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Versuch über den Selbstbetrug: Joghurt, Hamburger und Inflation

| 63 Lesermeinungen

Worin die Autorin sich befleyssigt, den hochverehrten Leser über die Fehlbarkeit seiner Urtheile zu belehren, so er Viktualien und andere Nothwendigkeiten erwerbet.

Worin die Autorin sich befleyssigt, den hochverehrten Leser über die Fehlbarkeit seiner Urtheile zu belehren, so er Viktualien und andere Nothwendigkeiten erwerbet.

 

Ich liebe Supermärkte. Ich schlendere gerne die Regale entlang, bewundere die Vielfalt der Waren, die unendliche Auswahl für jedes Produkt, stelle mir vor, was ich aus all den Köstlichkeiten kochen könnte. Wenn ich im Ausland unterwegs bin, suche ich immer schleunigst den nächsten großen Supermarkt auf und fühle mich ein bißchen wie Alice im Wunderland ob der Unterschiede. Wie anders die Produkte sind, die Anordnung der Waren, das Aussehen der Gänge! Wieviel man über ein Land und seine Bewohner lernen kann, wenn man nur mit aufmerksamen Augen durch die Konsumtempel der kleinen Alltagsdinge wandert. Flüssig-Ei in Flaschen zum Beispiel sind mir bislang nur in den USA begegnet. Andere Produkte hingegen findet man dort nur mit Mühe, Joghurt mit normalem Fettanteil zum Beispiel. Dafür mußte ich immer mit der U-Bahn zum Wholefoods pilgern – in meinem teilgentrifizierten Stadtteil-Groß-Megamarkt gab es unendliche Vielfalt an zuckerreduzierten oder fettreduzierten oder Sonstwie-reduzierten Joghurts, aber keine normalen. In anderen Ländern wiederum – etwas ferner der Zivilisation, oder dem, was sich so gemeinhin als Zivilisation betrachtet – gibt es zwar durchaus vernünftigen Joghurt, allerdings zum Preis einer Flasche Champagner in Deutschland. Solcherart meiner Frühstücksgrundlage (Joghurt mit Müsli) beraubt, mußte ich auf flüssigen Trinkjoghurt aus lokaler Produktion ausweichen. Der nämlich war gerade noch zähflüssig genug und dabei bezahlbar. Ich kann also zwar über Joghurtpreise in diversen Ländern Auskunft erteilen, muß aber gestehen: ob mein Joghurt in Deutschland 2 Cent teurer geworden ist, könnte ich nicht sagen. Muß ich auch nicht, dafür gibt es ja das Bundesamt für Statistik.

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Die vielen Chefstatistiker der Nation zeichnen natürlich nicht nur für den berüchtigten Verbraucherpreisindex verantwortlich, sie verwalten in ihrem Computern und Speichern auch Milliarden Datensätze zur Konjunktur, zu den Auswirkungen der Wirtschaftspolitik, der Haushalte und Lebensgewohnheiten und auch der Bevölkerung. Ins Blickfeld geraten die Datenhüter jedoch vor allem in der Debatte um die nächste Volkszählung – dies aufgrund ihres enormen Datenhungers – und der Inflationsmessung. Für letztere werden monatlich Preisdaten für ausgewählte Güter in repräsentativen Orten und Regionen gesammelt, und diese wiederum werden basierend auf einer Umfrage bei gleichermaßen repräsentativen Haushalten zu einem deutschen Durchschnittswarenkorb gesammelt und gewichtet – natürlich mit mathematischen Methoden. Besonders interessant ist hier das kleine Wörtchen „repräsentativ“. Die zu befragenden Haushalte werden im Vorfeld in Gruppen eingeteilt, die der Verteilung aller deutschen Haushalte – zum Beispiel nach Einkommensklassen – entsprechen, aber die Teilnahme ist freiwillig. Mit dem Ergebnis, daß sehr einkommensstarke Haushalte von mehr als 18.000 Euro im Monat unterrepräsentiert sind, weil diese Gruppe wenig auskunftsfreudig ist. Auch stellen 11 % der befragten Haushalte fest, daß ihnen die Belastung, drei Monate lang ein Haushaltsbuch zu führen zu aufwendig ist, und beenden ihre Teilnahme vorzeitig. Nach Abzug aller unverwertbaren Observationen und Problemfälle bleiben etwa 50.000 auswertbare Haushalte. Das ist ohne Zweifel eine vernünftige statistische Grundlage, aber wie immer steckt der Teufel im Detail, oder besser: der Methode. Reparaturen an Möbeln, Einrichtungsgegenständen und Bodenbelägen ist vertreten durch eine einzige Kategorie: Abschleifen und Versiegeln von Parkettfußböden. Nun wäre es interessant zu wissen, wieviel Prozent der deutschen Haushalte auf Echtholz residieren, aber bei einem Gewicht von 1,23 Promille kann man die Position vielleicht auch vernachlässigen. Die Position Bekleidungsartikel hingegen mit dem Gewicht von 37,10 Promille enthält ganze 50 Artikel, von der Unterhose bis zum Herrenanzug – mehr Details habe ich nicht gefunden. Ich zumindest kann aber mitteilen, daß ich deutlich öfter Unterwäsche als Anzüge kaufe – ob und wie das berücksichtig ist, bleibt unklar, das macht der schwarze Kasten mit seiner Software.

Eigentlich gehen die Schwierigkeiten aber damit gerade erst los: das Spitzenhöschen von Victoria’s Secret ist ja nicht zu vergleichen mit Feinripp aus dem Discounter, ebensowenig wie schottischer Wildlachs mit industriell gezüchteten Fischstäbchen Pressfleisch. Ganz schlimm wird es für die Statistiker, wenn Produkte aus dem Markt verschwinden oder sich gravierend verändern – man nehme nur Autos oder Computer. Lösungen dafür – natürlich mathematischer Natur – gibt es immerhin noch, kurzfristig gar nicht beobachtbar sind hingegen Substitutionen im Warenkorb – wenn die finanziell eingeschränkte Studentin zum Beispiel statt teurem Joghurt auf billigen Trinkjoghurt ausweicht.

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Angesichts all dieser Schwierigkeiten kann man trotz berechtigter Kritik dem Statistischen Bundesamt doch immerhin bescheinigen, daß es sich bei einer geradezu herkulischen Aufgabe redlich bemüht. Wenn sich die Mehrzahl der Bundesbürger von den Vorgängen der Black Box der Computerberechnung verschaukelt fühlt und eine deutlich höhere Inflation wahrnimmt, so liegt das wenigstens zum Teil daran, daß das Bundesamt eben niemandes individuelle Inflation berechnet, sondern Durchschnitt auf Durchschnitt und Stichprobe auf Stichprobe häuft, um einen Mittelwert über die gesamte Bevölkerung zu finden. Folglich aber naturgemäß keiner einzelnen Gruppe gerecht wird. Bevölkerungsgruppen mit geringem Einkommen geben zum Beispiel einen deutlich höheren Anteil ihres Budgets für Grundbedürfnisse aus – Miete, Heizung, Grundnahrungsmittel und – honi soit qui mal y pense – möglicherweise auch Unterhaltungselektronik. Würde man nur die Grundbedarfsgüter in einem individuellen Preisindex ermitteln, läge die Inflation für solche Haushalte deutlich über dem des Verbraucherpreisindex: für 2005-2007 etwa mehr als 6 % statt der offiziellen knapp 4 %.

