Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

07. Mrz. 2017
von Andreas Platthaus

1
638
     

Märchenhaft irritieren

Erster Eindruck: Mumins. Kein schlechter erster Eindruck, auch wenn Oyvind Torseter Norweger ist und Tove Jansson Finnin war (die Schwedisch schrieb, aber international verständlich zeichnete). Der 1972 geborene Torseter hat seinen namenlosen Prinz mit einem riesennasigen weißen Kopf ausgestattet, der ihn allemal zum Snork, Hemul oder eben Mumin qualifizieren würde. Und poetisch ist das Buch auch noch. Herausgebracht hat es auf Deutsch ein Bilderbuchverlag: Gerstenberg, aber das Werk ist eindeutig ein Comic (mehr als das Titelblatt kann man leider im Netz nicht sehen: https://www.gerstenberg-verlag.de/fileadmin/media/cover_lightbox/9783836959001.jpg). Sein Held ist ein Prinz, „Der siebente Bruder“ heißt es, und dieser siebente Bruder ist der Prinz.

Das erste Bild führt gleich mitten in die Geschichte: Der Titelheld reitet auf seinem treuen Schlachtross – eine wahre Schindmähre à la Rosinante – ins Abenteuer. Wer verstehen will, in welches, der muss aber erst einmal den einseitigen Text lesen, der noch vor dem ersten Bild steht. Er hebt mit „Es war einmal ein König an“ und erzählt dann den Auftakt der Geschichte, die natürlich – angesichts dieses Satzes zum Beginn – nichts anderes als ein Märchen ist. Ein böser Troll hat sechs Prinzenbrüder samt deren künftigen Angetrauten in Stein verwandelt, und der letzte noch unverhexte Bruder zieht gegen den Widerstand des verzweifelten Vaters los, um zu retten, was zu retten ist.

Danach kommt die eigentliche Bildergeschichte, rund hundert Seiten stark. Und extrem vielgestaltig. Denn was beginnt wie eine Mumin-Hommage, wandelt sich je nach auftretenden Figuren zu Horror- oder Kinderbuchästhetik. Torseter fügt die unterschiedlichsten Formen zusammen, demonstriert seine eklektische Arbeitsweise auch noch, indem er die Spuren des Collagierens stehenlässt, mal skizzenartig zeichnet, dann wieder höchst elaboriert, und dazu benutzt er auf den Einzelseiten eine extremeingeschränkte Farbpalette, die aber im Gesamtkontext des Buches einen ganzen Regenbogen ergibt.

Es gibt Seiten, die aus einem einzigen Bild bestehen oder sogar nur einen hingeschriebenen Aufschrei enthalten: „Wer hat Blumen um meine Türschwelle verstreut?“ Das ist der Aufschrei des Trolls, der in seinem Domizil hoch auf einem Berg eine noch unversteinerte Prinzessin gefangen hält, die für den heimlich eingetroffenen Prinzen in Erfahrung bringen will, wo der böse Hausherr sein Herz versteckt hat – das bewahrt er nämlich außerhalb des Körpers auf. Hier mischen sich die unterschiedlichsten Märcheneinflüsse: „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ diente als Inspiration, auch „Das kalte Herz“ und manches mehr, aber den klassischen Erzählton gibt es nur auf der bereits angesprochenen einleitenden Textseite, ansonsten ist alles Dialog, wie im Comic üblich.

Außer den drei wichtigsten Protagonisten – Prinz, Prinzessin, Troll – gibt es hinreißende Nebenfiguren, am schönsten ist ein Krake, der im Tiefgeschoss der Troll-Burg das Herz bewacht, sich aber mit einem Saxophon bestechen lässt und sofort über die Musik seine Pflicht vergisst. Torseter hat viele solcher aberwitzigen Einfälle, die Dinge zusammenführen, die weder in die Zeit noch zur Handlung zu passen scheinen. Doch gerade das macht den Charme seiner Geschichte aus: Er erzählt sie wie ein Kind, sprunghaft, simpel, aber mit derart vielen Assoziationen ohne Rücksicht auf Plausibilität, wie es eben kleine Kinder tun. Und was gäbe es Phantasiereicheres? Es ist einfach zauberhaft.

Wunderschön aufgemacht und gedruckt ist das Buch auch noch. Und Maike Döries hat als Übersetzerin eine Sprache gefunden, die der subtilen Naivität der Bilder gerecht wird. Weil beides natürlich nie naiv ist. Vielmehr gibt es viel zu entdecken, zu entschlüsseln und vor allem vorzuführen. Es dürfte eine Freude sein, „Der siebente Bruder“ vorzulesen.

Wobei der Troll schon eine furchterregende Gestalt ist. Doch es geht alles selbstverständlich gut aus, und das die sechs Brüder, die man am Ende endlich kennenlernt, überhaupt keine Familienähnlichkeit mit ihrem Retter haben, ist nur die letzte Konsequenz eines gegen alle Erwartungen anzeichnenden und anerzählenden Autors, dem ein kleines Meisterwerk geglückt ist. Das uns beglückt.

07. Mrz. 2017
von Andreas Platthaus

1
638

     

27. Feb. 2017
von Andreas Platthaus

1
964
     

Hinschauen als doppelte Notwendigkeit

Wenn zwei der besten deutschen Comiczeichner zusammenarbeiten, darf man das ungewöhnlich nennen. Hierzulande verdient man im Regelfall so wenig Geld mit Comics, dass die Autoren, wenn sie schon nicht davon leben können, wenigstens ihre eigenen Geschichten erzählen wollen. Daher die seltenen Kooperationen. Aber Isabel Kreitz und Stefan Dinter haben gemeinsam einen umfangreichen Webcomic geschrieben und gezeichnet: für das Hilfsprojekt „Frauen gegen Gewalt“, das unter der bundesweit einheitlichen Rufnummer 08000-116016 Beratung für Frauen bietet, die zu Hause physisch oder psychisch bedroht, geschlagen oder missbraucht werden. Nach Schätzungen hat ein Drittel der in Deutschland lebenden Frauen Gewalt bereits erdulden müssen. Damit es nicht noch mehr werden und den Opfern geholfen werden kann, bietet das Hilfsprojekt anonyme und vertrauliche Beratung an, auch über Mail- oder Chatkommunikation. Und das in siebzehn Sprachen.

Wozu braucht man dazu einen Comic? Prinzipiell gar nicht. Doch je mehr sich die Existenz von Hilfsangeboten und Zufluchtsmöglichkeiten herumspricht, desto besser. Und wenn nun einige Fans von Isabel Kreitz, die mit ihren Comic-Adaptionen von Erich-Kästner-Büchern Bestseller gelandet hat, im Ausland erfolgreich ist und beim Salon in Erlangen die höchste Auszeichnung für deutschsprachige Comicschaffende gewonnen hat, oder von Stefan Dinter, der zu den aktivsten und einflussreichsten Köpfen der deutschen Zeichnerszene gehört und einen exzellenten Ruf als Illustrator genießt, zur Lektüre der gemeinsam erarbeiteten Geschichte „Hinter Türen“ verlockt und damit auf die Seite http://www.hinter-tueren.de/ gelockt werden, auf der sich natürlich auch Informationen zu „Gewalt gegen Frauen“ finden, dann umso besser. Denn wie die beiden Künstler aus diesem Anlass sagen: Beim Comic kommt es auf dasselbe an wie bei häuslicher Gewalt – hingucken.

Das ist das Thema dieses Comics, der dezidiert darauf verzichtet, Gewaltszenen zu zeigen. Kreitz und Dinter erzählen auf mehr als vierzig Seiten in vier Kapiteln von der jungen Journalistin Anna Wegener, die in der fiktiven deutschen Kleinstadt Grevenack bei der lokalen Tageszeitung als Redakteurin anfängt und dort nicht nur mit einem patriarchalischen Chefredakteur konfrontiert wird, der sich gegenüber seine weibliche Kolleginnen so ziemlich alles herausnimmt, sondern auch mit einem Leserbrief, der das Blatt schon vor Monaten erreicht hatte, aber von ihrem Vorgänger nicht mehr beantwortet worden war. Darin schilderte eine ältere Frau, dass sie von ihrem Ehemann immer wieder geschlagen werde. Als Anna Wegener der Sache nachgeht, stellt sich heraus, dass die Frau vor wenigen Wochen zu Hause gestorben ist, worauf ihr Mann ins Pflegeheim kam. Über die Umstände des Todes gehen unter den Nachbarn Gerüchte um, aber offen sprechen will niemand über die Sache.

Anna Wegener wittert eine Geschichte, doch damit kommt sie in der Redaktion nicht gut an. Wohin diese desillusionierende Erfahrung führt, sei hier nicht gesagt, denn der Comic von Kreitz und Dinter arbeitet nicht nur hinsichtlich expliziter Gewalt mit Auslassungen, und ein Sopnanungselement kann man „Hinter Türen“ nicht absprechen.. Es handelt sich zudem, obwohl die Seitenarchitektur denkbar schlicht ist (jeweils drei Reihen à zwei Bilder), um einen raffiniert erzählten Comic. Angesichts der bewusst klischeehaft konzipierten Charakterzüge der Figuren sollte man das nicht denken, doch wenn im dritten Kapitel von „Hinter Türen“ die tote Frau in einer Traumsequenz auftritt (mit deutlich sichtbaren Gewaltspuren im Gesicht) und für das, was sie darin der träumenden Ana Wegener über ihre Ehe erzählt, Isabel Kreitz den Zeichenstift übernimmt, während der Rest des Comics von Stefan Dinter gestaltet wurde, dann ist das durchdacht bis ins letzte Detail. Und gleichzeitig dank der im Grundzug simplen Geschichte für ein denkbar großes Publikum verständlich – egal, wie gebildet oder comicaffin es sein mag.

Wie bei Dinter nicht anders zu erwarten, sind die Figuren in einem realistischen Stil gehalten, der sich amerikanischen Vorbildern wie Daniel Clowes oder den Hernandez-Brüdern verdankt, die damit auch schon Geschichten über sozial prekäre Figuren erzählt haben. Wenn Kreitz dann für die Rückblenden auf die Ehe der Gestorbenen übernimmt, wählt sie einen für sie typischen Strich, der noch einen Hauch von Skizze spüren lässt – womit der ohnehin doppelt unsichere Status dieser Sequenzen als imaginäre Szenen in einem Traum gerade gegenüber den klaren Linien von Dinter perfekt illustriert wird.

Neben den vier Kapiteln, die als einzigen Nachteil das ständige Neuanwählen für die nächste Seite haben, gibt es noch ein „Making of“, in dem Kreitz und Dinter ihre Motivation erläutern. Und es gibt einen technischen Effekt, der mich erst irritiert und dann erfreut hat: Die Sprechblasen sind beim Aufrufen der jeweiligen Einzelseiten nicht sofort in den Bildern sichtbar, sondern erscheinen erst dann, wenn man etwas herunterscrollt. So hat man erst einmal ein stummes Bild und kann sowohl die Graphik genießen als auch selbst überlegen, was sich jetzt wohl gleich verbal tun wird. Ein schönes Erlebnis. Und das bei einem denkbar hässlichen Thema.

27. Feb. 2017
von Andreas Platthaus

1
964

     

20. Feb. 2017
von Andreas Platthaus

0
1070
     

Borniert, aber berichten wollen

Vor sechs Jahren erschien „Israel verstehen – in sechzig Tagen oder weniger“ und machte Sarah Glidden berühmt. Die 1980 geborene Amerikanerin hatte an einer der vom israelischen Staat finanzierten Propagandareisen für junge jüdische Amerikaner teilgenommen und darüber einen so leisen, nachdenklichen, zugleich aber auch witzigen Comic angefertigt, dass zumindest ich darin eine neue Dimension der gezeichneten Reportage sah – nicht so besessen von politischer Mission und Kampf gegen Ungerechtigkeit wie Joe Sacco, auch nicht so graphisch einfallsreich, aber dadurch bisweilen verspielt wie die Reportagecomics der französischen Zeichnergruppe von „L’Association“ oder Art Spiegelmans. Auf Deutsch kam „Israel verstehen“ bei Panini heraus, einem weitgehend auf Superhelden spezialisierten Haus; die literarischen Comicverlage hatten den Band einfach verpasst.

