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Deus ex Machina

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Über Gott und die WWWelt

Fütterung außerhalb der umzäunten Gärten

| 34 Lesermeinungen

Erst stirbt RSS und dann das offene Web? Die geschlossenen Datensilos dominieren das Internet zwar immer mehr, können aber das ungeordnete Chaos und die offenen Strukturen im WWW nicht völlig ersetzen.

Vor rund fünf Jahren – also nach Internet-Zeiträumen gerechnet vor einem halben Menschenalter – schwärmte mir ein Bekannter von einer sensationellen neuen Erfindung vor, die seine Internet-Gewohnheiten nachhaltig verändert hätte: Er surfe jetzt fast gar keine Webseiten mehr direkt an, vielmehr abonniere er einen sogenannten RSS-Feed von seinen Lieblingsseiten. Dieser teile ihm automatisch mit, was es auf seinen favorisierten Nachrichtenseiten und Lieblingsblogs Neues gebe. Alles, was es dazu brauche, wäre ein sogenannter Feedreader, ein Programm, das ihm diese abonnierten Feeds auf den Rechner lädt. Manche Seiten geben nur kurze Inhaltsangaben in den Feed, dann buchstabiert man RSS als rich site summary. Bekommt der Abonnent hingegen den vollen Text (auch Bilder oder Audiodateien lassen sich über RSS weitergeben), spricht man eher von really simple syndication.

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Dass mich diese Möglichkeiten übermäßig elektrisiert hätten, wäre stark übertrieben. Eigentlich war ich durchaus willens, dieser RSS-Sache eine Chance zu geben. Aber irgendwie verzettelte ich mich bei der Frage, welcher Reader denn nun für meine Zwecke der geeignetste sei, und alsbald geriet das Thema bei mir dann auch wieder in Vergessenheit. So groß erscheint mir das Problem, für das RSS die Lösung versprach, auch heute nicht. Man mag den Standpunkt vorgestrig finden, aber was die Bloggerin Anke Gröner anno 2005 dazu beisteuerte, würde ich auch heute noch unterschreiben: „Ich will mir nicht dauernd von einem Programm sagen lassen, was ich woanders gerade alles verpasse. Wenn ich auf ein bestimmtes Weblog klicken will, dann weil ich jetzt gerade in der Stimmung bin, da mal vorbeizuschauen, und nicht, weil mein Reader mir sagt, dass es sich jetzt grad besonders lohnt, weil was neues da ist.“

Aber mal ganz losgelöst von persönlichen Vorlieben und Gewohnheiten: Als Übertragungsstandard hat RSS zweifellos seine Verdienste; selbst auf Facebook funktioniert das Einbinden von Fotos und anderen Fremdinhalten (etwa von FAZ.NET) mit Hilfe von RSS. Als Anwendung für den normalen Netzbürger hingegen ist RSS hingegen immer ein Nischenphänomen geblieben. Jetzt haben Technikblogger der vielgelesenen US-Website Techcrunch diesen Datenstandard mit seiner speziellen Nutzungsweise sogar totgesagt. Nicht mehr über den Feedreader versorgten sich die Leser heute mit Inhalten, vielmehr seien Twitter und Facebook die neuen Hauptlieferanten des Internet-Traffics auf Techcrunch. Ganz unwidersprochen blieb diese Auffassung freilich nicht: Dave Winer, selbst ein Blogger-Urgestein und Entwickler des RSS-Standards, konterte mit der Replik, Westküsten-Technikblogger seien „größtenteils Arschlöcher“. RSS sei für die Netzarchitektur genauso zentral wie die Internet-Programmiersprache HTML, und wenn das alles so unwichtig sei, so Winer, dann könne Techcrunch seine Website doch gleich dichtmachen und alle Beiträge nur noch über Twitter und Facebook verschicken.

