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Ägypten abgeklemmt, aber nicht unverkabelt

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Folter, Menschenrechtsverletzungen, geknebelte Meinungsfreiheit - die neuesten Wikileaks-Enthüllungen setzen das Mubarak-Regime zusätzlich unter Druck.

Als die ägyptische Regierung dieser Tage die Internet-Knotenpunkte und Mobilfunknetze sperrte, twitterte ein Zeitgenosse, das Land solle sich auf Englisch künftig Gypt nennen und nicht mehr Egypt. Aber egal ob mit oder ohne E vorne – das Land am Nil steht vor großen Veränderungen. Und während die Massenproteste gegen das Regime von Hosni Mubarak trotz der verhängten Ausgangssperre weitergehen, hat die Whistleblower-Organisation Wikileaks eine regelrechte Ägypten-Offensive gestartet und vorgestern eine Vielzahl diplomatischer Depeschen veröffentlicht, die von den Zuständen in Agypten kein sehr schmeichelhaftes Bild liefern.

Bild zu: Ägypten abgeklemmt, aber nicht unverkabelt

So kabelte US-Botschafterin Margaret Scobey im Januar 2009, Folter und Polizeiübergriffe seien in Ägypten „weitverbreitet und gängige Praxis“. Mit brutalen Methoden gehe die Polizei nicht nur gegen einfache Kriminelle vor, sondern auch gegen Demonstranten, politische Gefangene und Unbeteiligte, die zur falschen Zeit am falschen Ort seien. Nach Aussage eines Anwalts für Menschenrechte werde in Ägypten seit der Zeit der Pharaonen gefoltert. Informanten aus Nichtregierungsorganisationen (NGOs) sprechen von Hunderten von Fällen jeden Tag allein in Kairoer Polizeistationen. Berichte über Brutalität der Polizei sind an der Tagesordnung, selbst Streitereien über Strafzettel eskalierten bisweilen bis hin zu tödlichen Schüssen auf Bürger. Schlechte Ausbildung und Personalmangel tragen zu dem Problem der Polizeibrutalität bei, hinzu kommt erheblicher Druck seitens der Vorgesetzten, Fälle zu lösen, egal wie. Bei Ermittlungen in Mordfällen sei es nicht unüblich, dass die Polizei willkürlich 40 bis 50 Personen aus der Nachbarschaft inhaftiert und so lange an den Armen an der Decke aufhängt, bis jemand gesteht. Die alltägliche Polizeigewalt hat inzwischen sogar Eingang in die Fernsehunterhaltung gefunden: In einer populären Fernsehserie prügelte jüngst ein TV-Ermittler Informationen aus Verdächtigen heraus.

Anderen Depeschen zufolge geht das Regime systematisch und proaktiv gegen Andersdenkende vor. Journalisten und Blogger sehen sich Repressalien ausgesetzt, ein Regierungsbeamter wurde sogar zu drei Jahren Gefängnisstrafe verurteilt wegen eines unveröffentlichten Gedichts aus seiner Feder, das angeblich Staatpräsident Mubarak beleidige. Besonders abgesehen hat es das Regime auf Blogger aus dem Umfeld der oppositionellen Muslimbruderschaft. Informanten der US-Botschaft bestätigten, dass der Staatsapparat die jungen und technisch versierten Blogger aus dem Umfeld der Bruderschaft fürchte „wegen ihrer Fähigkeit, breite Unterstützung für die Bruderschaft zu mobilisieren und über das Internet Protestkundgebungen und andere Aktionen zu organisieren“. Dem Drängen der US-Diplomatie Richtung weiterer demokratischer Öffnung des Systems habe sich Ägypten bisher stets verweigert mit dem Hinweis, dass damit unweigerlich die extremistische Muslimbrüderschaft gestärkt werde.

