Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

29. Lesung: Wer ist Gesine Cresspahl?

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„Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ lautet der Untertitel der „Jahrestage“. Aus vielen Perspektiven, dem dialogischen wie vielstimmigen Erzählen, das die Hauptfigur gemeinsam mit dem Genossen Schriftsteller und der Hilfe dritter betreibet, aus ihren Lektürevorlieben und der Sicht auf die Welt, zum Beispiel die Slums der Upper Westside, setzt sich Stück für Stück das Bild einer unabhängigen, eigenwilligen Protagonistin zusammen. Deshalb geht es in der neunundzwanzigsten Lektürewoche um Sichtweisen auf Gesine Cresspahl.

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Darum geht es in diesem Blog

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„Lieben G. C.“ – von Dietrich Erichson aus betrachtet (3. März 1968)

Weil Dietrich Erichson an Gesine Cresspahls Geburtstag auf Reisen sein muss, schreibt er ihr (mit veralteter Anrede, von Schiller entlehnt) einen Brief – versendet über das New Yorker Hauptpostamt, auf dessen Fries der von Herodot entliehene Spruch steht „Weder Schnee noch Regen noch Hitze noch die Finsternis der Nacht hält diese Boten ab von der raschen Vollendung ihrer vorgegebenen Gänge“. Der Liebesbrief schwankt zwischen Erkennen und Sichzeigen, er ist so klar wie unbeholfen. Auf Wunsch der Angebeteten ist er handschriftlich verfasst, die Form des Briefs kondensiert das Bild, das Erichson von Gesine Cresspahl entwirft, seine Projektion.

„Ich werde das Wort nicht gebrauchen. Nicht weil es mir zu ungenau wäre, sondern, bei dir hat es ausgedient. Inzwischen ist es dir so verächtlich, du benutzt es wieder, wenn du spielen willst in der fremden Sprache“.

 

General Post Office, New York, mit dem an Herodot angelehnten Fries-Spruch

Eine Sprache gebrauchen, das heißt, den richtigen Ausdruck zu finden, so dass an Worten sich ganze Erinnerungsketten aufhängen können. Wenn man zu allem „I’d love to“ sagen kann, hat das Wort Liebe ausgedient, es kann sich nicht der Wandlung hin zum „Konsumgegenstand“ entziehen, wie die Adressatin es aber wollen würde. Die hält den Briefschreiber auf Distanz, lässt ihn nicht den Beschützer spielen, als sie krank ist – ihr „Eigensinn“ hält sie davon ab. Sie will ihn nicht heiraten, ihrer Tochter hatte sie im November 1967 anvertraut, nicht noch einen Verlust verkraften zu können.

Wirklich ist sie für Erichson, „für dich gibt es immer noch wirkliche Sachen: den Tod, den Regen, die See“. Sie lebt mit ihrer Vergangenheit, sie interpretiert, sie bezieht die Tochter mit ein, kann sprechen, wo er nur Formeln hat.

„Du hast nicht aufgegeben. […] Immer noch nicht hast du es satt, die Versprechungen des Sozialismus beim Wort zu nehmen, hartnäckig hältst du den imperialistischen Demokratien die edel geschriebenen Verfassungen vor, bis heute kannst du der Kirche nicht vergessen, daß die Segnung der Rekruten auf dem Kasernenhof in Gneez auch das Gerät zum Krieg einschloß.“

Mit dieser unbeugsamen, hartnäckigen Frau will Erichson gern leben, er verspricht ihr überflüssigerweise, „daß dir das Kind nicht weggenommen wird“. Ihre Vergangenheitsfähigkeit repräsentiert etwas, das er nicht hat, und wird zum Objekt des Begehrens. In der kommenden Woche antwortet sie ihm.

 

„Mrs. Cresspahl“ – von der Glasdecke aus betrachtet (4. März 1968)

Aufgestiegen. Gesine Cresspahl und Vizepräsident De Rosny im Film „Jahrestage“ von Margarethe von Trotta

