Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

14. Lesung: Ein Parlament schafft sich ab

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In Richmond beobachtet Heinrich Cresspahl, wie aus Deutschland innerhalb weniger Wochen eine Diktatur wird. Seine Frau Lisbeth schreibt ihm aus Jerichow nicht die Wahrheit über Gewalt und Boykotte gegen Juden. Seine Tochter und seine Enkelin wandeln Jahre später auf seinen Spuren in Richmond. Die vierzehnte Wochenlektüre ist eine Geschichtsstunde.

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Darum geht es in diesem Blog

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Das Deutsche Reich 1933, von Richmond aus betrachtet (24. November 1967)

Gleich nach der Taufe seiner Tochter Gesine reist Heinrich Cresspahl zurück nach Richmond, um dort seinen Betrieb aufzulösen: Er nimmt keine Aufträge mehr an und provoziert den Besitzer sogar mit deutschtümelnden Aussagen zu einem Streit, doch der „nannte es einen Jammer, daß England den Mosley verkenne. Der Mosley war der Führer der britischen Faschisten.“ Weil es nicht zu einer „Kündigung aus Wut“ kommt, muss Cresspahl seinen Vertrag regulär bis zum November erfüllen und kann so von außen auf die Entwicklungen in Deutschland blicken.

„Dies waren Angebote, die die deutsche Reichsregierung Herrn Heinrich Cresspahl, Richmond/England, für den Fall seiner Rückkehr noch nachträglich unterbreitete“: Wie der Kehrvers einer Litanei kehrt diese Formel in dem Kapitel wieder, in dem Johnson Schritt für Schritt auflistet, wie sich innerhalb weniger Wochen nach Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 die NS-Diktatur etabliert. Bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 hatte die NSDAP nicht die absolute Mehrheit erlangen können, so dass sie weiterhin in Koalition mit der Deutschnationalen Volkspartei regierte. Die erste Sitzung des neugewählten Parlaments – ohne die Abgeordneten von KPD und SPD – fand am 21. März in der Potsdamer Garnisonkirche statt, dem Tag von Cresspahls Ankunft in Richmond. Am „Tag von Potsdam“ gewährte Reichspräsident Hindenburg in der (gemäß Art. 48 der Weimarer Reichsverfassung erlassenen) „Verordnung des Reichspräsidenten über die Gewährung von Straffreiheit“ eine Amnestie für nationalsozialistische Gewalttaten, weitere Notverordnungen stellten das unerlaubte Tragen der SA-Uniform unter Strafe erlauben es aber, Sondergerichte einzurichten, die von der regulären Strafprozessordnung abweichen durften.

„Tag von Potsdam“ am 21. März 1933. Reichskanzler Hitler verabschiedet sich vor der Garnisonkirche von Reichspräsident Hindenburg.

Hitler verbeugte sich verbal und tatsächlich vor Hindenburg, der wiederum den Reichskanzler symbolisch auf den Schild hob. In der Garnisonkirche verlas Hitler das Programm seine „Nationalen Regierung“, hier kündigte er an „diejenigen unschädlich zu machen, die dem Volke zu schaden versuchen“. Ausgerechnet dieser Erinnerungsort, in dem das Ende der ersten deutschen Demokratie mitbesiegelt und Verfolgung politischer Gegner offen ausgesprochen wurde, soll nun wieder aufgebaut werden – und Teile der Evangelischen Kirche engagieren sich dafür.

Tags zuvor hatte Himmler in einer Presseerklärung die Einrichtung des Konzentrationslagers Dachau verkündet, am 22. März 1933 nahm es seinen Betrieb auf, Zeitungen berichteten. Allein im März und April 1933 wurden rund 10.000 Sozialdemokrat*innen und Kommunist*innen verhaftet.

Einmarsch von SA- und SS-Männern in den Reichstag (Kroll-Oper) am 23. März 1933 zur Einschüchterung der Abgeordneten der Opposition.

