Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

24. Apr. 2017
von Andreas Platthaus
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Neigen Sie zum Lachen?

Vergangenen Monat war ich in Leipzig beim Millionaire’s Club. Das ist – die Leser meines Blogeintrags von Ende März werden es noch wissen, sonst hier nachlesen: http://blogs.faz.net/comic/2017/04/03/masse-machts-nicht-immer-die-messe-bringts-1004/) – nicht ganz das, was der Name verheißt, aber reichere Eindrücke kann man kaum irgendwo finden. Denn einige Dutzend Kleinverleger aus der ganze Welt haben dort ihre Comics präsentiert, und Kleinverlag heißt zwar manchmal auch Kleinauflage, doch da man die Dinge fast nirgendwo sieht, sind sie im Regelfall recht lange zu bekommen.

Ob das auch für das wunderbare Heft „Neigen Sie zum Weinen?“ gilt, das ich im Millionaire’s Club entdeckt habe und das die Hamburger Zeichnerin Jul Gordon in einer Auflage von gerade einmal sechzig Exemplaren in der von ihr und Sascha Hommer begründeten Reihe „Kontaktcenter“ herausgebracht hat, muss man auf deren Netzseite überprüfen. Dort kann man sich auch ein paar Seiten daraus ansehen: http://kontaktcenter.tumblr.com/kc009. Klar ist sofort, dass man es hier mit einem mehrdimensionalen Spiel zu tun hat: Satire, Hommage, Appropriation, Adaption – man könnte die kleine Geschichte in viele Genres stecken. Der schöne Tim-Kopf des Covers kehrt in dieser akribischen Gestaltung im Inneren nie mehr wieder, aber Tim tut es, und zwar als winzige Figur in der Rolle eines Psychologen, der auf einem großen Bühnenbild, das bei Jul Gordon zugleich die ganze Welt ihrer Geschichte ist, eine andere Figur befragt, die das genaue Gegenteil des Hergé-Helden ist: heruntergekommen, übergewichtig, rauchend, ältlich, verlottert. Allein diese Paarung ist schon ein Vergnügen.

Besonders sehenswert aber sind die von Jul Gordon gewählten Farben, denen die digitale Darstellung nicht gerecht wird. Es sind blasse Pastelltöne, vor allem rosa, hellblau und beige, die dem Geschehen nicht nur eine nostalgische Anmutung verschaffen, die natürlich die Verwendung der Comiclegende Tim als Hauptfigur noch konsequenter macht, sondern auch die Künstlichkeit der Konstellation ein weiteres Mal betonen, die ja schon durch den Protagonistenkontrast und die Bühnensimulation vorgegeben ist. Man könnte von einem graphischen Versuchsaufbau spreche, der sich bemüht, so viele Assoziationen wie möglich aus den unterschiedlichsten Kunstbereichen abzurufen, um dann eine Geschichte zu erzählen, die bewusst pointenlos erschient, das aber keinesfalls ist, denn wie am Ende buchstäblich alles dekonstruiert ist, was man vorher gesehen hat, dass ist eine der überzeugendsten Auflösungen, die man sich vorstellen kann.

Nacherzählen lässt sich nicht, was in „Neigen Sie zum Weinen?“ geschieht. Man muss es miterleben, denn schon wie das streng geometrisch-exakt gezeichnete Dekor des Bühnenbildes mit den bewusst einfach-spontan gehaltenen Figuren kontrastiert, ist bemerkenswert. Tim als Inbegriff der Klaren Linie wird da nicht nur mit seinem schluffigen Gesprächspartner konfrontiert, sondern auch mit einer im Stil früher Zeitungscomics-Figuren gehaltenen Dame (deren Faust bei einem kurzen Gewaltexzess Ausmaße annimmt, die sie als Enkelin von Olive Oyl aus „Popeye“ legitimieren) und einigen Stichmännchen, die als Bühnenhandlanger nur sporadisch auftreten. Und dann gibt es noch einen ächzenden Herrn im Independent-Stil eines Joe Matt, der die erstaunlichsten Ortswechsel auf der Bühne vornimmt. Man könnte das Ganze als große Beckett-Inszenierung eines Comics betrachten – und angesichts der Angemessenheit dieses Zusammenspiels noch einmal Tränen darüber vergießen, dass aus der vor ein paar Jahren geplanten „Godot“-Adaption durch Nicolas Mahler aus rechtlichen Gründen nichts geworden ist. Beckett ist wie gemacht für Comics. Aber gut, er hat eben Theater gemacht und keine Comics. Daran fühlen seine Erben sich gebunden.

Wenn man aber wie Jul Gordon den Beckettschen Geist des Absurden so kongenial aufzunehmen versteht, dann wird wenigstens dessen Genie noch nutzbar gemacht für eine Erzählform, die alles bieten kann, weil sie so scheinbar simpel ist. Und dabei so erstaunlich komplexe Resultate hervorbringt. Sechzehn Seiten ist „Neigen Sie zum Weinen?“ nur lang. Aber das Heft bietet Lektüre für Jahre.

24. Apr. 2017
von Andreas Platthaus
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19. Apr. 2017
von Andreas Platthaus

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Ein Krimi von höchsten Gnaden

Vor kaum einem Monat habe ich an dieser Stelle einen spanische Comic empfohlen („Ich habe Wale gesehen“, erschienen bei der Edition Moderne), den Lea Hübner in die Schweiz vermittelt und auch gleich ins Deutsche übersetzt hatte. Nun kommt beim Berliner Avant Verlag schon ihre nächste Entdeckung, allerdings diesmal kein spanischer Titel, sondern ein brasilianischer. Also eine andere Sprache – Portugiesisch statt Spanisch -, aber wieder im Ursprungsland aufgespürt, hierher vermittelt und übersetzt von Lea Hübner. Und als wäre das nicht schon einigermaßen beeindruckend, hat Frau Hübner gleich noch ein drittes Mal empfehlend und übersetzend zugeschlagen: mit dem im mir bislang unbekannten Verlag Bahoe Books aus Wien gerade publizierten Comic „Cumbe“, auch er brasilianischer Herkunft. Man fühlt sich als literaturinteressierter Mensch an Michi Strausfeld erinnert, die legendäre Literaturwissenschaftlerin, Lektorin und Übersetzerin, die von den siebziger Jahren an bis zum Wechsel in en Ruhestand 2016 quasi im Alleingang die lateinamerikanische Literatur nach Deutschland brachte. Nur eine ihrer spektakulären Entdeckungen sei genannt: Isabel Allende.

Mit Auflagenzahlen, wie die argentinische Bestsellerautorin sie erreicht, brauchen wir bei Comics nicht zu rechnen. Wenn sich ein paar tausend Leser für die drei neuen Comics finden, wäre das schon sensationell; realistisch dürften es eher ein paar hundert sein. Dabei hätten sie alle drei großes Publikum verdient, wobei man sagen muss, dass der Avant Verlag sich eindeutig den besten herausgepickt hat, noch stärker als „Ich habe Wale gesehen“. „Cumbe“ dagegen, geschrieben und gezeichnet von Marcelo D’Salete, einem siebenunddreißigjährigen Autor aus Sao Paulo, ist ein eher spröder Schwarzweißcomic im typisch südamerikanischen Stil (wenn man das einmal kontinentweise über einen Kamm scherendarf), wie ihn José Munoz bekannt gemacht hat. In vier Kurzgeschichten – eine davon gibt dem Buch auch seinen Titel – wird von Sklavenschicksalen im Brasilien des neunzehnten Jahrhunderts erzählt. Junge Schwarze, die man aus ihrer afrikanischen Heimat verschleppt hat, suchen ihre Freiheit – sei es nicht gleich durch Flucht, dann wenigstens durch die Pflege ihrer Traditionen.

Das ist ein ehrenvoller Stoff, und wer weiß in Deutschland schon, dass die Bedingungen der schwarzen Sklaven in Lateinamerika genauso schlecht waren wie in den Südstaaten der USA. Aber die Geschichten sind doch alle nach einem Schema konzipiert, und die Graphik von D’Salete ist wenig originell. Zudem schwankt die Druckqualität des Bandes; einzelne Seiten weisen nur ein mattes Schwarz auf. Der junge Verlag aus Wien muss offenbar noch etwas Praxiserfahrung sammeln. Das gilt auch angesichts des Versäumnisses, eine Leseprobe ins Netz zu stellen, mehr als http://www.bahoebooks.net/start_de.php?action=201&id=55 gibt es nicht, und die Website des Zeichners erweist sich als zumindest für meinen Computer unzugänglich. Auch wird der Verlag irgendwann merken, dass das umfangreiche Glossar, das Lea Hübner erstellt hat, um die Fachtermini zum afrosüdamerikanischen Leben zu erläutern, und die Bibliographie an den meisten Comiclesern vorbeigehen, sie vielleicht sogar abschrecken.

Was D’Saletes Buch auszeichnet, ist sein anspruchsvolles, weil nur wenig auf Dialoge gestütztes Erzählen. Symbole und kleine Details sind für die Lektüre von „Cumbe“ wichtig; an der – auch moralischen – Schwarzweißzeichnung sollte man sich nicht irritieren lassen; es geht bunter zu, als es aussieht. Aber hier haben wir es doch mit einem Liebhaberprojekt zu tun, dass politisch Verdienste hat, ästhetisch oder erzählerisch weniger. Kein Vergleich mit „Ich habe Wale gesehen“.

Oder eben gar mit „Tungstênio“, dem zweiten von Lea Hübner für Avant gewonnenen Comic. Ob es sinnvoll ist, die Originaltitel zu belassen, durfte man sich schon bei „Cumbe“ fragen; bei „Tungstênio“ ist es eindeutig Unsinn, denn wie man winzig klein aus dem Impressum erfährt, ist dieser Begriff das brasilianische Wort für das Metall Wolfram. Nicht, dass ich erwartete, mit „Wolfram“ viele Leser locken zu können, vielleicht würde der Titel sogar bisweilen als Vorname missverstanden, aber warum man ein völlig unverständliches Wort belässt, ist mir schleierhaft. Zumal man diesem Comic so viele Leser wie nur möglich wünscht.

Warum? Weil Marcello Quintanilha, 1971 in Brasilien geboren, aber heute in Barcelona lebend, packend erzählt. Und klug. Die ganze Handlung seines Comics spielt sich an einem einzigen Tag überwiegend am Strand der brasilianischen Stadt Salvador da Bahia statt, der drittgrößten Metropole des Landes nach Sao Paulo und Rio de Janeiro, mit immerhin etwas mehr als zweieinhalb Millionen Einwohnern. Dort treffen zehn Hauptprotagonisten aufeinander: zwei illegale Dynamitfischer etwa, die von einem pensionierten Armeesergeanten beobachtet werden, der sich mit einem jungen Dealer trifft, der als Einzelkind bei seiner verwitweten Mutter lebt und Spitzel für einen Polizisten arbeitet, der mit zwei Freunden gerade das süße Leben am Meer genießt, während seine Frau über eine endgültige Trennung nachdenkt und einer Freundin davon im Bus erzählt. Schon sind die zehn Figuren beisammen, doch wie sie zueinander stehen, das erfährt man erst im laufe der ganzen 180 Seiten, die man mit immer mehr Spannung liest.

Denn „Tungstênio“ ist ein Krimi, ganz buchstäblich – es geht um Polizeiarbeit und Drogenhandel und Körperverletzung, und jeder Mann in diesem Comic hat Dreck am Stecken. Die drei Frauen dagegen nicht, sie kommen eher wie Heilige daher oder große Dulderinnen, und da ist der Autor Quintanilha ganz Macho. Geschenkt, das kennen wir aus dem Hardboiled-Genre, dem sein Comic angehört. Wobei niemand stirbt, obwohl man das oft befürchten muss, aber es braucht keine Leichen, um Dramatik zu erzeugen. Das tut das in zahlreiche Parallelhandlungen aufgebrochene Handlung schon zur Genüge. Und ein paar Rückblicke, die sich in den Köpfen der Figuren abspielen, aber für uns sichtbar werden, runden das große Puzzle erst ab.

Quintanilha zeichnet konventionell, nur in Schwarzweiß mit Graustufen, wobei sein Titelbild zeigt, wie gut das Ganze auch in Farbe ausgesehen hätte (beides kann man sich hier als Leseprobe ansehen: http://www.avant-verlag.de/comic/tungstenio). Hier gibt es sehr viel Text, und es dürfte einige Mühe gekostet haben, nicht nur den jeweiligen Jargon der Protagonisten ins Deutsche zu bringen, sondern auch die spezifische brasilianischen Redearten. Gut, dass hier kein Glossar ergänzt wurde, denn das hat uns mutmaßlich etliche brasilianische Brocken in den Dialogen erspart, und die Geschichte wirkt trotzdem ganz authentisch, gerade auch im Klang der Stimmen.

Besonders meisterhaft aber ist die Inszenierung der Kulisse. Die wichtigsten Ereignisse spielen sich im Schatten einer kleinen alten Festung hoch über dem Strand ab, und wie wir sie als ständigen Bezugspunkt gleich zu Begin gezeigt bekommen und uns ihr dann ständig nähern, bis wir sie aus Vogelperspektive umkreisen und alle Seiten vorgeführt bekommen, das ist große visuelle Erzählkunst. Zudem bricht Quintanilha mit fester Seitenarchitektur und setzt einzelne Panel sehr nahe aneinander oder verschiebt sie zueinander, so dass auch die Gesamterscheinung des Comics jene stete Unruhe vermittelt, die in der Geschichte herrscht. Etwas über den genauen Verlauf aneutet, würde ihren Zauber vermindern – wenn man bei solch tristen Verhältnissen, wie sie hier herrschen, von Zauber sprechen kann. Aber erstaunlicherweise lässt der Schluss den meisten Figuren ihr kleines bisschen Glück, und sei es auch nur, dass sie wider Erwarten überlebt haben. Wir aber wollen mehr Comic-Überraschungen dieser Art erleben. Lateinamerika scheint noch einiges zu bieten zu haben. Möge Lea Hübner weitersuchen. Und die Verlage bei der Stange bleiben.

