Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

Achte Lesung: Falsche Partner*innen, Zigaretten und Nazis

In der Gegenwart New Yorks besuchen Marie und Gesine Cresspahl ihre Freundin Annie und geraten in den Albtraum von deren Ehe. In Jerichow geht es darum, die politisch richtige Zigarettenmarke zu rauchen. Achte Lektürewoche.

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Darum geht es in diesem Blog

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Der falsche Partner der Freundin (8. Oktober 1967)

Wer kennt das nicht, dieses mindestens eine Paar, das sich unglücklich macht? Die Freundin oder den Freund, die von ihren einstigen Gegenstücken nicht mehr mit den Augen der Liebe angesehen, ja nicht einmal gewürdigt werden. Oder schlimmer noch, herabgesetzt, wann immer ein Publikum es beobachten kann, weshalb man Besuche bei ihnen scheut, hat man sie auch noch so gern. Gesine Cresspahl jedenfalls hat so eine Freundin, Annie Killainen aus Kaskinen, „eine dralle, eine quicke Person mit Apfelblütenfarben“. Eine Zufallsbekanntschaft, die eigentlich die Vormieterinnen hatte besuchen wollen.

„Sie ist auch von der Ostsee, der bottnischen, ein Bauernkind, das mit Stipendium nach Helsinki und Genf gekommen war. Sie konnte so lachen über ihre Geschichten, ihre Vergeßlichkeit, ihre zwei linken Hände, wir haben sie behalten. Einmal haben wir sie gekränkt, weil wir die evangelische Kirche eine Firma mit beschränkter Haftung nannten, aber sie war nicht betrübt ihretwegen, sondern über uns, und sie kam wieder, brachte skandinavisches Spielzeug, blieb über Nacht, eine Freundin, die darauf bestand, von Nutzen zu sein.“

Diese patente, herzliche Annie heiratet den falschen Mann, ihre Klugheit hatte ihr Stipendien, Bildung und eine Stelle als Kunstführerin bei den Vereinten Nationen verschafft, nicht aber den richtigen Partner. Die Rituale des Datings einübend, vergisst sie ihren Jugendfreund in Finnland und heiratet den Übersetzer F. F. Fleury, weil der ihr „das richtige Leben“ versprach, „ein Leben auf dem Land.“ Diese Fleurys besuchen Marie und Gesine Cresspahl am ersten Oktoberwochenende auf ihrer Farm in Vermont, mitten hinein in das Drama einer Ehe gelangen sie, aus der für Annie mit drei kleinen Kindern, als unbezahlte Sekretärin ihres übersetzenden Mannes tätig, ohne Job kein Entkommen zu sein scheint. Fleury trinkt abends,

„bis er endlich aus seinem bockigen, gewalttätigen Schweigen herausfand in den Streit, den Annie ohne Gegenwehr über sich ergehen ließ, etwas krumm sitzend, mit sonderbar waagerechten Schultern, die Hände zwischen den Knien, fast heiter, als geschehe nur das Erwartete.“

Vermont, Oktober 2017. Auch die Herbstidylle eines Bauernhofs kann trügen.

Frédéric Fleury beschimpft seine Frau auf Französisch und Marie hört alles mit an. Der Haushalt ist nicht gemacht, die Kinder sprechen mit ihr vertraulich Finnisch, mit dem (tagsüber stets im Büro verkrochenen Vater) viel weniger. Er fühlt sich und seine Arbeit nicht gewürdigt, beschimpft ihr europäisches Mitleid mit getöteten Vietnames*innen und ihre infantile Moral. „Ne dis pas cela, Frédéric“, sag das nicht Frédéric, ist das einzige, was Annie seinen Anwürfen wiederholt entgegensetzt, denn sie weiß längst, dass sie den Streit nicht gewinnen kann. Als sie sich bei Gesine entschuldigt, geht ihr Mann auch auf die Freundin los, die nicht offen in die Vereinigten Staaten gekommen sei, sondern mit festen Moralvorstellungen und ihrem „verdammten Stolz“. Im Morgengrauen fliehen die Cresspahls aus dem Haus der Freunde. Marie hat mitbekommen, was einer Zehnjährigen zu ersparen wäre: „Ich habe auf der dunklen Treppe gesessen. Ich habe Euch gehört. Und Annie habe ich gesehen.“

Beim Lesen kann man nur hoffen, dass Annie demnächst zur amerikanischen Frauenbewegung stößt und ihre Koffer packt. 1966, ein Jahr vor Gesines und Maries Besuch bei den Fleurys, wurde die National Organisation of Women (mit dem schönen Apronym NOW) gegründet, die sich die konkrete Umsetzung der Gleichberechtigung in den Vereinigten Staaten zum Ziel machte. Denn eine Diskriminierung am Arbeitsplatz war nicht nur aufgrund der Ethnie, sondern auch aufgrund des Geschlechts seit dem Civil Rights Act von 1964 nicht mehr verfassungskonform. Erste Präsidentin von NOW war Betty Friedan, Autorin von „The Feminine Mystique“ (1963, deutsch „Der Weiblichkeitswahn, 1966), in der sie das Leben von Frauen wie Annie untersuchte. Sie machte die Entmündigung und Frustration gut ausgebildeter weißer Mittelstandsfrauen, die nichts als Hausfrauen, Mütter und gute Konsumentinnen zu sein hatten, zum vielbeachteten Thema. Die Symbole dieses Daseins – Schminke, Waschmittel, Büstenhalter und high heels – warfen Aktivistinnen der New York Radical Feminists bei der Miss America-Wahl von 1968 in sogenannte Freiheitsmülltonnen und sorgten ähnliche wie die britischen Suffragetten so für große Medienöffentlichkeit.

