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Deus ex Machina

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Über Gott und die WWWelt

Einsam vor dem Rechner/Verbunden mit der Welt

| 33 Lesermeinungen

„Get a Life“ ist vermutlich eine der meistgebrauchten Beleidigungen im Netz. Der Vorwurf des einen Nerds an den anderen, kein Leben zu haben, also keins, das jenseits von Pizzadienst-Burritos, Cola Light und M&Ms, die allesamt halb hektisch, halb gedankenverloren vor dem Rechner verzehrt werden, existiert - während die Außenwahrnehmung durch den sonnenhellen Bildschirm längst dermaßen verzerrt ist, dass das legendäre „Draußen“ dem Internauten vorkommt wie ein fremder Planet: Dieser Vorwurf steht im Raum, seitdem es das Internet gibt. Wer ins Netz geht, der tut das mangels Alternativen in der Echtwelt, das Real Life ist ein Spielplatz, der zu unübersichtlich ist für den Klick für Klick durchs Leben stolpernden Surfer.

Es izt allein der Mensch im Tod, so viel steht fest. Allein: Ob er zuvor gelebet,
das soll seyn die Frage nun.
Denn schließlich ist ein Fest dem Narrennerd (hockt er vorm Rechner doch wie geknebelt!)
blosz Katzenquatsch, Rick Astley und Cartoon.

Der Komödie erster Teil

Get a Life“ ist vermutlich eine der meistgebrauchten Beleidigungen im Netz. Der Vorwurf des einen Nerds an den anderen, kein Leben zu haben, also keins, das jenseits von Pizzadienst-Burritos, Cola Light und M&Ms, die allesamt halb hektisch, halb gedankenverloren vor dem Rechner verzehrt werden, existiert – während die Außenwahrnehmung durch den sonnenhellen Bildschirm längst dermaßen verzerrt ist, dass das legendäre „Draußen“ dem Internauten vorkommt wie ein fremder Planet: Dieser Vorwurf steht im Raum, seitdem es das Internet gibt. Wer ins Netz geht, der tut das mangels Alternativen in der Echtwelt, das Real Life ist ein Spielplatz, der zu unübersichtlich ist für den Klick für Klick durchs Leben stolpernden Surfer.

Schon in Douglas Couplands Roman „Microsklaven“, der das Leben von Microsoft-Angestellten (oder doch eher von Microsoft-Besessenen, die ihre Jobs vermutlich auch umsonst erledigen würden) schildert, geht es genau darum, dass es dieses Leben eher nicht gibt. Die einzige Nahrung, die konsumiert wird, ist solche, die man notfalls unter der Tür durchschieben kann denn niemals wird die Arbeit unterbrochen. Rund um die Uhr hocken die Mikrosklaven vor den Rechnern, aber doch arbeiten sie nie genug, denn die Deadline ist immer so gesetzt, dass sie nicht erreicht werden kann und so gelingt es den ihnen niemals, die alten Fehler in den Programmen zu korrigieren, sie ziehen also nach und nach einen undurchdringlichen Fehlerwust mit sich durch ihre Büroexistenzen, sie arbeiten und arbeiten und können es doch nicht gut machen, niemals wird die erlösende Mail von Bill (Gates) kommen, der hier als Deus Ex Machina fungiert und der so viel klüger und größer ist als seine Bürosklaven, der sie geschaffen hat, der geben kann und nehmen und doch nie von sich hören lässt. (Ganz nebenbei bemerkt ist Mikrosklaven übrigens eine ziemlich akkurate Erklärung für schwere Ausnahmefehler.)

Jene, die es irgendwie geschafft haben, ein Leben zu haben, werden von den Microsklaven glühend beneidet oder doch eher verwundert bestaunt. Ein Leben haben, das wird hier definiert als: Eine eigene Familie, einen Hund vielleicht sogar, ein Haus, Aktivitäten außerhalb der Arbeit, Angeln gehen möglicherweise oder sogar ein wenig Sport treiben (mit dem Körper, nicht mit dem Joystick). Microsklaven ist gerade einmal fünfzehn Jahre alt und doch scheint es furchtbar altmodisch, jemandem abzusprechen, ein Leben zu haben, bloß weil er immer arbeitet.

