Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

Fünfte Lesung: Heirat als Reformation

Warum lieben sich unsere Eltern oder haben das einmal getan? Diese Frage treibt Gesine Cresspahl in dieser Woche um, als die Eltern den Hochzeitstag auf den Reformationstag legen und Lisbeth mit überstürztem Besuch in Richmond den Punkt ohne Wiederkehr markiert. Fünfte Wochenlektüre.

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Darum geht es in diesem Blog

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Die Eltern als Liebende verstehen (17., 20. und 23. September)

„Es war schon dunkle, dicke aschige Nacht, als sie auf dem Hof von Cresspahls Werkstatt stand. Sie ließ sich Zeit, ihm bei der Arbeit zuzusehen, einem derben Kerl in einem Hemd ohne Kragen, der seit Tagen nicht gegen seine gelben Bartstacheln angegangen ist und leise fluchend mit schweren Zwingen hantierte. Manchmal zwinkerte er in Gedanken, so allein glaubte er sich. Als er endlich mit seiner Pfeife vor die Tür trat, konnte er ihr Gesicht nicht erkennen, und erkannte sie.“

Dieses Echo auf den Korintherbrief 13, Vers 12 – „Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin“ – erzählt von Lisbeth Papenbrocks Ankunft in Richmond, heimlich ist sie im Herbst 1931 von Bremen nach London geflogen, ihre Eltern wähnen sie bei ihrer Freundin Leslie Danzmann, die sich das Kurbad Graal nur in der Nebensaison leisten kann und die „gern gefällig“ ist.

 

Liebe als Passion?

In der Forschungsliteratur zu dieser von Gesine Cresspahl unverstandenen Liebe lese ich einen knappen Hinweis zu Niklas Luhmanns „Liebe als Passion“ als Erklärungsansatz. Genauer geht es wohl um die Umwertung von passion von passiv erduldeter zu aktiver Leidenschaft in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. In deren Kontext entwickelt sich Liebe zu einer „Superpassion“, sie befindet sich „außerhalb des Bereichs rationaler Kontrolle“, ist von Paradoxien geprägt. Die Liebenden erkennen im anderen nur positive Eigenschaften. Die Liebe ist interesselos, auch „die Negativa werden mitgenossen und dienen gerade dazu, die Liebe bewußt zu machen“. Sie muss zudem exzessiv sein, weil echte Leidenschaft sich nun nicht mehr kontrollieren lässt.
Was aber könnte das mit Heinrich Cresspahl und Lisbeth Papenbrock zu tun haben? Ist es schon exzessiv, wenn Heinrich Cresspahl in Gedanken an die ferne Geliebte auf dem Hof steht und in den Himmel starrt, belächelt von seinen Mitarbeitern? Wenn er sich länger in Jerichow aufhält als geplant? Dass er sich wie ein Urlauber verhalten hat und seine Tochter später denkt, er habe sich vergessen? Immerhin kehrt er nach Richmond zurück, leitet seinen Betrieb und klärt seine privaten Angelegenheiten, trennt sich von seiner langjährigen Geliebten Elizabeth Trowbridge und findet sie finanziell ab.

© [CC BY-SA 3.0]Über die Richmond Bridge könnte Lisbeth Papenbrock spaziert sein (Foto aus den 1930er Jahren, Lloyd Family Album)

Das „er musste sich vergessen haben“ der letzten Lektürewoche kann ich nicht als „exzessive Note“ verstehen. Seine Tochter erklärt sich so das für sie Unerklärliche: Warum ihr Vater sich von einer völkisch-nationalen Familie und dieser frömmelnden Frau nicht fernhielt. Sie will nichts davon wissen, dass die Beziehungsmöglichkeiten der Moderne sich auch darin zeigen, individuellen Eigenschaften mehr Raum zu geben. Sie will den Vater in seinem demokratischen Umfeld verheiratet sehen oder doch wenigstens in England, der aber sucht sich „ein nicht auffälliges Mädchen, das seine Haare in einem Mittelscheitel geteilt und seitlich über die Ohren gelegt hat“ und verliert sich in Lisbeths Fotografie erneut: „Alle früheren Bilder vergaß Cresspahl sogleich.“
Auf Lisbeth Papenbrock trifft dieser Liebesbegriff schon eher zu, schließlich überschreitet sie Schranken, die ihr von der Familie gesetzt werden und reist heimlich nach statt zur Freundin nach Richmond. Für die Negativa der Liebe scheint sie aber zu naiv, sie erkennt gar keine und damit wohl auch die Paradoxien der Leidenschaft nur am Rande. Ihre Blindheit ist keine sehende.

 

Gesine Cresspahls Blick auf die Liebe der Eltern

Als Leserinnen und Leser der „Jahrestage“ sehen wir mit den Augen des Kindes auf die Eltern als Liebespaar. Die Tochter blickt zudem mit dem Wissen des Jahres 1967 auf das Verhalten des Vaters im Jahr 1931, auf seine Rückkehr in ein Land, das bald zur NS-Diktatur werden soll, unterstützt von Leuten wie seiner Schwiegerfamilie und deren Umfeld. Auch die Paradoxien dieser Beziehungen kennen wir nur aus ihrer Perspektive, zudem scheint allein der Vater in diese verstrickt, vor allem wohl in die „sehende Blindheit“. Im Grund will sie nachträglich die Grenzen ziehen, die zumindest im 17. Jahrhundert die Familie und in der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts oft noch das Milieu den Liebenden setzte.

