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Revolutionen und Ökonometrie

| 84 Lesermeinungen

Mit Ökonometrie kann man wunderbar Erkenntnisse gewinnen, wunderbar rumspielen und wunderbar manipulieren. Eine Einführung.

Mit Ökonometrie kann man wunderbar Erkenntnisse gewinnen, wunderbar rumspielen und wunderbar manipulieren. Eine Einführung.

Letzte Woche sprach ich mit einer guten Freundin, die an ihrer Dissertation in Volkswirtschaftslehre arbeitet. Ich weiß nicht wie, aber wir kamen auf berufliche Klischees, landläufige Vorstellungen von Berufsbildern, ich berichtet von jener Hochzeit, bei der meine unglückliche Schwester Lakritzbonbons in ihrem Essen fand, während ich der Sitznachbarin erklären durfte, wo eigentlich der Unterschied zwischen Betriebs- und Volkswirtschaftslehre ist. Die Freundin wiederum konnte berichten, daß es auch in ihrem Heimatumfeld (ähnlich provinziell wie meines) zu manchem Mißverständnis käme. Sage man nämlich, man promoviere in Volkswirtschaftslehre, stellt sich automatisch das Bild von einem Büro mit vielen Büchern und Aufsätzen ein. Das ist natürlich teilweise richtig, aber wenn diese Freundin dann sagt, daß sie das erste Jahr ausschließlich Statistik und Mathematik gelernt hat, ist die Überraschung groß. Jeder kennt zwar einen Sohn oder eine Tochter von Bekannten, die sich in der Pflichtvorlesung Mathematik im BWL-Studium sehr schwer getan hat. Daß allerdings in den USA ein wesentlicher Teil der Doktoranden in Economics einen Master-Abschluß in Physik oder Mathematik mitbringt aber keinerlei Grundkenntnisse in Wirtschaft ist eine hierzulande ungeahnte Dimension . Ich erinnere mich an einen Abgänger einer renommierten Privathochschule für Wirtschaftswissenschaften, der als Jahrgangsbester dennoch keinerlei Chance hatte, in den Doktoratsstudiengang einer ähnlich renommierten Hochschule der USA aufgenommen zu werden: seine Mathekenntnisse seien dafür keinesfalls ausreichend.

Genau das ist jedoch die Realität, die möglicherweise nicht ganz unbeteiligt daran ist, daß die Welt blinden Auges in eine Finanzkrise erster Güte geschlittert ist: in den Wirtschaftswissenschaften wird die vorwiegend auf Worte gestützte Analyse zumeist belächelt. Wer nicht mit Modellen und quantitativen Analysen aus der Rechenmaschine aufwarten kann (mit Ergebnissen, die von Hand durchzurechnen ein Mensch Jahre bräuchte) gilt nicht viel. Ein wesentlicher Teil der Forschung wie auch der politikberatenden Zunft konzentriert sich auf höhere Mathematik, die für den Laien nur schwer einzuordnen ist.

Bild zu: Revolutionen und Ökonometrie

Die Grundlagen hingegen sind recht simpel. Wenn man Statistik der Sorte „Grundstudium Wirtschaftswissenschaften“ mit Mathematik auf Abiturniveau kombiniert, kann man viel Spaß haben. Man kann nämlich mittels der Regressionanalyse alle möglichen Zusammenhänge zwischen zwei verschiedenen Faktoren herstellen, solange man nur beide irgendwie messen oder quantifizieren kann.Das Grundprinzip ist einfach und auch für weniger mathematikaffine Personen zu begreifen.

Man nehme zwei Variablen, sagen wir: Demokratie und Bruttosozialprodukt. Das Bruttosozialprodukt ist ohnehin schon eine Zahl. Demokratie ist natürlich keine Zahl, aber fleißige Wissenschaftler haben Informationen über die Qualität von Demokratien gesammelt und diese systematisch in ein Ranking umgearbeitet, so daß daraus auch eine Zahl wird. Zwei Zahlen kann man leicht auf einem Graphen abbilden und erhält eine Wolke von Punkten: jedes Land ein Punkt. Dann sagt man dem Computer: Errechne eine Linie, die möglichst genau auf die Punktewolke passt. Man muß dem Computer natürlich noch mitteilen, was genau passend ist, und die gängigste Methode ist die „kleinste Quadrate Methode“. Die Linie bildet den durchschnittlichen y-Wert für jeden x-Wert ab (im Beispiel also das durchschnittliche [BIP-Wachstum] für jedes Demokratieniveau) und mit der genannten Methode werden die Abstände zwischen den tatsächlichen und den rechnerischen Werten minimiert (präziser: die Quadrate der Abstände werden minimiert).

Bild zu: Revolutionen und Ökonometrie

Graphik: Dani Rodrik für den IMF, 1999.

Das ist nun keine ganz große Überraschung, daß Demokratie und höheres Wachstum miteinander einhergehen und über Kausalität sagt die Regressionsanalyse in dieser Form auch nichts aus – es ist im Zweifel nur eine robuste Korrelation. Was im zweidimensionalen Raum funktioniert, geht allerdings auch mit erheblich mehr Variablen und dann wird es spannend. Unter bestimmten Voraussetzungen kann man den Ergebnissen ablesen, ob sich Faktoren positiv oder negativ auswirken, welche Bedeutung sie im Vergleich haben und im besten Falle kann man tatsächlich auch kausale Zusammenhänge bestimmen. Das allerdings ist nicht ganz einfach. Bei Fragen wie zum Beispiel Demokratie und Wachstum sind intuitiv beide Richtungen denkbar: demokratische Länder wachsen schneller, aber reiche Länder können sich auch bessere Demokratien leisten – dieser Zusammenhang gilt denn auch nach wie vor als umstritten. Solchen Problemen und allerlei anderen, die mit der Art der Daten zutun haben, versucht man einerseits durch immer kompliziertere mathematische Verfahren beizukommen. Siehe oben.

Das andere ist die „credibility revolution“ in der empirischen Wirtschaftsforschung. Das hört sich aufregend an: Revolution, Glaubwürdigkeit, ich erwartete große Erkenntnisse. Die Waffen dieser Revolution waren jedoch nicht Gewehre und Kanonen, sondern spitze Federn, Computer und kluge Gedanken. Vor zwanzig Jahren wurde ebenfalls bereits mit solchen Methoden geforscht – allerdings glaubt kaum jemand die Schlußfolgerungen, zu groß war die Unsicherheit, zu instabil die Ergebnisse. Neben Fortschritten im mathematischen Verständnis wird allerdings heute vor allem mehr wert auf gutes „research design“ gelegt – also darauf, daß die Daten, Fragestellung und Methoden eine sinnvolle Allianz eingehen.

Dazu gehört ein großes Augenmerk auf zufällig zusammengestellte Daten ohne Selektionseffekte – also systematische Unterschiede beim Vergleich von Gruppen, die die Ergebnisse verzerren wie auch der gesamte Aufbau der Studie. Manchmal liegt die Lösung nämlich darin, das richtige Beispiel zu finden, an dem man eine Hypothese testen kann. Oder den Einsatz einer auf den ersten Blick völlig unsinnigen Variable, die das Problem der gegenseitigen Beeinflussung löst.

Bild zu: Revolutionen und Ökonometrie

Zum Beispiel haben sich einige Forscher damit beschäftigt, ob Armut zu Bürgerkriegskonflikten führt. Auch das ist ein klassischer Fall von „reverse causality“ und die treibenden Faktoren so komplex, daß ein simples mathematisches Modell sie nicht mehr auseinanderdividieren kann. Die Forscher nutzen nun folgende Argumentation: Armut führt zu Bürgerkrieg und Bürgerkrieg zu Armut – mit diesen zwei Variablen erhält man daher keine Antwort. In landwirtschaftlich orientierten Volkswirtschaften hängt Armut jedoch mit Regen zusammen: viel Regen sorgt für gute Ernten, wenig Regen für schlechte Ernten. Schlechte Ernten wiederum führen zu Armut – und umgekehrt. Andererseits hat Regen mit Bürgerkrieg wenig zu tun und ein kausaler Zusammenhang ist unwahrscheinlich. Wenn nun folglich wenig Regen (und daher schlechte Ernten und Armut) mit mehr Bürgerkriegen zusammenfällt, kann man davon ausgehen, daß tatsächlich Armut zu Bürgerkriegen führt. Genauer gesagt finden die Autoren, daß eine Verringerung der Wachstumsrate des BIP um 5 % zu einer 10 % höheren Wahrscheinlichkeit von Bürgerkriegen führt. Methodisch ist es ein simpler Kniff – man muß nur darauf kommen, eine passende instrumentelle Variable zu finden. Und dann konsequent von einem Schritt zum nächsten die Zusammenhänge durchargumentieren und natürlich die jeweiligen Korrelationen nachweisen, in diesem Fall zwischen Regen, Ernten und Armut.

Das muß man natürlich nicht glauben, aber interessant ist es allemal. Trotzdem schadet es nie, eine gesunde Skepsis gegenüber statistischen Studien zu bewahren: Daten sind immer manipulierbar, und selbst die beste Studie kann im Ergebnis von den Lesern und Intermediären verdreht werden – zumal wenn diese eine politische Agenda haben. Im Zweifel sollte man immer zur Originalstudie zurückgehen, da kann zumindest niemand Korrelation und Kausalität durcheinanderbringen.

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84 Lesermeinungen

  1. Ja dann... ab nach Mauritius!...
    Ja dann… ab nach Mauritius! Auf den Seychellen kann man sich wahrscheinlich keine FAZ am Kiosk kaufen und es gibt weniger Golfplätze. Das zeigt der Kokosnuss-Index ganz klar.

  2. Es ist ja eines der großen...
    Es ist ja eines der großen Übel, dass Zahlen aus sich heraus „hart“ und „objektiv“ wirken. Auch in ganz anderen Gebieten, nehmen wir mal Psychologie oder Sozialforschung, werden gerne irgendwelche gemessenen oder berechneten Werte bis in die Nachkommastellen hinein präsentiert – für „Intelligenz“ z.B., und die Zahl versperrt schnell den Blick auf die grundlegenden Fragen – nicht zuletzt die, was hier eigentlich gemessen wird.
    Ich bin alles andere als ein Feind von Zahlen und Statistiken, aber es ist nun mal mehr als simpel, einfach eine Interkorrelationsmatrix von willkürlich gemessenen Werten aufzustellen und dann nachzuschauen, wo sich signifikante Zusammenhänge zeigen. Das ist höchstens als Beschäftigungsmaßnahme für den Wissenschaftsbetrieb interessant.