Diese Scharte will der Reprodukt Verlag nun dadurch auswetzen, dass er das nächste Buch von Sarah Glidden an Land gezogen hat: „Im Schatten des Krieges“ (http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/im-schatten-des-krieges-reportagen-aus-syrien-irak-und-der-turkei/) heißt es und besteht laut Untertitel aus „Reportagen aus Syrien, dem Irak und der Türkei“. Das ist halbgeschwindelt, denn auf fast dreihundert Seiten wird nur eine einzige Reportage geboten, die allerdings tatsächlich in den genannten drei Ländern entstanden ist, jedoch auch Stationen in den Vereinigten Staaten umfasst und nicht, wie man meinen könnte, vom aktuellen Krieg im Nahen Osten erzählt, sondern darüber, wie man als Amerikaner über die dortigen Zustände berichten kann. Der Krieg, in dessen Schatten sich das alles abspielt, ist der zum Zeitpunkt des Besuchs von Sarah Glidden längst offiziell beendete („Mission accomplished!“) zweite Irak-Krieg. Aber Schatten warf er natürlich über sein Ende hinaus.

Die insgesamt zweimonatige Reise, die Glidden mit einer befreundeten Journalistentruppe aus Seattle in den Nahen Osten unternahm, fand 2010 statt, also noch vor Erschienen von „Israel verstehen“. Dass ein Reportagecomic mehrere Jahre Arbeit erfordert, wissen wir durch Joe Saccos Werk. Dass dies der Qualität und auch der Aktualität seines Inhalts keineswegs abträglich sein muss, auch. Aber dafür bedarf es eines Blicks im und als Comic, der etwas leistet, das Fernseh-, Rundfunk- oder Printreporter nicht liefern. Um es vorwegzunehmen: Über diesen Blick verfügt Sarah Glidden diesmal nicht.

Denn sie interessiert sich nicht vorrangig für das, was ihr in den fremden Ländern begegnet, sondern für das, was sie aus Amerika dorthin mitgebracht hat: ihre Kollegen. Es ist eine Reportage-Comicreportage, die von Finanzierung, Planung, Arbeitsbedingungen und Ergebnissen der Beteiligten erzählt. Das hat man alles noch nicht so gelesen. Aber angesichts dessen, worüber die Reporter berichten wollen, verblasst die Relevanz der Frage, wie und warum sie das tun wollen. Sie steht aber konsequent im Mittelpunkt des Geschehens. Und so werden einem die Beteiligten dieser Reise immer unsympathischer, und an ihre Neugier mag man kaum mehr glauben. Es ist Geltungsgier, die man hier ungeachtet aller anderslautenden Bemerkungen erkennt.

Die Vorstellungen dieser jungen Leute von Journalismus sind bizarr: Ihre Unabhängigkeit als Berichterstatter halten sie dann für gefährdet, wenn sie einem notleidenden Menschen, der ihnen begegnet, etwas Geld zustecken würden – nicht als Bezahlung für ein Statement wohlgemerkt, als Almosen. Abgesehen von der Kaltherzigkeit dieses Berufsverständnisses, ist es auch strohdumm in einer Region, in der das Almosengeben zum Alltag gehört und als Ausweis zivilisierten Verhaltens gilt. Die Borniertheit dieser angeblich so gut auf den Nahen Osten vorbereiteten Amerikaner ist geradezu erschreckend. Wenn sie sich dauernd Sorgen darüber machen, aus welchen unzuverlässigen Quellen sich ihre Landsleute über die arabische Welt informieren, dann sind meine Sorgen diesbezüglich nun noch größer, denn aus den zwei Monaten Aufenthalt sind immerhin vierzehn geschriebene Reportagen geworden. Und dann auch noch die gezeichnete von Sarah Glidden.

Publiziert wurden sie größtenteils auf einer Website, die ehemals „Common Language Project“ hieß, dann aber in „Seattle Globalist“ (http://www.seattleglobalist.com/) umbenannt wurde – man mochte schon gerne etwas Größeres sein, und es klingt natürlich auch viel besser. Dass aber dann diese Globalisierungsgewinner Sarah Glidden gebeten haben, auch im Comic, der ja zu einer Zeit spielt, wo die Website noch hieß wie ein linguistisches Forschungsvorhaben, schon den erst später entstandenen Namen zu verwenden, das wirft ein seltsames Licht auf die Integrität ihres Authentizitätsverständnisses. Die erhoffte Werbung durch den Comic ist wichtiger als die Wahrheit darin.

So ist „Im Schatten des Krieges“ eine echte Enttäuschung, obwohl man den Band durchaus mit Interesse liest. Denn es gibt auch Dan, einen früheren Mitbewohner der Wortführerin unter den erst vier-, dann fünf Reisenden, der nur deshalb mitfährt, weil er als amerikanischer Soldat im Irak-Krieg eingesetzt war. Von der Rückkehr dieses jungen Veteranen verspricht sich das „Common Language Project“ eine fulminante Story: über Dan, der von seinen Erinnerungen eingeholt wird, und über die Iraker, die auf einen Mann treffen, der ihr Land mit Krieg überzogen hat. Das geht schief, weil Dan überhaupt keine Belastung durch seine Erinnerungen verspürt, und es gar nicht tief genug in den Irak hinein geht, um auf Menschen zu treffen, die auf Amerikaner sauer wären. Im vor sieben Jahren noch einigermaßen sicheren Kurdengebiet im Norden des Landes wird Dan vielmehr erfreut als Befreier begrüßt.

Immer wieder versucht die Chefin der Gruppe, etwas Provozierendes aus Dan herauszukitzeln – manipulativer Journalismus der anderen Art. Hier wird nicht beobachtet, sondern inszeniert. Nun könnte man sagen, dass Sarah Glidden doch selbst wiederum eine wunderbare Beobachtung dieser obskuren Methoden geleistet hätte. Aber da es reflexive Passagen in diesem Comic gibt, die sich immer wieder um das Selbstverständnis des Journalismus drehen, hätte sie irgendwo ein Zeichen setzen müssen, dass sie die Problematik überhaupt erkennt. Es kommt nicht. Stattdessen gehen Sarah Glidden und die Wortführerin auf der Schlussseite in der amerikanischen Vorstadt spazieren, und kommen zu dem Schluss, dass es bei den Lesern liegen müsse, „wie sie diese Story nutzen, um sich die Welt zu erschließen“. Damit wird dann der letzte Rest an Verantwortungsgefühl abgestreift, solange man nur selbst glaubt, dass es besser sei, eine bestimmte Story in die Welt zu setzen, als es nicht zu tun. „Aber ich finde, Journalismus darf nicht zum Ziel haben, Änderungen zu bewirken“, wurde kurz zuvor noch gesagt. Was ist dann aber das Kriterium für „besser“? Die Journalisten bei Sarah Glidden schwafeln. Und leider lässt die Comicreporterin ihnen den Raum dafür. Panini hat gut daran getan, Reprodukt die Rechte an diesem zweiten Glidden-Comic zu überlassen. Oder Reprodukt hat schlecht daran getan, Panini oder wen auch sonst zu überbieten.

 

20. Feb. 2017
von Andreas Platthaus

0
1070

     

14. Feb. 2017
von Andreas Platthaus
Kommentare deaktiviert für Kein Weg führt hier Europäer und Afrikaner zusammen

0
1075
     

Kein Weg führt hier Europäer und Afrikaner zusammen

Der Weg ist lang, nicht nur für manche Protagonisten des Comics „Schläfer im Sand“, sondern auch für das Buch selbst. Ein Dutzend Jahre dauerte es, bis der Zeichner Andreas Hedrich und der Ethnologe Sebastian Pampuch diese Geschichte aus einer Idee gemacht haben, die Pampuch bereits 2004 gekommen war, als er bei einem Studienaufenthalt in Granada die dort schon damals sichtbaren Folgen der Flucht von Afrikanern über das Mittelmeer beobachtete. Heute ist das Wissen um die schlimmen Bedingungen der Überfahrten und der Arbeitsbedingungen für illegal nach Spanien gelangte Menschen Allgemeingut, aber damals kümmerte sich in Deutschland noch kaum jemand darum. Wenn man von problematischer Einwanderung sprach, dann erinnerte man sich bei uns an die erst kurz zurückliegenden Flüchtlingsströme während der Balkan-Kriege. Die afrikanischen oder arabischen Migrationsbewegungen hatten 2004 noch keine Ausmaße, die hier Beachtung gefunden hätten.

Mag sein, dass die seit einigen Jahren brennende Aktualität des Themas mit daran beteiligt war, dass Pampuch und Hedrich den Comic doch noch fertiggestellt haben. Jedenfalls erschien er im Frühjahr 2016 in einem Verlag, dessen Namen nicht unbedingt auf Programmschwerpunkte mit ernsten Inhalten schließen lässt: Mückenschwein, angesiedelt in Stralsund unter dem Motto „Der beste Verlag der Welt“. Doch was da an künstlerisch illustrierten Büchern erscheint, ist durchaus beachtlich, und dieses Profil, verbunden mit der Tatsache, dass Hedrich in Rostock lebt, also in relativer Nähe, mag eine Rolle gespielt dafür haben, dass „Schläfer im Sand“ dort erschienen ist.

Wie auch immer, für Comics ist Mückenschwein keine einschlägige Adresse, deshalb musste das Buch erst zu mir gelangen; selbständig hätte ich es nicht entdeckt. Das dauerte noch einmal fast ein Jahr, aber man kann ja nicht behaupten, dass sich die Aktualität des Themas wesentlich vermindert hätte. Im Gegenteil wurde der Januar 2017 erst kürzlich als bislang tödlichster Monat der Flüchtlingsbewegungen über das Mittelmeer bezeichnet. Und auch in „Schläfer im Sand“ liegt zu Begin die angeschwemmte Leiche eines Afrikaners an einem andalusischen Strand.

Damit ist eine der Bedeutungen des Titels klar: der Tote am Strand. Die zweite liegt in der Interpretation eines Schläfers als jemand, der irgendwann erwachen wird – in dem Sinne etwa, wie man von terroristischen Schläfern spricht. Diese sind nicht gemeint, aber all die potentiell aufbruchwilligen Menschen, die in den afrikanischen Staaten südlich der Sahara, die es dann zu durchqueren gilt (daher der Sand), im Elend leben, oder jedenfalls in einer Welt, die sie gerne für die Verheißung des reichen Europas verlassen würden.

Dementsprechend ist auch der Comic zweigeteilt: Das erste Drittel spielt in Spanien, der größere zweite Teil in Dakar, der Hauptstadt des Senegal. Einiges spricht dafür, dass wir es dabei auch mit zwei Schichten der Verfertigung dieses Comics zu tun haben, denn im ersten Teil wird gerne die übliche Seitenarchitektur aufgebrochen: durch runde Panels, durch Vignetten in den Ecken à la Druillet, durch frei ineinander verschwimmende Sequenzen. Das gibt es im strenger gehaltenen zweiten Teil fast gar nicht, nur in einer eine Unterwasserszene sind die Panellinien aufgelöst. Wobei auf die Senegal-Episode immer neue Bilderarrangements vornimmt, nur nie auf solch auffällige Art wie im andalusischen Drittel. Einen kleinen Eindruck gibt die Verlagsseite: http://www.mueckenschwein.de/buch/schlafer-im-sand_122.

Einen personellen Zusammenhang gibt es zwischen beiden Teilen nicht. Protagonisten im ersten sind ein junger deutscher Aussteiger und ein mexikanischer Auswanderer, die sich als Reinigungskräfte am spanischen Strand verdingen und frühmorgens dafür sorgen, dass die Touristen später keine verdreckten Sand vorfinden. Die Leiche des jungen Afrikaners wird gleich mit beseitigt – so etwas pflegt der abgebrühte Mexikaner auch der Müllverbrennung zu überlassen. Auf der Fahrt zum und vor Strand tauschen die beiden Männer ihre Ansichten aus, doch obwohl der Mexikaner sei Land aus denselben Gründen verlassen hat wie die afrikanischen Flüchtlinge, bleibt er unbewegt. Der Deutsche dagegen, der sich cool gibt, erweist sich eher als Hasenfuß, aber als er von seinem Partner Peyotl zu kosten bekommt, schnappt er sich im Drogenrausch den toten Mann und schifft sich auf einem Boot gen Afrika an, um die Leiche zu deren Ahnen zurückzubringen.

Möglichkeiten der Anknüpfung hätte es also einige gegeben, doch die Episode im Senegal setzt neu ein und führt beide Erzählstränge auch nie zusammen. Hier liegt der Fokus auf dem jungen Fischhändler Thenga, der von einem Leben träumt, in dem er nicht länger Handlanger seines Chefs ist und seine Geliebte heiraten kann. Dafür spart er, aber die Kleckerbeträge, die er sich mit allerlei Jobs dazuverdient, reichen nicht fürs Schleppergeld nach Europa. Am Schluss bricht er mit der Heimat und macht sich dennoch auf den Weg, doch die letzte Seite beschert ihm eine Begegnung, die in ein offenes Ende mündet. Das zumindest haben beide Geschichten gemeinsam.