Überhaupt kann man sich fragen, ob ein Gewicht von knapp 14 % für Lebensmittel, Alkohol und Tabakwaren angemessen ist, zumal unter Berücksichtigung verschiedener Lebensgewohnheiten. Für den geschätzten Kollegen Don Alphonso zum Beispiel müßte eine eigene Kategorie Fahrräder und Antiquitäten eingerichtet werden, und für andere Kollegen aus der Internetwelt wäre Chickendöner unentbehrlich für die korrekte Erfassung. Es ist also tatsächlich nicht leicht für die Statistiker, es allen recht zu machen. Dazu kommt noch die Unberechenbarkeit des Menschen, der leider wirklich nicht dem Idealbild des rationalen Homo Oeconomicus entspricht – auch wenn die Volkswirtchaft von diesem Konzept nicht so recht lassen möchte. Preise werden nämlich nicht rational bewertet, sondern kontextabhängig gefühlt.

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Wer für einen Wochenendetrip nach London fährt, erwartet happige Preise und wäre sicher überrascht und erfreut, dort ein Dinner für unter 20 Euro zu finden. Wer hingegen nach Djerba zum All-inclusive Urlaub reist, würde sich schön bedanken, dort 20 Euro fürs Abendessen bezahlen zu müssen. Die subjektive Wahrnehmung hängt also erstens von der Erwartung ab. Zweitens tun den meisten Menschen Verluste mehr weh als Gewinne. Eine Steuererstattung erfreut uns einen Abend lang – eine Steuernachzahlung in gleicher Höhe kann einem die ganze Woche verderben.

Der größten Selbsttäuschung jedoch geben wir uns hin, wenn seltene deutliche Preisminderungen nicht sauber mit häufig erlebten kleinen Preissteigerungen verrechnet werden. Elektronikgeräte zum Beispiel werden dauernd billiger, aber beim Computerkauf alle vier Jahre passiert das unser Bewußtsein ohne große Reflektion. Die täglich steigenden Nachkommastellen bei Brot, Gemüse und Benzin jedoch setzen sich im Kopf fest, jeder nimmt sie täglich wahr, redet drüber und versteht die Welt und die Statistik nicht mehr. Ein kluger Kopf hat basierend auf der Hypothese des irrationalen Individuums einen „Index der wahrgenommenen Inflation“ berechnet, der diese Preissteigerungen angemessen berücksichtigt – aber eben unter völlig anderen Annahmen und Voraussetzungen, die die Zahl für den internationalen Vergleich unbrauchbar machen.

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Korrekterweise sollte man vielleicht den Verbraucherpreisindex nicht als alleinseligmachende Wahrheit betrachten, sondern als statistische Maßzahl ohne Bedeutung für den Einzelnen, dafür aber mit Bedeutung im internationalen Wirtschaftsverkehr. Der wiederum kämpft mit noch viel größeren Problemen, da der hochverarbeitete Kunstjoghurt in den USA kaum noch mit dem deutschen Naturjoghurt vergleichbar ist, und der durchschnittliche Afrikaner ohnehin keinen Joghurt aus industrieller Produktion kaufen kann. In die internationale Vergleichbarkeit schlagen Wechselkurse, Kaufkraftparitäten und unterschiedliche Konsumverhalten eine riesige Bresche, der Statistiker nur mit Mühe beikommen können. Der Economist hat für dieses Problem eine spaßige Lösung gefunden, und zieht seit einigen Jahren den Preis eine Hamburgers bei McDonald’s zum Vergleich heran. Den nämlich gibt es in 140 von etwa 190 Ländern weltweit und zwar in mehr oder minder identischer Zusammensetzung. Theoretisch – bei korrekt bewerteten Währungen – sollte er folglich überall zu jeder Zeit gleichviel kosten – tut er aber natürlich nicht. Fast-Food Junkies in Norwegen zum Beispiel könnten sich mit regelmäßigem Konsum bei Preisen von mehr als 6 USD glatt pleite futtern und sollten den Burgernomics zufolge lieber nach Paraguay oder Malaysia auswandern – dort bekämen sie ihr Leibgericht für unter 2 USD. Und ich, in der Schweiz, kann mir selbst im Supermarkt eigentlich nur Window-Shopping leisten, aber ein Big Mac wäre geradezu ruinös.

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63 Lesermeinungen

  1. "Sechs Mack für e Tass Kaffee...
    „Sechs Mack für e Tass Kaffee – des hätt mer früher net emal für en Kännsche hingeleescht.“ (Zitat eines vor 1950 geborenen Hessen bei seinem ersten Besuch einer US-amerikanischen Kaffeepanscherei-Kette im Jahr 2005.)

  2. Hallo SAAI, der BigMac-Index...
    Hallo SAAI, der BigMac-Index ist keinesfalls spaßig, er dient auch nicht der Inflationsmessung, sondern soll helfen, Währungskurse miteinander zu vergleichen und Kursänderungen zu prognostizieren (und damit natürlich unmäßig viel Geld zu verdienen). Seine Aussagekraft halte ich für mindestens ebenso gut wie die irgendwelcher Meinungen irgendwelcher ‚analysts‘.
    Viele Grüße K

  3. <p>Liebe muscat, ja, früher,...
    Liebe muscat, ja, früher, als das Eis noch 10 Pfennig kostete und eine Semmel nur fünf. Aber auch: früher, als ein Computer noch Tausende von DM kostete, etliche…
    .
    Werter Kalchas, in Zeitreihen könnte man damit durchaus auch Inflation verfolgen, aber natürlich wird er vom Economist vor allem zur Wechselkursanalyse verwendet- und ist dabei von berückender Deutlichkeit. Das Konzept hingegen finde ich schon deutlich unterhaltsamer, als zum Beispiel Laspeyres oder PPP.

  4. Werte Sophia,
    Nach den...

    Werte Sophia,
    Nach den Ansprüchen und Erwartungen an Statistik – möchte man kein Statistiker
    sein.
    Nur für den Wirtschafts-und Wissenschaftsbetrieb gibt es wohl Schlimmeres als
    irrelevante Daten – keine Daten.

  5. Liebe Minna, es lägen...
    Liebe Minna, es lägen großartige Promotionsthemen auf der Straße, allein – es fehlen die Daten und das ist ein Jammer. Noch schlimmer aber ist es, monatelang Daten zu bearbeiten und dann festzustellen: das Ergebnis passt nicht, die Hypothese ist falsch.