Die heutige Beleidigung „Get a life“ beinhaltet ja gerade den Vorwurf, man lebe auf Kosten anderer, beziehe seine Miete vom Amt oder wohne gleich im Dachboden der Eltern, weil eben tatsächlich gar nichts geht außer World of Warcraft und Twitter und ein bisschen Schimpfen in den Kommentarspalten von Blogs. Begegnet man sich nun im Netz, dann schwingt immer ein Vorwurf mit, den man auch aus Provinzdiscos kennt: Warum bist du hier, warum nicht irgendwo, wo das Leben tobt?

Bild zu: Einsam vor dem Rechner/Verbunden mit der Welt

Der Mensch ist ein soziales Wesen, heißt es. Ich glaube, dass ich trotzdem ein Mensch bin. Meine Lebensqualität verhält sich nicht einfach antiproportional zur Zahl der außer mir den Raum bevölkernden Menschen, die Kurve sinkt erst dann dramatisch, wenn diese zu vielen Menschen auch noch mit mir in Kontakt treten. Meinem Bedürfnis nach Abgeschiedenheit kann ich in einem überfüllten Chatroom genauso gut nachkommen wie in einem überfüllten Club, ich könnte – wenigstens in der Theorie- einen ganzen Tag bei Facebook herumhängen, ohne mich behelligt zu fühlen.

Mein Tag sieht ungefähr folgendermaßen aus: Morgens trampelt meine Katze auf mir herum, um mir ihr Bedürfnis nach körperlicher Nähe mitzuteilen. Da meine Katze beschlossen hat, dass morgens um 5 Uhr nachts stattfindet, packe ich mir das haltlos schnurrende Fellbündel und bringe es in die Küche, schließe so sorgfältig, wie das jemandem, der die Augen geschlossen hat, möglich ist, die Tür, stoße mir entweder den großen oder den kleinen Zeh an einem Ziermöbel und rolle mich lautlos wieder in mein Bett. Drei Stunden später habe ich das Gefühl, geweckt worden zu sein, höre aber kein Geräusch. Gerade habe ich noch geträumt, dass mir die lang anvisierte Sektengründung endlich gelungen ist (es geht bei dieser Sekte hauptsächlich um Ausschlafen und Opferung von Katzen an einer heiligen Klippe) und nun liege ich da wie ein Artist in der Zirkuskuppel: ratlos.

Ich bekomme eine Ahnung, beschließe dieser Ahnung nachzugehen, und erwische meine Freundin im Wohnzimmer dabei, wie sie auf einer eigens für diesen Zweck erwobenen Matte arabisch anmutende Verrenkungen macht, die sie Pilates nennt.

Pilates wurde übrigens von Hubert Pilates erfunden, als er in Gefangeschaft war und es gibt nicht viel, das genauer darüber Auskunft gibt, wie meine Freundin sich in unserer eheähnlichen Gemeinschaft fühlt. Pilates war Turner, Bodybuilder und Taucher, ich bin Raucher. Ich schlurfe in die Küche, untersuche den Kühlschrank, aber mein Magen schläft sowieso noch. Meine Katze, vor wenigen Stunden noch die Zugewandtheit in Person, erkennt mich nicht und zeigt mir ihre Verachtung, wie es nur Katzen können oder meine Freundin, die sich nun aus erlesenen Zutaten ein Früchtemüsli bereitet, während ich, meine Appetitlosigkeit ignorierend, eine gigantische Flunder von einem Brot mit Nutella schände. Lebt man mit einer Katze und einer Frau zusammen, dann ist das eigene Selbstbild das eines Barbaren im Kolosseum: Überall wird gepflegt gespeist, vornehm gehüstelt und gleich kommt ein Mastino Neapolitano und reißt einem die Eingeweide heraus. Der durchschnittliche Mastino, der sich an meinen Eingeweiden vergeht, ist der folgende Satz meiner Freundin, zuverlässig ausgesprochen um zehn Uhr morgens: „Komm, wir gehen ins Café, schreiben kannst du ja überall.“

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Jeder Mensch glaubt, ein Autor könne überall schreiben und da meine Freundin ganz fraglos ein Mensch ist, schließlich ist sie ein außerordentlich soziales Wesen, ist sie vom Gegenteil nicht zu überzeugen: Es gibt tatsächlich einen einzigen Ort, an dem ich schreiben kann – in völliger Abgeschiedenheit vor meinem Rechner.

