Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

Erste Lesung: Eine bleibende Statt

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1961 kommt Gesine Cresspahl, die Hauptfigur der „Jahrestage“ von Uwe Johnson, mit ihrer kleinen Tochter nach New York, 20 Tage hat sie Zeit, eine Wohnung zu finden. Zwei Jahre später sagt Marie: „wir bleiben“, und so steht die Mecklenburgerin 1967 am Strand von New Jersey, lässt sich den Grund unter den Füßen wegspülen und denkt an die Ostsee. Erste Wochenlektüre.

Darum geht es in diesem Blog

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Erinnerung, Prolog und 21. August 1967

„Lange Wellen treiben schräg gegen den Strand, wölben Buckel mit Muskelsträngen, heben zitternde Kämme, die im grünsten Stand kippen. […] Der Wind ist flatterig, bei solchem drucklosen Wind ist die Ostsee in ein Plätschern abgelaufen.“ Gesine Cresspahls Gedanken fliegen im Prolog der „Jahrestage“ zwischen der Küste von New Jersey und der von Rande bei Jerichow hin und her. Das Meer ist für sie ein Erinnerungsort, in dem Gegenwart und Vergangenheit ineinander fließen. An beiden Orten sind und waren Juden unerwünscht, das macht Johnson gleich nach seiner Meeresbeschreibung deutlich, wie auch den Rassismus des Badeorts in New Jersey, in dem Afro-Amerikaner nichts als Hausbedienstete sein können. Er nennt sie „Neger“, um das Abfällige des Blicks auf die Domestiken zu schärfen.

Die Zugfahrt am Ende der Ferien zurück nach New York aber ist eine Erinnerung an Jakob Abs aus Johnsons „Mutmassungen“, der immer quer über die Gleise gegangen war und diese niemals so hätte verlottern lassen, wie Gesine es durch das Zugfenster beobachtet. Dann sind da die vom Vater verordneten Bahnfahrten als Neunjährige 1942 zurück nach Jerichow, mit achtzehn nach Wendisch Burg zu Klaus Niebuhr und Ingrid Babendererde, „eine von denen mit dem unbedachten Lächeln“. Gesine hat sie also nicht gemocht, und ich verstehe sie so gut, die Heldin von Johnsons erstem Roman war mir immer zu anstrengend. Nicht wie 1951 durch die weite mecklenburgische Landschaft geht es für Gesine Cresspahl, sondern unter dem Hudson hindurch in das Manhattan von 1967.

Der 21. August 1967 und der 21. August 2017 sind beide ein Montag. Gesine Cresspahl liest in der „New York Times“ von einem Bombardement in Hanoi, Rassenunruhen in New Haven und einem in Prag ermordeten amerikanischen Juden. Die Zeitungsnachrichten sind eine der vielen Strukturen der „Jahrestage“, neben wechselnden Erzählperspektiven, Einwürfen, dem Spiel von Vergangenheit und Gegenwart. Nach der Klärung biographischer Daten – „Sie ist jetzt vierunddreißig Jahre. Ihr Kind ist fast zehn Jahre alt. Sie lebt seit sechs Jahren in New York“ – tritt ein Ich-Erzähler auf, der nicht allwissend ist oder es zumindest verbirgt, der sagt „Ich stelle mir vor“. Zugleich weiß er, wie Gesine Cresspahl sich verändert hat, er kennt die Umstände ihrer Ankunft, weiß von einer Reise mit gefälschtem Pass nach Prag, wohin und wie sie geht. Ist es Jakob oder der Vater, der Gesine so beobachtet? Oder ein ganz anderer?

Auf nur fünf Seiten hat Johnson eine Vielzahl von Fährten ausgelegt, fast wie in einem Krimi, voller Andeutungen, mit einem Unbekannten, der die Protagonistin zu kennen scheint, der rätselhaften Anrede des Kindes, Mecklenburger Platt und Gesines Routinen, dem Spiel von Erinnerung und gegenwärtigem Erleben: „Sie wohnt am Riverside Drive in drei Zimmern, unterhalb der Baumspitzen.“ Die Motoren der Autos klingen nach Brandung, und so endet der 21. August 1967 in Jerichow.

Ankunft in New York 1961, 24. August 1967

„Als Gesine Cresspahl im Frühjahr 1961 in diese Stadt kam, sollte es für zwei Jahre sein.“ Für die fast vierjährige Tochter Marie ist die Ankunft in der Stadt traumatisierend, sie sehnt sich nach Großmutter und Kindergarten in Düsseldorf. Das im Hotel organisierte Kindermädchen ist zu alt und spricht so unverständlich, dass die Mutter sie mitnimmt bei der Wohnungssuche, die Annoncen in der einen möglichen Zeitung abklappernd. „Sie war so still versessen auf die Rückkehr, sie wurde wieder und wieder wohlerzogen genannt.“ Wie viel einfacher war der Umzug 2007 mit einem fast vierjährigen in die wohl überschaubarste Hauptstadt Europas gewesen, damals noch nicht allein, die Wohnung schon gemietet.

