Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

51. Lesung: Doppelte Witwe

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Anfang August 1968 kommt Dietrich Erichson, dessen wiederholten Heiratsantrag Gesine Cresspahl endlich angenommen hatte, auf einem Flugplatz bei Helsinki ums Leben. Wie schon bei Jakob Abs ist sie, die „doppelte Witwe“, bei der Beerdigung ihres Partners nicht dabei. Anita Gantlik vertritt sie in Finnland und unterstützt sie auch dabei, vor ihrer Abreise nach Prag Marie nicht über den Tod Erichsons zu informieren. An der Gneezer Fritz-Reuter-Oberschule zeugen Prozesse gegen Schüler in der einundfünfzigsten Wochenlektüre vom Sozialismus ohne menschliches Antlitz.

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Darum geht es in diesem Blog

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Flugblattprozess (4. August 1968)

Im Oktober 1950 findet in der Aula der Fritz-Reuter-Oberschule der Prozess wegen der Flugblattaktion zu Pfingsten statt. Angeklagt sind die ehemaligen Schüler Sieboldt und Gollantz, die im Sommer ihr Abitur abgelegt haben. Der neue Schulleiter Edgar Kramitz lässt im Schulsekretariat Listen auslegen, in die sich alle eintragen können, die dem Prozess beiwohnen möchten. Da Bettina Selbich auf das Tragen des blauen FDJ-Hemdes besteht, „war der Saal schließlich besetzt von wenigen Schülern, viel ortsfremden Aufpassern“. Die beiden Inhaftierten werden im „Panzerwagen aus Rostock“ herbeigekarrt:

„Sieboldt und Gollantz zeigten uns aufrechte, geradezu steife Rücken, einen absichtlich lässigen Gang, während sie auf das Podium geleitet wurden und Platz nahmen zwischen vier Wachtmeistern. Zwei Jungen im Alter von Neunzehn und Zwanzig, verkleidet in den Sonntagsanzügen ihrer verstorbenen Väter.“

Beim Deutschlandtreffen der FDJ, im Mai 1950 in Ost-Berlin, sollen Gollantz und Siebold „verschwörerische Besuche in Westberlin“ getätigt haben.

Die Anklage lautet auf „private und verschwörerische Besuche in Westberlin“, der Verteidiger ist selbst in der SED; obwohl beide geständig sind, gilt die „Verächtlichmachung des Weltfriedens“ noch als strafverschärfend. Davon zeigen sich die beiden wenig beeindruckt, auch lassen sie keinen Keil zwischen sich treiben und Gollantz verweigert, sich „als verführt [zu] bekennen durch Sieboldt“, er besteht „auf seinem eigenen Kopf“ und der gleichen Strafe wie der Freund. Ihr Verhalten enthüllt die Farce des Verfahrens, in dem der Schulleiter sie bezichtigt, sich das Abitur erschlichen zu haben.

„Die Angeklagten wurden wiederholentlich beauftragt, sich bußfertiger zu geben. Denn wenn sie angebrüllt wurden, bedroht, beschimpft, gaben sie sich zufrieden. Als wären sie doch enttäuscht gewesen, hätte das gefehlt. Als hätten sie das erwartet.“

Flugblattaktion der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, März 1952

Verurteilt werden beide zu fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeit, allerdings werden sie im Zuge der Verhandlungen Adenauers um die Auslieferung von Kriegsgefangenen und Zivilinternierten nach fünf Jahren, also 1955 aus der Haft entlassen. Nach dem Jurastudium in Bonn und Heidelberg werden beide 1962 im Auswärtigen Amt tätig. Marie kommentiert trocken: „So haben die Sowjets den Westdeutschen zwei Staatsbeamte erzogen.“

Vorlage war der Prozess gegen acht Schüler der John-Brinckmann-Schule in Güstrow, die zu hohen Haftstrafen verurteilt wurden. Sie hatten beim Pfingstreffen der FDJ in Berlin Kontakte zur Westberliner „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ geknüpft und daraufhin deren Flugblätter in Güstrow verteilt, auf denen hinter Stacheldraht marschierende FDJler im Blauhemd zu sehen waren, das Bild war mit der Frage »Quo vadis?« versehen.