Ich sitze dann also im Café, klappe zur Selbstermunterung und -beruhigung meinen Rechner auf, wirke aber nicht arbeitend genug und daher sprechen mich Bekannte an. Bekannte unterscheiden sich von Freunden dadurch, dass man sie zwar kennt, sie aber keine Freunde sind, und somit empfinde ich Gespräche mit Bekannten im Jahresdurchschnitt als anstrengend. Beliebte Bekanntengesprächsthemen sind Behördengänge, vergebliche Geschlechtsverkehrsbemühungen, das Wetter und die Arbeit.
Um es deutlich zu sagen: Da ich mich für Wetter, Behörden und Arbeit noch weniger interessiere als für fremder Leute Sex, sitze ich also im Café und denke angestrengt über die Frage nach, warum Hänschen Klein, neuste Flamme meiner Bekannten Rose N. Rot, nicht anruft. Plötzlicher Todesfall? Schweinegrippe? Handyverlust? Nachdem ich meine Stirn lange genug in Falten gelegt habe, verweise ich auf den Film He‘s just not that into you, der auf dem Beziehungsratgeber He‘s just not that into you basiert, der wiederum auf eine Zeile aus Sex and the City referriert, in der Miranda klar wird, dass ein Mann, der sich nicht meldet, vielleicht einfach nicht so arg interessiert ist (dieses Blog ist in geschlechtergerechter Sprache geschrieben – Mann heißt hier auch Frau, Transgender, Queer und umgekehrt).

Kaum hat meine Freundin genug Kaffee getrunken, ausreichend Zeitungen geblättert und Freundinnen an den Schultern berührt, was oft schon nach drei, höchstens vier Stunden der Fall ist, werde ich ins Sportstudio gezerrt, wo unmenschlich kräftige Homosexuelle mir ungefragt Hinweise zur Verbesserung meiner Trizepsdehnung geben.

Dann sitze ich in der Sauna, erfahre mehr, als ich je wissen wollte, über Börsenkurse, Volkswirte, die sich in Rassekunde versuchen und Frisuren, später erklärt mir mein Weinhändler die demographische Entwicklung Schönebergs (90% über 80 Jahre alt – der Mann ist Perser, im Persischen sind Zahlen auch bloß Worte) und schließlich bin ich beinahe einen Moment alleine, aber meine Freundin braucht genau jetzt eine Creme aus dem Badezimmer und dann kommen Freunde.
Freunde unterscheiden sich von Bekannten dadurch, dass man sie mag, sie aber erst dann richtig kennenlernt, wenn sie nicht gehen wollen. Gegen drei bin ich dann tatsächlich allein, ich fahre den Rechner hoch, schreibe ein paar Zeilen, gehe auf Facebook und ein Wildfremder, dessen Freundschaftsantrag ich bedenkenlos angenommen habe, chattet mich an: Was ich denn um diese Zeit bei Facebook mache? Ob ich denn als Blogger eigentlich gar kein Leben habe?

Ich schlage eine Art Lebensvermutung vor. Begegnet man jemandem im Netz, möge man sich vorstellen, dieser Mensch sei gerade auf einer rauschenden Party, hat sich zum Laptop, aus dem erlesene elektronische Musik dröhnt, durchgeschlagen, nur um uns wissen zu lassen, dass er unsere Haltung zum öffentlich-rechtlichen Fernsehangebot ablehnt. Oder er kommt gerade vom Überlebenstraining aus dem Dschungel, loggt sich bei einem Zwischenstopp in Addis Abeba nach einem abenteuerlichen Verhandlungsmarathon mit dem Besitzer in einem Internetcafé unter Beobachtung einer Hyäne ein und twittert: Endlich wieder online.

Der Mensch vor dem Rechner: Er könnte ein Leben haben.

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33 Lesermeinungen

  1. Endlich sagt das mal jemand,...
    Endlich sagt das mal jemand, als ob reden inkl. Mundgeruch u.ä. besser wäre…

  2. Der Sinnlosigkeit mit Anmut...
    Der Sinnlosigkeit mit Anmut begegnen ist noch das beste, was man in seinem beschädigten Leben tun kann.

  3. @Anna
    Endlich bekomme ich mal...

    @Anna
    Endlich bekomme ich mal einen „Endlich sagt das mal jemand“-Satz!

  4. @colorcraze
    Ich befürchte...

    @colorcraze
    Ich befürchte allerdings manchmal, dass ich hier gar nicht so fürchterlich anmutig sitze.