.Die erste ist recht konventionell erzählt, gewinnt aber durch die Figur der desillusionierten Mexikaners Profil (dass mexikanische Flüchtlinge in diesem Jahr wieder topaktuell sein würden, konnten Hedrich und Pampuch nun wirklich nicht ahnen). Doch weitaus interessanter ist die Geschichte aus Dakar, die vor allem von viel eingeflossener Recherche zeugt, vor allem sprachlich, denn Pampuch lässt in seine Dialoge immer wieder ortsübliche Brocken einfließen, die beim ersten Mal übersetzt und dann ganz selbstverständlich weiter gebraucht werden. Hedrichs Zeichnungen lösen nicht ganz das ein, was der graphisch reizvolle Umschlag verspricht, doch durch geschickt gesetzte Zusatzfarbeneffekte werden einzelne Sequenzen aus dem Gesamtgefüge separiert, das dadurch wie eine Kurzgeschichtensammlung mit gleichbleibender Hauptfiguren wirkt. Das ist geschickt gemacht, und dass de im Original mehrfarbig aquarellierten Bilder hier druckbedingt verwischen und nur mit jeweils einer Zusatzfarbe geschmückt werden, ist zu verschmerzen. Denn immerhin sind einzelne Partien schwarz auf weiß gedruckt, andere dann aubergine oder blau auf weiß. So wirkt der Band bunter, als er gedruckt werden konnte, und zugleich bekommt er eine Anmutung, die ihn aus der Masse an Comics heraushebt.

Mathias Schultheiß ist das Vorbild für die Figurengestaltung, wie generell für den düster-realistischen Ton der Erzählung und die ihr doch auch innewohnende Romantik durch Liebesgeschichte und exotisches Setting.. Solche im besten Sinne traditionellen Comics werden nur noch selten verlegt. Wenn sie dann auch noch etwas über die Welt zu erzählen haben, das unseren Horizont nicht nur rein geographisch erweitert, dann ist das umso besser.

14. Feb. 2017
von Andreas Platthaus
Kommentare deaktiviert für Kein Weg führt hier Europäer und Afrikaner zusammen

0
1075

     

06. Feb. 2017
von Andreas Platthaus
1 Lesermeinung

2
922
     

In der Beschränkung liegt der Kunstgriff

In Zeiten, die jeden einigermaßen ambitionierten literarischen namhaften Verlag dazu zu verleiten scheinen, sich auch einmal an Comics zu versuchen – Rowohlt war vor Jahrzehnten Vorreiter mit Art Spiegelman und Ralf König, S. Fischer ist auch schon mehr als zehn Jahren auf dem Feld aktiv, Suhrkamp nun seit einem Jahrfünft, und Hanser kommt gerade erst auf die Idee (bei Hanser Berlin mit „Freedom Hospital“, über den ich letzte Woche schrieb) –, werden auch weniger prominente Häuser aktiv. Wobei die immer noch größer sein dürften als die meisten deutschen Comicverlage, abgesehen von den Giganten Carlsen, Egmont und Panini. Aber gerade deshalb ist es bemerkenswert, wenn offenbar das Experiment in solch einem Unternehmen auch über einen Einzelversuch hinaus fortgesetzt wird. Wenn also zum Beispiel der Rostocker Hinstorff Verlag schon das zweite Comicprojekt in seiner Geschichte startet, dann beweist das, dass es tatsächlich auch für klassische Verlage attraktiv sein kann, auf Comics zu setzen.

Nun ist Hinstorff ungeachtet seiner großen literarischen Geschichte (auch zu DDR-Zeiten, als dort an der Peripherie ungeliebte Autoren abseits der Berliner Wahrnehmung überwintern konnten) mittlerweile vor allem auf dem speziellen Gebiet der Regionalliteratur und Schifffahrtsbücher erfolgreich. Deshalb passte das erste Comicvorhaben des Hauses, Kristina Gehrmanns dreibändige Erzählung „Im Eisland“ über die berühmte Franklin-Expedition im neunzehnten Jahrhundert, genau ins Bild. Dass der erste Band der Trilogie dann 2016 auch noch den Deutschen Jugendliteraturpreis gewann, konnte niemand ahnen. Die Auszeichnung belohnte jedenfalls ein gewisses Wagnis. Und eine ungewöhnliche Zeichnerin, die Mangaelemente in eine im Abendland angesiedelte Geschichte einfließen ließ.

Der zweite Hinstorff-Comic hält sich weiter ans Maritime: Till Lenecke, ein gebürtiger Hamburger von Mitte vierzig, der bislang noch nicht mit Comics auf sich aufmerksam gemacht hatte, hat einen Störtebeker-Comic gezeichnet. Man ist versucht zu beklagen, dass das doch thematisch und verlagstechnisch arg wenig originell sei, aber der erste Eindruck spricht bereits gegen eine bloße Fortsetzung eines einmal erfolgreichen Rezepts. Von Manga ist nämlich in Leneckes „Auf Kaperfahrt mit Störtebeker“ keine Spur, auch wenn das kleine Format dafür sprechen könnte. Hier hat jemand einen eher statisch wirkenden Stil entwickelt, dessen Personendarstellungen sich an Playmobilfiguren zu orientieren scheinen – man sehe sich nur Störtebekers wie angesteckten Vollbart an und die wenig variable Mimik aller Protagonisten. Doch was hier polemisch klingen mag, ist von mir nicht so gemeint. Im Gegenteil: Je mehr man sich auf Leneckes Erzähl- und Darstellungsweise einlässt, desto mehr Reiz entwickelt gerade der Bruch mit den Erwartungen von Opulenz und lebendigem Ausdruck. Zu sehen ist das hier: https://www.hinstorff.de/modules/pdfreader/uploads/b1d3833b2d4fa412d4cdf3055c1fcae4.pdf.

Was der „Kaperfahrt“-Comic leistet, ist eine Visualisierung einer denkbar dunklen Epoche, als auf Ost- und Nordsee Freibeuter im Dienst der miteinander konkurrierenden Handelsmächte (Hansestädte, Dänemark, Schweden) brutale Überfälle ausübten und dennoch keine Reichtümer erwirtschafteten. Das Elend in den Heimathäfen und Verstecken macht Leneckes bewusst triste Darstellung geradezu spürbar, und die Skrupellosigkeit aller Beteiligten lässt sich leichter illustrieren, wenn die physiognomischen Unterschiede bei den Figuren gering sind und ohnehin alle gleichermaßen malträtiert und verdorben aussehen. Eine Identifikationsfigur gibt es dennoch: den ehemaligen Schiffsjungen Jakob, der 1385 mit dreizehn Jahren nach dem Entern des Schiffs, auf dem er fährt, in Störtebekers Mannschaft gepresst wird und dort Karriere macht, bis hin zum Steuermann. Die Rivalitäten an Bord werden ähnlich schonungslos geschildert wie die Kaperfahrten. Schwarzweiß ist nicht nur dieser Comic, sondern auch das Denken seiner Protagonisten. Moralisch handelt eh niemand.

Trotzdem folgt man Jakobs Schicksal mit Faszination, darunter zu den bekannten historischen Stationen wie dem Durchbrechen der dänischen Seeblockade Stockholms oder der Gefangennahme und schließlichen Hinrichtung Störtebekers durch die Hamburger, mit denen er lange verbündet war. Die Erzählstrecke umfasst fast fünfzig Jahre, weil Jakob als einer der wenigen Davongekommenen im Alter noch einmal an die Stätte des Todes seines Kapitäns zurückkehrt. Zahlreiche Anmerkungen im Anhang  erläutern einzelne Panels und ergänzen die Handlung um historische und nautische Informationen. Und da Lennecke weiß, was er mit seinem Stil riskiert, hat er auch eine kleine Galerie der wichtigsten Akteure angefertigt, so dass man sich im Zweifelsfall noch einmal informieren kann, wen man da handeln sieht. Hundert Seiten ist der Comic stark, er liest sich flott, und am Schluss hätte man sich noch mehr gewünscht. Nicht schlecht für die erste größere Publikation von Lenecke. Und für die Fortsetzung der Hinstorff-Ambitionen.

 

06. Feb. 2017
von Andreas Platthaus
1 Lesermeinung

2
922

     

30. Jan. 2017
von Andreas Platthaus

2
598
     

Auch die Hoffnung stirbt zu früh

So realistisch alles darin ist, handelt es sich bei dem Comic „Freedom Hospital“ des syrischen Zeichners Hamid Sulaiman doch um eine Fiktion. Den Ort Houria in Syrien, in dem die Handlung stattfindet, gibt es nicht, aber leider existieren eine Menge Kleinstädte, die sein Schicksal teilen: Nachdem sich die Opposition 2011 gegen das Assad-Regime erhob und weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle brachte, setzte die Armee schwere Waffen gegen die Zentren der Rebellion ein und hinterließ Trümmerwüsten. So auch im fiktiven Houria.

Doch dort gibt es einen Hoffnungsschimmer: das titelgebende Freedom Hospital, ein Krankenhaus, das von drei Einheimischen betrieben wird: der jungen Pharmazeutin Yasmin und den beiden Medizinern Fawaz und Dr. Yazan. Angesichts der dauernden Kampfhandlungen und des ständigen Bombardements kommen viele Patienten, und die Operationen finden unter archaischen bedingungen statt,. teilweise direkt auf der Straße, ohne jede Betäubung. Sulaiman nimmt keine Rücksichten auf Empfindlichkeiten der Leser, wenn er eine Amputation zeichnet, und das satte Schwarz seiner Tusche ist nur passend für die düstere Welt, in die er uns führt.

Er kennt sie nur zu gut. 2011 gehörte er selbst zur Opposition, floh aber nach den ersten Exzessen des Regimes nach Paris. Etliche seiner alten Freunde sind in Syrien gestorben, ihre Schicksale sind in einzelne Figuren eingegangen. In „Freedom Hospital“ versammelt er im Mikrokosmos von Houria einen Querschnitt durch die syrische Gesellschaft: Sunniten, Schiiten, Alawiten, Christen, Kurden, Araber, Frauen, Männer, Regimetreue und -gegner. Und als Beobachterin eine syrischstämmige Französin, die einen Dokumentarfilm über das Krankenhaus im Bürgerkrieg dreht. Sie ist unser Bezugspunkt, denn auch ihr müssen die wechselnden Loyalitäten und Weltanschauungen erklärt werden. Und das tägliche Leben unter Todesdrohung.

Sulaiman arbeitet mit einfachen Mitteln, die aber umso eindrucksvoller wirken (eine deutsche Leseprobe des heute erscheinenden Buchs gibt es noch nicht, deshalb hier die französische: http://www.caetla.fr/IMG/pdf/freedom_hospital-extrait.pdf). Der Strich ist nicht subtil, aber expressiv, Sulaimans Schattentechnik verdankt sich dem Vorbild von Frank Millers „Sin City“, aber bei ihm gibt es keinen Zynismus. Bei den Figuren schon, das gehört zu einzelnen Persönlichkeiten, aber in Sulaimans Geschichte spürt man das Leiden an seinem eigenen Land aus jedem Dialog. Und auch aus den lapidaren Datumsangaben, die sich über das eine Jahr der Handlungszeit ziehen. Im März 2012 geht es los, „40.000 Opfer seit Beginn der Revolution“. Und dann immer so weiter: „Ein paar Tage und 150 Opfer später“, „Zwei Tage und 472 Opfer später“, „Eine Woche und 450 Opfer später“ bis zu „Zehn Stunden und 37 Opfer später“ und schließlich „ Der Monate und 12.469 Opfer später“. Die Zeitangaben schneiden ins Geschehen, sie schlagen aus wie die Amplituden eines Seismographen. Und die Erschütterungen sind stark.

Es ist eine Geschichte von Verrat, aber nicht der Art, wie wir ihn gewöhnt sind, eines perfiden, von Beginn an geplanten Verrats, sondern eines Doppelspiels, das sich mehr aus Zufall ergibt und bei dem das Böse auch auf der guten Seite stehen könnte – und umgekehrt. Moralisch integer sind allein die unbeirrbaren Betreiber des Freedom Hospitals, und sie werden dafür einen hohen Preis zahlen. Am Schluss ist einer tot, einer verkrüppelt, und doch geht es weiter, denn die Mitmenschlichkeit wollen sie sich nicht austreiben lassen.