19. Apr. 2017
von Andreas Platthaus

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10. Apr. 2017
von Andreas Platthaus

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Kant aus höchstpersönlicher Sicht

Vor einem halben Jahr bekam ich einen Auszug aus diesem Comic über Immanuel Kant zu Gesicht. Ich staunte, und wie ein alter griechischer Denker lange vor Kant gesagt hat, beginnt mit dem Staunen die Philosophie. Worüber staunte ich? Über die formale Strenge der Geschichte, die mit akribisch gezeichneten Schwarzweißbildern arbeitet, in denen als einzige Zusatzfarbe ein höchst ungewöhnliches Gelb auftaucht. Gelb deshalb, weil überliefert ist, dass Kant gerne gelbe Oberbekleidung Rock trug – wie man sein striktes Festhalten an Gewohnheiten kennt, tat er das auch schon vor dem Werther-Fieber, das gelbe Westen in ganz Europa populär machte. Aber Gelb im Comic auch, weil Kant der deutsche Philosoph der Aufklärung ist, und wenn man diese Helligkeitsmetapher (die in anderen Sprachen – siècle de lumière, enlightenment – noch markanter ist) verbildlicht, dann bietet sich eine entzündete Kerzenflammen an, also wieder Gelb. Und so, mit der Entzündung einer Kerze und ihrem Lichtschein im Dunkel, beginnt denn auch der Comic.

Klug also, durchdacht, erhellend. Wie man es beim Thema Kant erwarten muss, wenn aus seinem Leben nicht ein weiterer der allzu häufigen gezeichneten Lebensläufe werden soll, die ihren biographischen Gegenstand banalisieren und damit dessen Leistung diskreditieren. Nun dürfte es kaum ein größeres Problem geben, als Philosophiegeschichte im Comic darzustellen, man schaue sich nur den vor ein paar Jahren erschienenen Band „Logicocomix“ an, in dem Bertrand Russells Leben und Denken derart schrecklich bebildert worden ist, dass man kaum noch hinsehen mochte. Und Russell lesen schon mal gar nicht.

Philosophieren dagegen können Comics gut, wenn deren Autoren selbst es verstehen. Das schönste Beispiel, das ich kenne, ist Lewis Trondheims nur dreiseitige autobiographische Geschichte „Journal du Journal d’un Journal“ über den Versuch, eine Mise-en-abyme zu zeichnen. Bitte jetzt keine Frage, was eine Mise-en-abyme ist. Einfach Trondheim lesen (wobei es schwer sein dürfte, das Heft der Anthologie „Lapin“ zu finden, in dem das kleine Meisterwerk erschienen ist; übersetzt hat’s natürlich wieder niemand).

Wird im Kant-Comic philosophiert? Ja, allerdings nicht mit Kantschem Anspruch. Der hatte aber ohnehin Schwierigkeiten mit Anschaulichkeit, auch wenn seine dritte Kritik (die der Urteilskraft) sich ästhetischen Phänomenen widmet. Aber sie tut es denkbar abstrakt, keine Rede von der Konkretion am Werk, wie sie später etwa bei Hegel oder Adorno erfolgen sollte, die beide auf Kants Erkenntnissen ihre jeweilige Systemphilosophie errichteten. Aber der Comic behauptet auch nicht, über Philosophie zu sprechen, er nimmt trotz allen Risiken die Persönlichkeit von Kant in den Blick. Du noch einen zweiten Mann aus dessen Umfeld. Deshalb heißt der Band „Lampe und sein Meister Immanuel Kant“.

Lampe, das ist natürlich ein grandioser Name für einen Angestellten des großen Aufklärers – der Weltgeist lässt grüßen. Der 1734 geborene Würzburger war zehn Jahre jünger als Kant und fungierte in dessen Königsberger Haushalt als Diener, der sich um alles außer Kochen zu kümmern hatte. Vor allem oblag es ihm, den strikt geregelten Tagesablauf des Philosophen zu organisieren. Man könnte mit einem schiefen Bild sagen: Martin Lampe hielt Kant den Rücken frei, damit der sich den Kopf über die Welt zerbrechen konnte. Leider war Lampe ein Trinker, weshalb Kant ihn nach vierzig Dienstjahren entließ. Trotzdem dürfte er dank den Aufzeichnungen seines Arbeitgebers das berühmteste Faktotum der Philosophiegeschichte sein.

Konkret weiß man wenig über ihn, aber so ziemlich alles, was man weiß, geht in den Comic ein. Wobei Kant darin die deutlich größere Rolle spielt, denn über ihn ist naheliegenderweise noch mehr bekannt. Seine Marotten etwa wie der Hass auf den krähenden Hahn des Nachbarn, seine Liebe zum heimischen Königsberg, aus dem er sich nie länger wegbewegt hat, die Objekte, die er besaß. Doc alles, was man weiß, wird uns hier wie zum ersteh Mal gezeigt, weil dafür Darstellungen gewählt werden, die sich graphisch festsetzen: durch detailreiche Doppelseiten, Bildmetaphern, Zoomeffekte und was die Erzähltechnik des Comics so alles hergibt.

Nun werden Sie sich fragen, warum nicht längst die Rede vom demjenigen ist, der diesen Comic gezeichnet hat. Das hat mit dem Staunen zu tun. Denn der eingangs erwähnte Auszug von „Lampe und sein Meister Immanuel Kant“ erreichte mich ohne Autorennennung. Da macht man sich sein eigenes Bild, und meines gaukelte mir einen Zeichner vor. Warum, weiß ich nicht. Als dann der fertige Comic im Programm der Edition Büchergilde aufgetaucht ist, musste ich feststellen: Dahinter steckt eine Zeichnerin.

Antje Herzog heißt sie, mir bislang unbekannt, aber an ihrem Kant-Comic arbeitete die selbständige Illustratorin aus dem Rheinland offenbar schon seit acht Jahren. Das merkt man ihrem Ideenreichtum an (einen Eindruck davon kann man sich auf der englischsprachigen Website der Zeichnerin verschaffen: http://www.antjeherzog.de/). Und der Durchdachtheit ihres Konzepts. Es mag ja naheliegend sein, unterschiedliche Figuren zur individuellen Charakterisierung in verschiedenen Schrifttypen sprechen zu lassen Walt Kelly hat das in „Pogo“ vorbildlich demonstriert, und „Asterix bei den Goten“ ist auch ein schönes Beispiel), aber wir Antje Herzog die Wahl der jeweiligen Schrift begründet, zeugt von wirklich tiefer Beschäftigung: eine deutsche Kurrent aus dem achtzehnten Jahrhundert, also zu Kants Zeiten, aber heutigen Lesegewohnheiten angepasst, für den Philosophen; eine Fraktur, also eine altertümelnde Schrift, für den schlichteren Lampe. Und Zitate von Zeitgenossen werden dadurch als solche erkennbar, dass nur sie weiß auf schwarzem Grund stehen.

Warum aber stellte ich mir dahinter automatisch einem Mann vor? Sobald man weiß, dass es sich anders verhält, fallen Ähnlichkeiten etwa zum Stil von Birgit Weyhe auf – ähnlich originell und experimentierfreudig bei realistischen Figuren und einer (ungewöhnlichen) Zusatzfarbe. Doch es war wohl die Erwartung, dass sich nur ein Mann für diesen alten misogynen Sonderling und Hagestolz interessieren könnte, vielleicht auch die dem Band eigene trotzig anmutende Verweigerung von bloßer Gefälligkeit bei so erkennbar großem Können, die mich auf die falsche Erwartung brachten – ohne zuvor  je über deren Gründe nachgedacht zu haben. Kant wusste es: „Der Mann ist leicht zu erforschen, die Frau verrät ihr Geheimnis nicht.“  Jetzt ist der Comic da, lesenswert und lehrreich. Antje Herzog sei Dank dafür.

10. Apr. 2017
von Andreas Platthaus

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03. Apr. 2017
von Andreas Platthaus

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Masse macht’s nicht immer, aber die Messe bringt’s

Die Manga Comic Convention in Leipzig ist Teil der dortigen Buchmesse und verantwortlich für rund die Hälfte der Besucher auf dem Gelände. Diesmal waren es mehr als 200.000, also darf man behaupten, dass es keine besucherstärkere Comicveranstaltung in Deutschland gibt als die MCC. Das führt allerdings auch dazu, dass man sich am Messesamstag, dem Hauptbesuchertag, und meist auch noch am Sonntag kaum mehr in der Halle 1 bewegen kann. Zumal, wenn Starbesuch ansteht, und den gab es diesmal unter anderem in Person von Yusei Matsui.

Der ist Autor und Zeichner der Mangaserie „Assassination Classroom“, die in Japan mit 21 Bänden abgeschlossen, in Deutschland aber erst bei Band 16 angekommen ist. Es ist eine hinreißend skurrile Geschichte über eine Mittelstufenklasse aus lauter schulischen Versagern, die von einem außerirdischen Leser mit Smiley-Gesicht unterrichtet werden, der angekündigt hat, in einem Jahr die Welt zu zerstören. Niemand ist seinen übermenschlichen Kräften gewachsen – unter anderem bewegt er sich mit Mach 20 fort und verfügt über so schnelle Reaktionen, dass er Kugeln ausweichen kann –, also bleibt nur die Hoffnung, dass die Gruppe minderbemittelter Schüler ihren Klassenlehrer ausschaltet. Dafür ist Ihnen eine Prämie in Milliardenhöhe (allerdings nur in Yen – so viel ist die Welt der Welt offenbar doch nicht wert) ausgesetzt, und so mühen sich die Jugendlichen redlich. Darüber wachen sie zur verschworenen und vor allem plötzlich auch erfolgreichen Gemeinschaft zusammen.

Schulgeschichten gehen immer – siehe „Harry Potter“. Trotzdem ist der weltweite Erfolg von „Assassination Classroom“ ebenso erfreulich wie rätselhaft, denn abstruser als Matsui kann man kaum erzählen. In Japan gibt es zum Manga schon zwei Kinofilme und eine Fernsehserie, außerdem ist ein Spin-off als Comic erschienen. Der Schöpfer allerdings ruht sich derzeit auf den Früchten seines Erfolgs aus und kann deshalb durch die Welt reisen, was angesichts des eng getakteten Mangaproduktionsschemas sonst für die Stars der Szene undenkbar ist. Darum sind erfolgreiche Magaka so selten in Europa zu erleben.

Matsui tritt am Messesamstag auf der Großen Bühne in der Halle 1 auf, das heißt vor mehr als tausend Zuschauern, denn schon die Zahl der Sitzplätze beträgt mehr als achthundert, und es standen reichlich Gäste am Rand. Ganz hinten in der Ecke, vor dem Mischpult, wie ich es auf Konzerten gelernt habe, wenn ich Ruhe haben will, stehe ich. Und weit weg auf der Bühne sitzt Yusei Matsui.

Nun haben Stars ja so ihre Eigenheiten. Dieser sympathisch und trotz seiner 38 Jahre jugendliche Zeichner schätzt es nicht, fotografiert zu werden. Also bittet der deutsche Moderator das Publikum, auf Fotos zu verzichten. Scherzhaft wendet er sich danach dem Filmkameramann auf der Bühne zu, der für die Großbildleinwände im Hintergrund Bilder liefern soll: Er könne natürlich trotzdem weiter filmen. Aber von wegen: Die ganze Dreiviertelstunde über, die Matsuis Auftritt auf der Großen Bühne währt – und er ist wirklich sehr weit weg –, sieht man ihn nur als Torso. Der Kopf kommt nie ins Bild, dafür umso intensiver der schwarze Anzug und darunter das dunkelblaue Hemd mit hellblauen großen Punkte am Körper und gelben großen Punkten an den Ärmeln. Und natürlich der deutsche Moderator, denn der ist ja nicht heikel mit seinem Konterfei. So kann man den, um den es geht, nie direkt sehen, den, um den es nicht geht, dagegen immer öfter.

Ich schätze diesen deutschen Moderator, ich kenne ihn als sehr witzigen Übersetzer und schlagfertige Bühnenpersönlichkeit. Aber heute hat er einen rabenschwarzen Tag. Er will witzig sein, aber das hier soll ein Gespräch sein, keine Nummernrevue. Die Fragen an Matsui stammen aus dem Musterkatalog der Banalität: Was ist Ihre Lieblingsfigur, was gefällt Ihnen an Deutschland, was treibt Sie bei der Arbeit an? Um mal nur drei zu nennen. Die letzte beantwortet Matsui hinreßend: „Wenn ich nicht lügen will, würde ich sagen: Ich will Geld!“ Und so entsteht wenigstens ein Running Gag, der sogar auf die unfassbare Frage „Wo möchten Sie nach Abschluss dieser Reise am liebsten hin?“ über die einigermaßen überraschende Antwort „Auf den Mars“ Erwägungen über die dortigen Grundstückspreise erlaubt. Matsui verkündet jedenfalls, in fünf Jahren genug Geld für ein Häuschen auf dem Mars zusammenzuhaben.