  3. Und wenn man dann irgendwann...
    Und wenn man dann irgendwann diese Zusammenhänge verstanden zu haben glaubt, erhebt man sie zum Dogma, exportiert dieses -notfalls mit Gewalt „Wir wollen ja nur euer Bestes, haha…“-in die Welt und stellt fest, dass Theorie und Praxis nicht übereinstimmen. Lesetipp: Naomi Klein „Die Schock-Strategie“

  4. Hm, China ist dann...
    Hm, China ist dann wahrscheinlich ein krasser Outlier, wenn sie die Regression von 1999-2009 nochmal machen würden, der t-Wert ist auch ziemlich groß oder?
    Der von ihnen genannte Student war an der WHU, dann LSE und hat es jetzt doch noch an die NYU ins Phd Programm geschafft, wenn mich nicht alles täuscht…..
    Ja, das von ihnen genannte Phänomen trifft oft auf, dass man gesagt bekommt VWL sei ein ziemliches Laberfach. Die meisten Leute Wissen einfach nicht, dass man an guten Unis durchaus soviel Mathe hat wie in einem ordentlichen Maschinenbaustudium.
    Den Zusammenhang zwischen Krieg, Regen und Armut haben sie doch aus einem populärwissenschaftlichen Buch von 2 Amerikanern. Mir ist der Name entfallen, aber habe auch darüber gelesen.
    Was ich so erstaunlich finde, dass man ab dem Master sehr upgespacede Sachen in Mathe macht… wenn man sich dann aber mal Paper’s in Behavioural Econ anschaut oder Spieltheorie es keiner großen Mathematik bedarf und auch die Experimente und Studien oft sehr simpel sind.
    Nunja, trotzdem recht amüwas sie geschrieben haben. Man kann mit Studien und Behauptungen über Korrelationen schon viel Schmu treiben……
    gruß Kaktus

  5. muscat, woher wußten Sie,...
    muscat, woher wußten Sie, daß ich seit Tagen von weißen Stränden und türkisblauem Meer träume?
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    nnier, Sozialwissenschaften nutzen schließlich dieselbe Methode. Nur daß dort noch mehr Indizes herangezogen werden müssen, um qualitative Phänomene zu quantiziferen.
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    ego, die weiseren „quants“ kenne die Beschränkungen ihrer Wissenschaft durchaus und wissen, daß die Theorie der Realität nie ganz gerecht werden kann. Die nicht so weisen hingegen können gefährlich werden.

  6. liebe Sophia Amalie Antoinette...
    liebe Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia,
    sehr vergnüglich zu lesen! Und SPSS-charts können tatsächlich, was sonst nur Teekannen-Alpenpanorama-Scamorza-Bilder können. Jaja, die Prognose, die säkulare Variante der Divination.

  7. <p>kaktus, das Paper zu Regen...
    kaktus, das Paper zu Regen und Bürgerkriegen ist oben verlinkt und wurde auch im JPE veröffentlicht. Nix Populärwissenschaft. Spieltheorie ist oft auch mathematisch, zum Beispiel wenn es um Tournaments oder Mechanism Design geht.
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    Foersterliesel, der Chart ist ja auch nicht das Werk meiner stümperhaften Pfoten, sondern von einem angesehenen Wissenschaftler. Freut mich, daß es gefällt – ich bin dem Autor dankbar, daß ich es benutzen darf.

  8. Trotzdem schadet es nie, eine...
    Trotzdem schadet es nie, eine gesunde Skepsis gegenüber statistischen Studien zu bewahren: Daten sind immer manipulierbar, und selbst die beste Studie kann im Ergebnis von den Lesern und Intermediären verdreht werden – zumal wenn diese eine politische Agenda haben.“
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    Sehr schön! Ich finde ja, man kann es gar nicht oft genug sagen. Mich erinnert das auch an die schöne Geschichte der Korrelation zwischen der Anzahl der Störche und der Anzahl der Geburten. (Z. B. Dr Thomas Höfer et. al: New Evidence for the Theory of the Stork)

  9. Regressionsanalyse,...
    Regressionsanalyse, ökonometrische Modellings, multivariate Analysen – die Mediaplaner, mit denen ich bisweilen beruflich zu tun habe, schwören auch auf dieses Instrumentarium. Angeblich kann man jetzt schon den Werbewirkungsbeitrag des letzten Pappaufstellers vor der Ladenkasse im Rahmen einer Media-Mix-Kampagne genau beziffern. Trotzdem sieht es für mich nicht so aus, als wäre man der Lösung des klassischen Henry-Ford-Problems („Natürlich weiß ich, dass die Hälfte meiner Werbeausgaben rausgeschmissenes Geld sind – es kann mir nur keiner genau sagen, welche Hälfte“) in den letzten Jahrzehnten signifikant näher gekommen.

  10. Liebe Windsbraut, genau das....
    Liebe Windsbraut, genau das. Regressionsanalyse kann helfen, muß aber nicht.
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    Geschätzter Kollege – die Verfahren sind immer nur so gut, wie das Research Design und lassen viel Freiraum, zumal wenn man eigentlich kein Statistiker ist und nicht blickt, wo die Probleme liegen.

  11. Sophia, ich habe mich...
    Sophia, ich habe mich mißverständlich ausgedrückt. Die ursprüngliche Intention meiner Aussage war, dass das was teilweise von der Forschung publiziert wird, alles andere als Rocket Science ist und auf einigen Gebieten ja durchaus auch für Laien nachvollziehbar. Das man um dorthin zu kommen allerdings mindestens ein Mathediplom braucht. Hoffe jetzt ist klar was ich sagen wollte. Wollte keinesfalls ihre Quelle diskreditieren, hatte den gleichen Inhaltn auch in einem Buch gelesen das den Schreiber des Papers als Co – Autor hatte und dieses Buch war eher populärwissenschaftlich und unterhaltsam .

  12. Viele Fehlstunden in...
    Viele Fehlstunden in Mathematik hatte ich mir ergaunert, aber das es so viele waren, erstaunt mich beim Lesen doch sehr. Mit anderen Worten: ich bin voellig unbeleckt und daher ein Anhaenger der Methode „Pi x Daumen x Fensterkreuz“.
    Und jetzt die Frage: Wieso geht trotz der ausgefeilten Mathematikkuenste so viel in die Hose? Oder andersherum: Warum klappt das Meiste trotzdem? Oder gerade deswegen? Ueberall? Oder nur in geschlossenen Systemen?
    Voellig ratlos begebe ich mich jetzt wieder an mein unberechenbares Tagwerk und freue mich auf die Stunde des Sundowners (Rotwein, ersatzweise Bier). Der ist voraussehbar sicher. Also fast. Naja, so genau weiss mans auch nicht….
    …(langsame Ausblende).

  13. Geschätzter kaktus, ich...
    Geschätzter kaktus, ich stelle beim Schreiben auch immer wieder fest, wie schwierig es ist, die möglichen Fallen ohne Mathematik aufzuzeigen – fast unmöglich. Ohne technisches Verständnis kann man den Wert und die Zuverlässigkeit von Studien nicht einschätzen – nicht mal, wenn sie so simpel sind wie in jenem Beispiel. Was mich oft nachdenklich macht.
    .
    Filou, erstens bin ich neidisch, wenn bei Ihnen Sonne zu sehen ist. Zweitens: weiß ich auch nicht. Geht denn wirklich wenig in die Hose? Meiner unerheblichen Meinung nach haben das übermäßige Vertrauen in Ökonometrie und Modelle mit zur Finanzkrise geführt. Andererseits, vermute ich, wird Mathematik in Ingenieurwissenschaften vielleicht anders genutzt, so daß uns massenweise zusammenbrechende Häuser (wortwörtlich genommen) erspart bleiben?

  14. Lieber Filou,
    speziell wenn...

    Lieber Filou,
    speziell wenn es wie hier darum geht, soziale Entwicklungen zu prognostizieren, ist die Überbewertung der Mathematik leicht zu erklären.
    Denn die Gesellschaft ist ja, frei nach Maggie Thatcher, etwas, dass es nach Meinung der neoliberalen Koffermännchen vielleicht gar nicht gibt und mit Sicherheit nicht geben darf.
    Die Mathematik aber gibt es und soll es geben, sie ist die willkommene Glaskugel für die Nerds, Spiesser und Kulturflüchter, die von der Möglichkeit der Existenz einer Gesellschaft eher unangenehm berührt sind.
    „Leidenschaftlichen Positivismus“ haben schon Adorno und Horkheimer vor 70 Jahren als typisches Merkmal des „autoritären Charakters“ hervorgehoben.
    .
    Darum ja auch die immer wiederkehrende Begeisterung für Denker wie Hobbes oder Zirkelschlüsse wie diesen: Die Welt ist schlecht, darum muss ich selber auch schlecht sein. Und dass ich selber schlecht bin, ist der beste Beweis dafür, wie schlecht die Welt ist.

  15. Beste SAAI
    Tja, mit den...

    Beste SAAI
    Tja, mit den Finanzmodellen ist das so eine Sache.
    Es gab doch da mal einen Hedge-Fonds, der hiess LTMH (oder HTML oder so). Wie auch immer: Nobel-Preisträger und anderes gescheites Gemüse machte damals mit und berechnete haargenau, wie man damit richtig Geld macht. Und die ganzen Berechnungen haben auch funktioniert.
    Bis… ja, eines schönen Tages, eine Konstellation eintraf, die gemäss Berechnungen/Statistiken entweder nur alle 50 Jahre eintreffen dürfte, und auch dann nicht in diesem Ausmass…..
    (Behaften Sie mich nicht auf die Exaktheit meiner Aussage – das Grundsätzlich aber stimmt.)
    .
    Was ich damit sagen will: Jahrelang (also: grösstmehrheitlig) kann die Mathematik richtig sein. Aber einmal ein kleiner Fehler (oder eine relativ unwahrscheinliche Änderung der Grundkonstellation) – und alles geht baden.
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    An anderen Orten hat so ein „kleiner“ mathematischer Fehler sicherlich weniger Auswirkungen……

  16. Werte Sophie, Sundowner =...
    Werte Sophie, Sundowner = Euphemismus fuer Feierabendbier bei Regen.
    Oekonometrie = Mathematisches l’Art pour l’Art?

  17. @Kopfgeburt
    Das liegt m. E....

    @Kopfgeburt
    Das liegt m. E. daran, dass man gern vergißt, dass ein Model eben ein Model ist und die Realität nur begrenzt abzubilden vermag.

  18. HansMeier555, wenn nur die...
    HansMeier555, wenn nur die Prognosen falsche wären – manchmal sind es sogar die vergangenheitsbezogenen Diagnosen.
    .
    Kopfgeburt, daran hat sich nichts geändert, soweit ich weiß. Wobei in diesem Punkt N. Taleb durchaus lesenswert ist.
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    Filou, dann bin ich getröstet. Sundowner im Regen kann ich auch haben.