  6. Liebe Sophia, das mit dem...
    Liebe Sophia, das mit dem Computer war jetzt natürlich eine Steilvorlage. Möchten Sie verwandeln? (Stichwort: hedonischer Preisindex – wieder so eine Beschissmethode, erfunden von den US of A.)

  7. Werte Sophia,
    verzeihen Sie,...

    Werte Sophia,
    verzeihen Sie, hier frägt ein Laie, ist es nicht möglich den Daten die Hypothese
    abzuhören?

  8. Liebe muscat, ich habe mir die...
    Liebe muscat, ich habe mir die hedonischen Indizes nicht genauer angeguckt, um solche Regressionsmethoden im Detail zu analysieren braucht man Zeit und genaue Informationen. Die Idee finde ich ganz ansprechend und theoretisch sinnvoll… aber auf die Umsetzung kommt es an, und da sind wieder – Überraschung! – viele schwarze Kästen.
    .
    Werte minna, idealerweise hat man als Wissenschaftler eine Hypothese, und die bestätigt sich in den Daten, nachdem man die Hypothese theoretisch fundiert aufgestellt hat. Andersrum gilt als schlechter Stil, das ist dann eher Data Mining, oder auch „ich regressiere mal ein bißchen rum, irgendein Ergebnis wird sich schon finden“.
    Dumm ist nun, wenn man eine schöne Hypothese erarbeitet hat, monatelang Datensätze aufbereitet und dann kommt es nicht zur Verifikation. Das ist dann allenfalls ein schöner Erkenntnisgewinn für den Wissenschaftler, publizierbar ist es jedoch in aller Regel nicht. Auch wenn sich natürlich Karl Popper dabei die Haare sträuben würden.

  9. Ein Artikel über...
    Ein Artikel über Inflationsmessung und kein Hinweis auf http://www.shadowstats.com?
    Soll hiermit nachgeholt sein.
    Ansonsten gibt es neben der offiziellen Inflation für Verbraucher auch noch ein paar Inflationszahlen, mit denen z.B. das BIP errechnet wird (die Steigerung wird ja immer netto angegeben) und das manchmal deutlicher von den gewichteten Zahlen der Verbraucherinflation abweicht. Habe vor langer Zeit mal was dazu verbloggt:
    http://egghat.blogspot.com/2007/05/inflation-welche-zahl-nehmen.html
    (Der Eintrag könnte aber mal eine Aktualisierung gut vertragen)

  10. Sophia, vielleicht bin da doch...
    Sophia, vielleicht bin da doch zu einfältig. Ich hoffte es gäbe eine anerkannte
    Methode dies zu ermöglichen.
    Was mir nicht gefällt, ist das ständige Rufen nach mehr, neuen, brauchbareren
    Daten.
    Kurz, ich vermisse den ´Respekt´vor den Daten.
    .
    Wenn die Daten nicht brauchbar sind, muß es ja nicht immer an den Daten liegen.
    Sie werden schließlich unter bekannten Bedingungen und einem bekannten Zusammenhang erhoben.

  11. Lieber egghat, vielen Dank,...
    Lieber egghat, vielen Dank, kannte ich noch nicht. Wobei ich tatsächlich hätte erwähnen sollen, daß natürlich die Änderngen in den Berechnungsgrundlagen (Annahmen, Zusammensetzung des „repräsentativen“ Warenkorbs und Haushalts, etc.) maßgeblich das Ergebnis beeinflussen. Es gibt einfach zuviele Stellschrauben, wenn man erst mal der Mathematik auf die Finger schaut und das relativiert den Informationsgehalt unter Umständen ganz gewaltig.
    .
    Liebe minna, irgendwann werde ich mal über wissenschaftliches Arbeiten berichten. Tatsache ist jedenfalls, daß man Daten aufwendig vorbereiten muß, bevor sie analysiert werden können und erst danach kennt man das Ergebnis. Das mit den bekannten Bedingungen hingegen ist so eine Sache. Bezogen auf die Inflation: wer weiß schon, wie sorgfältig die Haushalte ihre Bücher führen und wie ehrlich die Befragten sind? Das ist eine Black Box für sich.

  12. ...in einem kann ich folgen....
    …in einem kann ich folgen. Gehäuftes Auftreten von schwarzen Kästen sollte
    stutzig machen.

  13. Im Ubrigen bin ich gespannt...
    Im Ubrigen bin ich gespannt auf das US-Ergebnis der stattfindenten Volkszählung.
    Nicht was die absolute Bevölkerungszahl angeht, die scheint wie bei uns schon vorher festzustehen. Mich interessieren die Schwerpunkte, die man gesetzt hat
    und wie diese aufgenommen werden.

  14. Ich dachte, das sei gerade in...
    Ich dachte, das sei gerade in den USA eher unsicher, weil es dort keine Registrierungspflicht gibt? Nur die leidige Social Security Number?

  15. Ich erlaube mir, was sonst nur...
    Ich erlaube mir, was sonst nur Bev.- Statistikern vorbehalten ist – eine simple Fortschreibung der Vergangenheit.;-)
    Sie war bisher überraschungsfrei, sie wird es bleiben.

  16. Geschätzte Sophia!
    Ich hoffe,...

    Geschätzte Sophia!
    Ich hoffe, ich nerve nicht allzusehr, aber ich muß nochmal auf minnas Thema, den Daten die Hypothese abzuhören, zurückkommen. Das Thema interessiert mich als Laien sehr. Bekanntermaßen bin ich mehr vom Nutzen als vom Nachteil der Historie für das Leben überzeugt. Also gehören historische Statistiken zu meinen absonderlichen Hobbies. Um ein paar Bezugspunkte zu geben: Le Roy Ladurie, Wilhelm Abel, Hans-Ulrich Wehler, Jürgen Kuczynski. Gerade die Lohn-/Preisstatistiken sind für historische Analysen äußerst ergiebig. Sofern man sich mit europäischer Geschichte befaßt, ist der Getreidepreisindex unverzichtbar. Nun fehlen mir in der Tat als Laie die methodologischen Grundlagen, was ich im übrigen sehr bedaure. Mir scheint es aber durchaus so, daß die Historiker nach der minna-Methode vorgehen: nämlich den (freilich oft lückenhaften) Daten den Verlauf der historischen Prozesse abhören. Ist das nur der Widerspruch zwischen historischer und aktueller Statistik oder ist das ein prinzipieller methodischer Gegensatz? Sind die Randbedingungen gesetzt, liefern die Daten Falsifikation oder Verifikation der Hypothese, was auf jeden Fall doch ein Ergebnis ist, oder? Im übrigen kann ich Ihr Mißtrauen gegenüber der Datenerhebung nachvollziehen. Ich habe dienstlich jeden Monat dem Statistischen Bundesamt eine Erzeugerpreismeldung zu machen. Das ist keine große Sache, es gibt auch keinen Grund zu schwindeln. Die Daten sind durchaus korrekt. Aber! Es gibt da einen Preis, der mir Kopfzerbrechen macht. Das Produkt gibt es noch, aber die Technologie ist eigentlich obsolet, so daß es kaum noch nachgefragt wird. Der Preis ist deshalb natürlich stabil. Er schläft wie Dornröschen. Falsch ist er nicht, es gibt ihn auch noch, aber er wird praktisch nicht mehr verwendet. Es ist nur so, daß die Statistiker beim Bundesamt den Preis als absolute Größe nehmen und nicht über die verkauften Mengen gewichten. Sehr merkwürdig. Ob der Erzeugerpreisindex dann richtig ist?

