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Der Traum von der Sichtbarkeit

20.09.2010, 08:30 Uhr  ·  Man muss kein großer Denker sein, um zu merken, dass „Deutschland sucht den Superstar“ niemanden anderen reich gemacht hat als RTL, Simon Fuller, den Erfinder des Konzepts, und mit Abstrichen Dieter Bohlen. Dennoch meldeten sich 2010 so viele zum Vorhampeln wie nie zuvor, 35000 Menschen. Es ist natürlich möglich, dass sie alle zu rückstandslos enthirnt sind, als dass sie begreifen könnten, dass DSDS nicht der Weg zu Geld und Ruhm ist. Aber wahrscheinlicher ist, dass sie ihrem Wertesystem zufolge ganz genau richtig handeln.

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Nach Paris Hilton wird in Deutschland Google trends zufolge etwa siebenmal so häufig gesucht wie nach Angela Merkel. Am häufigsten in diesen zehn Städten: 1. Meschede, 2. Offenburg, 3. Wesel, 4. Würzburg, 5. Bayreuth, 6. Koblenz, 7. Heilbronn, 8. Erfurt, 9. Aachen und 10. Duisburg.

Zwei Mal sind bisher Sextapes mit Paris Hilton erschienen. Beim ersten Mal veröffentlichte ihr Ex-Freund Rick Salomon das private Video, das ihn mit der zum Entstehungszeitpunkt gerade einmal neunzehnjährigen Hilton zeigt, zunächst zum Download im Internet und schließlich als „One Night in Paris“ auf DVD (2005 waren die Aufnahmen weltweit das meistverkaufte Pornovideo). Die nächsten Filme konnten 2007 erscheinen, weil Hilton die Raten für ein Lagerhaus, in dem sie ihren Krempel auf 450 Quadratmetern aufbewahrte, nicht zahlte. Daraufhin wurde alles versteigert, die Käufer digitalisierten jedes Fitzelchen, das digitalisierbar war, von Krankenakten bis hin zu Babyfotos und veröffentlichen die Daten auf parisexposed.com. Unter dem gigantischen Haufen Wohlstandsmüll fanden sich auch – wie erhofft – einige Nacktaufnahmen und eine Reihe von Videos, die Paris Hilton koksend, kiffend und badend zeigten.

Bild zu: Der Traum von der Sichtbarkeit

Screenshot: Bing Bildersuche

Man kann sich vorstellen, dass die Veröffentlichung des ersten Films eine Demütung war für Paris Hilton. Es ist daher ein bizarres Schauspiel, was auf den Videos von 2007 zu sehen ist: Unablässig versucht der damalige Freund, Paris Hilton nackt zu filmen. Er filmt sie in der Badewanne, fordert sie wieder und wieder auf, sich ganz zu zeigen, folgt ihr, als sie sich ein Badetuch umwickelt, hält die Kamera drauf, als sie sich nach vorne beugt. Morgens steht er mit der Kamera vor ihr und zieht ihr die Bettdecke weg, sie wehrt sich und hält die Decke mit ihren Beinen umklammert, damit er sie nicht vollständig nackt filmen kann. Wie auch im Film mit Rick Salomon zeigt Paris Hilton nicht den leisesten Hauch von Würde. Sie wird drangsaliert, sagt, dass sie es nicht möchte, aber lächelt. Immerzu lächelt sie. Und sie sagt, dass sie sich zu hässlich fühle, um gefilmt zu werden. Schon in „One Night in Paris“ kommentierte Salomon, vor einem Bildschirm sitzend, eine Szene, in der Hilton ihre Brüste filmt, mit den Worten: „Sie fand, dass ihre Brüste bei den ersten Aufnahmen schlecht aussahen und hat sie deshalb noch einmal aus der Nähe gefilmt.“ Im Myspace-Winkel.

Diese ja immer noch sehr junge Frau, von der die ganze Welt weiß, wie sie mit Ejakulat im Gesicht aussieht, dieses arme reiche Mädchen, deren Partner von nichts anderem besessen sind, als sie auf Video aufzunehmen, weil dann ein Haufen Kohle winkt und der Triumph, ein Mädchen, das für die Anwesenheit auf einer Party 100000 Euro Gage erhält, dokumentierbar beschlafen zu haben, diese fleischgewordene Verunsicherung, diese Sackgasse der Emanzipation: Sie ist das größte aller Idole zwischen Meschede und Palermo, zwischen Offenburg und Rockdale County.