  19. Vor einigen Jahren, als ich...
    Vor einigen Jahren, als ich noch Student des Maschinenbaus war, vertraute mir ein BWL Professor spätabends beim Bier an, dass die Vorlesungen „BWL für Ingenieure“ bei ihm und seinen Kollegen mit zu den unbeliebtesten Verpflichtungen gehörte. Die angehenden Ingenieure hätten nämlich die unangenehme Angewohnheit, das an der Tafel vorgerechnete unmittelbar mitzurechnen, was zu peinlichen Momenten führe, wenn der Herr Professor einen Fehler mache. Das käme bei BWL Studenten schlichtweg nicht vor, dieses Mitrechnen, weswegen die Vorlesungen dort viel entspannter abliefen.
    .
    An diese Bemerkung musste ich denken, als die letzte Finanzkrise ausbrach. Wenn die ganzen Finanzkonstruktionen in ihrem Risiko für die Akteure in den Banken wirklich bekannt gewesen wären, dann wäre manches schlicht Betrug gewesen. Mit Betrug meine ich, jemand weiss was er tut und zieht einen anderen in vollem Bewußtsein über den Tisch. Das würde mich auch nicht weiter beunruhigen, dann sind die Fronten wenigstens klar.
    Das fatale ist aber, dass ich, auch vor dem Hintergrund der Bemerkung dieses Professors, den Eindruck habe, die meisten Banker wussten und wissen bis heute nicht so recht, welche Risiken wirklich in ihren Papieren stecken, weil sie es schlichtweg nicht nachrechnen können. Und das beunruhigt mich wirklich.

  20. apreslude, das sind aber keine...
    apreslude, das sind aber keine BWLer, sondern Physiker, die in den Kellern der Investmentbanken Modelle ausrechnen. Die BWLer am Trading Desk oder im Controlling hingegen verstehen die Modelle kaum.

  21. Aber wenn es Rechenknechte in...
    Aber wenn es Rechenknechte in den Kellern sind, die die Modelle basteln, dann sollten die wirklich gutbezahlten Leute in den Etagen darüber schon imstande sein, wenigstens ein Gefühl für die Größenordnungen zu haben, in denen man sich bewegt und Risiken eingeht. Ich hatte den Eindruck von zu viel echter Überraschung bei den Verantwortlichen. Wenigstens für den ersten Moment. Natürlich hat man sich schnell wieder gefangen und ist mit der üblichen Rhetorik zur Tagesordnung übergegangen und zockt schon wieder fröhlich weiter.

  22. apreslude, diese Art von...
    apreslude, diese Art von Modell und die zugrundeliegenden Annahmen begreift man nicht ohne Mathematik-Studium. Entweder man vertraut darauf, daß die Experten Recht haben, oder man hält sich von Risiken fern.

  23. Ich finde den Grundtenor der...
    Ich finde den Grundtenor der hier viel mitschwingt amüsant. Es wird irgendwas auf Modelle geschoben und Zahlenmenschen, die an der Realität vorbeirechnen. Ich denke eher, das Übel ist der Menschen. Wenn jemand Kunden ein Rating verpassen soll, ob diese einen Hauskredit bekommen sollen, aber gleichzeitig nach einem Bonussystem bezahlt wird, nachdem es für ihn gut ist wenn möglichst viele einen Kreditvertrag abschließen. Dann läuft irgendwas falsch. Und es ist ja klar, dass die Ratingdaten verfälscht sind. Irgendein armes Schwein, trifft dann Entscheidungen aufgrund dieser Daten, aber das dabei eine Fehlentscheidung herauskommt ist nicht unwahrscheinlich.
    Oder man macht eine empirische Studie zur Anzahl von Kindern mit migrantischem Hintergrund und dem Ergebnis in standarisierten Leistungstest in der Schule, kann man politsch motiviert viel Geschichten erzählen. Ob da immer Kausalität und Korrelation beachtet wird ist natürlich fraglich.Was auch interessant ist, oft muss man gar nicht die Daten an sich verändern, sondern nur ihre Dareichungsart. Habe dazu mal an einer Studie teilgenommen an der Uni und es ist schon bitter wenn man unterbewusst überlistet wird.
    gruß kaktus

  24. Schon Churchill hat dazu doch...
    Schon Churchill hat dazu doch alles gesagt.
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    Erstaunlich, dass man mit ein paar lächerlichen Buchstabenkürzeln („AAA“) ganze Heerscharen von mathematisch gebildteten Analytikern und Investoren dazu bringen kann, die simpelsten Interessenkonflikte zu übersehen.

  25. Und noch ein Moment: Je...
    Und noch ein Moment: Je nützlicher eine Statistik oder eine Formel, umso grösser der Anreiz, sie geheim zu halten.
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    Je stärker sie verbreitet wird, umso größer der Verdacht einer Manipulationsabsicht.

  26. kaktus, manchmal erschreckend,...
    kaktus, manchmal erschreckend, manchmal aber auch unterhaltsam und interessant!
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    HansMeier555, es ist nicht gesichert, ob Churchill das gesagt hat, jemand anderes oder überhaupt niemand. Bei der Verbreitung würde ich Ihnen zustimmen.

  27. DA ich Anekdoten mag ¨(ist so...
    DA ich Anekdoten mag ¨(ist so etwas wie das im Kopf Überschlagen ob ein Ergebnis anscheinend plausibel ist: wenn nicht, Fehler suchen):
    In der Übung Statistik im Grundstudium, OSI Berlin 90er Jahre letzten Jahrhunderts wurde demjenigen, Todesstrafe angedroht, der mit Statistik etwas beweisen wollte.
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    Auch bei drittem Parameter bleibt Alles nur Korrelation und Wahrscheinlichkeit, weder Beweis noch Gewissheit.

  28. HansMeier: Interessenkonflikt...
    HansMeier: Interessenkonflikt ist ein juristischen, kein mathematisches Konflikt. Gar nicht erstaunlich, dass es nicht wahrgenommen wird.

  29. apreslude: und Mediziner,...
    apreslude: und Mediziner, Statistik und Medikamente?

  30. icke, wer seinen Popper...
    icke, wer seinen Popper gelesen hat, weiß, daß wir ohnehin nichts beweisen können. Medikamente und Statistik hatten wir schon – ich bin ja nicht von gestern: http://faz-community.faz.net/blogs/deus/archive/2010/10/25/statistiker-im-labor-die-pharmakometrie.aspx

  31. sombart wäre heute noch nicht...
    sombart wäre heute noch nicht einmal bis in die vwl-anfängervorlesung gekommen.
    .
    es soll da einen börsenmakler gegeben haben, der sich ziemlich unverblümt gegen rechner und noch mehr, programme ausgesprochen hat:
    klar nehme ich einen hund mit zur jagd, geht doch gar nicht ohne. aber deswegen gebe ich doch der töle nicht die flinte.

  32. Sophia Amalie Antoinette...
    Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia – ich dachte eher an eine Studie mit praktizierenden Ärzten die von Statistik nichts verstanden: Frage AIDS Test xy gibt falsche Resultat in 1/50 000 Fällen (oder so). Menschen ohne Risikofaktoren haben eine Chance von 1/50 000 AIDS zu kriegen (oder so). Wie hoch ist die wahrscheinlichkeit, dass ein positives Ergebnis bei einem Menschen ohne Risikofaktoren (wir gehen davon aus, dass er bei der Anamnese die Wahrheit gesagt hat) falsch ist (1:1, 1/50 000,1/2 500 000 000)? Weit über 3/4 der befragten Ärzte hätten es nicht gewusst.

  33. Ah ja, wir haben verstanden....
    Ah ja, wir haben verstanden. Das sind also die perfekten Entscheidungshilfen gewesen für Mr. Greenspan & al.? Die japanischen Kaffeesatzleser stochern samt Regierung immer noch im Salat der gescheiterten Modelle herum. Quo vadis? Die Weichen für die nächsten Irrwege samt Begründungsplänen sind schon gelegt. Auch die Schirmmacher haben bannig in nächster Zeit zu tun.

  34. Einfach nur Gratulation, auch...
    Einfach nur Gratulation, auch zu den Kommentaren. Wenn ich das mit den Kommentaren in ZEITonline vergleiche …. welch ein Unterschied.
    Aber zur Sache:
    Ad icke: Ärzte verstehen nichts von Statistik (generalisiert), aber das ist auch nicht so bedeutsam, da von Patienten vornehmlich Zuwendung verlangt wird. Das Essen im Krankenhaus ist wichtiger, als die Hygienebilanz! (verkürzt, na klar)
    Ad Volkswirtschaft: an vielen Lehrstühlen ist die Konjunktur denr nächsten drei Monate wichtiger als die ‚Gesundheit‘ der Volkswirtschaft über mehrere Jahre oder sogar in der zukünftgen Zukunft. Ich sehe hier die große Chance einer publizistischen Institution wie der FAZ, hier ein Forum zu schaffen: Was ist Geld? Woher und wozu. Limitationen und Chancen.
    Natürlich sind das alte Fragen, aber für Politiker sollte sies zur Zwangsvorlesung mit Examen werden.

  35. das Problem dritter Variablen...
    das Problem dritter Variablen .. immer wieder so eine Sache. Läßt sich ansatzweise mit Strukturgleichungsmodellen behandeln: dirkete vs. indirekte Effekte. Noch mal Korrelation vs. Kausalität: Es gibt einen signifikanten Zusammenhang zwischen der verkauften Eismenge und der Kriminalitätsrate (insbes. Gewaltverbrechen). Kausalität oder was könnte die 3. Variable sein? Wer bekommt das Bienchen?

  36. Sophia Amalie Antoinette...
    Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia: „Dani Rodrik“ ist kein angehender Wissenschaftler, sondern Harvard Professor…

  37. Mmmm, bin ich der Einzige, dem...
    Mmmm, bin ich der Einzige, dem diese Graphik nicht ganz zu dem Text passen will? Abgesehen davon, dass der Text auch nicht eindeutig ist, y-Achse ist BSP und nicht Wachstum, oder? Egal, wichtiger an dieser Graphik ist 1., dass anscheinend in Kolumbien sowohl ein höheres Demokratie-, wie auch BSP-Niveau erreicht wird als in Deutschland, und dass 2. doch wohl niemand bei einem Koeffizienten von 0,02! eine Korrelation in Erwägung ziehen würde…(sieht man ja auch schon auf dem ersten Blick, Punktwolke)
    Aber sonst, interessantes Thema…
    Ganz grundsätzlich muss einem halt immer klar sein, dass man von nichtlinearen System spricht, wo bereits winzige Parameterabweichungen zu vollkommen anderen Ergebnissen führen können.

  38. Der Skeptiker:

    Frage: Als ich...
    Der Skeptiker:
    Frage: Als ich mein VWL-Studium beendete (1988 mit noch erheblich weniger Mathematik als heute), war es die Weisheit des Faches, dass ökonometrische Modelle die Konjunktur nicht besser vorhersagen konnten als die traditionellen „Zu-Fuß“-Methoden, die aus Trendfortschreibung und intelligenter Spekulation bestanden. Ist das immer noch so?
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    Bei zu komplizierten Modellen habe ich immer die Befürchtung, dass der Forscher den Wald vor Bäumen nicht sieht: Weil er seine Energie auf die Komplexitäten der Mathematik und die nervenaufreibenden Kleinigkeiten des Programmierens richtet, neigt er dazu, wichtige reale Faktoren zu übersehen. Oder auch solche Faktoren, die sich nicht recht in die mathmatische Formulierung fügen wollen. Richtig?
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    Als wir beide studierten, erzählte mir ein guter Freund, der Ingenieurwissenschaft studierte, dass er einen Kurs in Makroökonomie gemacht hatte. Als wir uns unterhielten, hatte ich den Eindruck, dass er die mathematischen makroökonomischen Modelle besser „konnte“ als ich. Aber ich hatte auch den Eindruck, dass sich bei ihm das Gefühl für die sozialwissenschaftliche Dimension, nämlich dass es sich bei Wirtschaft um etwas Menschliches und etwas Historisches handelt, nicht so eingestellt hatte. Natürlich nur ein subjektiver Eindruck.
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    Den mikroökomischen Studien von Freakonomics (Levitt, Dubner) habe ich hingegen einiges abgewinnen können.