Wenn Prominente Nonsens reden, liegt das meistens nicht an ihnen, sondern an der Qualität der Fragen. Immerhin zeichnet Matsui in Leipzig auf der Bühne auch: seine Lieblingsfigur (wie wir nun wissen und natürlich nie geahnt hätten), den Außerirdischen, den seine Schüler Korosensei nennen. Er zeichnet ihn aus Respekt für Leipzig als Johann Sebastian Bach. Aber über die Zeichnung wird nie auch nur ein Wort im Gespräch verloren. Das hangelt sich mühsam dem Ende zu und wird besser, als Publikumsfragen gestellt werden dürfen. Am Schluss wird dann der Zuschauerraum der Großen Bühne immer voller, aber das liegt nicht am gestiegenen Niveau, sondern daran, dass danach ein Cosplay-Wettbewerb stattfindet. Es geht eben immer noch beliebter. Nie hätte man gedacht, dass so voluminös kostümierte Menschen auf so engem Raum nebeneinander Platz finden.

Das Gegenprogramm zur MCC auf dem Leipziger Messegelände steigt in der Innenstadt beim Comics & Graphics Fest des „Millionaires Club“. Das ist ein kleines Independent-Festival, das zum fünften Mal am Messewochenende stattfindet. Ausrichter ist eine Gruppe Leipziger Zeichner um Anna Haifisch und Philipp Janta. Der Standort wechselt immer wieder, diesmal hat man einige Ladenlokale in der Kolonnadenstraße belegen können, so zentrumsnahe wie noch nie, und das Festival war auch noch nie so gut.

Das liegt einerseits am perfekten Wetter und andererseits an den hochinteressanten Gästen. Achtunzwanzig Stände werden von Verlagen und Künstlern aufgeboten, und wenn ich sage, dass ich auf einen Schlag noch nie so viele für mich neue Comics (und deren Schöpfer) entdeckt habe, will das etwas heißen. In den nächsten Woche wird dieses Blog einige dieser Funde vorstellen. Am verblüffendsten aber ist ein chinesischer Zeichner, Yan Cong. Den kannte ich zuvor nur aus dem Hamburger Comicmagazin „Orang“, aber jetzt kann ich gar nicht genug von ihm sehen. Doch leider gibt es nichts in Europa (hier seine Homepage: http://www.qishui.org/). Der Mann spricht auch keine europäische Sprache. Also sitzt er mit einer Übersetzerin des Leipziger Konfuzius-Instituts auf dem Festival und unterhält sich pausenlos.

Als der Millionaires Club ihn einlud, stellte sich die Frage, wie er den Flug bezahlen sollte. Das Konfuzius-Institut, eine staatliche chinesische Kultureinrichtung, die dem deutschen Goethe-Institut entspricht, war begeistert und flog den Dreiunddreißigjährigen ein. Und es sorgte dafür, dass auch noch einige seiner Collagen den Weg nach Leipzig fanden: großartige kleinformatige Arrangements aus Stoffresten, die sich sowohl privaten wie politischen Themen widmen und von immensem Witz sind. Der Band, in dem Yan Cong knapp hundert davon versammelt hat, heißt „Collagen 2014“ und hat sogar ein chinesisch-englisches Vorwort, in dem auf das Vorbild von Matisse hingewiesen wird. Aber bei dem gab es nie so viel zu lachen. Dass solch ein subversiver Künstler staatlich gefördert aus China nach Deutschland geschickt wird, lässt für das Reich der Mitte hoffen. Es hat offenbar keine Angst vor Extremen.

Gleich mitgekommen ist eine Abordnung des unabhängigen Comicladens Yan Shu aus Peking, samt einer Großauswahl aus meist kleinen Heftchen in den unterschiedlichsten Stilen. Bedauerlicherweise alles ohne Übersetzung, aber man kann an einigen davon gar nicht vorbei. Hier zeigt sich eine in Europa noch unbekannte asiatische Comic-Kultur, die nichts mit Manga zu tun hat, sondern versucht, die Möglichkeiten der Erzählform auszuloten – bis hin zu schönen Hommagen an altvertraute Figuren, etwa Barbapapa. Was der allerdings in China macht, kann ich dem hübschen Heftchen, das ich erworben habe, nicht entnehmen. Wozu aber auch? Darüber zu spekulieren ist mutmaßlich lustiger als de tatsächliche Geschichte.

Das Fest des Millionaires Club ist ein kleines Wunder. Hoffentlich geht es ihm nicht so wie den Designers Open, einer gleichfalls privaten Leipziger Initiative, die parallel zur berühmten Grassi-Kunsthandwerksmesse in sLeben gerufen wurde und auch an wechselnden Standorten junge Gestalter, die auf der großen Messe nicht zum Zuge gekommen wären, zeigte. Irgendwann waren die Designers Open so erfolgreich, dass sie von der Leipziger Messegesellschaft gekauft wurden. Gut für die Gründer, schlecht für die alternative Veranstaltung, die dann aufs Messegelände wanderte, wo sie ihren festen Platz finden sollte. Nach zwei Jahren erkante man, dass das das Flair zerstörte und verlagerte sie im vergangenen Herbst wieder zurück in die Innenstadt. Zwei verlorene Jahre also, und ob der Nimbus zurückzugewinnen sein wird, muss man abwarten.

Den Mitgliedern des Millionaires Club wäre jeder Geldzufluss zu wünschen, aber hoffentlich verkaufen sie ihre Idee nicht an die Buchmesse. Beide Ereignisse – das Massenspektakel und die elitäre Minimesse – ergänzen sich prächtig, aber nur, solange das Fest des Millionaires Club so überraschend bleibt. Ob eine perfekte Veranstaltung wie die diesjährige noch zu steigern sein wird? Wobei es selbst halb so gut noch besser wäre als jedes andere Comicfestival in Deutschland.

03. Apr. 2017
von Andreas Platthaus

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27. Mrz. 2017
von Andreas Platthaus

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Das Leben ist nicht nur Gelb und Grau

Im vergangenen Jahr erschien bei Reprodukt der Comic „Mikel“ von Judith Vanistendael und Mark Bellido: die Geschichte über einen Leibwächter im Baskenland, die vor etwa zehn Jahren spielt, als es noch nötig war, Lokalpolitiker vor etwaigen Attentaten der baskische Terrororganisation ETA zu schützen. Bellido hatte diesen Job selbst einmal ausgeübt, und so schrieb er für Vanistendael eine Geschichte, die meisterhaft Langeweile und Anspannung bei der Ausübung des Berufs deutlich machte, zumal die belgische Zeichnerin dazu Bilder schuf, die immer neu die Stimmungen des Erzählten forcierte. „Mikel“ gehört zu den großen Werken der jüngeren Comicliteratur, und er nahm dazu auch noch ein für deutsche Leser alles andere als vertrautes Thema auf (wer mehr über den Comic wissen will, lese meinen damaligen Blog-Eintrag nach: http://blogs.faz.net/comic/2016/10/25/vier-doppelseiten-fuer-eine-explosion-938/).

Umso überraschender ist nun, kein Jahr später und in der Edition Moderne, einem ebenso engagierten wichtigen Kleinverlag wie Reprodukt, schon der nächste ETA-Comic erschienen, wobei in „Mikel“ ja kein direkter Einblick in Handlungen oder Psyche der Terroristen gewährt wurde; man sah nur die Resultate ihres Tuns. Das ist in Javier de Isusis Comic „Ich habe Wale gesehen“ anders. Der 1972 in Bilbao, also im Baskenland, geborene Zeichner ist dort während der Hochphase des ETA-Terrors in den achtziger Jahren aufgewachsen, und man kann nicht im Baskenland leben, ohne auch Kontakt zu den dortigen Separatisten zu haben, die den Ergebnissen von etlichen Abstimmungen nach die Mehrheit stellen. Eine Chronik am Ende von Isusis Comic trägt auf sieben Seiten akribisch die Geschichte des Konflikts bis 2014 zusammen – kurz bevor „Ich habe Wale gesehen“ auf Spanisch herauskam. Eine Aktualisierung für die jetzt erschienene deutsche Übersetzung ist erfreulicherweise nicht nötig gewesen; seit damals gab es keine neuen Konflikte.

Dass der Comic auf Spanisch erschien und nicht auf Baskisch (oder Euskara, wie die Basken selbst sagen), ist im Baskenland natürlich sofort politisch gedeutet worden. Andererseits hat Javier de Isusi alle seine Comics seit 2004 auf Spanisch publiziert – auch der jüngste, „Asylum“, gerade vor drei Wochen erschienen, ist zwar mit Unterstützung der baskischen Flüchtlingshilfeorganisation CEAR Euskadi (die sich, notabene, nicht um ETA-Flüchtlinge kümmert, sondern um Migranten) entstanden, aber auch erst einmal wieder nur auf Spanisch erschienen. Aber die Verbreitung ist natürlich in dieser Sprache viel größer, und „Ich habe Wale gesehen“ ist kein Comic, der fanatischen baskischen Nationalisten gefallen dürfte.

Der poetische Titel führt genauso in die Irre wie das deutsche Titelbild von zwei gemeinsam rudernden jungen Männern. Die spanische Originalausgabe zeigt aquarellierten Wellengang, also auch keinen unmittelbaren Verweis auf das eigentliche Phänomen, von dem der Comic erzählt. Allerdings ist das Meer wichtig für die Vorgeschichte des aktuellen Geschehens, und auch der Titel verweist darauf. Im Mittelpunkt aber stehen drei Männer: Antón, der Generalvikar eines baskischen Bistums, Josu, ein seit Jahren einsitzender ETA-Aktivisten, und Emmanuel, ein Killer, der in den achtziger Jahren als Angehöriger der paramilitärischen Einheit GAL in halboffiziellem spanischen Auftrag ETA-Führungskräfte ermordet hat und deshalb ebenfalls in Haft sitzt. Zwei Täter also, und mit Antón ein Opfer, denn als er noch ein Jugendlicher war, wurde sein Vater von der ETA ermordet. Damals, vor mittlerweile 25 Jahren, verloren er und sein Jugend- und Sportsfreund Josu sich aus den Augen.

Man könnte nun meinen, „Ich habe Wale gesehen“ berichtete darüber, wie die beiden sich wiederbegegnen. Nun, genau das geschieht, aber nur auf zwei Seiten ganz am Ende. Vorher werden beider aktuelle Schicksale separat geschildert: Antóns Schwierigkeiten damit, dass eine Schwester ein uneheliches Kind erwartet und trotzdem als katholische Religionslehrerin weiterarbeiten will. Josus Knastalltag in einem französischen Gefängnis, in dem er Emmanuel kennenlernt, der jeglicher Gewalt abgeschworen hat. Das erweckt Josus Bewunderung, doch die andere ETA-Häftlinge klären ihn über die Vergangenheit von Emmanuel auf – ein Kontakt zwischen ETA- und GAL-Angehörigen ist undenkbar.

Javier de Isusi zeichnet mit dünner Kontur und aquarelliert dann in Gelb- und Grautönen: kalte Farben, die das rauhe Leben im Baskenland und im Gefängnis perfekt widerspiegeln (eine Leseprobe findet sich hier: https://www.editionmoderne.ch/de/80/leseprobe/306/ich-habe-wale-gesehen.html); bisweilen fühlt man sich an die Comics des Italieners Gipi erinnert. Beide Autoren verbindet auch die psycholgische Dichte des Erzählten, denn es geht nicht um eine späte Aufklärung des Mordes an Antóns Vater und auch nicht um eine Erklärung dessen, wofür Josu verurteilt worden ist. Dass es gravierend sein muss, ergibt sich aus der Haftdauer, denn als der Comic beginnt, ist er bereits seit acht Jahren im Gefängnis, und als die Geschichte endet, knapp sechs Jahre später, hat sich daran nichts geändert, nur dass Josu jetzt wieder in Spanien einsitzt – eine Verbesserung, den hier darf er zumindest regelmäßigen Besuch von seiner Frau und dem mittlerweile volljährigen Sohn erwarten.

Erstaunlicherweise ist es dieser Sohn, Aritz, dem die eindrucksvollste Rolle in „Ich habe Wale gesehen“ zukommt, obwohl er erst spät, im letzten Drittel, in die Geschichjte einsteigt. Doch sein Gespräch mit dem ihm unbekannten Antón ist das Intensivste, was der Band zu bieten hat, obwohl es darin gar nicht um Verbrechen geht, sondern um die Art für die Angehörigen, damit umzugehen. Lea Hübner, der wir nicht nur die Übersetzung, sondern auch die Entdeckung dieses Comics für den deutschsprachigen Bereich verdanken, hat die Dialoge präzise übertragen – was nicht leicht war, denn etliches, was i Sprechblasen steht, spielt sich in den Köpfen der Figuren ab.

Ganz zum Schluss der Erzählung, nach der – wortlosen – Begegnung von Antón und Josu gibt es noch eine Überraschung: eine kleine Bilderzählung, die im Comic von einer anderen Angehörigen eines inhaftierten ETA-Treroristen an Aritz verschenkt wurde. Sie hat Javier de Isusi von der Jugendbuchillustratorin Leticia Ruifernàndez anfertigen lassen, und so bekommt dieser eindrucksvolle Comic schließlich auch noch eine zweite graphische Sprache. Das passt zu den Bemühungen seiner Protagonisten, die jeweilige Sprachlosigkeit zu überwinden.

27. Mrz. 2017
von Andreas Platthaus

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21. Mrz. 2017
von Andreas Platthaus

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Das Mädchen hat es nicht nur faustdick hinter den Ohren

Riad Sattouf zeichnet in „Esthers Tagebüchern“, einem auf acht Jahre angelegten wörtlichen Fortsetzungscomic, das Leben und die Meinungen eines französischen Mädchens auf. Jetzt ist der erste Band über dessen Erlebnisse als Neun- und Zehnjährige auf Deutsch erschienen.Liebe Güte, mir schien schon die Übersetzung von Riad Sattoufs Comiczykus „Der Araber von morgen“, dessen bisherige drei Teile ich ins Deutsche gebracht habe, ziemlich viel Arbeit, denn Sattouf ist nicht gerade ein Textverächter. Doch was er (sich) mit „Esthers Tagebücher“ leistet, ist noch von ganze anderem Ausmaß. Also Hochachtung für Uli Pröfrock, der sich dieser neuen Sattouf-Comicserie angenommen hat. Die nächsten sieben Jahre garantiert „Esther“ ihm regelmäßige und ausgiebige  Beschäftigung.