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De facto befindet sich Ägypten seit dem Sechstagekrieg 1967 nahezu ununterbrochen im Ausnahmezustand. Die Notstandsgesetzgebung räumt dem Präsidenten weitgehende Möglichkeiten ein, Grundrechte wie die Versammlungsfreiheit einzuschränken und Verdächtige praktisch unbegrenzt ohne richterliche Anhörung zu inhaftieren. Nach Erkenntnissen der US-Botschaft wurde dieses Instrumentarium in den letzten zwei Jahrzehnten vor allem gegen islamistische Extremistengruppen wie Al-Jihad und religiös-politische Aktivitäten der Muslim-Bruderschaft eingesetzt. Aber in jüngster Zeit häuften sich auch die Fälle, in denen die Notstandsgesetzgebung gegen Blogger und Gewerkschaftler angewandt werde.

Wenig Anerkennendes wissen die US-Depeschen über das ägyptische Militär zu berichten. Die Armee befinde sich „im intellektuellem und sozialen Abstieg“, und die Offiziere zählten kaum noch zur gesellschaftlichen Elite. Besonders die Offiziere im Mittelbau haderten mit dem Verteidigungsminister, den sie für inkompetent halten und der unbedingte Gefolgschaft und Treue weitaus höher schätze als fachliche Fähigkeiten. Gleichwohl ist die Armee ein zentraler Faktor im innerägyptischen Machtgefüge, mit dem weiterhin zu rechnen ist – gerade auch in der immer dringlicheren Frage, wie sich die Nachfolge Mubaraks gestalten könnte. Offiziell hieß es im Hause Mubarak stets, es existiere kein präferiertes Nachfolge-Szenario, aber für die US-Diplomaten im Land galt es seit längerem als ausgemacht, dass Hosni Mubarak seinen Sohn Gamal als Wunschkandidaten sieht. Ob freilich das Militär Gamal unterstützen würde, falls sein Vater im Amt stürbe, ist laut den US-Depeschen alles andere als sicher. Dem Sohn fehlt jeglicher militärischer Hintergrund, den noch jedes ägyptische Staatsoberhaupt seit 1952 mitbrachte. Sowohl Mubarak Senior als auch seine beiden Vorgänger Nasser und Sadat hatten militärische Laufbahnen absolviert, bevor sie den Sprung ins höchste Staatsamt schafften. Falls es Mubarak aber gelänge, seinen Sohn im Zuge eines geordneten Übergangs mit Wahlen als Nachfolger zu installieren, würde sich das Militär nach Einschätzung von US-Informanten nicht gegen Gamal stellen.

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Als wichtige Karte im Poker um die Macht sehen die US-Depeschen auch den Mubarak-Vertrauten und langjährigen Geheimdienstchef Omar Suleiman (den Mubarak erst vor wenigen Tagen zum Vize-Präsidenten ernannt hat). Das Rennen um die nächste Präsidentschaft sei offen. Ein hoher Regierungsbeamter hält es auch nicht für undenkbar, dass das Militär einen bis dato unbekannten Kandidaten als Joker aus dem Hut ziehen könnte. US-Botschafter Francis J. Ricciardone gab in einem Memo vom Mai 2007 die folgende Prognose ab:

„Whoever Egypt‘s next president is, he will be inevitably politically weaker than Mubarak, and once he has resumed the post, among his first priorities will be to cement his position and build popular support. We can thus anticipate that the new president may sound an initial antiamerican tone in his public rhetoric, in an effort to prove his nationalist bona fides to the Egyptian street, and distance himself from Mubarak’s politics. If history is any guide, we can also expect the new president to extend an olive branch to the muslim brotherhood, as did Gamal Abdel Nasser, Anwar El Sadat, and Mubarak early in all of their terms, in an effort to co-opt potential opposition, and boost popularity.“

