Deus ex Machina

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Liebe, Netz und Zärtlichkeit

| 18 Lesermeinungen

Zärtlicher Körperkontakt ist außerhalb von Paarbeziehungen tabu. In der Netzkultur ist kuscheln hingegen auch in Freundschaften erlaubt: vertraute Kommunikation kommt in der virtuellen Welt selten ohne Küsse und Umarmungen aus.

Nirgends hin / als auff den Mund /
da sinckts in deß Hertzens Grund.
Nicht zu frey / nicht zu gezwungen /
nicht mit gar zu fauler Zungen.
So wolle er geküsset seyn.

 

Morgen bin ich definitiv erkältet. So oft, wie ich am heutigen Vormittag schon geknuddelt, abgeknuscht und liebkost wurde, behalte ich meine blühende Gesundheit nicht für mich. Eines der Lausemädchen in meiner Twitter-Timeline wird mir die erste Herbsterkrankung auf die Wange hauchen. In Wahrheit freut es mich.
Während all diese Liebesbekundungen mich in der keimfreien Welt des Netzes umarmen, beobachte ich das Treiben verzückt und in sicherer Entfernung hinter der Scheibe meines Rechners. Das Netz ist nicht nur ein üppiger Spielplatz für das Pornographiepublikum, auch der liebesbedürftige Mensch an der Maus kommt auf seine Kosten. In E-Mails, auf den Pinnwänden sozialer Netzwerke, in Tweets und in Blogeinträgen verteilen die Autoren munter Herzen, Liebe, Hugs and Kisses.

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Die Kommunikation in getippten Küssen in der virtuellen Welt bewahrt dort eine Kulturtechnik der Beziehungspflege zwischen Menschen, die in der körperlichen Welt stark zurückgedrängt wird: das zärtliche Miteinander. Die Publizistin Antje Schrupp beschreibt in ihrem Text „Mehr Körperkontakt! Über das Tabu, zärtlich zu sein“ das Fehlen der körperlichen Ausdrucksmöglichkeit von liebevollen und wertschätzenden Beziehungen außerhalb von Paarbeziehungen. Doch nicht nur in Familien und Freundschaften wird diese Form der nonverbalen Kommunikation zu selten gewählt. Die zarte körperliche Ebene in Paarbeziehungen wird in der Öffentlichkeit vorrangig von jungen, heterosexuellen Paaren gelebt. Schon Paare mittleren Alters verzichten oftmals auf Berührungen, die über Händchenhalten hinausgehen; homosexuelle Paare sind selbst in Großstädten Anfeindungen ausgesetzt, wenn sie ihre Liebe zu erkennen geben.

Das Beschneiden von zwischenmenschlicher Kommunikation um die Komponente der sanften Körperlichkeit wirkt nicht nur bei Kindern und Jugendlichen auf das Erlernen von Sexualität und Partnerschaft, auch Erwachsene werden in ihrem Artikulations- vermögen von Emotionen eingeschränkt. Erlernte und natürliche Verhaltensweisen haben zudem eine Neuinterpretation erfahren, die Menschen zwingt, diese zu unterdrücken. Berührungen in platonischen Freundschaften unterstellen sexuelle Beziehungen und können zu Eifersucht führen. Eltern, insbesondere Väter, müssen den Körperkontakt mit ihren Kindern stets an Augen messen, die pädophile Neigungen im Umgang miteinander erkennen könnten.

Während der Umgang miteinander im Alltag also vielfach verhaltener und distanzierter wird, ist die digitale Kommunikation in ein schäumendes Gefühlsbad eingetaucht. Emoticons sind dabei vielleicht die scheusten, aber auch die altgedienten Vertreter ihrer Art: sie haben nahezu den Rang von Satzzeichen erlangt, und übersetzen nun die emotionale Intonation und Mimik in die Schriftsprache. Obgleich der Gebrauch von Emotiocons eine Geschmacksfrage bleibt, sie werden von allen Altersgruppen von Internetnutzern gebraucht und finden nicht nur Verwendung in freundschaftlicher Kommunikation. Auch in einem eher formalen Schriftverkehr unter Kollegen finden sie bisweilen Einsatz, da sie ähnlich der Gestik und Mimik auch unterbewusst getippt und abgeschickt werden.