Der Einblick in die syrischen Alltagszustände ist entsetzlich, und der Comic lässt keinen Zweifel an seiner Wahrhaftigkeit. Ja, Sulaiman steht eindeutig auf Seiten der Opposition, aber er zeigt auch deren Zwiespältigkeit, die üblen Kompromisse, das Abdriften in radikale Gruppen, den Machtrausch, wenn ein ehemaliger Taxifahrer sich dem IS anschließt und sich selbst zum Prinzen der Stadt erhebt, von dessen Willkür alle abhängen. Und beide Seiten kämpfen mit russischen Waffen, die Sulaiman gerne isoliert ins Bild rückt, jeweils mit Typenbezeichnung. Die schweren gehören allerdings alle den Truppen des Regimes. Nur einmal gibt es einen Angriff der westlichen Allianz, die zeitweise Flugzeuge zur Kontrolle des Luftraums gegen Assad einsetzte, und da stammen die Waffen aus Frankreich und den Vereinigten Staaten. Aber sonst ist Russland die Waffenschmiede des syrischen Bürgerkriegs.

Hamid Sulaiman lebt immer noch in Paris, und dass er in Frankreich zum Comic fand, ist wenig überraschend. Dass „Freedom Hospital“ für die Franzosen hochinteressant sein muss, die als ehemalige Mandatsmacht traditionell größtes Interesse an Syrien haben, ist klar, dass aber ein deutscher Verlag, und dann auch noch Hanser Berlin (die damit ebenso ihr Comicdebüt geben wie Sulaiman), den fast dreihundert Seiten dicken Band so rasch übersetzen ließ, das ist eine Überraschung. Aber wenn er dazu beiträgt, dass wir noch mehr Abscheu vor der Grausamkeit der Kriegsführung in Syrien entwickeln und noch mehr Mitgefühl für diejenigen, die dem Schlachten entkommen sind, dann gat es sich schon gelohnt. Der moderate Optimismus, den Sulaiman am Ende walten lässt, dürfte nach den Ereignissen der letzten Wochen wohl auch als fiktiv gelten. In der zentralen Parabel, die sich immer wieder durch die Gespräche der Protagonisten zieht, besteht die Pointe darin, dass darauf vertraut wird, dass von drei Beteiligten schon einer rechtzeitig sterben wird. In Syrien aber stirbt gerade alles, und die Hoffnung nicht einmal zuletzt.

30. Jan. 2017
von Andreas Platthaus

2
598

     

25. Jan. 2017
von Andreas Platthaus
1 Lesermeinung

1
861
     

Neu adaptiert, auf alt getrimmt

Am vorigen Freitag wurde in Berlin ein Comic vorgestellt, von dem man auf den ersten Blick nicht annehmen sollte, dass er neuen Datums wäre. Denn Thilo Krapp, geboren 1975 und seit etlichen Jahren in der Hauptstadt tätig, hat seiner Adaption des berühmtesten Science-Fiction-Romans der Weltliteratur, H.G. Wells‘ „Krieg der Welten“, im Original 1898 erschienen, ein Aussehen verpasst, als käme der Umschlag direkt aus dem Jugendstil. Erst die Figur des sich vor den berüchtigten Dreibeinen versteckenden Erzählers (der bei Wells keinen Namen trägt, bei Krapp aber Robert heißt) erweist den ersten Eindruck als falsch: Dieser Teil der Einbandgestaltung ist vielmehr wie aus Will Eisners Atelier importiert. Wie der amerikanische Altmeister versteht Krapp es, historische Dekors in höchst variabel eingesetzte Seitenarchitekturen zu setzen. Und die Figuren sind semirealistisch gehalten: mal auf wenige Punkte und Striche für die Gesichter reduziert, dann wieder sehr elaboriert gezeichnet. „Opulent“ ist wohl das Wort, das hier am besten passt. Einen Eindruck davon bekommt man auf dem Blog des zeichners: http://thilo-krapp.blogspot.de/2016/05/der-krieg-der-welten-graphic-novel-in.html.

Was begeistert einen Comiczeichner wie Krapp an einem Stoff, der zu den meistbearbeiteten und am häufigsten in andere Erzählformen transponierten überhaupt gehören dürfte? Er selbst geriet als Elfjähriger in den Bann von Orson Welles‘ berühmtem Hörspiel von „Der Krieg der Welten“. Das war 1986, fast fünfzig Jahre nach der Erstausstrahlung in den Vereinigten Staaten, die damals eine Massenpanik ausgelöst haben soll, weil die Zuhörer den Angriff vom Mars für echt hielten. Dass diese Adaption so viel später und in eine andere Sprache übersetzt immer noch derart beeindruckend wirken konnte, spricht für Welles, ohne den Wells wohl nicht mehr so berühmt wäre.

Gleichzeitig ist es mutig von Krapp, eine eigene prägende ästhetische Erfahrung zum Anlass für eine Neubearbeitung des Stoffs zu machen. Dass hier alles etwas konventioneller zugeht als bei Wells (und bei Welles) liegt an der größeren Anschaulichkeit des Comics: Wir sehen, was passiert, wir müssen es uns nicht vorstellen. Deshalb haben nur Großmeister des Horrors wie etwa Alan Moore es bislang vermocht, Comics zu verfassen, die ähnliche Beklemmung auslösen wie die Meisterwerke der entsprechenden Belletristik. Unheimlich ist Krapps Version des „Kriegs der Welten“ in der Tat nicht. Aber spannend.

Das liegt daran, dass Krapp das Prinzip der Seitendramaturgie beherrscht und uns jeweils am Ende einer Doppelseite zu einem Spannungsmoment bringt, der uns durch das Buch fliegen lässt. Die 144 Seiten (wieder mal ein Comic ohne Seitenzahlen – Schande über den Egmont-Verlag!) lesen sich in einem Rutsch, und der Textanteil ist gering, weil sich Krapp auf die Kraft der Bilder verlässt. Eine Karte auf den Vorsatzpapieren lässt den Nachvollzug der atemlos geschilderten Flucht vor den Invasoren durch Südengland zu, aber mit der akribischen Wiedergabe von bekannten dortigen Sehenswürdigkeiten oder auch spezifisch englischen Versatzstücken des Dekors hält Krapp sich nicht groß auf. Von Eisner hat er auch gelernt, wie man mit gelegentlichen Akzenten Stimmungen und Glaubwürdigkeit erzeugt. Dass aber in diese wenigen aufwendigeren Bilder sorgfältige eigene Recherche geflossen ist, wird im Bonusmaterial zur Geschichte deutlich, das einige Skizzen von Krapp zu englischen Interieurs enthält.

Robert ist als wichtigster Protagonist nur durch seinen Familienstand (jung verheiratet) näher charakterisiert, ansonsten ist er der idealtypische Comic-Held à la Tintin: aufgeweckt, neugierig, unbeschrieben. Bisweilen löst sich der Erzählfokus und geht auf Roberts jüngeren Bruder über, und dann knirscht es im Gebälk der Story-Konstruktion, aber da hat auch der Roman von Wells seine Schwächen. Meisterhaft ist dagegen, dass hier nicht Gewalt zum Selbstzweck der Darstellung wird, sondern die Verwüstung durch die Kampfmaschinen vom Mars eher in Andeutungen gezeigt wird. Und wenn dann die Tentakel der außerirdischen Lebensform zum Einsatz kommen, nutzt Krapp geschickt unsere Urängste vor schlangenartigen Wesen.

Der Band ist schwarzweiß mit reichen Grau-Lavierungen, gedruckt auf bräunlichem Papier, wie ein vergilbter historischer Roman. Erstaunlicherweise wählt Krapp eine Schreibmaschinentypographie statt handgeletterten Buchstaben, aber das ist auch der einzige Schönheitsfehler im gestalterischen Konzept. Die gezeichneten Lautmalereien verraten dann wieder die amerikanische Tradition. Es gibt weiß Gott schlechtere Vorbilder, deren man sich bedienen könnte.

Überraschen kann die Geschichte nicht; zu viel wissen wir vom „Krieg der Welten“. Aber Krapp versetzt das Geschehen anders als Welles oder auch Spielberg in der jüngsten Verfilmung wieder in die Ursprungszeit des Buchs, also ans Ende des neunzehnten Jahrhunderts, und dadurch bekommt das Ganze einen nostalgischen Charme, der mit dem zeitlosen Schrecken aufs Schönste kontrastiert. So muss man nicht mit historischen Stoffen umgehen, aber das man es mit gutem Gewissen kann, das zeigt Thilo Krapp.

25. Jan. 2017
von Andreas Platthaus
1 Lesermeinung

1
861

     

10. Jan. 2017
von Andreas Platthaus

0
667
     

Ein kleines Leben in der großen Geschichte

Jedes Jahr warte ich mit Spannung auf den Gewinner des „Afkat“, jenes Comicpreises mit dem rätselhaftesten aller Namen (was ich anfangs für eine Abkürzung hielt, entpuppte sich als plattdeutsches Wort für „Rechtsanwalt“, denn die Auszeichnung wird von einer Anwaltssozietät gestiftet). Verliehen wird er in Hamburg als Förderpreis für eine noch nicht publizierte Graphic Novel und das seit 2011 – damit ging der Afkat dem erstmals 2014 verliehenen Berthold-Leibinger-Comicpreis voraus. Allerdings bekommt der Gewinner kein Geld, sondern einen Verlagsvertrag für das prämierte Werk: beim Mairisch-Verlag, der dadurch zu einer schönen Reihe von Comicpublikationen gekommen ist. Allerdings sind sie bislang alle eher kleinformatig; ob das Zufall oder Pragmatismus der Jury ist, weiß ich nicht. Jedenfalls war es auch beim letztjährigen, dem insgesamt fünften Gewinner, Sebastian Jungs“ Albert“, wieder so.

Leider weist die Homepage des Preises seitdem keine neue Ausschreibung aus, also steht es in den Sternen, ob 2017 wieder ein Comic im Mairisch-Verlag mit dem Afkat-Prädikat erscheinen wird. Dasa wäre schade, denn der Preis hat sich dadurch profiliert, das er Grenzgänger zwischen Comic und Bildergeschichten bevorzugte und tatsächlich noch unbekannte Zeichner auswählte: Tilo Richter, Karin Krämer (beide zusammen habe ich an dieser Stelle besprochen: http://blogs.faz.net/comic/2012/05/02/was-um-alles-in-der-welt-ist-afkat-229/), Sohyun Jung (http://blogs.faz.net/comic/2014/03/17/koreanisch-kochen-bildern-482/), Raphaela Buder (http://blogs.faz.net/comic/2015/03/02/verfolgungswahn-und-mutterliebe-656/) und zuletzt eben Sebastian Jung. Auffällig ist, dass die letzten drei Preisträger autobiographisch erzählen – ein Trend im deutschen Comicgeschehen. Wobei Jungs „Albert“ nicht die eigene, sondern die Geschichte des Großvaters der Autors in den Mittelpunkt stellt. Der 1922 im Westerwald geborene Albert Jung wurde im Zweiten Weltkrieg schwerverletzt und kam 1945 in russische Kriegsgefangenschaft. Erst vier Jahre später kehrte er nach Hause zurück,

Im Mittelpunkt stehen aber nicht die großen Weltereignisse, sondern die Rolle eines kleinen Mannes von eher schlichtem Gemüt darin. Deshalb finden sich die bewegendsten Schilderungen in den Abschnitten zu den Jahren nach 1949, als Albert sich wieder ins Leben in der jungen Bundesrepublik hineinkämpfen muss, und dieser Kampf ist zwar unblutig, aber nicht weniger hart zu bestehen wie die Kriegszeit. Als Grubenarbeiter in einem daniedergehenden Bergbaugebiet, das nicht im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung steht (wer die A3 von Köln nach Frankfurt fährt, kann nach einem Drittel der Strecke noch einen Förderturm als Industriedenkmal im Westerwald bewundern), ruinierte er sich die Gesundheit, und weil die Bundeswehr eingeführt worden war, stand in der Familie ein Konflikt darüber an, ob die Söhne von Albert den Wehrdienst ableisten sollten. Das Erbe des Kriegs wurde er nie wieder los, nicht physisch und nicht psychisch. Albert Jung starb nach mehreren Schlaganfällen, die ihm schon vorher das Sprechen unmöglich gemacht hatten, im Jahr 2006.