Auch von der „Einführung der perfekten Diktatur“ liest Heinrich Cresspahl in britischen Zeitungen, von dem Gesetz, „mit dem das Parlament auf seine Rechte verzichtete und sie der neuen Regierung übertrug.“ Das sogenannte „Ermächtigungsgesetz“ übertrug mit den Stimmen von Zentrum und Liberalen die Gesetzgebungskompetenz auf die Reichsregierung, einzig die 94 sich noch nicht im Exil oder in Haft befindlichen Abgeordneten der SPD votierten dagegen – in illegaler Anwesenheit von SA und SS. Am 31. März 1933 wurde die Gleichschaltung auch auf die Länder ausgedehnt, Landtage und kommunale Parlamente wurden aufgelöst, nach den Mehrheitsverhältnissen des 5. März 1933 neu besetzt, doch kommunistische Stimmen wurden gar nicht erst gezählt, sozialdemokratische Sitze kassiert. Hitler

„wollte ab sofort Hinrichtungen möglichst mit dem Strick vollstreckt wissen und brachte es bis zum Oktober 1939 auf 4500 von seinen Gesetzen und benutzte den Reichstag lediglich als Gesangsverein, den teuersten der Welt, mit einem Repertoire von insgesamt zwei Liedern, das eine die Nationalhymne von damals und das andere einem Funktionär der S. A. gewidmet, der daran starb, daß er einem Zuhälter die Hure weggenommen hatte, also sein Leben für Deutschland ließ.“

Tag der „Nationalen Arbeit“, 1. Mai 1933

 

Nicht nur für Cresspahl war sichtbar, mit welchen Methoden in Deutschland nun Politik gemacht wurde, die Boykottaktionen führten zu internationalen Protesten. Anfang Mai wurden die Gewerkschaften zerschlagen, die SPD am 22. Mai 1933 verboten, im Juni und Juli folgten DNVP, Zentrum und der Stahlhelm, politische Heimat von Albert Papenbrock. All diese „Angebote“ macht die „deutsche Reichsregierung Herrn Heinrich Cresspahl“ und doch kündigt er seine Werkstatt und plant die Rückkehr nach Jerichow.

 

 

Aus Jerichow nur Belangloses (25. November 1967)

Sorgen macht sich Heinrich Cresspahl vor allem, als er von den Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte hört, in Jerichow verkaufen die Tannenbaums Arbeitskleidung in der Kurzen Straße. Tatsächlich fordern der gerichtsnotorische Ossi Rahn und der aus geschäftlichen Gründen in die SA eingetretene Max Breitsprecher „vor Oskar Tannenbaums Arbeitshosen und Melkschürzen“ zum Boykott auf. Lisbeth spielt das herunter, „in Jerichow war das lange vor dem zweiten Frühstück herum“ und es sei „langweiliger“ gegangen als in Wismar und Schwerin. Tatsächlich machten solche Boykottaktionen in den Kleinstädten die jüdische Bevölkerung dauerhaft als solche sichtbar, sie bekamen die Auswirkungen der Boykottaktionen hier „schnell und deutlich zu spüren“, so die Historikerin Hannah Ahlheim.

Ab 1. April 1933: Boykott gegen jüdische Geschäfte und Einrichtungen.

Was Lisbeth verschweigt: Ihre Schwester reißt sich in einem jüdischen Geschäft im benachbarten Gneez einen Pelzmantel unter Wert unter den Nagel, denn der Besitzer verschleudert seinen Besitz, um Mittel für seine Flucht aufzubringen. Problematisch wird das ganze für Hilde nur, weil sie beim Verlassen des Geschäfts fotografiert wird und nun Angst hat, von der SS öffentlich bloßgestellt zu werden. Kein Stoff, um den Ehemann nach Jerichow zurückzuholen.

Auch den Taufpaten ihrer Tochter greift Ossi Rahn mit der SA an. Da der Tierarzt Dr. Arthur Semig, Christ in der dritten Generation aber aus Sicht der neuen Machthaber jüdisch, gerade einen aufgebrachten Adeligen verabschiedet, der den im Anmarsch befindlichen Ossi Rahn wutentbrannt über den Haufen fährt, wird aus dem geplanten Angriff auf Semigs Praxis nichts. Rahn wird sogar vor Gericht gestellt, weil er das Pferd des Adeligen provoziert haben soll. Dabei kommen die häusliche Gewalt, mit der er Frau und Kinder quält, und noch andere Straftaten ans Licht. Rahn wird deshalb zu einer Haftstrafe verurteilt, zur Strafverbüßung wird er allerdings der SA übergeben. So entgeht er seiner Haft und macht Karriere als Aufseher in einem Konzentrationslager südlich der mecklenburgischen Grenze. Im Eintrag zum 27. November 1967 berichten Geflüchtete, die bei Cresspahl in Richmond im Juli 1933 Unterschlupf suchen, von einem Konzentrationslager bei Fürstenberg, „wo ein Kerl namens Rahn als Ossi Menschenfreund bekannt war, weil seine Opfer ihm mit dieser Anrede Dank für Prügel und Strafen abstatten mußten.“