  5. Nicander, get a life!...
    Nicander, get a life!

  6. Als Autor, zumindest wenn man...
    Als Autor, zumindest wenn man in Kontakt mit Medien, Lesern und Neugierigen gerät, empfiehlt es sich eine Antwort auf die Fragen: „Wo schreiben Sie?“ und „Woher nehmen Sie Ihre Ideen?“, parat zu haben. Wie viele heimische Schreibtische und Bademäntel wohl nie zu dem Ruhm finden, der ihnen eigentlich gebührt.

  7. Computerfreak,...
    Computerfreak, Computerfreak…
    http://www.youtube.com/watch?v=KY_pMOnjP8E

  8. ein gelungener Artikel der...
    ein gelungener Artikel der vieles wuerdigt

  9. @violandra
    Ich denke unter der...

    @violandra
    Ich denke unter der Dusche. So: Da hat das Wasser seinen Ruhm:)

  10. @Milakoff
    Das ist ja mal so...

    @Milakoff
    Das ist ja mal so hübsch verstolpert wie ein englischer Elfmeter.

  11. Vor der Erfindung des Internet...
    Vor der Erfindung des Internet habe ich in Berlin den ganzen Tag als Freiberuflicher mehr oder minder zuhause gearbeitet. Am späten Nachmittag hatte ich dann meist das starke Bedürnis, wieder unter Menschen zu kommen. Also verließ ich meine Wohnung und schlenderte ein wenig durch das nur hundert Meter entfernte Kaufhaus. Nach einem halbstündigen Bad in der Menge kaufte ich mir noch etwas Gebäck für den Nachmittagstee und ging befriedigt nach Hause. Heute wohne ich in einem kleinen Dorf in Bayern. Da gibts stattdessen den Spaziergang mit dem Hund oder der Besuch eines Blogs. – So, und jetzt werde ich meinen Tee trinken…

  12. Über die Mondlandung, die...
    Über die Mondlandung, die jedermann im Fernsehen hatte betrachten können, gibt es gelegentlich Zweifel, virtuell, Matrix und dergleichen; aber über die Erstbesteigung des Mount Everest, bei der kein Kameramann war, hat noch niemand ein schlechtes Wort gesagt. Hat man das geglaubt, weil man es nicht sehen konnte?

  13. @B.A.H.
    Sie meinen, der Papst...

    @B.A.H.
    Sie meinen, der Papst kann froh sein, dass es zu Christi Zeiten keine Handyvideos gab?
    Hillary jedenfalls hatte eine Kamera dabei.
    http://beacononline.files.wordpress.com/2008/09/tenzing-norgay-on-everest-summit.jpg

  14. Genau, der Hillary hatte eine...
    Genau, der Hillary hatte eine Kamera dabei, aber es war eben keine weltweite „Live-Übertragung“. Also nichts, was man hätte nicht glauben können.
    Ansonsten musste ich bei Ihrer Antwort an das „Jesus-Video“ denken, den Namen des Autors habe ich gerade nicht. Aber das war der Mann, der der „Timeline“ des amerikanischen Vielabschreibers C…n die Vorlage gegeben hatte. Glaube ich jedenfalls eigensinnig.

  15. Noch eindrucksvoller ist ja...
    Noch eindrucksvoller ist ja der 11. September. Viel Spielraum ließen die Bilder nicht, aber bei Youtube gibt es mittlerweile mehr Leute, die an das Märchen vom Inside Job glauben als solche, die den Terroranschlag Bin Laden zurechnen.
    Aber ob es weniger Spekulationen gegeben hätte, wenn es keine Filmaufnahmen gegeben hätte? Soweit ich weiß, gab es auch um Pearl Harbor Spekulationen.

  16. Wieder richtig; aber beim 11....
    Wieder richtig; aber beim 11. September gibt es niemanden, der glaubte, das Ereignis habe gar nicht stattgefunden, sei also getürkt worden. Bei der „Live“-Mondlandung dagegen… Deshalb hat einmal sogar einer der Astronauten in Los Angeles einem der Zweifler öffentlich einen Kinnhaken gegeben. Wenn ich das noch richtig gespeichert habe.

