Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

Zwölfte Lesung: Gegenwärtige und vergangene Menschen

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Die Zufallsbekanntschaft, der bindungswillige Partner, ein alter Freund. Marie Cresspahl beobachtet, wie ihre Mutter Beziehungen pflegt. Zwölfte Lektürewoche.

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Darum geht es in diesem Blog

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Die Zufallsbekanntschaft (5. November 1967)

Zu den New Yorker Bekanntschaften der Damen Cresspahl gehört auch eine Schülerin, die sie auf einer Busfahrt kennengelernt haben. Gesine Cresspahl hat sie „Marjorie“ getauft. Einem elfengleichen Wesen diesen Namen zu verpassen, weil man den echten nicht erfragen mag, erfordert wohl diese gewisse Nüchternheit, mit der Gesine Cresspahl in der Fremde auf die Welt blickt. An der Sechzehnjährigen offenbart sich Johnson als exzellenter Figurenzeichner: Man glaubt, die junge Frau zu kennen, ahnt, wie sie geht und lacht, wenn er über ihren Körper Signale ihres Innenlebens vermittelt:

„Sie stand nicht krumm und im Unglück der Kälte zusammengezogen; sie macht aus dem Frieren eine sorgfältige und zierliche Pantomime. Es sah aus, als fröre sie aus Kameradschaft.“ Und weiter: „Ihr Gesicht ist eine Auskunft über sie, die nie enttäuscht, nie zurückgenommen werden muss.“

Vielleicht ist man mit sechzehn, siebzehn zumindest zuweilen so. So direkt, ohne Hintergedanken, das Kleid der Großmutter am Leib, mit Strumpfhosenfarben experimentierend, unbesorgt im Umgang mit Fremden. Unbeschwert nach Aufmerksamkeit verlangend: „Sie kommt uns mit einem Hut und breiter Krempe entgegen, sie wünscht ihn gewürdigt.“ Die Bekanntschaft mit der aus gehobener Schicht stammenden Marjorie sagt viel aus über Gesine Cresspahl.

Warum fragst du sie nicht einfach nach ihrem Namen, Gesine

will man selbst als kursivierte Stimme in deren Kopf rufen. Die Antwort liegt auf der Hand: Grenzen zu wahren ist von immenser Bedeutung für Johnsons Hauptfigur, die eigenen wie jene der anderen. Auch an ihre New Yorker Freundin Annie ist sie nur durch Zufall und deren anschließende Beharrlichkeit gekommen, bevor sie die Vertraute deren Katastrophe von einem Ehemann überlassen musste. Übertritte fürchtet sie wie der Teufel das Weihwasser, meidet sie um jeden Preis. Marjorie aber fordert Nähe ein, ihre Neugier greift nach dem Raum, den Gesine Cresspahl Menschen ohnehin zu zögern zugesteht. Der Eintrag des 5. November 1967 schließt mit dem Satz: „Heute war sie nirgends zu sehen“ – Nachforschungen werden wohl von Gesine nicht angestellt. Im ständigen Lektürebegleiter „Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York“ mag ich nicht in Erfahrung bringen, ob dies Marjories einziger Auftritt bleibt. Lieber warte ich ab und hoffe auf Marie.

 

Von Häusern und Entscheidungen (7.,8. und 10. November 1967)

D.E. möchte, dass Gesine und Marie Cresspahl in seinen „gefälschten“ Bauernhof nach New Jersey ziehen.

Am 7. November 1967 besuchen Marie und Gesine deren Partner D.E. – so wird der Naturwissenschaftler im Dienst der US-Luftwaffe Dietrich Erichson stets abgekürzt. Die beiden kennen sich aus dem Auffanglager Marienfelde, 1962 haben sie sich in New York wiedergetroffen, nachdem Erichson die Cresspahls im Telefonbuch entdeckt hatte. Er hat Gesine einen Antrag gemacht und sie gebeten, auch ohne Trauschein mit ihm in seinem Haus zu leben. Marie mag ihn und möchte gern in das Bauernhaus nach New Jersey ziehen, in dem D.E. einen Raum für sie und ihre Mutter geschaffen hat. Erichson hat es so renoviert, dass die Architekturseiten der New York Times mit Kusshand darüber berichten würden. Wohnen sollen Gesine Cresspahl und ihre Tochter dort mit seiner Mutter, Frau Erichson. Gesine misstraut dem Haus („D.E. hat das Haus gefälscht“) genauso wie der Opposition seiner Mutter gegen Hitler. Auch Hilfeleistungen für jüdische Wendisch-Burger will sie ihr nicht abnehmen. Sie will deren Geschichten eigentlich gar nicht hören, denn sie bringen sie in die Zwickmühle, eine gute Miene machen zu müssen, wo sie es nicht will.

D.E. bietet der seit Jahren für sich und ihre Tochter allein sorgenden Partnerin ein finanziell sorgenfreies Leben – mit seiner Mutter – und man fragt sich beim Lesen: hat der denn gar nichts verstanden von dieser Frau? Warum umgarnt er Marie und spielt die Väterlicher-Freund-Karte, anstatt sich einmal zu überlegen: könnte ich mich auch auf sie zubewegen? Warum soll ein Haus Fakten schaffen und wichtiger sein als ihr Leben in New York?

