Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

18. Lesung: Weihnachten und Chanukka in New York

Marie hat die amerikanischen Weihnachtsbräuche bei den Cresspahls eingeführt. Feiern würde sie gern auch das Chanukkafest mit ihren Freundinnen. Zu Beginn des zweiten Bandes der „Jahrestage“ verbindet Wasser die Gegenwart New Yorks mit der Vergangenheit Jerichows. Dort hat man sich 1936 in der NS-Diktatur eingerichtet, der Bau eines geheimen Flugplatzes für die Luftwaffe verschafft nicht nur Heinrich Cresspahl ein Auskommen. Achtzehnte Wochenlektüre.

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Darum geht es in diesem Blog

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Marie Cresspahl feiert Weihnachten (23. Dezember 1967)

Nicht die Tannenbäume, die der ersten Generation der Einwanderer zum Kauf angeboten werden, sondern Stechpalmen haben als Weihnachtsschmuck Einzug in das Apartment der Cresspahls gehalten. Das hat Marie so entschieden, ebenso die Terminverlegung der Bescherung von Heiligabend auf den 25. Dezember, „in ihrer Geringschätzung für europäische Sitten“. Um den Strumpf aufzuhängen, damit ihn Santa über Nacht mit Geschenken füllen kann, fehlt der Kamin, aber für „Marie muss das so abgewickelt werden, weil sie es für eine vorgeschriebene Zeremonie hält“, und auf Zeremonien legt die Zehnjährige großen Wert. Deshalb würde sie auch gern am Chanukkafest teilnehmen, das ihre Schulfreundinnen und auch ihre Nachbarin Rebecca Ferwalter feiern.

„Sie hat sich ausführlich unterrichten lassen, daß dieses Fest gefeiert wird vom 25. des Monats Kislev bis zum 2. Adar, und zwar zum Andenken an die neue Weihung des Tempels durch die Makkabäer nach ihrem Sieg über die Syrer unter Antiochus dem Vierten. […] Maries Fest ist am Dienstagmorgen unwiderruflich zu Ende, […] aber das ihrer Freundinnen Rebecca und Pamela hat am Dienstagabend erst seinen Anfang, und an jedem Abend bekommen die Kinder etwas geschenkt.“

© Joel Angel Juarez/ZUMA Wire/dpaVielleicht hätte Marie im Madison Square Park Chanukka feiern können. Jonatan Haber zündet am 17.12.2017 in New York, in der sechsten Nacht während des jüdischen Chanukka-Festes, eine Kerze an.

Doch die Ferwalters möchten trotz guter Nachbarschaft kein deutsches Mädchen zum „Anzünden der Menorah“ einladen. Um gemeinsam zu feiern, ist es noch zu früh. Wie nach der Schoa ein gemeinschaftliches Leben möglich sein könnte, wie eine ausgewanderte Deutsche zu Entwicklungen in der Bundesrepublik Stellung beziehen soll, das ist immer wieder Thema in den „Jahrestagen“. Uwe Johnson bietet dafür 1967 keine Lösung, sondern das Nachdenken darüber. (Er verwechselt allerdings den Monat Adar mit dem Monat Tevet, in den Jahrestagen hätte Chanukka dann also mehr als zwei Monate gedauert.)

 

Ein Militärflugplatz in Jerichow (17., 18., 20. und 22. Dezember 1967)

Vier Monate nach dem ersten Romantag beginnt auch der zweite Band der „Jahrestage“ mit Wasser, auch am 20. Dezember 1967 verknüpft Wasser die Gegenwart New Yorks mit der Vergangenheit Jerichows.

„Das Wasser ist tief unter der Straße versteckt, wo sie über einen Felsbuckel muß, chlorgrünes, laues, pralles Wasser in einem Fliesenkasten unter dem Hotel Marseille an der West End Avenue […]. Das Wasser ist laut, platzt, und reißt unter den Sprüngen der Schwimmer, schwappt gegen die Wände, klackt in den Überläufen, wirft das Prasseln des eingeengten Echos wild hin und her. Auf die Zehenspitzen, die Arme vor. Die Knöchel hoch. Den Kopf zwischen die Arme. Die Fußsohlen flach beieinander halten. Jetzt schlägt das Wasser gegen die Schädeldecke. Die rasche Fahrt unter dem Wasser, den Händen hinterher, geht durch halbblindes Zwielicht.“

Mit Maries Freundinnen Pamela Blumenroth und Rebecca Ferwalter besucht Gesine einen Schwimmclub im Hotel Marseilles an der West End Avenue. Sie selbst hatte in der Militärbadeanstalt von Jerichow-Nord schwimmen gelernt und sich später mit Jakob im leeren Becken zum Rendezvous getroffen. Daran erinnert sie sich beim Schwimmen.

Das Jerichower Bad, „Mili“ genannt, war Teil eines geheimen Flugplatzes der Wehrmacht, an dem auch Heinrich Cresspahl dank seines Eintritts in die Gneezer Tischlerinnung mitarbeitet. Die Innenausbauten des Offizierskasinos muss der Kunsttischler allerdings dem Innungsmeister Wilhelm Böttcher überlassen und sich mit der Herstellung einfacher Möbel begnügen.

Da die „Reichswehr in Mecklenburg“ Handwerksbetriebe vorzog, bedeutet der Flugplatz für die lokalen Betriebe gute Verdienstmöglichkeiten. Auch Cresspahls Betrieb expandiert, er hat bald acht Angestellte und kauft neue Maschinen, die ihm der ehemalige Bürgermeister Erdamer günstig vermittelt. Der bekleidete inzwischen in der „Deutschen Arbeiterfront“ (DAF) einen „hohen Posten“. Die DAF hatte nach 1933 das Vermögen der Gewerkschaften an sich gerissen und wollte als „Volks- und Leistungsgemeinschaft“ Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einer Organisation vereinen. Die Mitgliedschaft war nicht verpflichtend, der Mitgliedsbeitrag wurde allerdings allen Arbeitnehmern vom Lohn abgezogen.

Auch Cresspahl ist eingetreten, seine Mitgliedschaft in der NSDAP aber zögert er ohne Angabe von Gründen hinaus. Der neue Bürgermeister Friedrich Jansen hat ihn deshalb auf dem Kieker und versucht vergeblich, ihn bei der Luftwaffe anzuschwärzen. Er konferiert regelmäßig mit der Geheimen Staatspolizei in Hamburg, die auch zur Stelle ist, als die Arbeiter in Jerichow-Nord für einen halben Tag die Arbeit niederlegen und von kommunistischen Flugschriften die Rede ist. Eine findet ein Herr von Maltzahn und überreicht sie eilfertig dem Nationalsozialisten Jansen.

Fliegeraufnahme der Erprobungsstelle Tarnewitz bei Klütz, 1941

Der im Roman „Mariengabe“ genannte Flugplatz – „nach dem Dorf, das dabei draufgegangen war“ –  ist an die Erprobungsstelle der Luftwaffe auf der Landzunge Tarnewitzer Huk angelehnt. Dort wurden neu entwickelte Waffensysteme erprobt und zudem durch Sandaufschüttungen und Betonierung ein Rollfeld ins Meer hinaus gebaut. Auch in Jerichow-Nord wurden Waffen ausprobiert, aber weil die Gegend „immer Zollgrenzbezirk gewesen“ war, „fiel der Sperrbezirk gar nicht auf“.

 

 

 

„Ich sehe in ihrem Gesicht den Vater“ (19.-21. und 23. Dezember 1967)

So beschreibt Gesine Cresspahl ihrem zweiundachtzigjährigen Lehrer Julius Kliefoth zum Jahresende 1967 ihre Tochter, Marie Cresspahl. Sie ist die heimliche Hauptfigur des Romans – sie ist der Grund für das Erinnern ihrer Mutter, aber wir Leser*innen lieben sie längst, ohne mit ihr verwandt zu sein: gewitzt, klug, unabhängig, so menschenscheu wie hellsichtig und dann wieder kindlich. Marie also experimentiert vor Weihnachten mit Redewendungen wie „I stand corrected“. Auf dem Englisch der amerikanischen Mittelschicht segelt sie mühelos dahin, „Deutsch spricht sie, als hätte sie Schmerz im Hals“. Ihre Mutter berichtet:

„Wohl finde ich Mecklenburgisches, Ironie in Schiefhalsigkeit, durch Kopfsenken verkanteten Blick, steinerne Versteckmiene, überhaupt das Anschlägige, das Schabernacksche. Das alles nun in ausländischer Sprache.“

Weihnachtsbaum am Rockefeller Center 2017

Herrlich empören kann sich Marie, wenn jemand gegen gerechte Regeln verstößt. Als sie mit der Mutter vor dem Rockefeller Center in eine Antikriegsdemonstration gerät, werden die als „Santa’s Helpers“ verkleideten Demonstranten von bürgerlichen Passanten beschimpft – und das widerspricht allem, was sie über Meinungsfreiheit gelernt hat. Auch als die Mutter von den Polizisten „nach Hause“ geschickt wird, weil sie mit ihrer Tochter durch die Demonstration zum Einkaufen gehen will, ist Marie „empört“. Dieses Mal, weil sie als Kind bezeichnet wurde. Denn Marie hat in der Schule wegen ihrer Protesthaltung gegenüber dem Vietnamkrieg häufiger Ärger, auch wenn sie die „Geht raus aus Vietnam“-Anstecker nur so lange trug, „wie die Mode in ihrer Klasse sich hielt“.

Zugleich ist Marie arglos, wenn sie im Schwimmbad zwei Männer belauscht, die sich über den Körper ihrer Mutter unterhalten, als stehe der zu ihrer freien Verfügung, und das stante pede der Mutter berichtet, weil sie es für ein Kompliment hält. Sie sorgt sich manchmal um die Mutter, ruft sie verbotenerweise im Büro an, wenn Post von Kliefoth, Karsch und D.E. angekommen ist, und wartet dann aufgeregt im Fahrstuhl auf ihre Rückkehr. Umsichtig geht Gesine mit ihrer Tochter um, die viel Freiheit und Selbstständigkeit verlangt. Beider Beziehung nimmt viel Raum ein im Roman, und so endet der erste Band der „Jahrestage“ mit Marie Cresspahl:

„Einmal wird das Kind aussehen wie ich auf den ersten Blick, aber mögen wird die Welt es auf den zweiten, und nicht einmal sie wird wissen, daß sie zurücklächelt wie Jakob.“

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Literatur

Holger Helbig, Klaus Kokol, Irmgard Müller, Dietrich Spaeth, Ulrich Fries (Hrsg.), Johnsons Jahrestage. Der Kommentar, Göttingen 1999. Aktualisierte Fassung.

Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman »Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl« (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und digital neu herausgegeben von Anke-Marie Lohmeier 2012.

Angelika Rätzke, Mythos Tarnewitz. Geheimnisse einer Halbinsel, Boltenhagen 52016.

Michael Wildt, Geschichte des Nationalsozialismus, Göttingen 2008.

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