  17. Ich halte diesen Kinnhaken...
    Ich halte diesen Kinnhaken übrigens für völlig in Ordnung.

  18. Ceci n´est pas une vie....
    Ceci n´est pas une vie.

  19. @Nicander/Violandra: also so...
    @Nicander/Violandra: also so hatte ich mir Sie ja nun nicht vorgestellt. Im Bademantel, ts. Ich wünschte Ihnen einen Bäcker über die Straße und genug Geld, so daß Sie jeden Morgen dort Ihre Brötchen holen und Ihren Orangensaft trinken, und somit einen Grund haben, sich morgens straßenfertig zu machen. Und danach schreiben.

  20. @Nicander A. von Saage
    Die...

    @Nicander A. von Saage
    Die Kirche sagt ja es gäbe ein Leben nach dem Tod.
    Ich behaupte es gibt ein Leben vor dem Tod.
    .
    oder
    .
    Leben ist das was passiert während die Meschen darauf warten.

  21. Ach Du lieber Himmel, Junge,...
    Ach Du lieber Himmel, Junge, geh spielen. Wie alt bist Du eigentlich? Gründe eine Familie und kümmere Dich um Deine Kinder, dann brauchst Du Dir um Freizeitgestaltung und „sinnvolles Ausgefülltsein“ oder „ausgefülltest Sinnvollsein“ (man könnte es auch hilfloses Überbrücken eines langweiligen und sinnentleerten Lebens) keine Gedanken mehr zu machen. Da wirst Du mal richtig gefordert und hast eine echte Chance, erwachsen zu werden.
    Übrigens, wenn man ernstgenommen werden möchte, sollte man seine Herausforderungen keinsfalls öffentlich beschreiben als „Nutellabrote zu schänden“. Das ist Kinderkacke. Mich würde mal interessieren, wie alt Du bist.

  22. @Peter Klein
    Lassen sie mich...

    @Peter Klein
    Lassen sie mich nicht lügen, ich schaue mal gerade nach.
    OK: Erstmals urkundlich erwähnt wurde ich 1704. Aber dafür sehe ich verdammt jung aus.

  23. Nett. Dieser Post erinnert an...
    Nett. Dieser Post erinnert an aufgeschäumte Milch: schön, wie man aus süßer Sinnlosigkeit gequirlte süße Sinnlosigkeit machen kann.

  24. Man, könnte man da ins...
    Man, könnte man da ins philosophieren geraten… Spielt sich das Leben nicht vielleicht doch nur in der eigenen Rübe ab? Ist die eigene Außenwahrnehmung nicht nur die Innenwahrnehmung der anderen? Ist das Internet ein Paralleluniversum, wo ich endlich der bin, der ich immer schon zu sein geglaubt habe? Wusste Nostradamus gar nicht so viel sondern hatte er lediglich Zugriff auf Wikipedia? Warum vertragen sich meine Medikamene nicht mit Alkohol?
    So viele Fragen und noch so viel zu leben im Inter- wie im Extranet.

  25. @Marvin
    Einwurf von der Seite:...

    @Marvin
    Einwurf von der Seite: „Es gibt nicht viel Besseres als Milchschaum.“
    @DaftWully
    Nostradamus hätte bei einem Zugriff auf die Wikipedia zu dieser Zeit allerdings allen Grund gehabt, sofort durchzudrehen.

  26. Nicander, get a job!

    ... acht...
    Nicander, get a job!
    … acht Stunden täglich erholt man sich von der Freundin, acht Stunden von der Arbeit und die übrigen acht Stunden von sich selbst.