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So wogte dieser US-Bloggerpromistreit in der ersten Januarwoche hin und her und via Twitter, Trackbacks und Kommentare das Netz rauf und runter. Und im Prinzip könnte man das Gerangel von jenseits des großen Teichs auch getrost ignorieren, wäre der Streit um die Bedeutung von RSS nicht Teilschauplatz eines viel größeren Paradigmenwechsels im Netz. Das gehört längst nicht mehr den technikaffinen Kreisen exklusiv, zunehmend tummeln sich auch Erika Mustermann und Otto Normalverbraucher in der einstigen Nerd- und Geek-Domäne. Je mehr das Internet in der Mitte der Gesellschaft ankommt, desto mehr tun sich darin auch Nutzer um, denen zentrale Kulturtechniken wie das Eintippen einer URL in die Browserzeile und das Abspeichern und Wiederfinden von vielbesuchten Seiten in den Bookmarks allenfalls marginal vertraut sind. Wozu mühselig eine Adresse eintippen, wenn eine Google-Suche auch ans Ziel führt? Die Analyse der meistgesuchten Suchbegriffe legt jedenfalls den Schluss nahe, dass viele Nutzer Google offenbar mehr oder weniger für das Internet an sich halten. Anders ist es kaum zu erklären, dass diverse Suchbegriffe rund um Facebook (wie zum Beispiel „Facebook login“) zu den meistgesuchten Schlagworten bei der marktführenden Suchmaschine gehören.

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Die offenen Standards, die chaotische Struktur des vernetzten World Wide Web mit dem Hyperlink als dem zentralen Bindemittel sind für diese neuen Nutzerschichten kein Wert an sich. Solange der Bedienkomfort und der Spaßfaktor stimmen, bewegt man sich auch gern innerhalb geschlossener Systeme („walled gardens“) wie Facebook, Xing oder myspace. Die setzen zwar auf der Struktur des Internets auf, sind aber nicht wirklich Teil des WWW. Solche „geschlossenen „Datensilos“ sieht WWW-Erfinder Tim Berner-Lee als eine der größten Gefahren für das Netz in der nahen Zukunft. Die Postille „Wired“, das Zentralorgan der Nerds, titelte im vorigen August sogar schon „The web is dead – long live the internet“. Unstrittig ist soviel: Die geschlossenen Systeme binden immer mehr Nutzerströme und auch Investitionen. Verlage und Sender tüfteln mit Hochdruck an Apps, also an proprietären Anwendungen, die dem Nutzer ihre Inhalte auf das mobile Endgerät bringen, sei es nun auf das Smartphone oder auf einen Tablet PC wie der ipad. An einem offenen und universal verwendbaren System wie einem mobiltauglichen RSS-Nachfolger hat kein Marktpartner ein Interesse.

„Wired“-Redakteur Chris Anderson sieht die Entwicklung als unausweichliche Folgeerscheinung des Kapitalismus: „Die Geschichte der industriellen Revolutionen ist eine Geschichte der Kämpfe um Kontrolle. Eine Technologie wird erfunden und verbreitet sich, dann blühen tausend Blumen, und schließlich findet jemand einen Weg, diese Technologie zu besitzen und andere auszuschließen. Es ist die alte Geschichte, die sich immer wieder wiederholt.“ Dass die Nutzer sich immer mehr in den umzäunten Gärten von social networks und mobilen Apps tummeln, hieße nicht zwingend, dass sie die Vorstellung des offenen Web ablehnten. Es sei nur so, dass die abgesteckten Plattformen mit ihren Interaktionsmöglichkeiten anscheinend besser in ihr Leben passten.

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Aber muss man aus alledem den Schluss ziehen, nur den geschlossenen Datensilos wie Facebook, Xing & Co. gehöre die Zukunft – und das browsergestützte Internet wäre tot? Blättern wir doch mal zurück: In den späten 90ern hatte das Magazin „Wired“ schon einmal das Ende der Browser-Ära ausgerufen und sogenannte Push-Dienste als das Modell der Zukunft gepriesen. Wie man inzwischen weiß, kam es anders, und dem sogenannten Webcasting auf irgendwelchen „channels“ war keine große geschäftliche Zukunft beschieden. 2002 wurde auf einer Veranstaltung namens „wireless wednesday“ vorhergesagt, dass die walled gardens in den nächsten zwei, drei Jahren aussterben würden. Drei Jahre nach dieser mutigen Vorhersage legte der Medienmogul Rupert Murdoch mehr als eine halbe Milliarde Dollar für die Community myspace auf den Tisch, die gerade das uncool gewordene Netzwerk friendster als eine der heißesten Adressen des Internets beerbt hatte. Heute hat myspace massive Probleme und baut in etlichen Ländern Personal und Repräsentanzen ab, während die Fachwelt sich fragt, ob das auf 50 Milliarden Dollar taxierte Facebook das Ende des offenen Internets, wie wir es kennen, bedeutet. Dabei ist es genauso gut möglich, dass wir den heißesten Sch**ß des Jahres 2016 heute noch gar nicht kennen – und dass Facebook bis dahin eine nicht mehr ganz so coole Adresse ist, so wie heute myspace oder friendster. Wenn man sich all die Prognosen und Vorhersagen der letzten zwei Jahrzehnte zum Thema Internet noch mal vor Augen führt, dann landet man unweigerlich bei einem Gedankengang, den Karl Valentin einst in das schöne Bonmot gegossen hat: „Die Zukunft ist auch nicht mehr, was sie mal war.“ Aber Karl Valentin war halt Humorist und kein Technikblogger, sonst hätte er sicher geschrieben: „Die Zukunft ist tot.“

