Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

Zehnte Lesung: Protestieren gegen Vietnam?

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„Fang an, Gesine.“ Gesine Cresspahl hat Streit mit ihren inneren Stimmen, die von ihr mehr Protest gegen den Vietnam-Krieg verlangen – ein Protest, den sie an ihre Tochter Marie ausgelagert hat, die Ärger in der Schule bekommt, wenn sie pazifistische Abzeichen trägt. Auch Marie schleppt in dieser Woche ein Problem mit sich herum. Zehnte Wochenlektüre.

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Darum geht es in diesem Blog

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Innere Stimmen versuchen zu befehlen (22. Oktober 1967)

„Fang an, Gesine.
Fangt ihr doch an.
Warum warst du gestern nicht bei der Demonstration in Washington.“

Wenn Gesine Cresspahl sich an Stimmen aus ihrer Vergangenheit erinnert oder sich vergangene Unterhaltungen des Vaters vorstellt, wenn sie im Kopf Zwiegespräche führt oder mit dem Genossen Schriftsteller spricht, sind diese Passagen im Text kursiv gesetzt. Am 22. Oktober 1967 konfrontieren die Stimmen sie mit einem Vorwurf: Sie hat sich politisch nicht engagiert und legt nun wie in einer Beichte Rechenschaft ab über ihr Verhalten. Denn sie hat nicht mit 50 000 anderen Amerikanern in der Nacht vom 21. auf den 22. Oktober 1967 in Washington demonstriert und anschließend vor dem Pentagon kampiert, obwohl sie den Krieg sehr kritisch sieht. Gesine Cresspahl hält nichts davon, wenn eine Minderheit gegen die Politik der Regierung protestiert – bereits in ihrem ersten Argument liegt ein defensiver Fehler, denn wie und wo sollte je die Mehrheit des Souveräns Volk gegen seine Regierung auf die Straße gehen können? Nein, ihr wahrer Grund liegt in der Vermeidung von Risiko. Sie will erst protestieren, wenn eine verlässliche Chance darauf besteht, dass die Opposition gegen den Krieg erfolgreich ist.

Sit-in gegen den Vietnamkrieg
vor dem Pentagon in Washington D.C. am
21./22. Oktober 1967 – die Military Police riegelt ab.

Diese Chance bestand 1967 allerdings durchaus: Nur 58 Prozent der Amerikaner waren im Herbst 1967 noch für den Krieg, nur 39 Prozent vertrauten Präsident Johnsons Politik des mittleren Wegs. Im April hatte der Friedensnobelpreisträger Martin Luther King einen Protestmarsch in New York angeführt, an dem Hunderttausende teilnahmen. Im Oktober 1967 folgte der Marsch auf das Pentagon, an dem Gesine Cresspahl nicht teilnimmt, weil sie sich sorgt „[d]aß eine Ablehnung der nordamerikanischen Expansion in Asien umgedreht würde in eine Befürwortung der sowjetischen Expansion“. Doch die Stimmen lassen nicht locker, denn Gesine Cresspahls Gründe sind vielfältiger, sie reichen von der Sorge um Marie über Bequemlichkeit und Angst vor Polizeigewalt bis hin zum Unbehagen, als Mittdreißigerin aufzufallen unter all den Studierenden und kiffenden „Blumenkindern“, überhaupt dem Unbehagen, aufzufallen.

„Die schöne Vertraulichkeit am nächtlichen Feuer vor dem Pentagon, ich habe solch Vertrauen nicht mehr. Die Umzingelung durch die Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten, fachmännisch in die Hüfte abgestützt, sie hätte mich nicht reinfallen lassen auf Heldentum in der Gefahr. Der Geruch von Holzrauch und Tränengas in der Luft, er hätte mich nicht denken lassen an die wissenschaftlich vorhergesagten Leiden vor dem unausbleiblichem Sieg.“

Cresspahl bleibt lieber eine Beobachterin, informiert sich in der Zeitung, statt sich wie Norman Mailer mit 650 Anderen wegen zivilen Ungehorsams auf den Treppen des Pentagon verhaften zu lassen. Sie kann sich nicht in Gemeinschaft mit den Protestierenden denken, sie will nur den Abzug der „fremden Truppen“, nicht aber die Unterstützung des Vietcongs befürworten. Sie kann nur tun, was sie „im Gedächtnis“ erträgt, deshalb bleiben ihre Motive trotz aller Erklärungen letztlich im Dunkeln:

„Gesine, warum warst du gestern nicht bei der Demonstration in Washington?
Das sage ich nicht.
Uns kannst du es doch sagen.
Nicht einmal in Gedanken.
Es bleibt nur noch Eines.
Solange ich es nicht fertigdenke, ist es nicht.