Da war sein Enkel Sebastian zwanzig Jahre alt, aber durch die Schlaganfälle des Großvaters hatte er mit ihm nicht über die Vergangenheit reden können. Anders als beim letzte Woche an dieser Stelle vorgestellten Band „Tante Wussi“ hat es also für „Albert“ unmittelbares Gespräch zwischen dem Zeitzeugen und dem Buchautor gegeben. Sebastian Jung ließ sich von seinem Vater die Geschichte von Albert erzählen, und diese vermittelte Sicht wird auch wieder zum Thema in „Albert“. In der ersten Zeichnung des Buches wird Albert als „Hauptperson“, der Vater Eberhard als „Erzähler“ und der Enkel Sebastian als „Illustrator“ bezeichnet. Auf dem Titelbild aber steht nur Sebastian Jung als Autor.  „Was ich hörte und dann gestaltet hab“, schreibt er im Buch, „ist meine Wahrnehmung und ein Versuch, mit den Augen meines Großvaters zu sehen,“

„Illustrator“ ist also in der Tat zu wenig, aber es passt insofern wieder gut, als Sebastian Jung gar keinen Comic gezeichnet hat, sondern ein Bilderbuch ( siehe auf https://www.mairisch.de/programm/sebastian-jung-albert/). Für Comics charakteristische Bildsequenzen gibt es gar keine, auch keine Sprechblasen oder Textkästen. Die Erzählung ist auf liniertem Papier per Hand niedergeschrieben, und dazu gibt es sowohl dokumentarische Tuschezeichnungen (die etwas an Reinhard Kleist und Emanuel Guibert erinnern, aber wie sollte das bei dem Thema auch nicht der Fall sein?) und bisweilen werden Fotos und Dokumente als Bebilderung verwendet. Es ist eine eindrucksvolle Abfolge, aber hierfür einen Comicpreis zu verleihen strapaziert das Genreverständnis schon sehr.

Die beste Bildidee hat Sebastian Jung gleich auf dem Umschlag verwendet: Albert zerfällt in Puzzlestücke. Oder setzt sich aus ihnen zusammen – ganz wie man will. Auf braunem Pappkarton gedruckt, kommt das Buch wie eine alte Kladde daher, als Notizbuch wie aus Wehrmachtszeiten. Auch das ist meisterhaft gestaltet. Als Buchobjekt ist „Albert“ also ein Kleinod, als Graphic Novel wird er Leser enttäuschen, die an einem konventionellen Comic-Verständnis dieser Form hängen und nicht anerkennen wollen, dass hier geradezu mustergültig der im Begriff enthaltene Anspruch eines „gezeichneten Romans“ erfüllt wird.. Auch deshalb wäre es schade, wenn dieses Buch das letzte Wort des Afkat bliebe. Ein gewichtiges zweifellos, aber gerade kein Advokat für die spezifische Erzählform des Comics.

 

10. Jan. 2017
von Andreas Platthaus

0
667

     

02. Jan. 2017
von Andreas Platthaus

1
1303
     

Erst kommt das Beste, dann kommt die Moral

Spanische Comics, jahrzehntelang kaum beachtet in Deutschland, habe jüngst eine kleine Renaissance erlebt. Prominentester Vertreter einer jüngeren Generation von nun übersetzten Autoren ist Paco Roca, der bereits mit vier Titeln bei Reprodukt vertreten ist und konsequent zwischen historischen und autobiographischen Stoffen wechselt (sie bisweilen auch miteinander vermittelt). Die Neugier der spanischen Comicschaffenden auf Zeitgeschichte ist jedenfalls evident.

Das ist auch bei einem nun bei Carlsen erschienen Titel so, den man angesichts des Titels, des Namens der Verfasserin und auch des oberflächlich betrachteten Inhalts gar nicht in Spanien ansiedeln würde: „Tante Wussi“ von Katrin Bacher. Darin wird die Geschichte der Familie Orsinger aus Freiburg erzählt, mit dem Fokus auf der mittleren von drei Töchtern (neben einem Sohn), ebenjener Wussi, die eigentlich Marianne heißt. Die jüdische Mutter konvertierte, um einen Katholiken heiraten zu können, doch das sollte dem Ehepaar später im „Dritten Reich“ nichts nutzen. Allerdings war die Familie schon im Sommer 1933 aus gesundheitlichen Gründen nach Mallorca ausgewandert, wo der Vater ein Fotostudio eröffnete. Hier kommt endlich Spanien ins Spiel.

Katrin Bacher, die Szenaristin des Comics „Tante Wussi“, ist die reale Großnichte von Marianne, lebt in Barcelona und ließ sich von ihrer Großtante deren Lebensgeschichte erzählen, bevor diese starb. Diese Berichte, angereichert um autobiographische Episoden, in denen Bacher nach dem Vorbild von Art Spiegelmans „Maus“ über die Entstehungsgeschichte des Comics, also die eigenen Begegnungen mit Tante Wussi, erzählt, hat der spanische Zeichner Tyto Alba (1975 geboren; der Name ist ein Pseudonym, das sich aus der zoologischen Bezeichnung der Schleiereule herleitet) dann gezeichnet, und erschienen ist der Band 2015 zunächst in Spanien, ehe der Carlsen Verlag ihn der deutschen Thematik wegen übernahm. Dass dabei auch eine Rolle gespielt haben dürfte, dass solche über drei Generationen ausgreifende Familiengeschichten mit Barbara Yelins „Irmina“ und Birgit Weyhes „Im Himmel „ist Jahrmarkt“ gleich zwei großartige Vorbilder in Deutschland kennen, ist klar.

Tyto Alba ist für seinen aquarellierten Zeichenstil beim italienischen Erfolgsautor Gipi in die Schule gegangen (eine Leseprobe findet sich unter https://www.carlsen.de/hardcover/tante-wussi/78288). Durch Variation der Seitenarchitektur rhythmisiert er das Erzähltempo und bringt in den ruhigen Fluss der Erinnerungen von Tante Wussi Beschleunigungen unter, die aber nur durch die Bilddynamik erzielt werden. Katrin Bacher bleibt in ihrem Text der Erzählstimme treu, und das ist auch Ausdruck des Respekts der jüngeren vor der alten Frau.

Dass es unerquickliche Episoden gibt, ist beim konkreten Handlungszeitraum unvermeidlich. Zumal Teile der Familie, darunter Marianne, angesichts des Bürgerkriegs in Spanien wieder nach Deutschland zurückehren, wo für die Kinder einer Jüdin ständige Gefahr besteht, inhaftiert oder gar deportiert zu werden. Einige Verwandte mütterlicherseits sind denn auch ermordet worden, darunter Mariannes beste Freundin Pitt, die auf dem Titelbild neben der Titelheldin in einem regnerisch-grauen Berlin zu sehen ist: zwei junge Mädchen unter einem Schirm, aus dem ein Lichtkegel auf die scherzenden Kinder fällt – eine Szene, die sich ganz dem Vorbild von Sempé verdankt, was aber ein Sonderfall im Buch bleibt. Gut gewählt als Umschlagzeichnung ist sie dennoch.

Wobei das Risiko besteht, dass die Leichtigkeit dieser Komposition auf die falsche Spur führt. Die übliche Hakenkreuzdarstellung im Hintergrund, die in Comics über das „Dritte Reich“ zum festen Inventar des Dekors gehört, ist hier auf die Rückseite des Buchs verbannt. Und auch die Vorsatzpapiere, auf denen authentische Familienschnappschüsse abgedruckt werden, lässt bestenfalls über eine zeitliche Einordnung Assoziationen zum NS-Regime aufkommen. Diese graphisch periphäre Anbindung des individuellen Schicksals von Wussi an die politischen Zeitläufte ist aber ein geschickter Kunstgriff, weil dann die eigentliche Geschichte umso überraschender daherkommt. Und es passt auch zur undramatischen, wenn auch tieftraurigen Erzählung von Tante Wussi.

Der Band ist aber nicht nur der deutschen Thematik wegen interessant, sondern gerade auch dank der wenigen spanischen Szenen. So wird jeder, der Albert Vigoleis Thelens Mallorca-Exilroman „Insel des zweiten Gesichts“ kennt, vertraute Motive wiederfinden, und wie im Spiegel dieses idyllischen Zufluchtsorts die Weltpolitik in all ihrer damaligen Verzerrung wiederkehrt, das ist ebenso faszinierend wie deprimierend.

115 Seiten lang ist die eigentliche Geschichte, doch auf den letzten beiden Seiten gibt es noch eine Moral. Katrin Bacher zeigt sich selbst bei Recherchen in Berlin, und dabei begegnet sie einer Demonstration gegen Fremdfeindlichkeit. Vor der Menge steht ein martialisch gekleideter Polizist. Nach dem Umblättern der Seite sieht man dann da, was die Demonstranten vor Augen haben: einen Polizistengruppe, hinter der eine andere Demonstration steht, die als „deutsche Patrioten“ gegen die Islamisierung Europas protestiert, mit einem Wort: Pegida und Konsorten. Das ist angesichts der Subtilität der vorange0gangenen Haupterzählung ein zu moralisierender Schluss, zumal die Polizisten, die der Trennung beider Demonstrationszüge dienen, sich nur den Gegendemonstranten zugewendet haben. Die Botschaft ist deutlich: Der Schoß ist fruchtbar noch … Doch das hätten wir auch so verstanden.

02. Jan. 2017
von Andreas Platthaus

1
1303

     

23. Dez. 2016
von Andreas Platthaus
Kommentare deaktiviert für Zum guten Schluss ein richtig gutes Buch

1
1015
     

Zum guten Schluss ein richtig gutes Buch

Gesetzt den Fall, Sie suchten noch nach einem eiligen Geschenk und hätten eine gute, eine wirklich gute Buchhandlung in der Nähe (oder meinethalben auch einen höchst flotten Lieferservice, aber natürlich sollte man gute Bücher nur in guten Buchhandlungen kaufen), dann kaufen Sie Richard McGuires Buch „Erzählende Bilder“. Erschienen ist es beim Dumont Verlag, der im Vorjahr schon McGuires epochemachenden Comic „Hier“ herausgebracht hat. Wenn Sie aber „Hier“ kennen sollten, dann werden Sie doppelt überrascht sein, was der neue Band bietet. Erst einmal viel weniger Opulenz. Und dann keine Geschichte, die sich wie „Hier“ über Jahrmilliarden erstreckt, sondern viele kleine Erzählungen, die bisweilen nur Sekunden umfassen. Und übrigens auch in Sekundenschnelle zu lesen sind.

Für dieses Buch von fast sechshundert Seiten brauchen Sie keine halbe Stunde Lesezeit. Aber Sie werden jahrelang immer wieder daran Spaß haben, denn viel klüger kann man gar nicht zeichnend erzählen. Und eben auch nicht kürzer. Denn Texte gibt es nicht, alles wird stumm erzählt, in ein paar schlichten Bildern, schwarzweißen Vignetten, deren Zusammengehörigkeit sich bisweilen gar nicht auf den ersten Blick erschließt. Denn alle stammen aus dem „New Yorker“, dem Gralshüter der Zeitschriftenillustrationskunst, für den der in New York lebende McGuire in den letzten zwanzig Jahren immer wieder Titelblätter gezeichnet hat. Aber eben auch die hier versammelten Bildergeschichten, die aber nicht als zusammengehörige Sequenzen abgedruckt wurden, sondern als Einzelbilder über ein ganzes Heft gestreut. Diese kleinen Platzfüller machten den Betrachtern auch isoliert Vergnügen, aber ihre wahre Kraft erweisen sie erst im Zusammenhang mit der jeweils über ein Heft erzählten Geschichte.

McGuire ist ein Souverän der Ikonographie, und seine Linie ist eine der klarsten auf der ganzen Welt. Zusammengenommen ergeben diese beiden Eigenschaften eine Piktogrammkunst, die mit minimalen Mitteln große Wirkung erzielt. Aus banalen Gegenständen wie den Toilette-Artikeln eines Badezimmers oder einem Straßenensemble aus Briefkasten, Parkuhr und Abfalleimer macht McGuire handelnde Personen, die aber nicht anthropomorphisiert werden, sondern durch geschickte Variation und Kombination eine lebendige Anmutung erhalten. Eine von einem Auto gerammte Parkuhr etwa wird schon durch die Krümmung zur schmerzgebeugten Persönlichkeit, und eine Zahnbürste kann durchaus geschwätzig aussehen, wenn man nur sehr genau weiß, was gängige graphische Attribute für Geschwätzigkeit sind. McGuire hat das alles parat. Wenn Sie’s überprüfen wollen, müssen Sie es allerdings anhand der amerikanischen Ausgabe tun (http://insight.randomhouse.com/widget/v4/?width=600&height=860&isbn=9781101871591&shortCode=&author=Richard%20McGuire&title=Sequential%20Drawings&refererURL=www.penguinrandomhouse.com), denn Dumont schenkt sich eine Leseprobe. Ist aber auch egal, weil es ja außer einer Einleitung gar keinen Text gibt.