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In sozialen Netzwerken sind die Angaben über das Gefühlskonstrukt gegenüber einer anderen Person, das wir Beziehung nennen, ähnlich standardisiert wie Emoticons: der Beziehungsstatus. Hier können Nutzer ihrer Liebesbeziehung ein Label verleihen und sich mit der betreffenden Person in diesem Netzwerk verknüpfen. Obgleich der Informations- und Gefühlsgehalt von verliebt, verlobt, verheiratet oder „es ist kompliziert“ zunächst gering erscheint, die Etablierung der Bekenntnis zu einer Beziehung im Netz hat den Weg dafür geebnet, dass das Internet zu einer wichtigen Plattform für den Austausch von Gefühlen geworden ist.
Die vorgegebenen Auszeichnungen für Beziehungsarten sind zugleich von den Nutzern ihres spröden Charms beraubt worden und können neue Bedeutung entfalten und Gefühlen Ausdruck verleihen: so geben Partner – vielleicht erst frisch verliebt oder noch lange nicht im Alter für den Traualtar – ihren Beziehungsstatus als „verheiratet“ an. Trennungen kündigen sich über den Umschwung des Status auf „Single“ an und suchen mit dieser neu verkündeten Freiheit die nächste Liebschaft. Aber auch platonischen Freunden steht es offen, ihrer Freundschaft über eine Verpartnerung im Netz eine Gewichtung zu verleihen. Die wachsende Anzahl von Eheschließungen auf den Seiten von Facebook würde Anhänger traditioneller Familienbilder erfreuen. Doch die große Mehrheit dieser Hochzeiten manifestiert lediglich eine enge Freundschaft in der Virtualität.

Doch das viel größere Denkmal, das dem Kosmos von Liebe, Sex und Zärtlichkeit im Netz errichtet wird, ist der Einzug der körperlichen Liebesbekundung in der öffentlichen Kommunikation zwischen befreundeten Menschen, die trotz ihrer engen Verbundenheit den tatsächlichen Körperkontakt meiden, um ihre Gefühle füreinander kund zu tun. „Liebe Grüße“ in Mails und in Gästebüchern ist im Gebrauch unter Freunde die kalte Schulter der Grußformeln. Im Netz werden unablässig 1.000 dicke Küsse verschickt, hier wird fest umarmt, gekrault und geknuddelt, Kuschelbedürfnisse ausgesandt. Zärtlichkeit wird nicht verhüllt, Liebesbekundungen werden zu Dutzenden an die Pinnwände in sozialen Netzwerken genagelt. Ganz frei, ganz ungeniert und so gar nicht monogam. Dieses Phänomen ist nicht allein eine Jugendbewegung. Küsse für alle: vielleicht ist dieser Tabu-Bruch die schönste Seite der Sharing-Kultur im Netz.

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Unmut und Agressionen finden ihren weg oft über Worte ins Netz. Es lohnt darüber nachzudenken, welche Schlüsse über die Absender getroffen werden können, die ihre Botschaften mit überbordenden Zärtlichkeiten füllen, die für den nüchternen Beobachter fast kitschig und übertrieben klingen – doch auch bereit zu geben und vor allem: hungrig.
Ein Kashmir-Pullover, das Tätscheln des Schoßhundes und die Luftküsse vor dem Café kompensieren nun einmal nicht, was ein soziales Wesen zum Wohlfühlen braucht. Auch das ins Netz getippte Gruppenkuscheln kann und wird das nicht ersetzen. Doch dass das körperliche Vokabular sich nicht ganz, sondern nur ins Netz verabschiedet hat, lässt gute Hoffnung, dass wir es von dort auch wieder hinaus auf die Straße locken können. Oder zunächst auf das Sofa des Videoabends unter Freunden und Familie.

Komplexe Gefühle in der Schriftsprache auf ein Emoticon, einen Beziehungsstatus oder eine digitale Umarmung zu reduzieren, mag dem Netz angemessen sein, für eine Liebe oder Freundschaft ist das zu einfach. Noch einfacher und zudem viel schöner ist es hingegen, die Umarmung nicht für die virtuelle Welt zu konvertieren, sondern ganz ungestüm und mit beiden Armen an die Frau oder den Mann zu bringen.

Fasst euch ein Herz. <3

 

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18 Lesermeinungen

  1. Das lässt sich doch alles...
    Das lässt sich doch alles noch viel weiter standardisieren – ich weiß gar nicht, warum manche Leute behaupten, das mit den Gefühlen sei kompliziert: http://en.wikipedia.org/wiki/Emotion_Markup_Language

  2. Ach wie herzig ;-) Ich bin...
    Ach wie herzig ;-) Ich bin entzückt! Und sende Bussi and die göttliche Maschine Internet :-*
    Interessant und ich musste sie tatsächlich erst lernen, diese Emoticons. Hat sich dadurch mein Verhalten in der realen Welt geändert? Spontan würde ich sagen: Nein. Ich kann jedoch mal länger darüber nachdenken, vielleicht erziele ich dann eine andere Antwort.