  39. auch-einer, das mit dem Hund...
    auch-einer, das mit dem Hund gefällt. Es gibt aber nun einmal solche und solche Jäger.
    .
    prince l´enfer, bedauerlicherweise befürchte ich: ja.
    .
    domday, vielen Dank!

  40. blufunk, keine Ahnung.
    .
    matt...

    blufunk, keine Ahnung.
    .
    matt nohn, da steht kein „d“ sondern nichts, es hätte aber ein „s“ sein müssen – angesehener. Wie peinlich, vielen Dank!

  41. @blufunk: könnte es einfach...
    @blufunk: könnte es einfach nur die Hitze sein, die die Menschen in den Wahnsinn treibt?
    .
    Übrigens komisch, gestern habe ich „Die Schockstrategie“ erwähnt, heute sind die „Chicago-Boys“ Artikel des Tages bei wikipedia. Lesen die hier mit?

  42. <p>Physiker, ich fürchte, Sie...
    Physiker, ich fürchte, Sie haben zum Teil recht und verstehen die Graphik nicht. Erstens ist die abhängige Variable tatsächlich Growth, zweitens haben Entwicklungsländer tatsächlich meist höhere Wachstumsraten als Industrieländer, drittens ist die erklärende Variable der Freedom House Index of Civil Rights, und waurm sollte Kolumbien da nicht in den 70er, 80er Jahren besser abschneiden als Deutschland?
    Davon abgesehen ist der positive Zusammenhang doch sehr offensichtlich, wenn auch gering. Der Rest ist Statistik, und nicht zuletzt weil der Zusammenhang nicht so stark ist, wird er nach wie vor in der Wissenschaft heiß diskutiert.
    .
    20thStreet, Ihre subjektive Wahrnehmung teile ich völlig. Modelle und Statistik sind nur so gut, wie der Benutzer, und die Teilung der Disziplin in solche, die sehr gut Mathe können, aber VWL nicht verstehen und solche, die eine Intuition für VWL haben aber die Modelle nicht ganz durchschauen, halte ich auch für gefährlich.

  43. Na dann hab nicht nur ich die...
    Na dann hab nicht nur ich die Graphik nicht verstanden: „Die Linie bildet den durchschnittlichen y-Wert für jeden x-Wert ab (im Beispiel also das durchschnittliche Bruttosozialprodukt für jedes Demokratieniveau)“. Also nix Growth. Und nein, wenn der positive Zusammenhang gering ist (0,02 von max. 1), dann ist er sicherlich nicht offensichtlich…

  44. <p>Physiker, schon wieder...
    Physiker, schon wieder richtig: habe mich vertippt. Entschuldigung. Muß Growth sein, nicht BSP. Mit offensichtlich meine ich: eine gemeinsame Tendenz ist schon da, die Linie geht schließlich nach oben. Wie valide das ist – andere Geschichte, eine für Statistiker (oder Physiker).

  45. Apreslude
    @apreslude
    Echte...

    Apreslude
    @apreslude
    Echte Überraschung – also ich weiß nicht. Mich hat das Platzen der amerikanischen Immobilienblase nicht überrascht, und das nicht, weil ich mich mit dem Thema auskenne. Ich würde mich da eher als ahnungslos bezeichnen, obwohl ich vor ein paar Jahren bei einer Bank gearbeitet habe, allerdings in einem ganz anderen Bereich. Dort traf ich, nachmittags an der Kaffemaschine, oft die Fondsmanager, die für die US-Immobilienfonds verantwortlich waren. Und die hatten Sorgen, damals schon: Markt zu Aufgeblasen, Immobilien zu teuer etc.

  46. Na da haben wir doch den Kern...
    Na da haben wir doch den Kern des Problems erreicht:
    „Ein wesentlicher Teil der Forschung wie auch der politikberatenden Zunft konzentriert sich auf höhere Mathematik, die für den Laien nur schwer einzuordnen ist. “
    Und solange diese Laien von Mathematik keine Ahnung haben, kann „man“ sie mit jeder Graphik beeindrucken. Wer will schon einer Linie widersprechen, und sei die Steigung noch so minimal.

  47. Ein wesentliches Problem ist,...
    Ein wesentliches Problem ist, daß jedes Modell (zum Teil sehr enge) Grenzen hat und daß oft der größte Teil der Benutzer diese Grenzen nicht kennt oder ignoriert.
    Der frühere EU-Binnenmarktkommissar McCreevy schrieb vor etwa einem Jahr, daß es in der Krise klar geworden sei, daß die üblichen Modelle für die Risikoabschätzung prima funktionieren, so lange sie nicht gebraucht werden – und sich als völlig nutzlos herausstellten, sobald es wichtig würde.
    Die beste Mathematik und Statistik nützt nichts, wenn ich sie in einem Bereich anwende, für den sie nicht gilt – und ganz besonders schlimm wird es, wenn man die Ergebnisse glaubt und eine ganze tatsächliche Ökonomie darauf baut, weil ja alles auf vier Stellen hinter dem Komma herauskommt.
    Wenn ein Bauingenieur die Statik einer Brücke berechnet, die Baufirma dann aber Holz statt der vorgesehenen Stahlträgern nimmt (oder zwar Stahl, davon aber nur die Hälfte, wie in Köln)…

  48. Werter Physiker, ich bin immer...
    Werter Physiker, ich bin immer dankbar, wenn meine Leser Fehler finden. Spricht für meine Leser, und gute Leser sprechen für mich.
    Trotzdem glaube ich daran, daß es zwischen politischen Systemen und Wachstum einen Zusammenhang gibt – wenn ich jedoch wüßte, in welche Richtung der geht und wie man ihn schlüssig beweisen kann, hätte ich einen Nobelpreis verdient und würde nicht hier bloggen.
    .
    windsbraut, mit gesundem Menschenverstand hätte man früher drauf kommen können, aber erstens gab es ja die Modelle und zweitens gibt es den Herdentrieb.

  49. Liebe Sophia, wie ordnen sie...
    Liebe Sophia, wie ordnen sie dann China ein? Es dürfte zwar in dem Zeitraum der Analyse noch für ihre These sprechen, aber seit sagen wir mal 1995 bis heute, wäre es ja das stärkste Gegenteil. Auch ein Land wie die Türkei, das im eurasischen Raum sehr hohe Wachstumsraten hat, dürfte eine andere Demokratie pflegen, als das was wir gemeinhin darunter verstehen.
    Physiker hat teilweise Recht, wobei die Daten die Herr Rodrik verwendet anscheinend logarithmiert sind und man nicht wirklich erkennen kann was für eine Skala er beim Wachstum verwendet hat. Es erschließt sich zumindest mir nicht.
    Auszug aus dem Paper, der in Teilen schon ihrer Interpretation widerspricht:

    A. Democracy and Long-Term Performance
    Figure 1 shows a scatter plot for a sample of 90 countries. The figure shows the partial relationship between a country’s level of democracy and its growth rate of GDP per capita during the 1970-89 period, after initial income, education, and regional effects are controlled for. Democracy is measured on a scale of 0 to 1, using the Freedom House index of political rights and civil liberties. While the slope of the relationship is positive and statistically significant, this result is not very robust. As is clear from the figure, removing Botswana–which is an important outlier–would make a big difference to the results. This is in line with existing results in the literature, which suggest that there is no strong, determinate relationship between political participation and average levels of long-run growth.
    Looking at individual cases, it becomes quickly evident why this is so. Among high-growth countries, Taiwan, Singapore, and Korea rank low in terms of democracy (during the period covered by the regression), this being the source of the conventional wisdom among policymakers reported above. But some other countries, Botswana and Mauritius in particular, have done equally well or even better under fairly open political regimes. (Note that the rankings in this figure have to be interpreted relative to the benchmarks established by the presence of the other controls in the regression.) Poor performers can similarly be found at either end of the democracy spectrum: South Africa and Mozambique have done poorly under authoritarian regimes, Papua New Guinea and Jamaica under relatively democratic ones.
    Hence mean long-run growth rates tend not to depend systematically on political regime type. But this is only part of the broader picture. A different question is whether democracy is the safer choice in the following sense: is the cross-national variance in long-run growth performance smaller under democracies than it is under autocracies? Since mean growth rates do not differ, a risk-averse individual would unambiguously prefer to live under the regime where expected long-run growth rates cluster more closely around the mean. “
    gruß Kaktus

  50. Soll jetzt nicht böse klingen...
    Soll jetzt nicht böse klingen aber meinen sie glaube ist im Zusammenhang mit Ökonometrie nicht unangebracht. Müsste es nicht eher heißen sie wünschen sich einen Zusammenhang zwischen politischem System und BIP Wachstum?
    Dies würde einen tieferen Wunsch oder innerer Überzeugung entsprechen, nachdem Demokratie eigentlich auch „wirtschaftlich“ besser sein müsste. Ist aber wahrscheinlich eher ein Wunsch oder Glaube, als die Realität.
    kaktus

  51. Sehr geehrte Sophia, es mag...
    Sehr geehrte Sophia, es mag einen Zusammenhang zwischen Wachstum und politischem System geben, nur tue ich mir (auch als Physiker) sehr schwer damit, dies aus den vorliegenden Daten zu konstruieren. Durch diese Punktwolke kann man (fast) jede Fitfunktion legen. Aber wenn es diesen Zusammenhang nun tatsächlich gibt, wie wirkt sich das auf das Erreichen der Grenzen des Wachstums aus?
    .
    apreslude, me, too, aber mein VWL-Professor hat auch die relevante Mathematik verstanden, wie wir Physiker mit Nebenfach VWL mehrfach in Gesprächen nach der Vorlesung evaluieren konnten. Der beste Satz aus meiner Prüfung bei ihm: „Das ist der Physiker, der leitet sich das her. Der WiWi muss das auswendig lernen.“
    .
    Gibt es für Statistiker oder Wirtschaftswissenschaftler eigentlich auch eine Wissenschaftsethik oder Wissenschaftsphilosophie, sprich eine „Lehre vom verantwortungsvollen Umgang mit Zahlen“?