  17. @Sophia Amalie Antoinette...
    @Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia
    Sehr schöner Artikel. Der VPI wird ja deswegen auch alle paar Jahre nachjustiert….
    mit neuem Namen versehen und umgeräumt… und dann kann man ihn z.B. zur Anpassung der betrieblichen Altersversorgung verwenden (§16 BetrAVG)

  18. Werter Savall, die...
    Werter Savall, die Vorgehensweise mag auch vom Fachgebiet abhängen, aber es scheint mir doch einleuchtend, daß man erst eine Hypothese hat und dann nachprüft. Andersherum nämlich findet man natürlich fast immer irgendeine Erklärung für jedes Phänomen in den Daten. Hat man jedoch zuerst die Hypothese, steht man erst mal sicher auf dem Fundament der etablierten Literatur und Theorie und geht systematisch und wissenschaftlich vor.
    Gerade wenn ich mit statistischen Daten arbeite, ist meine Hypothese ja in Zahlen sehr konkret fixiert – nur weil die Hypothese sich nicht bestätigt, ist sie doch nicht falsifiziert. Wollte ich falsifizieren, müßte ich meine Hypothese (auch in den Daten, Funktionen, Modellen) ändern und testen. Auch bekannt als „Argument from ignorance“ http://en.wikipedia.orgwiki/Argument_from_ignorance
    .
    Ihr Beispiel mit den Preisen im Dornröschenschlaf zeigt übrigens schön, warum die Diskussion hier viel spannender ist als der eigentliche Beitrag… vielen Dank dafür!

  19. Geschätzter BertholdIV, ich...
    Geschätzter BertholdIV, ich habe durchaus Mitleid mit den Statistikern, die solche Fragen – wie die Anpassung an aktuelle Umstände – zwischen Skylla und Charybdis lösen müssen. Aktualisieren sie Methoden und Modelle, wirft man ihnen mangelnde Vergleichbarkeit vor. Tun sie’s nicht, mangelnde Aktualität. Und in jedem Fall sind sie die Dummen, die das Volk vereimern wollen. Wirklich keine dankbare Rolle – auch wenn sicher manche Statistik im Dienste der politischen Strategie zurechtgezogen wird.

  20. Ja, der Blick auf die Daten!...
    Ja, der Blick auf die Daten! Bei einer Aufnahmeprüfung für ein College einer englischen Universität, ich weiß nicht mehr welcher von beiden, wurde den Bewerbern der Tatbestand vorgelegt, in einer bestimmten, klar begrenzten Gegend des Landes gebe es traditionell einen besonders hohen Anteil von Geisteskranken in der Bevölkerung, und was wohl der Grund sei? Die armen Prüflinge, die ihren Geist vorführen sollten, versuchten sich an allen möglichen Klimmzügen: Etwas im Wasser? Inzucht? Zuviel Religion? Zuwenig Religion? Die Ausländer?… Schließlich erläuterte hohnlachend der Don (nicht der, ein anderer), nein, nein, dort stehe nur eine Heilanstalt für Geisteskranke.

  21. Werte Sophia, jetzt ganz...
    Werte Sophia, jetzt ganz wissenschaftsfrei gefragt:
    Können Sie sich vorstellen, daß es Datenerhebungen geben kann mit hohem
    Anspruch an Genauigkeit und Aussagefähigkeit, die ähnliche Folgewirkungen
    haben wie die Volkszählung vor ca.2000 Jahren?
    Ich bedaure sehr, daß es darüber keine Unterlagen gibt. Erstaunlich bei diesem
    bürokratischen Aufwand.

  22. "wenn die finanziell...
    „wenn die finanziell eingeschränkte Studentin zum Beispiel statt teurem Joghurt auf billigen Trinkjoghurt ausweicht.“
    .
    Arme Studentin ! Man sollte die Steuern erhöhen, um mehr Bafög zu auszuschütten, zwecks Förderung des prebiotischen Binnenkonsums.
    Kein Wunder, daß die guten Joghurtbakterien linksdrehend sind.
    .
    Wie wär´s als Alternative mit einer Joghurtmaschine, spart Geld und Verpackungsmüll !
    .
    Und im Winter: Wollpullover. Aber das darf man nicht sagen.
    Autobahn auch nicht.
    .
    @savall: meine (bin ebenfalls Datenlieferant) feste Überzeugung ist, daß die Statistiker vieles in die Richtung modellieren, die von der Behördenleitung gewollt ist. Die begleitenden Pressemitteilungen sprechen so offen, daß von neutraler Statistik keine Rede sein kann. Es geht um Staatsraison, wie vor 1848.

  23. B.A.H., so kann's gehen, wenn...
    B.A.H., so kann’s gehen, wenn man sich die Realität um die Daten herum nicht vernünftig anschaut.
    .
    Minna, vermutlich nein. Datenerhebung ist heute eben kein singuläres Ereignis mehr, sondern sind uns langsam und schleichend so selbstverständlich geworden, daß wir uns eine Welt ohne gar nicht mehr vorstellen können.
    .
    staff.aureus, diese Studentin hat’s überlebt, obwohl die Qualität des Trinkjoghurts vermutlich eher fragwürdig war. Daten werden ganz sicher dauernd manipuliert – eben deswegen sollte man immer nach den Hintergründen, Voraussetzungen und Methoden fragen und selbst danach das Ergebnis mit Skepsis betrachten. Maßzahlen sind gut und bieten Erkenntnisse, aber eine alleinseligmachende Wahrheit ist damit nicht verfügbar. Niemals.

  24. hallo s.a.a.i.!
    mit was wäre...

    hallo s.a.a.i.!
    mit was wäre denn „eine alleinseligmachende Wahrheit“ machbar? da stellt sich die frage, weshalb dieses blog-thema überhaupt existiert, oder ist dies etwa hilfreiche aufklärung?
    letztlich wird es auch nicht hilfreich sein, die hintergründe, voraussetzungen und methoden zu hinterfragen, denn wenn das ergebnis „skepsis“ bedeutet, dann frage ich mich schon, was das ganze soll?
    niemals? ist mir auch zu ultimativ!