Als der jüdische Makler in Queens ihr erklärt, die „shwartzes“ werde man schon aus dem Viertel heraushalten, schnappt sie sich ihre Tochter und stürmt – wie Madame Chauchat ordentlich die Tür knallend – aus seinem Büro. „Sie versuchte dem Kind zu erklären, daß der Makler sie für eine Jüdin gehalten hatte, für einen besseren Menschen als eine Negerin.“ Gesine Cresspahl sucht nach einem Ort, an dem sie leben kann. Den denkt sie sich ohne Rassismus und Antisemitismus, beides findet sie nicht im New York des Jahres 1961. „Gesine war bereit aufzugeben. Unter solchen Leuten ist nicht zu leben.“ Aber sie bleibt.

Traurig, trotzig und appetitlos ist Marie, sie will nicht einmal fernsehen, die neue Welt betrachtet sie mit sicherem Abstand aus dem Fenster eines oberen Stockwerks. Ihre Frage nach den Flugzeugen ist eine Bitte um Rückkehr in das Bekannte, Vertraute. Sie kann sich gegen die Veränderung nur durch eine Veränderung des eigenen Verhaltens wehren. Gesine Cresspahl lässt ihrer Tochter den Protest, sie nimmt ihn wahr und gibt Marie Raum, wenngleich in oft spröder und ein wenig distanzierter Art. Sie weiß, dass man Kinder auch bitten muss. Ein Kind, mein Kind gegen seinen Willen von geliebten Menschen weg in die Fremde zu entführen. Wenigstens war es keine andere Sprache und ein Freund war schnell gefunden. Aber kein Tag verging ohne die Frage nach dem Warum. Damals ging es nicht darum, wo man leben könnte, sondern darum, überhaupt den Alltag, den Tagesablauf zu organisieren. Noch am Tag, als die Möbelpacker vor der neuen Wohnung in Hessen hielten, ein Vorstellungsgespräch in Zürich mit Farbe an den Fingern vom Renovieren. Es sollte nicht sein, auch wir sollten bleiben.

Refugium 243 Riverside Drive, 26. August 1967

Eine Bleibe finden Mutter und Tochter schließlich am Riverside Drive, in der heute noch bestehenden Wohnanlage Cliff Dwelling, erbaut 1914, verziert durch einen Kalksteinfries, „ein Band exotischer Stiermuster“. Dort würde Gesine Cresspahl leben und ihr Kind großziehen können, denn dieser Hausgemeinschaft war man auch „farbig“ willkommen und sie suchten jemanden, „den wir mögen“. Auch Marie wollte bleiben und so sendet ihre Mutter eine Art Stoßgebet an einen wortgewandten Menschen, der nicht mehr da ist „Wenn ich jetzt dich vorschicken könnte.“ Und so ziehen die beiden in ein Drei-Zimmer-Apartment, gelegen neben „Hehlern wie Dieben, Betrunkenen“ und dem Dreck der 97. Straße, doch gegenüber von einem Park mit Blick auf den Hudson River.

Marie Cresspahl, 22., 25. und 26. August 1967

1967 ist Marie Cresspahl in New York verwurzelt, spricht deutsch mit amerikanischem Akzent, fliegt mit zehn fast von der Nonnen-Schule, weil sie gegen den Vietnam-Krieg protestiert, will sich mit 15 aber dennoch taufen lassen. Ihrer deutschen Herkunft entgleitet sie. Marie wächst in der Fremde mit nur einem Elternteil auf, sie „sieht älter aus als zehn Jahre“, denn sie muss sich zurechtfinden und kann nicht immer Kind sein. In einer Aufreihung von Sätzen – „Heirate doch, aber ich will keinen Vater“ – entsteht am 25. August das Bild eines Mädchens, das seine Vergangenheit und Gegenwart formuliert und eine klare Vorstellung von sich selbst hat. Was sie schreibt, hält sie vor der Mutter geheim. Auch sie liest Zeitung und sammelt Bildausschnitte daraus, unbemerkt hat sie ein Bild des Vaters kopiert, der ihr als „Delegierter der Internationalen Fahrplankonferenz in Lissabon“ in Erinnerung ist. Sonntags kauft sie ohne das Wissen der Mutter eine Comiczeitung. Sie klingt inzwischen wie eine aus dem Viertel. Wohl deshalb hat sie 1963 so entschieden: „Nach zwei Jahren wollte meine Mutter zurück nach Deutschland, und ich habe gesagt: wir bleiben.“

