Die Woche mit Frau Cresspahl

Elfte Lesung: Ein Kanzler mit NS-Vergangenheit

In New York trifft Gesine Cresspahl auf Uwe Johnson, in Jerichow ihr Vater Heinrich auf die missbilligende Frau des Pastors, in Rande wird ein Mann namens Voss von Nazis erschlagen. Über die Entgrenzung von Gewalt und die Unfähigkeit eines Schriftstellers, Kiesinger und dessen Regierungssprecher, Freund aus dem NS-Außenministerium, zu erklären. Elfte Lektürewoche.

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Darum geht es in diesem Blog

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„Gesine Cresspahl geniert sich für einen Deutschen“ (31. Oktober und 3. November 1967)

„Der Kanzler Westdeutschlands, Mitglied der Nazipartie, Handlanger der Judenmörder hat sich eines Freundes aus dem gleichen Amt erinnert. […] Der ist gerade recht als Sprecher der westdeutschen Regierung.“

Uwe Johnson, ca. 1975 „Sonderbarer Weise trug er zu einem bürgerlichen Hemd eine Jacke aus schwarzem Leder“, Jahrestage, 3. November 1967

Im Januar 1967 ist Gesine Cresspahl Zeugin, wie der „Schriftsteller Johnson“ bei einer Veranstaltung des American Jewish Congress daran scheitert, die Wahl Kurt Georg Kiesingers zum Bundeskanzler zu kommentieren. Sie beobachtet, wie sich erst Technik und fremde Sprache, dann auch das Publikum gegen ihn wenden, als er umständlich nach Erklärungen sucht. Geschichtsvergessenheit als Argument seiner Kritik an der Deutschen Regierung kam bei seinen Zuhörer*innen nicht gut an. Der gutmeinende Schriftsteller „hatte noch nicht begriffen, daß Zeit und Adresse ihm die Schuldlosigkeit des Fremdenführers aus der Hand genommen hatten“. Mit der Blauäugigkeit dieser Annahme konfrontiert das Publikum seinen Gast bei der Diskussion. Angesichts der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie ist für sie ein Vergessen nicht möglich:

„Und sie sagten: Meine Mutter. Theresienstadt. Meine ganze Familie. Treblinka. Meine Kinder. Birkenau. Mein Leben. Auschwitz. Meine Schwester. Bergen-Belsen. Mit siebenundneunzig Jahren. Mauthausen. Im Alter von zwei, vier und fünf Jahren. Maidanek.“

Rabbi Joachim Prinz (3. v. l.) war einer der Organisatoren des March on Washington, hier am 8. März 1963 am Lincoln Memorial.

In der Diskussion kommt der Vorwurf auf, Johnson unternehme nichts gegen die Nazis in Deutschland, die in Länderparlamente eingezogen waren. Nicht als Schriftsteller, als Mensch solle er das tun. „Es ist alles gesagt: sagte Johnson“ dazu nur noch, bevor er unter einem Vorwand die Einladung von Rabbi Joachim Prinz zum gemeinsamen Essen ausschlägt. Der „Genosse Schriftsteller“ und seine Hauptfigur streiten über die Veranstaltung: Gesine Cresspahl ist enttäuscht, dass er sich nicht auf die Diskussion eingelassen hat. Sie wirft ihm vor, nichts „Vernünftigeres“ als seinen Rückzug geäußert zu haben. Er meint, sie geniere sich für ihn und er hätte sie um Rat fragen sollen. Figuren- und Erzählerperspektive fließen ineinander, an diesem 3. November 1967 fällt das berühmte „Wer erzählt hier eigentlich, Gesine. Wir beide. Das hörst du doch, Johnson“.  Zentrales Thema und wichtigste Erzähltechnik des Romans werden so zusammengeführt.

Die zweite Geschichte des Nationalsozialismus ist in dieser Woche auch als Gerichtsprozess gegenwärtig. Am 31. Oktober 1967 – so berichtet die New York Times – wurden die SS-Offiziere Carl Schulze und Anton Streitwieser im Kölner Mauthausenprozess wegen Beihilfe zum Mord verurteilt. Das Gericht hatte die Unterlagen über „unnatürliche Todesfälle“ hinzugezogen, Zeugen machten Aussagen über „Erschießungen auf der Flucht“. Die Verurteilung der „Beihilfe zum Mord“ hatte der Hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer für den Band „Zwanzig Jahre danach“ 1965 so kommentiert:

„Hinter den bei den Gerichten bis hinauf zum Bundesgerichtshof beliebten Annahme bloßer Beihilfe steht die nachträgliche Wunschvorstellung, im totalitären Staat der Nazizeit habe es nur wenige Verantwortliche gegeben, es seien nur Hitler und ein paar seiner Allernächsten gewesen, während alle anderen lediglich vergewaltigte, terrorisierte Mitläufer oder depersonalisierte und dehumanisierte Existenzen, die veranlaßt wurden, Dinge zu tun, die ihnen völlig wesensfremd gewesen sind.“

Es war wohl auch diese Wunschvorstellung, die Kiesinger als Bundeskanzler und seinen Regierungssprecher möglich machten. Vielleicht hätte der „Schriftsteller Johnson“ nicht Gesine Cresspahl sondern Fritz Bauer um Rat fragen sollen, als er die deutsche Regierung erklären wollte.