  25. wolf, mit empirischer...
    wolf, mit empirischer Wirtschaftsforschung läßt sich keine Wahrheit finden. Erkenntnisgewinn ja, Wahrheit nein. Auch wenn Wissenschaftler, Statistiker, Politiker (oder wem immer ein bestimmtes Ergebnis gerade ins Konzept passt) das manchmal suggerieren möchten: Skepsis schadet nie, denn solche Maßzahlen sind immer Schätzungen, weil sie auf Stichproben basieren und mit empirischen Schätzmethoden ermittelt wurden.

  26. hallo s.a.a.i.!
    und was mache...

    hallo s.a.a.i.!
    und was mache ich jetzt mit dieser antwort? wahrheit dürfte ja grundsätzlich nichts schlimmes sein!
    wer skepsis anwendet, lebt in unsicherheit. unsicher möchte ich nicht leben. was oder wem soll ich trauen?
    wenn das statistische bundesamt zahlen veröffentlicht, die ich mit skepsis betrachte, führt mich das doch letztendlich dahin, dass ich sie anzweifle und somit nicht glaube. worin liegt das interesse, zahlen zu veröffentlichen, die ich nicht glauben soll?
    ich habe ein problem, jetzt, hier und heute? was soll ich glauben, was soll ich anzweifeln? wem kann ich trauen und wem nicht?
    bin ich jetzt überfordert? klar bin ich überfordert!

  27. Werter wolf, mein Beileid zu...
    Werter wolf, mein Beileid zu Ihrer Überforderung und dem frommen Wunsch, in Sicherheit leben zu wollen. Ich kann ja nur für mich reden, aber ich ziehe Unsicherheit vor. Es steht jedem frei, Statistiken zu glauben – ich tue es nicht.

  28. werte s.a.a.i.!
    ziehen sie...

    werte s.a.a.i.!
    ziehen sie tatsächlich unsicherheit vor?
    unsicherheit ist für mich extrem negativ besetzt. ich nehme gerne ihr beileid an!
    unsicherheit bedeutet, nicht zu wissen was richtig oder falsch ist. unsicherheit bedeutet, nicht zu wissen ob ich morgen meinen job noch habe oder vielleicht nicht mehr.
    unsicherheit bedeutet nicht zu wissen, ob meine frau mich liebt oder nicht mehr. das könnte ich beliebig fortführen!
    ziehen sie unsicherheit nach dieser definition wirklich vor?

  29. ...sind uns langsam und...
    …sind uns langsam und schleichend so selbstverständlich geworden.
    Werte Sofia, das beunruhigt mich. So selbstverständlich, daß nicht nur der Zweck-
    Erkenntnisgewinn- sondern auch die Manipulation toleriert wird.
    Wobei mich nicht die aktuellen Statistiken beunruhigen, sondern die
    weit zurückliegenden, die „historischen“ .
    Wenn heute die Versuchung da ist aus tagespolitischen Motiven zu manipulieren
    wie ist das wohl zu Zeiten des´ Kalten Krieges´gelaufen – auf beiden Seiten?
    Zu einer Zeit in der diesen Statistiken kaum eine allgemeine Aufmerksamkeit
    zuteil wurde.
    Wie in einem anderen Blog bemerkt wurde: es waren Informationen, keine
    Nach-richten.

  30. Lieber Wolf, eine gesunde...
    Lieber Wolf, eine gesunde Skepsis ist gänzlich im Sinne der Aufklärung. Ich erlabe mir, zu zitieren: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“
    Raffinierte Daten ungefragt als Wahrheit zu akzeptieren öffnet der Manipulation Tür und Tor. Ein weiteres geflügeltest Wort in diesem Zusammenhang lautet: „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“
    Liebe Sophia, überaus betrübt bin ich über den folgenden Satz aus einer ihrer vorherigen Antworten.
    „Dumm ist nun, wenn man eine schöne Hypothese erarbeitet hat, monatelang Datensätze aufbereitet und dann kommt es nicht zur Verifikation. Das ist dann allenfalls ein schöner Erkenntnisgewinn für den Wissenschaftler, publizierbar ist es jedoch in aller Regel nicht. “
    Die leider weit verbreitete Ansicht, ein negatives Resultat beim Versuch, eine Hypothese zu überprüfen, eigne sich nicht zur Veröffentlichung, sehe ich persönlich überaus kritisch. Währen sie im besten Fall nur zu mehrfacher Arbeit führt, falls verschiedene forschende Geister in der gleichen Frage auf die gleiche Weise zum gleichen Ergebnis gelangen, führt sie im schlimmsten Fall zu einer Verzerrung der Wirklichkeit bis hin zur Manipulation von Daten und Ergebnissen.

  31. Na, wenn das nicht die...
    Na, wenn das nicht die Joghurtabteilung der Migros- Genossenschaft ist!

  32. "Andersrum gilt als schlechter...
    „Andersrum gilt als schlechter Stil, das ist dann eher Data Mining“
    Made my day ;-)

  33. Liebe Minna, darüber denkt...
    Liebe Minna, darüber denkt man besser nicht nach, das würde zu deprimierend.
    .
    Stroppe, für die erste Hälfte vielen Dank. Genau das meinte ich. Bezüglich der zweiten Aussage: ich stimme Ihnen zu, sehe aber den Wissenschaftsbetrieb durchaus pragmatisch – und da hat man es mit Negativergebnissen nun einmal schwer. Leider.
    .
    thessa, jawohl, gut erkannt.

  34. Lieber Schusch, was natürlich...
    Lieber Schusch, was natürlich niemanden daran hindert, es trotzdem so zu machen.

  35. Nochmal kurz zu den...
    Nochmal kurz zu den Volkszählungen in D und den US.
    Der deutsche Zensus wird auf einer Verknüpfung aller möglichen Register(die auch mit Vorsicht zu genießen sind) und einer 9% Bevölkerungsstichprobe basieren, auf die die Bevölkerung auch noch nicht wirklich vorbereitet wurde.
    Der US Zensus wird mittels Brief und persönlicher Befragung gewonnen, was natürlich ebenso fehlerbehaftet ist, aber das Census Bureau ist aufgrund seiner Erfahrungen wahrscheinlich das professionellste der Welt. Diese Einschätzung habe ich in Bezug auf Volkszählungen noch nicht vom Statistischem Bundesamt gehört.
    Deswegen wäre ich bei Vergleichen sehr zurückhaltend. Die Volkszählung wäre überhaupt mal ein Thema für Ihren Blog.

  36. "...das Census Bureau ist...
    „…das Census Bureau ist aufgrund seiner Erfahrungen wahrscheinlich das professionellste der Welt.“
    Eben, was immer das bedeutet. Deswegen kann auch jeder die Ergebnisse
    der Bevölkerungszählung vorhersagen.
    Jedes andere Ergebnis, als das anvisierte, wäre eine Katastrophe- für das Census Bureau.

