Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

Neunte Lesung: Bedrohte Menschenrechte

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Anfang März 1933 reist Heinrich Cresspahl seiner Frau Lisbeth nach Jerichow hinterher. Die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ ist schon erlassen, SPD- und KPD-Politiker auf der Flucht, als er gemeinsam mit seinem Freund Erwin Plath in Lübeck verhaftet wird. In Mississippi werden 1967 einige der Mörder drei junger Menschenrechtsaktivisten zu milden Haftstrafen verurteilt. Neunte Wochenlektüre.

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Darum geht es in diesem Blog

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„Kannst du dir nicht denken was sie dachte?“ Erzählebenen (21. August 1967 bis 20. August 1968)

„Deine Mutter, Lisbeth: sagt Marie. – Erzähl doch mal von ihrer Seite her.“ In die als Tagebuch organisierten „Jahrestage“, die im New York von 1967 und 1968 spielen, flicht Johnson die (weitgehend) chronologische Erzählung über die fiktive mecklenburgische Kleinstadt Jerichow seit 1931 ein. Erzählt wird diese Familiengeschichte ihrem jüngsten Mitglied, Marie Cresspahl. Sie rankt sich lange um deren Großvater Heinrich (1888-1962), bevor sie zu einer Erzählung „Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ wird – so der Untertitel der „Jahrestage“. Die 1933 geborene Gesine erzählt ihrer Tochter immer wieder Begebenheiten, an die sie selbst sich gar nicht erinnern kann, was Marie hier einfordert, an anderer Stelle aber durchaus moniert.

Diese zweifach rhythmisierte Erzählweise hält einen Roman zusammen, der auf der Ebene der einzelnen Tage vor allem durch Unterbrechung gekennzeichnet ist, Stimmenvielfalt, Wechsel von Perspektiven, topographische Beschreibungen, literarische Anspielungen und nicht zuletzt die Nachrichten der New York Times sowie die Auseinandersetzung mit der „Tante Zeitung“. All dies wird verfremdet durch Ironie, Satire, Parodie. Auf der Satzebene sind logische Bezüge häufig nur durch genaues Lesen zu erkennen, auf der Ebene des Romans gibt es trotz des Anspruchs einer historischen Erzählung keine genaue Auskunft darüber, warum die Protagonisten sich so verhalten, wie sie es tun.

Das Fragmentarische des Erinnerns nachbildend schreibt Uwe Johnson um dessen Lücken herum, stößt Themen an, deren Auflösung später oder auch gar nicht erfolgt. Sein (im Sinne Ecos) radikal offenes Kunstwerk verlangt nicht nur ein Einlassen der Leser*innen auf diese Lücken, sondern auch auf das Unterbrechen, auf die Querverbindungen der unterschiedlichen Stimmen und auf die vielen Assoziationsketten, die das dokumentarische Material auslöst. Ihnen allen zu folgen, ist dabei unmöglich. Der ideale Leser Johnsons ist ein engagierter, ein suchender, ein arbeitender. Auszuhalten ist das nur, weil Johnsons Sprache prägnant und zugleich poetisch ist. In nur einem Satz sieht man Annie Killainens ganzes Leid, wenn es um den Streit geht, „den Annie ohne Gegenwehr über sich ergehen ließ, etwas krumm sitzend, mit sonderbar waagerechten Schultern, die Hände zwischen den Knien, fast heiter, als geschehe nur das Erwartete.“

 

Eine Mikrogeschichte der NS-Diktatur schreiben (19. bis 21. Oktober 1967)

Bis nach London, bis nach Richmond ist das „Wir sind wieder wer?“ geschwappt, das Deutschland nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler erfasst hat. In die Erzählung der Wochen vor Gesine Cresspahls Geburt montiert Johnson zeitgeschichtliches Material und schreibt so eine (lückenhafte) Mikrogeschichte der Machtübertragung an die Nationalsozialisten und ihrer unmittelbaren Folgen. Wutschnaubend hört Heinrich Cresspahl beim Anglo-German Circle von Richmond etwa dem Journalisten Wolf von Dewall zu, London-Korrespondent der Frankfurter Zeitung. „Der Vertreter der Frankfurter Zeitung sprach von der Entwicklung eines gänzlich neuen Menschenschlags in Deutschland. Die Leute hätten sogar neue Gesichter.“ Im Daily Express ist von der Auflösung des Reichstags zu lesen, als Lisbeth Cresspahl mit dem Kommentar „Was geht dich das Kind an, Cresspahl“ eine Rückkehr nach Jerichow beschließt.