Bild zu: Der Traum von der Sichtbarkeit

Aber was macht Hilton zum Idol? Allein ihre Allgegenwart.
Ihre Fans erzählen ihr, was sie bewegt und zwar in der Art, wie man einer Heiligenfigur etwas erzählt, die Heilige muss nicht anwesend sein, es muss nur irgendwo im Netz ein Foto von Paris sichtbar werden und schon finden sich Einträge wie dieser:

„Also liebe Paris Hilton ich suche auch. Aber eben einen Menschen der mich so nimmt wie ich bin. Ich mache für den Menschen der mir am Herzen liegt alles möglich was mir Menschen möglich ist. (…) Und schenke ihr mein Herz bis an mein Lebensende.“
18071965ingo

(Im Netz wird wirklich an den seltsamsten Orten nach ein wenig Zuneigung gesucht.) Und doch wähnen sich die Fans auf Augenhöhe mit ihr:

„hey paris hir is wieder mal stella wir kennen uns ja schon ein bischen aus berlin münchen un natürlich aus new york ich bin zwar erst 12 aber du weisst ich bin schon sehr sehr schlau un liebe dich ganz doll lass dich nie unterkriegen un mach dein ding weiter du hast mich als fan immer (…) deine STELLA“
Stella

Und sie machen sich Gedanken um sie:

„Ich finde Paris sollte ruhig modeln, sie ist sexy und sehr mutig, wenn man Pornos ins Netz stellt, ist man total mutig.“
Sarah

Es spricht nicht viel dafür, dass Sarah eine Meisterin der Ironie ist. Sie interpretiert vielmehr die Ereignisse, die zur Veröffentlichung der Hilton-Pornos führten, auf eine Weise fehl, die eine Parallele zu dem Phänomen der Castingshows hat.

Cast out

Man muss kein großer Denker sein, um zu merken, dass „Deutschland sucht den Superstar“ niemanden anderen reich gemacht hat als RTL, Simon Fuller, den Erfinder des Konzepts, und mit Abstrichen Dieter Bohlen. Der erste Superstar Alexander Klaws hielt sein Gesicht in einer Seifenoper vor die Kamera, eingeklemmt zwischen Werbeblöcken für Pickelcreme und Klingeltöne, mittlerweile gibt er immerhin den Tarzan im gleichnamigen Musical. Die anderen Gewinner haben es nicht so weit gebracht. Oder kennen Sie Elli Erl? Dennoch meldeten sich 2010 so viele zum Vorhampeln wie nie zuvor, 35000 Menschen.
Es ist natürlich möglich, dass sie alle zu rückstandslos enthirnt sind, als dass sie begreifen könnten, dass DSDS nicht der Weg zu Geld und Ruhm ist. Aber wahrscheinlicher ist, dass sie ihrem Wertesystem zufolge ganz genau richtig handeln. Denn für das jugendliche Medienfutter ist es ein Wert an sich, sichtbar zu sein. Wenn ihr Auftritt vor der Jury tatsächlich im Fernsehen gezeigt wird, dann sind sie schon erwählt. Ich denke nicht, also sendet mich.

Bild zu: Der Traum von der Sichtbarkeit

Was für den noch einigermaßen traditionell sozialisierten Betrachter eine unfassbare Demütigung darstellt, ist für die Bewerber ein Triumph des Minutenruhms. Menderes, ein trauriger junger Mann mit Kastratenstimme, der bisher in jeder Staffel sein Glück versucht hat und jedes Mal von Neuem beschimpft und verhöhnt wird von der Jury, wird in der wartenden Menge abgeklatscht, er wird umringt von den Unbekannten, die er überragt, denn er ist wer, sie kennen seinen Namen, ihren kennen nur ein paar Klassenkameraden in Meschede. „Menderes ist Kult“, sagte ein Mädchen, das aussieht wie Bastian Schweinsteiger, in die RTL-Kamera.