  27. Wer schreibt, lebt...
    Wer schreibt, lebt (vielleicht) nicht
    .
    Auch ich kann nur an einem Platz schreiben, den Platz, den ich mein Büro nennen kann. Es ist nicht die Einsamkeit, die ich da brauche, sondern ein Gefühl der Macht, nämlich über einen gewissen Raum und einer entsprechenden Zeit. Ich habe schon oft den Laptop im Urlaub oder auf Zugreisen dabei gehabt. Keine Zeile habe ich geschrieben. Es ist natürlich auch so, dass man erst schreibt, wenn man selber nichts mehr aufzunehmen wünscht. Keinen Text, keine Stimmen, keine unangemessenen Geräusche. Und auch keine Begegnungen mehr in beliebig großen Räumen. Und dazu braucht man einen begrenzten Raum, der einem das Gefühl lässt, mit seinen Gedanken eine nötige Zeit alleine sein zu dürfen. Das sind Gedanken, die vielleicht gar erst entstehen, wenn man alleine ist, sie sind nicht vorher produziert gewesen, aber der Produktionsapparat, das eigene Gehirn, war sozusagen die ganze Zeit auf Standby geschaltet.
    Das wäre zum Beispiel etwas, was ich meiner Frau nur schwer klar machen könnte, nämlich wenn sie da meinte, dass ich doch mal für einen Moment mein Schreiben unterbreche.
    .
    Das ist die eine Sache. Die andere ist die mit dem „endlos vor dem Kasten sitzen“. Ich denke, dass Leute, die sich nicht von ihrem Computer trennen, das eigentlich überhaupt nicht können – sich trennen. Sie trennen sich von der Brust der Mammi eben so schwer wie später von der der Freundin. Auch vom Fernseher trennen sie sich ungern.
    .
    Das aber mit der Mammibrust, dazu habe ich mal was Verrücktes zu gelesen, nämlich über gewisse Indianervölker in vergangener Zeit. Die Mütter haben ihre Kinder oft solange gestillt, bis das nächste Kind kam und dann das übernächste, usw. usf. Wenn die Lümmels dann mit ihren scharfen Milchzähnen Mammis Brustwarzen all zu gemein traktierten, haben die Mütter diese Kinder zur Strafe in harte Wickel gepackt. Das wiederum hat diese Jungs wild und zornig gemacht, und so nebenbei belehrt, dass Mammi die ist, die die Macht hat.
    .
    Und das sei wiederum das Geheimnis des indianischen Helden, des wilden Kriegers. Des Frauen verachtenden aber auf diese hörenden männlichen vorzeitlichen Despoten.
    Das auf unsere Zeit projiziert könnte dann in etwa so aussehen: Wir packen die Bubis in raue Säcke und rollen sie einem beliebig steilen Hang hinunter. Wenn sie das nach ein paar Wiederholungen glücklich überlebt haben, sind sie dann vielleicht zu haben, für eine Trennung, von Mutters Brust, wie auch von all zu kuscheligen Verhältnissen.
    .
    Ob daraus aber neuzeitliche Krieger entwachsen, oder einfach nur Männer, solche, die dann vielleicht mal wieder Herr über nicht so begrenzte Räume und Zeiträume werden wollen (und nicht nur über ihren diesbezüglich nur verkleinerten Maßstab) wäre dann zu testen.
    .
    Oder um es so auszudrücken: Wo die Zeit der Abenteuer, der realen, nämlich der zwecks Eroberung von realen Räumen, obsolet zu werden scheint, wird der virtuelle Raum das neue Format. Und Schreiben, ist neben Geldüberweisen (eines automatischen Subjekts), immer noch wichtigste Betätigung im virtuellen Raum.
    .
    Irgendjemand sagte einmal: wer schreibt, lebt nicht. Vielleicht ist da was dran?

  28. @devin08
    Möchte man lieber...

    @devin08
    Möchte man lieber Nikos Kazantzakis sein oder Georgios Sorbas, aus dem Kazantzakis dann seinen Alexis Sorbas gemacht hat? Beides, natürlich. Eine Fußballmannschaft an Kindern zeugen, am Meer tanzen, trinken können wie drei Seeräuber und dann darüber schreiben können mit buchhalterischer Genauigkeit.
    Gottseidank sind wir nicht zu solchen Entscheidungen gezwungen.

  29. Nur das Genie wird dazu...
    Nur das Genie wird dazu gezwungen
    .
    Oh, es gab da zum Beispiel noch den Hemingway, auch so ein patriarchalisches Urvieh. Seine Masche war, das Beste zu zerstören, um das, was übrig blieb, als fixierte Realität für einen Moment den wahren Realität entgegen setzen zu können, der wahren Realität also für einen Moment den Zauber zu nehmen. Die geschriebene Fiesta dürfte definitiv besser sein als jede nur denkbare erlebte. Ich glaube, dass Hemingway hochgradig manisch depressiv war, wenn nicht gar schizophren. Seine Helden sehen für mich aus, als wären sie abgespaltene Seiten seines Selbst. Der sich selbsthassende Liebhaber, der Chauvinist und Frauenversteher. Und nicht zuletzt der saufende, also nicht wirklich bewusst-wache Schriftsteller.
    .
    Und zugrunde gegangen ist er vermutlich daran, dass er in seinen Werken das Leben fixieren wollte, gleich so, als müsste man das wahre Leben töten, letztlich sein eigenes dann. Was ihm aber nie wirklich gelang, es sein denn in den Massen an sinnlos getöteten Kreaturen, und dann mit seinem Selbstmord. Ein Van Gogh der Literatur also. Einer der die Worte, nicht die Farben, das Licht so festzuhalten hoffte, als wären sie die einzige Realität. Als er nicht mehr schreiben wollte oder konnte, musste er diesen Zombie töten, um zu vermeiden, dass das Leben doch noch stärker wird als seine Literatur, sein wahnhaftes Nichtleben.
    .
    Wir werden also sehr wohl gezwungen zu solchen Entscheidungen, aber nur, wenn wir ein solches Genie sind.