  52. kaktus, wie bereits gesagt:...
    kaktus, wie bereits gesagt: das Thema ist heiß umstritten und ich bin mir selbst nicht sicher, in welche Richtung die Kausalität geht, kann aber beide Richtungen nachvollziehen. Dem entgegen steht zum Beispiel die Hypothese, daß autokratische Regimes leichter Wirtschaftsreformen durchführen können – das wäre genau umgekehrt. Davon abgesehen halte ich Glauben, im Sinne von Intuition und analytischem Denken, für unabdingbar. Wenn ich nicht vor jeder Regression einen Zusammenhang vermute und ihn logisch erklären kann, ist es nur noch Data Mining – keine Wissenschaft.
    .
    Robert B., natürlich könnte man auch nichtlineare Zusammehänge annehmen, solche Daten ändern sich unter Umständen auch wenn statt Wachstum GDP-Levels oder statt Freedom House ein anderer Index genommen wird. Sie ändern sich bei unterschiedlichen Jahren und natürlich bei unterschiedlichen Samples. Dann stellt sich die Frage: was sind Outlier, die man legitimerweise ignorieren darf, was nicht? Wann manipuliere ich das Sample, wann glätte ich nur die Durchschnitte? Sollte ich vielleicht besser gleich auf Mediane oder andere Schätzer ausweichen?
    Ob man glaubt, daß ein gutes, institutionelles, freies Umfeld Wachstum fördert oder nicht: Sie können für beides Daten finden (z.B. Acemoglu et al. 2005 dagegen, oder Boix 2009 dafür). Deswegen kommt es am Ende darauf an, was Sie glauben. Und selbst wenn autoritäre Regimes wirtschaftlich besser wären: ist Freiheit nicht ein Wert an sich? Dazu müßte man eher Philosophen befragen, die können gar nicht rechnen, aber haben trotzdem was zu sagen.
    @Wissenschaftsphilosophie: implizit schon, das hat viel mit der „credibility revolution“ zu tun, aber wie bei allen Regeln hält sich nicht jeder dran.

  53. Klein-Fritzchens Traum-Vision:...
    Klein-Fritzchens Traum-Vision: Die Versuchsanordnung:
    Der innere Cercle (Graue Eminenzen) kam zusammen um die Stellschrauben für die Wohlfahrt des Staates zu Beginn für die kommende Dekade neu zu justieren. Geladen waren die Vertreter der renommiertesten wissenschaftlichen relevanten Institutionen der Nation. Diese wussten allerdings nicht, dasss sie der mächtigsten Gruppierung im Lande gegenübersassen, es schien sich bei der Veranstaltung eher um eine Art Studium generale für Honoratioren zu handeln. Bekannte Regierungsmitglieder, Vertreter der Parteien, denen der „Dienste“, der Medien (Fortune, FAZ, SPON, NYT, Telepolis etc.), der Wirtschaft und des Militärs waren nicht auszumachen.
    Jeder Vertreter der Denkschulen konnte seine Modelle und Diagramme freimütig darstellen und begründen, untermauert durch die tüfteligsten mathematischen
    Theorien, durchspielbar in sämtlichen Konsequenzen für die potentielle Zukunft der Nation und den mittel-und unmittelbaren Auswirkungen für eine globalsierte Welt. Ablaufend in verkürzter „Echtzeit“ auf grossen Bildschirmen. Social-engineering
    auf allerhöchstem Niveau kombiniert mit Corporate Social Responsibility.
    Die illustren Namen der Wirtschaftstheorie von M. Friedmann, F.A. v. Hayek fielen, die Chikago-Boys fanden Erwähnung, Vilfredo Pareto, Léon Walras, Carl Menger, Irving Fisher ebenso wie Maynard Keynes. Auch die radikale Linke des Anti- Neoliberalismus
    konnte gegen die Ordotheoretiker ihre Thesen vortragen. Die Mitglieder des Cercles zeigten sich als ein äusserst bewundernswert aufmerksames Auditorium.
    Fragen wurden allerdings keine gestellt. Ein merkwürdiges Phänomen.
    Die Gruppierung führte nach dieser Anhörung eine intensive aber aber äusserst kühle Diskussion über das zuvor Gehörte.
    Es schälte sich eine einhellige Meinung heraus, die darin gipfelte, dass man zwei Hauptgruppierungen auf die „Gesellschaft“ gegeneinander gleichwertig loslassen würde. Komplett mit allen jeweilig erforderlichen Ressourcen versehen an Manpower, Kapital etc. um eine umfassende Revolution aller Lebensbereiche zu implantieren. Die Auswirkungen auf das Selbstverständnis der Nation, auf die Ökonomie, Ökologie, Bildungseinrichtungen sollten ungesteuert offenbleiben. Das diesen gigantischen Concours, der in praxi umgesetzten Spieltheorien, am effizientesten bestehende Modell, sollte sich für eine weitere Dekade bewähren dürfen. Die mit einkalkulierten Opfer an Menschenleben, Kapital etc. wurden in kühl in Betracht gezogen. Man war diesbezüglich geschichtlich up to date und einiges gewöhnt.
    Philosophisch-staats-sozio-politisch gab man sich ebenfalls absolut offen: Die Kenntnis von Platos Staat, der Schriften Bakunins oder die Vorstellungen Karl Marx, jene von Carl Schmitt waren allen geläufig. Habermas und seine Sicht auf die Religionen nahm man gelassen zur Kenntnis. Das mehr oder weniger offene Bekenntnis zur gesteuerten Demokratie, zur Diktatur von Eliten, streng konservativer Denker durfte ebenso in die Parameter der rechnergestützten Modelle einfliessen wie jene der radikal-ökologischen Bewegungen. Auch die Vorstellungen von O. v. Nell-Breuning oder Ludwig Erhard zur Wirtschaft und der Rolle des Staates. Es kam der Moment des effektvollen Startes….
    ..
    …und Klein-Fritzchen wurde für einen kurzen hellsichtigen Moment schweisgebadet wach um danach endgültig ins Koma zu fallen.

  54. Das gewisse Etwas
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    Eins muss...

    Das gewisse Etwas
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    Eins muss man den Herrschaften lassen: sie machen das Geschäft mit der Unberechenbarkeit zu einem berechenbaren Geschäft. Ich bin sicher, dass sich nicht wenige Unternehmensberater gerade mit solchen Daten den Zugang zu einem fetten Markt ertunnelt haben. Wenn die Revolution so berechenbar wäre, dann wären nicht nur alle Marxisten von Rang Mathematiker, sondern auch umgekehrt alle Mathematiker Marxisten. (Letzteres wäre sicherlich nicht zu bedauern, wenn auch etwas schlagseitig. Selbst Marx hat sich die schwierigsten Berechnungen nicht selten von Engels erklären lassen müssen, ob dessen Erfahrung als Kaufmann mit der Zahl.)
    .
    Der Punkt ist der, dass man auch die kleinste Differenz zwischen Quantität und Qualität – also den Moment, wo das eine in das andere umschlägt, eben nicht wiederum quantifizieren kann. Es ist quasi die „Lücke“ (Zizek, http://blog.herold-binsack.eu/?p=1233), die sich unserem Zugriff entzieht. Es wird darüber gerätselt ob diese Lücke nicht letztlich unserem Blickwinkel selber zu verdanken ist, dem berühmten „blinden Fleck“, also dem Moment, in dem wir gezwungenermaßen durch unseren Blick auf das Detail das Ganze aus den Augen verlieren, oder ob das Ganze selber schon Lücken enthält. Entsteht der Qualitätswechsel (der „Phasenübergang“) erst im Moment des Wahrnehmens, dann wäre die Wahrnehmung Teil des Wechsels selbst. Oder ist der Moment völlig unabhängig von unserem Bewusstsein, also ein rein objektiver Prozess, womit dann die Natur selber dialektische Sprünge vollzöge. Für Beides finden sich genügend Belege. Die Quantenmechanik scheint ein Beleg für ersteres zu sein. Die Entwicklung des Makro-Universums hingegen spricht für den objektiven „Qualitätswechsel“ (http://blog.herold-binsack.eu/?p=1304), ebenso die Physik und die Chemie, die den Phasenübergang kennen.
    .
    Wie auch immer, die Lücke scheint nicht berechenbar. Wie können wir also dann einer Methode vertrauen, die uns ein lückenloses Szenarium imaginiert? Und genau hier liegt für mich nicht nur der Grund für die Finanzkrise selbst, sondern auch für unsere Unfähigkeit, sie verstehen zu wollen. Ob manipuliert oder nicht – eine Teilwahrheit dürfte darin verborgen sein -, wer nicht erkennen will, dass das Subjekt alles entscheidet, gleich ob als bewusstes oder automatisches, versteht gar nichts.
    .
    Bleiben wir beim Thema: Die Revolution ist mal davon abgesehen, dass sie ganz sicherlich von mehr als einer variablen bestimmt ist (Regen-Ernte…) letztlich ein bewusster Akt. Als nicht bewusster Vorgang würde ich sie ehe nur als einen spontanen Aufstand bezeichnen. Wenn sich spontane Aufstände vielleicht gerade noch so berechnen ließen, bewusste Revolutionen tun das sicherlich nicht. Es sei denn, man gibt vor, das revolutionäre Subjekt berechenbar machen zu können, also das Ergebnis, das immer mehr ist als die Summe all ihrer Teile.
    .
    Wer hätte ahnen können, dass es den Bolschewiki gelingen sollte, die Deutschen als Verbündete für die russische Revolution zu rekrutieren? Einem Lenin war das zugänglich, denn er war nicht nur der Theoretiker, sondern auch der Praktiker der Revolution. Er wusste, nicht nur kraft der Analyse der komplexen Beziehung des zaristischen Russlands zu dem deutschen Kaiserreich, sondern eben auch dank seiner Vorstellungskraft in Bezug auf die jeweiligen Interessen beider Länder, wo man den Hebel erfolgreich ansetzen konnte. D a s machte ihn zum Führer einer Revolution, einer siegreichen. Wir können all seine Bücher studieren, und nicht wenige tun das, doch ob wir damit ausgerüstet eine erfolgreiche Revolution im eigenen Land, in der heutigen Zeit, vollbringen, hängt u.a. auch davon ab, inwieweit wir uns in die Vorstellungswelten unserer eigenen Epoche und unseres eigenen Raums hinein denken können. Ob wir uns also davon trennen, von der Vorstellung, man könnte eine Revolution rein berechnen.
    .
    Das Unberechenbare, das alles entscheidende Besondere, im richtigen Moment erfassen zu können, intuitiv und doch gesichert, das sollte die Grundbefähigung auch für einen wissenschaftlich denkenden Menschen sein. Die eines Revolutionärs muss es auf jeden Fall sein. Und damit ist auch gesagt, dass wer Revolutionen sicher vorher sagen möchte – kraft Berechnung wegen mir – muss selber ein Revolutionär sein. Kein Crétain, der, dem Gegenstand fremd gegenüber, sich nur mit Zahlen befasst.
    .
    Und in dem denkbar größten Mangel gerade daran, liegt für mich die Achillesferse der gesamten bürgerlichen ökonomischen „Wissenschaft“.
    .
    Ökonomie ist Philosophie plus Mathematik plus Logik plus, ja plus das gewisse Etwas, das mitnichten Nichts ist. Oder in Ihren Worten: „Davon abgesehen halte ich Glauben, im Sinne von Intuition und analytischem Denken, für unabdingbar.“