Die BILD, die dem Spektakel symbiotisch verbunden ist, zitierte den Serien-Entehrten: „Ich bin noch kein Millionär, aber auf dem besten Wege dahin. Seit 2007 lebe ich nur von DSDS.“ Dann zählt Deutschlands größte Prominentenschlachterei Menderes´ Erfolge auf:

„90 Bühnenauftritte absolvierte der Deutsch-Türke 2009 (Gage pro Auftritt ca. 2000 Euro). Außerdem hat er pro Woche 20–30 Anfragen für Auftritte auf Privatpartys, Hochzeiten usw. (Gage jeweils um 1000 Euro). Dazu kommen Einnahmen aus TV-Auftritten (29 allein in 2009) und dem Fan-Shop (CDs, T-Shirts).“

Aufmerksamkeit ist Währung. Für die einen tatsächlich bare Münze, für die anderen nur ein narzisstischer Gewinn. Mit Anerkennung im eigentlichen Sinn hat dieser Drang nach Aufmerksamkeit nichts zu tun, den Narzissten ist es ganz gleich, womit sie die Aufmerksamkeit erreichen. So ist Paris Hilton unfreiwillig Spiegelbild unserer Zeit geworden. Bloß ist sie reich und wir sind arm. Aber Liebe findet sie so wenig wie 18071965ingo oder Menderes. Wenn Aufmerksamkeit eine Währung ist, dann ist Zuwendung ein Lottogewinn. Und den gibt man nicht gern her.

 
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (28)
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Ich weiß nicht, wie Paris...

Ich weiß nicht, wie Paris Hilton mit Ejakulat im Gesicht aussieht und der Name Menderes hat mir bis vor zwei Minuten auch nichts gesagt. Es muß toll sein, sich wegen ein bißchen Reflexionsfähigkeit soviel besser als der Pöbel zu fühlen. Am Ende ist man aber doch nur ein Voyeur.

0 NicanderAvonSaage 20.09.2010, 10:48 Uhr

@drikkes Es geht nicht darum,...

@drikkes Es geht nicht darum, sich über irgendjemanden zu erheben, es wäre allerdings dünkelhaft, Popphänomene überhaupt nicht wahrzunehmen. Das erinnert mich an einen SZ-Leserbriefschreiber, der mit gewissem Stolz verkündete, Madonna nicht zu kennen. Der Mann war Lehrer.

Der nachgeschobene...

Der nachgeschobene "Myspace-Winkel" zum Absatzende oder Sätze wie "Es spricht nicht viel dafür, dass Sarah eine Meisterin der Ironie ist." kommen bei mir als Leser jedenfalls einigermaßen herablassend an. Und Madonna mit Menderes zu vergleichen, halte ich - mit Verlaub - für unverhältnismäßig. Nun gut, am Ende Geschmackssache. Aber woran liegt es denn, daß RTL mit DSDS soviel mehr Geld scheffelt als die in ebendieser Sendung reihenweise verbratenen Kandidaten? Ich meine, zu einem nicht unwesentlichen Teil genau daran, daß Leute Spaß daran haben, sich über die Show und ihre Mitwirkenden lustig zu machen. Das sind keine Fans, sondern im Zweifelsfall auch so abgeklärte, sich auf die eigene Schulter klopfende, selbstverstandene Digital Natives , die in zynischen Tweets über das Unterschichtenfernsehen herziehen. Sie tragen letztlich mit zum Erfolg von Shows wie "Bauer sucht Frau" bei. Denn RTL ist es egal, wer aus welchen Gründen ihre Sendungen einschaltet.

Hhm... Nicander, ich nehme...

Hhm... Nicander, ich nehme das, was Sie Popphänomene nennen, auch war, allerdings nur irgendwo ganz am Rande, da ich keinen Fernsehapparat besitze. Madonna kenne ich noch aus den 80ern, die Frau macht wohl heuer immer noch Musik, oder nicht? Ich möchte drikkes insoweit zustimmen, als dass mich Ihre Ausführungen ob der Tatsache, dass Sie Ihre Zeit für das Sichten von Pornovideos vergeuden und nicht anders sinnvoll nutzen, freundlich gesagt, ein wenig befremden. Ihr V

0 NicanderAvonSaage 20.09.2010, 11:45 Uhr

@drikkes Dass Paris Hilton,...