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34 Lesermeinungen

  1. Kann es sein, dass diese...
    Kann es sein, dass diese walled gardens des Internets nichts anderes sind, als das was in weiten Teilen der Gastronomie unter Gastromomen längst Praxiswissen und längst üblich ist? Der Hype wegen eines neuen Etablissements dauert ungefähr 2 Jahre. Dann schließt der marketingerprobte Gastromon (der etwas hellere) nach dem Besucheransturm des ersten Jahres, bevor das Ding in den Keller geht und macht mit viel Gedöns woanders ein Superding auf. Der weniger helle „Szenekneipier“ aber wartet, bis er schließen muss. So oder so ist das eben mit dem Zustrom der Partyhüpferlinge. Ihne wird rasch langweilig und sie wollen da sein, wo „man“ ist. Das hat mit rein rationalen Überlegungen nichts zu tun
    .
    Daneben wird es weiterhin in der Gastronomie geben: edle, langfristigere Horte der Beständigkeit, das Eckkneipchen, die Säuferhalle und das anspruchsvolle Kaffeehaus, in dem man Schach spielt und theoretisch Gedichte rezitieren kann. Internet dito.
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    Daher lese ich erst gar nicht Kaffeesatz. Warum muss man immer deutungshoheitsmäßig darauf rumkloppen, was „das Internet“ für alle zu sein hätte? Versteh ich nicht. Ist das ein Männerding?

  2. Vroni, das für-tot-erklären...
    Vroni, das für-tot-erklären von was-auch-immer ist mit Sicherheit ein Männerding, ebenso das Ringen um Deutungshoheit, was das Netz für alle zu sein habe und was nicht. Zumindest sind mir noch nicht allzuviele Frauen begegnet, die in dem Spielchen in größerem Stil mitgespielt hätten.
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    Den Vergleich mit der Gastronomie halte ich für sehr plausibel, auch wenn ich mit den Usancen in diesem Business nicht sonderlich vertraut bin. Aber wenn man die Halbwertwertzeiten von Friendster, myspace, StudiVZ betrachtet, dann würde ich auch nicht auf eine allzulange währende Dominanz von Facebook wetten wollen.

  3. Mei unsa Hof is scho...
    Mei unsa Hof is scho finffhundert Joahrr (Halbwertszeit) in unsa Famui. Mehra brauchts net. Schau ma hoit amoi, werma scho seng. Da Zaun uman Kuchlgoartn hama zletzt vor, jo mei is scho wieda fufzg Joahrr hea, wo mei Vodda neie Lattn drognagelt hot. I hobs i meim Laptop itza einigschriebn.

  4. Tja, Klapprechner und...
    Tja, Klapprechner und Krachlederne, immer wieder eine unschlagbare Kombination für Killer-Kommentare. ;-)

  5. Man siehts an der Mode, das...
    Man siehts an der Mode, das etwas für tot – erklären selbstredend KEIN Frauending ist..

  6. @Borderliner: A propos...
    @Borderliner: A propos „Frauending“:
    @d.Red.
    http://www.bild.de/BILD/politik/2011/01/19/schroeder/familienministerin-schwanger.html
    Neben Nadrea nahles ein weitere Totalausgfall mit Lohnfortzahlungsanspruch.

  7. Leider scheinen die Nutzer...
    Leider scheinen die Nutzer jener Datensilos auch keine Zeit zu haben
    viel Text zu lesen.
    Hübsche Formulierungen mit Hintersinn entgehen ihnen, weil sie zwischen ihren favorisierten Seiten wie wild hin-und herklicken…
    Überwachung?
    Das Rezept von St.J.Lec in: Letzte unfrisierte Gedanken –
    Man muss die Anzahl der Gedanken derart vervielfältigen, dass die Anzahl der
    Wächter für sie nicht ausreicht – scheint überholt zu sein.