  37. Lieber Saval,
    als...

    Lieber Saval,
    als Geschichtsstudent kann ich ihrer Vermutung, dass Hypothesen in der Geschichtswissenschaft aus den Daten heraus erstellt werden, im begrenzten Rahmen zustimmen. Die Geschichtswissenschaft hat andere Methoden und andere Zielsetzungen , daher sind in ihr auch andere Quellen als empirische Daten von Bedeutung. Als Historiker ist man mit der Schwierigkeit konfrontiert, sich in eine andere Zeit einzufinden und diese dann möglichst treffend zu charakterisieren. Eine der wichtigsten Methoden dafür ist der s.g. hermeneutische Zirkel, der durch die Rezeption einer Quelle hinweise darauf gibt, wie andere Quellen zu rezipieren sind, sodass letztlich die erste Quelle auch unter einem neuen, dem Zeitgeist der untersuchten Zeit entsprechenderen Gesichtspunkten, berücksichtigt werden kann. Trotz dieser Annäherung an die endgültige Hypothese geht man auch in der Geschichtswissenschaft von einer ursprünglichen Fragestellung aus.

  38. 1987, Themenvorschlag steht...
    1987, Themenvorschlag steht schon auf meiner Liste. Was Sie ansprechen ist der Mikrozensus in Deutschland, eine statistische Stichprobe, die mit Datenregistern abgeglichen wird, die nächste vollständige Zählung im Rahmen der EU wird ja immer noch diskutiert.
    .
    minna, natürlich kann man das Ergebnis vorhersagen, aber die Fehlerquote bleibt unbekannt. Im Unterschied zu Deutschland gibt es keine Registrierungspflicht und die Zensus-Fragebögen werden einfach an alle bekannten Adressen geschickt – das garantiert aber mitnichten Vollständigkeit. So wie ich es verstehe, haben die USA durch die regelmäßige Volkszählung die bessere Maßzahl, aber eine sehr unsichere Fehlerquote bzw. Abweichung davon. In Deutschland ist die ermittlete Kernzahl zwar unsicherer (weil seit 1987 eine Schätzung), aber durch den Abgleich mit relativ vollständigeren Datenbanken (Einwohnermeldeamt, Steuer, Sozialversicherung) ist die Fehlerquote kleiner. Ich lasse mich aber gerne korrigieren, falls ich das falsch verstehe.

  39. Preissteigerungen werden...
    Preissteigerungen werden stärker wahrgenommen als -senkungen, weil der Mensch zu Höherem strebt, Deus.

  40. Thukydides, vielen Dank....
    Thukydides, vielen Dank.
    .
    Raffy Ryff, deswegen glauben wir ja auch alle, was der Gott aus der Maschine uns vorbetet, unbesehen, unkritisch, wie brave Lämmer.

  41. Werte Sophia, wenn es ein...
    Werte Sophia, wenn es ein Mißverständnis gibt, dann nur deswegen, weil Sie
    wissenschaftlich professionell denken – ich nicht, leider.
    Um nochmal auf meinen Liebling sorry, – die historischen Daten- zurückzukommen.
    Sie waren z.Zt. als man sie in die Welt setzte nicht von wirtschaftlicher/statistischer Bedeutung.
    Das hat sich geändert.
    Nehmen Sie zum Beispiel die US-Baby-Boomer. Sie umfassen exakt den Zeitraum ´Kalter Krieg`und gehen jetzt in Rente.
    Für die Finanzmärkte
    dürfte nicht nur ihre Zahl, sondern auch ihre Verteilung hochinteressant sein.

  42. @minna: Ich glaube da liegen...
    @minna: Ich glaube da liegen sie falsch. Am US Zensus hängt soviel dran(Verteilung Bundesmittel, Verteilung der Sitze im HoR, Gerrymandering, etc) dass er doch relativ gut evaluiert wird.
    @SAAI: Die deutsche Bevölkerungszählung kommt. Das Design basiert auf einer Verknüpfung der großen deutschen amtlichen Registern und jener besagten 9% Stichprobe zur Unterfütterung und Validierung.
    Der Mikrozensus ist eine 1% Stichprobe, die meines Wissens nicht mit irgendwelchen Registern verknüpft wird. Darf er auch gar nicht.

  43. minna, ich glaube einfach,...
    minna, ich glaube einfach, daß die Datenerhebung vor ein paar hundert Jahren noch ein wirklich einschneidendes Erlebnis für jeden Beteiligten war – heute bekommen wir das gar nicht mehr mit. Nützlich ist es aber natürlich trotzdem.
    .
    1987, der Mikrozensus wird zwar nicht systematisch mit Melderegistern verknüpft, aber de facto werden doch die Informationen (z.B. zum Ausländeranteil, Verteilungen etc.) sehr wohl für verschiedene Bevölkerungszahlen genutzt. Strikte Trennung sieht anders aus.

  44. 1987 11:59,
    haben Sie bitte...

    1987 11:59,
    haben Sie bitte etwas Geduld mit mir – ich bin die vom „gefühlten“ VIP.
    Mir sagt Ihr Beispiel, daß die politischen Interessen gut evaluiert sind.
    Vielleicht erklärt es auch warum der von Obama gewünschte Kandidat
    für die Leitung der Zählung – ein Republikaner – absagte.
    Man konnte sich über die Zielsetzung nicht einigen.

  45. Sehr geehrte Sophia,
    er...

    Sehr geehrte Sophia,
    er Artikel stellt die Vielzahl von Annahmen, Vereinfachungen, Verdichtungen und Normierungen dar, die man braucht, um zu aussagefähigen statistischen Zahlen zu kommen. Und rät daher zu grosser Skepsis. Nichts gegen die Skepsois an sich, ABER … Politiker, Projektmanager, Generäle, Behördenleiter – kurz, jeder mit Entscheidungsgewalt von einiger Tragweite – brauchen Statistiken als Entscheidungsgrundlage, Einzelfallbetrachtungen sind (aufgrund ihrer Vielzahl) schlicht physisch unmöglich. Und wenn es eine echte „deutsche“ Schwäche gibt, die sich durch die gesamte Gesellschaft zieht, dann ist diese die „Einzelfallgerechtigkeit“, die natürlich schon durch die Statistik an sich verletzt wird (denn die fragt im Regelfall nach Durchschnittswerten über viele aggregierte Einzelfälle). Entscheider können sich Ihre Skepsis daher schlicht nicht leisten, unabhängig davon, ob sie überhaupt ausreichendes mathematisches Grundverständnis mitbringen.
    Sehr schön fand ich Ihren Rekurs auf Popper, nach dem jede wissenschaftliche Erkenntnis auf eine Hypothese zurückzuführen, also deduktiv ist. Induktive Erkenntnis ist logisch (und faktisch) unmöglich, auch wenn die Mehrheit selbst der gebildeten menschen vom Gegenteil überzeugt ist: Man stolpert über Theorien, indem man Daten betrachtet :-).

  46. ...achherrje! gefühltes VIP,...
    …achherrje! gefühltes VIP, das laß ich lieber. Ich weiß auch das VPI heißt.