Denn Sattoufs neues Projekt ist auf acht Alben angelegt: Das erste vor einem halben Jahr auf Französisch und nun auch in deutscher Übersetzung erschienene trägt den Untertitel „Mein Leben als Zehnjährige“, und das zweite wird heißen „Mein Leben als Elfjährige“, und so wird es weitergehen, bis die Protagonistin Esther achtzehn ist. Dann wird sie volljährig sein, und Riad Sattouf hat wieder einmal eine ganze Jugend erzählt. Wie er es beim „Araber von morgen“ ja auch getan hat, nur dass es sich dabei um seine eigene Kindheit handelt. Wobei noch unbekannt ist, wie viele Bände er dafür dernn brauchen wird. „Mindestens fünf“ hat er mir vor einem Jahr in Köln gesagt, und dieser Mann ist nicht eben bekannt dafür, hinter die eigenen Ansprüche zurückzufallen.

Er ist überhaupt sehr bekannt: in seinem Heimatland Frankreich sowieso, wo er mit den Einzelbänden des „Arabers von morgen“ regelmäßig die Bestsellerlisten stürmt, aber mitlerweile auch in Deutschland, obwohl hier von Bestsellerlisten keine Rede sein kann. Aber einen Achtungserfolg hat die Serie auch hier erzielt, und das ist auch der Grund dafür, warum nun ein anderer Verlag, nämlich Reprodukt, „Esthers Tagebücher“ herausgibt. Wobei man sagen muss, dass es eben Reprodukt war, der Sattouf überhaupt erst nach Deutschland gebracht hat, vor sieben Jahren mit „Meine Beschneidung“, einem kleinen Comic, in dem der Autor schon einmal das erzählte, was im kürzlich auf Französisch erschienenen dritten „Araber“-Teil wieder im Mittelpunkt steht. Aber 2010 ging das Bändchen noch unter, denn der Erfolg von „Der Araber von morgen“ verdankt sich ja leider auch dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ vom 7. Januar 2015. Denn einerseits wollte man plötzlich möglichst viel über die kulturellen Unterschiede von Arabern und Franzosen wissen, und andererseits war Sattouf selbst jahrelanger Mitarbeiter von „Charlie Hebdo“ gewesen. Wenige Monate vor dem Attentat hatte er aufgehört – ausgerechnet, weil er jene Serie begann, die wir nun lesen können: „Les Cahiers d’Esther“.

Er zeichnet sie wöchentlich auf jeweils einer Seite für das französische Nachrichtenmagazin „L’Obs“, das vor vierzig Jahren damit Furore machte, seine Spalten für Claire Bretécher zu öffnen (damals hieß das Heft noch „Nouvelle Observateur“). Die Fußstapfen, in die Sattouf tritt, sind also riesig, und zudem muss er sich auch noch an einem eigenen Werk messen lassen. Nein, nicht am „Araber von morgen“, obwohl man in gewisser Weise in „Esther“ das weibliche Gegenstück dazu sehen kann, sondern an „Le Vie secrète de jeunes“ (Das geheime Leben der Jugend), das er zehn Jahre lang für „Charlie Hebdo“ gezeichnet hat. Darin erzählte Sattouf von Gesprächen, die er Pariser Jugendlichen abgelauscht hatte – Vertretern aller Schichten, besonders aber der bunten und manchmal auch bösen Bevölkerung der Banlieue. Was damals Zufallsbegegnungen waren, das ist bei „Esthers Tagebüchern“ ein systematisches Projekt: Das Geschehen folgt nach Auskunft des Autors dem, was ihm ein Mädchen aus seinem Bekanntenkreis über dessen Leben erzählt. Jede Woche lässt Sattouf sich auf den neuesten Stand bringen und zeichnet ihn dann. Wie das aussieht: Die Leseprobe zeigt es (http://www.reprodukt.com/produkt/comics/esthers-tagebucher-mein-leben-als-zehnjahrige/).

So wird eine achtjährige Gegenwartschronik entstehen, die kontinuierlich Einblick in Werte, Denken und Marotten eines französischen Mädchens von heute gewährt. Esther besucht zwar eine Privatschule, stammt aber nicht aus wohlhabender Familie; ihr Vater ist Coach in einem Fitnessstudio, will aber, dass die zu Beginn der Serie noch neunjährige Tochter nicht auf die in seinen Augen verlotterten staatlichen Schulen geht. Wer nun meint, dass es auf Esthers kostenpflichtiger Grundschule gesittet zuginge, sieht sich bald getäuscht. Die Jungen sind Rabauken und dauernd auf Youporn, die Mädchen kleine Zimzicken und nur auf ihr Äußeres bedacht. Die üblichen vorpubertären Dramen spielen sich ab, beste Freundschaften entstehen und zerbrechen wieder, man turtelt miteinander herum, aber das Ganze geschieht in einem Tonfall, der an Drastik erwachsener Angeberei oder Pöbelei in nichts nachsteht. Das Bild, das Riad Sattouf von der Jugend im gegenwärtigen Frankreich zeichnet, ist düster.

De Zeichnungen sind es nicht, sie strotzen vor Energie und Details. Generell beherrscht keiner die Charakterisierung von Typen durch gezeichnete Gestik und Mimik besser als Sattouf. Wie in seinem „Araber von morgen“ gibt es pro Episode eine oder zwei Zusatzfarben und einen ständigen Textzwiespalt zwischen eigenen Kommentaren der Hauptperson, Dialogen und kursiven Bildpräzisierungen. Da bei „Esthers Tagebüchern“ aber alles auf ein festes Format eingeschworen ist, ist die Gesamterzählung kursorischer, weniger dramaturgisch ausgefeilt. Dafür aber kommt Sattoufs Talent für Pointensetzung endlich wieder regelmäßig zum Einsatz.

Begonnen hat die Chronik von Esthers Leben im Herbst 2014; auch das Attentat vom 7. Januar 2015 spielt eine Rolle in der Handlung. Der erste Band umfasst logischerweise 52 Folgen, also die erste Jahresproduktion; in Frankreich erscheint bald schon der zweite Teil. Der Zwang zur wöchentlichen Lieferung garantiert die pünktliche Fortsetzung des Projekts, und eine Verfilmung ist laut Sattouf auch schon vereinbart – als Realfilm, während die Verfilmung des Arabers von morgen“ animiert erfolgen soll. Da Sattouf beide Vorhaben selbst ausführen will, dürfte seine Arbeitsbelastung bald erklecklich wachsen, wobei er als Filmregisseur bereits Erfahrung hat, und unter den Kinoprojekten hat seine Comicarbeit nie gelitten. Dieser Achtunddreißigjährige ist einfach unglaublich diszipliniert.

Was ihn an „Esthers Tagebüchern“ gereizt hat, wird sofort klar: einmal der weibliche Blick auf die Gesellschaft, und dann die Möglichkeit, sich selbst jung zu halten, indem man regelmäßigen im Gespräch mit einer Jugendlichen bleibt. So kann Sattouf nicht nur die jeweils angesagten Popsternchen in seine Geschichten einbauen, sondern auch den sich rasch verändernden Jugendjargon, wie er auf Schulhöfen gepflegt wird. Das ist denn auch die große Herausforderung an die Übersetzung, denn nichts klingt falscher als lediglich simulierte Jugendsprache. Pröfrock hat da aber ganze Arbeit geleistet, man hört die geschlechtsspezifischen Unterschiede ebenso heraus wie die altersbedingten, und da Sattouf erfreulicherweise schon gegenüber seinen französischen Lesern zum ausgiebigen Erklären neigt, kommt auch das deutsche Publikum mit. Nur die Tatsache, dass bestimmte französische Lieder im Original zitiert, andere aber übersetzt werden (und zwar sehr witzig), ist mir bislang rätselhaft geblieben.

Esther ist eine freche Göre, ein Papatöchterchen und eine Diva. Zugleich aber schaut sie mit einem Mutterwitz auf die Welt, der großartig ist. Dass Jungs das große Thema für die Zehnjährige sind, kann man nachvollziehen, wie scharf sie aber bei aller noch kindlichen Unschuld hinschaut, ist bemerkenswert. Das wird sich im kommenden Band ändern (nicht die Schärfe, aber die Unschuld).

Eines aber würde mich sehr interessieren: Wie nahe Sattouf am dem bleibt, was seine Informantin ihm erzählt. Nicht nur, dass Esthers Vater erstaunliche Ähnlichkeit mit Sattoufs Erfolgsfigur Pascal Brutal aus der gleichnamigen Albenserie aufweist (die leider nicht auf Deutsch zu haben ist), die Familie hat – wie auch Sattouf selbst – Verwandtschaft in der Bretagne, und die am Ende des Albums enthüllte dritte Schwangerschaft von Esthers Mutter erinnert stark an Riads eigene Erfahrungen in seiner syrischen Jugend. Vielleicht spielt das Leben so verrückt, dass sich alles immer wieder neu bestätigt, was ein brillanter Comicautor erzählt. Aber so ganz will ich Riad Sattouf die Authentizität von „Esthers Tagebüchern“ denn doch nicht glauben.

21. Mrz. 2017
von Andreas Platthaus

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13. Mrz. 2017
von Andreas Platthaus
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So sieht der Zweite Weltkrieg aus osteuropäischer Perspektive aus

Litauen ist in der kommenden Woche Gastland der Leipziger Buchmesse. Die Leipziger Buchmesse ist berühmt für ihre Manga Comic Convention, die größte Veranstaltung zum Thema Comic im deutschsprachigen Raum. Wie aber steht es um Comics aus Litauen? Darf man vom Gast erwarten, dass er graphische Literatur mitbringt, wie es im kommenden Herbst im Falle Frankreichs überreich der Fall sein wird, wenn die Frankfurter Buchmesse dieses Land zum Schwerpunkt hat?

Allzu gut stehen die Chancen nicht, dass wir litauische Comics zu sehen bekommen. Es gab auch bislang keinen mir bekannten intensiven Austausch zwischen deutschen und litauischen Zeichnern – ganz anders als im Falle Lettlands, wo die extrem ambitionierte kleinformatige Anthologie „Kus“ erscheint, in der immer wieder deutsche Künstler vertreten sind, im vergangenen Jahr etwa Max Baitinger und Paula Bulling. Aber dann schickte mir der in Litauen lehrende Historiker und Kulturwissenschaftler Felix Ackermann einen Band, den er bei einem 2013 durchgeführten Workshop an der Europäischen Humanistischen Universität, die in der litauischen Hauptstadt Wilna angesiedelt ist, gemeinsam mit Comiczeichnern aus Weißrussland, Deutschland und natürlich Litauen erarbeitet hat. Jetzt kann man ihn lesen: Sein Titel lautet „Drawing the XXth Century“ – Comics on Lithuanian, Belarusian and German Family Stories”. Leider gibt es keine Leseprobe im Netz; über das Buch erfährt man etwas auf http://www.ehu.lt/en/events/show/comic-book-drawing-the-xxth-century-presentationund  http://www.mawil.net/drawing-the-xxth-century/.

Die Europäische Humanistische Universität versteht sich als weißrussische Hochschule im litauischen Exil. Seit 2006 lehren hier Wissenschaftler, die vom Regime des Diktators Lukaschenka aus dem Land gedrängt wurden. Ackermanns Lehrtätigkeit dort wurde für fünf Jahre vom DAAD mitfinanziert, und eines der Resultate der von ihm vertretenen Angewandten Kulturwissenschaften“ ist dieses Comicbuch – so angewandt, wie nur denkbar.

Leider ist der deutsche Vertreter darin, der bekannte Berliner Zeichner Markus Witzel alias Mawil, nur mit einem Auszug aus seinem großen autobiographischen Comic „Kinderland“ vertreten, der seit Erscheinen im Jahr 2014 höchstes Lob und höchste Auszeichnungen erhalten hat. Die ausgewählten zwölf Seiten sind ins Englische übersetzt worden, aber sie vermitteln nicht die narrative Geschlossenheit des vielhundertseitigen Gesamtwerks. Doch mich haben die Zeichner aus en anderen beiden Ländern ohnehin viel mehr interessiert. Alle beteiligten Autoren erzählen vor dem Hintergrund der eigenen Familiengeschichten.

Viktoryia Andrukovic stammt aus Weißrussland und hat an der Europäischen Humanistischen Universität studiert. Ihr neunundzwanzigseitiger Comic „Veranika“ beruht auf den Erzählungen von ihrer Mutter, die bei Kriegsausbruch 1941 noch ein kleines Kind war. Zuvor fand die Zwangskollektivierung auch in Weißrussland statt, und so stehen russische Soldaten im Haus der ländlichen Familie, der älteste Sohn wird niedergeprügelt, es folgt Elend. Zwei Jahre später marschieren die Deutschen ein, und schon folgt für hiesige Leser die größte Überraschung: Die Wehrmachtssoldaten erscheinen weitaus sympathischer als die der Roten Armee, sie verhalten sich auch besser. Ein Schokoladenstück, das Veranika von ihnen geschenkt bekommt, wird zur bleibenden Erinnerung.