@drikkes Dass Paris Hilton, die ja nun alles andere als Unterschicht ist, sich im Myspace-Winkel filmt, deute ich als Zeichen dafür, dass bestimmte Phänomene, selbst wenn man sich davon glaubt distanzieren zu können, die Gesamtgesellschaft erfassen. "Aufmerksamkeit als Währung" funktioniert ja nicht nur bei DSDS, längst wird einem doch von Unternehmensberatern geraten, einen Twitteraccount zu betreiben. Und natürlich, da stimme ich Ihnen zu, funktioniert DSDS als Distinktionsmerkmal der Mittelschicht. Aber die Idee, dass Sichtbarkeit ein Wert an sich ist, die findet sich wohl auch im mittelschichtsbetriebenen Web 2.0 nicht zu knapp.

0 NicanderAvonSaage 20.09.2010, 11:59 Uhr

@V Ich muss den Vorwurf, ich...

@V Ich muss den Vorwurf, ich würde meine Zeit mit dem Sichten von Pornovideos vergeuden, zurückweisen. Die Diskussion in femistischen Blog über das Sextape des ehemaligen Playmates Kendra Wilkinson ist äußerst lesenswert. http://womensrights.change.org/blog/view/whos_getting_off_on_the_sexual_coercion_in_kendra_wilkinsons_sex_tape http://jezebel.com/5550321/why-the-kendra-wilkinson-sex-tape-should-make-you-angry?skyline=true&s=i Auch in dieser Debatte wird das Video von Paris Hilton herangezogen. Wer als Autor bei als schmutzig geltenden Themen die Nase rümpft, dem entgeht einiges.

@drikkes Narzissmus ist mit...

@drikkes Narzissmus ist mit Sicherheit kein Phänomen der Unterschicht (hat da nicht gerade eine bekannte Frisur ein Buch geschrieben?). Ich kann nicht sehen, inwiefern sich Herr von Saage über den Pöbel erhebt.

0 NicanderAvonSaage 20.09.2010, 12:22 Uhr

@Anna Natürlich ist es das...

@Anna Natürlich ist es das nicht. Es empfiehlt sich, diesen kurzen Wikipediabeitrag ganz zu lesen. http://de.wikipedia.org/wiki/Selbstmarketing "Jede Person steht in ihrem sozialen Umfeld für eine Eigenschaft, eine Fähigkeit und das damit verbundene Wissen. Dieses gilt es, im Rahmen des Selbstmarketing herauszuarbeiten und bewusster (als bisher) zu unterstreichen." Und dann diesen Artikel bei thelastpsychiatrist: http://thelastpsychiatrist.com/2010/09/hot_sports_reporter_ines_sainz.html "As much as anyone wishes they could make everyone else accept the identity they've invented for themselves, the ugly existential truth is everyone has their own mind." Es wird zu einer Form der Manipulation aufgerufen, die nicht funktionieren kann. Denn so sehr man sich auch Mühe gibt mit dem Selbstmarketing, so sehr man den eigenen Wiedererkennungswert auch erhöht, die blöden anderen sind leider immer noch Subjekte mit eigenem Verstand.

Bester Nicander, ich habe...

Bester Nicander, ich habe lediglich mein Befremden kundgetan. Zu einem Vorwurf sah ich weder Anlass noch wäre ich berechtigt diesen zu äußern. In dem Wissen, dass mir viele Dinge entgehen von denen mein Wohl nicht abhängt, empfehle ich mich für heute. Ihr V

@Anna Was das Schreiben von...

