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Kulturelle Knoten

| 17 Lesermeinungen

Teilt der Islam die Blogosphäre in ein Abend- und ein Morgenland? Auf dem Young Media Summit in Kairo trafen sich arabische und deutsche Netzaktivisten um den Hürden nachzuspüren, an die das Surfen in anderen Kulturräumen stößt.

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Der Ritterschlag einer Königin versetzte den jordanischen Blogger Osama Romoh zunächst in helle Aufregung und verblüffte Freude, dann fegte der kurzer Tweet von Queen Rania sein Blog für 16 Stunden hinaus aus dem Netz. Über 150.000 Menschen versuchten zeitgleich auf sein Blog zuzugreifen, nachdem die Königin von Jordanien dem Blogger über Twitter zu seinem Gewinn der Bobs, ein Blog-Preis der Deutschen Welle, gratulierte. Queen Rania folgen auf dem Kurznachrichtendienst weit über eine Millionen andere Twitter-Nutzer. Einen vergleichbaren Wellenschlag könnte keiner der deutschen Vielfachverfolgten auslösen. Selbst eine Verlinkung einer großen Nachrichtenseite schubst nur eine magere Anzahl Leser auf eine andere Website hinüber. 

Die Welt der arabischen Blogs hält eine Vielzahl solcher Überraschungen bereit, sowohl im Netz, als auch auf dem Boden am Ufer des Nils. In Kairo haben die Deutsche-Welle-Akademie und das Deutschland-Zentrum Blogger, Journalisten und Aktivisten aus verschiedenen arabischen Ländern und aus Deutschland eingeladen, um nach ihrer Landung aus dem Luftraum der Erdatmosphäre auf ägyptischem Boden in die Sphären des fremdsprachigen Internets einzutauchen. Aus der heimischen Blogosphäre hinein in den interkulturellen Dialog: „Gibt es ein Abend- und ein Morgenland im World Wide Web?“ lautet die Fragestelltung des ersten Young Media Summits.

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Am frühen Morgen sind alle Blogger blass und trudeln nach und nach in den abgedunkelten Konferenzraum im 20. Stock des Marriott Hotel in Zamalek ein. Sie klappen ihre Laptops auf, um sich das Licht des Bildschirms ins Gesicht scheinen zu lassen. Angereist aus Saudi Arabien, Bahrain, Gaza, dem Libanon, Kreuzberg, der Kurpfalz und dem Ruhrpott steckt der Landeanflug über die Pyramiden hinweg dem ein oder anderen noch in den Knochen. Kaffee, mehr Kaffee, Mails checken und das Hashtag entdecken; Blogger – ganz gleich ob aus dem Morgen- oder Abendland – sind keine Morgenmenschen.

Die Augen von Reem A. Alsa’awy jedoch strahlen hellwach in die Runde der 17 anderen Bloggerinnen und Blogger. Etwas anderes ist von der jungen Wissenschaftlerin aus Riad, die an der Kind Saud University einen Abschluss in „Computer Sciences“ erworben hat, nicht zu sehen. Sie trägt eine schwarze Niqap, die nur ihre Augenpartie und Hände freigibt. Unter ihrem bodenlangen Kleid ragen silbermetallicfarbene Chucks hervor, ihre arabischen Tweets tippt Reem in ein Air Book. Sie erzählt, dass sie gerade mit einer Masterarbeit in Digital Media beginnt. Während die alleinerziehende Mutter an dem dreitägigen Bloggers‘ Dialouge in der ägyptischen Hauptstadt teilnimmt, passen ihre Schwestern auf ihre dreijährige Tochter Ghada auf. Für Computer interessiert sich die Kleine noch nicht. „Ghada kann aber die Finger nicht von meinem iPad und dem iPhone lassen. Die sind kindgerecht.“, erklärt Reem. 