Der Comic ist aber nicht naiv oder parteiisch. Er nimmt eine weißrussische Perspektive ein, die dem jahrzehntelang erduldeten Sowjetsystem gegenüber kritischer ist als gegenüber der NS-Ideologie, die „nur“ drei Jahre dort herrschte. Auch die Nazis übten Zwang aus: Eine Tochter muss die Familie als Fremdarbeiterin ins Deutsche Reich schicken. Durch einen Trick schickt man nicht die eigentlich verlangte älteste Tochter, sondern die schwer erkrankte zweitälteste. Bei der Lektüre stockt der Atem angesichts dieses pragmatischen Betrugs, der ein anderes Kind zu opfern scheint. Aber wie man am Schluss erfährt, wurde die deportierte Tochter in einem deutschen Krankenhaus geheilt und kam später wieder zurück. Es ist eine der bizarrsten Kriegserzählungen, die mir je begegnet sind.

Die anderen drei Comics stammen von litauischen Autorinnen (ja, Mawil ist der einzige Mann im Buch), von Miglé Puzaité, Lina Itagaki und Viktorija Eziukas. Keine dieser Geschichten erreicht die Intensität und Befremdung des Comics von Andrukovic, und sie alle sind auch deutlich kürzer, aber jede bietet einen bemerkenswerten Stoff insoweit, als auch hier versöhnende Blicke auf eigentlich traumatische Zeiten geworfen werden: Itagaki siedelt ihre Geschichte wieder im Zweiten Weltkrieg an, mitten im Bombenhagel, Eziukas erzählt vom Erringen der Unabhängigkeit Litauens trotz sowjetischer Panzer, und Puzaité führt zurück in die deutsche Besatzungszeit, als die Geschäfte leer waren und ein handgenähtes rotes Kleid eines Mädchens zu dessen Verspottung als Anhängerin der Kommunisten führen konnte. Juden schleichen durch die Stadt, um den deutschen Häschern zu entkommen, werden versteckt und verhaftet, doch alles ist aus Kinderperspektive berichtet. Und das ist generell der Blickwinkel, der die insgesamt fünf Comics verbindet.

Mawil hat seinen vier Kolleginnen graphisch einiges voraus, aber die Naivität mancher Bildfindungen der osteuropäischen Zeichnerinnen passt wiederum besser zum Erzählton. Die Geschichten lassen verstehen, wie man im Baltikum aufs Zeitgeschehen blickte, und der Comic erweist sich einmal mehr als ein Hybrid, der es an Anschaulichkeit und Zugänglichkeit mit jeder anderen Kunstform aufnehmen kann. Hoffentlich kommt doch noch mehr solcher weltöffnender Comicliteratur im Rahmen der Messe in unsere Hände.

13. Mrz. 2017
von Andreas Platthaus
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07. Mrz. 2017
von Andreas Platthaus

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Märchenhaft irritieren

Erster Eindruck: Mumins. Kein schlechter erster Eindruck, auch wenn Oyvind Torseter Norweger ist und Tove Jansson Finnin war (die Schwedisch schrieb, aber international verständlich zeichnete). Der 1972 geborene Torseter hat seinen namenlosen Prinz mit einem riesennasigen weißen Kopf ausgestattet, der ihn allemal zum Snork, Hemul oder eben Mumin qualifizieren würde. Und poetisch ist das Buch auch noch. Herausgebracht hat es auf Deutsch ein Bilderbuchverlag: Gerstenberg, aber das Werk ist eindeutig ein Comic (mehr als das Titelblatt kann man leider im Netz nicht sehen: https://www.gerstenberg-verlag.de/fileadmin/media/cover_lightbox/9783836959001.jpg). Sein Held ist ein Prinz, „Der siebente Bruder“ heißt es, und dieser siebente Bruder ist der Prinz.

Das erste Bild führt gleich mitten in die Geschichte: Der Titelheld reitet auf seinem treuen Schlachtross – eine wahre Schindmähre à la Rosinante – ins Abenteuer. Wer verstehen will, in welches, der muss aber erst einmal den einseitigen Text lesen, der noch vor dem ersten Bild steht. Er hebt mit „Es war einmal ein König an“ und erzählt dann den Auftakt der Geschichte, die natürlich – angesichts dieses Satzes zum Beginn – nichts anderes als ein Märchen ist. Ein böser Troll hat sechs Prinzenbrüder samt deren künftigen Angetrauten in Stein verwandelt, und der letzte noch unverhexte Bruder zieht gegen den Widerstand des verzweifelten Vaters los, um zu retten, was zu retten ist.

Danach kommt die eigentliche Bildergeschichte, rund hundert Seiten stark. Und extrem vielgestaltig. Denn was beginnt wie eine Mumin-Hommage, wandelt sich je nach auftretenden Figuren zu Horror- oder Kinderbuchästhetik. Torseter fügt die unterschiedlichsten Formen zusammen, demonstriert seine eklektische Arbeitsweise auch noch, indem er die Spuren des Collagierens stehenlässt, mal skizzenartig zeichnet, dann wieder höchst elaboriert, und dazu benutzt er auf den Einzelseiten eine extremeingeschränkte Farbpalette, die aber im Gesamtkontext des Buches einen ganzen Regenbogen ergibt.

Es gibt Seiten, die aus einem einzigen Bild bestehen oder sogar nur einen hingeschriebenen Aufschrei enthalten: „Wer hat Blumen um meine Türschwelle verstreut?“ Das ist der Aufschrei des Trolls, der in seinem Domizil hoch auf einem Berg eine noch unversteinerte Prinzessin gefangen hält, die für den heimlich eingetroffenen Prinzen in Erfahrung bringen will, wo der böse Hausherr sein Herz versteckt hat – das bewahrt er nämlich außerhalb des Körpers auf. Hier mischen sich die unterschiedlichsten Märcheneinflüsse: „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ diente als Inspiration, auch „Das kalte Herz“ und manches mehr, aber den klassischen Erzählton gibt es nur auf der bereits angesprochenen einleitenden Textseite, ansonsten ist alles Dialog, wie im Comic üblich.

Außer den drei wichtigsten Protagonisten – Prinz, Prinzessin, Troll – gibt es hinreißende Nebenfiguren, am schönsten ist ein Krake, der im Tiefgeschoss der Troll-Burg das Herz bewacht, sich aber mit einem Saxophon bestechen lässt und sofort über die Musik seine Pflicht vergisst. Torseter hat viele solcher aberwitzigen Einfälle, die Dinge zusammenführen, die weder in die Zeit noch zur Handlung zu passen scheinen. Doch gerade das macht den Charme seiner Geschichte aus: Er erzählt sie wie ein Kind, sprunghaft, simpel, aber mit derart vielen Assoziationen ohne Rücksicht auf Plausibilität, wie es eben kleine Kinder tun. Und was gäbe es Phantasiereicheres? Es ist einfach zauberhaft.

Wunderschön aufgemacht und gedruckt ist das Buch auch noch. Und Maike Döries hat als Übersetzerin eine Sprache gefunden, die der subtilen Naivität der Bilder gerecht wird. Weil beides natürlich nie naiv ist. Vielmehr gibt es viel zu entdecken, zu entschlüsseln und vor allem vorzuführen. Es dürfte eine Freude sein, „Der siebente Bruder“ vorzulesen.

Wobei der Troll schon eine furchterregende Gestalt ist. Doch es geht alles selbstverständlich gut aus, und das die sechs Brüder, die man am Ende endlich kennenlernt, überhaupt keine Familienähnlichkeit mit ihrem Retter haben, ist nur die letzte Konsequenz eines gegen alle Erwartungen anzeichnenden und anerzählenden Autors, dem ein kleines Meisterwerk geglückt ist. Das uns beglückt.

07. Mrz. 2017
von Andreas Platthaus

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27. Feb. 2017
von Andreas Platthaus

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Hinschauen als doppelte Notwendigkeit

Wenn zwei der besten deutschen Comiczeichner zusammenarbeiten, darf man das ungewöhnlich nennen. Hierzulande verdient man im Regelfall so wenig Geld mit Comics, dass die Autoren, wenn sie schon nicht davon leben können, wenigstens ihre eigenen Geschichten erzählen wollen. Daher die seltenen Kooperationen. Aber Isabel Kreitz und Stefan Dinter haben gemeinsam einen umfangreichen Webcomic geschrieben und gezeichnet: für das Hilfsprojekt „Frauen gegen Gewalt“, das unter der bundesweit einheitlichen Rufnummer 08000-116016 Beratung für Frauen bietet, die zu Hause physisch oder psychisch bedroht, geschlagen oder missbraucht werden. Nach Schätzungen hat ein Drittel der in Deutschland lebenden Frauen Gewalt bereits erdulden müssen. Damit es nicht noch mehr werden und den Opfern geholfen werden kann, bietet das Hilfsprojekt anonyme und vertrauliche Beratung an, auch über Mail- oder Chatkommunikation. Und das in siebzehn Sprachen.

Wozu braucht man dazu einen Comic? Prinzipiell gar nicht. Doch je mehr sich die Existenz von Hilfsangeboten und Zufluchtsmöglichkeiten herumspricht, desto besser. Und wenn nun einige Fans von Isabel Kreitz, die mit ihren Comic-Adaptionen von Erich-Kästner-Büchern Bestseller gelandet hat, im Ausland erfolgreich ist und beim Salon in Erlangen die höchste Auszeichnung für deutschsprachige Comicschaffende gewonnen hat, oder von Stefan Dinter, der zu den aktivsten und einflussreichsten Köpfen der deutschen Zeichnerszene gehört und einen exzellenten Ruf als Illustrator genießt, zur Lektüre der gemeinsam erarbeiteten Geschichte „Hinter Türen“ verlockt und damit auf die Seite http://www.hinter-tueren.de/ gelockt werden, auf der sich natürlich auch Informationen zu „Gewalt gegen Frauen“ finden, dann umso besser. Denn wie die beiden Künstler aus diesem Anlass sagen: Beim Comic kommt es auf dasselbe an wie bei häuslicher Gewalt – hingucken.

Das ist das Thema dieses Comics, der dezidiert darauf verzichtet, Gewaltszenen zu zeigen. Kreitz und Dinter erzählen auf mehr als vierzig Seiten in vier Kapiteln von der jungen Journalistin Anna Wegener, die in der fiktiven deutschen Kleinstadt Grevenack bei der lokalen Tageszeitung als Redakteurin anfängt und dort nicht nur mit einem patriarchalischen Chefredakteur konfrontiert wird, der sich gegenüber seine weibliche Kolleginnen so ziemlich alles herausnimmt, sondern auch mit einem Leserbrief, der das Blatt schon vor Monaten erreicht hatte, aber von ihrem Vorgänger nicht mehr beantwortet worden war. Darin schilderte eine ältere Frau, dass sie von ihrem Ehemann immer wieder geschlagen werde. Als Anna Wegener der Sache nachgeht, stellt sich heraus, dass die Frau vor wenigen Wochen zu Hause gestorben ist, worauf ihr Mann ins Pflegeheim kam. Über die Umstände des Todes gehen unter den Nachbarn Gerüchte um, aber offen sprechen will niemand über die Sache.

Anna Wegener wittert eine Geschichte, doch damit kommt sie in der Redaktion nicht gut an. Wohin diese desillusionierende Erfahrung führt, sei hier nicht gesagt, denn der Comic von Kreitz und Dinter arbeitet nicht nur hinsichtlich expliziter Gewalt mit Auslassungen, und ein Sopnanungselement kann man „Hinter Türen“ nicht absprechen.. Es handelt sich zudem, obwohl die Seitenarchitektur denkbar schlicht ist (jeweils drei Reihen à zwei Bilder), um einen raffiniert erzählten Comic. Angesichts der bewusst klischeehaft konzipierten Charakterzüge der Figuren sollte man das nicht denken, doch wenn im dritten Kapitel von „Hinter Türen“ die tote Frau in einer Traumsequenz auftritt (mit deutlich sichtbaren Gewaltspuren im Gesicht) und für das, was sie darin der träumenden Ana Wegener über ihre Ehe erzählt, Isabel Kreitz den Zeichenstift übernimmt, während der Rest des Comics von Stefan Dinter gestaltet wurde, dann ist das durchdacht bis ins letzte Detail. Und gleichzeitig dank der im Grundzug simplen Geschichte für ein denkbar großes Publikum verständlich – egal, wie gebildet oder comicaffin es sein mag.

Wie bei Dinter nicht anders zu erwarten, sind die Figuren in einem realistischen Stil gehalten, der sich amerikanischen Vorbildern wie Daniel Clowes oder den Hernandez-Brüdern verdankt, die damit auch schon Geschichten über sozial prekäre Figuren erzählt haben. Wenn Kreitz dann für die Rückblenden auf die Ehe der Gestorbenen übernimmt, wählt sie einen für sie typischen Strich, der noch einen Hauch von Skizze spüren lässt – womit der ohnehin doppelt unsichere Status dieser Sequenzen als imaginäre Szenen in einem Traum gerade gegenüber den klaren Linien von Dinter perfekt illustriert wird.

Neben den vier Kapiteln, die als einzigen Nachteil das ständige Neuanwählen für die nächste Seite haben, gibt es noch ein „Making of“, in dem Kreitz und Dinter ihre Motivation erläutern. Und es gibt einen technischen Effekt, der mich erst irritiert und dann erfreut hat: Die Sprechblasen sind beim Aufrufen der jeweiligen Einzelseiten nicht sofort in den Bildern sichtbar, sondern erscheinen erst dann, wenn man etwas herunterscrollt. So hat man erst einmal ein stummes Bild und kann sowohl die Graphik genießen als auch selbst überlegen, was sich jetzt wohl gleich verbal tun wird. Ein schönes Erlebnis. Und das bei einem denkbar hässlichen Thema.