© APMitglieder der National Women’s Liberation Party Protestieren am 7. September 1968 gegen die Miss America-Wahl (AP Photo)

Das Women’s Liberation Movement breitete sich innerhalb eines Jahres in den gesamten Vereinigten Staaten aus, auch in Vermont. Am 26. August 1970 – zum 50. Jahrestag des allgemeinen Wahlrechts für Frauen in den Vereinigten Staaten – demonstrierten 50.000 Frauen in New York auf der 5th Avenue für gleiche Rechte und gegen den Vietnamkrieg. „Frauen in Vietnam sind unsere Schwestern“ war auf den Bannern zu lesen, die Frédéric Fleury sicher in Rage versetzt hätten. Vielleicht war Annie Killainen Fleury ja dabei, als das Private transnational politisch wurde, Frauen sich gemeinsam für ihre Rechte einsetzten, sich aus gesellschaftlichen Zwängen zu befreien begannen und dabei heftig darüber stritten, dass es ‚die Frauen’ nicht gebe, sondern Feminismus (wie wir es heute nennen) intersektional zu denken sei.

Betty Friedan auf dem Frauenstreik für Gleichberechtigung am 26. August 1970 in New York (AP Photo)

 

Rauchen für die SA (11. und 13. Oktober 1967)

Aus Peter Wulffs Korrespondenz mit Heinrich Cresspahl erfahren wir, wie es um die Jahreswende 1932/33 in Jerichow zugeht. Beim Briefwechsel tauschen die Bekannten Zeitungsartikel und Nachrichten über Politik aus, Persönliches verschweigen sie meist. In Mecklenburg versuchen die Kommunisten im November 1932 eine Annäherung an die Sozialdemokraten, doch die können das gemeinsame Abstimmen von NSDAP und KPD im Preußischen Landtag nicht verknusen. In London spielt die British Union of Fascists „Freikorps“ und richtet sich unter Oswald Mosleys neuer Führung ein Hauptquartier in Chelsea ein, „mit Wachen vor der Tür und Truppentransportwagen im Hof“.

Wachen der British Union of Fascists vor der Londoner Zentrale in Chelsea.

Die Annäherung an die Sozialdemokraten Jerichows streben die Kommunisten an, weil sie die Zigarettenmarke „Der Trommler“, die der örtliche deutschnationale Tabakwarenhändler Böhnhard stapelweise vertreibt, nicht rauchen wollten. Deren Hersteller ist nämlich „mit den Nazis im Geschäft“ und bietet in „jeder Packung das Bildnis eines nationalsozialistischen Politikers“ feil – zu diesem Zeitpunkt eine typische Werbemaßnahme für Zigaretten. Tatsächlich war die Dresdener Firma Dressler, besser unter dem Markennamen „Der Sturm“ bekannt, noch weitaus enger mit der NSDAP verknüpft, als Johnson andeutet. Als der Zigarettenmarkt für Neugründungen längst gesättigt war, hatte Firmeninhaber Arthur Dressler Ender der 1920er Jahre NSDAP und SA einen Finanzdeal vorgeschlagen: Die SA sollte ihren Mitgliedern empfehlen, nur noch Zigaretten der Marke „Der Sturm“ zu rauchen, dafür sollte die SA je 1000 verkaufte Stück zwischen 15 und 20 Pfennig erhalten. Die Firma produzierte nicht nur den Verkaufsschlager „Trommler“ (mit einem Preis von dreieinhalb Pfennig die zugleich billigste Variante), sondern auch Päckchen wie „Alarm“, „Sturm“ und „Neue Front“. 1932 erwirtschaftete die Firma dank dieser Regelung einen Umsatz von 36,6 Millionen Reichsmark, die SA erhielt in diesem Jahr knapp 125.000 Reichsmark an Zahlungen. Als der Konsumzwang für die SA 1934 aufgehoben wurde, brachen die Einnahmen der Firma ein und Dressler musste 1935 Konkurs anmelden. Tabakwarenhändler Böhnhard bestellt die von den Sozialdemokraten empfohlene Marke „Kollektive“ nicht, als Kompromiss aber die „Rote Sorte“, die wegen „des Anklangs an Kartoffeln und Rüben“ besonders bei Bauern und Landarbeitern beliebt war. Noch ist der Bürgermeister von Jerichow der Sozialdemokrat Erdamer, doch die Landesregierung Mecklenburg-Schwerins wird seit dem August 1932 vom Nationalsozialisten Walter Granzow geführt.

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Literatur:

Jo Freemann, On the Origins of Social Movements, in: dies., Victoria Johnson: Waves of Protest. Social Movements Since the Sixties, Lanham, MD 1999, pp. 7–24.

Thomas Grosche, Arthur Dressler. Die Firma Sturm – Zigaretten für die SA, in: Christine Pieper, Mike Schmietzner, Gerhard Naser (Hrsg.): Braune Karrieren. Dresdner Täter und Akteure im Nationalsozialismus, Dresden 2012, S. 193–199.

Holger Helbig, Klaus Kokol, Irmgard Müller, Dietrich Spaeth, Ulrich Fries (Hrsg.), Johnsons Jahrestage. Der Kommentar, Göttingen 1999. Aktualisierte Fassung.

Renate Kroll, Metzler Lexikon Gender Studies/Geschlechterforschung, Stuttgart 2002, Lemmata: The Feminine Mystique; Frauenbewegung; Friedan, Betty.

Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman »Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl« (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und digital neu herausgegeben von Anke-Marie Lohmeier 2012.

Gründungserklärung der National Organization for Women von 1966

Miss America Pageant is Picketed by 100 Women, The New York Times, 8. September 1968.

 

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