Deus ex Machina

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Vergiss mein, vergiss mein nicht

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Für eine Website müssen Sie keinen Erben einsetzen. Die netzpolitische Vision der deutschen Politik ist der digitale Radiergummi: ein Verfallsdatum als Antwort auf das ruhmlose Leben im Netz. Was mag das für ein Morgen sein, für das Sie ihre Spuren vorsorglich verwischen?

Für eine Website müssen Sie keinen Erben einsetzen. Die netzpolitische Vision der deutschen Politik ist der digitale Radiergummi: ein Verfallsdatum als Antwort auf das ruhmlose Leben im Netz. Was mag das für ein Morgen sein, für das Sie ihre Spuren vorsorglich verwischen?

Kurz vor dem Jahreswechsel blicken Redaktionen zurück auf Vergangenes; kurz nach dem Weichen des Neujahrskaters blicken die Schreiber nach vorn: in jeder Zeitung, auf jeder Nachrichten-Website und auf nahezu jedem Tech-Blog finden sich Ausblicke in die Trends, die Chancen, die Umbrüche und die Herausforderungen des nächsten Jahres, die Gesellschaft und Technologie in ihrem Zusammenspiel bewirken und ihnen entgegentreten. Fernblicke in die Veränderungen, die die Zukunft mit sich bringt, haben oftmals verspielten Charakter, denn wer mit ein paar kühnen Thesen zockt, liegt vielleicht mit manchen richtig. Oder sie kratzen an der Utopie, wie beispielsweise in den Zukunftsprognosen des „Observer“ (20 predictions for the next 25 years), wie zum Beispiel „A vaccine will rid the world of Aids“ (Ein Impfstoff wird die Welt von Aids befreien) oder „We’ll be able to plug information streams directly into the cortex“ (Wir werden Informationsströme direkt mit dem Hirn verbinden können“).

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Der Ausblick, den die deutsche Politik in den ersten Tagen des Jahres wagt, besitzt weder den Mut und den Geist eines Spiels, noch den Wagemut auf große Ziele zu schielen und einen weiten Blick nach vorn zu werfen. Parteiinternes Gerangel um vermeintliche Machtpositionen, das Werben um vorzeigbare Begleiterinnen ins Kriegsgebiet, der Zank darum, welche Partei nun die Hartz-IV-Reform blockiere. Doch von den Ministerinnen, in deren politischer Verantwortung das Zukunftspotential liegt, über dessen Bedeutung man sich sogar parteiübergreifend einig ist, hört man nichts, oder Ideen nahe am Nichts: 10 Euro für die Chancengleichheit, Jungenförderung und „Hochschulen? Huch!“. Kinder, Bildung, Wissen – Zukunft also – tauchen in der politischen Plauderei nicht mit dem nötigen Ernst, auch nicht mit der bitter nötigen Leidenschaft auf.

Es ist unstrittig, es zeugte von Torheit abzustreiten, dass die Zukunft der Wissensvermittlung im Schoße der digitalen Medien liegt. Das umfasst die Bereitstellung von Wissen, den Zugang zu ihm und die Kompetenzen sich in der Vielfalt der alten und neuen Medien neues Wissen anzueignen und weiterzugeben. Doch ausgerechnte das erste Schlagwort, das die Politik als ihren Auftrag in den Schoß des neuen Jahres legte, ist etwas, das Wissen auslöschen soll: ein digitaler Radiergummi.

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Nun sind Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und Ilse Aigner (CSU), Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, qua ihres Amtes für andere Themenbereiche als Bildung zuständig, jedoch hat Frau Aigner nunmehr seit einigen Monaten den inoffiziellen Titel der „Internetministerin“ inne, da sie stets besonders kommunikativ ist, wenn es darum geht, die Verbraucherinnen und Verbraucher vor den Gefahren des Netzes zu schützen. Einseitig, aber hoch aktiv, zielen ihre Ratschläge zum Umgang mit dem Netz vor allem darauf ab, es nicht zu benutzen – oder zumindest das Netz nur unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen zu betreten: Abmeldung bei Facebook, Beantragung der Verpixelung des eigenen Heims bei Google Street View, das Ausradieren der eigenen Spuren im Web. An diesen Vorstößen wird deutlich: die beschützten Verbraucher müssen gebildet sein, um zu wissen, was hier geschieht. Wer sich blind auf die Empfehlungen der Ministerin verlässt, ist schnell bevormundet, für dumm verkauft und kein bißchen schlauer. Verbraucherschutz muss heute an erster Stelle Wissensvermittlung bedeuten, da der Schutz den Entwicklungen stets hinterher hinken wird. Das Ministerium kann mit Dioxin belastete Eier nur schwerlich vermeiden, dafür kann es jedoch darüber aufklären kann, welche Nahrunsgmittel geringere Gesundheitsrisiken bergen.