  8. Ich überlegte beim Lesen, wie...
    Ich überlegte beim Lesen, wie ich meine Erfahrung dazu in die passenden Worte fassen könnte, da les‘ ich sie auch schon im obigen Text:
    .
    „Ich will mir nicht dauernd von einem Programm sagen lassen, was ich woanders gerade alles verpasse. Wenn ich auf ein bestimmtes Weblog klicken will, dann weil ich jetzt gerade in der Stimmung bin, da mal vorbeizuschauen, und nicht, weil mein Reader mir sagt, dass es sich jetzt grad besonders lohnt, weil was neues da ist.“
    .
    Genau so ist es.

  9. Doch. Aber bleiben wir gern...
    Doch. Aber bleiben wir gern beim Wort „Datensilo“.
    Das klingt so richtig attraktiv ungemütlich. So soll es sein.
    .
    @ gabriele
    Das ist genau die Design-Kientel, die auch über meine Website meckert: „Zu viel Text!“ In der Erfahrung hat sich gezeigt, dass genau jene auch geschäftlich (Corporate Design) eher schwierig zu handhaben sind. Um es mal vorsichtig auszudrücken. Keine innere Haltung zu irgendwas, kein Bewusstsein, keine Lust zu denken (könnt ja anstrengend sein und Kopfweh verursachen). Der „strukturelle Analphabetismus“ ist nimmer weit. Ich hab genau zwei Möglichkeiten: solche nicht zu nehmen. Oder Umerziehung (anders rum jetzt als bei Mao damals). Umerziehung hat allerdings bei Mao auch schon nicht geklappt.

  10. rss-feed ist wie...
    rss-feed ist wie discouter-rubbish. Anglizismen sollen vorsortierte Vergiftung verträglich machen.

  11. @Nico: Aus welchen Quellen man...
    @Nico: Aus welchen Quellen man sich füttern lässt, bestimmt man bei RSS selber, soviel Mitspracherecht gibt es bei den Ingredienzen der Produkte in den Regalen des Lebensmittel-Einzelhandels nicht.
    .
    @gabriele: Kenne ein paar Kollegen, die sich in ihren Facebook-Statusmeldungen wirklich Mühe geben, Geistreiches abzusondern. Die mögen vielleicht nicht ganz typisch sein für die sonstige Kundschaft dieser Netzwerke, den einen oder anderen sehe ich auch eher als verhinderten Blogger.
    .
    @jeeves: Meine Frau hat es eine Weile versucht, ihr Surfverhalten auf RSS-Fütterung umzustellen, aber irgendwie stressten die ungelesenen Feeds im Reader auf Dauer kaum weniger als ungelesene Mails im Postfach, und seitdem auf den Bürotisch ein neuer Rechner DIenst tut, geht es wieder ohne.
    .
    @Grenzgänger: Klar sagen auch Frauen im persönlichen Gespräch, dies oder jenes gehe gar nicht mehr, aber sich hinzustellen und sowas sozusagen ex kathedra zu verkünden, ist doch noch mal was anderes. Wenn ich versuche, an Frauen (abzüglich von Politikerinnen) zu denken, die mit steilen Thesen über das Internet aufgefallen sind, fiele mir allenfalls Esther Dyson ein.

  12. @ Marco amaretto de ......
    @ Marco amaretto de … :-)
    Vielleicht liegt es auch daran, dass Frauen steile, kantiges Internet-Thesengedöns einfach nicht mögen. Ich mag es jedenfalls nicht. Als nichtempirische Single Case Study.
    Das sind tatsächlich Kämpfe um Kontrolle.
    Den Titelbetreff mit der „Fütterung“ finde ich aber gut. Der lässt fruchtbare Nebenbetrachtungen zu.

  13. @Vroni: Über ein paar...
    @Vroni: Über ein paar Backlinks und Referrer bin ich grad vor ein paar Minuten auf diese Diskussion hier gestoßen:
    http://girlsblogtoo.blogspot.com/2011/01/drei-fragen-sascha-lobo.html
    .
    Beantwortet zwar nicht final die Frage, ob Frauen per se einen anderen thematischen Blickwinkel haben (und wertschätzen), aber ich würde mich der Hypothese anschließen, dass dieser Kampf um Kontrolle oder zumindest Deutungs- und Lufthoheit eher nicht frauenspezifisch ist. Insofern bin ich auch ganz froh, dass wir hier in dieser Blognische eine (wie ich finde) einigermaßen ausgewogene Mischung hinkriegen.
    .
    Ach ja, Amaretto und so, ich fremdle ja auch noch ein wenig mit diesem Lindwurm von Benutzernamen, aber mark793 war einfach zu prosaisch für diesen Schauplatz und marcus septimius nonus tertius passte historisch nicht so recht in die Zeit. ;-)