„Wer auch immer Ägyptens nächster Präsident ist – er wird unweigerlich politisch schwächer sein als Mubarak. Seine ersten Amtshandlungen werden darauf abzielen, seine Position zu festigen und breiten Rückhalt in der Bevölkerung aufzubauen. Wir können daher davon ausgehen, dass der neue Präsident antiamerikanische Töne anschlagen wird, um dem Mann auf der Straße seine aufrechte nationalistische Gesinnung unter Beweis zu stellen und sich von Mubaraks Politik zu distanzieren. Sollte die Geschichte einen Hinweis auf Zukünftiges liefern, steht zu erwarten, dass der neue Präsident versöhnliche Gesten in Richtung der Muslimbrüderschaft macht, wie es auch Gamad Abdel Nasser, Anwar El-Sadat und Mubarak zu Beginn ihrer Regentschaft praktiziert haben – zum einen, um potenzielle Opposition einzubinden und zum anderen um seine Popularität zu steigern.“ (Übersetzung vom Verfasser dieses Beitrags)

Könnte gut sein, dass diese Vorhersage wesentlich schneller als erwartet ihre Treffsicherheit unter Beweis stellen kann.

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50 Lesermeinungen

  1. Kann alles sein.
    Hauptsache,...

    Kann alles sein.
    Hauptsache, es ist kein US-gestütztes Folter- und Kleptoregime mehr. Zudem: Wäre ein Mubarak ohne die USA wirklich stark gewesen?

  2. Ein Kommentar auf...
    Ein Kommentar auf Aljazeera:
    „I cannot believe the silence of the Western governments! Invading one country in the name of democracy and removal of a tyrant but when the people of Egypt speak out and demand democracy and freedom there is not a single Western leader supporting them! Maybe the invasion was about oil after all! .“
    .
    Geht mir genauso.
    Und daher krieg ich nicht recht hin, bereits um die Tücher zu würfeln. Ich wünsche dem ägyptischen Volk alles Gute.

  3. @Vroni, solange es den...
    @Vroni, solange es den geopolitischen Interessen diente, haben die USA nie Skrupel gehabt, sich mit Regimes zu arrangieren, die, öhm, etwas andere Wertvorstellungen vertreten als die westliche Welt. Im konkreten Fall Ägypten hieß die oberste Direktive wohl „Stabilität in der Region“ – auch zu dem Preis, dass diese Stabilität mit Mitteln gesichert wird, die nicht ganz die feine englische Art sind. Wenn es sich nicht so blöd topcheckermäßig anhören würde, würde ich sagen, hey, das ist Realpolitik.
    .
    Aber um das bisschen klarer zu sehen, war es nicht verkehrt, mich durch diese Wikileaks-Depeschen zu wühlen, selbst wenn da jetzt nicht die ganz großen CIA-Sauereien aufgedeckt wurden.

  4. Stimm ich absolut zu. Der...
    Stimm ich absolut zu. Der Artikel ist schon bisschen zu sehr pro USA geschrieben. Jetzt kann man eigentlich nur hoffen, dass das Militär bleibt (die Polizei ersetzt oder am besten noch diese überwacht/erzieht), man sich darauf einigt, vllt. einfach mal n paar Vermittler einzusetzen, die die Staatsgeschäfte am laufen halten, so dass sich Parteien etc. bilden können, anstatt schon wider irgendeinen planlosen Populisten ins Amt zu hiefen, der dann eh wider von seinen engsten „Beratern“ manipoliert wird.

  5. Vielen Dank für diese...
    Vielen Dank für diese Informationen und die Aufbereitung. In diesem Falle finde ich die Einschätzungen der amerikanischen Diplomatie durchaus als recht wertvoll…

  6. Oh je, verdumpftes Militär...
    Oh je, verdumpftes Militär (das scheint in Tunesien ja glücklicherweise anders zu sein). Das kann ganz, ganz übel ausgehen. Weil die dann tendenziell sich eher seitlich bewegen als nach oben, also mehr aufs panische Pfründesichern aus sind als auf Fortschritt für das Land.