Doch Frau Aigner greift in einem ihrer ersten Interviews im neuen Jahr nicht zum Mittel der Aufklärung, sie greift zur symbolpolitischen Axt, die mehr Verwirrung und Hohn stiftet, als die Bürgerinnen und Bürger für das Leben im Netz weiter auszubilden. Die Ministerin verriet der Süddeutschen Zeitung in dieser Woche: „Deutsche Informatiker haben mittlerweile eine Art digitalen Radiergummi entwickelt: ein System, mit dem jeder seine Dateien und Bilder mit einem Verfallsdatum versehen kann, bevor er sie ins Internet stellt. Nach Ablauf dieser Frist kann die Datei nicht mehr aufgerufen werden. Wenn es funktioniert, käme das einem Radiergummi doch sehr nahe und ließe sich auch weltweit verkaufen.“

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Das tiefere Einsteigen in technische Details dieser vermeintlichen Innovation ist an dieser Stelle nicht weiter nötig. Denkt Frau Aigner wirklich, selbst für den Schutz von Privatsphäre sensibilisierte Jugendliche würden die Bilder ihrer Abschlussfahrt mit einem Verfallsdatum versehen? Die jungen Eltern die Bilder ihres Neugeborenen? Der Filmblogger seinen cineastischen Jahresrückblick? Stellt sie sich die simple Technik eines Lassos vor, das auf Knopfdruck jegliche Bewegung von uns im Netz in das Nirvana der eigenen Festplatte zurückholt? Und: unter welche Strafen stellt der Staat dann die Sharing-Kultur, die das Netz und seine Nutzer erst beflügelt hat? Werden Screenshots illegal, wird das Zitatrecht beschnitten, das Recht am eigenen Bild erweitert – sogar für absolute Personen der Zeitgeschichte? Lässt sich die Frage danach, wie sich der juristische Begriff des Eigentums im Netz gestaltet, von einem Ratzefummel beantworten?

Der Umgang mit dem Netz und seinen Chancen gleicht in großen Teilen der Politik einem Szenario, in der Kinder in einem Klassenraum sich dem Lernen verweigern: von hunderten Begriffen an einer Tafel wischen sie die Kreideworte weg, bis nur noch „Internet“ und „böse“ übrig bleiben. Sie radieren spannende Aspekte der Zukunft, aufblühende Teile der Gesellschaft aus ihrem Aufgabenheft, um eine Welt zu schaffen, für die ein aufgeweckter Grundschüler zu weitsichtig ist.

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Dieser Grundschüler weiß, dass Wissen tradiert wird, nicht ausradiert. Er wird fragen, wie es um die Ausgestaltung des „Freien Wissens“ bestellt ist, welche Wissenbestände wir digitalisieren und verfügbar machen, anstatt sie wegzuschließen und dem Staub zu opfern. Seine Mitschülerin wird fragen, was wir gegen das Sterben der Bibliotheken tun, nicht, welche Websites sie aus Erwachsenensicht nicht besuchen darf, da diese „offensichtlich geeignet sind, die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen oder ihre Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit unter Berücksichtigung der besonderen Wirkungsform des Verbreitungsmediums schwer zu gefährden“. Sie wird erschrocken sitzen vor den Videointerviews mit Holocaust-Überlebenden, die bewusst gedreht wurden, um ein Vergessen auszuschließen. Ihr Großvater entdeckt derweil an seinem Laptop verloren geglaubte Klassik-Vinylplatten, deren Tonspuren er auf Youtube wieder findet. Manchmal erzählt er seiner Enkeltochter, er hätte gerne mehr fotographisch dokumentierte Erinnerungen aus seiner Kindheit und Jugend, um sie ihr zu zeigen. Es kann rührend sein, etwas längst verloren Geglaubtes in Kisten im Keller neu zu entdecken. Wenigstens Zeitungsberichte. Über den Krieg zu sprechen fällt ihm schwer, doch seine Gedanken sind die einzige Aufzeichnung. 