Kann Gesine Cresspahl überhaupt einen Einblick in diese Liebe, in die Beweggründe des Vaters haben und geben, oder ist die nicht nur beobachtbar und kommunizierbar für die beiden direkt Beteiligten? Liebe aus Hartnäckigkeit, aus Sturheit habe ich mit ihrer Brille gelesen. Auch Lisbeths Wunsch, ihre Familie zu verlassen mit einem Bräutigam, der für den Vater nahezu unmöglich sein muss und es für den ungeliebten Bruder ganz sicher ist. Die Mutter weiß nicht so recht, ob lachen oder weinen. Heinrich Cresspahl scheint mir Lisbeth Papenbrocks Versuch einer Rebellion zu sein und die sichert sie mit ihrem plötzlichen Auftauchen in Richmond zumindest bezüglich ihrer Heiratspläne ab.

Wie Heinrich Cresspahl seine Verlobte erkennt, ist durchaus ambivalent, aber wie es Johnsons Erzählweise zu eigen ist, werden wir in der Schwebe gehalten, wer hier eigentlich spricht, wer das Auseinanderfallen der gemeinsamen Gefühlsdeutung ankündigt:

„Cresspahl war erschrocken. […]. Er war erschrocken über die Einfälle, die er nach diesem von ihr gewärtigen mußte. Ihm war unheimlich, wie blind sie sich in einem Schritt, in einer Zeit mit ihm glaubte; wo ihn noch Fremde und Entfernung scheuerten, bemerkte sie keinen Abstand mehr. Sie kam ihm vor wie das Kind, das beim Eierlaufen vor Überschwang vergißt, daß auch die Spielgefährten die zerbrechliche Last, zur Not mit feindseligen Tricks, ins Ziel bringen wollen; er fühlte sich verpflichtet, auch noch dafür zu sorgen, daß sie heil ankam. Jetzt war er ihr nicht nur durch sein Alter überlegen. Sie machte sich abhängig. Das hatte er nicht gewünscht.“

Aus der mecklenburgischen Provinz wird unmittelbar nach der Hochzeit die Flucht angetreten.

Dennoch schreibt Cresspahl mit Lisbeth an einer gemeinsamen Geschichte, die verpassten Gelegenheiten früherer Treffen, er baut ihr Tisch und Betten; Lisbeth spricht im Gegenzug geringschätzig über Jerichow und abfällig über den Bruder, der in der SA nichts werden kann, weil sein Vater ihn zu knapp hält. Sie will ihm etwas bedeuten, auch intim mit ihm werden: „Ich wollte vorher noch einmal mit Dir schlafen, Cresspahl. In einem Bett, mein ich.“

 

Hochzeitstag 31. Oktober 1931

Klütz in Mecklenburg, Vorlage für das fiktive Jerichow der „Jahrestage“

Geheiratet wird dann am Reformationstag 1931. Cresspahl irritiert die Schwiegerfamilie, weil er sich in alles fügt, wo sie doch Widerstand von ihm erwarten – „all dies in Verrechnung gegen die Zusicherung und das Vertrauen darauf, daß der Schnellzug Nummer 2 ihn mit ihr um halb acht aus Gneez vor Jerichow nach Hamburg retten sollte.“ Die Papenbrocks sind untereinander heillos zerstritten über die Hochzeit. Der eingeladene Dr. Semig verlässt die Feier noch während des Kaffeetrinkens, nicht ohne zuvor dem neuen Freund alles Gute zu wünschen. Cresspahls Mutter ist gekommen, auch seine Schwester Gertrud Niebuhr mit Gatte Martin und Schwager Peter. Auch einen Schnapsschuss von Lisbeth gibt es:

„Die Frau an Papenbrocks anderer Seite kenne ich als meine Mutter; es ist mir versichert worden. Sie trägt nunmehr eine vielleicht grünliche Bluse, die mit einer dünnen Kordel locker um den Hals zusammengezogen ist; die Aufnahme überrascht sie mit einer Hand hinter dem Kopf an den zu einem Helm gesteckten Haaren, so daß sie lacht, vor Vergnügen an ihrer Ungeschicklichkeit, aber als stünde ihr Lachen nicht.“

Gesine Cresspahl können wir schlecht sagen, die Eltern hätten sich irgendwie auf eine gemeinsame Gefühlsdeutung geeinigt und diese Einigung müsse eben nicht Kriterien der Wahrscheinlichkeit genügen, sondern dem, was die beiden jeweils aneinander als für sie selbst bedeutend erkannt hätten. Uns selbst könnte es ein Lösungsangebot sein, sollten wir uns die Frage nach der elterlichen Liebe stellen.

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Literatur

Ullrich Krellner, „Was ich im Gedächtnis ertrage“. Untersuchungen zum Erinnerungskonzept von Uwe Johnsons Erzählwerk, Würzburg 2003, S. 236–246.

Niklas Luhmann, Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität, Frankfurt 1994 (EA 1982), S. 71–96.

Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman »Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl« (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und digital neu herausgegeben von Anke-Marie Lohmeier 2012

 

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