Es ist so geist- und so geschmackvoll, dass man nach der halben Stunde Lektüre (die Hälfte der fast sechshundert Seiten ist blank gelassen; das ist ein etwas manieriertes Kunstprinzip, das aber seinen Ursprung in der amerikanischen Originalausgabe hat und also McGuires Willen folgt) gleich wieder von vorne anfängt, weil man mit der nun gewonnenen Erfahrung einige weniger eindeutige Zusammenhänge nun besser verstehen wird. Und wenn man noch ein schönes Silvesterspiel sucht, dann kaufe man einfach mehrere dieser 25 Euro kostenden Bücher und lasse jede Person einzeln lesen und dann die Deutung der jeweiligen Episode vergleichen. Das geht natürlich auch mit Kopien, aber das Buch ist als Objekt allein schon so schön, dass man es nicht anders haben möchte. Wenn Sie es tatsächlich im Buchhandel suchen sollten: Es ist klein und weiß und dick, und vorne drauf steht kein Wort, sondern man sieht nur drei gezeichnete Büroklammern, zwei normale und eine zu Blütenform entfaltete. So etwas macht glücklich. Schöne Feiertage und ein gutes neue Jahr!

 

23. Dez. 2016
von Andreas Platthaus
Kommentare deaktiviert für Zum guten Schluss ein richtig gutes Buch

1
1015

     

19. Dez. 2016
von Andreas Platthaus
2 Lesermeinungen

1
1835
     

Warum Hitler den Ersten Weltkrieg überlebt hat

Dass es Jacques Tardi noch einmal zeichnend in den Grabenkrieg verschlagen hat, ist keine Überraschung. Es ist das Lebensthema des mittlerweile einundsiebzigjährigen Franzosen, und seine seit 1981 erschienenen Bände zum Thema haben Epoche gemacht. Kein anderer Comiczeichner stellt die elende Realität des Abschlachtens an der Westfront so kompromisslos dar, keiner hat dieselbe psychologische Tiefe traumatisierter Figuren zu bieten, und keiner schafft bei höchster historischer Detailgenauigkeit eine vergleichbare surrealistische Intensität. Das alles ist auch bei Tardis jüngstem Werk zum Ersten Weltkrieg, „Le Dernier assaut“ (Der letzte Ansturm), der Fall, das gerade auf Französisch bei Casterman erschienen ist und schon Anfang Januar in deutscher Übersetzung bei der Edition Moderne herauskommen wird. Hier kann man sich eine Anschauung davon verschaffen: https://flipbook.cantook.net/?d=%2F%2Fwww.edenlivres.fr%2Fflipbook%2Fpublications%2F233159.js&oid=936&c=&m=&l=&r=&f=pdf.

Und doch ist dieses Album anders als die Vorgänger. Denn neben neunzig Seiten Comic-Erzählung enthält es auch eine CD mit Liedern, die Tardis Frau Dominique Grange zusammen mit der Muzette-Band Accordzéâm eingespielt hat. Zwar gab es vor knapp zehn Jahren schon zwei andere gemeinsame Publikationen des Ehepaars, doch im Falle des ebenfalls dem Ersten Weltkrieg gewidmeten „Des Lendemains qui saignent“ illustrierte Tardi lediglich ein umfangreiche Begleitbuch zu Granges CD, und für „N’Effacez pas nos traces!“, einen Liederzyklus über die revolutionären Bestrebungen des Jahres 1968, zeichnete er comicstrip-artige Kurzgeschichten. Jeweils waren also Granges Lieder der Kern des Projekts. Bei „Le Dernier assaut“ dagegen zeigt schon das klassische Comicformat, was hier im Mittelpunkt steht.

Wobei der Band seinen Ausgang in gemeinsamen Auftritten von Tardi, Grange und Accordzéâm hat. Der Zeichner fertigte für ein Konzertprogramm mit eigenen Liedern seiner Frau und diversen Vertonungen zeitgenössischer Texte gegen den Krieg etliche Bilder an, die dazu projiziert wurden. Außerdem saß er selbst mit auf der Bühne und las immer wieder kleine Erzählpassagen, von denen sich einige als Einspielungen nun auch auf der neuen CD finden (die auch der deutschen Ausgabe beiliegen wird). Ob Grange beim Abfassen ihrer Texte oder aber Tardi selbst die Grundideen zum Stoff des neuen Comics entwickelt haben, kann man nur vermuten – wohl eher Tardi. Den im Anhang beigegebenen Fotos des Bandes kann man jedenfalls entnehmen, dass einzelne Bilder des Comics schon Teil des Konzertprogramms der letzten Jahre waren.

Diesmal hat sich Tardi aus dem strengen Seitenarchitekturschema gelöst, das seine letzte Erste-Weltkriegs-Publikation, „Putain de guerre“, geprägt hatte. „Le Dernier assaut“ wechselt laufend Bildformate und -dramaturgie; er will auch nicht wie der Vorgänger eine chronologische Dokumentation des ganzen Kriegs liefern, sondern erzählt vor allem eine Episode aus dem Frühjahr 1917. Der französische Sanitätssoldat Augustin verliert im Einsatz durch deutschen Granatenbeschuss seinen Kameraden Sauvageon und erstickt dann einen von beiden gerade noch transportierten Schwerverletzten, weil er fürchtet, dass dessen Schreie dem Feind verraten würden, dass es noch Leben im Graben gibt. Der Zwiespalt des Überlebens an der Front war immer schon zentraler Aspekt bei Tardis Weltkriegsgeschichten, aber noch nie zuvor ist von ihm eine solche Tat geschildert worden.

Dabei wird sie ganz kühl dargestellt, als völlig konsequent für einen Mann in verzweifelter Lage, der zudem durch die ständige Lebensgefahr als Sanitäter nervlich zerrüttet ist. Fortan wandelt Augustin wie ein Geist über das Schlachtfeld, und wir begleiten ihn bei diesem Marsch und bei seinen Erinnerungen und Reflexionen. Denn Augustin ist zwar der wichtigste Protagonist dieses Comics, doch was Tardi auch hier wieder erzählt, ist der ganze Krieg.

Bis wir überhaupt erstmals das Duo Augustin und Sauvageon mit seiner Trage zwischen den Linien sehen, braucht es vier Seiten, in denen ein einzelner französischer Soldat grausam stirbt. Seinen Namen werden wir nie erfahren, aber wir haben da schon die Erzählstimme im Ohr, die den Großteil des Textes bestreitet: nicht in streng rechteckigen Kästen wie sonst im Comic üblich, sondern in normalen Sprechblasen, die sich nur dadurch von den Dialogen der Figuren unterscheiden, dass sie keine Zuordnung mittels Ventils zu einzelnen Protagonisten haben. Was Tardi hier zeichnet, ist wie eine Lautsprecherstimme, die über dem Geschehen liegt, unbeteiligt, aber unüberhörbar und gerade deshalb in der sachlichen Schilderung besonders grausam.

Augustin ist bei seiner Tat beobachtet worden, und die Erinnerung daran ist das wiederkehrende Leitmotiv der Geschichte. Ob der Beobachter, ein anderer französischer Soldat, an seinen eigenen Verletzungen gestorben oder Augustin auch ihn getötet hat, bleibt offen. Aber dieser Beobachter gibt als (weißhäutiger) Kommandeur einer Einheit von afrikanischen Kolonialsoldaten Anlass für die erste Abschweifung von der Haupthandlung: Tardi erzählt von der Rolle dieser Kombattanten, die fernab ihrer Heimat für ein „Mutterland“ kämpfen, das ihnen den Einsatz und ihre Opfer niemals danken wird.

Später wird er weitere Seitenstränge abzweigen lassen: eine Hommage an die „Bantams“, ein britisches Regiment mit Soldaten, die nicht die notwendige Körpergröße aufwiesen, aber trotzdem an die Front geschickt wurden. Oder die Geschichte eines deutschen Unteroffiziers namens Ernst (da hat Tardi bequemerweise den in Frankreich durch Ernst Jünger bekanntesten Namen eines Weltkriegssoldaten gewählt), der seine Tapferkeit aus nationalistischer Überzeugung zieht, aber dann auch im Kampf stirbt, was Anlass ist, seine imaginäre Biographie zu erzählen, die ihn im Falle des Überlebens in die Freikorps und schließlich in die SA geführt hätte. Das klingt als narrative Idee wenig spektakulär, doch Tardi macht daraus einen brillanten Dreh, als er zu Augustin zurückkehrt, der bei seinem Herumirren zwischen den Leichenmassen an der Front ein Gewehr gefunden hat und plötzlich einen pinkelnden deutschen Soldaten entdeckt, der ihm den Rücken zukehrt. Nach langer Selbstprüfung entscheidet er sich, ihn nicht zu erschießen, doch dann setzt die Erzählstimme ein und bemerkt lapidar, dass es sich bei dem Glücklichen um einen Meldegänger namens Adolf Hitler handelte.

Immer wieder wird das Gemetzel explizit gemacht, und die klassisch-schrecklichen Tardi-Motive der Leichen in den Bäumen, der explodierenden Körper, der weggeschossenen Köpfe erreichen hier eine neue Drastik, ohne obszön zu werden. Einmal verstummt bei einem der alltäglichen Sturmangriffe der Text des Comics – sechs Seiten stiller Albtraum, denn Geräusche hat Tardi ja noch nie zum Gegenstand seiner Weltkriegscomics gemacht. Am Schluss liegt Augustin selbst schwerverletzt im Lazarett, und dort holt ihn seine Tat vom Beginn ein – mit derselben grausamen Konsequenz, die diesen Krieg geprägt hat.

Der Band ist den Tieren gewidmet, die für Frankreich starben – ein irritierender Zynismus beim großen Menschenfreund Tardi, doch Zeichen dafür, wie verzweifelt ihn dieser jüngste Ausflug ins Jahr 1917 gestimmt hat. In den Liedern von Dominique Granges CD – deren Texte alle im Anhang mit abgedruckt sind, darunter auch Brechts „Legende vom toten Soldaten“ und weitere nicht-französische Texte über die Fronterlebnisse aus England und Italien – ist es dann aber wieder allein das Leiden der Soldaten, um das es geht, darunter in einem Chanson, das genauso heißt wie der Comic, auch konkret dessen Geschichte, wobei dabei der Fokus von Augustin auf einen anderen Sanitäter, „Branco“ Broutille, verschoben wird, der in Tardis Erzählung eine wichtige, aber kleine Nebenrolle spielt.

Dass es Jacques Tardi noch einmal gelingen würde, mit einem Comic über den Ersten Weltkrieg derart zu erschüttern, zugleich aber auch derart zu begeistern, hätte ich nicht erwartet. Das Thema lässt ihn wohl auch deshalb nicht los, weil es immer noch neue Wege gibt, vom Unvorstellbaren zu erzählen.

19. Dez. 2016
von Andreas Platthaus
2 Lesermeinungen

1
1835

     

12. Dez. 2016
von Andreas Platthaus

0
622
     

Wann kriegt dieser Mann den längst verdienten großen Preis?

In der vergangenen Woche gab die Stadt Leipzig den nächsten Buchpreisträger für Europäische Verständigung bekannt: Mathias Énard, einen französischen Schriftsteller, Übersetzer und Orientkenner, der in seinen Büchern immer wieder die wechselseitigen Einflüsse von morgen- und abendländischer Kultur herausgestellt hat. Sein Roman „Kompass“, der vor wenigen Monaten in deutscher Übersetzung erschienen ist (und den die Jury besonders hervorhebt), kann als Musterbeispiel dienen, wie ein Erzähler Gräben zwischen Kulturen überwinden, gegenseitige Vorurteile abbauen und Wissen über Fremdes vermitteln kann. Das alles gilt auch für das Werk eines Landsmannes von Énard, den Comiczeichner David Beauchard alias David B.