  14. Naja, der Girlsblog-Beitrag...
    Naja, der Girlsblog-Beitrag ist eher Re-Aktion denn Aktion.
    Das aktive „auf die Agenda setzen“ ist das noch nicht.
    (Es ist zudem leicht, dem Lobo was hinzudonnern, er gibt einem ja auch dauend Steilvorlagen … ).
    .
    Aber ich hör schon auf zu meckern. Die Hoheitsdeuter müssen tun, was von Hoheitsdeutern erwartet wird :-)
    Muss eigentlich Rechnungen schreiben.
    (Vermute, ich prokrastinier deshalb grad a bissi hier rum.)

  15. .....lasciare ogni esperanza?...
    …..lasciare ogni esperanza? Trotz Nanopartikel(-chen), RSS, Twitter & Facebook,
    (brauch ich alles nicht) noch bin ich Herr meiner selbst und meiner eigenen Auswahlkriterien bezüglich Meinungen, Lebenstempo, Auffassungen und sog. Freunde….

  16. Ich glaube nicht, dass das...
    Ich glaube nicht, dass das offene Netz verschwinden wird. Es wird sicher weiterexistieren. Aber eben nebenher als Nischenphänomen für spezifische, interessierte Klientel. Für die Mehrheit oder breite Bevölkerung sind angelegte Gärtchen und Amüsierparks sicher ansprechender als offene Wildnis. Ich glaube man braucht neben Zeit schon eine Art Trapper- und Fallensteller-Ader, um das offene Netz vorzuziehen. Und Zeit. Oder berufliches Interesse daran.

  17. @Wimmerl d.Ä.: Dann ist ja...
    @Wimmerl d.Ä.: Dann ist ja alles wohlbestellt, und ich wäre gewiss der Letzte, der Sie dazu überreden wollte, doch endlich bei Twitter und Facebook mitzumachen, bei Foursquare einzuchecken oder sich irgendwelche Apps runterzuladen. Braucht man alles wirklich nicht, wobei ich gestehe, bei Facebook eine kleine, abgelegene Zweigstelle meiner Digital-Repräsentanz zu unterhalten.
    .
    @Not quite like Beethoven: Der Vergleich mit Amüsierparks vs. offene Wildnis bringt es sehr gut auf den Punkt. Wobei ich bei dem Faktor Zeit auch immer wieder ins Grübeln komme. Da gibt es einen Kollegen von mir, der mein privates Blog mal sinngemäß kommentierte mit, ja ganz nett und liebevoll geschrieben, wirke auf ihn aber wie das Projekt von jemand, der zuviel Freizeit hätte. Was ich als Aussage von jemand, der nächtelang „Siedler“, „Civilisations“ und ähnliches zockte und sich in Alternate Reality Games und Rollenspielen gerne mal verliert, ziemlich, ähm, mutig finde. Dass der Betreffende mittlerweile sowohl bei Facebook als auch in einem berufsständischen Branchen-Netzwerk nachgerade höchstfrequent rumpostet, ist in diesem Zusammenhang noch eine pikante Fußnote. Da habe ich mich auch schon bei dem Gedanken ertappt, ob es dem Kollegen in der Kohlenstoff-Sphäre an irgendetwas mangelt. Aber wer bin ich, über die alternativen Zeitvertreibe von Zeitgenossen zu richten?

  18. Not quite like Beethoven@:
    Mir...

    Not quite like Beethoven@:
    Mir scheint da eher eine gewisse Müdigkeit eines breiten Publikums vorzuherrschen
    an der sog. eigenen Bewusstseinsfähigkeit, eine gewisse Überdrüssigkeit daran. Das narrative Vermögen geht zurück zugunsten standardisierter Floskeln, Satzfragmente, -partikel etc., die als Prothesen helfen eine Rückspiegelung am Massentrend zu versichern…
    „Wilderness“ ist sicherlich gleichzusetzen mit Unsicherheit, Gefährlichkeit, Risiko, „Zeitver-geudung“.

