Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

Sechste Lesung: Heimat als „Ort des Ankommens“

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Heimat wird in den „Jahrestagen“ nicht nur als Ort der Herkunft verstanden, sondern auch als „Ort des Ankommens, den man findet, den man sich erwerben und aneignen kann“ – so der Germanist Norbert Mecklenburg. Was Gesine Cresspahl im New York der 1960er Jahre glückt, daran scheitert ihre Mutter Anfang der 1930er Jahre in Richmond. Sechste Wochenlektüre.

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Fremd in Richmond (27. und 29. September 1967)

Lisbeth Cresspahl, geborene Papenbrock, versteht die Welt von Richmond nicht, oder besser: die versteht sie nicht. Nicht ihr Pensionatsenglisch, nicht ihre Maßeinheiten, auch die Gesten nur langsam. „Die Sprache war so schnell. Und die Melodie der Sätze schien zwar in einem hohen Ton versammelt, in Wirklichkeit schlug sie vielfach nach unten und oben aus und veränderte die Bedeutungen.“ Dazu soll sie nun einen Haushalt führen, für den Meister und seine Gesellen kochen, muss sich einen Hausstand einrichten und verschleudert mit ihren Ansprüchen (und der überhasteten Reise zum Verlobten) ihre finanziellen Rücklagen.

„Und sie hatte die Worte nicht!“ für all die praktischen Dinge, die Lebensmittel, die sie nun anzuschaffen hat. Sie schämt sich: für sich, wenn sie radebricht und auf Gegenstände zeigt, sie schämt sich ihres Mannes, der mit Gesten Worte erfragt. Und schlimmer noch, der versteht ihre Nöte nicht einmal: „Und sie sah etwas Neues an ihm: er vermochte seine Ohren zu verschließen. Was er nicht hören wollte, lief ab wie Wasser an seiner wachsamen und freundlichen Miene. […] Das hatte er nicht gemacht, als sie noch Lisbeth Papenbrock war.“

 

Bis nach Westminster läuft Lisbeth Cresspahl von Richmond aus, um ihren Mann zu strafen. Westminster Bridge, ca. 1932, Bundesarchiv, Bild 102-13183, CC-BY-SA 3.0

Lisbeth Cresspahl straft ihren Mann mit Liebesentzug, zuerst beim Essen und dann durch ihre stundenlange Abwesenheit während des Tages. Bis nach Westminster läuft sie zu Fuß aus Richmond davon, dem Ort, an dem Virginia Woolf sich von 1914 bis 1919 unter anderem in Hogarth House von ihren Zusammenbrüchen erholte – nicht immer freiwillig, wie Michael Cunningham in „The Hours“ eindrücklich beschreibt: Die Sehnsucht Woolfs nach London ist im Roman so groß, dass sie stellvertretend für sich selbst ihre Köchin nach London fahren lässt – nur um gezuckerten Ingwer für den Tee mit ihrer Schwester Vanessa Bell kaufen zu lassen. Doch die Abwesenheit von London sollte zehn Jahre währen, erst 1924 zogen die Woolfs zurück in die Stadt nach Bloomsbury an den Tavistock Square.

Obwohl Lisbeth Cresspahl in ihren Briefen nach Jerichow vom Fremden prahlt, von den Möglichkeiten des Konsums kolonialer Waren, von teuren Restaurantbesuchen, von Parks und Paraden, von gescheiterten Kommunisten bei den Parlamentswahlen, wird sie in Richmond nicht heimisch. Vor allem eine Gemeinde findet sie nicht, keine ist ihr protestantisch genug, die Vielzahl der Kirchen verwirrt sie. Selbst Jerichow, wo „es nur die Petrikirche“ gab, ist kein gedanklicher Rückzugsort für die Gläubige, denn Pastor Methling, zu dem sie wohl nicht nur in religiöse Fragen aufschaute, hat sein Amt aufgegeben und sie weiß nicht warum. Krankheit ist jedenfalls nicht der Grund. Auch die Neubauwohnung, die Cresspahl ihr zumindest in Aussicht stellt, kann sie nicht gnädig stimmen. Vielleicht würde die Geschichte anders verlaufen, wenn er diese Wohnung gleich von seinen Ersparnissen gekauft hätte, statt seiner Angetrauten Zeit zu lassen, sich an Richmond zu gewöhnen.