@Anna Was das Schreiben von Büchern direkt mit Narzissmus zu tun hat, ist mir zumindest nicht augenfällig klar. Und wo, ich behaupte, er sei ein Phänomen der Unterschicht, müßten Sie mir einmal zeigen. @Nicander Zitat "Aber die Idee, dass Sichtbarkeit ein Wert an sich ist, die findet sich wohl auch im mittelschichtsbetriebenen Web 2.0 nicht zu knapp." Eben, doch meines Erachtens sogar noch einmal mehr an der Schraube gedreht. Es bildet sich nur so etwas wie eine regelrechte Sichtbarkeitspflicht aus, nein, das Ganze muß noch damit getoppt werden, daß man reflexhaft seine Meinung zu allem Sichtbaren über möglichst viele Kanäle verbreitet. (Wo Sie den Lehrer erwähnt haben: Wahrscheinlich auch, um der Außenwelt zu demonstrieren: "Seht her, ich bin up to date, meinem Aufmerksamkeitsradar entgeht nichts relevantes." Idealerweise: "Erster!") Habe dem Thema (apropos Selbstvermarktung) anläßlich der Reaktionen aus Sarrazin ein paar Zeilen gewidmet. http://drikkes.com/?p=1557

0 NicanderAvonSaage 20.09.2010, 13:03 Uhr

@drikkes Ich befürchte fast,...

@drikkes Ich befürchte fast, da sind wir nicht fürchterlich weit auseinander. http://www.michaela-von-aichberger.de/2010/09/trolls/ Was den Lehrer und Menderes angeht: Ich muss da zwischen mir als Schreiber und Zivilisten unterscheiden. Ich würde mir als reiner Privatmann beispielsweise niemals einer politische Talkshow anschauen, als Autor jedoch brauche ich eine ordentliche Dosis Hass. Oder ein anderes Beispiel: Ich würde in der Theorie die BILD nicht für möglich halten, hätte ich sie noch nie gelesen.

Doof nur, daß in Zeiten des...

Doof nur, daß in Zeiten des Internets fast jeder Autor ist. Ein paar schreiben bei faz.net, einige mehr schreiben auf eigenen Blogs und Twitter, ziemlich viele geben via VZs und FB Statusmeldungen von sich. So hat sich wenigstens der Kreis in Richtung Standesdünkel geschlossen.

@drikkes Ich würde zwar nicht...

@drikkes Ich würde zwar nicht sagen, dass das Schreiben von Büchern überhaupt nichts mit Narzissmus zu tun hat, allerdings wollte ich nur auf den berühmten Irokesenschnitt hinweisen, der ein gutes Beispiel für Narzissmus in der Mittelschicht ist. Und dieser Irokesenschnitt hat doch kürzlich seinen ersten Roman veröffentlicht. Worum es darin geht, weiß ich zum Glück nicht, ich musste es bisher nicht lesen... So, und ab jetzt wird es mir zu verfahren.

0 NicanderAvonSaage 20.09.2010, 15:11 Uhr

Das Verfassen von Büchern mag...

Das Verfassen von Büchern mag mit Eitelkeit zu tun haben, aber doch nicht mit Narzissmus. Ich kann da wirklich nur thelastpsychiatrist empfehlen, amüsanter bekommt man den Begriff nirgendwo erklärt.

0 ralf schwartz 20.09.2010, 17:54 Uhr

Schiebt diesen Post einfach...

Schiebt diesen Post einfach rüber zum Fernsehblog (http://faz-community.faz.net/blogs/fernsehblog/default.aspx). Denn da gehört er hin. (nach Diktat verreist)

0 Irgendwer 20.09.2010, 18:38 Uhr

Kann es nicht sein, dass der...

Kann es nicht sein, dass der ganze Rummel eher ein Phänomen der Entmenschlichung ist und es sich gar nicht um Aufmerksamkeit, sondern um pures Marketing handelt? Ein Mensch braucht Aufmerksamkeit von seinem Umfeld. Er braucht Anerkennung so sehr wie Tadel zur eigenen Orientierung. Nur hat dies doch nichts mit DSDS oder sonstigen "Aufmerksamkeiten durch Auffälligkeiten" zu tun. Aufmerksamkeit gehört zum Menschen, aber Marketing gehört zu Produkten, zu seelenlosen Objekten. Die Grenze zwischen Mensch und Objekt wird in unserer Gesellschaft nicht mehr gewahrt und scheinbar ist dies einigen schon zur Gewohnheit geworden. Ansonsten müsste man doch gegen diese Entwürdigung des Menschen rebellieren. Haben wir überhaupt noch Achtung vor dem Menschen und vor dem Menschsein oder warum merken wir nichts von dieser Vermarktung? Haben wir noch genug Achtung vor uns selbst? Dieser treffende Artikel macht mich sehr nachdenklich ... Anbei: Für ein Problem, dass nur einzelne Schichten betrifft, halte ich es nicht. Die Erscheinungsformen sind lediglich verschieden.