  19. Mich hat an RSS-Readern und...
    Mich hat an RSS-Readern und diesen Aggregatoren vieles gestört, nicht zuletzt die Tatsache, dass Formatierungen, Bilder und so weiter doch zu schnell eingeebnet werden bzw. verloren gehen. Es mag gut dafür geeignet sein, sich mal schnell einen Überblick zu verschaffen, welche 30 Updates in irgendwelchen Technikblogs es seit heute früh gegeben hat – das berühmte „Inhalte Scannen“ eben. Und ich erinnere mich dunkel daran, dass es Gezicke gab, weil manche Blogs keine kompletten Artikel, sondern nur „Teaser“ in den RSS-Feed gespeist haben, damit sie keine Klicks verlieren, da sie Werbung verkaufen wollten.
    Mit anderen Worten: Für bestimmte Fälle mag das eine wichtige Technik sein, in der praktischen Anwendung habe ich sie nicht vermisst. Und dass es womöglich ein ganz sinnvolles Übertragungsformat ist – wer wollte das bestreiten.

  20. @Kannitverstan: Ja - wobei ...
    @Kannitverstan: Ja – wobei auch zu fragen wäre, ob früher das narrative Vermögen breiter Bevölkerungskreise über das Verfassen von Urlaubspostkarten groß hinausging. Da gab es doch auch standardisierte Floskeln, die freilich noch Subjekt (wobei man das der Höflichkeit halber oft wegließ), Prädikat und Objekt hatten und noch nicht so fragmentarisch waren. Aber sonst?
    .
    @nnier: Ach Gott ja, die erhitzten Debatten über sogenannte Full Feeds vs. Anteasern. Hatte ich fast schon verdrängt. Ich denke, dieses „Inhalte Scannen“ per Reader kann durchaus seinen Nutzen haben, mir ist es aber auf Dauer doch irgendwie zu, wie soll ich sagen, unsinnlich.

  21. Marco Settembrini di Novetre@:...
    Marco Settembrini di Novetre@: Mir scheint dass das Wernicke-Zentrum, welches u. a. für Wortschatz, Satzbau zu lokalisieren ist, einer Mutation „unwillentlich“ unterworfen wurde. Bedenken Sie nur, wie „der“ Settembrini noch im Zauberberg florettieren konnte.

  22. Ich begreifs ja immer noch...
    Ich begreifs ja immer noch nicht, was an Facebook denn das Geschäftsmodell sein soll. Also wo die Einnahmen herkommen sollen. Etwas Werbung, etwas Datenverkauf (es ist vermutlich das aktuellste und umfangreichste E-Mail-Adressbuch der Welt) – ich halte das auch für einen Hype, so wie es Vroni mit dem „Super-In-Lokal“ beschreibt. Ja, jetzt reißen sich alle um die Aktien, weil sie glauben, sie werden sie noch rechtzeitig los. Aber in 10 Jahren ist das ein Pennystock, und wird den Weg von AOL gehen. – RSS: ich hab mir nie einen Reader zugelegt, genau aus dem Grund, weil mich ein volles Postfach streßt und ich ohnehin je nach _meiner_ Priorität das Zeugs komplett mit Bild anschauen will. – Ich bin immer noch ganz altmodisch froh über einen Link, den jemand in einem Kommentar setzt, derlei hat sich für mich bisher als am interessantesten herausgestellt.

  23. @Kannitverstan: Schon. Aber...
    @Kannitverstan: Schon. Aber war die Mannsche Romanfigur repräsentativ für das damalige Ausdrucksvermögen oder auch schon nach damaligen Maßstäben eine ziemliche Ausnahmeerscheinung? Wobei es natürlich durchaus sein kann, dass bestimmte Fähigkeiten, die heute weit verbreitet sind (etwa, recht schnelle Bilderfolgen zu verarbeiten), irgendwie zu Lasten des Sprachzentrums gingen.

  24. @colorcraze: Nun, bisschen...
    @colorcraze: Nun, bisschen mehr als ein Adressbuch ist Facebook schon. Aber auch ich kann es dehen und wenden wie ich will und sehe immer noch keine 50 Milliarden an Substanz dahinter. Ich muss gestehen, dass ich Don Alphonso 2005/6 ein wenig für paranoid oder zumindest überspannt gehalten habe, als er meinte, der Dotcom-Hype ginge demnächst wohl in die zweite Runde. Aber bei mir verstärkt sich das déjà-vu-Gefühl in letzter Zeit ganz erheblich. Ich las kürzlich sogar wieder den Namen Henry Blodget. Wenn das kein Zeichen ist. Das Ende ist nah. ;-))