Blogs ermöglichten Menschen in Saudi Arabien die politische Auseinandersetzung, Bloggen an sich sei bereits ein politisches Statement, erzählt die Autorin von reemsite.com. Auch sie sei über das Schreiben ihres Blogs stärker politisiert worden: „Öffentlich interessieren sich Menschen in Saudi Arabien entweder gar nicht für Politik, oder sie schimpfen nur. Das größte Tabu ist nicht Sex, sondern über Politik zu sprechen.“ In Blogs seien die Diskussionen offener und sachlicher, wenn auch vieles nur codiert besprochen werden könnte. „Ich erzähle Geschichten und nutze Metaphern, um mich nicht angreifbar zu machen“, sagt Reem, „Bloggen bewegt sich für mich zwischen Kunst, Literatur und Meditation. Mein Alltag hat sich verändert, seit dem ich ein Blog schreibe und soziale Netzwerke nutze. Ich verbringe jetzt noch mehr Zeit, mit noch mehr Freunden.“

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Reem lacht viel unter dem zarten Schleier, diskutiert und präsentiert, sie lässt sich Arm in Arm mit anderen Teilnehmern des Young Media Summits fotografieren. Ihre Verhüllung stört beim Reden nicht mehr, als wenn ein anderes Gegenüber einen neongrünen Strickpullover tragen würde. Man nimmt die Niqap im Gespräch nach wenigen Minuten nicht einmal mehr wahr. Ihre Herzlichkeit und Offenheit lenken die Aufmerksamkeit ihrer Gesprächspartner auf ihr Wesen, weg von einem schlichten Kleidungsstück, um das in der westlichen Welt vielleicht zu viel Aufheben gemacht wird. Denn das Ablegen des Schleiers ist nicht notwendig, um ein Gespräch zu beginnen, um jemanden kennenzulernen und sich zu mögen. Zumindest im Netz entdecken wir ebenfalls Zuneigung zu Avataren, zu Pseudonymen und Kunstfiguren, von denen wir sehr viel weniger kennen als lachende Augen und einen festen Händedruck. Es ist wohl nicht das Tuch auf dem Kopf, dass den Dialog zwischen muslimisch und christlich geprägten Kulturen erschwert, sondern die Knoten in den Köpfen derer, die aus dem Tuch einen Stereotyp ableiten, von außen urteilen und die Möglichkeit verkennen, dass Kopftuch nicht gleich Kopftuch ist, Frau nicht gleich Frau, Muslima nicht gleich Muslima.

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Die faule Einfachheit, fremde Kulturen als Flickwerk von Stereotypen zu verstehen, ist der Stolperstein bei dem technokratisch klingenden Terminus „interkulturelle Kommunikation“. Ein Reporter der Deutschen Welle fragt die Teilnehmer, was sie in das Treffen mit einbringen möchten, um ihr Land zu repräsentieren und es für die Blogger aus anderen Ländern greifbar zu machen. „Die Label typisch deutsch, typisch ägyptisch, typisch syrisch haben wir hoffentlich zuhause vergessen. Das einzige was ich tun kann, ist so offen wie möglich zu erzählen und keine fertigen Bilder tauschen zu wollen“, sagt die Künstlerin Suad aus dem Bahrain. Recht hat sie. Ein Übersetzer aus dem Deutschlandzentrum spricht die deutsche Variante der Worte, die Suad auf Arabisch in den Raum gestellt hat. Um auch den Teilnehmern, die weniger gut Englisch sprechen zu ermöglichen alles zu verstehen, das gesagt wird, sprechen während der offiziellen Zusammenkünfte alle Blogger in ihrer Landessprache; mehrere Übersetzer helfen als Mittler. Dies hemmt die Diskussionen zwischen den jungen Netzautoren immer wieder, dennoch kommen die Übersetzer in manchen Debatten kaum hinterher. Es wird hektisch. in der Nachmittagssonne passiert es dann schon einmal, dass ein Übersetzer Deutsch in Deutsch und Arabisch zurück ins Arabische übersetzt. Die Sprache ist das größte Hindernis, zu verstehen was die Blogger aus den anderen Kulturkreisen antreibt und bewegt. In Gesprächen weniger, als wenn es darum geht die Blogs der anderen zu lesen. „Google Translate does a shitty job“, darüber herrscht Einigkeit.