Reichsgesetzblatt. 7. April 1933

Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 führt dazu, dass Semig seine Beschäftigung als Fleischbeschauer verliert – obwohl er als Weltkriegsveteran davon hätte ausgenommen sein müssen. Mit fadenscheinigen Gründen verweigert ihm der Kreisveterinär die Wiedereinstellung und damit die finanzielle Existenzgrundlage. „Das mochte Lisbeth Cresspahl nicht aus Deutschland nach England schreiben.“ Betroffen war, wer ein jüdisches Großelternteil hatte. Zeitgleich wurde die Betätigung jüdischer Rechtsanwälte eingeschränkt, ein Numerus Clausus für jüdische Studierende eingeführt. Der „Wille des Regimes, von Anfang an eine antisemitische Politik zu verfolgen“, war „unmissverständlich zu erkennen“, resümiert der NS-Experte Michael Wildt.

Das alles mag Lisbeth ihrem Heinrich nicht schreiben, bei Semigs mag sie sich nicht blicken lassen und so berichtet sie lieber davon, wie sie mit Gesine und ihrer Schwester in Rande baden war – am schön von Arbeitslosen neu aufgeschütteten Strand.

 

Spurensuche (21. und 22. November 1967)

Richmond ist die Endstation der grünen District Line, man fährt „anfangs in einem braunen Steinkanal“ und dann überirdisch in den Südwesten Londons, vorbei an Kew Gardens, wo nicht nur die Royal Botanical Gardens sondern auch das Britische Nationalarchiv auf Besucher*innen warten. Auf den möglichen Spuren der Mutter wandelt Gesine Cresspahl Mitte der sechziger Jahre mit Marie und Partner D. E., sie stellt sich vor, ihre Mutter lebe in einem der zweistöckigen Häusern der Sheen Road:

„Cresspahl ist nicht älter gworden als vierundsiebzig, das wissen wir; sie aber hätte hier überlebt und in eine jener roten Säulen mit Topfdeckel ohne Henkel könnte sie heute noch Briefe einwerfen nach New York: Liebe Tochter.“

Das zumindest hofft Gesine Jahre später und sie wischt die Bedenken der Stimme des Vaters im Kopf, der sie auf seine wahrscheinliche Internierung als „enemy alien“ hinweist, beiseite. Alles hätte besser sein können, wären die Eltern doch nur in England geblieben. Dietrich Erichson will eine Besichtigungstour machen, Marie findet Richmond „nicht aufregend“ und Gesine Cresspahl versucht, die Schritte ihrer Mutter auf der Themsepromenade zu verfolgen: „Es ist möglich, hier ist sie gegangen, im Winter 1932, vorsichtig mit ihrem schweren Bauch zwischen den aufgeregten Kindern“. Den Vater sucht sie auch in Amsterdam, D. E. macht all das für sie möglich, denn er wünscht sich ein gemeinsames Leben. „Nur, wozu braucht er Jemanden zum Leben?“, fragt sich die Angebetete, wo doch die Frage lauten müsste: Wozu brauche ich jemanden zum Leben und brauche ich ihn jetzt, bei all meiner Erinnerungsarbeit?

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Literatur:

Hannah Ahlheim, „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“ Antisemitismus und politischer Boykott in Deutschland 1924 bis 1935, Göttingen 2011.

Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellungen, Bd. 9: Weimarer Republik und Drittes Reich, 1918–1945, hg. v. Heinz Hürten, Stuttgart 1995.

Ian Kershaw, Hitler 1889-1936, Stuttgart 1998.

Reichsgesetzblatt, Teil I, 1933, Nr. 24, 25, 34.

Michael Wildt, Geschichte des Nationalsozialismus, Göttingen 2008.

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1 Lesermeinung

  1. So schnell schafft man die Demokratie ab.
    Es hat nicht einmal 4 Wochen gedauert, damals, um die Demokratie abzuschaffen.

    Danke für die Auszüge aus diesem spannenden Blog. Einblicke in das Alltagsleben und -denken ganz normaler Durchschnittsdeutscher dieser Zeit.

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