 

„Sie sind die Erbin von Herrn Erichson, Frau Cresspahl“ (6.-8. August 1968)

Der Tageseintrag vom sechsten August 1968 hat Nummern, um durch ihn „in einem Zug zu kommen“. Unter römisch Fünf macht Gesine Cresspahl beim Anwalt D. E.s einen Zusatz in ihrem Testament. Die Vormundschaft überträgt sie nun doch nicht Mrs. Blumenroth, sondern ihrer Vertrauten Anita Gantlik und Erichson, der Marie viermal jährlich in Berlin-Friedenau besuchen soll „und nachsehen, ob es dem Kinde bekömmlich ergeht.“

Unter römisch Sechs offenbart ihr Rechtsanwalt Josephberg die „schlimmste Nachricht seit dem Ableben ihres Herrn Vaters“:

„– Laut letztwilliger Verfügung von Herrn Dr. Dietrich Erichson ist Ihnen als erster Person Mitteilung zu machen für den Fall, daß er sterben sollte.
– Er ist tot.
– Verstorben bei einem Absturz in der Nähe des Platzes Vantaa in Finnland. Samstag. Acht Uhr morgens.
– Was war das für eine Maschine.
– Eine Cessna.
– Für die hatte er einen Flugschein! […] Bei so etwas verbrennt man.
– Ja. Nach einem medizinischen Gutachten kann Herr Erichson noch fünf Minuten nach dem Aufprall gelebt haben. Ohne sich seiner Lage bewusst zu sein. […]
– Warum erfahre ich das erst heute.
– Weil die amerikanische Untersuchungskommission von Washington nach Helsinki fliegen mußte.
– Zehn Stunden!
Weil es den Herren beliebt hat den Todesfall erst heute frei zu geben.“

Gesine lehnt es ab, das Erbe Dietrich Erichsons anzutreten, Josephbergs Sekretärin begleitet sie zurück ins Büro, „der einzige Ort in New York zum Alleinsein“. Dort ziehen Pläne für die Zukunft wie vergangenes Erleben zugleich an Gesine Cresspahls Augen vorbei. Er war ihr ein Gegenüber, er hat Vorkehrungen getroffen, für Marie und sie, genauso wie für seine Mutter, für alle in seiner Familie. „Die Variationen für den Schüler Goldberg am Abend des Sonnabend, das war schon die Totenmusik für D. E.“.

Anita ruft an, will nach Helsinki fliegen, auch wenn es „keine Überreste“ gibt. Sie verspricht auch nach Prag zu kommen, fragt nach Marie. Die wird nicht mehr mitkommen nach Prag, wenn sie von D. E.s Tod erfährt. Von dem liegt zuhause ein Luftpostbrief mit der Bitte, den Mitschnitt eines Jazzkonzerts nicht zu vergessen.

„Wenn man sich schminkt bis zur Ankunft von Marie und dann mit dem Blick aus dem Fenster sitzen bleibt; vielleicht läßt es sich überstehen.“

„Es ist gelungen, Marie zu betrügen“, in der Bank wird Gesine Cresspahl für zwei Wochen in den Urlaub geschickt, der Brief D. E.s enthält Empfehlungen für Prag, auch hier hat er Vorkehrungen getroffen. Anita fürchtet um das Leben ihrer Freundin, doch die beteuert am Telefon, es „anders als meine Mutter“ zu machen, Maries wegen. Am nächsten Tag reist sie zu Frau Erichson nach New Jersey, denn sie muss eine „Todesnachricht überbringen“. Mrs. Erichson läßt sich

„in einem Sessel sicher unterbringen, damit sie vor Sturz gesichert ist in dem Moment der Neuigkeit, daß ihr einziger Sohn, die Mitte und der Stolz ihres alten Lebens, angeblich und nach Hörensagen in Nordosteuropa zu Tode gekommen ist […]. Sie sitzt wie bereit für eine Hinrichtung. Es folgt der Schlag, das Knicken im Nacken, das Absacken des Körpers, der ihn verkleinert.
– Glöwst du dat, Gesine?
– Ick sall. Ick möt.
– Verbrennt un inbuddelt und nun nicks mihr?
– Hei wullt dat so.“

Frau Erichson bittet Gesine, nach Prag doch mit Marie zu ihr zu ziehen, denn sie will nicht nach New York, das sei zu weit weg von ihrem Sohn. Nach Gesines Abschied – sie muss zurück zu Marie – erfahren wir von ihr nichts weiteres.