  47. ThorHa, es gibt einen...
    ThorHa, es gibt einen Unterschied zwischen der mit Unsicherheiten behafteten statistischen Information und dem Anspruch, die absolute Wahrheit erkannt zu haben. Wenn Politiker verzweifelt zu beweisen versuchen, daß die Lebenshaltungskosten keinesfalls gestiegen sind, weil doch der VPI das Gegenteil sagt, ist das in meinen Augen unglaubwürdig, wenn anders konstruierte Indizes und das allgemeine Gefühl dem entgegenstehen. Der VPI ist kein Beweis, sondern eine Kennziffer von begrenztem Ergenntniswert. Gut für Vergleiche, gut für statistische Anwendungen, nicht gut als Beweis. Von einem intelligenten Politiker, der mit solchen Kennziffern umgehen möchte, würde ich mir wünschen, daß er deren Grenzen kennt. Mathematik 7. Klasse, Allgemeinbildung. Utopia, und so.
    .
    Liebe minna, das ist Politik. Seufz.

  48. minna, wenn der US Zensus...
    minna, wenn der US Zensus methodisch angreifbar ist, ist er automatisch auch politisch angreifbar. Denn dann holt jede Partei und jeder Bundestaat seine Fachleute aus der Schublade. 2-3 Jahre nach der Durchführung gibt es übrigens immer ein dickes Buch des CB, wo die genaue Vorgehensweise beschrieben wird.
    @SAAI: Ein Vergleich von Kreuztabellen etc aus verschiedenen Registern und dem MZ ist doch etwas völlig anderes als eine Verknüpfung auf Personenebene. Natürlich geht das erstere, das sind ja auch keine wirklich sensiblen Informationen. Man benutzt ja die Verteilungen aus dem MZ auch zur Adjustierung anderer Befragungen.

  49. Sehr geehrte Sophia,
    wenn...

    Sehr geehrte Sophia,
    wenn anders konstruierte Indizes und das Gefühl dem entgegenstehen, kann man ja auch diese beiden kritisch überprüfen. Für den Bereich Lebensmittel, Haushaltswaren und Männerkleidung kann z.B. ich aus eigener Anschauung das statistische Bundesamt nur bestätigen – ich habe seit 2000 für vieles Referenzpreise im Kopf (und diese auf Euro umgerechnet) und bin für deren (Familien)einkauf zuständig. Nach meiner unmassgeblichen Beobachtung kommt z.B. das verbreitete allgemeine Gefühl über einen Preissprung nach Euro-Einführung ganz wesentlich aus einem einzigen Bereich – die Gastronomie hat tatsächlich nach 10 Jahren ohne Preiserhöhungen die Umstellung für überfällige und zum Teil drastische Preiserhöhungen genutzt. Darüberhinaus vergessen viele Menschen ganz einfach, dass Preissenkungen bei sehr teuren Anschaffungen (Computer, Unterhaltungselektronik, Küchenelektrik) viele in Eurocent zu rechnende Preiserhöhungen (joghurt :-))auf das Jahr gerechnet locker wieder ausgleichen können. Nur macht man diese Anschaffung eben nur einmal in 2, 5 oder 10 Jahren, während man sich täglich über teureren Joghurt ärgert. Um es kurz zu machen – Politiker, die sich auf die Preissteigerungsstatistik berufen, haben auch nach meiner Lebenserfahrung schlicht Recht. Nicht zuletzt sind Menschen, die gefühlte Preissteigerungen wahrnehmen, manchmal auch solche Menschen, die auf hochwertigere oder Marken-Produkte umstellen. Ein „Danone“ zahlt man eben mit 25 Eurocent pro 125 Gramm Joghurt.

  50. "Wenn Politiker verzweifelt zu...
    „Wenn Politiker verzweifelt zu beweisen versuchen,…“
    Ich halte es eigentlich nicht für bedenklich, daß Politik die Statistiken glättet, wenn
    die Ergebnisse dann so sind „könnte stimmen“, interessiert sich niemand dafür
    und beide Statistiker wie Politiker sind zufrieden.
    Wenn man aber hingeht und begleitende Pressemitteilungen so verfaßt, daß die
    Absicht jedem Leser(staff.aureus) auffällt, zeigt man doch nur, daß man sowenig
    Vertrauen in die eigene Arbeit hat wie alle anderen.
    Man kann es auch Transparenz nenen.;-)

  51. 1987, ich wollte nur sagen,...
    1987, ich wollte nur sagen, daß die Bevölkerungsstatistik eben nicht nur auf die Stichprobe zurückgreift, sondern auch auf andere Quellen. Da sind wir uns also eigentlich einig.
    .
    ThorHa, ich glaube einfach, daß es nicht nur die eine Wahrheit gibt. Für manche Bevölkerungsgruppen ist das Leben definitiv teurer geworden, für andere nicht. Auf jeden Fall kann man viele Individuen nicht mit einer durchschnittlichen Maßzahl erfassen und eine Politik, die darauf besteht (oder das zumindest suggeriert) mißbraucht Statistik. Eben deshalb plädiere ich für eine differenzierte Betrachtung. Mehr nicht.
    .
    Liebe minna, Transparenz wäre schön, ist aber selten. Muß ja alles immer kurz und knapp und prägnant und verständlich sein.

  52. Liebe Sophia,
    einst traf ich...

    Liebe Sophia,
    einst traf ich eine Französin, die hatte ein fast religöses Verhältnis zum Metzger. Dass sie auch ja die besten Stücke bekäme.
    Es muss das Beste sein und natürlich für sie.
    Bei Deutschen ist das anders: Muss halt gut schmecken.
    Deutsche sind Essenskosten-Sparer.
    Beispiel: Ökonomie einer Studentin: 100 Euro pro Monat für Essen + 40 Euro für die Mensa. Ab dem 9. Semester: Da muss ich doch mal sparen. Am Essen.
    (Bei uns waren es 125,- DM für die WG plus Mensa. Damals.)

  53. Lieber Linksfahrer, im Ausland...
    Lieber Linksfahrer, im Ausland dachte ich anfangs: meine Güte, ist das alles teuer hier. Mittlerweile habe ich begriffen, in Deutschland ist essen einfach zu billig und kein Einkäufer preisbewußter als der Deutsche. Franzosen zelebrieren die Mahlzeit, wir lieben unsere Autos?

  54. Werte Sophia,
    in Ihrer Antwort...

    Werte Sophia,
    in Ihrer Antwort (gestern 11:05) sprachen Sie davon die USA hätten die
    bessere Masszahl durch regelmäßigeres messen, aber eine ungekannte
    Fehlerquote.
    Die Bevölkerungsentwicklung ist doch ein sehr träger Prozeß besonders in
    alternden Gesellschaften, zu denen die USA auch gehören.
    Kann man da die Fehlerquote nicht vernachlässigen?

