Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

33. Lesung: Vom Material zum Roman

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Johnsons Roman „Jahrestage“ verschränkt auf vielfältige Weisen dokumentarisches Material mit den beiden Erzählebenen. Zusammengehalten wird dies formal von Erzählsituation und Struktur des Romans und inhaltlich vom Verhältnis von Geschichte und Kunst, so der Literaturwissenschaftler Holger Helbig. Historische Quellen sind allgegenwärtig, und so geht es in der dreiundreißigsten Lektürewoche ad fontes.

 

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Darum geht es in diesem Blog

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„Heute weiß ich, daß die Ferien anderer Art waren“ (4. April 1968)

Im Sommer 1944 verbringt Gesine Cresspahl ein letztes Mal den Sommer bei den Paepckes auf Fischland. Ihr Onkel Alexander muss gleich und heimlich wieder abreisen, doch ohne ihn „schienen die Ferien nicht möglich“. Hilde muss alles übernehmen und die Ferien wie immer organisieren, schickt die Kinder Blaubeeren suchen und Unkraut jäten oder Briefe an den Vater schreiben. Sie rettet die Ferien, denn es „erwies sich, daß Ferien zu erfinden waren, hatte man sie einmal von Alexander gelernt“.

© Hanne Einloft-AchenbachBurkhard-Seitz-Weg 13, Ahrenshoop, Vorbild für das Haus auf Fischland der Paepckes

So war es für die kindliche Gesine. Die erwachsene weiß inzwischen, dass auch auf dem Fischland keine Idylle herrschte, sondern „auf der anderen Seite des Saaler Boddens“ das Konzentrationslager Barth lag, eine Außenstelle von Ravensbrück, wo männliche und weibliche Häftlinge Zwangsarbeit für die Heinkel-Flugzeugwerke leisten mussten. Sie weiß von der Liste verstorbener Häftlinge des tschechischen Arztes Dr. Stejskal, die 292 Menschen auflistet, die in Barth begraben liegen, wo sie auch mit der Tante in den Ferien war.

Nicht nur bezügliches ihres Ferienortes hat sich ihr Deutungshorizont geändert, weil sie der Erinnerung ihr aktuelles Wissen hinzufügt, auch dem Onkel gegenüber, der hat in der Sowjetunion für die Organisation Todt gearbeitet und „Zivilpersonen zur Arbeit … einweisen müssen, die die S.S. ihm aus der sowjetischen Bevölkerung zuführte“. Gesine erinnert sich an ein Spiel mit der Grenze zwischen Mecklenburg und Pommern, aber inzwischen weiß sie: „Es war nicht so“ oder zumindest war es auch noch anderes.

 

„Justiz in Mecklenburg währen des Nazikrieges“ (2. April 1968)

Der 2. April 1968 sticht heraus aus den anderen Jahrestagen im Leben Gesine Cresspahls. Unter der Überschrift „Justiz in Mecklenburg während des Nazikrieges“ listet Johnson an diesem Tag Kurzbiographien von fünf Frauen und 32 Männern auf, die zum Teil namenlos bleiben. Als Quelle für diese Biographien dient ihm der Band „Der antifaschistische Widerstand unter Führung der KPD in Mecklenburg“, 1970 in Schwerin und 1985 auch bei Dietz in Berlin erschienen. Holger Helbig, Leiter der Johnson-Forschungsstelle und des Johnson-Archivs in Rostock, hat in einem Aufsatz in der Zeitschrift Text + Kritik schon vor einigen Jahren zum Thema gemacht, wie bei Johnson das angeordnete Material einen „poetischen Wert über die konkrete Bedeutung der einzelnen Textstelle hinaus“ gewinnt. Johnson benutzt für die Verarbeitung historischer Quellen seine eigene Sprache, so der Inhaber der Johnson-Professur, er ist so stets anwesend und eignet sich das historische Material nicht nur durch seine Sprache an, sondern auch durch Auswahl und Perspektive.