Der Lübecker Reichstagsabgeordnete Julius Leber (1891-1945)

Heinrich Cresspahl reist ihr Anfang März 1933 hinterher – in ein Deutschland, in dem durch die sogenannte „Reichstagsbrandverordnung“ vom 28. Februar 1933 die Grundrechte der Weimarer Verfassung bereits außer Kraft gesetzt sind, oppositionelle Politiker verfolgt werden, und zudem ein aggressiver Wahlkampf für die am 5. März bevorstehenden Reichstagswahlen tobt. Heinrich Cresspahl will am 2. März 1933 seinen Freund Erwin Plath in Lübeck besuchen, schon am Bahnhof wird die neue politische Situation deutlich: Polizei und SA führen gemeinsam Personenkontrollen durch, denn die SA war bereits am 22. Februar in den Rang einer Hilfspolizei erhoben worden und nun am Vollzug der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ beteiligt.

Eher zufällig stolpert Heinrich Cresspahl in den Transport von Dokumenten für Flüchtende, für den ein von der SA begleiteter Trauerzug genutzt wird. Sowohl sein Freund als auch dessen Frau verhalten sich merkwürdig. Der Sozialdemokrat Erwin Plath scheint ein Flüchtender im eigenen Land zu sein, geradezu auf seine Verhaftung harrend:

„Später fand Cresspahl ihn am äußersten Rand des Grabfeldes, hinter der Wand eines Mausoleums, unruhig, Schulterblicken verfallend, flüsternd, nicht vergnügt, nicht der Spaßmacher, den Cresspahl seit so zwanzig Jahren kannte. Erwin wartete auf jemanden. Cresspahl war es nicht. Im Grund wartete er auf die Polizei, nur hätte er vorher gern noch jemand anderen getroffen.“

 

© dpaErnst Thälmann (1886-1944) wurde am 3. März 1933 in Berlin verhaftet

In dieser Lübeck-Episode geht es um die Verfolgung sozialdemokratischer und kommunistischer Politiker aus der Region. So gibt es bei der Übergabe der Dokumente nur ein Thema: Wer für den Reichstagsbrand verantwortlich war – die SA oder die von der Regierung beschuldigte KPD. Die mecklenburgischen KPD-Abgeordneten Hans Warncke, Willi Schröder, Bernhard Quandt und Johann Schuldt sind auf der Flucht, Ernst Thälmann wähnen die Lübecker Sozialdemokraten, die Ausreisen organisieren, auf dem Weg nach Dänemark. Noch immer gekränkt, von der KPD als „Sozialfaschisten“ beschimpft worden zu sein, streiten die Konspirateure über das mögliche Ausmaß ihrer Solidarität, als Cresspahl sich wieder auf den Weg macht. Auch der Reichstagsabgeordnete Julius Leber, Redakteur des sozialdemokratischen Lübecker Volksboten ist Thema. Leber war bereits am 1. Februar 1933 verhaftet worden, unter Missachtung seiner Immunität als Reichstagsabgeordneter. Einer seiner freien Mitarbeiter beim Lübecker Volksboten ist Herbert Frahm, der Anfang April 1933 nach Norwegen geht und dort den Kampfnamen „Willy Brandt“ annimmt. Johnson erwähnt ihn jedoch nicht. Thälmann ist die Flucht nach Dänemark nicht gelungen, er wird in Berlin in der Lützowstraße verhaftet, kommt in Einzelhaft und wird 1944 in Buchenwald erschossen.

Herbert Frahm/Willy Brandt (1913-1992) 1933 in Oslo

Als Cresspahl endlich wieder auf seinen Freund Erwin Plath trifft, wird er in dessen Hausflur prompt verhaftet, kann aber beide mit dem Hinweis auf das gemeinsame Dienen im Holsteinischen Artillerie-Regiment im Ersten Weltkrieg freibekommen. Die Geburt seiner Tochter Gesine hat er verpasst. Sein Freund Erwin beginnt wieder, auf seine Verhaftung zu warten. In Jerichow spielt die SA Standartenkapelle aus Lübeck, ziehen SA und Stahlhelm mit Fackeln um die Häuser und Heinrich Cresspahl sitzt in der Falle: „Was wollen Sie jetzt noch in England, jetzt wo Deutschland wieder hochkommt?“

Mit Heinrich Cresspahl wirft Johnson einen subjektiven Blick auf ein Deutschland, das sich in nur wenigen Monaten nationalsozialistischer Regierung in eine Diktatur wandelt, die sowohl demokratische wie föderale Strukturen zerschlägt und deren Programm von Beginn an antisemitisch ist. Cresspahl ist irritierter Augenzeuge der regionalen Alltagsgeschichte dieser Diktatur: ihrer Repressalien genauso wie ihrer Mechanismen von Selbstermächtigung.