0 NicanderAvonSaage 20.09.2010, 20:39 Uhr

@Irgendwer Das ist genau der...

@Irgendwer Das ist genau der Punkt. Wenn alle anderen nur Statisten in meinem Film sind, dann sind sie eben nicht Subjekte. Einer der Knackpunkte, warum heute so viele Menschen Schwierigkeiten mit ihren Beziehungen haben: Der andere ist tatsächlich gar nicht dazu da, einen glücklich zu machen.

0 vernetztes Wort 20.09.2010, 20:56 Uhr

Inhalte lassen sich durch...

Inhalte lassen sich durch schlichten Hypertext, also vernetztes Wort am besten transportieren (nicht aber verkaufen), sicher hier und da ein Bild zu Illustrationszwecken, dafür aber braucht man kein RTL, kein Facebook, kein MySpace, keine "Bild" und keine "Super ILLU" all diese Dinge sind nur denkbar vor dem Hintergrund der Personalisierung von Inhalten, um den Preis ihrer Vereinfachung. Schauen wir uns einmal ein Foto von Paris Hilton(1) an, oder einen Porno(2): (1)Eine Frau steht in einem weissen Schulterkleid vor einer Wand. (2) Ein Mann schläft mit einer Frau. Inhaltlich war es das. Es kommt also nicht zu einer "Entmenschlichung" von Inhalten sondern zu einer "Vermenschlichung", denn erst wenn die Vermenschlichung einsetzt, kann zu den Bildern, die an sich nichts bedeuten, der Hype der Kontextuierung kommen, jenes überbordende sinnlose Palavern um nichts und wieder nichts. Zu meinem Bedauern ist auch der heutige Artikel von F.S. zu S. und M. hier ein Beispiel, längst geht es nicht mehr um das Buch des S. sondern um seine Folgen, je folgenloser das Buch ist, weil es banal ist, und inhaltlich dünn wie Seidenpapier, umso mehr scheinen Folgen herbeidiskutiert zu werden, die in der Realität nicht vorkommen. Verselbstständigung und Abkopplung - ein belibieger Fall wird zum Vehikel von Interessen. Eigentlich steckte dahinter vielleicht sogar mal die Idee der "Demokratisierung" von Inhalten, also sowas wie die alte Forderung an die "Tagesschau" sie solle weniger "Fremdwörter" benutzen, kürzere Beiträge machen. Tja, allerdings ist dieser Trend nur in eine Richtung gegangen, Demokratisierung der Medien wurde zur "Trivialisierung" aus dem "Bildungsauftrag" wurde der "Unterhaltungsauftrag". Die Intelektuellen Werkzeuge werden immer stumpfer, während die Situationen objektiv immer komplexer werden.

0 Irgendwer 20.09.2010, 22:02 Uhr

@ Nicander A. von Saage Ich...