  3. knuddel <3<3...
    knuddel <3<3

  4. @nnier Ich würde in den...
    @nnier Ich würde in den nächsten Ferien einen Kurs buchen. Bei Ihnen vielleicht?

  5. Was einmal wieder zeigt, dass...
    Was einmal wieder zeigt, dass der einfachste Weg der beste Weg ist, den ich zumindest gerne beschreite, ohne konvertieren zu müssen. Emoticons schenke ich mir dennoch nicht – warum auch? Es ist wohl eher ein Mehr als ein Ersatz. Man sollte nur damit umgehen können. An dieser Stelle dann auch ein <3 an meine Liebste.

  6. <3...
    <3

  7. Ich hoffe Sie schreiben einmal...
    Ich hoffe Sie schreiben einmal ein Buch darüber. Das Anprangern der Wirkungen der Moderne und die Entgleisungen der Jugend sind doch vorrangig das, was die Erwachsenenwelt wahrnimmt und kommentiert. De „fröhliche Journalismus“ ist stärker vom Aussterben bedroht als der sibirische Tiger.

  8. Liebe Violandra, ich fürchte,...
    Liebe Violandra, ich fürchte, dass mein inneres Ja-nein-doch-vielleicht-kannsein heutige Betriebssysteme noch überfordert. Außerdem bin ich hoffnungsloser Emotions- .oder zumindest Emoticons-Analphabet, denn bis ich eben mal nachgesehen habe, hielt ich „Kleiner als drei“ für das Halbportrait einer Dame mit spitzgiebeliger Frisur.

  9. Zwei Anmerkungen, eine zum...
    Zwei Anmerkungen, eine zum Netz, eine zum IRL-Verhalten:
    – Netz: Ich vermute, daß hier die angloamerikanische Kommunikationskultur Einfluss ausgeübt hat. In Emails ist ja in den USA „Dear Mr. Berger“ schon die förmlichste Anrede, die man verwenden kann, während in Deutschland „Lieber Herr Berger“ für jeden, der sich noch nicht an diesen Standard gewöhnt hat, ziemlich irritierend klingt. Auch die unterschiedliche Konnotation des Wortes „Love“ ist ja bekannt.
    – Zum körperlichen Verhalten nur die Anekdote, daß Sie in Russland, wenn Sie zu zweit bei Regen unterwegs sind, und nicht einen Schirm teilen, sondern zwei verwenden, als nachgerade verfeindet wahrgenommen werden. Stimmt schon, daß das im Westen etwas vorsichtiger geworden ist.

  10. Werter Herr Berger, dass die...
    Werter Herr Berger, dass die angloamerikanische Kommunikationskultur hier Einfluss genommen hat, sehe ich ähnlich, besonders in der Jugendsprache. Teenager hören nun einmal lieber englischsprachige Popmusik als beim Musikantenstadl mitzusingen. Und das meine ich keinesfalls so negativ, wie die Guttenberg-Gattin es in dieser Woche darstellte. Es gibt viel Vokabular, das man im Englischunterricht nicht erlernt und dennoch braucht, und kreativer Umgang mit der englischen Sprache schadet nicht. Dass Grußformeln ansonsten so sehr standardisiert sind und viele Kontakte nur eine einzige gebrauchen, ist doch sehr schade, ist es doch der letzte Satz den man liest. Ein Mitglied meiner Familie vergisst fast jedes Mal das voreingestellte „Mit freundlichen Grüßen“ zu editieren. Da würde ich mit größerer Freude sogar ein „Pass auf dich auf“ oder „Putz dir die Zähne“ entgegen nehmen.

  11. Für Christine O'Donnell...
    Für Christine O’Donnell fällt das hier Geschilderte sicherlich unter Sünde. Man hört, vom Küssen auf Myspace können die Teenager schwanger werden und das, bevor auf twitter die ersten Heiratsanträge gestellt wurden. Nun raten Sie doch nicht, die digitale Knuddelei wieder ins Reallife zu verlegen. All diese Teenagerschwangerschaften. Andererseits raten hier ja durchgeknallte Autoren, möglichst unter 30 die Bälger in die Welt zu setzen. Ran an die Prämie.

  12. @Violandra Temeritia von...
    @Violandra Temeritia von Ávila
    Kuschel, gar Liebe im Netz?
    Womöglich noch hinter einem nickname versteckt?
    Wie naiv kann man sein?