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Ein digitaler Radiergummi als Heilsbringer einer gesunden Gesellschaft zu propagieren, schwächt diese Gesellschaft in ihrem Selbstbewusstsein und der Umsicht ihres Handelns. Das Leben ist keine Blamage, Menschliches nicht peinlich. Die Verantwortung für Worte und Taten löst digitaler Tippex nicht von unseren Schultern.

Wer möchte sich anmaßen, bei der Erstellung eines Werkes, und erscheint es in diesem Augenblick noch so banal, über seine Relevanz für Familie und Freunde, für Forschung, für die Zeit nach einem willkürlichen Verfallsdatum zu entscheiden?

Vielleicht liegt dem Wunsch nach einem digitalen Radiergummi für User aber nicht ihr Schutz vor Hohn, sondern die die dringliche Bitte der Politik zugrunde, ein solches Zaubermittel auch über die Seiten der Geschichtsbücher reiben zu können, um eine Legislaturperiode zu bleichen, den engen Krawattenknoten zu vergessen, um später in der Altersruhe mit Blick auf den See nicht jedes Mal peinlich berührt zu zucken, wenn der eigene Name im Geschichtskanal fällt.

 

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17 Lesermeinungen

  1. das ding gehört ja zu den...
    das ding gehört ja zu den „thesen“ des demaiziere über das internet. 14 an der zahl, tendenziell konservativ und mit aigner in teilen abgestimmt.
    und auch wenn ich da sehr skeptisch bin, was die umsetzung durch diese personen betrifft, geht es denen nicht darum, dass jede datei und jeder text mit einem verfallsdatum versehen wird, so wie du es hier unterstellst.
    es geht da um den punkt der unkontrollierbarkeit über die von mir eingestellten inhalte.. sowie auch über inhalte, die von anderen über mich eingestellt werden.
    das ist dann weniger die verklärte kriegserinnerung, sondern vielmehr der softporno, den ich mit 19 drehte und der mich nun bei meiner karriere ab 30 be- und verhindern könnte.
    das ist schon eine gesellschaftlich immens wichtige frage, die politisch und gesellschaftlich diskutiert und beantwortet gehört. wir sollten nicht vergessen, dass vergessen eine wichtige funktion im gegenseitigen miteinander inne hat.
    und vielleicht bin ich ja tatsächlich der meinung, dass von mir kein bild mit 20 im internet kursieren sollte. wer wollte mir diesen ausdruck von individualität denn absprechen? außer ein paar post-privacy-spinnern .. die dann, wenn es drauf ankommt, die staatsanwaltschaft darum bitten den vorgang doch bitte vertraulich zu behandeln .. so assange.
    mfg
    mh

  2. "Manchmal erzählt [der...
    „Manchmal erzählt [der Großvater] seiner Enkeltochter, er hätte gerne mehr fotographisch dokumentierte Erinnerungen aus seiner Kindheit und Jugend, um sie ihr zu zeigen.“
    .
    Für mich waren Großfamilien-Fotoalben immer eine Art Zeitmaschine.
    .
    Sicher wird man sie behalten wollen, wenn auch nicht unbedingt öffentlich.

  3. Es ist ja offenkundig, dass...
    Es ist ja offenkundig, dass der Staat zunehmend Facetten eines Präventivstaats annimmt. Da frage ich mich doch, welchen Nutzen es hätte, wenn die persönlichen Daten und Informationen, die Bürger ins Internet stellen, mit einer Verfallszeit belegt wären und nach und nach wieder aus dem Datenpool verschwinden würden. Ein Präventivstaat ist schließlich davon abhängig, möglichst viele Informationen von seinen Bürgern zur Verfügung zu haben, um etwa verdächtige Aktivitäten im Keim ersticken zu können. Der US-Regierung sind doch die Daten, die sie nun von Twitter über die Wikileaks-Aktivisten erhalten, nur dienlich. Auch die persönlichen Informationen und die Verbindungsdaten von Facebookkonten sind doch der „Verbrechensbekämpfung“ nur nützlich. Man muss die Menschen zu diesem Zweck noch nicht einmal überwachen, dank ausgeklügelter Modelle wie dem Produkt „Facebook“ (man packt die Menschen bei ihrer Geltungssucht) füttern sie ihre Datenkonten freiwillig und gehen somit den Versicherungen, Geheimdiensten und anderen Datenschnorrern und -verwertern dienstbar zur Hand.
    Wenn die dt. Verbraucherschutzministerin also kundtut, dass sie den Datenschutz für die Bürger verbessern möchte, dann ist sie entweder unwissend und man „lässt sie“, weil sich das Zeug a) technisch ohnehin nicht realisieren lässt und b) Facebook & Co so etwas aufgrund ihres Geschäftsmodells nicht implementieren würden … oder die Bemühungen und Aktivitäten rund um den Datenschutz sind bewusst gestreut und eine reine Farce, die dem Urnenpöbel suggerieren sollen, seine Daten seien sicher, auf das er noch mehr Privates rauströtet.