 

Mississippi Freedom Summer (21. Oktober 1967)

Auch in der New York Times und damit auf der Tagebuch-Ebene des Romans geht es um Menschenrechte, denn am 21. Oktober 1967 ist über das Urteil im Prozess um die Ermordung der drei Bürgerrechtsaktivisten James Chaney (21), Andrew Goodman (20) und Michael Schwerner (24) zu lesen. Alle drei waren beim Congress for Racial Equality (CORE) tätig und hatten sich im Mississippi Freedom Summer engagiert, einem Projekt, dass die Registrierung afro-amerikanischer Wähler*innen vorantreiben, ihre Gesundheitsvorsorge verbessern und mit den „Freedom Schools“ Bildungsmöglichkeiten für Jugendliche im Sinne eines „empowerment“ schaffen wollte. Bereits zwei Tage nach Beginn der Aktion verschwanden die drei jungen Aktivisten.

Suchmeldung des FBI vom 29. Juni 1964 nach Michael Schwerner, James Chaney und Andrew Goodman, AP

1967 wurden sieben Männer verurteilt, von denen nur zwei einer Gefängnisstrafe entgegensahen. Unter ihnen befand sich auch:

„Cecil R. Price, Hauptuntersheriff, der die Opfer im Gefängnis von Meridian festhielt, bis der Ku Klux Klan seine Vorbereitungen abgeschlossen hatte, dann sie freiließ, auf der Landstraße wieder einfing und der Bande der Lyncher übergab, in der er selbst mitwirkte (die Toten wurden im Deich eines Teiches gefunden, begraben vermittels eines Bulldozers). Fünf der Überführten sind frei“.

Erinnerungszeichen zum 50. Jahrestag der Ermordung der drei Aktivisten Chaney, Schwerer und Goodman, dpa

Erst nach enormem öffentlichem Druck nahmen sich die Bundesbehörden auf Anordnung von Lyndon B. Johnson des Falls an, vermutlich auch, weil Schwerner und Goodman weiß waren. Bei der Suche nach den Ermordeten waren 150 Beamte im Einsatz, erst das Aussetzen einer Belohnung von 30.000 Dollar führte 44 Tage nach der Ermordung zum Auffinden der Leichen. Drei weitere Leichenfunde schwarzer CORE-Aktivisten wurden von den Bundesbehörden nicht verfolgt. Die Anklage gegen 19 Beschuldigte, darunter auch Polizeibeamte, lautete auf Verletzung ziviler Rechte, weil ein Mord nur bei Kidnapping und Bankraub ein Bundesvergehen war. Während des Mississippi Freedom Summer, der nach dem Civil Rights Act von 1964 die faktische Durchsetzung von Bürgerrechten zum Ziel hatte, wurden weitere sechs Aktivisten getötet, vier schwer verletzt, achtzig verprügelt, dreißig Häuser zerbombt und siebenunddreißig Kirchen niedergebrannt.

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Literatur:

Robert L. Harris Jr./Rosalyn Terborg-Penn: The Columbia Guide to African American History Since 1939, New York, 2006, S. 53–57.

Holger Helbig, Klaus Kokol, Irmgard Müller, Dietrich Spaeth, Ulrich Fries (Hrsg.), Johnsons Jahrestage. Der Kommentar, Göttingen 1999. Aktualisierte Fassung.

Norbert Mecklenburg, Die Erzählkunst Uwe Johnsons. Jahrestage und andere Prosa, Frankfurt a. M. 1997, S. 255–291, S. 404–409.

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2 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    Danke für diese einfühlsame Lesebegleitung und die Ausführungen zur Vielstimmigkeit des Romans, seiner Mulutmaterialität und der beindruckend präzisen Schilderung der Stimmung im sich wandelnden Deutschland, die zeigt, dass ein Strukturwandel von Menschen getragen wurde. Nur eines: manchmal scheinen Sie zu schnell zu lesen: auch bei Johnson wird Thälmann historisch völlig korrekt in der Berliner Lützowstraße verhaftet. – Ich freue mich auf weitere Lektüre, von Johnson wie von Ihnen.

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