  55. Plindos, Klein-Fritzchens...
    Plindos, Klein-Fritzchens (Alp)Träume möchte ich nicht haben – gruselige Phantasie.
    .
    Devin08, Revolutionen sind nicht berechenbar. Das Paper stellt nur die Hypothese auf, daß Armut zu mehr Bürgerkriegskonflikten führt. Die Methode stellt auch keine lückenlosen Wahrheiten in Aussicht – das tun allenfalls manche ihrer Anhänger. Und Unternehmensberater können oft nur Management, keine Ökonometrie, deswegen sind sie ja Berater und nicht Investmentbanker.
    Aber ja: Ökonomie ist eine interessante Wissenschaft, gerade weil sie so vielseitig ist. Man muß sich nie langweilen

  56. Ein sehr empfehlenswertes Buch...
    Ein sehr empfehlenswertes Buch in diesem Zusammenhang ist „Explaining Social Behavior – More Nuts And Bolts for the Social Sciences“ von Jon Elster. Ökonomie kommt ebenfalls reichlich vor – aber vor allem lernt man viel über methodisch saubere Verfahren. Den Anfang bildet eine sehr eindringliche Rekapitulation der wissenschaftstheoretischen Grundlagen von Popper – könnte es etwa sein, daß nach Eindruck des Autors dort in den „weichen“ Wissenschaften ein gewisser Nachholbedarf besteht?
    Den Scatterplot oben halte ich auch für wenig aussagekräftig – laut dem Auszug aus dem Artikel ist da wohl auch der Autor recht vorsichtig.
    Ein typisches Problem ist nun aber, daß bei den „Entscheidungsträgern“ nur das Bild mit einer kurzen Unterschrift ankommt, heute wohl meist als Powerpoint-Halbsatz.
    Wie diese Spezialform der Stillen Post dazu führen kann, daß aus einem Auszug wie oben ein klares „Demokratie begünstigt Wachstum“ werden kann, ist zB für die beiden Unfälle der Raumfähren Challenger und Columbia von R. Feynman bzw E.R. Tufte untersucht und dokumentiert worden.
    Eine ausführliche Anhörung mit Experten auf der einen und fachkundigen Zuhörern auf der anderen Seite wie in „Fritzchens Traum“ ist ja leider die große Ausnahme. Meist gibt es doch eine vorgefertigte „Vorstandsvorlage“ und schon den „Backup“ mit den Kurz-Erläuterungen liest kein Mensch.
    Andererseits gibt es einige Untersuchungen mit dem Ergebnis, daß bei solchen komplexen Entscheidungen oft diejenigen besser entscheiden, die keine ausführlichen Expertenanalysen bekommen haben – die anderen fühlen sich aber wesentlich besser…

  57. astroklaus, wer seinen Popper...
    astroklaus, wer seinen Popper gelesen hat, will überhaupt nichts mehr beweisen. Und Nachholbedarf gibt es ganz sicher, wenn ich mir so manche Veröffentlichung anschaue. Andererseits sind solche Methoden (wie auch Modelle) schon sehr informativ, wenn man die Ergebnisse nicht unzulässig kürzt, was leider viel zu oft getan wird, vor allem in der Politik. Oder im Management.

  58. Devin08@: Ohne die Mithilfe...
    Devin08@: Ohne die Mithilfe von Dr. rer. oec. Alexander Parvus (eigentlich Israil Lasarewitsch Helphand, russ. Израиль Лазаревич Гельфанд, hätte das „revolutionäre Subjekt“ W. I. Lenin die russische Revolution vermutlich nie gestemmt, auch nicht ohne die Mitwirkung von Leo Trotzki 1879-1940. Der kaiserliche deutsche Generalstab half als Handlanger der Revolution, mit dem Ziel das Zarenreich niederzuzwingen. Eigentlich ein Witz der Geschichte.
    „Geplant“ im heutigen Sinne war diese R. nicht, sondern Faktoren zu deren Auslösung waren eher die sich verstärkenden Elemente sehr chaotischer Natur eines Landes, welches mehr agrarisch fundiert war, und sich in einem mörderischen Krieg befand. Der Japanisch-russische Krieg 1904-1905 und den Unruhen in seinem Gefolge im Innen waren noch garnicht zudem bewältigt.
    ..
    Alle damaligen Theoretiker und Revolutionäre erwarteten im Eigentlichen diese im höchstentwickelteten Industriestaat mit seinem Proletariat als Avantgarde jener Zeitepoche in Europa: Nämlich in Deutschland, dem Gegner im WK I.
    ..
    Somit stellt sich in der Tat die Frage ob sich solche Visionen von Umwälzungen, wie diese von Fritzchen geträumt, überhaupt planen lassen. Die Historiker aller Schattierungen stellen diese Stützung ihrer Darstellungen m. E. so dar, als ob Geschichte nach Grundmustern abliefe, Theorien benötigen halt a-priori-Annahmen, wie die Mathematik auch. Wenns funktioniert, tant mieux.

    Für Ihren wertvollen Lit.-Hinweis im Nachbarblog unter „Paläontologie unseres subjektiven Bewusstseins“ v. Julian Jaynes bin ich Ihnen sehr dankbar.
    ..
    Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia@: Insofern, Werteste, möchte ich Popper zaudernd, aber unumwunden, zustimmen.

  59. windsbraut@: Der Traum des...
    windsbraut@: Der Traum des Models vom Modell der endlich Alles erklärenden Welttheorie?

  60. Liebe Sophia, genau da sehe...
    Liebe Sophia, genau da sehe ich eben das Problem: auf der Basis der verkürzten Ergebnisse wird ja entschieden!
    Da hieß es jahrzehntelang: „Fett macht fett“, alle Produkte sind „fat-free“ – und die Leute werden weiterhin immer dicker. Nun heißt es: „Kohlehydrate machen dick“ und es wimmelt von „light“ und „zero“-Produkten – und die Leute werden weiter dicker. Ich möchte nicht wissen, wieviele Artikel hinter so einem Schlagwort stehen, und wieviele Grafiken und einschränkende Bemerkungen jeder davon enthält.
    Was die Modelle eben nicht alleine können: anhand eines Ergebnisses die Erfahrung vermitteln, die für sinnvolle Schlußfolgerungen notwendig ist.
    Zum Beispiel spuckt für eine Anleihe in Botswana das Modell eine Risikokennzahl aus und anhand der gesetzlich erlassenen Formeln wird daraus ein bestimmter Betrag als Puffer gegen unvorhergesehene Ereignisse berechnet. Das Modell ist für schnell wachsende demokratische Länder gedacht, paßt also prima nach dem Scatterplot oben.
    Und dann gibt es einen Putsch und alles ist futsch (sorry für den Kalauer).

  61. Werter Plindos, dann sind wir...
    Werter Plindos, dann sind wir einer Meinung!
    .
    Lieber Astroklaus, Kalauer sind prima – hier geht alles. Die Übertragbarkeit von Konzepten auf andere Umstände, das wäre ein Thema für sich.

  62. Das Armut Revolutionen...
    Das Armut Revolutionen bedingen soll, wurde mir eingetrichtert. Ein kleiner Ueberflug ueber die Geschichte des 20ten Jhdts. scheint das nicht zu bestaetigen.
    Interessanter finde ich da schon die Theorie vom Zusammenhang von Ueberbevoelkerung UND Armut, sowie der Notwendigkeit des Staates mit repressiven Methoden zu regieren.
    Und wie waere es mal, wenn untersucht wuerde, inwiefern Armut, Ueberbevoelkerung, niedrige Bildung und starke Religiositaet plus repressives Regierungssystem zu – ja zu was, fuehren.
    Und koennen oekonometrische Modelle etwas voraussagen, oder beweisen?

  63. Schlusssatz muss heissen:
    "Und...

    Schlusssatz muss heissen:
    „Und koennen oekonometrische Modelle diesbezueglich etwas voraussagen, oder beweisen?“
    .
    (Bin bei der vorletzten Flasche Primeur. Ich werde langsam gemuetlich (schlampig)).