@ Nicander A. von Saage Ich sehe das Ganze noch mehr unter dem Motto: "Was man nicht hat, kann man nicht geben." Es geht mir dabei also nicht nur darum, wie viel Würde ich anderen Menschen zugestehe, sondern auch um meine eigene Würde. Sehe ich mich selbst als ein Objekt des Marktest, dessen Wert fällt und steigt je nach "Konkurrenzprodukt", dann kann ich mich vielleicht daran ergötzen, wenn mir scheinbar "Minderwertigeres" präsentiert wird. Gutes Beispiel wäre wohl der Hype um Sarrazin. Oder habe ich Würde und das Menschsein in mir selbst und kann somit auch anderen Würde ganz selbstverständlich zugestehen und empfinde folglich Entwürdigendes als Graus. Also habe ich den schnöden Verdacht, dass Menschen, die andere als Objekte behandeln, selber zu einem Objekt heruntergewirtschaft oder gar zu einem Objekt verkommen sind, die nach "objektiver positiver Marktbewertung" trotz allen Glück verspüren können. Eventuell sind zwei der gleichen Sorte sogar in einer Beziehung glücklich, wenn diese sich gegenseitig den Ball zuwerfen: Du bist Elite - ich bin Elite. Wer weiß, ob es ihnen nicht zum Glücke gereicht? Und dann kommen diese dummen Wesen, die nach der Würde des Menschen fragen und wissen wollen ob die Elite auch elitär ist oder nur heiße Luft. Diese, Humankapitalverweigerer, die Menschen um ihrer selbst Willen lieben und achten und jedem Marktgesetz trotzen. Noch hat unsere Gesellschaft 2 Seiten, noch liegt die Würde des Menschen einigen am Herzen ... aber wie lange noch? Die Medien gehorchen jedenfalls dem Markt und behandelt ihre Statisten dementsprechend. Und genau dieses Bild wird der Gesellschaft regelmäßig gezeigt und es HAT WIRKUNG! Was Beziehungen angeht: Ich kann mir gut vorstellen, dass die Objekt-Subjekt-Sicht viel damit zu tun hat, ob eine Partnerschaft von Dauer ist. Doch halte ich die Erwartung von Glück und Ganzheit für einen Denkfehler auf der menschlichen Seite, der durch Lebenserfahrung ausradiert werden kann. Objektiv im Sinne des Marktes wäre hingegen die Wahl des Partners nach Status und nicht etwa Glück, sondern vielmehr nach Aufwertung der eigenen Person.

Gefällt mir gut, der Text....

Gefällt mir gut, der Text. Zur Diskussion mit drikkes: Ich glaube, wir müssen hier einen gewissen Widerspruch aushalten zwischen der kritischen Beschäftigung mit Phänomenen der "niederen Kommerz-Popkultur" und der Tatsache, dass wir dadurch irgendwie auch Teil dieser Maschinerie werden. Aber lieber mal ab und zu einen guten Text zu dem Thema schreiben als so zu tun, als gäbe es das nicht. . Was mir beim Lesen noch aufgefallen ist: Wie kann es sein, dass so viele Menschen zu Leuten wie Paris aufschauen? Jeder "Star" hat doch eine Message... Die heutigen Stars (Paris, Gaga etc.) sagen uns: whore-out, sell-out, play the ugly game, and you gonna make it... Eigentlich war's doch mal anders: Be true to yourself, do your thing no matter what, practice hard and eventually you gonna make it (das gilt selbst noch für Madonna...)

0 NicanderAvonSaage 21.09.2010, 07:50 Uhr

@lukeman Ich konnte früher...

@lukeman Ich konnte früher mal sehr gut einschätzen, was ein Hit wird und was nicht. Ich habe diesen Instinkt verloren bei Daylight von den No Angels. Zu billig produziert, zu müde geträllert - geschenkt. Aber die Leute würden doch nicht ein Lied von einer Band kaufen, deren Mitglieder sie in Tränen aufgelöst gesehen haben, weil ein Tanzlehrer ihnen gesagt hat, sie kämen nicht in den Recall, die sich dann weitergebettelt haben, die schworen, noch härter Tanzschritte zu üben als zuvor. Tja. Da habe ich aber sowas von falsch gelegen. Tatsächlich ist Madonna in mancher Hinsicht Vorläuferin dieses Syndroms. Kein Mensch käme bei ihr auf den Gedanken, von künstlerischer Entwicklung zu sprechen, aber sie ist halt famous und hard working, das vor allem. Eat, pray, work. Ich denke, der Erfolg der No Angels war der Beweis, dass der Spaß vorbei ist im Pop. Natürlich hatte der Markt diese Nische schon lange besetzt, aber von da an musste er nicht einmal mehr so tun, als ginge es um etwas anderes als Gucci, Schweiß und Tränen.

0 NicanderAvonSaage 21.09.2010, 08:04 Uhr

@Irgendwer Vor kurzem habe ich...