Gesine Cresspahl ist in der Bank aufgestiegen, nicht nur an Rang sondern auch an Stockwerken, hat nun ein Büro für sich und ist vor allem eins: einsam. Sie arbeitet jetzt allein an ihren Memoranda, alle vier Tage liefert sie eine Akte bei der Empfangsdame Mrs. Lazar ab, an der sie am Morgen nicht vorbeikommt ohne die „Erkundigung nach dem Ergehen“. Sie ist dazu die einzige Frau in dieser Abteilung und fürchtet seitens der Kollegen „Empörung, daß ihnen eine Frau an die Seite gesetzt ist“. Obwohl nun unbeobachtet: beim Verrichten der Arbeiten funktioniert „die Angestellte Cresspahl“ in reinster Selbstdisziplinierung nach Michel Foucault, denn sie fühlt sich beobachtet wie im Panoptikum, dem Mustergefängnis von Jeremy Bentham : „Die fremde Umgebung, der Abstand zu den anderen sperrt sie unnachsichtig mit der Arbeit zusammen“. Von den früheren Kolleginnen ist sie wegen der Beförderung abgeschnitten, von deren Ritualen, die den Feierabend einläuteten; die neuen lügt sie an, sie habe sich gut eingelebt. Dass oben „Jeder allein fertig werden soll“ und man nicht aufeinander achtet, gefällt ihr nicht.

 

„Das Cresspahlsche Kind“ – von Hilde Paepckes Familie aus betrachtet (6. und 8. März 1968)

Nach der Rückkehr nach Jerichow bringt Heinrich Cresspahl Anfang 1939 seine völlig verstörte Tochter bei ihrer Tante Hilde Paepcke, deren Mann Alexander und deren drei Kindern unter. Bis zu seiner Abreise hatte Gesine nicht an die Trennung geglaubt, als sie am Morgen nach der Ankunft aufwacht, ist der Vater schon abgefahren. Ihren Cousins und Cousinen nimmt sie wider deren Erwarten nichts weg. Die stets gut mit Essen versorgten Paepcke-Kinder beobachten, wie Gesine ihr Brot „auf eine besondere Weise“ isst – vielleicht ein Überbleibsel ihres Hungerfastens: „erst rundum die Kürste, dann in vorsichtigen langsamen Bissen das Mittelstück, als sei das etwas Kostbares“. Mit ihrem Onkel Alexander redet sie ein wenig, doch trotz seiner Späße bittet sie darum, ins Bett gehen zu dürfen.

Der sorgt sich um seine Nichte und traut „sich eine Tröstung des Kindes nicht zu, weil es nach Cresspahl schlug und eigensinnig bleiben würde auch in der Trauer.“ Als er seinem Schwager ins Gewissen reden will, klingt der so verzweifelt, dass Paepcke von ihm ablässt. Die verschwundene Gesine finden sie auf dem Dachboden, „wo sie im Dunklen zwischen Koffern und Körben hockte, um in Ruhe weinen zu können“.

Ein halbes Jahr bleibt die Sechsjährige bei den Verwandten in Poderjuch, deren fröhliches Familienleben nahezu idyllisch anmutet, von Erdbeeren, Picknicks, Gartenfesten und einer fürsorglich-anarchischen Tante ist die Rede. Tante und Onkel lassen die Kinder nur die guten Seiten ihrer Beziehung sehen. Der Onkel liest Fontanes Gedicht „Von der schönen Rosamunde“ vor, manchmal aber auch versehentlich aus dessen Artikel über den Philosophen Arthur Schopenhauer, wo England auf Kosten Mecklenburgs gerühmt wird; zum Baden in der Oder gibt es „Archibald Douglas“.

„Bei Paepckes saß ein Kind beim Malen, beim Stoffzerschneiden, und Hilde ging kein Mal vorbei, ohne die Arbeit genau zu loben, nicht mit Schmeichelei, sondern mit Erkundigungen. Bei Paepckes lernten die Kinder zu fühlen, wer sie waren.“

Diese Eltern öffnen ihren Kindern Raum, sie verengen ihn nicht, und davon profitiert auch Gesine. Ausgerechnet der wirtschaftliche Filou Alexander Paepcke hat einen besonderen Draht zu seiner Nichte, sieht ihre Bedürfnisse. Als der Vater sie in den Ferien in Fischland abholen kommt, schämt sie sich, vor aller Augen auf den Vater zuzulaufen. „Dann hörte sie Alexander sehr laut über Vogelnester sprechen und begriff, daß sie alle ihr nicht zusahen. Dann lief sie.“

Ferien mit den Paepckes auf Fischland: Ahrenshoop, Partie am Hohen Ufer

Am Morgen nach unserer Hochzeitsfeier erklärte der Mann meiner Schwägerin seinen beiden kleinen Töchtern, warum er nicht der Onkel meines drei Monate alten Sohnes sei. So ein Pochen auf Blutsverwandtschaft wäre Alexander Paepcke niemals eingefallen. Die Paepckes sind besorgt um ihre Nichte und bei Hilde erlebt das Mädchen, wie eine fröhliche Mutter für das Wohlergehen ihrer Kinder sorgt, ohne die Restriktionen eines frömmelnden Glaubens, in dessen Zentrum Schuld steht.