Gewalt, täglich

In dieser vierten Augustwoche geht es wiederholt um gewaltsame Auseinandersetzungen des „long hot summer of 1967“ in New Haven, um Straßengewalt, Verhaftungen und Kontrollen schwarzer Bürger. Vor 25 Jahren las ich in einer fremden Zeitung, dem „Independent“, von den Geschehnissen in Rostock Lichtenhagen. Ich war erst seit wenigen Wochen in Schottland und fassungslos, beschämt über das Übermenschentum, das Gewaltpotential der Menge, den Anspruch andere bedrohen zu dürfen und einer Lebensgefahr auszusetzen. „Wer eine einzige Seele rettet, der rettet die ganze Welt.“ In Lichtenhagen aber behinderten meine Mitbürger 1992 die Rettung des Kostbarsten, was uns zu eigen ist: Menschenleben.

Am 26. August 1967 meldet die New York Times die Erschießung von George Lincoln Rockwell, Gründer und Vorsitzender der Amerikanischen Nazipartei, der „National Socialist White People’s Party“. Solche „white supremacists“ sitzen heute mit im Weißen Haus, der 45. Präsident der Vereinigten Staaten hat sich auf Wählerstimmen von Rassisten und Holocaustleugnern verlassen können. Eine eindeutige Verurteilung der rassistischen Gewalt mit Todesfolge in Charlottesville lässt er bis heute vermissen. Auch in Charlottesville waren Geschichte und Gegenwart verschränkt, wurde handgreiflich eine Rechtsradikalen genehme Erinnerungskultur propagiert: Mit der symbolischen Verteidigung General Lees ebenso wie dem Versuch, das Terrain der Afro-Amerikanischen Bürgerrechtsbewegung mit Gewalt zurückzuerobern, indem man eine Baptistengemeinde und eine Synagoge angriff – auch amerikanische Juden erreichten ihre endgültige Gleichstellung erst durch den „Civil Rights Act“ von 1964, der religiöse Diskriminierung für nicht verfassungskonform erklärte.

Die Gegenkandidatin hatte im Wahlkampf am 25. August 2016 vor der Nähe des jetzigen Präsidenten zu Rechtsradikalen gewarnt. Unter anderem mit den mehrheitlichen Stimmen weißer Frauen ins höchste Staatsamt gewählt, hievte er Ideologen der Weißen Vorherrschaft in Schlüsselpositionen. Ausgang trotz des jüngsten Abgangs von Bannon ungewiss.

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Literatur

Uwe Johnson, Ingrid Babendererde, Frankfurt a. M. 1987 (EA 1985).

Robert L. Harris, Rosalyn Terborg-Penn (Hrsg.), The Columbia Guide to African American History since 1939, New York 2006.

 

Medien

Uwe Johnsons New York, Regie: André Schäfer, Marc Augé, Deutschland 2016. (In der arte-Mediathek: https://www.arte.tv/de/videos/055888-001-A/die-große-literatour)

 

 

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2 Lesermeinungen

  1. Ein Begleiter seit Jahrzehnten
    Großartig, dass die FAZ diesen unbeschreiblichen Roman neu in den Mittelpunkt stellt. Für mich ist es der bedeutendste Nachkriegsroman.

  2. Danke
    liebe frau förster,
    vielen dank, dass Sie johnsons phantastische jahrestage auferstehen lassen.
    ich mag das lakonische und kluge des eintrags und die verknüpfung mit dem unglück in lichtenhagen und der wahl des 45. präsidenten der vereinigten staaten. wir können diese welt wie sie heute ist, nicht ohne ein buch wie die jahrestage verstehen. und für jeden, der wissen will was es bedeutet, mit einem kleinen kind ein neues leben zu beginnen, in einer stadt, einer der schönsten der welt, ohne zweifel, in der aber beinahe alles was heimat hieß nicht mehr existent ist, sollte johnsons buch und auch seine vorlesungen lesen. ich bin kurz nach der wende auf dieses buch gestoßen, weil darin alles, wonach ich sehnsucht hatte, veränderung, aufbruch, new york, die ostsee, trauer und liebe ihre platz haben, auf eine ganz andere art. man darf unseld noch heute danken, diesen und viele andere dichter, unterstützt zu haben, zwar nicht ganz selbstlos – auch der verlag sollte blühen, aber

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