  4. Wenn Ilse Aigner so präventiv...
    Wenn Ilse Aigner so präventiv gegen das böse Internet unterwegs ist, wie sie behauptet: Wo bleibt dann der Schutz der Verbraucher vor dem bösen Dreck im Essen? Das ist zudem ihr eigentliches Resort: Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz.
    Sie kann nur Symbol- und Ablenkungspolitik.

  5. Saadi, eigentlich Moscharraf...
    Saadi, eigentlich Moscharraf od-Din Abdullah, (Sa’adi, persisch ‏سعدی‎; * um 1190 in Schiraz; † 1283 oder 1291 ebenda) war ein persischer Dichter und Mystiker.
    Er schrieb diese Zeilen nach der Eroberung von Afrasiab, Samarkand.
    „Die Spinne webt die Vorhänge im Palast der Cäsaren, die Eule ruft von Afrasiabs Türmen die Stunde aus.“ Auf Google-Earth ein riesiger Trümmerhaufen.
    Wer frägt noch nach der ptolemäischen Bibliothek von Alt-Alexandria?
    Noch nicht einmal Staub bleibt von all den Geheimnissen(?) der Dateien und Webseiten etc. übrig.

  6. Eine Zensur findet nicht statt...
    Eine Zensur findet nicht statt (und wer etwas anderes behauptet, tut lügen!)
    .
    So um 1982 hatten wir über „1984“ diskutiert: Technisch nicht möglich (wobei: noch) und die alte arabische Weisheit: Male nicht und sage nicht, was Du nicht haben willst.
    Ich lache mich schlapp, wenn ich lese, Spanner hätten die Kameras in Kinderzimmern „gehackt“.
    Keiner will „1984“, aber alle arbeiten daran.
    .
    Und falls neben meinem Auto mal eins ohne Fahrer fahren sollte, werde ich mich das meinen gesamten Schadensfreiheitsrabatt kosten lassen.
    Wissenschaft hat auch mit Unterlassung zu tun.

  7. Adenauer war es doch- war er...
    Adenauer war es doch- war er es?, der sagte: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern. Insofern war er seiner Zeit voraus.

  8. Eins vorweg: Ich teile die...
    Eins vorweg: Ich teile die hier vertretene Auffassung, dass dieser digitale Radiergummi eine typisch symbolpolitische Scheinlösung für ein Pseudoproblem darstellt. Aber deswegen muss man auch nicht so tun, als zielte diese Idee auf die systematische Vernichtung von Wissensbeständen ab. Dem Weltgeist täte es nach meinem bescheidenen Dafürhalten keinen großen Abbruch, wenn sich irgendwelche von Privatleuten ins Netz gestellten Urlaubs- und Partybilder irgendwann unsichtbar machten. Wer sich damit besser fühlt, soll das doch machen können. Das mag dem sehr extensiv ausgelegten „radikalen Recht des Anderen“, wie es beispielsweise von Michael Seemann postuliert wird, im Wege sein. Aber da stehen eben mehrere Rechtsgüter und Interessen zur Abwägung, und warum sollte man dem Nutzer nicht die Möglichkeit in die Hand geben, über die Verweildauer seiner Werke im digitalen öffentlichen Raum selber zu entscheiden?
    .
    An dem eigentlichen Problem, dass sich mancher selbst kompromittiert mit dem, was er so alles ins Netz stellt, ändert freilich auch ein begrenztes Haltbarkeitsdatum nichts. So betrachtet sähe ich es auch lieber, die Politik würde einen verantwortungsvollen Umgang mit den Möglichkeiten des Netzes fördern anstatt Pseudolösungen zu propagieren.
    .
    @phom: Gehen wir mal davon aus, dass das erlaubte und technisch mögliche kürzeste Haltbarkeitsdatum so voreingestellt werden wird, dass die Datensammler und Profiler trotzdem in Behörden und Unternehmen trotzdem auf ihre Kosten kommen.