Ein weiteres wissendes Gefühl stellt sich auch zum Ende der Tagung unter den Anwesenden ein: die Gemeinsamkeiten überwiegen. Eman Hashim, ausgebildete Augenärztin und Autorin bei muslimahmediawatch.org, fasst zusammen: „Ich habe vor dem Treffen geglaubt, dass Deutschland eine komplett andere Kultur ist, doch dort haben die jungen Leute ähnliche Probleme, stellen sich gleichen Fragen über das Leben, Werte und welche Rolle sie in der Welt spielen. Die Akzeptanz für die Unterschiede hat hier uns erlaubt, die Gemeinsamkeiten zu genießen und zu schätzen, dass wir wegen etwas Wichtigerem hier sind, als die kleinen Differenzen zu ergründen: aus all dem etwas gemeinsam zu machen.“

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Blogger, bisweilen süchtig nach dem Netz und als Langzeitstudenten der digitalen Welt versehen mit diesem unstillbaren Wissensdurst nach Informationen, der Tab für Tab gestillt wird, nehmen beim Surfen ohne Passkontrollen vielleicht weniger kulturelle Differenzen wahr. Vernetzung über Blogs, Links und soziale Netzwerke ignoriert diese Grenzen und baut die Kulturklischeeknoten ebenso im Kopf ab. Das Netz ist ein eigenständiger Kulturraum.

Dialogveranstaltungen für den Inselstaat hinter dem Bildschirm werden wir künftig wohl wieder vermehrt brauchen. Die gute Nachricht für die arabischen Blogger kommt während des Young Media Summit als Tweet über den Ticker: der Islam gehört zu Deutschland, hat der Bundespräsident für sich entschieden. Das Internet hingegen, ein Tatort, der im Sekundentakt neue Kreidezeichnungen auswirft, sucht einmal wieder einen Anwalt: Spezialgebiet Abschiebung.