  25. Ich funktioniere nach wie vor...
    Ich funktioniere nach wie vor Pull nicht Push. Ich werde ungern zugeschleudert.
    Abgesehen davon finde ich Facebook immer noch faszinierend, ja es ist gelegentlich unterhaltsam, teilweise auch nützlich, konnte dadurch manche flüchtige Bekanntschaft von irgendwann damals wieder revitalisieren, was bis jetzt nicht zu meinem Schaden war, und nebenbei gegen die ungarischen Mediengesetze demonstrieren.
    Dennoch sind die wirklich interessanten Dinge wie immer im Leben abseits des Mainstreams zu finden. Und solange Netzgleicheit herrscht, kann man diese Dinge auch weiter recht einfach finden, wen man abseits der ausgetretenen Pfade sucht.
    Und ich fahr sowieso lieber über das Timmelsjoch als über die Brennerautobahn. Auch im Internet.

  26. Leider ist ein Datensilo voll...
    Leider ist ein Datensilo voll von RSS-feeds meiner Meinung nach noch verwirrender als das ganze Internet.
    Mich interessiert etwas, dazu gehe ich auf die gewünschte Seite und finde alles.
    Bei RSS lese ich einen Satz und kenne die Schlagzeile, aber nicht was davor war und was danach kam und keine Details und keinen Hintergrund.
    Das haben schon viele hier gesagt aber wollte das nur noch mal bekräftigen:-)

  27. @schusch: Ich denke ja auch,...
    @schusch: Ich denke ja auch, dass man mit Facebook durchaus Spaß haben kann, und zur Beziehungspflege mit räumlich entfernteren Bekannten finde ich diese Plattform auch nicht unpraktisch. Also man muss das nicht über Gebühr verteufeln. In unserem fortgeschritteneren Alter wird auch niemand so verpeilt sein, Facebook-Freundschaften mit echter Freundschaft zu verwechseln.

  28. @ rosenba
    RSS-Feeds braucht...

    @ rosenba
    RSS-Feeds braucht ein normaler Mensch mit festen Vorlieben überhaupt nicht
    Sind was für Journalisten, das Medienpack und sonstige Online-Recherchierer. Die statt zu gucken, wie es im echten Leben aussieht, lieber ihre Butze nicht verlassen und sich nur den Feed-Kram und „Top-News“ reinziehen. Und glauben, das ist das Leben.
    .
    Auch Facebook ist nicht das Leben, obwohl es aussieht wie ein Familien- und Party-Fotoalbum mit Abi-Sprüchen drauf. Werns scho noch merka.

  29. Vroni, ich komme sogar als...
    Vroni, ich komme sogar als Journalist, Angehöriger des Medienpacks und bisweilen auch anderweitiger Online-Rechercheur ohne RSS-Feeds aus. Doch, das geht. Auch Google-Alerts nutze ich nur noch sehr sporadisch. Aber ich gelte machem Kollegen eh als leicht verschrobener Sonderling. ;-)
    .
    Ehrlich gesagt kenne ich auch niemanden, der das Treiben auf Facebook mit dem echten Leben verwechselt. Nicht mal meine adoleszenten Neffen und Nichten sind so verblendet. Und hey, genausogut könnte man dem seltsam gewandeten Publikum auf Mittelalter-Märkten zurufen: „Fasching is vorbei“ oder „Ätsch, wir schreiben das Jahr 2011!“ Als ob die Leute, die da hingehen, das nicht selber wüssten.

  30. Nabend.

    Wissen Sie,...
    Nabend.
    Wissen Sie, vielleicht macht das, was Sie dort am 19.01.2011; 12:14 schrieben, tatsächlich für das Internet gelten, was ich bezweifle.
    Etwas für tot erklären, eine Deutungshoheit über irgendetwas zu haben, erfolgreicher Kampf um Kontrolle; das alles hat mit Macht zu tun.
    Sie tun nichts anderes, was so viele tun, nämlich die Weiblichkeit als etwas hinzustellen, was sie so aussehen lässt, als sei sie die besseren Menschen.
    Die Weiblichkeit kontrolliert anders als Männer, aber sie kontrolliert!
    Und wo sie Macht hat geht sie damit oft unbarmherziger um, als Männer.
    Neulich erzählte mir ein junger Verwandter, den ich nach längerer Zeit einmal wiedertraf, er hätte seine Ausbildung abgebrochen.
    Ja, warum das fragte ich ihn, worauf er antwortete er sei von seinem Ausbilder geschlagen worden.
    Ich fragte ihn weiter, warum er sich nicht bei seinem Chef beschwert hätte.
    Er druckste ein wenig herum, bis er dann endlich herausbrachte das sein Ausbilder eine Frau sei – und der Chef…..
    Heute telefonierte ich mit einer Bekannten, sie möchte sich mal wieder mit mir treffen wegen Musik, Gespräche und Poesie, weil sie NUR festgestellt hätte, dass ihr so manches davon verloren gegangen sei. Mit ihrem derzeitigen Freund wäre das abgesprochen, kein Problem denn:
    „Wenn es MIR gut geht, geht es uns gut…….“
    Also tun Sie mir bitte einen Gefallen und unterlassen Sie die Darstellung von Frauen als Wesen, die besser sind als Männer.