27. Feb. 2017
von Andreas Platthaus

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20. Feb. 2017
von Andreas Platthaus

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Borniert, aber berichten wollen

Vor sechs Jahren erschien „Israel verstehen – in sechzig Tagen oder weniger“ und machte Sarah Glidden berühmt. Die 1980 geborene Amerikanerin hatte an einer der vom israelischen Staat finanzierten Propagandareisen für junge jüdische Amerikaner teilgenommen und darüber einen so leisen, nachdenklichen, zugleich aber auch witzigen Comic angefertigt, dass zumindest ich darin eine neue Dimension der gezeichneten Reportage sah – nicht so besessen von politischer Mission und Kampf gegen Ungerechtigkeit wie Joe Sacco, auch nicht so graphisch einfallsreich, aber dadurch bisweilen verspielt wie die Reportagecomics der französischen Zeichnergruppe von „L’Association“ oder Art Spiegelmans. Auf Deutsch kam „Israel verstehen“ bei Panini heraus, einem weitgehend auf Superhelden spezialisierten Haus; die literarischen Comicverlage hatten den Band einfach verpasst.

Diese Scharte will der Reprodukt Verlag nun dadurch auswetzen, dass er das nächste Buch von Sarah Glidden an Land gezogen hat: „Im Schatten des Krieges“ (http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/im-schatten-des-krieges-reportagen-aus-syrien-irak-und-der-turkei/) heißt es und besteht laut Untertitel aus „Reportagen aus Syrien, dem Irak und der Türkei“. Das ist halbgeschwindelt, denn auf fast dreihundert Seiten wird nur eine einzige Reportage geboten, die allerdings tatsächlich in den genannten drei Ländern entstanden ist, jedoch auch Stationen in den Vereinigten Staaten umfasst und nicht, wie man meinen könnte, vom aktuellen Krieg im Nahen Osten erzählt, sondern darüber, wie man als Amerikaner über die dortigen Zustände berichten kann. Der Krieg, in dessen Schatten sich das alles abspielt, ist der zum Zeitpunkt des Besuchs von Sarah Glidden längst offiziell beendete („Mission accomplished!“) zweite Irak-Krieg. Aber Schatten warf er natürlich über sein Ende hinaus.

Die insgesamt zweimonatige Reise, die Glidden mit einer befreundeten Journalistentruppe aus Seattle in den Nahen Osten unternahm, fand 2010 statt, also noch vor Erschienen von „Israel verstehen“. Dass ein Reportagecomic mehrere Jahre Arbeit erfordert, wissen wir durch Joe Saccos Werk. Dass dies der Qualität und auch der Aktualität seines Inhalts keineswegs abträglich sein muss, auch. Aber dafür bedarf es eines Blicks im und als Comic, der etwas leistet, das Fernseh-, Rundfunk- oder Printreporter nicht liefern. Um es vorwegzunehmen: Über diesen Blick verfügt Sarah Glidden diesmal nicht.

Denn sie interessiert sich nicht vorrangig für das, was ihr in den fremden Ländern begegnet, sondern für das, was sie aus Amerika dorthin mitgebracht hat: ihre Kollegen. Es ist eine Reportage-Comicreportage, die von Finanzierung, Planung, Arbeitsbedingungen und Ergebnissen der Beteiligten erzählt. Das hat man alles noch nicht so gelesen. Aber angesichts dessen, worüber die Reporter berichten wollen, verblasst die Relevanz der Frage, wie und warum sie das tun wollen. Sie steht aber konsequent im Mittelpunkt des Geschehens. Und so werden einem die Beteiligten dieser Reise immer unsympathischer, und an ihre Neugier mag man kaum mehr glauben. Es ist Geltungsgier, die man hier ungeachtet aller anderslautenden Bemerkungen erkennt.

Die Vorstellungen dieser jungen Leute von Journalismus sind bizarr: Ihre Unabhängigkeit als Berichterstatter halten sie dann für gefährdet, wenn sie einem notleidenden Menschen, der ihnen begegnet, etwas Geld zustecken würden – nicht als Bezahlung für ein Statement wohlgemerkt, als Almosen. Abgesehen von der Kaltherzigkeit dieses Berufsverständnisses, ist es auch strohdumm in einer Region, in der das Almosengeben zum Alltag gehört und als Ausweis zivilisierten Verhaltens gilt. Die Borniertheit dieser angeblich so gut auf den Nahen Osten vorbereiteten Amerikaner ist geradezu erschreckend. Wenn sie sich dauernd Sorgen darüber machen, aus welchen unzuverlässigen Quellen sich ihre Landsleute über die arabische Welt informieren, dann sind meine Sorgen diesbezüglich nun noch größer, denn aus den zwei Monaten Aufenthalt sind immerhin vierzehn geschriebene Reportagen geworden. Und dann auch noch die gezeichnete von Sarah Glidden.

Publiziert wurden sie größtenteils auf einer Website, die ehemals „Common Language Project“ hieß, dann aber in „Seattle Globalist“ (http://www.seattleglobalist.com/) umbenannt wurde – man mochte schon gerne etwas Größeres sein, und es klingt natürlich auch viel besser. Dass aber dann diese Globalisierungsgewinner Sarah Glidden gebeten haben, auch im Comic, der ja zu einer Zeit spielt, wo die Website noch hieß wie ein linguistisches Forschungsvorhaben, schon den erst später entstandenen Namen zu verwenden, das wirft ein seltsames Licht auf die Integrität ihres Authentizitätsverständnisses. Die erhoffte Werbung durch den Comic ist wichtiger als die Wahrheit darin.

So ist „Im Schatten des Krieges“ eine echte Enttäuschung, obwohl man den Band durchaus mit Interesse liest. Denn es gibt auch Dan, einen früheren Mitbewohner der Wortführerin unter den erst vier-, dann fünf Reisenden, der nur deshalb mitfährt, weil er als amerikanischer Soldat im Irak-Krieg eingesetzt war. Von der Rückkehr dieses jungen Veteranen verspricht sich das „Common Language Project“ eine fulminante Story: über Dan, der von seinen Erinnerungen eingeholt wird, und über die Iraker, die auf einen Mann treffen, der ihr Land mit Krieg überzogen hat. Das geht schief, weil Dan überhaupt keine Belastung durch seine Erinnerungen verspürt, und es gar nicht tief genug in den Irak hinein geht, um auf Menschen zu treffen, die auf Amerikaner sauer wären. Im vor sieben Jahren noch einigermaßen sicheren Kurdengebiet im Norden des Landes wird Dan vielmehr erfreut als Befreier begrüßt.

Immer wieder versucht die Chefin der Gruppe, etwas Provozierendes aus Dan herauszukitzeln – manipulativer Journalismus der anderen Art. Hier wird nicht beobachtet, sondern inszeniert. Nun könnte man sagen, dass Sarah Glidden doch selbst wiederum eine wunderbare Beobachtung dieser obskuren Methoden geleistet hätte. Aber da es reflexive Passagen in diesem Comic gibt, die sich immer wieder um das Selbstverständnis des Journalismus drehen, hätte sie irgendwo ein Zeichen setzen müssen, dass sie die Problematik überhaupt erkennt. Es kommt nicht. Stattdessen gehen Sarah Glidden und die Wortführerin auf der Schlussseite in der amerikanischen Vorstadt spazieren, und kommen zu dem Schluss, dass es bei den Lesern liegen müsse, „wie sie diese Story nutzen, um sich die Welt zu erschließen“. Damit wird dann der letzte Rest an Verantwortungsgefühl abgestreift, solange man nur selbst glaubt, dass es besser sei, eine bestimmte Story in die Welt zu setzen, als es nicht zu tun. „Aber ich finde, Journalismus darf nicht zum Ziel haben, Änderungen zu bewirken“, wurde kurz zuvor noch gesagt. Was ist dann aber das Kriterium für „besser“? Die Journalisten bei Sarah Glidden schwafeln. Und leider lässt die Comicreporterin ihnen den Raum dafür. Panini hat gut daran getan, Reprodukt die Rechte an diesem zweiten Glidden-Comic zu überlassen. Oder Reprodukt hat schlecht daran getan, Panini oder wen auch sonst zu überbieten.

 

20. Feb. 2017
von Andreas Platthaus

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14. Feb. 2017
von Andreas Platthaus
Kommentare deaktiviert für Kein Weg führt hier Europäer und Afrikaner zusammen

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Kein Weg führt hier Europäer und Afrikaner zusammen

Der Weg ist lang, nicht nur für manche Protagonisten des Comics „Schläfer im Sand“, sondern auch für das Buch selbst. Ein Dutzend Jahre dauerte es, bis der Zeichner Andreas Hedrich und der Ethnologe Sebastian Pampuch diese Geschichte aus einer Idee gemacht haben, die Pampuch bereits 2004 gekommen war, als er bei einem Studienaufenthalt in Granada die dort schon damals sichtbaren Folgen der Flucht von Afrikanern über das Mittelmeer beobachtete. Heute ist das Wissen um die schlimmen Bedingungen der Überfahrten und der Arbeitsbedingungen für illegal nach Spanien gelangte Menschen Allgemeingut, aber damals kümmerte sich in Deutschland noch kaum jemand darum. Wenn man von problematischer Einwanderung sprach, dann erinnerte man sich bei uns an die erst kurz zurückliegenden Flüchtlingsströme während der Balkan-Kriege. Die afrikanischen oder arabischen Migrationsbewegungen hatten 2004 noch keine Ausmaße, die hier Beachtung gefunden hätten.

Mag sein, dass die seit einigen Jahren brennende Aktualität des Themas mit daran beteiligt war, dass Pampuch und Hedrich den Comic doch noch fertiggestellt haben. Jedenfalls erschien er im Frühjahr 2016 in einem Verlag, dessen Namen nicht unbedingt auf Programmschwerpunkte mit ernsten Inhalten schließen lässt: Mückenschwein, angesiedelt in Stralsund unter dem Motto „Der beste Verlag der Welt“. Doch was da an künstlerisch illustrierten Büchern erscheint, ist durchaus beachtlich, und dieses Profil, verbunden mit der Tatsache, dass Hedrich in Rostock lebt, also in relativer Nähe, mag eine Rolle gespielt dafür haben, dass „Schläfer im Sand“ dort erschienen ist.

Wie auch immer, für Comics ist Mückenschwein keine einschlägige Adresse, deshalb musste das Buch erst zu mir gelangen; selbständig hätte ich es nicht entdeckt. Das dauerte noch einmal fast ein Jahr, aber man kann ja nicht behaupten, dass sich die Aktualität des Themas wesentlich vermindert hätte. Im Gegenteil wurde der Januar 2017 erst kürzlich als bislang tödlichster Monat der Flüchtlingsbewegungen über das Mittelmeer bezeichnet. Und auch in „Schläfer im Sand“ liegt zu Begin die angeschwemmte Leiche eines Afrikaners an einem andalusischen Strand.

Damit ist eine der Bedeutungen des Titels klar: der Tote am Strand. Die zweite liegt in der Interpretation eines Schläfers als jemand, der irgendwann erwachen wird – in dem Sinne etwa, wie man von terroristischen Schläfern spricht. Diese sind nicht gemeint, aber all die potentiell aufbruchwilligen Menschen, die in den afrikanischen Staaten südlich der Sahara, die es dann zu durchqueren gilt (daher der Sand), im Elend leben, oder jedenfalls in einer Welt, die sie gerne für die Verheißung des reichen Europas verlassen würden.

Dementsprechend ist auch der Comic zweigeteilt: Das erste Drittel spielt in Spanien, der größere zweite Teil in Dakar, der Hauptstadt des Senegal. Einiges spricht dafür, dass wir es dabei auch mit zwei Schichten der Verfertigung dieses Comics zu tun haben, denn im ersten Teil wird gerne die übliche Seitenarchitektur aufgebrochen: durch runde Panels, durch Vignetten in den Ecken à la Druillet, durch frei ineinander verschwimmende Sequenzen. Das gibt es im strenger gehaltenen zweiten Teil fast gar nicht, nur in einer eine Unterwasserszene sind die Panellinien aufgelöst. Wobei auf die Senegal-Episode immer neue Bilderarrangements vornimmt, nur nie auf solch auffällige Art wie im andalusischen Drittel. Einen kleinen Eindruck gibt die Verlagsseite: http://www.mueckenschwein.de/buch/schlafer-im-sand_122.

Einen personellen Zusammenhang gibt es zwischen beiden Teilen nicht. Protagonisten im ersten sind ein junger deutscher Aussteiger und ein mexikanischer Auswanderer, die sich als Reinigungskräfte am spanischen Strand verdingen und frühmorgens dafür sorgen, dass die Touristen später keine verdreckten Sand vorfinden. Die Leiche des jungen Afrikaners wird gleich mit beseitigt – so etwas pflegt der abgebrühte Mexikaner auch der Müllverbrennung zu überlassen. Auf der Fahrt zum und vor Strand tauschen die beiden Männer ihre Ansichten aus, doch obwohl der Mexikaner sei Land aus denselben Gründen verlassen hat wie die afrikanischen Flüchtlinge, bleibt er unbewegt. Der Deutsche dagegen, der sich cool gibt, erweist sich eher als Hasenfuß, aber als er von seinem Partner Peyotl zu kosten bekommt, schnappt er sich im Drogenrausch den toten Mann und schifft sich auf einem Boot gen Afrika an, um die Leiche zu deren Ahnen zurückzubringen.

Möglichkeiten der Anknüpfung hätte es also einige gegeben, doch die Episode im Senegal setzt neu ein und führt beide Erzählstränge auch nie zusammen. Hier liegt der Fokus auf dem jungen Fischhändler Thenga, der von einem Leben träumt, in dem er nicht länger Handlanger seines Chefs ist und seine Geliebte heiraten kann. Dafür spart er, aber die Kleckerbeträge, die er sich mit allerlei Jobs dazuverdient, reichen nicht fürs Schleppergeld nach Europa. Am Schluss bricht er mit der Heimat und macht sich dennoch auf den Weg, doch die letzte Seite beschert ihm eine Begegnung, die in ein offenes Ende mündet. Das zumindest haben beide Geschichten gemeinsam.