  64. Ein Plädoyer für den...
    Ein Plädoyer für den Dialektischen Materialismus
    .
    „Das Paper stellt nur die Hypothese auf, daß Armut zu mehr Bürgerkriegskonflikten führt.“ Was ist daran Hypothese, bzw.: wo liegt da der besondere Nährwert? „Und Unternehmensberater können oft nur Management…“
    Oh, dann habe ich sie wohl überschätzt, die Herrschaften! Ja dann erklären Sie mir doch bitte, was daran so spannend sein soll, an dieser Ökonomie! Oder reden wir da aneinander vorbei?
    .
    Ich habe mal irgendwo gelesen – in der FAZ ganz sicherlich -, dass McKinsey und Berger die intelligentesten Leute rekrutieren würden, die kleinen Genies der heutigen Zeit. Wie kann man als Manager bzw. Managementberater ein solches Genie sein, ohne eben wenigstens über entsprechende ökonomische (ergo: ökonometriesche) Instrumentarien zu verfügen? Was für den Ökonomen gilt, dürfte daher für den Manager in noch viel größerem Maße zutreffen: lauter berufsmäßige Ignoranten.
    .
    Ich gestehe es gerne: Seitdem ich mich mit dem „Kapital“ herumquäle, und das tue ich nun seit 30 Jahren unaufhörlich, habe ich auch wieder etwas mehr Respekt vor der Mathematik, doch ist die Ökonomie eines Marx eben erheblich mehr als Mathematik. Ich sagte es ja schon: Philosophie (eigentlich nur noch Erkenntnistheorie), Logik und das gewisse Etwas (nicht dass ich das hätte, aber ich lasse das nicht aus den Augen!).
    Das alles Entscheidende ist aber die Bereitschaft den entsprechenden Klassenstandpunkt hierzu einzunehmen, den einzig möglichen: den der Ausgebeuteten und Unterdrückten (http://blog.herold-binsack.eu/?p=1323).
    .
    All diese Schlaumeier, die da glauben, sie könnten Marx verstehen – oder gar widerlegen -, ohne sich auf seinen Standpunkt einzulassen, seinen Klassenstandpunkt – wenigstens für den Moment des Studiums (schon ein gefährliches Unterfangen, denn es könnte was haften bleiben!) – sind in meinen Augen gescheitert.
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    Denn mit anderen Worten: „Die Souveränität des Denkens verwirklicht sich in einer Reihe höchst unsouverän denkender Menschen; die Erkenntnis, welche unbedingten Anspruch auf Wahrheit hat, in einer Reihe von relativen Irrtümern; weder die eine noch die andere kann anders als durch eine unendliche Lebensdauer der Menschheit vollständig verwirklicht werden.“ (Friedrich Engels, Anti-Dühring, MEW 20, 80)
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    Und weiter: „Sobald an jede einzelne Wissenschaft die Forderung herantritt, über ihre Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge und der Kenntnis von den Dingen sich klar zu werden, ist jede besondere Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang überflüssig. Was von der ganzen bisherigen Philosophie dann noch selbständig bestehen bleibt, ist die Lehre vom Denken und seinen Gesetzen – die formelle Logik und die Dialektik. Alles andere geht auf in die positive Wissenschaft von Natur und Geschichte.“ (ebenda, MEW 20, 24)
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    Und hier stoßen wir auch auf das kritische Verständnis Marxens und Engels’ von „Philosophie“, wenn wir von Marx hören: „Philosophie und Studium der wirklichen Welt verhalten sich zueinander wie Onanie und Sex.“ (Karl Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 218)
    .
    Was aber den bürgerlichen Wissenschaften offenbar gar nicht zu vermitteln ist, ist dass „auf dem Selbstverzehren der Natur (…) das Gefressenwerden der Maus von der Katze (beruht).“ (Karl Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 469f.)
    Und das, obwohl schon der Vater aller Philosophie, Platon nämlich, feststellte, dass „von nirgends her (…) ein Zugang oder Abgang statt(fand), …. sondern ein Sichselbstverzehren (…) der Welt ihre Nahrung (gewährt)“ (Timaios 33 d.)
    .
    Dies scheint mir, trotz eines leicht aphoristischen Gehalts, deshalb so wichtig, weil sich darin die Doppelnatur eines dialektischen Materialismus so schön darstellt. Und dies aus dem Munde des Vaters aller idealistischen Dialektik – Platons nämlich. Und obwohl der Materialismus nicht voraussetzungslos zu verstehen ist – im Gegensatz zum Idealismus, der ob seiner scholastischen Tricks, nämlich den Ursprung des Seins ins Jenseits zu verorten, sich immer mehr von der Wirklichkeit entfernte -, kann er aber auch nicht rein dinglich-kausal verstanden werden. Das heißt: die Materie ist in einem gewissen Sinne doch „voraussetzungslos“. Denn sie bedarf nicht des Jenseits Sie war schon immer und wird immer sein.
    .
    Das Bild von der in sich verschlungenen Schlange, die sich vom Schwanze her selbst verzehrt, will mir nicht mehr aus dem Sinn (siehe oben).
    .
    Und hier sind wir wieder beim Ausgangspunkt: Wie will man solches berechnen, auch nur annähernd berechnen? Die Mathematik kann mit der Unendlichkeit nichts anfangen. Selbst wenn sie sich ihr anzunähern sucht, scheint sie sich von ihr zu entfernen.
    .
    Ich denke, was uns heute fehlt, und spätestens die aktuelle Finanz- und Währungskrise setzte das wieder auf die Tagesordnung, ist die Kritik der politischen Mathematik. Und das nicht nur, weil die Mathematik im Bereich der Gesellschaftswissenschaften die Philosophie wie auch die Ökonomie ersetzt hätte (und eben nicht alle Wissenschaften in Ihrer Gesamtheit das getan hätten!), nein, weil solche Mathematik dabei ist, kohärentes Denken aufzulösen.
    .
    Wenn „alles möglich“ ist, und dieser Spruch ist ebenso so wenig voraussetzungslos wie das billige Geld, dass da gerade in Umlauf gebracht wird, dann ist auch eine Mathematik möglich, die keine mehr ist, so wie eben jene ökonomische Wissenschaft, die zur geschmacklosen ( ja es ist geschmacklos, Armut und Aufstand als rein ökonomische Kategorien betrachten zu wollen) geistigen Onanie verkommen ist.
    Ich warte noch auf die Physik, die das zum Abschluss bringt.
    .
    Wozu brauchen wir Vorhersagen/Annahmen/Hypothesen bzgl. gewisser längst evidenter Details, die das ernsthafte Studium (den wirklichen „Sex“), also den Gesamtzusammenhang, verdrängen?
    .
    Wie sagte Engels so treffend?: „Sobald an jede einzelne Wissenschaft die Forderung herantritt, über ihre Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge und der Kenntnis von den Dingen sich klar zu werden, ist jede besondere Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang überflüssig“ (siehe oben).
    Das ist kein Plädoyer für den Positivismus, keines für eine omnipotente Mathematik, sondern ein Plädoyer für den Dialektischen Materialismus – in allen Wissenschaften.

  65. Filou, theoretisch wäre so...
    Filou, theoretisch wäre so eine Analyse machbar. Mit und ohne Primeur, ich hab die Frage schon verstanden. Voraussagen sind heikel: aus der Regressionsanalyse ergeben sich Koeffizienten, die den Zusammenhangen quantifizieren und folglich kann man natürlich auch extrapolieren. Nur dürfen sich dafür die Umstände kein bißchen ändern – als ceteris paribus. Muß man also sehr vorsichtig mit sein.
    .
    Devin08, ich finde Mathematik und Ökonometrie dennoch interessant – man darf es nur nicht überbewerten.

  66. Devin08,
    ein Beitrag zum...

    Devin08,
    ein Beitrag zum Thema wäre durchaus interessant. Ich habe den Eindruck, dass sie hier das Wort Ökonomie aufgeschnappt haben und gleich mal ihre komplette Marx Theorie vom Stapel lassen. Erstmal alle schlechtmachen, aber sie sind ja erleuchtet, weil sie das Kapital gelesen haben oder wie? Und über ihre Philosophische pseudo Logik lacht jeder Naturwissenschaftler.Ehrlich..
    Auch wenn sie ihren Blog dabei noch 10 mal verlinken, liest sich das keiner durch.
    Warum? Viel zu unpointiert und lang.
    kai uwe

  67. Verehrte Sophia Amalie...
    Verehrte Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia, ich hab’alles verstanden. Alles klar. So isses.

  68. @Plindos
    @Plindos
    Oder so...

    @Plindos
    @Plindos
    Oder so ähnlich.
    Ja, das kommt davon, wenn man zweisprachig arbeiten muss und nebenher noch versucht Zeitung online zu lesen. Im Nachbar-Blog bei DA musste ich sieben Texte nachholen (natürlich mit allen Kommentaren), die sich über Weihnachten und Silvester angesammelt hatten. Den volkswirtschaftlichen Schaden, den ich heute wieder verursacht habe, man darf gar nicht dran denken.
    *
    @Filou
    Sie sehen, schlampig geht auch ohne Primeur, macht aber weniger Freude und man muss sich auch noch irgendwelche Ausreden aus den Fingern saugen. Wohl bekomm‘s! :)

  69. Sophia, sie haben es weiter...
    Sophia, sie haben es weiter oben schon angedeutet: Was wollen und was _können_ uns solche Zahlen oder Korrelationen wirklich sagen? Aber viel wichtiger ist doch die Frage, wer für wen da sein soll: Der Mensch für die Wirtschaft oder die Wirtschaft für den Menschen? Im ersten Fall sind solche Untersuchungen vollkommen legitim und sogar notwendig um Wachstum zu generieren. Im zweiten Fall wird Wachstum generiert (oder auch nicht) zum Wohle der Menschen. Und an dieser Gabelung helfen uns wirklich keine Zahlen.

  70. Werter kai uwe, dieser Salon...
    Werter kai uwe, dieser Salon wird von einer Dame geführt, die einen höflichen Umgangston bei Ihren Gästen zu schätzen weiß.
    .
    Robert B., wer hat schon gesagt, die Wissenschaft sei einfach?

  71. Der ideologische Kampf ist...
    Der ideologische Kampf ist Klassenkampf
    .
    @kaiuwe: So ein Unsinn. Wo habe ich hier einfach was „niedergemacht“? Diese Auseinandersetzung ist eine der zentralen zwischen Dialektischen Materialismus und den allen Strömungen des bürgerlichen Idealismus (wo hinein auch der Positivismus gehört). Wenn Sie meine Blogs lesen würden, Sie müssen es wirklich nicht, würden Sie bemerken, dass ich nicht unsystematisch oder gar willkürlich Marx zitiere, und auch nicht ohne Ziel polemisiere. Auch hier betrachte ich das, was ich schreibe „zum Thema“. Das ist „mein“ Beitrag zum Thema. Aber die Gelegenheit lasse ich mir nicht nehmen, den Marxismus zu propagieren, wo immer nur möglich. Falls Ihnen das nicht passt, übergehen Sie es einfach.
    .
    Der ideologische/philosophische Kampf ist für mich Klassenkampf. Das bedeutet aber keineswegs, dass ich ideologischen Gegenpositionen respektlos begegne. Jeder der sich mit mir ernsthaft streitet, und sei es auch von den konservativsten Positionen aus, findet in mir einen freundlichen „Feind“. Doch gerade dieses Blog hier betrachte ich nicht als ideologischen Gegner, sondern als ein ernst zu nehmendes und sympathisches und solchermaßen hochwissenschaftliches Forum, eines wo auch Positionen wie die meinigen hingehören. Und im Übrigen irren Sie, wenn Sie glauben, dass niemand auf meine Blogs zugreift. Zentrale Positionen von mir finde ich in verschiedenen anderen Blogs, zum Teil kommentiert, bzw. dann auch als Zitat bei Twitter. Die Gründe, warum sich die Leute nicht offen mit mir – in meinen Blogs – streiten, oder auch ihre Sympathie dort bekunden, mögen verschieden sein, ich respektiere sie. Auch die sicherlich vorhandene Tatsache, mich einfach zu ignorieren, oder so zu tun wenigstens, nehme ich gelassen zur Kenntnis.
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    Der Marxismus ist ganz sicherlich keine Spaßveranstaltung, doch gibt es Leute, denen es zu genügen scheint, ihre Anhängerschaft zu pflegen. Darin spiegelt sich die Schwäche der revolutionären Bewegung, deren Sektierertum, und auch die Herrschaft des Kleinbürgertums dort. Das gilt es zu überwinden. Im Übrigen steht der Marxismus – auch bei aller antiislamischen Hysterie – nach wie vor im Fokus von geheimdienstlicher Observierung. In allen Teilen der Welt. Ich bekomme Emails, Zuschriften, ja ganze Bücher als PDF-Datei übersandt. Manche davon sind dort wo sie herkommen illegal, werden unterdrückt. Leute mussten ihr Lebenswerk, ja wissenschaftliche Dissertationen, öffentlich widerrufen. Sie würden ermordet werden, wenn ich sie übersetzte oder einfach nur publik machte. Ich bin nicht Wikileaks, mir geht es nicht um die Öffentlichkeit schlechthin, sondern um die Öffnung – für eine revolutionäre Bewegung.
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    Der Marxismus ist eine Minderheitenveranstaltung, dessen bin ich mir völlig bewusst. Aber ich tue alles, um ihn aus dieser Position heraus zu einer geachteten zu machen. Es steht Ihnen frei, sich inhaltlich mit mir zu streiten, das zu verhindern zu versuchen, aber auf Ihre Verleumdungen werde ich zukünftig nicht mehr reagieren, denn solche Respektlosigkeiten sind es, die mir schon innerhalb der Linken völlig ausreichen.

  72. Ich bin noch nicht gar so lang...
    Ich bin noch nicht gar so lang in diesem Geschäft tätig, aber Wissenschaft ist keinesfalls einfach, sondern harte Arbeit. Aber an der skizzierten Gabelung hilft uns Wissenschaft vielleicht weniger weiter als viel mehr Wünsche, Ideen oder Visionen.