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17 Lesermeinungen

  1. Eine dritte Sicht auf die...
    Eine dritte Sicht auf die Welt
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    „Bloggen bewegt sich für mich zwischen Kunst, Literatur und Meditation“, das kommt mir irgendwie bekannt vor. Und fügt man hinzu: „Das Netz ist ein eigenständiger Kulturraum“, dann kommt man all zu leicht auf den Gedanken, dass die Welt sich womöglich nicht nur im digitalen Raum annähert. Ich hatte vor Jahren eine Debatte mit einem arabischen Wissenschaftler, der auf den Begriff „Orient“ geradezu aggressiv reagierte. Den Orient gäbe es nicht, den gab es nie, das wäre nur den Abgrenzungsstrategien eines modernen Westens entnommen.
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    Nun ja, ich bin mir diesbezüglich nicht so sicher. Ich lebe seit Jahrzehnten inmitten von Orientalen und mache permanent die Erfahrung, dass eine „Abgrenzung“ auch von dort ausgeht. Nur hat diese nicht nur eine andere Form, eine andere Semantik, sondern auch eine andere Qualität, enthält einen ganz anderen Blickwinkel. Sie ist mehr Reaktion als Aktion, mehr Reflex als Impuls („Pseudorassismus und Klassenhass“, http://blog.herold-binsack.eu/?p=1152), doch ist sie nicht weniger heftig, nicht weniger authentisch. Das hört sich dann ab und an so an:
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    „Wir Türken, wir Perser, wir, wir, wir … sind anders. Ihr Deutschen könnt das nicht verstehen!“ Das Problem ist, dass sich das „Anderssein“ nicht nur nicht konkret genug ist, um verstanden zu werden; es entzieht sich offenbar jeder sprachlichen Beschreibung. Und es kann als Hilferuf wie auch als Aggression verstanden werden.
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    Als meine erste Frau, eine Türkin, mich verließ, bekam ich von ihr ein kleines Büchlein mit dem Titel: „Das Andere anders sein lassen“ behändigt, das war nicht nur die Reaktion auf „Nicht ohne meine Tochter“ (von Betty Mahmoody, einer Amerikanerin, die mit einem Iraner verheiratet war, der ihr das Kind im Iran zu entwenden suchte, worüber nicht nur eine große Liebe zerbrach, sondern auch eine große Hoffnung, bzgl. der Völkerverständigung, so jedenfalls aus der Perspektive der Betty), sondern auch auf eine 12-jährige, und bis dato nicht (identisch) begriffene Ehe, die mal als große Liebe begann.
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    Ich bin mir nicht sicher, ob es der Schleier ist, der das macht, denn schließlich wird der in Deutschland doch nur von einer kleinen Minderheit (freiwillig?) getragen (meine damalige Frau war kam aus Istanbul!), und im Iran von vermutlich 90 % der Frauen (innerlich) abgelehnt, und ich denke auch nicht, dass das „Netz“ diesen Schleier lüftet, oder ihn gar in die Ferne verweht.
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    Es ist ein innerer Schleier, dem keine passende Semantik zum Ausdruck verhilft, und somit immer eingeschlossen bleibt. Und ich bin mir sicher, dass auch die Sprache im Netz, und sei diese noch so lyrisch verpackt, zu dürftig ist, um das zu ändern, das zu öffnen, was einige 1000 Jahre fest verschlossen haben.
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    Wir erinnern uns: Die Büchse der Pandora, jene, die von Epimetheus, dem Bruder des Prometheus, gegen dessen Rat geöffnet wurde, öffnete einen völlig neuen Blickwinkel auf das Weltgeschehen – einen auf den Westen, einen aus dem Westen. Diese Büchse hartnäckig verschlossen halten zu wollen, diesen griechischen Mythos stur ignorierend also, das, und so will es mir scheinen, wird weiterhin im Orient versucht.
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    Mag sein, dass das jener Zeitdifferenz zuzuschreiben ist, welche da das Patriarchat dem Orient eben erst viel später zum „Geschenk“ hat werden lassen, jener so frühen Errungenschaft der „Danäer“ (wie die Griechen von Homer, auf eine mythische und solchermaßen ägyptische Abstammung referierend, noch genannt werden. Man darf rätseln. Wissen diese Orientalen also, ob der Gefahr in der Büchse, sind sie verwarnt, ob des antiken griechischen (abendländischen) Vorbildes, oder sehen sie diese Büchse erst gar nicht?
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    Die Antwort ist keine Nebensache. Denn ersteres würde bedeuten, dass sie einfach die Klügeren sind, die, die aus der „Geschichte“ (dem Mythos) gelernt haben, letzteres, dass sie aus einer wirklich völlig fremden Welt kommen, einer, die die Welt niemals auf gleiche Weise sehen können, wie wir das tun.
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    Mag sein, dass einige Wenige, Wissenschaftler, Künstler, Kulturreisende, aus beiden Welten, die sich ähnlich einem „Zeitreisenden“ eine andere, eine hypermoderne Sicht, angeeignet haben, eine, die so phantastisch ist, dass sie ihnen die Illusion vermittelt, es gäbe die darunter liegende Welt, eine sich gespalten zeigende, gar nicht. Das wäre dann also eine dritte Sicht der Dinge, die auch keine wirkliche Übersetzungsleistung zu schaffen vermag.
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    Illusionen sind noch schlimmer als falsche Gewissheiten, sie sind nämlich gar keine. Sie können uns dazu bringen, auf einem Teppich zu schweben, und da wären wir in der Gedankenwelt eines Orients, ohne dort je sein zu können.
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    Und wenn wir schon bei 1000 und einer Nacht sind, nehmen wir diese Geschichte als Beispiel. Sherazade, in Persien Sharzad genannt, ist alles andere als ein Märchen, dort, aber auch keine Realität, kein Geschichtsbuch, aber auch keine Mythensammlung, und schon gar nicht ein moderner Erotikroman. Das alles sind mögliche Zuschreibungen aus der Sicht eben des „Abendlandes“, des Westens; denn nur hier trennen wir zwischen Märchen und Realität, Mythos und Geschichte, oder kennen so etwas wie einen Erotikroman, also etwas was die Beziehungen der Geschlechter in seiner Verklärung erst beschreibbar macht.
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    Beginnen wir mit dem Tabu im Orient. Erotik ist ein Tabu, also beschreibt man das nicht, sondern umschreibt es, umschmeichelt den Gegenstand der „Beschreibung“. Es ist ein solches Tabu, dass oft nicht mal klar ist, von welchem Geschlecht eigentlich die Rede ist (was sicherlich auch damit korreliert, dass in manchen orientalischen Sprachen „Geschlechtsworte“ gar nicht existieren). Die Lyrik eines „Hafiz“ („Hafiz, die Homoerotik, der Nihilismus…, http://blog.herold-binsack.eu/?page_id=17, PDF-Dat.) wäre da ein Beispiel für.
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    Auch den Mythos kann man nicht trennen von der Geschichte, von irgendeiner Realität, denn die Realität ist oft fürchterlicher als der grausigste Mythos, und die Geschlechterbeziehungen kann man schon gar nicht zu begreifen suchen, tut man das, zerstört man sie, macht man sie unmöglich (öffnet die Büchse der Pandora gar, bzw. erkennt diese überhaupt erst an). So behandelt man die Frau wie ein Tabu, man umschmeichelt sie, man findet Worte, die alles ausdrücken, nur nicht den Tatbestand eines Erregtseins, eines Begehrens (und darin liegt womöglich die größte Differenz zwischen Orient und Okzident: eine Frau, die Mann all zu offen begehrt, fühlt sich beleidigt, beschmutzt, entehrt, in ihrer Würde herab gesetzt; ein Goethe – Marienbader Elegien -, der Hafiz so verehrt habe soll, wäre einem Hafiz als unmöglich erschienen). Und Geschichte ist etwas, was man verbannt, man fürchtet sie, wie einen grausamen Herrscher (eine beleidigte Frau!), denn: es ist ehe alles nur Lug und Trug, Trugschluss, Mythos, nicht Wirklichkeit, oder: etwas Unaussprechliches, ein Tabu.
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    All das zusammen ergibt so etwas wie eine Wahrheit, eine solche, die lauten könnte: Wir sind halt anders. Nur ihr versteht das nicht.
    Versuch es einer anders zu beschreiben!