  55. Vielen Dank auch von mir,...
    Vielen Dank auch von mir, Thukydides. Es ist immer hilfreich, etwas aus der Werkstatt zu erfahren. Zu oft wird in historischen Büchern konstatiert statt deduziert. Ich schätze deshalb Autoren wie Beloch und Delbrück, von den Zeitgenossen Demandt, weil sie den Leser am Erkenntnisprozess teilhaben lassen.
    .
    Die Diskussion über die Unschärfe der Statistik und die Handlungsvorgabe für die Politik bringt mich noch einmal auf die eigene Praxis. Im Vergleich zum VPI ist natürlich meine Praxis wie das Verhältnis von Königs- zur Bauern-Ebene bei Shakespeare. Sei’s drum. Wenn ich für meinen Chef eine Vorlage auf Basis von statistischen Daten mache, dann versuche ich schon, durch die Darstellung des Ergebnisses die Handlungsoptionen auf zwei oder drei zu beschränken. Wenn man böswillig wäre könnte man das als Manipulation bezeichnen. Ich empfinde es eher als eine Frage der Praktikabilität. Natürlich gibt es immer sehr viele wenn‘s und aber‘s. Aber bei zu vielen Entscheidungsoptionen entsteht gewöhnlich die Situation von Buridans Esel. In der Wirtschaft ist so etwas tödlich. Insofern bin ich duldsam und nicht mit leichter Hand bei der Kritik. Es ist in Deutschland üblich, Politiker zu verachten, weil sie keine Ahnung haben und andererseits von der Politik die Antwort auf jegliche Frage zu erwarten. Dabei sind die Politiker auch nur Menschen und, Gott sei’s geklagt, meistens nur Parteisoldaten. Dass sie sich dann an vermeintliche Sicherheiten klammern, ist nur zu verständlich. Also wiegt die Verantwortung der Statistiker umso schwerer.

  56. Werte Sophia,
    es fällt mir...

    Werte Sophia,
    es fällt mir erst jetzt auf wie sinnreich Ihre Gegenüberstellung von Joghurt und
    Statistik ist.
    In D wird Naturjoghurt bevorzugt und dieser soll billig sein.
    Ich wünsche Ihnen, daß dies sich nicht auf die Bezahlung von
    Statistikern auswirkt.

  57. Mir ist auch ein bisschen Ihre...
    Mir ist auch ein bisschen Ihre Arbeitsweise als Statistiker klarer geworden.
    Diesen Forscherfehlschlag, den Sie beschreiben kann/sollte man nicht publizieren.
    Ich halte es auch nicht als eine für Forscher typische Situation. Als Wissenschaftler
    sind Sie nur in der glücklichen Lage den Fehlschlag auch zu beurteilen.
    Im Gegensatz zum Hobbyisten.
    Besonders anschaulich ist der Vorgang bei Hobbyhandwerkern. Wenn das
    Ergebnis der eigenen Bemühungen jede Ähnlichkeit mit der tollen Vorlage vermissen läßt, sie sich aber nicht davonabbringen lassen es sei so.
    Ich kann es mir nur mit Distanzverlust erklären. Nicht Kontrollverlust davor
    schützt sie jeweils das „Handwerkzeug“.
    Das dumme an der Sache ,für Hobbyisten, ist: es fällt einem nur bei den „Anderen“ auf.

  58. Savall, die Annahme, dass in...
    Savall, die Annahme, dass in Politik und Wirtschaft Zahlen herangezogen werden, um dann Entscheidungen zu treffen, scheint mir ein wenig optimistisch.
    In der Praxis stellt es sich eher so dar, dass getroffene Entscheidungen anschließend mit passenden Zahlen untermauert werden. Da Zahlen in Form von Statistiken in beliebiger Menge und Ausrichtung verfügbar sind, fällt das nicht schwer.
    Der Statistiker hat insofern gar keine Verantwortung, da er ohnehin nicht weiß, wer seine Arbeit hinterher wie ge- oder mißbraucht.

  59. Liebe minna, wie man die...
    Liebe minna, wie man die Fehlerquote in den USA einschätzt, hängt vor allem von der Beurteilung der illegalen Einwanderer ab und all jener Personen, die den normalen Rastern entgehen. Was die forscherischen Fehlschläge betrifft: in Maßen wären die durchaus publizierungswürdig, weil es anderen Wissenschaftlern Fehlschläge erspart und manchmal durchaus Erkenntnisgewinn beinhaltet – das ist allerdings eine Mindermeinung, die gerade von den Fachzeitschriften nicht geteilt wird, befürchte ich.
    .
    Werter Savall, einerseits sollte man von Politikern nichts übermenschliches erwarten – andererseits tragen sie erhebliche Verantwortung und der sollten sie gerecht werden. Da scheint mir ein bißchen Bemühen um das Verständnis von Studien und Statistiken nicht zuviel verlangt.

  60. @Sophia Amalie Antoinette...
    @Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia
    heute steht in der FAS wieder was über ETF’s. Herr Prof. Wystup wird dort interviewt. Sie können ja mal unsere Diskussion aus dem letzten Blogg mit dem dort geschriebenen vergleichen. Der Absatz zu ETF’s der CS war auch sehr interessant. Ich hatte vor nicht allzu langer Zeit ein Gespräch mit CS dazu; das mit der dritten Generation im Bericht der FAS klingt gut…
    Ich will ja nicht Herrn Prof. Wystupp oder die FAS kritisieren, aber ein Literaturhinweis zum tieferen Verständnis der ETf’s
    http://www.nzz.ch/finanzen/impulse_archiv_mai09/etf_ist_nicht_gleich_etf_1.1805114.html
    N.B. Warum man sich gerade Lyxxorfonds kritisiert erschließt sich mir auch nicht. Ceterum censeo, wenn jetzt die erste Aufsicht in Europa die Leihe in ETF’s verbietet, kommt das Thema dann auch bei der FAS an

  61. ilnonno, schlimm genug, daß...
    ilnonno, schlimm genug, daß sich im Zweifel für jede These und jedes Argument eine Zahlenbeweise zurechtdrehen läßt, wenn man nur lange genug sucht und ein bißchen findig ist.
    .
    BertholdIV, vielen Dank für den Hinweis! Wobei ich mich da immer frage, wie der normale Bürger solchen Diskussionen noch folgen können soll? Ohne professionelles Verständnis der Börsenmärkte und Finanzinstrumente durchblickt man solche Risiken doch gar nicht mehr.

  62. @Sophia Amalie Antoinette...
    @Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia
    mich wundert, der Artikel in der FAS schon etwas besonders im Vergleich mit dem der NZZ und dem, was manche Aufsichtsbehörde andeutet.

  63. Lieber BertholdIV, ich habe in...
    Lieber BertholdIV, ich habe in den NZZ Artikel kurz reingeschaut… die FAS habe ich nicht. Muß ich nachher vielleicht mal besorgen, falls ich die noch irgendwo finde. Hätte ich nur, gestern am Bahnhof, als ich kurz überlegt habe, ob… .

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