  30. Nur das Genie wird dazu...
    Nur das Genie wird dazu gezwungen (Korrektur: das andere hat zu viele Fehler)
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    Oh, es gab da zum Beispiel noch den Hemingway, auch so ein patriarchalisches Urvieh. Seine Masche war, das Beste zu zerstören, um das, was übrig blieb, als fixierte Realität für einen Moment der wahren Realität entgegen setzen zu können, der wahren Realität also für einen Moment den Zauber zu nehmen. Die geschriebene Fiesta dürfte definitiv besser sein als jede nur denkbare erlebte. Ich glaube, dass Hemingway hochgradig manisch depressiv war, wenn nicht gar schizophren. Seine Helden sehen für mich aus, als wären sie abgespaltene Seiten seines Selbst. Der sich selbsthassende Liebhaber, der Chauvinist und Frauenversteher. Und nicht zuletzt der saufende, also nicht wirklich bewusst-wache Schriftsteller.
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    Und zugrunde gegangen ist er vermutlich daran, dass er in seinen Werken das Leben fixieren wollte, gleich so, als müsste man das wahre Leben töten, letztlich sein eigenes dann. Was ihm aber nie wirklich gelang, es sei denn in den Massen an sinnlos getöteten Kreaturen, und dann mit seinem Selbstmord. Ein Van Gogh der Literatur also. Einer der die Worte, nicht die Farben, das Licht so festzuhalten hoffte, als wären sie die einzige Realität. Als er nicht mehr schreiben wollte oder konnte, musste er diesen Zombie töten, um zu vermeiden, dass das Leben doch noch stärker wird als seine Literatur, sein wahnhaftes Nichtleben.
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    Wir werden also sehr wohl gezwungen zu solchen Entscheidungen, aber nur, wenn wir ein solches Genie sind.

  31. @Devin08
    Hemingways großes...

    @Devin08
    Hemingways großes Thema war die Angst. Das Überwinden der Angst durch Krieg, Jagd, Stierkampf, durch Todesnähe eben. Eine Scheinlösung, wie er vermutlich selber einsehen musste. Man kann die Seele halt nicht abhärten.

  32. Die Quelle der Angst
    Die Rolle...

    Die Quelle der Angst
    Die Rolle des Boxkampfes verweist da auf ein Schlüsselerlebnis. So sei er in seiner Jugend zunächst immer ein schwächlicher Kerl gewesen, der oft Schläge von seinen Mitschülern hat einstecken müssen. So erlernte er das Boxen. Und ich denke, dass die Angst, die da zu überwinden gesucht wird, nämlich durch jedes nur denkbare Abenteuer, noch eine zweite Seite enthält, eine verborgene, nämlich die nach den verleugneten Gründen der Angst (die dem Feind mehr bewusst sind, als einem selber, daher sucht man dessen Nähe). Manche gehen da zu einem Psychotherapeuten, andere therapieren sich selber, oder versuchen es wenigstens. Und wieder andere werden gefahrensüchtig. Hemingways nahezu infantile Art mit Frauen umzugehen, sie beherrschen zu wollen, und doch sich vor ihnen zu demütigen, zeigt von welcher Art, welcher Quelle, seine Angst ist. Und eben diese hemingwaysche Quelle verweist auf ein Patriarchat, das nicht tot zu kriegen ist. Und der Nihilismus, die Realitätsverweigerung, der Wunsch diese tot zu machen, ja der Todeswunsch selber, ist die damit konferierende ideologisch-philosophische Matrix. Gewöhnliche Menschen begnügen sich damit das Format zu wechseln, ein kleineres, bzw. ein virtuelles, gehen der Gefahr aus dem Weg.

  33. Herrlich! Also ich hab mich...
    Herrlich! Also ich hab mich schon lange nicht mehr beim lesen so amüsiert wie gerade. :D

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