  2. Ausgezeichneter Beitrag!...
    Ausgezeichneter Beitrag! Besonders erfreulich finde ich die aus erster Hand mitgeteilte Erfahrung, dass Kleiderordnungen kein Hindernis zur Herstellung menschlicher Nähe sein müssen. Es wundert mich schon die ganze Zeit, das Abkömmlinge der Flower-Power-Bewegung in der Art einer Religionspolizei Klamottenvorschriften im öffentlichen Raum durchdrücken wollen und dies absurderweise auch noch als einen Akt der Befreiung verkaufen.

  3. Liebe Violandra,

    ich schreibe...
    Liebe Violandra,
    ich schreibe hier unter meinem Namen. – Mein Lebensraum verlangt es so.
    Auf den venezianischen Maskenbällen, welche man aus den historischen Filmen kennt, sind die Teilnehmer ja auch gut zu erkennen. Und ich stelle es mir sehr umständlich vor, mit einer dieser hübsch verzierten Post-Pestmasken, den kredenzten Wein aus den goldenen Brokatbechern zu trinken. Um dann früher oder später in vino veritas, der hübschen Tanzpartnerin –nenne wir sie Julia–, die Geheimnisse für den weiteren Verlauf ins Ohr zu flüstern, wobei dann gleichzeitig und nicht ganz unwillkürlich mit dem langen Nasenausleger schon im Ausschnitt gekitzelt wird. Was ich schlichtweg schon wieder ganz toll finde. Mir fällt gerade ein, dass mir beim diesjährigen Karneval hier am Bodensee, ein Schweinerüssel aus Gummi, wie angegossen stand.
    Gleichberechtigung ist auch ein politisches Ziel. Und gleiches, kann langweilig sein. Ich bin froh darüber, dass wir in einem Land leben, in dem wir uns nicht mehr der Obrigkeit gegenüber „bewehren“ müssen. Die Ausnahmen, wie „Bewehrungsstrafe“, oder „Wohlverhaltensphase“, eingeschlossen der Handlungen und Umstände, welche zu diesen gesellschaftlichen Repressalien führen, einfach mal ausgenommen.
    Anders; gilt für Gleiches, also für Verhandlungen von Verträgen usw., und ist nicht langweilig. Weil es ja gilt, ein Ungleichgewicht so zu stellen, dass es keins mehr darstellt.
    Ein von mir sehr geschätzter Wegbegleiter meinte hierzu: Vertrag kommt von vertragen. Eine Lebensaufgabe.
    Ja das Unbekannte bringt Neugierde und das verdeckte erst recht, das ist ganz natürlich. Ich glaube auch, dass die Partys und Veranstaltungen vor den Bildschirmen wieder grösser und bunter werden sollten. Das ist einfach lebendiger. Und eine Blog-Kommunikation kann ein Anfang sein.
    Herzliche Grüsse
    Konstantin Pulsack

  4. Niemand ist von Geburt...
    Niemand ist von Geburt anders.
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    Wenn alle Neugeborenen – egal ob aus dem schwärzesten Afrika, China, dem Orient oder dem Okzident – an nur einem beliebigen Ort auf dieser Erde von im humanistischen Sinne gebildeten Pflegeeltern, allesamt Agnostiker, aufgezogen würden, in die selbe Schule gingen und die selbe Sprache lernten, wären diese Menschen untereinander anders?