  13. Es wertet die Liebe herab das...
    Es wertet die Liebe herab das Vokabular der Zuneigung in solch inflationärem Maße zu gebrauchen. Wertschätzende Beziehungen außerhalb von Paarbeziehungen können durchaus ohne zu viel Körperkontakt und mit angemessenen Worten zum Ausdruck kommen. Zudem sehe ich nicht, dass Körperkontakt per se verpönt wäre. Umarmungen und Begrüßungsküsse sind auch in losen Freundschaften in vielerlei Gruppen Gang und Gebe. Kritisch sehe ich, dass Eltern einen distanzierteren Kontakt zu ihren Kindern wählen und das Nacktsein zuhause tabu ist. Nicht gegenüber von Liebe, zu ihrem Körper entwickeln Kinder ein eventuell gestörtes Verhältnis, das später in Problemen in körperlichen Beziehungen resultieren kann.

  14. @mw1978 Wenn in der Sprache...
    @mw1978 Wenn in der Sprache noch durchschlägt, dass man auch abseits von Liebesbeziehungen starke Gefühle empfinden kann, ist das aus meiner Sicht etwas, dass Abstumpfung vorbeugt und zeigt, dass wir nicht völlig erkalten. Vielleicht verhält es sich dann sogar so wie tatsächliche Berührungen, die helfen, Beziehungen zu erhalten und zu vertiefen. Eine These die womöglich Menschen gefallen könnte, die sich um die Übersexualisierung unserer Jugend sorgen:wäre es normaler, dass man sich außerhalb der Arme des Partners geborgen fühlen kann, müsste diese Geborgenheit nicht in sexuellen Beziehungen gesucht werden. Sex in zu jungem Alter, oder auch das permanente Stürzen in neue Betten, egal wie oft die Beziehungen schiefgehen, mag auch etwas damit zu tun haben, dass wir nicht mehr wissen, wie das Bedürfnis nach Geborgenheit anders gestillt werden kann.

  15. Ein Thema, das sich nicht zur...
    Ein Thema, das sich nicht zur Diskussion in der allseits beliebten Sauna eignet, da es verraten würde, dass der Umgang mit Körperlichkeit, Nackheit und Sex nichts mit einer rationalen Denke zu tun hat. – Eine Begegnung die mir noch immer frisch in Erinnerung ist, da eher unbehaglich, war als ein ehemaliger Chef zu meinem Abschied darauf bestand mich zu umarmen, obwohl wir nach jahrelanger Zusammenarbeit immer noch beim „Sie“ waren, und ein absoluter Mangel an Wertschätzung, die sich im beruflichen nun einmal über Worte transportiert, herrschte. Sollte die Wertschätzung über das Internet verstärkt in die Sprache schwappen oder das ( Business )English mit love, hugs, kisses und likes abfärben, kann ich eine häufige Auseinandersetzung mit dem Internet im Beruf nur gutheißen.

  16. @Magritte, Sie schneiden eine...
    @Magritte, Sie schneiden eine schöne Thematik an. Sprache kann Wertschätzung sicherlich ohne „Küsse“ transportieren, im beruflichen Kontext – zumindest aus dem, was mir in einigen Unternehmen an Schriftverkehr zu Gesicht kam – kann über das Stellen kleinster Schrauben schon viel getan werden. Es müssen nicht die „lieben Grüße“ sein. Ich habe festgestellt, dass allein eine Du- oder Sie-Kultur schon gewaltig auf Unternehmen abfärben kann. Ein generelles Duzen in Unternehmen kann aus meiner Sicht Hürden in der Kommunikation abbauen. Ja, drückt das Anbieten eines „Dus“ nicht sogar Wertschätzung aus? Anzumerken wäre noch, dass das Siezen in Paarbezieungen ja durchaus existierte.

  17. Die Sie-Kultur in diesen Blogs...
    Die Sie-Kultur in diesen Blogs gefällt mir auf eine Weise. Von jedem möchte ich im Netz nun nicht geduzt werden. An Gentlemen mangelt es hier mit Sicherheit.

  18. Naja, ob das Anbieten eines...
    Naja, ob das Anbieten eines „Du“ eine Wertschätzung oder eine quälende Zumutung ist, hängt sehr vom Verhältnis der Personen untereinander ab… so nach meinen bisherigen Erfahrungen würde ich mal sagen, das war mindestens fifty-fifty, eher noch mehr zuungunsten des „Du“. Es gibt nicht so arg viele Leute, die ich Duzen möchte. Mir ist das für die Öffentlichkeit zu vertraulich. Das Siezen steht der Wertschätzung in keiner Weise entgegen, vorschnell-plumpem Antatschen schon.

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