  9. @Marco Von einer...
    @Marco Von einer systematischen Vernichtung von Wissenbeständen soll hier nicht die Rede sein. Diese Überzeichnung diente eher der Kontrastierung der „netzpolitischen Vision“, die ich in der Bundesregierung ausmache. Sie verliert sich nicht nur in Schwarzmalerei, sondern eben auch in der Symbolpolitik. Das hat sogar einen aktuellen Bezug zum Dioxin-Fund, kündigte Aigner doch vor ein paar Wochen den Lebensmittelpranger im Netz an: http://faz-community.faz.net/blogs/deus/archive/2010/10/27/ich-mach-dich-gesund-sagte-das-netz.aspx

  10. <p>Gut, dass wir hier keine...
    Gut, dass wir hier keine Überzeichnungsgebühren zahlen müssen, sonst wäre ich mit meinen Dotcomsomolzen neulich auch dran gewesen. ;-)
    .
    Schwarzmalerei und Symbolpolitik beschreiben die Netzpolitik der amtierenden Regierung ganz gut, ich würde darüber hinaus noch das schöne Stichwort „Bewahrpädagogik“ dazunehmen. Größte Skepsis ist auch angebracht gegenüber den mit viel Verve vorgetragenen Lippendiensten für mehr Datenschutz. Auf Englisch würde ich sagen: I can smell a rat there…

  11. radiergummi, gummi. ja das...
    radiergummi, gummi. ja das klingt nach vatikan und verhütung und rückwärtsgewandheit und nun einmal danach, wie die bundesregierung politik besonders für junge menschen macht oder nicht macht. es ist natürlich nicht einfach, denn netzpolitik, das internet oder „medien“ sehe ich in keinem ministerium explizit verankert, es zieht sich durch alle ressorts und bildung ist ländersache. wirklich kompetente politiker in diesem themenbereich zu positionieren wäre sehr wünschenswert. da wünscht man sich fast das nordrheinwestfälische zukunftsministerium zurück. ohne rüttgers, versteht sich.

  12. Der Artikel vermittelt das...
    Der Artikel vermittelt das Gefühl, Frau Bücker, dass Sie sich mit dem Thema digitales Verfallsdatum gar nicht auseinander gesetzt haben. Sie haben nur irgend etwas gesucht, um Vorurteile weiter zu pflegen. Dabei bietet das Thema „Vergessen“ wirklich Potential für Artikel und DIskussionen, die etwas tiefer gehen. Als Einstieg kann vielleicht das Buch von Mayer-Schönberger „Delete: Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten“ dienen.

  13. Lieber Matthias Ulmer,

    das...
    Lieber Matthias Ulmer,
    das „Digitale Vergessen“ ist keinesfalls Kerngegenstand dieses Artikels. Wie obenstehend angeführt, überlasse ich die technische Diskussion dazu gerne anderen. Ich sehe zudem unsere Fähigkeit zu vergessen nicht durch das Netz gefährdet. Viel wichtiger als Vergessen ist jedoch vor allem zu vergeben, tolerant zu sein und Lebensentwürfe abseits unserer oftmals eng gesteckten Vorstellungen von dem, was gut, klug und nachahmenswert ist zu überdenken.
    Zumindest die Kurzbeschreibung des Buches weist auf die Denkweise hin, die ich bei der Bundesregierung kritisiere: es geht stets um Gefahren und Risiken: „Mayer-Schönberger öffnet uns die Augen für die Gefahren der ewigen digitalen Erinnerung und zeigt die wichtige Rolle auf, die das Vergessen in unserer Geschichte gespielt hat. Er plädiert für eine genial einfache Lösung: Dateien aller Art mit einem Verfallsdatum auszustatten, damit das Gedächtnis der Menschheit nicht unter der Datenflut zusammenbricht.“
    Wir brauchen dringend Politkerinnen und Politiker, und auch Autorinnen und Autoren, die die Chancen, die das Netz uns bietet, verstärkt ins Visier nehmen. Diese haben wir im deutschsprachigen Raum leider zu wenig. Dieses Manko wirft uns nicht nur intellektuell zurück. Die Software für ein Verfallsdatum für Dateien als Innovation zu feiern und sich davon einen Exportschlager zu erhoffen (Ilse Aigner) ist in der Tat lächerlich.