  73. Werte Sophia Amalie Antoinette...
    Werte Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia,
    bitte enschuldigen Sie meinen Ton. Ich gebe zu es war teilweise ein Charaktertest an ihrem Blog( ich befürchtete Sie würden mich editieren oder gar nicht freischalten). Desweiteren habe ich ungehalten auf das Verhalten des Devin reagiert.
    Es verwehrt sich mir der Eindruck nicht, das dieser einfach zu jedem Thema ein Loophole sucht, und dann jeden ob er es hören mag oder nicht mit seiner marxistischen Weltsicht beglückt.
    So lieber Devin,
    bereits ihr erster und zweiter Absatz äußerst sich für meine Begriffe abschätzend und generalisierend über den, ich nenne es mal, Mainstream Manager.
    Und wie deuten sie das in ihren letzten drei Absätzen. Mir ist es klar, dass sie keine Regressionsmodelle und Hypothesentests brauchen, denn für sie sind Ursache und Wirkung sowieso bei allem klar (Hauptsache im Einklang mit ihrer Ideologie). Es kommt mir ehrlich gesagt vor, wie bei einer streng religiösen Person. Die weiß, dass in der Bibel alles geschrieben steht, und deshalb auch nicht an die Evolution glaubt. Tun sie mir bitte noch einen gefallen und erklären mir was „politische Mathematik“ sein soll.
    Achso in ihrem Blog schreiben sie ja selbst noch, dass es sich um „Massenpropaganda“ handelt:

    Eine Menge Beiträge habe ich in den letzten Jahren in Form von Leserbriefen, zum Beispiel an „Die ZEIT“ (dort unter dem Pseudonym Devin – nunmehr Devin08), z.B. zum Thema: “Der Fremde in unserem Kopf”), die FAZ, die Frankfurter Rundschau, oder auch an die Frankfurter Neuen Presse verfasst. Es sind mittlerweile hunderte von Beiträgen (und es werden täglich weitere), und sie bilden zusammen das, was man früher als Massenpropaganda bezeichnet hätte. “
    kai uwe

  74. Devin08, Sie dürfen gerne...
    Devin08, Sie dürfen gerne weiter den Marxismus verteidigen, meinen Segen haben Sie, solange ich hier Hausherrin bin.
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    Robert B., in der Tat.
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    kai uwe, das darf devin08 gerne. Weder er noch Sie werden hier zensiert, solange Sie sich benehmen, wie es sich gehört. Ich hoffe doch, daß ich den Test damit bestanden habe?

  75. Geschichte mit Hilfe von...
    Geschichte mit Hilfe von Statistiken zu erklären ist etwas, was auch Historiker manchmal versuchen. Es klappt ganz gut, wenn es darum geht, langfristige Trends deutlich zu machen (z.B. Rückgang der Kirchenbesuche 1900-2000, Anwachsen der französischen Staatsverschuldung 1700-1789), aber an der Revolutionserklärung scheitert dieses Unterfangen regelmäßig.
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    Ein altes Problem, das im 20. Jh. insbesondere im Zusammenhang mit der Marxismuskritik sehr intensiv diskutiert wurde.
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    Ansonsten bin ich einfach niedergedrückt vom gräßlichen Fatalismus der Geschichte.

  76. Nur einen kleinen Teil der...
    Nur einen kleinen Teil der Wahrheit
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    @Kaiuwe: Ich ziehe es vor, mich nicht hinter etwas zu verstecken. Zumal der Sozialismus eben nicht durch die Hintertür herein geschmuggelt werden kann (daher sind mir auch solche Bocksprünge á la Lötzsch mehr als suspekt, http://blog.herold-binsack.eu/?p=1326). Solche Versuche sind nicht nur zum Scheitern verurteilt, sondern in aller Regel alles andere als sozialistische Projekte. Das Wort „Massenpropaganda“ allerdings habe ich bewusst in Anführungszeichen gesetzt, wohl um deutlich zu machen, in welcher begrifflichen Tradition ich hier stehe, aber auch um mich davon zu distanzieren – von gewissen Interpretationen. Sie reagieren nur auf das Reizwort, lassen sich provozieren. Das war von mir aber so nicht beabsichtigt. Auch ich kenne die Goebbelspropaganda, also die Methode die unaufgeklärten Massen in einen hysterischen Zustand zu versetzen. Ich gestehe Ihnen daher Ihre Irritationen zu, denke aber, dass ich mich dadurch nicht getroffen fühlen muss. Ich wende den Begriff ins positive. Gebe ihm wieder den Sinn, den er ursprünglich hatte. – Massenaufklärung!
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    Es besteht genau genommen aus 2 Worten: Massen und Propaganda. Damit meine ich, dass ich mich inhaltlich immer an die „Massen“ richte und eben nicht an eine abgehobene Minderheit. Propaganda meint, dass ich hier keine rein theoretische Diskurse führe (aber auch keine Agitation im Sinne von Mobilisierung für Tagesaktivitäten), auch wenn ich mich um ein möglichst hohes Niveau bemühe, denn auf niedrigem Niveau kann jeder Provokateur mithalten, sondern mich eben an den politischen Bedürfnissen der Zeit orientiere. Hierbei propagiere ich die marxistische Theorie und Methode, weil ich davon ausgehe, dass der Marxismus nach wie vor die sozialen wie politischen Interessen der ausgebeuteten Massen spiegelt – in der Theorie, nicht immer in jeder Praxis, und leider auch nicht in seiner historischen Gesamtheit. (Der „Marxismus“, ein Begriff, den Marx vermutlich gar abgelehnt hätte, war von Anfang an eine Minderheitenveranstaltung, auch und gerade innerhalb der 1. Internationale, was Marx aber nicht störte, denn nur so konnte die Theorie „sauber“/kohärent bleiben, und den Massen zugleich ein Maximum an Selbständigkeit ermöglicht werden – die Fähigkeit anhand der eigenen Aktivitäten zu lernen.)
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    Der Stil, der mir hier zur Verfügung steht, kann nur propagandistisch sein, denn größere theoretische Diskurse werden weder von mir noch von dem Medium FAZ gewünscht. Insbesondere die Leserbriefe müssen sehr kurz gehalten sein. Zugleich bin ich dadurch leichter angreifbar, was von mir nicht bedauert werden soll. Ich fordere zur Kritik auf, nicht zur Nachahmung. Dies durchaus in bester marxschen Tradition. Worte werden von mir gezielt aber nicht missbräuchlich gesetzt.
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    Denn letztlich zählt für mich der Erkenntnisgewinn, auch und gerade für mich selber (auch ich bin Teil der Masse, werde aufgeklärt), nicht die einseitige Vermittlung von Erkenntnis. Jeder von uns kann nur einen kleinen Teil von der Wahrheit erfassen, das wusste auch Marx schon, obwohl er mit seiner Theorie einen relativen großen Teil abbildete.

  77. Liebe Sophia, die Probleme der...
    Liebe Sophia, die Probleme der Übertragbarkeit sind in der Tat wesentlich (nicht nur beim Übersetzen zwischen Sparchen, dort ist das ja schon lange bekannt).
    Ich bin gerade über einen interessanten Gedanken gestolpert, bei Peter Woit:
    In der theoretischen Physik wird auch viel mit hypothetischen Ansätzen, Korrelationen und Spekulationen experimentiert (sic), aber die Grundidee ist dabei immer, daß es ein grundlegendes einfaches Prinzip gibt, daß sich eventuell finden läßt und dessen beobachtbarer Teil dann eine klare Entscheidung zwischen den verschiedenen Versuchen liefert.
    Wissenschaften wie Soziologie und Ökonomie benutzen physikalische (und mathematische) Modelle – aber es ist dort äußerst unwahrscheinlich, daß es solche einfache Prinzipien gibt. Daher werden die Modelle alleine niemals ausreichen, um ein wirklich gutes Verständnis zu bekommen.
    Als verdrängte Einsicht spukt das wohl auch bei den Ökonomen herum, sie reden sich ja gerne damit heraus, daß „diesmal alles anders“ sei, wenn ihre Voraussagen mal wieder spektakulär versagt haben.
    Die suggestive Kraft von Korrelationen ist natürlich nicht zu unterschätzen, und gerade in einem so fluiden Bereich wie dem Markt wirken auch Strohhalme wie Balken.
    Wie wäre es sonst zu verstehen, daß sich Banken hochbezahlte Ökonometer leisten, die streng analytische Prognosen erstellen – und gleichzeitig „Charttechniker“, die aus den Linien der historischen Börsenkurse die Zukunft zu lesen behaupten, fast wie früher die Zigeunerin auf dem Jahrmarkt? (Und es ist gar nicht von vorneherein klar, wessen Prognose jeweils besser ist…)

  78. Die Fuggerei in A-burg...
    Die Fuggerei in A-burg besetzen und von dort aus Amerika erobern.

  79. astroklaus, gibt es eine Bank...
    astroklaus, gibt es eine Bank die Charttechniker benutzt? Würde mich mal interessieren. Dachte immer, das wäre nur für Leute, die ein bisschen bei einem Onlinebroker handeln, aber aus mangelnder ökonomischer Einsicht und weil sie bei Stochastik nicht aufgepasst haben müssen sie irgendwelche Linien ziehen. Außerdem gibt es doch nicht wirklich Charttechniker die eine postivie PL Ratio über längere Dauer haben oder?
    gruß kai uwe

  80. HansMeier555, wer weiß,...
    HansMeier555, wer weiß, vielleicht klappt das ja in ein paar hundert Jahren besser, wenn andere Muster zutage treten?
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    astroklaus, ich glaube schon, daß auch Wirtschaft in vielen Punkten einfachen Prinzipien folgt. Es gibt nur mehr Ausnahmen.
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    kai uwe, ich denke doch. Viele Fondsmanager und Verwalter sind ja frei in der Wahl ihrer Methoden. Wenn sie meinen, technische Analyse würde zu höheren Renditen führen, dürfen die das auch tun, vermute ich.

  81. Ist nicht besonders neu, man...
    Ist nicht besonders neu, man sehe sich auf folgender Webseite um:
    http://www.paecon.net/

  82. Wolfgang, wer hat behauptet,...
    Wolfgang, wer hat behauptet, das meine Meinungen neu seien? Ist das ein Problem?

  83. @kai uwe: Wer auf die...
    @kai uwe: Wer auf die Charttechniker hört, weiß ich nicht, aber mindestens einmal pro Woche kommen sie doch ausgiebig zB im Handelsblatt zu Wort – und sitzen bestimmt nicht dort in der Redaktion.
    Andererseits – wenn man annimmt, daß Börsenentscheidungen auch psychologische Ursachen haben (und dafür gibt es ausreichend Hinweise, siehe zB Ariely etc), dann ist so eine Chartanalyse genauso berechtigt wie ein mathematisches Modell. Wenn genügend viele Händler glauben, daß zB bei Dax 7000 irgendetwas passiert, dann passiert dort auch etwas – und wenn es nur ein Herdeneffekt ist „Die Deutsche Bank wirft im großen Stil XY-Aktien auf den Markt, vielleicht wissen die was, was ich nicht weiß. Besser, ich verkaufe meine vorsichtshalber auch…“ Wie sonst sollte eine „Kursstützung“ ausreichend funktionieren?
    Natürlich werde ich nicht behaupten, daß das auf längere Dauer gut funktioniert – aber das tun die Modelle ja auch nicht wirklich – es sei denn, in dem einen oder anderen Fall ist noch zusätzlich etwas ökonomische Einsicht dabei…

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