.Die erste ist recht konventionell erzählt, gewinnt aber durch die Figur der desillusionierten Mexikaners Profil (dass mexikanische Flüchtlinge in diesem Jahr wieder topaktuell sein würden, konnten Hedrich und Pampuch nun wirklich nicht ahnen). Doch weitaus interessanter ist die Geschichte aus Dakar, die vor allem von viel eingeflossener Recherche zeugt, vor allem sprachlich, denn Pampuch lässt in seine Dialoge immer wieder ortsübliche Brocken einfließen, die beim ersten Mal übersetzt und dann ganz selbstverständlich weiter gebraucht werden. Hedrichs Zeichnungen lösen nicht ganz das ein, was der graphisch reizvolle Umschlag verspricht, doch durch geschickt gesetzte Zusatzfarbeneffekte werden einzelne Sequenzen aus dem Gesamtgefüge separiert, das dadurch wie eine Kurzgeschichtensammlung mit gleichbleibender Hauptfiguren wirkt. Das ist geschickt gemacht, und dass de im Original mehrfarbig aquarellierten Bilder hier druckbedingt verwischen und nur mit jeweils einer Zusatzfarbe geschmückt werden, ist zu verschmerzen. Denn immerhin sind einzelne Partien schwarz auf weiß gedruckt, andere dann aubergine oder blau auf weiß. So wirkt der Band bunter, als er gedruckt werden konnte, und zugleich bekommt er eine Anmutung, die ihn aus der Masse an Comics heraushebt.

Mathias Schultheiß ist das Vorbild für die Figurengestaltung, wie generell für den düster-realistischen Ton der Erzählung und die ihr doch auch innewohnende Romantik durch Liebesgeschichte und exotisches Setting.. Solche im besten Sinne traditionellen Comics werden nur noch selten verlegt. Wenn sie dann auch noch etwas über die Welt zu erzählen haben, das unseren Horizont nicht nur rein geographisch erweitert, dann ist das umso besser.

14. Feb. 2017
von Andreas Platthaus
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06. Feb. 2017
von Andreas Platthaus
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In der Beschränkung liegt der Kunstgriff

In Zeiten, die jeden einigermaßen ambitionierten literarischen namhaften Verlag dazu zu verleiten scheinen, sich auch einmal an Comics zu versuchen – Rowohlt war vor Jahrzehnten Vorreiter mit Art Spiegelman und Ralf König, S. Fischer ist auch schon mehr als zehn Jahren auf dem Feld aktiv, Suhrkamp nun seit einem Jahrfünft, und Hanser kommt gerade erst auf die Idee (bei Hanser Berlin mit „Freedom Hospital“, über den ich letzte Woche schrieb) –, werden auch weniger prominente Häuser aktiv. Wobei die immer noch größer sein dürften als die meisten deutschen Comicverlage, abgesehen von den Giganten Carlsen, Egmont und Panini. Aber gerade deshalb ist es bemerkenswert, wenn offenbar das Experiment in solch einem Unternehmen auch über einen Einzelversuch hinaus fortgesetzt wird. Wenn also zum Beispiel der Rostocker Hinstorff Verlag schon das zweite Comicprojekt in seiner Geschichte startet, dann beweist das, dass es tatsächlich auch für klassische Verlage attraktiv sein kann, auf Comics zu setzen.

Nun ist Hinstorff ungeachtet seiner großen literarischen Geschichte (auch zu DDR-Zeiten, als dort an der Peripherie ungeliebte Autoren abseits der Berliner Wahrnehmung überwintern konnten) mittlerweile vor allem auf dem speziellen Gebiet der Regionalliteratur und Schifffahrtsbücher erfolgreich. Deshalb passte das erste Comicvorhaben des Hauses, Kristina Gehrmanns dreibändige Erzählung „Im Eisland“ über die berühmte Franklin-Expedition im neunzehnten Jahrhundert, genau ins Bild. Dass der erste Band der Trilogie dann 2016 auch noch den Deutschen Jugendliteraturpreis gewann, konnte niemand ahnen. Die Auszeichnung belohnte jedenfalls ein gewisses Wagnis. Und eine ungewöhnliche Zeichnerin, die Mangaelemente in eine im Abendland angesiedelte Geschichte einfließen ließ.

Der zweite Hinstorff-Comic hält sich weiter ans Maritime: Till Lenecke, ein gebürtiger Hamburger von Mitte vierzig, der bislang noch nicht mit Comics auf sich aufmerksam gemacht hatte, hat einen Störtebeker-Comic gezeichnet. Man ist versucht zu beklagen, dass das doch thematisch und verlagstechnisch arg wenig originell sei, aber der erste Eindruck spricht bereits gegen eine bloße Fortsetzung eines einmal erfolgreichen Rezepts. Von Manga ist nämlich in Leneckes „Auf Kaperfahrt mit Störtebeker“ keine Spur, auch wenn das kleine Format dafür sprechen könnte. Hier hat jemand einen eher statisch wirkenden Stil entwickelt, dessen Personendarstellungen sich an Playmobilfiguren zu orientieren scheinen – man sehe sich nur Störtebekers wie angesteckten Vollbart an und die wenig variable Mimik aller Protagonisten. Doch was hier polemisch klingen mag, ist von mir nicht so gemeint. Im Gegenteil: Je mehr man sich auf Leneckes Erzähl- und Darstellungsweise einlässt, desto mehr Reiz entwickelt gerade der Bruch mit den Erwartungen von Opulenz und lebendigem Ausdruck. Zu sehen ist das hier: https://www.hinstorff.de/modules/pdfreader/uploads/b1d3833b2d4fa412d4cdf3055c1fcae4.pdf.

Was der „Kaperfahrt“-Comic leistet, ist eine Visualisierung einer denkbar dunklen Epoche, als auf Ost- und Nordsee Freibeuter im Dienst der miteinander konkurrierenden Handelsmächte (Hansestädte, Dänemark, Schweden) brutale Überfälle ausübten und dennoch keine Reichtümer erwirtschafteten. Das Elend in den Heimathäfen und Verstecken macht Leneckes bewusst triste Darstellung geradezu spürbar, und die Skrupellosigkeit aller Beteiligten lässt sich leichter illustrieren, wenn die physiognomischen Unterschiede bei den Figuren gering sind und ohnehin alle gleichermaßen malträtiert und verdorben aussehen. Eine Identifikationsfigur gibt es dennoch: den ehemaligen Schiffsjungen Jakob, der 1385 mit dreizehn Jahren nach dem Entern des Schiffs, auf dem er fährt, in Störtebekers Mannschaft gepresst wird und dort Karriere macht, bis hin zum Steuermann. Die Rivalitäten an Bord werden ähnlich schonungslos geschildert wie die Kaperfahrten. Schwarzweiß ist nicht nur dieser Comic, sondern auch das Denken seiner Protagonisten. Moralisch handelt eh niemand.

Trotzdem folgt man Jakobs Schicksal mit Faszination, darunter zu den bekannten historischen Stationen wie dem Durchbrechen der dänischen Seeblockade Stockholms oder der Gefangennahme und schließlichen Hinrichtung Störtebekers durch die Hamburger, mit denen er lange verbündet war. Die Erzählstrecke umfasst fast fünfzig Jahre, weil Jakob als einer der wenigen Davongekommenen im Alter noch einmal an die Stätte des Todes seines Kapitäns zurückkehrt. Zahlreiche Anmerkungen im Anhang  erläutern einzelne Panels und ergänzen die Handlung um historische und nautische Informationen. Und da Lennecke weiß, was er mit seinem Stil riskiert, hat er auch eine kleine Galerie der wichtigsten Akteure angefertigt, so dass man sich im Zweifelsfall noch einmal informieren kann, wen man da handeln sieht. Hundert Seiten ist der Comic stark, er liest sich flott, und am Schluss hätte man sich noch mehr gewünscht. Nicht schlecht für die erste größere Publikation von Lenecke. Und für die Fortsetzung der Hinstorff-Ambitionen.

 

06. Feb. 2017
von Andreas Platthaus
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30. Jan. 2017
von Andreas Platthaus

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Auch die Hoffnung stirbt zu früh

So realistisch alles darin ist, handelt es sich bei dem Comic „Freedom Hospital“ des syrischen Zeichners Hamid Sulaiman doch um eine Fiktion. Den Ort Houria in Syrien, in dem die Handlung stattfindet, gibt es nicht, aber leider existieren eine Menge Kleinstädte, die sein Schicksal teilen: Nachdem sich die Opposition 2011 gegen das Assad-Regime erhob und weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle brachte, setzte die Armee schwere Waffen gegen die Zentren der Rebellion ein und hinterließ Trümmerwüsten. So auch im fiktiven Houria.

Doch dort gibt es einen Hoffnungsschimmer: das titelgebende Freedom Hospital, ein Krankenhaus, das von drei Einheimischen betrieben wird: der jungen Pharmazeutin Yasmin und den beiden Medizinern Fawaz und Dr. Yazan. Angesichts der dauernden Kampfhandlungen und des ständigen Bombardements kommen viele Patienten, und die Operationen finden unter archaischen bedingungen statt,. teilweise direkt auf der Straße, ohne jede Betäubung. Sulaiman nimmt keine Rücksichten auf Empfindlichkeiten der Leser, wenn er eine Amputation zeichnet, und das satte Schwarz seiner Tusche ist nur passend für die düstere Welt, in die er uns führt.

Er kennt sie nur zu gut. 2011 gehörte er selbst zur Opposition, floh aber nach den ersten Exzessen des Regimes nach Paris. Etliche seiner alten Freunde sind in Syrien gestorben, ihre Schicksale sind in einzelne Figuren eingegangen. In „Freedom Hospital“ versammelt er im Mikrokosmos von Houria einen Querschnitt durch die syrische Gesellschaft: Sunniten, Schiiten, Alawiten, Christen, Kurden, Araber, Frauen, Männer, Regimetreue und -gegner. Und als Beobachterin eine syrischstämmige Französin, die einen Dokumentarfilm über das Krankenhaus im Bürgerkrieg dreht. Sie ist unser Bezugspunkt, denn auch ihr müssen die wechselnden Loyalitäten und Weltanschauungen erklärt werden. Und das tägliche Leben unter Todesdrohung.

Sulaiman arbeitet mit einfachen Mitteln, die aber umso eindrucksvoller wirken (eine deutsche Leseprobe des heute erscheinenden Buchs gibt es noch nicht, deshalb hier die französische: http://www.caetla.fr/IMG/pdf/freedom_hospital-extrait.pdf). Der Strich ist nicht subtil, aber expressiv, Sulaimans Schattentechnik verdankt sich dem Vorbild von Frank Millers „Sin City“, aber bei ihm gibt es keinen Zynismus. Bei den Figuren schon, das gehört zu einzelnen Persönlichkeiten, aber in Sulaimans Geschichte spürt man das Leiden an seinem eigenen Land aus jedem Dialog. Und auch aus den lapidaren Datumsangaben, die sich über das eine Jahr der Handlungszeit ziehen. Im März 2012 geht es los, „40.000 Opfer seit Beginn der Revolution“. Und dann immer so weiter: „Ein paar Tage und 150 Opfer später“, „Zwei Tage und 472 Opfer später“, „Eine Woche und 450 Opfer später“ bis zu „Zehn Stunden und 37 Opfer später“ und schließlich „ Der Monate und 12.469 Opfer später“. Die Zeitangaben schneiden ins Geschehen, sie schlagen aus wie die Amplituden eines Seismographen. Und die Erschütterungen sind stark.

Es ist eine Geschichte von Verrat, aber nicht der Art, wie wir ihn gewöhnt sind, eines perfiden, von Beginn an geplanten Verrats, sondern eines Doppelspiels, das sich mehr aus Zufall ergibt und bei dem das Böse auch auf der guten Seite stehen könnte – und umgekehrt. Moralisch integer sind allein die unbeirrbaren Betreiber des Freedom Hospitals, und sie werden dafür einen hohen Preis zahlen. Am Schluss ist einer tot, einer verkrüppelt, und doch geht es weiter, denn die Mitmenschlichkeit wollen sie sich nicht austreiben lassen.

Der Einblick in die syrischen Alltagszustände ist entsetzlich, und der Comic lässt keinen Zweifel an seiner Wahrhaftigkeit. Ja, Sulaiman steht eindeutig auf Seiten der Opposition, aber er zeigt auch deren Zwiespältigkeit, die üblen Kompromisse, das Abdriften in radikale Gruppen, den Machtrausch, wenn ein ehemaliger Taxifahrer sich dem IS anschließt und sich selbst zum Prinzen der Stadt erhebt, von dessen Willkür alle abhängen. Und beide Seiten kämpfen mit russischen Waffen, die Sulaiman gerne isoliert ins Bild rückt, jeweils mit Typenbezeichnung. Die schweren gehören allerdings alle den Truppen des Regimes. Nur einmal gibt es einen Angriff der westlichen Allianz, die zeitweise Flugzeuge zur Kontrolle des Luftraums gegen Assad einsetzte, und da stammen die Waffen aus Frankreich und den Vereinigten Staaten. Aber sonst ist Russland die Waffenschmiede des syrischen Bürgerkriegs.