Gesine Cresspahl will die Hoheit über ihr Denken und Handeln niemandem als sich selbst gestatten. Die Gründe liegen in ihrer Vergangenheit, von der die Leser*innen bisher nur die Vorgeschichte bis zu ihrer Geburt am 3. März 1933 kennen.

 

Affirmative Action in der Schule (25. Oktober 1967)

Marie sitzt in der Klemme. Ihre private katholische Schule hat – um weiterhin staatliche Fördergelder zu erhalten – ein Stipendium an die afroamerikanische Schülerin Francine vergeben, und Marie fällt es nun zu, sich um Francine zu kümmern: Seit Anfang des Schuljahres hilft sie in Mathematik und Englisch, auch in Geographie und kontrolliert die Hefte, telefoniert wegen der Hausaufgaben. Das allein würde sie nicht unbedingt stören. Ungerecht findet sie, dass sie „für alle einundzwanzig von uns die Arbeit machen soll“, denn ihr allein ist die Aufgabe zugeteilt worden. Außerdem plagt sie das Freundschaftsangebot von Francine, der sie aus Pflichtgefühl, nicht als Freundin geholfen hat. Die neue Schülerin will aber ihre Freundin sein, und es setzt Marie zu, dass sie diese Freundschaft nicht ehrlich erwidern kann: „Und ich muss die Freundschaft zurückgeben! Sonst geht die Hilfe nicht. Sonst ist sie gekränkt.“ Die Freundinnen Marilyn, Marcia und Deborah denken derweil, sie meine es ernst mit der Freundschaft zu Francine. „Ich will da raus“, so fasst die Zehnjährige ihr Dilemma zusammen, in das sie nicht freiwillig, sondern auf Anordnung geraten ist.

 

Ausflug an die Küste vor New York: Gesine (Suzanne von Borsody, rechts) erzählt Marie (Marie-Helen Dehorn) von der Cresspahlschen Familiengeschichte – Szene aus dem Fernsehfilm „Jahrestage – Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“

Um das ihrer Mutter zu gestehen, muss sie all ihren Mut zusammennehmen, denn die ist für Affirmative Action und Rechtsgleichheit aller Amerikaner*innen, und Marie hat Angst vor einer ungeduldigen Reaktion auf ihr Dilemma. Gesine Cresspahl aber nähert sich fragend einer Lösung für die Tochter.

„– Du willst es Francine nicht sagen.
– Nein, das kann ich nicht.
– Dann lass sie denken, was sie denkt und behalte im Gedächtnis, warum Du ihr hilfst.
– Und Du kannst ihnen Bescheid geben, indem du sie um ihre Hilfe für Francine angehst.
– Das wäre nicht gelogen?
– Es wäre nicht direkt gelogen.
– O. K. Dann bin ich raus. Danke.“

Marie kümmert sich also weiter, doch unter neuen Vorzeichen um Francine. Sie hätten wir vermutlich auch auf den Treppen des Pentagon angetroffen.

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Literatur:

Marc Frey, Geschichte des Vietnamkriegs. Die Tragödie in Asien und das Ende des amerikanischen Traums, 9. durchges. Aufl. München 2010.

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  1. Mc Cain
    Mein Aha-Erlebnis Ende Oktober findet sich im ersten Abschnitt am 28. Oktober. „Über Hanoi wurde zun Beispiel John Sidney Mc Cain III abgeschossen.“ und folgende Sätze. Und aus Sicht des Nachrichtenjunkies 2017 sei hinzugefügt: „Ja, *der* John Mc Cain“.

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