@Irgendwer Vor kurzem habe ich beim Zappen Stefan Raab dabei erwischt, wie er über Lothar Matthäus (sinngemäß) sagte, dieser habe durch die Versöhnung mit seiner Frau 50 Euro für den Strich gespart. Ein paar Tage später machte sich Waldemar Hartmann in Waldis WM-Club über Berti Vogts lustig, weil Vogts ein kleiner Mann ist. Da habe ich gemerkt, wie alt ich geworden bin. Ich bin übrigens überhaupt kein Kulturpessimist. Ich halte diese Art von Humor bloß für eine Sauerei. Was die Liebe angeht, das gilt das Böckenförde Diktum: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Die Liebe fußt darauf, dass zwei zufriedene Menschen zueinander finden. Tun sie das, dann kann die Liebe sie auch zufrieden machen, sogar dauerhaft.

Lieber Nicander, jetzt ist der...

Lieber Nicander, jetzt ist der Böckenförde sogar schon beim Deus e.m. angekommen. Ich staune. Nu ja, womöglich passt er hier auch viel besser rein als beim Hofphilosophen Schlotterdeich aus Karlsruhe.

@NAvS Richtig, die No Angels...

@NAvS Richtig, die No Angels waren schlimm, aber davor gab's ja auch schon Euro-Dancefloor, Boygroups, nicht zu vergessen das Schlager-Business - vorbei jedenfalls sind die Zeiten, als wenigstens Leute etwa wie Jimmy Jam und Terry Lewis noch wirklich gute Mainstream-Popmusik produziert haben. Sell-out gab's schon immer, aber ich finde das Bild, das da momentan von aktuellen "Mainstream-Stars" vermittelt wird schon extrem...

0 NicanderAvonSaage 21.09.2010, 12:28 Uhr

@lukeman Klar ist schlechte...

@lukeman Klar ist schlechte Musik, die auch noch Erfolg hat, keine Erfindung der letzten zehn Jahre. Neu ist, dass das Produkt nicht einmal den Anschein erweckt, rebellisch, verrucht, halluzinogen zu sein. Singende Verkäuferinnen mit Rote-Teppich-Fantasien, die gern mehr aus ihrem Leben machen würden, kann ich auch im rheinischen Karneval sehen.

0 colorcraze 22.09.2010, 19:12 Uhr

@Irgendwer: ja sicher ist das...

@Irgendwer: ja sicher ist das Entmenschlichung, und ja, sie betrifft alle Schichten. Demütigen, bloßstellen, kleinmachen, auf totes Objektniveau zerren, vernutzen, keine Grenze zwischen Intimität und Öffentlichkeit mehr kennen. @NAvS: bezüglich der Musik, das Selbersingen ist den Leuten ja dermaßen vergangen, daß die wenigen, die sich das überhaupt noch trauen, schon ein Wunder sind. Und daß rebellisch, verrucht, hallunzinogen kein Interesse mehr erweckt - naja, wie soll es das, in einer entkoppelten Welt, in der es mehr Kaputte als "Normale" gibt?

Ich finde ja diese Blogs cool...

Ich finde ja diese Blogs cool wo die KOmmentare länger sind als der eigentliche Post, aber mal ehrlich. Wer ist es denn der diese ganze Sache am laufen hält, es sind die Menschen die sich die Sendungen und Filme anschauen von denen dann nachher keiner etwas wissen will. Nehmen wir einmal Daniel Küblböck, der gewinnt fast DSDS, zehntausende stimmen ihn per Telefon (50ct / SMS) zum Superstar. Danach ein paar blöde Lieder, ein gurkenlaster steht im Weg und...eine Sendung wird ins Leben gerufen, die zehn dümmsten Deutchen (oder so). Wieder rufen Menschen an und schicken eine SMS nach der anderen und wählen Küblböck auf Platz 1. Wo sind wir denn dass wir so Mediengesteuert werden. Das ist das wahre Problem unserer Gesellschaft.

0 auch einer 29.09.2010, 17:12 Uhr

"Vor kurzem habe ich beim...

"Vor kurzem habe ich beim Zappen Stefan Raab dabei erwischt, wie er über Lothar Matthäus (sinngemäß) sagte, dieser habe durch die Versöhnung mit seiner Frau 50 Euro für den Strich gespart." . irgendwann ist das auch vorbei und durch. . was kommt dann? womit hält man dann die leute, denen derartiges gefällt, dann bei der stange?