Lisbeths Flucht zu Fuß in die Londoner Innenstadt endet an der Westminster Abbey. Es muss die Zeit des „Remembrance Day“ sein, der an den Waffenstillstand nach dem Ersten Weltkrieg „zu elften Stunde am elften Tag des elften Monats“ erinnert, denn „Poppy-Friedhöfe“ sind auf der Rasenfläche bei der Kirche finden. Seit 1919 wurde dieser Tag mit einer Schweigeminute begangen, seit 1921 waren Mohnblumen das Symbol der Erinnerung an die gefallenen Soldaten des Empire. Sie hatten auf den Feldern in Flandern zu Zeiten der verheerendsten Schlachten geblüht, wie John McCrae es 1915 in seinem ikonischen Gedicht schrieb: „In Flanders fields the poppies blow/ Between the crosses, row on row“.

 

Die „Poppy-Friedhöfe“ an der Westminster Abbey, hier Remembrance Day 1928, Leonard Bentley, Iden, CC BY-SA 2.0

Die Migrantin versteht weder, dass der Union Jack in seiner Vielgestaltigkeit auch die Landesteile Schottland und Irland präsentiert, noch die britische Erinnerungskultur der Mohnblüten und den Brauch, „kleine Holzkreuze mit roter Rosette“ aufzustellen. Fast empört stellt sie fest: „Das war nicht zum Andenken an die Toten ihrer Seite.“ So fühlt sie sich von allen übervorteilt und ihr Mann denkt, zum Entschuldigen reiche ihre eine Umarmung. „Sie konnte nicht ausbrechen“ – so erklärt Gesine Cresspahl später ihrer Tochter Marie dieses Nicht-Ankommen ihrer Mutter.


Die „Tricks der Erinnerung“ (28. September 1967)

Für Gesine Cresspahl aber steht das Ankommen in New York in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Aufarbeitung ihrer mecklenburgischen Vergangenheit. Zuweilen ist sie zwar in New York und doch ganz woanders: „– Gesine, wach auf. Wo warst du. – Vor ein paar Jahren.“ Das Gedächtnis kann auch bei einem Blick aus dem Fenster zuschlagen, beim Gewahrwerden des herbstlichen Dunstes am anderen Ufer des Hudson, die Farbe feuille morte trägt Gesine in das Jahr 1953 nach Wendisch Burg, an einen Ort, an dem sie gar nicht gewesen sein konnte. Das Gedächtnis „fertigt mir eine Vergangenheit, die ich nicht gelebt habe, macht mich zu einem falschen Menschen, der von sich getrennt ist durch die Tricks der Erinnerung.“ Aus dem Speicher des Gedächtnisses können also auch Erinnerungen abgerufen werden, die trügen, einstige Vorstellungen, die sich nicht erfüllten. Wendisch Burg hatte sie 1951 besucht und dort Klaus Niebuhr und Ingrid Babendererde kennengelernt, auch D. E. war in Wendisch Burg zur Schule gegangen. 1953 aber war sie im Herbst schon in Westberlin und konnte nur noch heimlich nach Jerichow oder in andere Orte der DDR reisen.