  31. @Grenzgänger: Sie lesen da...
    @Grenzgänger: Sie lesen da Sachen, bzw. Wertungen heraus, die ich nicht hineingeschrieben habe. Wenn Ihnen mein Kommentar so erscheint, als kämen Frauen da besonders toll weg, liegt das im Auge des Betrachters, aber nicht in meinen Einlassungen. Ich für mein Teil habe innerhalb gewisser Grenzen durchaus meinen Spaß an typisch männlichen Reviermarkierungsspielchen und Welterklärungsattitüden, und wenn frau da aus irgendwelchen Gründen nicht mitkann oder mitwill ist das auch okay. Also tun Sie mir doch bitte den Gefallen und unterlassen es, sich an einem Pappkameraden abzuarbeiten, den Sie selber aufgestellt haben.

  32. Nun, alles liegt im Auge des...
    Nun, alles liegt im Auge des Betrachters, da haben Sie völlig recht. Hinzu kommt dann noch die Menge der Erfahrungen des Betrachters, die dann eine Wertung abgeben; in der Regel für sich selbst und mitunter reiben sich andere an diesen.
    Hier ist es so gewesen, daß ich mich an den ersten beiden Komentaren gerieben habe und meine Sichtweise, ebenso wie mein Verstehen der genannten Kommentare durch meine Beiträge dargestellt habe.
    Wenn Sie das als >Pappkamerad aufstellen< bezeichnen wollen:Bitte, Ihre Sache. Mir zeigt das nur, daß man (vielleicht auch Sie) gewillt ist, das Thema, auf welches ich vertiefend hingelenkt habe, nicht noch mehr vertiefen möchte. Einen guten Tag Ihnen noch und denken Sie daran: There is a war.....

  33. @Grenzgänger, ich wollte Sie...
    @Grenzgänger, ich wollte Sie mit dem Stichwort „Pappkamerad“ nicht final abwürgen, es ging mir lediglich um die Klarstellung, dass ich keine Aktien drinhabe im Frauen-zu-besseren-Menschen-Deklarieren (und nebenbei bemerkt habe ich auch Vroni nicht so verstanden, als wäre das ihr Business).
    .
    Und @there’s a war – da denke ich in erster Linie an Afghanistan (aber das führte uns nun wirklich zu weit weg vom Ausgangsthema). Bei mir/uns herrscht da indes tiefer Friede – meine bezahlte Schreiberei erledige ich als Homeofficer und Hausmann an der Seite einer im Beruf sehr erfolgreichen Frau. Freilich ist mir auch klar, dass unser kleines privates Glück (das auch im verflixten Siebten noch anhält) abseits gängiger Rollenmuster keinen anekdotischen Beweis dafür liefert, dass gesamtgesellschaftlich gesehen alles wohlbestellt ist zwischen Mann und Frau. Aber vielleicht verstehen Sie vor diesem Hintergrund ein wenig besser, warum dieses Thema für mich keinen sonderlich großen Wallungswert besitzt.

  34. Marco S.d.N.!
    Schöne...

    Marco S.d.N.!
    Schöne entspannende letzte Worte von Ihnen.
    Als Hausmann war ich auch mal unterwegs. Gute Erfahrung gewesen.
    There is a war, war allerdings in erster Linie nicht auf Afghanistan gezielt, sondern
    ich erinnerte ein Musikstück:http://www.youtube.com/watch?v=uAXTT9fmmDc
    Für Ihren persönlichen Krieg wünsche ich Ihnen weiterhin (auch im siebten Jahr) viel aufbauende, zum entspannten Miteinander führende, Auseinandersetzungen.

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