  7. @colorcraze: Die...
    @colorcraze: Die Einschätzungen zum Militär sind natürlich etwas differenzierter als ich das in der Kürze hier wiedergeben konnte. Die Armee mag nicht mehr das Renommée haben wie vor 40 Jahren, aber sie gilt immer noch als Garant einer gewissen Stabilität. Beobachter sagen übereinstimmend, dass das Militär sich (im Unterschied zu bisher) auch mit einem Zivilisten an der Spitze des Staates arrangieren könnte. Und die Gefahr eines Militärputsches war bisher auch nicht übermäßig groß. In den ganzen Nachfolge-Szenarien, die in den letzten Jahren die Runde machten, spielte diese Variante zumindest keine große Rolle. Das muss freilich, je nachdem, wie sich die Dinge jetzt entwickeln, auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Aber hoffen wir das beste.
    .
    @xyz: Stimmt schon, ich habe in dem Beitrag größtenteils die Einschätzungen der US-Botschaft referiert, ohne mich im Einzelnen ständig davon zu distanzieren oder Wertungen vorzunehmen – was aber nicht heißt, dass ich damit einen pro-USA-Standpunkt vertrete. Ich habe es halt auf die angelsächsische Art versucht, Bericht und Kommentar/Wertung klar zu trennen. In einem redaktionellen Umfeld ohne Kommentar-Möglichkeit wäre ich wohl anders vorgegangen.

  8. Ach ja, hier noch ein...
    Ach ja, hier noch ein interessanter Artikel, der beschreibt, wie die Ägypter versuchen, die Internet-Blockade zu umgehen – z.B. mit Analog-Modems und Einwahlnummern im Ausland:
    http://www.computerworld.com/s/article/9207078/Without_Internet_Egyptians_find_new_ways_to_get_online

  9. @ Marco
    "solange es den...

    @ Marco
    „solange es den geopolitischen Interessen diente, haben die USA nie Skrupel gehabt, sich mit Regimes zu arrangieren, …“
    .
    Weiß ich doch.
    Aber was hält denn die US davon ab, mal zur Abwechslung eine junge Demokratie zwecks Stabilisierung der Region zu stützen? Und zwar nicht nur mit kostspieligen Militärstützungen. Inzwischen glaube ich, „Stabilisierung der Region“ ist nur ein Drecks-Euphemismus, um anderweitige Interessen durchzusetzen. Öl, Handelsbeziehungen oder geo-militärische Stützpunkte wie Korridore, Inseln, etc.

  10. Gerade schoß mir die Idee...
    Gerade schoß mir die Idee durch den Kopf: die Ägypter wollen die Installation einer Dynastie verhindern. In Syrien hat das ja wohl seinerzeit gerade so geklappt, wenn auch Assad jr. wohl völlig unter der Fuchtel des Geheimdienstes steht.

  11. Ja, Vroni. Da haben Sie es mal...
    Ja, Vroni. Da haben Sie es mal wieder aufgedeckt. Die USA, das Grundübel dieser Welt.
    Wie schön und glücklich könnte die Menschheit leben, gäbe es nur diese schrecklichen USA nicht mit ihren „anderweitigen Interessen“.

  12. @ Don Fernando
    Sicher, andere...

    @ Don Fernando
    Sicher, andere haben ebenfalls „anderweitige Interessen“, wer wollte als „Realpolitiker“ den USA verdenken, dass sie sich genauso reinhängen, näch?
    .
    Mit dem winzigen, aber vielleicht stilformenden Unterschied, dass sie sich als demokratisches Staatenbündnis verstehen. Und man hätte es schon gern gesehen, dass sie sich einen anderen Horizont verpassen. Was den Reformdruck auf Ägyptens Mubarak betrifft, den Obama laut Wikileaks angeblich sehr wohl auszuüben trachtete: Nun, der war wohl zu schwach, zu vorsichtig. Vielleicht aus gutem Grund auch zu halbherzig (Israel?).
    .
    Ich komme aber eh derzeit mit dem ganzen Obama nicht mehr klar.
    Er hatte am Anfang an ein gutes „Marketing“ mit seinem Change. Jetzt sehen wir ja, dass das nur Markting war. Ein schwacher Präsident.

