Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

46. Lesung: Von den Prüfungen der Gesine Cresspahl

| 2 Lesermeinungen

Als Gesine Cresspahl vierzehn Jahre alt geworden ist, kann sie ihrer Ziehmutter Marie Abs zwar den Konfirmationsunterricht, nicht aber den Tanzunterricht ausreden. Um ihrem Vater berichten zu können, damit er gewiss wiederkommt, führt die Jugendliche nun Tagebuch. Nicht nur die Tanzstunden machen ihr das Leben schwer, auch ihr Onkel Robert, als er eines Tages einfach in der Küche sitzt. Nachdem sie ihn aus dem Haus gejagt und die Absens über seine Kriegsverbrechen in Kenntnis gesetzt hat, flieht sie nach Fischland, an den Ort vergangener Ferienidylle. In New York muss sie sich durch ein Mittagessen mit ihrem Chef und dessen Untergebenen lavieren. Die sechsundvierzigste Wochenlektüre handelt von den vielen Prüfungen Gesine Cresspahls.

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Darum geht es in diesem Blog

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Von Tanzstunden und Tagebüchern (30. Juni und 2. Juli 1968)

Im Frühjahr 1947 schwebt das Damoklesschwert des Erwachsenwerdens in Form von Tanzstunden über Gesine Cresspahl, die sich „zweimal in der Woche in einem Gneezer Hotel unterweisen lassen muss in bürgerlichen Balzritualen. Denn als bürgerliches Kind hat Marie Abs sie eingestuft und in Abwesenheit des Vaters darf sie zwar die Konfirmation, nicht aber die Etikette verweigern. So lange Heinrich Cresspahl nicht zurück ist, wird Gesine zu vornehmer Erziehung in Auftrag genommen“ und angehalten. Mit Erfolg: Die feine Gneezer Gesellschaft betrachtet sie als eine der ihren, auch wegen des schwarzen Mantels, den Marie Abs ihr hat schneidern lassen. Nur aus „Gehorsam gegen Frau Abs“ nimmt Gesine Cresspahl überhaupt an den Tanzstunden teil, das schlagende Argument ihrer Freundin Lise Wollenberg – „Wie willst du denn einen Mann kriegen, wenn du nicht tanzen kannst“ – lässt sie nicht gelten: „Sie sah das nicht ein. Damit wollte sie keinen Mann kriegen.“

Gesine Cresspahl muss in der Tanzstunde unter bürgerlichen Balzritualen leiden, hier zu sehen die Version von Kaiserslautern 1958

Der eine, den sie gern kriegen würde, hatte ja auch schon nicht nur eine zum Tanzen. Da nervt der sechzehnjährige Apothekersohn, der gerne den Kavalier spielte, schon ordentlich. Vor allem, wenn man ganz andere Sorgen hat, wie einen Vater in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, dessen Rückkehr mit dem Tagebuch festgeschrieben werden soll. Dieses Tagebuch ist „nicht so recht“ eines, es ist eine Wortliste, zum Teil auf Russisch, verborgen vor Jakob und Marie Abs. Endlich erfahren wir, was es mit den Jahrestagen auf sich hat: „hier macht ein Schreiber in ihrem Auftrag für jeden Tag eine Eintragung an ihrer Statt, mit ihrer Erlaubnis, nicht jedoch für den täglichen Tag“.

Eines der Worte ist Rips, das Material des Kleides aus Gesine Cresspahls New Yorker Gegenwart, an dem ihr Chef zu ihrer Pein meint den Welthandel erklären zu müssen. Im Wort-Tagebuch meint es aber ihre Lehrerin Bettina Riepschläger, die gleich nach Abitur und zweimonatigem Kurs auf Gesines Klasse losgelassen wurde. Da blond und hübsch, wird sie Jakob verschwiegen, genauso wie Rips nichts von ihm erfährt. Jetzt, da Anne-Dörte endlich zu den gräflichen Verwandten in den Westen gegangen ist, muss nicht gleich die nächste kommen, so denkt sie es sich wohl.

„Am besten blieb Jakob ohne Nachricht von solchem Kornblumenkleid, das in allem richtig fiel, von solch schönen ausgewachsenen Beinen, von dieser unbedenklichen hellen Stimme“.

Das ist es allerdings vermutlich nicht, was sie dem Vater erzählen möchte.

 

Besuch von einem Kriegsverbrecher (2. Juli 1968)

Eines Abends sitzt Robert Papenbrock in der Cresspahlschen Küche mit Jakob und Marie Abs am Tisch, als Gesine von der Tanzstunde nach Haus kommt.

„Der Mann blickte bloß beiläufig auf, als sie sich an den Tisch stellte, sah da nichts als ein Kind. – Na du? Sagte er, herablassend, zudringlich vor Verwandtschaft, behaglich.
– Raus: sagte Cresspahls Tochter, vierzehn Jahre alt. […] Er stand noch immer nicht. – Raus schrie sie. – Du sast rut hier.“

