern jenseits des Mittelmeers als auch das wachsende Misstrauen gegenüber Russland. Der zweite Teil des Buchs führt die beiden Reporter deshalb im Winter 2015/16 in den Nordosten der EU, nach Lettland, Estland und Finnland. Hier gibt es kein Flüchtlingsproblem (zumindest kein gravierendes), dafür aber ein politisches, das sich zu einem militärischen ausweiten könnte. Und dadurch würde die wohlige Ruhe, die Europa für Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten so attraktiv macht, gefährdet. Es könnte auch uns drohen, was die Menschen, die hierher fliehen, in ihren Heimatländern erleben mussten. Das ist die Warnung, die Spottorno und Abril in „Der Riss“ aussprechen.

Es ist ein Jahr nach der mit heißer Nadel gestrickten spanischen Originalausgabe nun auf Deutsch erschienen, beim immer auf ungewöhnliche Erzählformen neugierigen Avant Verlag. Letzte Woche hat zudem im Literaturhaus Stuttgart, wo Erwin Krottenthaler in den letzten Jahren dafür gesorgt hat, dass Comics zum festen Bestandteil des dortigen Programms geworden sind, eine große Ausstellung zu „Der Riss“ eröffnet, die danach auf Tournee gehen wird, auch außerhalb Deutschlands. Das Thema brennt ja nicht nur hier den Menschen auf den Nägeln. Man kann sich nur wünschen, dass dieser Comic und die Ausstellung ein großes Publikum finden werden. Dann wird der Horizont erweitert: über Europa hinaus, aber auch über die Klischees hinaus, was ein Comic sein und wie er aussehen soll.

Dasselbe gilt für Olivier Kuglers gleichzeitig bei der Edition Modern erschienenen Reportagecomicband „Dem Krieg entronnen“. Dieses Projekt habe ich vor drei Jahren über eine Ausstellung kennengelernt, die beim Comicfestival Fumetto in Luzern gezeigt wurde: eine gezeichnete Reportage über das Flüchtlingslager in Domiz im kurdischen Teil des Nord-Iraks. Auf den ersten Blick – die Leseprobe des Verlags enthält nur eine, dafür allerdings sehr textintensive Seite: https://www.editionmoderne.ch/de/82/leseprobe/312/dem-krieg-entronnen.html; mehr und typischere Beispiele sind auf Kuglers eigener Homepage zu finden: http://www.olivierkugler.com/syrian_refugees_on_kos_island/4_omar.html) – kann man sich kaum einen größeren Unterschied zu „Der Riss“ vorstellen. Hier ist alles sichtbar Handwerk, also Zeichnung. Der Witz dabei ist allerdings, dass auch Kugler seine Reportagen mittels Fotos erstellt, die er während seinen Reisen und Gespräche aufnimmt, diese dann aber später im Atelier nachzeichnet und die eingescannten Zeichnungen teilweise digital übereinanderlegt, als wären alle diese Bilder als rasche Skizzen, für die kaum genug Platz auf dem Blatt gewesen ist, am Ort der Ereignisse selbst entstanden. Die zur Bewahrung des Skizzencharkters nur selektiv eingesetzten Farben stammen aus dem Computer, sind also nicht aquarelliert, und überhaupt ist der von Kugler erzielte Gesamteindruck des Handwerklichen ein Produkt größter computertechnischer Sorgfalt. Über das Verfahren hat Kugler in einem großen Porträt in der englischen Grafikdesig-Zeitschrift „Eye“ (No. 93, Vol 24, 2017) Auskunft gegeben.

Selbst die scheinbar chaotisch, weil so spontan über die Seiten gestreuten Texte sind Resultat genauester Überlegung und auch nicht handgelettert, sondern mit einem eigens für Kugler erstellten Font gesetzt. Das erleichtert die Ersetzung der Texte durch Übersetzungen.

Und das ist wichtig, denn Kugler ist zwar Deutscher, arbeitet aber in England, und zwar für dortige, hiesige und auch französische Zeitschriften, also in drei Sprachen. Sein Flüchtlingsprojekt entstand in enger Kooperation mit der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“, die Kugler Ende 2013 einen Besuch in einem kurdischen Flüchtlingscamp im Nord-Irak ermöglichte. Später recherchierte Kugler dann auf der griechischen Insel Kos, im sogenannten „Dschungel“, dem verrufenen Migrantencamp bei der französischen Hafenstadt von Calais, und in Birmingham, wo der Zeichner eine syrische Familie traf, denen die Flucht durch ganz Europa bis nach Großbritannien geglückt ist. Den Abschluss bietet ein Besuch am Jahresende 2016 in Kuglers Schwarzwälder Heimatdorf, wo auch syrische Flüchtlinge untergekommen sind.

Also nahezu derselbe Entstehungszeitraum wie bei Spottorno und Abril, dieselbe Episodenstruktur, dieselbe zentrale Rolle der Fotografie als Bildquelle und vor allem natürlich dasselbe Generalthema. Wobei Kugler sich für den Blick von außen auf Europa interessiert und deshalb vor allem Gespräche mit Flüchtlingen führt, während in „Der Riss“ der Blick von Innen auf die Flucht erfolgt – weshalb die beiden Spanier mehr auf Interviews mit Grenzschutzbeamten oder Soldaten aus der EU setzen als mit Flüchtlingen. Beiden Comics gemeinsam ist aber ein fast verzweifelter Grundton angesichts der humanitären Lage in den Lagern und auf den Fluchtstrecken. Und beide kaschieren diese Verzweiflung hinter ästhetisch ausgefuchsten Konzepten, so dass der Reiz der Graphik die Beschäftigung mit dem ebenso heiklen wie deprimierenden Thema erleichtert.

Mit diesen beiden Comics etablieren sich die Autoren als wichtige Protagonisten des internationalen Reportagecomics, auf demselben Niveau wie der Amerikaner Joe Sacco, der Kandier Guy Delisle und der Franzose Emmanuel Guibert. Letzterer hat in „Der Fotograf“ als Erster den Reiz der Kombination von Fotografie und Comic für sein Genre sichtbar gemacht. Von Sacco wiederum weiß man, dass er Fotos als Gedächtnisstützen benutzt – jedoch nicht als unmittelbare Vorlagen. Delisle schließlich setzt auf seine Skizzen. Mit dem schon seit einigen Jahren aktiven Kugler und dem neu als Comic-Erzähler auftretenden Duo Sponotto/Abril kommt nun ein synthetisches Verfahren zum Zuge, das unsere Sehgewohnheiten verändert. Unsere Einstellung zur Gegenwart womöglich auch.

16. Okt. 2017
von Andreas Platthaus

1
1920