 

Deutschnationale Pfarrer und der Aufstieg des Nationalsozialismus (29. und 31. Oktober 1967)

Die Pfarrer Mecklenburgs, so die Historikerin Mechthild Hempe trugen als Teil der dörflichen Elite – Jerichow ist nur dem Namen nach eine Stadt – „erheblich dazu bei, den Landarbeitern und Bauern mitsamt ihren Angehörigen demokratische Prozesse zu verleiden“. Zugleich mussten sie wegen anderer Politik- und Denkangebote um ihre dörfliche Position fürchten. Der von Lisbeth Papenbrock verehrte Pastor Methling, stimmlich wie körperlich eine raumgreifende Erscheinung, lässt sich davon jedoch nicht beirren, als er 1927 nach Jerichow kommt. Er versteht sein Hirtenamt als Kontrollmöglichkeit, sieht sich selbst als Tonangeber seiner Gemeinde, als Führer seiner Schäfchen, deren Fehltritte er streng ahndet. „Mit Milde fing der Neue gar nicht erst an.“ Nicht nur damit steht Methling im Widerspruch zur Aufforderung vieler Evangelischer Landeskirchen, soziale Konflikte zu überbrücken und sich selbst aus politischem Engagement herauszuhalten. Im Gegenteil, der deutschnationale Pfarrer gründet eine uniformierte Jugendgruppe namens „Der Eiserne Ring“ und tritt bei allen nationalistischen Feiern Jerichows auf: „Tag der Reichsgründung, Kaisers Geburtstag, Schlacht bei Tannenberg“. Doch gegen sein Gehorsamsverlangen regt sich zumindest einmal Widerstand, als die Handwerker nicht wie gefordert gegen den Bau einer katholischen Kirche demonstrieren, sondern den Auftrag feiern.

Im Frühjahr 1932 offenbart der Jerichower Pastor Methling seiner Gemeinde von der Kanzel herab seinen Antisemitismus. Der wohl nicht ungefähre Namensvetter des mecklenburgischen NSDAP-Landtagskandidaten von 1932, Richard Methling, predigt von der berechtigten Forderung „reinrassiger Ehen“, doch ein Blick der Gemeinde auf seine kinderlose Frau lässt die Zuhörer genauso zweifeln, wie seine Behauptungen über „die Juden.“

„Er sagte den Juden Geldgier nach, und seine Gemeinde entsann sich Methlings Vorliebe, kirchliche Dienstleistungen in Bargeld zu beziehen. Dr. Semig hatte oft genug im Preis nachgelassen. Er sprach von der jüdischen Gleichgültigkeit gegen die Idee der Nation, aber er hatte in der Heimat gepredigt, als Semig im Graben lag.“

Da der damalige Mecklenburgische Landesbischof Heinrich Rendtorff ganz ähnliche Ansichten vertrat, bis er im Sommer 1933 Mitglied der Bekennenden Kirche wurde, war Methlings offener Antisemitismus vermutlich nicht der Grund dafür, im Herbst 1932 in Pension zu gehen. Seine rassistischen Ansichten verbreitet er nun von Gneez aus im noch immer von ihm betriebenen Gemeindeblatt „Rund um die Petrikirche“ und er ist es auch, der das Gneezer Glückwunschtelegramm „an den neuen Reichskanzler formuliert […], ein alter Mann, voll kindlicher Freude, seine Lebensziele nicht übergangen, sondern an der Regierung zu sehen“. Damit steht Pastor Methling für jenen Teil der Evangelischen Kirche, der sich als „Deutsche Christen“ formierte und im Nationalsozialismus die Erfüllung ihrer Ziele eines antisemitischen und rassistischen Christentums in einer deutschen Volkskirche sah.