  13. @colorcraze: Tatsächlich...
    @colorcraze: Tatsächlich dürfte das Thema Dynastie am Nil einen Nerv treffen. Äußerungen von Ägyptern, man sei hier ja nicht in Syrien, finden sich auch schon in den Memos aus der US-Botschaft.
    .
    Ansonsten, Don Ferrando, muss man kein Antiamerikanist sein, um zu konstatieren, dass Uncle Sam längst nicht in jeder Weltgegend so segensreich gewirkt hat wie in Westdeutschland nach 45. Und wie Vroni richtig anmerkt, ist es legitim, an eine Demokratie (die nebenbei bemerkt nach meinem Dafürhalten keine ist, sondern allenfalls eine Republik oder noch besser: Monarchie auf Zeit) andere, strengere Maßstäbe anzulegen als an das „Reich des Bösen“, die selig entschlafene Sowjetunion.

  14. @Marco Settembrini di...
    @Marco Settembrini di Novetere: …und „Demokratie“ ideengeschichtlich durchaus nicht immer positiv besetzt ist.
    Ehrlich gesagt ist einigermaszen intelligenten Realpolitikern eines zuzugestehen: sie sind im allgemeinen berechenbar und überlebenswillig, und das ist in einem weitgehend rechtsfreien Raum wie den zwischenstaatlichen Beziehungen (mit Verlaub Messrs meine Professoren des internationales Öffentlichen Rechts) viel wert.

  15. @icke: Berechenbarkeit und...
    @icke: Berechenbarkeit und Überlebenswilligkeit sind ein hohes Gut, da haben Sie völlig recht. Wenn man Europa seit dem Ende des Imperium Romanum ansieht, hinkt der Fortschritt sich ja auf mehreren Beinen vorwärts.
    @Marco SdN: Ich wünsche den Ägyptern ja auch, daß sie den Brachialausschluß großer Teile der Gesellschaft loswerden, aber einstweilen sehe ich nicht, wie das geschehen könnte. Neben der Option „keine Dynastie, aber Ko-Option eines kleinen bürgerlichen Teils“ gibts auch noch die Optionen „Bürgerkrieg“ und „Totalzusammenbruch“, meiner Meinung nach. An die Option „Mubarak setzt sich durch“ glaub ich nicht, dazu ist er einfach zu alt.

  16. Obama ist endgültig die...
    Obama ist endgültig die große Enttäuschung. Den greisen uneinsichtigen Folterdiktator zu „Reformen“ aufzurufen, während die Bevölkerung ihn gerade stürzt, damit hat er sich genau auf die falsche Seite gestellt. Noch schlimmer Clinton oder Biden, der sich weigerte M. als Diktator zu bezeichnen. Verlogene Narrative zerplatzen hier vor aller Augen, übrig bleibt das reine Machtstreben. Sehr unangenehm auch Israel, das nicht den Hauch von Freude über demokratische Prozesse in Ägypten ausdrückt, sondern stattdessen den greisen Folterdiktator preist und sich an ihn hängt. Was für ein Zynismus. Das letzte, was im „Nahost-Friedensprozess“ von Bedeutung war, waren Freiheit und Demokratie in Ägypten, die Interessen der Ägypter. Warum sollten die Ägypter nun irgendwas auf Israels Interessen geben? Warum sollten diese höher eingeordnet werden? Die Israelis selbst sehen es wohl diffrenezierter, viel Solidarität auf Twitter, und auf einem Blog berichteten zwei Studentinnen aus Israel, wie sie sich in Kairo an Protesten beteiligten und trotz ihrer Nationalität begeistert aufgenommen wurden. Und was soll das für ein Friedensprozess sein, der seit Jahren nirgendwo hinführt, und von Arschgeigen aller Richtungen nur für alles mögliche andere benutzt wird. Die Ägypter sind im Recht, nehmen sich ihre ureigensten Rechte, Mubarak gehört vor Gericht und nicht in einen Präsidentenpalast. