Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

22. Lesung: Vaters Tochter

| 2 Lesermeinungen

Berlin war 1931 ein guter Ort zum Leben, das erzählt Maries neuer Kinderarzt, der polnische Jude Dr. Rydz. Jerichow ist das im Jahr 1937 nicht mehr, und so will auch Richter Wegerecht dem Tierarzt Semig einen Wink geben, das Land zu verlassen. Für Gesine Cresspahl ist dieses Jahr noch mit einem ganz anderen Trauma verbunden. Es ist der Grund, warum sie „Vaters Tochter“ ist. Zweiundzwanzigste Wochenlektüre.

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Darum geht es in diesem Blog

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Berlin 1931 war „gjud zu leben, damals“ (15. Januar 1968)

Marie braucht einen neuen Kinderarzt, denn ihr bisheriger ist eingezogen worden, und so treffen die Damen Cresspahl auf Dr. med. Felix Rydz, der in „einem behenden Deutsch mit polnischem Akzent“ von seinem Jahr in Berlin erzählt. Von der nachsichtigen Zimmerwirtin Frau Rabenmeister, die so „knorke“ war, dass sie ihm sein Nachtleben nachsah, vom Friedrich-Wilhelm-Platz in Friedenau, auf dem die Glocken der „Kirche zum Guten Hirten“ schlugen – gebaut unter dem Patronat der Kirchen-Auguste genannten Kaiserin. Berlin ist eine Idylle in den Erinnerungen des jüdischen Arztes, die „Blütenwolken der Kastanien“ in der Handjerystraße, „a charming place to live at that time“. Fast kann man ihn sich an der Seite der Ausflügler in Robert Siodmaks Stummfilm „Menschen am Sonntag“ vorstellen, der sein Jahr an der Charité genießt und dabei „nichts ausgelassen“ hat. „Die Bürger, zivil, gesellig in dem Biergarten an der Post, zuvorkommend sogar gegen Ausländer“ – an dieses Berlin erinnert sich Dr. Rydz. „Abends kam man zurück an den stillen, parkähnlichen Platz wie nach Hause.“

Das gute Berlin. Berlin-Friedenau, Friedrich Wilhelm Platz, im Hintergrund die Kirche „Zum guten Hirten“

Aber Berlin wird für ihn kein Zuhause. 1939 will ihn seine Berliner Freundin lieber in Cannes als in Charlottenburg treffen – vielleicht zu seinem Glück, denn er arbeitet zwischen 1939 und 1943 in einem französischen Militärlazarett. Er flieht dann über die Pyrenäen, auf dem Fluchtweg, der sich für Walter Benjamin 1940 als verriegelt erwies. „1945 zu Schiff nach den U.S.A., wo alle seine Examina nicht galten, wo er erst nach fünf Jahren wieder eine Praxis eröffnen konnte, gleich auf der Oberen Westseite, damit es doch etwas half, daß er nun nicht nur des Polnischen und Deutschen, auch des Tschechischen, Französischen, Spanischen, Amerikanischen mächtig war.“ Gesine ringt mit sich, was sie ihn fragen soll zu seiner Vergangenheit. Nach seiner Freundin mag sie nicht fragen und so fragt sie, ob er „jemals wieder in Polen war“.

„– Nein. Niemals: sagt Dr. Rydz. Seine Antwort kommt unverhofft rasch, abgehackt, das weiche Gesicht strafft sich, der Blick wird scharf und geht dann ins Leere. Er wird niemals nach Polen zurückgehen.“

 

Raus aus Gneez (16. und 17. Januar 1968)

Dr. Walther Wegerecht, Landgerichtsdirektor in Gneez, will raus aus der mecklenburgischen Provinz. Deshalb übernimmt er den Prozess wegen „Verunglimpfung eines nationalsozialistischen Amtsträgers“ gegen Hagemeister und Warning. Studienfreunde in Berlin haben ihm bedeutet, dass danach eine Beförderung in Aussicht stehe. Das Dilemma des Richters, der „fast zu spät und eher pflichtgemäß“ in die NSDAP eingetreten war, sind die widersprüchlichen Informationen darüber, gegen wen der Prozess zu führen sei: als Exempel gegen den der Korruption verdächtigen Reichsarbeitsdienstführer Griem oder gegen die beiden Angeklagten wegen des „Heimtückegesetzes“. Gegen Arthur Semig will er den Prozess nicht richten, „nicht gegen einen Juden, der im Weltkrieg auf der Seite Deutschlands gekämpft hatte […]. Dem wollte er nur einen Denkzettel verpassen, damit er zu guter Letzt begriff und sich aus dem Lande schaffte.“

Das Zentrum von Wegerechts Überlegungen ist nicht das Recht, nicht das „Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutz der Parteiuniformen“, sondern seine Frau Irmi von Oertzen, der er nicht einmal die „Herrenbesuche aus der Garnison“ verübelt. Seine reiche adelige Frau träumt ein wenig größenwahnsinnig von einer Dienstwohnung am Berliner Tiergarten, zumindest nach Schwerin will sie es mit Wegerecht bringen. Der muss aufpassen, im Prozess nicht Irmis Freunde im Jerichower Winkel zu vergrätzen, falls es bei Gneez bleiben sollte. Angst hat der „Schmusevater“ vor allem davor, dass sie ihn verlässt und seine Kinder mitnimmt.

© dpaSehnsuchtsort Irmi von Oertzens: Berlin Tiergarten

Gerettet wird Wegerecht von seinem Schweriner Freund Theo Swantenius. „Der zuständige Richter möge sich auf den Namen des Verfahrens besinnen“, ist die neue Ansage aus Berlin. Doch am Prozesstag tritt Staatsanwalt Kraczinski nicht als Scharfmacher in Erscheinung und lässt lediglich dem Griem einen Verweis erteilen, „wegen unerbetener Beratung des Gerichts“. Auch der Zeugin Lisbeth Cresspahl kann man nicht anhängen, dass sie die Anzeige selbst hätte erstatten müssen.

„Warum sie nicht selbst Anzeige erstattet habe? weil es dumm Tüch sei. Unsinn, Quatsch. Nonsense. Nicht klug im Kopf. Nur jemand der von Jerichow nichts kenne, sei zu solchen dowen Vermutungen über Dr. Semig und Griem imstande, und Hagemeister wisse das so gut wie sie. […] Das habe nichts mit der Begünstigung von Juden zu tun, nur mit der Wahrheit.“

Wegerecht verhängt milde Strafen, spricht Semig frei, Griem erhält eine Ordnungsstrafe. Ob er so aus Gneez wegkommt mit seiner Irmi? In Berlin jedenfalls hatte der Bruder von Cresspahls Schwager, Peter Niebuhr, enger Mitarbeiter von Reichsnährstandführer Walther Darré versucht, Strippen gegen Griem zu ziehen, bis ihm aufging, dass die Anzeige von Lisbeths Bruder gemacht worden war. Nun musste er „die Weisung nach Schwerin umdrehen lassen“, und Landgerichtsdirektor Dr. Wegerecht kam noch gerade aus der Klemme unklarer Anweisungen heraus.

 

„Und nun die Geschichte mit der Regentonne: sagt Marie“ (19. Januar 1968)

Marie hat im Schwimmbad gehört, wie James Shuldiner ihre Mutter mit dieser Geschichte aufzog, und nun will sie auch wissen, was es damit auf sich hat. Ihre Mutter erklärt zunächst ausführlich Sinn und Zweck der Regentonne, doch Marie ahnt gleich, dass die sich um die Geschichte drücken will. Eine letzte Warnung gibt ihr die Mutter – „Du wirst wünschen, sie nicht zu wissen“ – doch die Tochter verlangt, wie eine Zehneinhalbjährige behandelt zu werden, und so erzählt Gesine Cresspahl davon, wie ihre Mutter sie in der Regentonne hätte ertrinken lassen. Ihr Vater hatte einen Deckel für das Wasserfass vor dem Küchenfenster gebaut. Er wusste, seine vierjährige Tochter beobachtete dort immer die große graue Katze, die am Küchenfenster hockte und dem Kind keine Beachtung schenkte.

„Der Deckel aber war neu, den hatte Cresspahl gemacht, damit ich nicht einen Küchenschemel anschleppte und darauf ins Wasser stieg.“

Wenn der Deckel fehlte, so konnte das kein Versehen der Hausbewohner sein, denn alle wussten „das mit der Katze“. Es bleibt offen, ob Lisbeth den Deckel auch selbst abgenommen hat, aber sie sah ihrer Tochter dabei zu, wie sie auf das Fass stieg und hineinfiel.

„ – Und deine Mutter, deine Mutter stand dabei?
– Ja. Nein. Wenn ich daran vorbeidenke, sehe ich sie. Sie steht da vor der Hintertür, trocknet ihre Hände in der Schürze, wringt ihre Schürze, wringt ihre Hände, eins kann das andere sein. Sie sieht mir zu, wie ein Erwachsener sich an einem Kinderstreich erheitert und wartet, wie er ausgeht; sie sieht mir ernsthaft zu, belobigend, als vertraute sie darauf, daß ich es richtig mache. Wenn ich die Erinnerung will, kann ich sie nicht sehen.“

Heinrich Cresspahl hatte seiner Frau erst „beim Zusehen zugesehen“, bevor er seine Tochter rettete, um sie dann so sehr zu verprügeln, dass sie nie wieder zur Tonne ging. „Nur so konnte er mich vor Lisbeth schützen.“

Gesine Cresspahl nimmt ihre Mutter vor den drängenden Fragen ihrer Tochter in Schutz, versucht, ihr Verhalten als religiöses Opfer zu interpretieren, als Liebe zu ihrer Tochter. Tatsächlich will sie wohl Marie schützen vor einer Erinnerung, die sie selbst erst in diesem Moment so klar sehen kann. Die will zum Abschluss festhalten: „Du bist doch Deines Vaters Tochter?“ – und ihre Mutter tut ihr den Gefallen, bejaht es.

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Literatur:

Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutz der Parteiuniformen, in: RGBl. 1934, 20. Dezember 1934, S. 1269–71.

Iris Dankemeyer, Vergangenheit heute. Geschichte und Gegenwart des Nationalsozialismus in Uwe Johnsons Jahrestagen, in: Johnson-Jahrbuch 14 (2007), S. 49–63.

Holger Helbig, Klaus Kokol, Irmgard Müller, Dietrich Spaeth, Ulrich Fries (Hrsg.), Johnsons Jahrestage. Der Kommentar, Göttingen 1999. Aktualisierte Fassung.

Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman »Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl« (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und digital neu herausgegeben von Anke-Marie Lohmeier 2012.


2 Lesermeinungen

  1. New York
    Was ich uebrigens an Johnson so erstaunlich finde, ist seine sehr gute Kenntnis von New York, sowohl geographisch als auch sozio-oekonomisch. Das Foto von Gesine Cresspahl uebrigens, was auf der einleitenden Blogseite steht, zeigt sie am Eingang zu 50 Broadway in Downtown, mit Blick nach Norden, an der Trinity Church vorbei (von ihrer Zeitung verdeckt) auf 1 Liberty Place, den dunkelbraunen Klotz, der im Hintergrund alles ueberragt. Gruesse vom Riverside Drive.

    • Herzlichen Dank für die Grüße und die Erläuterungen. Uwe Johnson lebte von 1966 bis 1968 in New York, zuerst als Schulbuchlektor, nach einem Jahr erhielt er dank seiner amerikanischen Verlegerin Helen Wolff ein Rockefeller-Stipendium. Er lebte in der Wohnung am Riverside Drive 243, aus der er später Gesine und Marie Cresspahls Domizil machte. In seiner Nachbarschaft lebte Hannah Arendt, die als Gräfin Seydlitz kleine Auftritte in den Jahrestagen hat. Johnson hat seine Zeit in New York in „Begleitumstände“ beschrieben, meine Anmerkungen zur Entstehungsgeschichte des Romans finden Sie hier: http://blogs.faz.net/cresspahl/2017/08/25/einleitung-zeitvergleich-mit-zeitung-28/

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