Robert Papenbrock verdrückt sich aus dem Haus, und weil er damit droht, das Haus anzuzünden, sorgt Jakob dafür, „daß der Gast ein wenig hinfiel, mit dem Gesicht auf die scharfe Schwelle der hinteren Tür“. Das Mädchen erzählt den Absens die Geschichte ihres Onkels, der immer schon das war, was man heute einen Bully nennen würde. In „Amerika hatte er Nazis angeworben, ganze Dörfer verbrannt, der Sonderführer S. S. in der Ukraine, sogar Slata hatte er verschleppt und war schuld an ihrer Verhaftung.“ Jakob und Marie Abs reden ihr gut zu, hätten den Onkel auch vertrieben, doch die Nichte, die sie eben auch ist, wird von einem „eisigen Zweifel“ geplagt. Sie glaubt, im Sinne des Vaters gehandelt zu haben, aber von dem kommt keine Nachricht. „R. P.“ steht auch im Tagebuch, damit der Vater nach seiner Rückkehr Absolution erteilen kann. Der Onkel entzieht sich seiner Verantwortung durch Flucht in den Westen. Am gleichen Tag ist in der New York Times vom Tod Fritz Bauers zu lesen, des hessischen Generalstaatsanwalts, „einer der wenigen im Amt, die von Anfang an die Verbrechen der Nazis für gerichtlich erfaßbar hielten“.

 

Ein letztes Mal auf Fischland (4. Juli 1968)

Im Sommer 1947 reißt Gesine Cresspahl nach Fischland aus, sie hat jetzt auch das Haus der Paepckes in Ahrenshoop geerbt. Dort wohnt inzwischen eine fremde Familie, und sie betritt das Haus ihrer vermutlich schönsten Kindheitserinnerungen nicht. Zu groß ist wohl die Trauer um ihre Verwandten, besonders um die Kusine Alexandra. Sie kommt bei Ille unter, die gleich weiß, dass sie ausgerissen ist, und unbedingt Jakobs Mutter sagen muss, wo sie geblieben ist und wie es ihr geht. Den Sommer über hilft sie Ille dabei, deren Sommergäste zu versorgen, denn „für Bett und Tisch muss sie nun arbeiten“. Die Gäste sind Intellektuelle aus der Stadt, die sich auf Fischland den Bauch vollschlagen, mit ihren Frauen streiten und dem Mädchen ganz und gar unsympathisch sind.

Boden und Ostsee in Ahrenshoop

Abends streift sie durch die Boddenwiesen und erinnert sich an die geliebte Kusine, die langsam in Vergessenheit gerät. Ille ahnt von ihrer Trauerarbeit, aber auch davon, dass sie wieder nach Jerichow zurücksollte, und so nimmt sie die Vierzehnjährige mit zu einer Art Wahrsagerin, um zu erfahren, ob ihr Mann, ein Kapitän, noch lebt. Als auch Gesine dieser Dienst angeboten wird, lehnt sie ab und kehrt in ihr Zuhause zurück.

„Das Fischland ist das schönste Land in der Welt. Das sage ich, die ich aufgewachsen bin an einer nördlichen Küste der Ostsee, wo anders. Wer ganz oben auf dem Fischland gestanden hat, kennt die Farbe des Boddens und die Farbe des Meeres, beide jeden Tag sich nicht gleich und untereinander nicht.“

Es ist das letzte Mal, dass Gesine Cresspahl nach Fischland reist.

 

„Das Fischland ist das schönste Land in der Welt“, Ostseeküste bei Ahrenshoop


„Die einzige Frau in der Bank“ (1. Juli 1968)

Und die Gesine der New Yorker Gegenwart? Die sitzt kerzengerade im bankeigenen Restaurant am Tisch ihres Chefs, bestellt von ihm höchstselbst, denn er will sein Führungspersonal an die Gegenwart einer Frau gewöhnen, an ihr „Mitsprechen“. Sein Trainingsobjekt jedoch, die wünscht sich nur weg, weil sie sein Manöver durchschaut. Wenigstens ist sie gut genug angezogen, ihr beruflicher Aufstieg hat neue Garderobe erforderlich gemacht. Richtig angezogen ist sie zumindest so lange, bis ihr Chef am Kleid „von unserer Mrs. Cresspahl hier“ den globalen Handel erklären will. Die aber „wird sich nicht hereindrängen lassen zu weiblichen Themen“ und redet lieber mit einem anderen Kollegen über Verkehrsinfrastrukturen.

Im obersten Stockwerk der Bank ist das Restaurant für die Führungselite, in dem Gesine Cresspahl mit durchgedrückter Wirbelsäule sitzt, City Bank-Farmers Trust Building (erbaut 1930/31), Manhattan 1964

Mit de Rosny kann sie keinen Konflikt über die Situation austragen, weil sie dank dem amerikanischen Prinzip „hire and fire“ vollkommen abhängig ist von ihm. Zwei Monate die Miete, ein halbes Jahr die Schule ihrer Tochter – größere Rücklagen hat die erst kürzlich Aufgestiegene nicht. Sie ist jetzt mehr denn je abhängig von den Launen de Rosnys, und das macht sie genauso ängstlich wie wütend. In ihrem Büro sprechen sie über die Aufgaben in Prag, einen Auftrag, den sie auszuführen verspricht. Auf dem Weg nach Hause kommt die Erkenntnis: „Es ist nicht Angst, es fühlt sich übler an: wie Abschied von New York.“


2 Lesermeinungen

  1. Die Woche mit Frau Cresspahl
    Bin sehr erstaunt, dass Sie eine der schönsten Textstellen („Das Fischland ist das schönste Land… „) falsch zitieren. Zwei Wörter fehlen in der Abschrift. Man sollte das nicht für möglich halten.

    • streng
      …sie sind aber streng! ihren Kommentar sollte man nicht für möglich halten!
      ich erfreue mich weiterhin sehr an diesem blog von frau förster, mit oder ohne auslassungen!
      herzlich
      UH

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