  5. Vielleicht kann jemand...
    Vielleicht kann jemand weiterhelfen?
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    Ich komme nicht auf den Namen eines islamischen Schriftgelehrten und Philosophen, vor der Reconquista zeitweilig in Andalusien lebend, der die Religion(en) in seinen Schriften unter das Primat der Philosophie stellte. Er wurde entsprechend angefeindet und entweder versetzt oder gar hingerichtet.

  6. Nach kurzer Suche selbst...
    Nach kurzer Suche selbst fündig geworden: Averroës, „der Commentator“.
    (Wurde zwangsversetzt und starb später in Marrakesch.)

  7. @Devin08 Um auf Ihren letzten...
    @Devin08 Um auf Ihren letzten Punkt zurückzukommen: Das Verstehen wollen ist ein hehrer Anspruch. Ich würde fragen: müssen wir verstehen? Oder können wir akzeptieren? – Das kann man vermutlich nicht auf jede Andersartigkeit einer Kultur anwenden, aber durchaus für einige. Ich erkenne sehr auf eine Ablehnung von beiden Varianten: wir wollen weder verstehen, noch akzeptieren, sondern vor allem Dinge in die Form biegen, die uns am wenigsten irritiert.

  8. Das Netz gehört zu...
    Das Netz gehört zu Deutschland. Das ist eine schöne Idee. Ich erlebe es auch als gemeinschaftsstiftend. Für verschiedene Kulturen kann ich das nicht beurteilen, bemerke es aber als hilfreich beim „Generationenkonflikt“. Ältere Menschen, die das Netz als Teil der Kultur erleben, und nicht als Gefahr, verstehen vielleicht besser, was die Jugend bewegt. Ich nehme an, in arabischen Ländern ist die politische Bedeutung des Bloggens ungleich höher als hierzulande, dennoch würde ich sagen, dass auch Bloggen in Deutschland durchaus als gesellschaftliches Engagement verstanden werden kann. Das Netz fördert, ganz anders als beispielsweise das Fernsehen, eine aktive Mediennutzung, bei der selbst produziert, und nicht nur konsumiert wird.

  9. @Devin08: entschuldigen Sie,...
    @Devin08: entschuldigen Sie, aber ihr Beitrag hat wirklich einen grauenhaften pseudointellektuellen Stil. Vielleicht würde dem Beitrag gut tun, wenn sie weniger Schulmeisterei betreiben und Gedanken klar heraus formulieren. Ich ärger mich auf jeden Fall um die verlorene Lebenszeit.

  10. Fantastisch! Die Kairoer...
    Fantastisch! Die Kairoer Nächte, Begegnungen, Diskussionen – mehr desgleichen! Es ist überhaupt nicht abzusehen, wohin das führen wird: social media jenseits der Straßen, Gebetsräume und Clan-Strukturen und ein Kulturraum, dessen Bevölkerung teilweise zu mehr als 50 % jünger als 30 Jahre alt ist (zB. die Leitnation Ägypten). Gemessen hieran, wird die creatio ex machina diesseits des Mittelmeeres bedeutet unspektakulärer ausfallen. Welche Netze über das Mare Nostrum hinweg entstehen – inshallah – das werden wir zu unser aller Gewinn noch entdecken können.