Hamid Sulaiman lebt immer noch in Paris, und dass er in Frankreich zum Comic fand, ist wenig überraschend. Dass „Freedom Hospital“ für die Franzosen hochinteressant sein muss, die als ehemalige Mandatsmacht traditionell größtes Interesse an Syrien haben, ist klar, dass aber ein deutscher Verlag, und dann auch noch Hanser Berlin (die damit ebenso ihr Comicdebüt geben wie Sulaiman), den fast dreihundert Seiten dicken Band so rasch übersetzen ließ, das ist eine Überraschung. Aber wenn er dazu beiträgt, dass wir noch mehr Abscheu vor der Grausamkeit der Kriegsführung in Syrien entwickeln und noch mehr Mitgefühl für diejenigen, die dem Schlachten entkommen sind, dann gat es sich schon gelohnt. Der moderate Optimismus, den Sulaiman am Ende walten lässt, dürfte nach den Ereignissen der letzten Wochen wohl auch als fiktiv gelten. In der zentralen Parabel, die sich immer wieder durch die Gespräche der Protagonisten zieht, besteht die Pointe darin, dass darauf vertraut wird, dass von drei Beteiligten schon einer rechtzeitig sterben wird. In Syrien aber stirbt gerade alles, und die Hoffnung nicht einmal zuletzt.

30. Jan. 2017
von Andreas Platthaus

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25. Jan. 2017
von Andreas Platthaus
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Neu adaptiert, auf alt getrimmt

Am vorigen Freitag wurde in Berlin ein Comic vorgestellt, von dem man auf den ersten Blick nicht annehmen sollte, dass er neuen Datums wäre. Denn Thilo Krapp, geboren 1975 und seit etlichen Jahren in der Hauptstadt tätig, hat seiner Adaption des berühmtesten Science-Fiction-Romans der Weltliteratur, H.G. Wells‘ „Krieg der Welten“, im Original 1898 erschienen, ein Aussehen verpasst, als käme der Umschlag direkt aus dem Jugendstil. Erst die Figur des sich vor den berüchtigten Dreibeinen versteckenden Erzählers (der bei Wells keinen Namen trägt, bei Krapp aber Robert heißt) erweist den ersten Eindruck als falsch: Dieser Teil der Einbandgestaltung ist vielmehr wie aus Will Eisners Atelier importiert. Wie der amerikanische Altmeister versteht Krapp es, historische Dekors in höchst variabel eingesetzte Seitenarchitekturen zu setzen. Und die Figuren sind semirealistisch gehalten: mal auf wenige Punkte und Striche für die Gesichter reduziert, dann wieder sehr elaboriert gezeichnet. „Opulent“ ist wohl das Wort, das hier am besten passt. Einen Eindruck davon bekommt man auf dem Blog des zeichners: http://thilo-krapp.blogspot.de/2016/05/der-krieg-der-welten-graphic-novel-in.html.

Was begeistert einen Comiczeichner wie Krapp an einem Stoff, der zu den meistbearbeiteten und am häufigsten in andere Erzählformen transponierten überhaupt gehören dürfte? Er selbst geriet als Elfjähriger in den Bann von Orson Welles‘ berühmtem Hörspiel von „Der Krieg der Welten“. Das war 1986, fast fünfzig Jahre nach der Erstausstrahlung in den Vereinigten Staaten, die damals eine Massenpanik ausgelöst haben soll, weil die Zuhörer den Angriff vom Mars für echt hielten. Dass diese Adaption so viel später und in eine andere Sprache übersetzt immer noch derart beeindruckend wirken konnte, spricht für Welles, ohne den Wells wohl nicht mehr so berühmt wäre.

Gleichzeitig ist es mutig von Krapp, eine eigene prägende ästhetische Erfahrung zum Anlass für eine Neubearbeitung des Stoffs zu machen. Dass hier alles etwas konventioneller zugeht als bei Wells (und bei Welles) liegt an der größeren Anschaulichkeit des Comics: Wir sehen, was passiert, wir müssen es uns nicht vorstellen. Deshalb haben nur Großmeister des Horrors wie etwa Alan Moore es bislang vermocht, Comics zu verfassen, die ähnliche Beklemmung auslösen wie die Meisterwerke der entsprechenden Belletristik. Unheimlich ist Krapps Version des „Kriegs der Welten“ in der Tat nicht. Aber spannend.

Das liegt daran, dass Krapp das Prinzip der Seitendramaturgie beherrscht und uns jeweils am Ende einer Doppelseite zu einem Spannungsmoment bringt, der uns durch das Buch fliegen lässt. Die 144 Seiten (wieder mal ein Comic ohne Seitenzahlen – Schande über den Egmont-Verlag!) lesen sich in einem Rutsch, und der Textanteil ist gering, weil sich Krapp auf die Kraft der Bilder verlässt. Eine Karte auf den Vorsatzpapieren lässt den Nachvollzug der atemlos geschilderten Flucht vor den Invasoren durch Südengland zu, aber mit der akribischen Wiedergabe von bekannten dortigen Sehenswürdigkeiten oder auch spezifisch englischen Versatzstücken des Dekors hält Krapp sich nicht groß auf. Von Eisner hat er auch gelernt, wie man mit gelegentlichen Akzenten Stimmungen und Glaubwürdigkeit erzeugt. Dass aber in diese wenigen aufwendigeren Bilder sorgfältige eigene Recherche geflossen ist, wird im Bonusmaterial zur Geschichte deutlich, das einige Skizzen von Krapp zu englischen Interieurs enthält.

Robert ist als wichtigster Protagonist nur durch seinen Familienstand (jung verheiratet) näher charakterisiert, ansonsten ist er der idealtypische Comic-Held à la Tintin: aufgeweckt, neugierig, unbeschrieben. Bisweilen löst sich der Erzählfokus und geht auf Roberts jüngeren Bruder über, und dann knirscht es im Gebälk der Story-Konstruktion, aber da hat auch der Roman von Wells seine Schwächen. Meisterhaft ist dagegen, dass hier nicht Gewalt zum Selbstzweck der Darstellung wird, sondern die Verwüstung durch die Kampfmaschinen vom Mars eher in Andeutungen gezeigt wird. Und wenn dann die Tentakel der außerirdischen Lebensform zum Einsatz kommen, nutzt Krapp geschickt unsere Urängste vor schlangenartigen Wesen.

Der Band ist schwarzweiß mit reichen Grau-Lavierungen, gedruckt auf bräunlichem Papier, wie ein vergilbter historischer Roman. Erstaunlicherweise wählt Krapp eine Schreibmaschinentypographie statt handgeletterten Buchstaben, aber das ist auch der einzige Schönheitsfehler im gestalterischen Konzept. Die gezeichneten Lautmalereien verraten dann wieder die amerikanische Tradition. Es gibt weiß Gott schlechtere Vorbilder, deren man sich bedienen könnte.

Überraschen kann die Geschichte nicht; zu viel wissen wir vom „Krieg der Welten“. Aber Krapp versetzt das Geschehen anders als Welles oder auch Spielberg in der jüngsten Verfilmung wieder in die Ursprungszeit des Buchs, also ans Ende des neunzehnten Jahrhunderts, und dadurch bekommt das Ganze einen nostalgischen Charme, der mit dem zeitlosen Schrecken aufs Schönste kontrastiert. So muss man nicht mit historischen Stoffen umgehen, aber das man es mit gutem Gewissen kann, das zeigt Thilo Krapp.

25. Jan. 2017
von Andreas Platthaus
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10. Jan. 2017
von Andreas Platthaus

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Ein kleines Leben in der großen Geschichte

Jedes Jahr warte ich mit Spannung auf den Gewinner des „Afkat“, jenes Comicpreises mit dem rätselhaftesten aller Namen (was ich anfangs für eine Abkürzung hielt, entpuppte sich als plattdeutsches Wort für „Rechtsanwalt“, denn die Auszeichnung wird von einer Anwaltssozietät gestiftet). Verliehen wird er in Hamburg als Förderpreis für eine noch nicht publizierte Graphic Novel und das seit 2011 – damit ging der Afkat dem erstmals 2014 verliehenen Berthold-Leibinger-Comicpreis voraus. Allerdings bekommt der Gewinner kein Geld, sondern einen Verlagsvertrag für das prämierte Werk: beim Mairisch-Verlag, der dadurch zu einer schönen Reihe von Comicpublikationen gekommen ist. Allerdings sind sie bislang alle eher kleinformatig; ob das Zufall oder Pragmatismus der Jury ist, weiß ich nicht. Jedenfalls war es auch beim letztjährigen, dem insgesamt fünften Gewinner, Sebastian Jungs“ Albert“, wieder so.

Leider weist die Homepage des Preises seitdem keine neue Ausschreibung aus, also steht es in den Sternen, ob 2017 wieder ein Comic im Mairisch-Verlag mit dem Afkat-Prädikat erscheinen wird. Dasa wäre schade, denn der Preis hat sich dadurch profiliert, das er Grenzgänger zwischen Comic und Bildergeschichten bevorzugte und tatsächlich noch unbekannte Zeichner auswählte: Tilo Richter, Karin Krämer (beide zusammen habe ich an dieser Stelle besprochen: http://blogs.faz.net/comic/2012/05/02/was-um-alles-in-der-welt-ist-afkat-229/), Sohyun Jung (http://blogs.faz.net/comic/2014/03/17/koreanisch-kochen-bildern-482/), Raphaela Buder (http://blogs.faz.net/comic/2015/03/02/verfolgungswahn-und-mutterliebe-656/) und zuletzt eben Sebastian Jung. Auffällig ist, dass die letzten drei Preisträger autobiographisch erzählen – ein Trend im deutschen Comicgeschehen. Wobei Jungs „Albert“ nicht die eigene, sondern die Geschichte des Großvaters der Autors in den Mittelpunkt stellt. Der 1922 im Westerwald geborene Albert Jung wurde im Zweiten Weltkrieg schwerverletzt und kam 1945 in russische Kriegsgefangenschaft. Erst vier Jahre später kehrte er nach Hause zurück,

Im Mittelpunkt stehen aber nicht die großen Weltereignisse, sondern die Rolle eines kleinen Mannes von eher schlichtem Gemüt darin. Deshalb finden sich die bewegendsten Schilderungen in den Abschnitten zu den Jahren nach 1949, als Albert sich wieder ins Leben in der jungen Bundesrepublik hineinkämpfen muss, und dieser Kampf ist zwar unblutig, aber nicht weniger hart zu bestehen wie die Kriegszeit. Als Grubenarbeiter in einem daniedergehenden Bergbaugebiet, das nicht im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung steht (wer die A3 von Köln nach Frankfurt fährt, kann nach einem Drittel der Strecke noch einen Förderturm als Industriedenkmal im Westerwald bewundern), ruinierte er sich die Gesundheit, und weil die Bundeswehr eingeführt worden war, stand in der Familie ein Konflikt darüber an, ob die Söhne von Albert den Wehrdienst ableisten sollten. Das Erbe des Kriegs wurde er nie wieder los, nicht physisch und nicht psychisch. Albert Jung starb nach mehreren Schlaganfällen, die ihm schon vorher das Sprechen unmöglich gemacht hatten, im Jahr 2006.

Da war sein Enkel Sebastian zwanzig Jahre alt, aber durch die Schlaganfälle des Großvaters hatte er mit ihm nicht über die Vergangenheit reden können. Anders als beim letzte Woche an dieser Stelle vorgestellten Band „Tante Wussi“ hat es also für „Albert“ unmittelbares Gespräch zwischen dem Zeitzeugen und dem Buchautor gegeben. Sebastian Jung ließ sich von seinem Vater die Geschichte von Albert erzählen, und diese vermittelte Sicht wird auch wieder zum Thema in „Albert“. In der ersten Zeichnung des Buches wird Albert als „Hauptperson“, der Vater Eberhard als „Erzähler“ und der Enkel Sebastian als „Illustrator“ bezeichnet. Auf dem Titelbild aber steht nur Sebastian Jung als Autor.  „Was ich hörte und dann gestaltet hab“, schreibt er im Buch, „ist meine Wahrnehmung und ein Versuch, mit den Augen meines Großvaters zu sehen,“

„Illustrator“ ist also in der Tat zu wenig, aber es passt insofern wieder gut, als Sebastian Jung gar keinen Comic gezeichnet hat, sondern ein Bilderbuch ( siehe auf https://www.mairisch.de/programm/sebastian-jung-albert/). Für Comics charakteristische Bildsequenzen gibt es gar keine, auch keine Sprechblasen oder Textkästen. Die Erzählung ist auf liniertem Papier per Hand niedergeschrieben, und dazu gibt es sowohl dokumentarische Tuschezeichnungen (die etwas an Reinhard Kleist und Emanuel Guibert erinnern, aber wie sollte das bei dem Thema auch nicht der Fall sein?) und bisweilen werden Fotos und Dokumente als Bebilderung verwendet. Es ist eine eindrucksvolle Abfolge, aber hierfür einen Comicpreis zu verleihen strapaziert das Genreverständnis schon sehr.

Die beste Bildidee hat Sebastian Jung gleich auf dem Umschlag verwendet: Albert zerfällt in Puzzlestücke. Oder setzt sich aus ihnen zusammen – ganz wie man will. Auf braunem Pappkarton gedruckt, kommt das Buch wie eine alte Kladde daher, als Notizbuch wie aus Wehrmachtszeiten. Auch das ist meisterhaft gestaltet. Als Buchobjekt ist „Albert“ also ein Kleinod, als Graphic Novel wird er Leser enttäuschen, die an einem konventionellen Comic-Verständnis dieser Form hängen und nicht anerkennen wollen, dass hier geradezu mustergültig der im Begriff enthaltene Anspruch eines „gezeichneten Romans“ erfüllt wird.. Auch deshalb wäre es schade, wenn dieses Buch das letzte Wort des Afkat bliebe. Ein gewichtiges zweifellos, aber gerade kein Advokat für die spezifische Erzählform des Comics.

 

10. Jan. 2017
von Andreas Platthaus

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