  14. Lieber Matthias Ulmer,

    das...
    Lieber Matthias Ulmer,
    das „Digitale Vergessen“ ist keinesfalls Kerngegenstand dieses Artikels. Wie obenstehend angeführt, überlasse ich die technische Diskussion dazu gerne anderen. Ich sehe zudem unsere Fähigkeit zu vergessen nicht durch das Netz gefährdet. Viel wichtiger als Vergessen ist jedoch vor allem zu vergeben, tolerant zu sein und Lebensentwürfe abseits unserer oftmals eng gesteckten Vorstellungen von dem, was gut, klug und nachahmenswert ist zu überdenken.
    Zumindest die Kurzbeschreibung des Buches weist auf die Denkweise hin, die ich bei der Bundesregierung kritisiere: es geht stets um Gefahren und Risiken: „Mayer-Schönberger öffnet uns die Augen für die Gefahren der ewigen digitalen Erinnerung und zeigt die wichtige Rolle auf, die das Vergessen in unserer Geschichte gespielt hat. Er plädiert für eine genial einfache Lösung: Dateien aller Art mit einem Verfallsdatum auszustatten, damit das Gedächtnis der Menschheit nicht unter der Datenflut zusammenbricht.“
    Wir brauchen dringend Politkerinnen und Politiker, und auch Autorinnen und Autoren, die die Chancen, die das Netz uns bietet, verstärkt ins Visier nehmen. Diese haben wir im deutschsprachigen Raum leider zu wenig. Dieses Manko wirft uns nicht nur intellektuell zurück. Die Software für ein Verfallsdatum für Dateien als Innovation zu feiern und sich davon einen Exportschlager zu erhoffen (Ilse Aigner) ist in der Tat lächerlich.

  15. Das digitale Radiergummi soll...
    Das digitale Radiergummi soll 10 Euro im Monat kosten. Das verdoppelt ja praktisch die Kosten fürs Netz (wohingegen der HartzIV-Satz fürs Internet irgendwo bei 2 Euro liegt). Wirksamer Verbraucherschutz kann nicht unerschwinglich teuer sein.

  16. Für ein paar technische...
    Für ein paar technische Details: Netzpolitik war heute bei der Vorstellung der Software im BMELV http://www.netzpolitik.org/2011/zum-vergessen/