  11. Mangel an Konsens
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    @ Muzzel:...

    Mangel an Konsens
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    @ Muzzel: Intellektuell redlich wäre es, wenn Sie sich auf den Inhalt beziehen würden, weil dann Sie mir auch belegen könnten, was daran „pseudo“ ist. Und zu der Frage der Belehrung/dem Schulmeistern, kann ich nur dreierlei sagen: Sie müssen Ihre kostbare Zeit nicht mit meinen „Belehrungen“ vergeuden. Aber danke für Ihre Belehrung, ich werde Sie im Auge behalten. Doch: Unerträglich sind „die belehrende“ Form vor allem demjenigen, der dem Inhalt offenbar nichts entgegen zu setzen hat.
    @Violandra Temeritia von Ávila: Ich sehe das nicht anders als Sie. Aber dies „nicht verstehen können“, ist nicht mein Vorwurf. Er kommt als Reflex von denjenigen, die infolge ihres Ausgegrenzt-(Gefühlt-)Seins, wiederum so selber ausgrenzen. Es ist quasi ein Totschlagsargument, welches im Prinzip die ganze Sprachlosigkeit offenbart, die bis dahin nicht zu überbrücken vermochte Differenz.
    Im Übrigen, dieselbe Person, die als Trennungsgrund/als Trennungsvorwand, ein nicht akzeptiertes „Anderssein“ proklamiert (in Bezugnahme auf einen anderen, der da „anders“ gewesen sein wollte), die hier beschriebene Ex-Frau also, entzieht dem angeblich nicht verstehenden Partner das gemeinsame Kind, ohne Not, ohne Begründung, und definitiv zum Schaden des Kindes.
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    Es offenbart sich da also mehr als nur Sprachlosigkeit, denn auch eine Art Gedankenlosigkeit (man könnte auch sagen: Selbstgerechtigkeit).
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    Um das klar zu stellen: Es geht mir diesbezüglich nicht darum, mich zu beschweren, gar über Ex-Frauen, sondern eben gerade um die Darstellung von Unmöglichkeit einer Beschwerde, ob des Fehlens einer gemeinsamen Beschwerdeinstanz, eines gemeinsamen (Rechts-)Gefühls, oder gar auch einer gemeinsamen Verantwortung, gegenüber Dritten, wie dem Kind zum Beispiel.
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    Ich bin bereit anzuerkennen, dass solche Konflikte ganz generell auch als Geschlechterkonflikte beschrieben werden können, also der Migrationshintergrund hier nur eine sekundäre Rolle spielt, nur sagt da vermutlich keiner: „Ich bin anders, und du musst das akzeptieren!“, sondern da sagt man vielleicht einfach nur: „Geh mir aus dem Weg!“
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    Aber vielleicht ist auch der Geschlechterkonflikt ein nicht zu überbrückender, nur scheint dies durch die gemeinsame Sprache (die allerdings als männliche mittlerweise erkannt ist!), durch das identitätsstiftende moderne also scheinbar gemeinsame Rechtsbewusstsein, nicht mehr so richtig erkennbar. Erst vor dem Scheidungsrichter wäre zu begreifen, dass da zwei nur noch gegeneinander stammeln, ob der eigentlich erkennbar fehlenden gemeinsamen Sprachbasis. Aber auch da denkt jeder für sich: beim Nächsten/bei der Nächsten wird es besser.
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    Verstehen müssen wir vielleicht nicht, was der andere da sagen will, wenn wir das eben nicht können, aber wir sollten verstehen, dass da was ist, was zu sagen wäre, wenn wir uns noch was zu sagen hätten. Das wäre eine Art Minimalkonsens, der eine Gesellschaft tragen könnte, aber ich befürchte, dass genau ein solcher im Moment flöten geht (wenn er je dagewesen ist), sowohl zwischen den Migranten und den „Autochthonen“, als auch zwischen den Geschlechtern.
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    Und um es ganz deutlich zu sagen: Die „kulturellen Knoten“ können auch einfach nur Verknotungen sein, „gordische Knoten“ gar („Was dem Manne sein Orakel“, http://blog.herold-binsack.eu/?page_id=17, PDF)

  12. Muzzel. Das ist mitunter...
    Muzzel. Das ist mitunter typisch für Devin08; eine guter und klar formulierter Gedanke, eine Steilvorlage direkt vor das gegnerische Tor gewissermaßen, doch dann – man fasst es kaum – folgt ein Rückpass, danach ein Querpass, wenn nicht mehrere, und der Ball landet im Seitenaus. Schade um so manche vergebene Chance.
    Ich sage das nicht vor lauter Häme, auch das Attribut pseudointellektuell benutze ich nicht, eher sehe ich hier einen gewissen Beratungsbedarf die Dinge zu vereinfachen, damit manchmal der Wald vor lauter Bäumen noch als solcher gesehen wird.
    Devin08, Sie entschuldigen bitte meine Einlassung.
    Ihr V