Wie sich Wilhelm Methling das Christentum wünscht. Erste Evangelische Nationalsynode 1933 der „Deutschen Christen“ in Wittenberg, in der Mitte der spätere „Reichsbischof“ Mueller

Sein Nachfolger Wilhelm Brüshaver ist nicht nur darin sein Gegenteil. Aus Papenbrocks Sicht mangelt es ihm auch an kirchlicher Performance, er trägt den Talar nur bei Amtshandlungen, verzichtet auf Drohungen, kritisiert beiläufig und statt wie sein Vorgänger Bettler zu verspotten, versorgt er sie mit Nahrung und Kleidung. Bei nationalistischen Festen tritt er nicht auf, den Aufruf der Evangelischen Landeskirchen zur inneren Erneuerung Deutschlands nach der Wahl im März liest er mit wenig Begeisterung. Auch von der Familie Papenbrock scheint er nicht viel zu halten, das bekommt Heinrich Cresspahl bei der Anmeldung seiner Tochter zu spüren. Frau Brüshaver mustert ihn abschätzig, will „ihn büßen lassen für die Familie Papenbrock“, vermutlich vor allem für das SA-Mitglied Horst. Und so nimmt es nicht Wunder, dass sich Pastor Brüshaver im Kirchenkampf auf die Seite der Bekennenden Kirche stellen wird.

 

Entgrenzte Gewalt (3. und 4. November 1967)

Nach den Wahlen am 5. März 1933, bei der die NSDAP 43,9 Prozent erreichte und weiter mir der DNVP koalieren musste, begann eine „Phase der Machtergreifung in Ländern und Kommunen“ (Michael Wildt). Die war durch eine Gewalt „von unten“, durch Terror und Verfolgung auf lokaler Ebene gekennzeichnet. Davon erzählt auch Uwe Johnson: Im Jerichower Winkel wird im März 1933 ein nur als „Voss“ bekannter Mann ermordet: „nicht mit Knüppeln, mit Peitschen kaputtgeschlagen“. Um derart brutal zu töten braucht man eine Gruppe, der Verdacht fällt auf die örtliche SA. Horst Papenbrock soll beobachtet worden sein, den Lastwagen gefahren zu haben, aus dem der Tote in Rande auf die Straße geworfen wurde. Wer den Mord am Jerichower begangen hat, muss zwar noch bestritten werden und so weist auch Cresspahls Schwager eine Mittäterschaft von sich. Die Leiche von Voss aber, über den außer der Art seines Sterbens nichts bekannt gegeben wird, die wird als sichtbares Zeichen der neuen Machtverhältnisse im nahegelegenen Ostseebad auf die Straße geworfen. Das Mordwerkzeug war neben Eisenstangen und Lederriemen eines, das die SA nach der „Reichstagsbrandverordnung“ benutzte, um die in „wilde Lager“ verschleppten politischen Gegner zu foltern und zu ermorden.

„Vieles was an Verbrechen geschah, wurde durch Täter getan, die den Nazismus und sein Unrecht bejahten, sei es aus ideologischer Verblendung, sei es aus Machthunger, aus Lust am Fortkommen und an Karriere, aus Habsucht, aus Sadismus, zwecks Befriedigung von Instinkten und Affekten“

– so beschreibt Fritz Bauer die entgrenzte Gewalt des Nationalsozialismus, die von Beginn an Programm der NS-Diktatur und selbst in mecklenburgischen Kleinstädten sichtbar war.

 

Literatur

Fritz Bauer, Im Namen des Volkes. Die strafrechtliche Bewältigung der Vergangenheit, in: Helmut Hammerschmidt (Hrsg.): Zwanzig Jahre danach. Eine deutsche Bilanz 1945–1965, München, Wien, Basel 1965, S. 301–315.

Holger Helbig, Klaus Kokol, Irmgard Müller, Dietrich Spaeth, Ulrich Fries (Hrsg.), Johnsons Jahrestage. Der Kommentar, Göttingen 1999. Aktualisierte Fassung.

Mechtild Hempe, Ländliche Gesellschaft in der Krise. Mecklenburg in der Weimarer Republik, Köln u. a. 2002, S. 317–346.

Gregor Holzinger, „da mordqualifizierende Umstände nicht hinreichend sicher nachgewiesen werden können“.Die juristische Verfolgung von Angehörigen der SS-Wachmannschaft des Konzentrationslagers Mauthausen wegen „Erschießungen auf der Flucht“, in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.), Täter. Österreichische Akteure im Nationalsozialismus, Wien 2014, S. 135–163.

Christoph Kleine, Religion im Dienste einer ethnisch-nationalen Identitätskonstruktion: Erörtert am Beispiel der „Deutschen Christen“ und des japanischen Shinto, in: Marburg Journal of Religion 7 (2002), S. 1–17.

Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman »Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl« (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und digital neu herausgegeben von Anke-Marie Lohmeier 2012.

Michael Wildt, Geschichte des Nationalsozialismus, Göttingen 2008.