So auch am 2. April 1968, an dem Johnson chronologisch von Verfolgung, Verschleppung und Ermordung in den Jahren 1939 bis 1945 berichtet. Der Grund für die Verurteilungen sind häufig Kritik am NS-Regime, Unterstützung von Kriegsgefangenen und das Hören der BBC. Name, Beruf, Alter, Vergehen, Strafmaß und Folgen der Strafe strukturieren die einzelnen Einträge, so auch den ersten:

„Fedor Wagner, polnischer Vorschnitter in Groß Lanzen, erklärte Deutschland für schuldig am Krieg gegen sein Land. Am 3. September 1939 wird er verhaftet. Vom Zuchthaus Dreibergen-Bützow wurde er nach Auschwitz verschleppt. Verschollen.“

Gedenkstätte Sachsenhausen, Brandenburg

Im Zuchthaus Dreibergen-Bützow wurden während des Nationalsozialismus im Hinrichtungskeller mehr als 700 Gegner*innen des NS-Regimes ermordet. In diesem Keller, durch Vorhänge „in drei getrennte Sterbekabinen“ geteilt, wurden Gefangene erhängt. Hier wäre wohl auch Heinrich Cresspahl hingerichtet worden, wenn er erwischt worden wäre. Von Dreibergen-Bützow aus wurden zudem Gefangene in die Konzentrationslager Sachsenhausen, Neuengamme, Mauthausen verschleppt.

„Johann Lehmberg aus Rostock, Ingenieur, sprach sich gegen die Aufrüstung aus. Seit 1939 im Zuchthaus, wurde er am 22. Januar 1940 in das KZ Neuengamme verschleppt, später dort ermordet.“

Gedenkstätte Neuengamme, Hamburg

Hilfe für Kriegsgefangene konnte zum Verhängnis werden, etwa für „Ella Kahäne aus Beckenthin bei Grabow“, die zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde, weil sie „einem sowjetischen Kriegsgefangenen Gummilösung“ gegeben hatte, „damit er seine Stiefel flicken konnte“. Schicksal nach Schicksal reiht Johnson auf, variiert wird das Schema nur, indem er zuweilen das Datum der Verurteilung an den Anfang setzt.

„Am 10. November 1943 wurden vier Geistliche aus Lübeck hingerichtet, die katholischen Kapläne Johannes Prassek, Hermann Lange, Eduard Müller wegen Abhörens und Verbreitung ausländischer Radionachrichten, der evangelische Pastor Friedrich Stellbrink angeblich wegen der Predigt, die er Palmsonntag 1942, nach dem Angriff auf Lübeck, gehalten hatte.“

Vergehen und Strafmaß stehen in keinem Verhältnis – dies ist ein Effekt der Aufreihung der vielen Beispiele. Selbst als der Krieg schon fast vorbei ist, fallen der NS-Justiz noch Menschen zum Opfer, nur weil sie sich über das Ende des Krieges freuen:

„Marianne Grunthal aus Zehdenick, 49 Jahre alt, Lehrerin, hörte vom Tode Hitlers und rief aus: Gott sei Dank, dann ist der furchtbare Krieg endlich zu Ende. Sie wurde am 2. Mai 1945 auf dem Platz vor dem Bahnhof in Schwerin an einer Laterne aufgehängt.“

Durch die Beschreibung des Hinrichtungskellers und vor allem den letzten Satz „Ich kann Cresspahl träumen an diesem Ort“ gewinnt das historische Material aber noch eine andere Bedeutung. Gesine Cresspahl, die sich in New York die fragmentarischen Hinweise der Spionagetätigkeit ihres Vaters zu einem Puzzle zusammensetzt, konfrontiert sich nachträglich mit den Folgen, die seine Enttarnung nach sich gezogen hätte.