 

Gesines Erzählen über den Vater – von Marie aus betrachtet (7. März 1968)

„– Du willst Cresspahl besser machen als er war: sagt Marie“, als die Mutter versucht, dessen Spionagetätigkeit weiter zu ergründen. Marie, die, wie andere Kinder auch, die Selbsterzählung ihrer Mutter durchschaut, funktioniert als Korrektiv der Erinnerung. Denn sie fordert Gesine Cresspahl zu besseren Erklärungen heraus, wenn es ihr „ein Zufall zu viel“ ist, und mahnt genaues Erzählen an:

„– Eben habe ich dir geglaubt, Gesine. Schon übertreibst du wieder.“

Heinrich Cresspahl ist inzwischen auf dem Flugplatz als Tischler angestellt und stellt sich dumm, um an Informationen über das Zählen von Flugzeugen hinaus zu kommen. Wieso man ihn für einen harmlosen Handwerker habe halten können, will seine Enkelin wissen. Seine Biographie dichtete der Großvater um, seine Rückkehr nach Deutschland Ende 1933 erklärt er damit, „nach der glanzvollen Auferstehung des deutschen Vaterlandes“ habe er nicht „beiseite stehen wollen“. Wenn er von London erzählen soll, paraphrasiert er die Pickwick Papers von Charles Dickens auf Platt und macht sich einen Spaß. Den Jerichowern gegenüber gibt er sich als Eigenbrötler, den Briten kann er den Truppentransport nach Dänemark auch von Lübeck aus melden.

 

Auf der Suche nach Francine in den Slums der Upper Westside (9. März 1968)

Marie will sich mit ihrer Schulkameradin Francine aussöhnen, und so sucht sie mit ihrer Mutter in den Slums der Upper Westside an den „Stellen, wo sie den Tag zu verwarten pflegte“. Wegen der beengten Wohnverhältnisse findet das Leben der Bewohner der Slums auf der Straße statt. Gestützt auf Joseph Lydons 1966 veröffentlichte Analyse der New Yorker Westside „The Airtight Cage“ beschreibt Johnson die desolaten Zustände anhand der Brownstones. Einst als einzelne Familienhäuser gebaut, lassen sie sich aufgeteilt in Wohnungen und Einzelappartements gewinnbringender vermieten. Die Armut der Mieter bedeutet Profit für die Hausbesitzer, für die Bewohner hat dies soziale Folgen:

Brownstone-Häuser in Brooklyn, um 1973

„Wenn ganze Familien ohne das Geld für Erholung oder Fluchtversuche, in einem einzigen Zimmer wohnen müssen, werden die Kinder Zeugen unausbleiblicher Streitszenen, kommen müde und verstört in die Schulen, mit unvollständigen Hausaufgaben; ihre Leistungen müssen hinter den Anforderungen zurückbleiben, sie verlassen die Schulen so früh als möglich, sie ‚fallen heraus‘ und beginnen in niederen Berufen zu arbeiten, die mit der technischen Entwicklung aussterben werden und sind ausgebildet für die Armut.“

Rassismus und sozio-ökonomische Bedingungen sind miteinander verwoben, in Gesine Cresspahls Blick auf „den Slum“ verstärken sie sich gegenseitig, machen ihn zu einem „Gefängnis“, aus dem ein Ausweg versperrt ist. Die „Verbindung von der Gesellschaft“, in der sie selbst sich bewegt, ist „abgebrochen“, eine Hoffnung auf Veränderung besteht nicht und auch kein Grund, Normen dieser Gesellschaft einzuhalten. Daraus zieht sie, wie Norbert Mecklenburg kritisch angemerkt hat, recht undifferenzierte Schlüsse wie diesen: „Da die Weißen als Gruppe Hilfe verweigern, warum nicht dem einzelnen Menschen ein Messer aufs Herz setzen und seiner Brieftasche, seiner Ladenkassen, seiner Wohnung Hilfsmittel entnehmen?“

Ihre weiße konservative Freundin Liz Carpenter III aber nimmt die Wohnverhältnisse in den Slums als Zeichen dafür, dass „diese Schwarzen schlicht nicht verstünden, in einer Zivilisation zu leben, als sei das eine Veranlagung von Natur aus“. Johnson kontert mit den Verhältnissen, der amerikanische Romancier und Aktivist James Baldwin (Johnson hat ihn laut Fritz J. Raddatz 1964 beschimpft, kein Schriftsteller zu sein) hätte dem Rassismus einer Liz Carpenter III noch etwas ganz anderes entgegengehalten. Die Frage nämlich, welche Funktion es eigentlich für das weiße Amerika habe, Menschen als ‚nicht-zivilisierbar‘ darzustellen, sie zu „Niggern“ überhaupt erst zu machen.