  13. Sehr schöner Bericht, vielen...
    Sehr schöner Bericht, vielen Dank!

  14. Ein verbindliches...
    Ein verbindliches Angebot
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    @V: Danke, ich lerne gerne dazu, aber im Moment überschätzen Sie meine Kompetenz in Sachen Fußball. Die Tatsache, dass ich im Rahmen eines Ringens um die Weltmeisterschaft mal ein oder zwei Kommentare (http://blog.herold-binsack.eu/?p=983, http://blog.herold-binsack.eu/?p=977) gewagt habe, heißt nicht viel, eben nur, dass ich da mal in fremden Revieren gewildert habe, weil ich so gut bei Laune war.
    Aber das hier wird mir jetzt zu komplex. Wer schießt wem eine Steilvorlage vors gegnerische Tor? Wo kommen die Rück-, resp. Querpässe her? Und warum ist der Ball jetzt im Aus? Wessen Ball überhaupt?
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    Das Thema ist mir zu wichtig, es ist geradezu „mein Thema“!, als dass ich es als ein Spiel auffassen möchte. Und es wäre schön, wenn auch ein paar Inhalte kommentiert werden würden, gerne auch kontrovers.
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    Ich sage es mal ganz konkret: Wer mit Migranten lebt, so wie ich, also gewissermaßen vor dem Migrationshintergrund des Anderen schon seinen eigenen hat, der muss einen besonderen Stil haben, ja der muss geradezu eine besondere Form der Kritik wählen, eine solche, die sozusagen die beiderseitigen Sprachbarrieren berücksichtigt. Er muss auf jeden Fall jede Art von Provokation meiden, ohne dabei als Schwächling missverstanden zu werden („Der Weg in die innere Immigration“, http://blog.herold-binsack.eu/?p=1094).
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    Nehmen Sie „Was dem Manne sein Orakel“ (siehe oben) und Sie verstehen vielleicht auf welch riskantem Terrain das alles stattfindet.
    Die Reaktionen auf diese kleine Ausarbeitung sind übrigens interessant. Männer sehen darin nicht selten eine übertrieben frauenfreundliche Haltung (warum sollen die Männer von der Geschichte abtreten?), (einheimische, womöglich feministisch inspirierte) Frauen wittern darin Frauenfeindlichkeit (wie kommt ein Mann dazu, solches zu schreiben, was will er eigentlich wirklich, bildet er sich etwa ein, er verstünde die Frauen, will er uns anmachen oder anpöbeln, oder gar austricksen?). Meiner eigenen Frau, einer Perserin, gefiel es. Mit (abendländischem) Feminismus kann sie allerdings nichts anfangen. Viele verstehen es erst gar nicht, nämlich als das, was es sein soll: ein verbindliches Angebot, welches niemanden zu irgendwas verpflichtet.

  15. @jean-jacques die Kairoer...
    @jean-jacques die Kairoer Nächte, darüber gibt es noch Geschichten. Eine Taxifahrt durch die Nacht ist jedenfalls die bessere Achterbahnfahrt. Zur Linderung der Abschiedsschmerzen hat mir ein Kollege „Der arabische Nachtmahr“ von Robert Irwin gegeben. Das versuche ich noch in dieser Woche zu lesen. Auf Papier, versteht sich.

  16. @V der Vergleich war ziemlich...
    @V der Vergleich war ziemlich genial. Das hat mich doch gut entschädigt. Danke!
    @Devin08 jetzt kommt wenigstens rudimentär ihre Aussage mal etwas heraus (im letzten Beitrag). Und noch etwas, war: „[…] gewagt habe, heißt nicht viel, eben nur, dass ich da mal in fremden Revieren gewildert habe, weil ich so gut bei Laune war.
    Aber das hier wird mir jetzt zu komplex. Wer schießt wem eine Steilvorlage vors gegnerische Tor? Wo kommen die Rück-, resp. Querpässe her? Und warum ist der Ball jetzt im Aus? Wessen Ball überhaupt?“ ernst gemeint? Ich habe schwer den Eindruck…

  17. @Devian08: da habe ich doch...
    @Devian08: da habe ich doch ernsthaft ihrer vorletzten Beitrag übersehen. Gute klare Darstellung, so kann man sich wenigstens etwas entnehmen.

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