Nur eines gilt nicht für ihn: Den Buchpreis für Europäische Verständigung wird er nicht erhalten, obwohl David B. schon seit zwanzig Jahren genau das in seinen Comics leistet, was die Leipziger Jury an Énards Werk nun preist. Sie wird das Werk von David B. gar nicht kennen, und das wiederum gilt wohl auch für das Schaffen aller anderen Comiczeichner und für alle anderen literarischen Jurys, denn wie hätte sonst zum Beispiel der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bislang an Art Spiegelman vorbeigehen können? Oder nehmen wir den Deutschen Literaturfonds, der Jahr für Jahr rund eine Million Euro an Stipendien für Autoren vergibt. Hat jemals ein Comicautor eines davon erhalten? Nein. Und sage niemand, es hätte sich dafür mutmaßlich auch noch nie einer beworben. Wenn die fördernde Institution sich für den Comic öffnen wollte, könnte sie ja auch zu Einreichungen aufrufen.

Es fehlt, kurz gesagt, an Kompetenz zur Beurteilung erzählerischer Leistungen im Comic. Nicht, dass Énard nicht aller Ehren wert wäre. Aber die Ähnlichkeit in Erzählstoffen und -handlung mit David B., bei gleichzeitig grotesk anderer Würdigung ist augenfällig. Wobei immerhin David B. zu den anspruchsvollen französischen Comickünstlern gehört, die weltweit übersetzt werden, auch ins Deutsche. Sein jüngster Band wird deshalb wohl bei uns nicht lange auf sich warten lassen. Es handelt sich um sein bislang politischstes Werk, obwohl es der dritte Teil einer Serie ist, die ohnehin kaum politischer gedacht werden kann (die ersten beiden Bände sind beim Berliner Avant Verlag erschienen, die Originale bei Futuropolis). Nach gemeinsam mit dem Nahost-Historiker Jean-Pierre Filiu verfassten Szenarien erzählt David B. auf nunmehr zusammen fast dreihundert Seiten die Geschichte der politischen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Nahen Osten. Der Titel der Trilogie lautet: „Les meilleurs ennemis“ (Beste Feinde).

Der aktuelle Band schließt diese Geschichte vorerst ab: mit den Jahren von 1984 bis 2013. Wir gelangen also bis an die Gegenwart heran, und das Album schließt mit der Eskalation des Kriegs in Syrien, aus dem die Vereinigten Staaten sich auffällig heraushalten. Das letzte Bild, eine Doppelseite mit lauter Porträts von Menschen aus dem Nahen Osten, Zivilisten und Soldaten, Mullahs und Mütterchen, Terroristen und Kindern, könnte von heute stammen. Der Text dazu lautet: „Obama hat das Ende der langen Geschichte Amerikas im Nahen Osten beschlossen. Es hat nie aus guten Gründen dort eingegriffen, zieht sich aber nun im schlechtesten Moment zurück. Dadurch sind die Bevölkerungen von Pakistan bis Libyen, von der Türkei bis zum Jemen dem Krieg, dem Hunger und dem Exil preisgegeben – und einem Terrorismus, der auch Europa und die Vereinigten Staaten erreicht.“

Filiu hat die Recherchen für den Band durchgeführt, aber David B. ist als Co-Auto ausgewiesen, und die Bilder sind natürlich allein seine Domäne (hier kann man ein paar sehen: http://www.futuropolis.fr/planche.php?id_article=790584). So ist es ein David-B.-Album, wie man es sich wünscht: voller Orientalismen in der Graphik, voller origineller Bildeinfälle, über die kaum ein anderer Zeichner derart souverän verfügt, voller Anschaulichkeit, denn David B. beherrscht die Bildgrammatik des Comics bis ins kleinste Detail und weiß deshalb, was nicht mehr mit Worten erzählt werden muss, weil seine Zeichnungen schon genug sagen. Obwohl „Beste Feinde“ eine Faktenfülle bietet, die der darin dokumentierten 230 Jahre umfassenden Geschichte entspricht, wird man nie erdrückt durch Jahreszahlen oder Namen, weil die Visualisierung von Wissen im Mittelpunkt steht. Dass Frankreich als weitere langjährige Ordnungsmacht im Nahen Osten etwas prominenter zur Geltung kommt, als es aus deutscher Perspektive plausibel ist, muss man nachsehen. Gerade dass die Franzosen nach 1918 Syrien als Protektorat verwalteten, erklärt erst, warum Filiu und David B. vom dortigen Krieg noch viel mehr erschüttert sind als von allen anderen Konflikten der letzten dreißig Jahre.

Und da waren ja mehr als genug: beide Golfkriege, der Krieg gegen den Terror, die auf den Arabischen Frühling folgenden Bürgerkriege, die israelischen Invasionen in Libanon, Westjordanland und Gazastreifen, die Intifadas. So ist der dritte Band mehr als die beiden Vorgänger Kriegsberichterstattung, und die Hoffnungszeichen sind spärlich und vor allem nicht von Dauer. Dass David B. dafür harte Schwarzweiß-Kontraste wählt, ist nur zu verständlich. Mit diesem Stil wurde er berühmt, und seine opulente Farbpalette hat er jenen Projekten vorbehalten, die einen märchenhaften Orient präsentieren: „Les Chercheurs de trésor“ zum Beispiel oder die jüngst entstandene „Tausendundeine Nacht“-Adaption „Hasib et la Reine des serpents“.

Denn David B. ist ein Künstler, ein Erzähler, der nie schwarzweiß denkt, auch wenn er so zeichnet. Von ihm lernt man so viel über Ästhetik, Mentalität und Geschichte des Orients, dass man ihn zumindest allmählich mal irgendwo als Ehrendoktor erwägen sollte. Wenn’s schon nicht für einen der klassischen Literaturpreie reicht.

12. Dez. 2016
von Andreas Platthaus

0
622

     

05. Dez. 2016
von Andreas Platthaus
1 Lesermeinung

2
989
     

Wissenschaft als Comic

Universitäten sind für die erstaunlichsten Dinge gut. Das wissen seit einiger Zeit auch Comicleser, denn aus den deutschen Illustrationsklassen kommen einige der erfreulichsten deutschen Comics der letzten Jahre. Ob es Zeitschriften wie „Orang“ (HAW Hamburg), „Triebwerk“ (Universität Kassel) oder „Strichnin“ (Hochschule Augsburg) sind; ob man wunderbare Einzelbände nennt, die aus Kursen hervorgegangen sind wie etwa ATAKs Veranstaltung an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle, die uns Alexandra Rüglers illustrierte Version von Patricia Highsmiths Roman „Der talentierte Mr Ripley“ beschert hat; ob es Jungstars oder bereits Etablierte wie Aisha Franz (Kassel), Anna Haifisch (Leipzig), Max Baitinger (Leipzig), Sascha Hommer (Hamburg) und noch viele, viele mehr sind; oder ob wir Anthologien nehmen wie etwa die vor einem halben Jahr an dieser Stelle (http://blogs.faz.net/comic/2016/06/28/grandhotel-als-fluechtlingsmodell-887/) gewürdigten „Geschichten aus dem Grandhotel“ (Augsburg) – man könnte schier endlos weiter aufzählen. Aber besser ist, sich einzelne Publikationen genauer anzusehen.

Zur letztgenannten Gruppe, der der Anthologien, zählt ein Band, der sich mit einem quasi selbstreferentiellen Thema befasst: einer Art Hochschule, die jedoch einen höchst dubiosen Ruf genießt, nämlich der Kolonialschule in Witzenhausen. Die wenigsten werden überhaupt gewusst haben, dass es diese Schule in der Nähe von Kassel einmal gab. Sie existierte von 1898 bis 1944, war also eine Gründung des Kaiserreichs, das dort sein deutsches Personal für die Kolonien ausbilden lassen wollte, und eine Schließung der Nazis, die aber durch den Krieg dazu gezwungen wurden, nicht durch bessere Einsicht. Im Gegenteil: Witzenhausen passte vom Lehrplan her perfekt zum deutschen Überlegenheitsgefühl, aber 1944 wurde wohl auch langsam klar, dass es mit Kolonien fürs Reich nie mehr wieder etwas werden würde. Es war der geringste Verlust jener Jahre.

Die Grundstücke und Gebäude wurden nach 1945 von der landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Kassel weitergenutzt, und deren Studenten haben sich nun mit den Kommilitonen der auch in Kassel angesiedelten Illustrationsklasse von Hendrik Dorgathen und Geschichtsstudenten zusammengetan, um dieses heikle Stück eigener Institutionengeschichte aufzuarbeiten. Herausgekommen ist nicht nur eine Reihe gründlicher historischer Studien, sondern auch eine Publikation namens „Raus rein“, die Texte und Comics versammelt, die sich mit der Kolonialschule in Witzenhausen beschäftigen.

So lesenswert die Texte sind, interessieren hier doch vorrangig die Comics, und schon die Tatsache, dass der Berliner Avant-Verlag den Band ins Programm genommen hat, zeigt, dass hier Qualität geboten wird. Eigentlich müsste es als Beleg für die Qualität des Buchs genügen festzustellen, dass sich in „Rein raus“ der erste längere Comic von Hendrik Dorgathen seit Jahren findet: „Drei Schädel in Witzenhausen“, eine sechsseitige Recherche über Bestände der Asservatenkammer. Wo der Professor mit gutem Beispiel vorangegangen ist (er gestaltete auch eine „Kolonialismus Mindmap“, der man die verschiedenen Schlagworte einer untergegangenen Wissenschaft, deren Vorurteile leider immer noch aktuell sind, ablesen kann, und einen Prosatext, der die eigene Herangehensweise bei dem sechsseitigen Comic legitimiert), haben die Studenten eifrig nachgelegt. Florian Biermeier, Anne Zimmermann, Adrian Richter, Elena Seubert, Caroline Godglück und Carina Riemenschneider haben in jeweils ganz unterschiedlichen Stilen weitere Kurzcomics auf Grundlage der mehrsemestrigen Recherchen gezeichnet, und Carmen José hat eine illustrierte Geschichte über die Tropenhäuser in Witzenhausen geschaffen, die zwar kein Comic ist, aber dennoch lesenswert – man meint sich teilweise in Bilder des französischen Künstlers Sam Szafran versetzt (beim Thema Treibhäuser auch nicht verwunderlich).

Das Buch ist aber nicht nur ein Schaukasten für die Vielfalt graphischer Techniken (die in der Leseprobe des Verlags – http://www.avant-verlag.de/comic/raus_rein – schön veranschaulicht wird) und Darstellungsweisen, sondern auch eine Fundgrube für Material zur Witzenhausener Schulgeschichte. So gibt es Fotos, die den heutigen Zustand des Areals ebenso wiedergeben wie dort noch erhaltene Ausstattungsstücke oder Lehrmaterialien inklusive derart heikler Gegenstände wie eben Dorgathens drei Schädel. Man hat mit „Rein raus“ viel zu sehen und viel zu lesen, denn es ist ja keine durchgängige und auf bloße Anschaulichkeit getrimmte Comicpublikation, sondern auch wissenschaftliche Arbeit, und das bekommt zwar nicht jedem Text gut, aber dadurch erhalten die Comics einen Anspruch, der in dieser Branche nicht alltäglich ist. Und es wird der Beweis geführt, dass Comics durchaus zur wissenschaftlichen Arbeit taugen. Mehr als das: Sie machen die wissenschaftliche Arbeit leichter kommensurabel. Mal sehen, wie es auf diesem verheißungsvollen Weg an deutschen Hochschulen weitergeht.

05. Dez. 2016
von Andreas Platthaus
1 Lesermeinung

2
989

     

28. Nov. 2016
von Andreas Platthaus

0
18668
     

Die zwei Asterix-Arbeiten des Uderzo

Das ist auch schon wieder vierzig Jahre her. Damals kam „Asterix erobert Rom“ in die Kinos, ein Trickfilm, der im Gegensatz zu den beiden zuvor erschienenen „Asterix“-Filmen nicht auf ein existierendes Album zurückging, sondern eigen fürs Kino geschrieben worden war, und zwar von René Goscinny persönlich. Was das hieß, war mir damals gar nicht klar, denn als Zehnjähriger denkt man nicht darüber nach, dass die Zeit von Menschen begrenzt ist. Goscinny schrieb wie ein Wahnsinniger an „Asterix“, „Lucky Luke“ und „Isnogud“, und dass er einfach noch ein Drehbuch zwischenschieben konnte, bei dem Film Co-Regie führte und dann noch den Text zu einem Bilderbuch daraus machte, das schien mir ganz normal. Ein Jahr später war der nimmermüde Goscinny tot.