James Baldwin am 30.Juli 1965 bei der Premierenfeier für sein Drama „The Amen Corner“, Akademie der Künste Berlin

„What white people have to do is try and find out in their own hearts why it was necessary to have a ‚nigger‘ in the first place, because I am not a nigger, I’m a man. But if you think I’m a nigger, it means you need him. The question that you’ve got to ask yourself, the white population of this country has to ask itself […]. If I am not the nigger here and you invented him, you the white people invented him, then you’ve got to find out why. And the future of the country depends on that, whether or not it is able to ask this question.“

Auch Francine hatte die Cresspahls gesucht, am Mediterranean Swimming Club war sie zweimal vom Portier Mr. Welch abgewiesen worden. Gesine bittet Welch, sie beim nächsten Mal hereinzulassen und bezahlt im Vorhinein.

„– Es ist doch ein schwarzes Mädchen.
– Es ist eine Bekannte von uns. Eine Freundin.
– Soll das heißen, Sie sagen gut für dieses Kind?
– Das soll es heißen.“

Gesine Cresspahl will gegen die Ungleichheit einer Gesellschaft vorgehen, deren Rassismus auch sie privilegiert.

 

Das Jahr 1968 war ein Schaltjahr, deshalb haben sich jetzt die Wochentage verschoben, so ist der 8. März 1968 ein Freitag, der 8. März 2018 aber ein Donnerstag.

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Literatur:

James Baldwin, I Am not Your Negroe. Compiled and Edited by Raoul Peck, London 2017.

Julia Encke, Irgendein Licht fällt auf ihn, in: FAZ, 13. August 2006

Uwe Johnson, Ein Teil von New York, in: Neue Rundschau 80 (1969), S.161-174, wieder abgedruckt in: Michael Bengel (Hrsg.): Johnsons Jahrestage, Frankfurt a. M. 1985, S. 35–52.

Holger Helbig, Klaus Kokol, Irmgard Müller, Dietrich Spaeth, Ulrich Fries (Hrsg.), Johnsons Jahrestage. Der Kommentar, Göttingen 1999. Aktualisierte Fassung.

Norbert Mecklenburg, Nachbarschaften mit Unterschieden. Studien zum Werk Uwe Johnsons, München 2004, S. 79–87.

Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und digital neu herausgegeben von Anke-Marie Lohmeier 2012.


4 Lesermeinungen

  1. Kluge Lektüre
    Auch bei mir hat Ihr Blog den Anstoß gegeben, nach langer Zeit die „Jahrestage“ wieder zu lesen. Ihre Bemerkungen sind so nachvollziehbar wie klug, ich freue mich jede Woche darauf, meine Lektüreeindrücke mit Ihren zu vergleichen und zu lesen, welche Schwerpunkte Sie setzen. Vielen Dank auch für die Fotos und Videos, die die Fülle von Bezügen erhellen, die der Roman enthält.

    • Wie schön! Wie Sie wissen, muss ich in jeder Woche sehr viel weglassen. Was für große Kunst ein Werk zu schaffen, das man auf so viele verschiedene Weisen lesen kann.

  2. Dankeschön
    Sehr geehrte Frau Förster,
    angeregt durch Ihren Beitrag in der FAZ habe ich „pünktlich“ mit der erneuten Lektüre der „Jahrestage“ begonnen. Mit großer Begeisterung lese ich seither auch Ihren Blog. Er hilft mir, Vieles zu verstehen, wovon Uwe Johnson nur in Andeutungen (und bisweilen „quer über die Gleise“) schreibt. Zudem – man wird zum nochmaligen Nachlesen angeregt. Vielen Dank dafür!

    • Herzlichen Dank für Ihre freundliche Rückmeldung, die mich sehr freut. Ein großartiger Roman, auf so vielen Ebenen.

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