 

„Gestern Abend wurde Martin Luther King in Memphis erschossen“ (5. April 1968)

Ganz anders funktioniert die Materialanordnung am Tag nach der Ermordung des Bürgerrechtlers Martin Luther King Jr. in Memphis. Drei verschiedene Textsorten gibt es an diesem Tag: das Kopfgespräch Gesines mit ihren Beileidsbekundungen an den Hausmeister Bill, das den Tageseintrag rahmt, die Auszüge aus dem Artikel in der New York Times, schließlich dialogische Kommentaren zum Inhalt dieses Artikels, die nach Gesprächen in der Bank klingen.

Johnson wählt die Passagen des Artikels aus, die Kings Persönlichkeit mit der Gewalttat konfrontieren:

„Dr. King lehnte auf dem Balkongeländer. Er war ausgeruht, herzlich, vorfreudig. Er war für ein Abendessen bei einem Freund angezogen. Sein Fahrer warnte ihn vor der Abendkälte und bat ihn, einen Mantel anzuziehen. Dr. King versprach es. Ein Freund stellte ihm den Musiker vor, der später auf der Versammlung spielen sollte. Dr. King hatte sich das Negerspiritual gewünscht ‚Herr du meine Kostbarkeit, führe meine Hand‘. Er begrüßte den Mann strahlend, und wiederholte seinen Wunsch. Dann fiel der Schuß.“

Martin Luther King Jr. (2. von rechts) steht am 3. April 1968 auf dem Balkon des Lorraine Motels neben den Bürgerrechtlern Hosea Williams (l-r), Jesse Jackson und Ralph Abernathy.

Die Darstellung Kings und die Beschreibung seines zerfetzten Körpers – übernommen und übersetzt aus dem Zeitungsartikel– werden kontrastiert mit überheblich über ihn urteilenden Dialogzeilen, in denen die Weißen als mögliche Opfer hingestellt werden: „Heute abend gibt es weißes Blut auf unseren Straßen“. Dass die „Fahnen auf halbmast“ hängen, bewertet das Bürokollektiv, das hier zu Wort kommt, als falsche Pietät: „Man kann es auch übertreiben“. Statt Beileid und Bedauern, das Gesine gegenüber ihrem Fahrstuhlführer Bill Shaks gern zum Ausdruck bringen würde, schüren die Bankdialoge Verschwörungstheorien von Waffen, die „Neger Soldaten in Viet Nam“ angeblich in die Vereinigten Staaten schickten.

Der letzte öffentliche Auftritt Martin Luther Kings im Mason Temple in Memphis am 3. April 1968.

Während Gesine Cresspahl im Kopf ein Gespräch mit Bill probiert, der ihr sagt „Nichts wissen Sie. Sie sind nicht schwarz“, hat Marie längst ein Beileidstelegramm an Coretta Scott King geschickt. King selbst hatte stets die Brüderlichkeit aller Menschen betont und in seiner wohl berühmtesten Rede beim Marsch auf Washington 1963 auch die Hoffnung ausgesprochen, auf sie vertrauen zu dürfen. Johnsons Auswahl der Zeitungsauschnitte und seine Erzählung montieren das vermeintliche Ausnahmeereignis der mörderischen Gewalt gegen ein exponiertes Individuum  – „Er war nur drei Minute im Freien gewesen“ – in einen alltäglichen Rahmen: den alltäglichen wie strukturellen Rassismus der oberen, durchweg weißen Etagen einer New Yorker Bank.

 

 

Auf Kings Beerdigung sang Mahalia Jackson jenen Spiritual, den er sich von Ben Branch gewünscht hatte.

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Literatur:

Holger Helbig, Vom Material zum Roman. Zitieren und Erzählen in Uwe Johnsons Roman „Jahrestage“, in: Text+Kritik 65/66 (2001), S. 149-169.

Holger Helbig, Klaus Kokol, Irmgard Müller, Dietrich Spaeth, Ulrich Fries (Hrsg.), Johnsons Jahrestage. Der Kommentar, Göttingen 1999. Aktualisierte Fassung.

Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und digital neu herausgegeben von Anke-Marie Lohmeier 2012.


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