Hätte er doch die Zeit, die der Film kostete, lieber noch auf ein normales „Asterix“-Album verwendet! Meinethalben sogar mit er Geschichte von „Asterix erobert Rom“, den die ist so übel nicht. Nach dem Vorbild der Arbeiten des Herkules (im französischen Original heißt der Film auch „Les douze traveaux d’Astérix“) müssen die gallischen Helden von Caesar gestellte Aufgaben bewältigen. Schaffen Sie es, will der römische Herrscher sie als Götter anerkennen und in Frieden lassen, versagen sie, müssen sie sich samt ihres ganzen Dorfes Rom unterwerfen. I Deutschland wollten das damals mehr als sieben Millionen Zuschauer sehen, mehr als drei Mal so viele wie in Frankreich. Dabei dürfte niemand überrascht gewesen sein, wie die Sache ausgeht: Am Ende ist Caesar Privatmann.

Das wäre der Comic geworden, mit dem Goscinny die „Asterix“-Serie zu einem Abschluss hätte bringen können, und deshalb wurde es auch kein Comic. Oder nur ein seltsamer, denn für französische Zeitungen wurde „Asterix erobert Rom“ tatsächlich als Comic-Strip umgesetzt, allerdings nicht vom etatmäßigen Zeichner Albert Uderzo, sondern von dessen Bruder Marcel, der die Sache gar nicht übel löste, allerdings mit der Ausnahme von vier Seiten nur in Schwarzweiß. Auf Deutsch ist ein Großteil der insgesamt 35 Seiten damals in der Fachzeitschrift „Comixene“ erschienen, also quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Aber es kam 1976 auch ein Album in den Handel, im üblichen Großformat und in prächtigen Farben, 58 Seiten stark, gezeichnet von Albert Uderzo. Nur war das die Geschichte, die ich eben „Bilderbuch“ genannt habe. Für dieses „große Buch zum Film“ hatte Goscinny den halbdialogischen Text verfasst und Albert Uderzo insgesamt 110 Illustrationen angefertigt, darunter einige, die wie Comicsequenzen funktionierten, allerdings jeweils ohne Sprechblasen.

Was Albert Uderzo vierzig Jahre später dazu getrieben hat, just diese Geschichte noch einmal ganz neu zu illustrieren, weiß Teutates. Jedenfalls ist jetzt noch einmal als „Album zum Film“ ein Heft erschienen, das zwar „Asterix erobert Rom“ heißt und dieselbe Geschichte erzählt, aber weder textlich noch graphisch mit dem Band von 1976 übereinstimmt. Der Text, so ist es auf dem Titelbild vermerkt, ist nach dem Szenario von René Goscinny bearbeitet – die zuvor prägenden Dialogpassagen sind beseitigt, es gibt nur noch gelegentlich wörtliche Rede. Wer hier am Werk war, wird verschwiegen. Neu übersetzt worden ist das alles jedenfalls auch. Die Zeichnungen wiederum sind auf sechzig eingedampft worden, darunter nur noch zwei-, dreimal Sequenzen, ansonsten meist eine große Illustration pro Doppelseite, weshalb der Umfang jetzt auch satte achtzig Seiten beträgt. Da der deutsche Verlag sich eine Leseprobe schenkt, sei auf den französischen verwiesen, der immerhin einiges Material zugänglich macht: http://www.asterix.com/la-collection/les-albums-de-films/les-douze-travaux-d-asterix.html.

Orientiert hat sich Uderzo größtenteils an den Zeichnungen von damals; sie hat er in den weichen, dreidimensional wirkenden Stil seines Spätwerks versetzt. Wobei dies hier ein Spätestwerk ist, denn Uderzo wird im nächsten Jahr neunzig, und dass er jemals wieder selbst eine solche Herkulesaufgabe angehen würde, dürfte niemand geglaubt haben. Er selbst nennt als Grund im Vorwort, dass das Drehbuch seines Freundes Goscinny einen „würdigen Rahmen“ verdient habe, aber ob die heutigen Bilder würdiger sind als die von 1976 ist Geschmackssache. Entdeckungen lassen sich jedenfalls kaum machen, denn im Großen und Ganzen hat Uderzo nur das, was wir schon kannten, noch einmal neu gezeichnet.

Immerhin gibt es eine schöne Hommage an René Goscinny, der als Werbeträger in einem U-Bahnhof auftaucht (eine der Aufgabe für Asterix und Obelix besteht darin, dass sie die Höhle einer Bestie erforschen sollen, in der sie kurzfristig in die Moderne transportiert werden). Und die auf Doppelseiten kaprizierte Gestaltung sogt bei etlichen Motiven für mehr Detailreichtum und spektakulärere Dramaturgie. Aber das macht den Verlust an klarer Linie, den Uderzo mit seiner späten Liebe zu Plastizität Farbverläufen erzwingt, nicht wett. Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass der Band als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für den Koloristen Thierry Mébarki gedacht ist, der als vom Meister präferierter Nachfolgezeichner bei den neuen „Asterix“-Comics durch Didier Conrad abgelöst wurde, weil er mit dem neuen Szenaristen Jean-Yves Ferri nicht zurechtkam.

Und so liest man auch das überschwengliche Lob Uderzos auf den verstorbenen Goscinny unwillentlich als einen Hieb gegen Ferri, der dessen Erbe als Szenarist angetreten hat (und das von Uderzo selbst, denn leider hatte der sich ja neun Alben lang auch als Autor betätigt). Da der Vorgängerband von 1976 aber längst vergrffen ist und nie wieder aufgelegt wurde, ist die umgearbeitete Version eine sinnvolle Ergänzung der „Asterix“-Reihe. Ein simpler Nachdruck wäre zwar zufriedenstellender gewesen. Doch das reichte Herrn Uderzo leider nicht. Wer hätte gedacht, dass der alte Mann noch so viel Glut in sich hat?

28. Nov. 2016
von Andreas Platthaus

0
18668

     

14. Nov. 2016
von Andreas Platthaus
1 Lesermeinung

0
980
     

Bhagwan-Berlin

Wer schon zwei Jahre nach einem umfangreichen Comicalbum eine genauso umfangreiche Fortsetzung folgen lässt, der hat etwas Großes vor. Zumal wenn der erste Band, „Gleisdreieck“, den Untertitel „Berlin 1981“ trägt und nun unter dem neuen Band „Westend“ steht: Berlin 1983“. Da zeigt sich ein Programm, das der Szenarist Jörg Ulbert und der Zeichner Jörg Mailliet gemeinsam verfolgen, und man darf nur hoffen, dass es in der Chronologie noch weiter gehen wird (die Abfolge darf übrigens gern noch dichter werden; warum denn ein Jahr überspringen?).

Ob es allerdings über die achtziger Jahre hinausgehen kann, ins wiedervereinigte Berlin hinein, darf man bezweifeln, denn zu bedeutsam ist die spezifische Insel-Lage West-Berlins für die Geschichten, die Ulbert erzählt. Das war schon beim ersten Band so, der wie auch nun der zweite zunächst für den französischen Comicmarkt geschrieben wurde, und zwar jeweils unter dem Titel „Le Théorème de de Karinthy“. Was diese rätselhafte Bezeichnung bedeutet, habe ich schon vor zwei Jahren an dieser Stelle in meiner Würdigung der französischen Originalsaugabe erklärt (http://blogs.faz.net/comic/2014/04/07/zeitreise-den-berliner-terrorismus-488/), und immer noch gilt, dass die Stimmung in der Westhälfte der geteilten Stadt das zentrale ästhetische Motiv dieses Comics ist: die Isolation, das heruntergekommene Stadtbild, die quicklebendige Untergrund-Kultur in Politik wie Nachtleben, kurz: das ganze Lebensgefühl in West-Berlin. Diesmal ist der deutsche BerlinStory-Verlag den französischen Kollegen von „Des ronds dans l’O“ bei der Publikation aber zuvorgekommen. Eine Leseprobe bieten sie nicht an, aber das französische Amazon (https://www.amazon.fr/Westend-Berlin-1983-J%C3%B6rg-Ulbert/dp/3957230985/ref=sr_1_cc_2?s=aps&ie=UTF8&qid=1479115703&sr=1-2-catcorr&keywords=J%C3%B6rg+Ulbert) bietet ein paar Seiten aus der deutschen Fassung für ungeduldige Leser im Nachbarlan. Bestellen kann man es dann ja im normalen Buchhandel …

Einige der Hauptfiguren aus „Gleisdreieck“, der seinen Gegenstand im Linksterrorismus und den Infiltrationen dieser Szene durch die Polizei und Geheimdienste gefunden hatte, stehen nun wieder im Mittelpunkt, vor allem der untersetze Otto, der mittlerweile den Weg vom Linksextremismus zur Esoterik gegangen hat und seine Spitzeldienste in der Gemeinde des indischen Predigers Bhagwan leistet. Manch einer täuscht sich in ihm, denn in den violetten Gewändern und  dem scheinbar ungelenken Körper steckt ein im wörtliche Sinne schlagkräftiger Mann. Im Auftrag des beim Bundeskriminalamt beschäftigten Ermittler-Veteranen Friedrich Wittin bemüht sich Otto, dem abgetauchten Sohn eines Berliner Kammerrichters auf die Spur zu kommen, der diesen diskreten Hilfsdienst dann mit wohlgefälligem Verhalten im Gerichtssaal belohnen will. Denn dort steht ein Urteil über die Aktivitäten verdeckter Ermittler des Berliner Verfassungsschutzes an – eine Behörde, mit der Wittin und sein Amt in dieser Sache über Kreuz liegen. Die Staatsorgane arbeiten also jeweils mit dubiosen Tricks gegeneinander.

Ulbert und Mailliet haben ihren fiktiven Fall wieder mitten ins historische Zeitgeschehen verlegt, denn diese Gerichtsverhandlungen gegen V-Leute hat es im Berlin der siebziger und achtziger Jahre immer wieder gegeben – und ganz geklärt wurden die ihnen zur Last gelegten Morde und Mitwisserschaften darum nie. Das macht wie schon in Band 1 die politische Komponente auch im zweiten Teil der „Berlin“-Serie aus. Man staunt, wie intensiv die beiden heute in Frankreich lebenden Autoren, die allerdings beide das Berlin jener Jahre erlebt haben, für diese Hintergründe recherchiert haben. Und dadurch, dass Mailliet in seinen Panels wieder eine Straßenszene nach der anderen höchst ortsgetreu ins Bild setzt, erreicht auch dieser Band wieder eine Authentizität, die im Comic nicht alltäglich ist.

Die Geschichte verlangt Aufmerksamkeit, um den vielfachen Wendungen gerecht zu werden, und auch die Seitenarchitektur ist höchst ausgefuchst, denn auch wenn alles in Panels unterteilt ist, ziehen sich etliche Bilder doch über mehrere davon hin, so dass man erst in der Gesamtschau der Seite das eigentliche Bild erklärt. Köpfe, die halb angeschnitten rechts am Bildrand stehen, werden dann im Folgebild links um die fehlende Hälfte ergänzt, und alle solchen optischen Tricks dienen nicht einem Spektakel, sondern haben inhaltliche Notwendigkeit – sei es, dass etwas im Hintergrund passiert, was die Verschiebung des Fokus erfordert, sei es, dass gerade in einem Bild nicht gezeigt werden soll, was gerade geschieht, weshalb sich die Perspektive ändern muss. Einzig die Farben sind nach wie vor gewöhnungsbedürftig: der Stimmung entsprechende abgeschattete matte Farben, die zu sehr die Computerkolorierung erkennen lassen, unter der dann der penible Strich von Mailliet verschwindet, den man auf den in Schwarzweiß gehaltenen Kapitelvorsatzzeichnungen noch so schön erkennen kann.

Doch was da alles aus den Kulissen gezerrt wird, gleicht solche kleinen Mängel aus: Man erfährt, was die Bhagwan-Sekte und die Gäste in deren Diskotheken für Interessen verfolgten (wobei die Pauschalierung der Aussagen darüber nicht mit meiner eigenen Erfahrung als Mitte der achtziger Jahre einigermaßen regelmäßiger Besucher der Kölner Bhagwan-Disco übereinstimmt, aber gerade dass plötzlich auch andere Facetten einer vertraut scheinenden Institution plausibel werden, zeigt die Stärke der Recherche, die in „Westend“ eingeflossen ist). Und die dubiosen Praktiken von Anwälten, Ermittlern, Spontis und Kriminellen erscheinen hier als so ununterscheidbar, wie sie es damals wohl auch tatsächlich gewesen sind. Die Benennungen der Einzelbände nach Berliner S-Bahnhöfen lässt noch viele Optionen offen. Hoffen wir, dass Ulbert und Mailliet das Streckennetz Stück für Stück komplettieren.

 

14. Nov. 2016
von Andreas Platthaus
1 Lesermeinung

0
980