  17. @Matthias Ulmer @Teresa...
    @Matthias Ulmer @Teresa @et.al.
    Der Apologet des digitalen Vergessen, Prof. Mayer-Schönberger, spricht dem Menschen gerne beweisfrei die Fähigkeit ab, Erinnerungen aus unterschiedlichen Zeiträumen emotional einordnen zu können. Gegenwärtige Entscheidungen würde nach ihm immer durch diese beeinflusst, ohne dass wir fähig wären, sie im Zeitstrahl und damit den Entwicklungen in der Zwischenzeit gemäß, einzuordnen. Er verkündet ein Zeitalter der Nicht-Vergebens. (und das in einem pastoralen Österreichisch bzw. austrian-english, bei dem einem schon nach zwei Sätzen schummerig wird.)
    Als akademischer Propagandist, der sich auch nicht so schade ist, merkwürdige Beispiele (inkl. Nazi-Beispiele) als allgemeine Beweise für soziale Informations-Realität anzuführen, gibt Mayer-Schönberger den Unkundigen in der Politik die scheinbare Argumentationhilfe für ihr Tun. Aus wissenschaftlicher Sicht sind seine Auswahlprozesse und empirischen Deutungen allerdings solchen entscheidenden Willkürlichkeiten unterworfen, dass man die Erkenntnisse eher als Ausfluß seiner self-fulfilling prophecy sehen sollte.
    „Die (Aignerischen) Forderungen entsprechen den automagisch getriggerten Zwangshandlungen von Neurotikern, mit denen sich die Gesellschaft quasi selbst versichern will, dass alles so bleibt, wie es nicht mehr ist.“ – schreibt Markus Spath in seiner Antwort auf den „Radiergummi“-Unsinn in seinem Blog.
    Die Überspitzung des Privacy Rights Wahns, die ministerial erzwungene Einführung von Privacy-DRM oder gar die Aufrufe zur (Totalen) Digitalen Abstinenz sind Antworten auf die digitale Herausforderung von Menschen, die mit Angst und Sicherheitsdrang reagieren. Man kann, man muss hier Verständnis für das Unbehagen zeigen, um mit einem mitfühlenden freiheits-bezogenen Handeln die Alternativen aufzuzeigen. Sich um alternative Herangehensweisen mehr Gedanken machen und Bespiel zu geben ist das Gebot der Stunde.
    Warum tun sich digital aufgeklärte Menschen sich genau damit aber so schwer?
    Weil es eben eine Herausforderung ist die Regeln der individuellen und gemeinschaftlichen kulturellen Prägung zu hinterfragen, weil es den (zu gewinnenden) Menschen faktisch “zwingt”, gedanklich die Welt, wie er/sie kennt zu verlassen. Weil er/sie sich bewusster über sein Handeln werden muss. Das ist nicht jedermanns Sache, zumindest haben es die meisten ver-lernt.
    Die Kontextualisierung von digitalen Erinnerungen ist eben nicht kongruent mit dem Pflegen von Vorurteilen gegenüber Individuen und Gruppierungen. Dem sich ständig wandelnden und einzigartigen Anderen trotz und gleichzeitig unter Einbeziehung des Geschehenen als Mensch zu begegnen ist die aufklärerische tagtägliche Aufgabe des Einzelnen an sich selbst.
    Die kognitive Anpassung an eine andere Informationsarchitektur des Alltags ist eine individuelle und gemeinschaftliche Herausforderung, die am Wesen des heutigen Menschen rüttelt. Jenseits des kulturellen Relativismus sei für die Gesellschaften, deren digitaler Entwicklungsgrad den Punkt der Alltagsdurchdringung erreicht hat, festgestellt, dass die Diskussion über die sozialtechnischen Entwicklungen im Kern ein Diskurs über das Verständnis des Menschen von sich selbst als individual-freiheitliches Gemeinschaftswesen ist.
    Wenn es also richtig ist, was z.B. Antje Schrupp an anderer Stelle fordert (und ich stimme ihr da zu), dass es sich also nicht GEHÖREN sollte, kontext-frei harte Urteile über ein Individuum aufgrund einer bestimmten gegebenen Datenmenge zu fällen, müssen wir uns daran machen, diese soziokulturelle Herausforderung zu thematisieren.
    Eine Gesellschaft, die bis in die letzten Ecken leistungsbezogene Messwerte als das Nonplusultra der gegenseitigen Einschätzung definiert, die den Mensch hinter den Zahlen systembedingt ignoriert, kann garnicht anders als restriktiv und mehrheitlich negativ auf die Explosion der Informationskomplexität reagieren.
    Anderseits ist es aber auch in der empathischsten Gemeinschaft ab einer gewissen Größe unmöglich ohne kontext-reduzierende Wertungen den Alltag zu überstehen. “Schlagzeilen und Soundbits” ermöglichen es erst über die Horde hinaus sozial als Netzwerk zu interagieren. Die Aufgabe ist also nicht nur eine Filtersouveränität des Individuums zu erzeugen, sondern auch die kulturellen Voraussetzungen für eine tiefere Filterverantwortung sowohl des Senders als auch des Empfängers zu schaffen.
    Viel dringender als der Kampf gegen die Mächte der sterbenden Filterhoheiten des analogen Zeitalters wird so der ernsthafte und auch ein wenig freundlicher zu führende Diskurs über die soziokulturelle Verantwortung der digitalen Gemeinschaft. So wird aus Netzpolitik das Ringen um eine gerechtere und solidarischere Gesellschaft im digitalen Informationszeitalter.
    Und so würde aus dem ganzen Nerd-Geschrei auch endlich eine gesamtgesellschaftlich sinnvolle und ernstzunehmende Kraft, deren Sinn nicht in der Verteidigung von Bits und Bytes liegt , sondern der Gestaltung einer menschenwürdigen Welt im Angesicht der digitalen Revolution.

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