 

Wo Gesine und Marie Cresspahl beheimatet sind: Der Riverside Drive 243 (4., 18. und 19. September 1967)

Am Riverside Drive sind Gesine und Marie Cresspahl recht weit von den Lichtern der Großstadt entfernt: „Bei uns, auf der Oberen Westseite von Manhattan, sind die Lichter geringer und hängen tiefer.“ Dabei war die Straße einst Teil des Baubooms um 1900 gewesen, als sich der Colonial Style durchgesetzt hatte und die einfach gehaltenen Fassaden mit Ornamenten geschmückt wurden. „Riverside Drive, die Straße am Fluß, sollte die Fifth Avenue als Wohngegend übertreffen.“ Der Medientycoon William Randolph Hearst, Vorbild für den „Citizen Kane“ zog an den Riverside Drive, denn damals bedeutete diese Adresse „Vermögen und Kredit, Macht und fürstlichen Rang. Es war eine Straße für Weiße, Angelsachsen, Protestanten.“ Trotz um 1900 gebauter U-Bahn und nobler Anrainer scheitert der Riverside Drive als Konkurrent der Fifth Avenue, an die – ein sichtbares Zeichen unter vielen – Jackie Kennedy im September 1967 gezogen war.

Als Gesine Cresspahl und ihre Tochter am Riverside Drive 243 einziehen, sind deren Glanzzeiten vorbei, aber die Wohnungen am Fluss dafür erschwinglich, der Park in unmittelbarer Nähe.

Wo Marie und Gesine Cresspahl (und Uwe Johnson) wohnten, Cliff Dwelling, Riverside Drive 243, Beyond My Ken, CC BY-SA 4.0-3.0-2.5-2.0-1.0

Appartementhäuser und billige Mietskasernen wechseln sich ab, die meisten Hotels beherbergen verarmte Pensionäre und Migranten, denen es nicht gelungen ist, „Besitz aus Europa vor den Nazis zu retten, sie sind nicht hoch abgefunden worden, sie können nicht bürgerliche Vergangenheit verlängern in den polierten Wohnungen am Riverside Drive, sie leben für sich.“ Während Lisbeth Cresspahl nur an sich und das eigene Unglück denken kann, nimmt ihre Tochter auch andere wahr und setzt sich in Beziehung.

Wie Mrs. Ferwalter gibt auch sie einen großen Teil ihres Einkommens für eine gute Schulbildung ihrer Tochter aus, denn sie soll wie die „einzelne und unabhängige Person“ behandelt werden, die sie ist. Marie Cresspahl verschafft beiden in New York Rituale des Ankommens: die samstäglichen Fahrten nach Staten Island, wenn Marie mit dem Einkaufswagen über den Broadway segelt und sich von einem Ladeninhaber mehr als dem anderen umgarnen lässt. Sie ist eine Türöffnerin, spielt mit der neuen Sprache, beschließt das Bleiben und protestiert gegen den Vietnam-Krieg. Aber sie will auch wissen, woher ihre Eltern und Großeltern stammen. Sie ist der Anlass, das Erinnerte zu erzählen. Vielleicht auch ein Zeichen des Ankommens.

Heimat in diesem doppelten Sinn, als Erinnern der Herkunft und Aneignung des neuen Heimatortest ist eines der zentralen Themen der „Jahrestage“. Nur wer Heimat ausschließlich mit Herkunft verknüpft, kann sie allein für die Herkommenden beanspruchen und sie den Ankommenden nicht gewähren wollen – gedanklich wie tatsächlich. Kann ausgrenzen, markieren und herabsetzen. Doch nicht einen Roman kann man in die Hand nehmen, kein Musikstück hören, keine Reise unternehmen, nicht eine Freundschaft pflegen, ohne zumindest eine Ahnung vom Glück einer Heimat des Ankommens zu haben.

 

Literatur:

Donald Albrecht, Thomas Mellins, What is Colonial Revival? In: Dies. (Hg.), The American Style. Colonial Revival and the Modern Metropolis, New York 2011, S. 13–33.

Michael Cunningham, The Hours, London 1999.

Hermione Lee, Virginia Woolf, London 1996.

Norbert Mecklenburg, Die Erzählkunst Uwe Johnsons. Jahrestage und andere Prosa, Frankfurt a. M. 1997, S. 359–366.

Zu John McGrae auf poetryfoundation.org.

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1 Lesermeinung

  1. Heimat 1 und 2
    Danke! Was für ein schöner Text! So viel Heimat – und das in New York! Wunderbar!

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