Marie aber erfährt nichts von D. E.s Tod, denn Anita Gantliks Telegramme aus Helsinki täuschen einen Unfall vor, von dem sich der Verletzte in Finnland erholen muss.

 

Rückkehr nach Jerichow (9. August 1968)

Zu Himmelfahrt 1968 reist Anita Gantlik nach Jerichow

„und betrachtete vom Zugfenster ernsthaft die seit 1964 nachgewachsenen Steine in der niedrigen Saat, manche größer als Kindsköpfe, Brassköppe. Sie dachte an die Vorzeiten, da waren die Tagelöhner mit dem Eimer sammeln gegangen, die Bauern noch ärger hinterher. Die Gutsbesitzer hatten beachtet, daß ein steinarmer Acker die Maschinen bewahrt vor Bruch. Offenbar war für die Bereinigung der Endmoräne kein Platz in den Arbeitseinheiten der ElPeGees. Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft.“

Die scheinen das Gegenteil der erfolgreichen, aber Anfang der 1950er Jahre zerschlagenen Kollektivwirtschaft auf dem Hof Johnny Schlegels zu sein. Wie andere auf das Individuum gerichtete Versuche der Umsetzung von Sozialismus im Roman wird auch dieser in der Staatswerdung zunichte gemacht. Stattdessen liegen nun Steine auf den Äckern, die nicht nur Maschinen abnutzen, sondern die Bewirtschaftung schwierig machen und den Ertrag schmälern.

Zum ersten Mal seit der Beerdigung von Pius Pagenkopf, der 1964 als Testflieger für die sowjetische Luftwaffe ums Leben gekommen ist, kehrt Anita Gantlik zurück, einen Bahnbetrieb von Gneez nach Jerichow gibt es nun nicht mehr, sie fährt mit einem Taxi. Nach den Steinen gefragt sagt der Fahrer: „denn stellen wir ebn den Mähdrescher aufn halben Meter“.

„denn stellen wir ebn den Mähdrescher aufn halben Meter“, Agrotechniker-Plakat aus der DDR, vermutlich 1960er Jahre.

In Jerichow am Bahnhof angekommen, geht es durch die „Stadt-, die Ad. Hitler-, die Stalin-, die Straße des Friedens“, vorbei an sehr unterschiedlich erhaltenen Gebäuden, die mit nach Westen ausgerichteten Fernsehantennen ausgestattet sind. Anita trifft keine Bekannten, Aggie Brüshaver wurde 1960 ein zweites Mal des Pastorats verwiesen und lebt nun in Gneez, nur eine namenlos bleibende ältere Frau grüßt sie, sie schwatzt mit älteren Leuten über den Gartenzaun.

Für Gesine erstattet sie Bericht, über die Gräber: das des Vaters, „Bepflanzung, als müßte der Etat einer Gemeinde dafür herhalten“, das der Mutter, dessen gusseisernes Kreuz verdirbt, das Jakobs. Dessen „Tafel steht da wie ein Preisschild; der Rosenstock 1964 ist gesund angewachsen“. Daneben die Grabstelle Gesine Cresspahls. Im „Haus am Ziegeleiweg“ befindet sich inzwischen der „Veteranenclub der Volkssouveränität“, zudem soll ein Kindergarten eingerichtet werden.

„Gesine, kein Mensch würde dich kennen in Jerichow.“

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Literatur:

Oberschüler-Protest in Güstrow“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung September 2017.

Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., letzte Änderung März 2017.

Holger Helbig, Klaus Kokol, Irmgard Müller, Dietrich Spaeth, Ulrich Fries (Hrsg.), Johnsons Jahrestage. Der Kommentar, Göttingen 1999. Aktualisierte Fassung.

Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und digital neu herausgegeben von Anke-Marie Lohmeier 2012.


1 Lesermeinung

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    Haben Sie vielen Dank, liebe Frau Förster.
    Ich lese diesen Blog so gerne und müsste eigentlich jedesmal lange Kommentare schreiben, warum er mir so gut gefällt! Aber während für das Lesen Zeit bleibt, fehlt sie für’s Schreiben!

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