In Jerichow sieht sich Heinrich Cresspahl im März 1933 den heruntergekommenen Hof an, den Papenbrock seiner Enkelin zur Geburt übertragen hat und sinniert über dessen Instandsetzung. Zuvor hatte er in Malchow seine Mutter beerdigt, begleitet von seiner Schwägerin Hilde, die ein halbes Auge auf ihn geworfen hat. Hilde, verheiratet mit dem Parvenü Alexander Paepcke, setzt zuhause ihrer Schwester Lisbeth so zu, dass Cresspahl nach dem Tod seiner Mutter nicht Trost empfängt, sondern spenden muss. Für seine Trauer ist kein Platz. Wohl aber für einen der schönsten, bisher gelesenen Sätze: „Sie war im Tod nicht kleiner geworden, aber als er sie anhob, fühlte er sie wie ein schlafendes Kind in seinen Armen.“

© Paul W. John (1887-1966)Auf dem Hof ihrer Freundin Erna Schmoog bei Malchow stirbt Berta Cresspahl im März 1933; Malchow, Mecklenburg, um 1930

So sind Vater wie Tochter mit Entscheidungen über ihren Wohnsitz beschäftigt. Heinrichs scheint gefallen zu sein. Von Gesine, die so kritisch auf die Ehe ihrer Eltern blickt, auf deren Bleiben in Deutschland, erhofft man sich jenen Widerstand, den ihr Vater nun wohl aufgegeben hat.

 

Ein alter Freund (9. und 11. November 1967)

In New York fällt es inzwischen Marie zu, lästige, unbekannte Anrufer am Telefon abzuwimmeln. Obwohl die Cresspahls längst nicht mehr im Telefonregister aufzufinden sind, dringen immer wieder neugierige Stimmen in das Refugium am Riverside Drive 243. Eines Abends ist es ein Mann aus Gesine Cresspahls Vergangenheit, den Marie am Telefon abwimmeln will. „Ein Typ namens Karsch, weiß nicht, wo wir wohnen, kennt mich nicht … woher soll ich das wissen! Du hast von dem noch nicht erzählt.“ Karsch ist gleich begeistert von Marie, kann und will aber nichts über seinen Aufenthaltsort sagen, deutet ein baldiges Wiedersehen am Telefon nur an. Johnson Leser*innen kennen ihn als den Hamburger Journalisten aus „Das dritte Buch über Achim“ sowie „Karsch und andere Prosa“. Inzwischen lebt Karsch in Mailand und schreibt an einem Buch über die Mafia – der Grund für seine Reise nach New York.

New York, UNO-Gebäude, 1969

Zwei Tage später treffen Marie – „nur damit ich deine Freunde alle kenne“ – und ihre Mutter deren alten Freund Karsch im Hauptgebäude der UNO an der 42. Straße. Marie ist enttäuscht vom nicht-öffentlichen Teil des Gebäudes, in dem ihr alles bekannt vorkommt und ein Nimbus des Exklusiven sich nicht herstellen lässt. Dann umarmt ihre sonst so reservierte Mutter auch noch diesen Mann zur Begrüßung. Nichtsdestotrotz findet sie „gar keinen Anfang für Übelnehmen“, weil er sie „ohne Anbiederung, ernst, fast förmlich“ begrüßt und die Unterhaltung sofort in eine Sprache lenkt, die auch Marie spricht.

Die Zehnjährige muss einen Umgang finden mit dieser Person, von der sie bis vor zwei Tagen nie gehört hat. Der Bücher schreibt, die sie neugierig machen, der berühmte Freunde hat und weit gereist ist. Sofort wittert Marie in Karsch allerdings auch Konkurrenz zum sicheren Hafen D.E., in den sie mit ihrer Mutter gern einlaufen würde. Mit dem hat sie sich arrangiert, auch wenn sie keinen Vater will, wie man gleich zu Beginn der „Jahrestage“ erfährt. Marie geht in die Offensive und nimmt Karsch in eine Art Kreuzverhör über seine Finanzen, aus dem sie nicht herauskommt. „Sie hat sich verrannt in ihre Aufregung, und ein Fremder kann nicht sehen, daß sie viel gäbe für ein Versteck hinter untadeligem Betragen.“ Auch das nimmt sie ihm übel, dass sie ihm nicht souverän begegnen kann. Schutzlos kommt sie einem vor, wie sie nach dem Treffen „I hate him!“ sagt – nicht direkt, aber doch an ihre Mutter gerichtet. Und noch einmal: „I hate him!“ Gesine Cresspahl hat ihrer Tochter keine Brücken geschlagen, diesen Menschen aus ihrer Vergangenheit einordnen zu können, und nun steht die Tochter da und weiß nicht, was er bedeutet.

© dpaNew York Skyline, Uno-Gebäude, 1969

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Literatur:

Uwe Johnson, Das dritte Buch über Achim, Frankfurt a. M. 1992 (EA 1961).

Uwe Johnson, Eine Reise wegwohin, 1960, in: Ders, Karsch und andere Prosa, Frankfurt a. M. 1990 (EA 1964), S. 29–81.

Uwe Johnson, Begleitumstände. Frankfurter Vorlesungen, Frankfurt a. M. 1992 (EA 1986), S. 299–301.

Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman »Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl« (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und digital neu herausgegeben von Anke-Marie Lohmeier 2012.

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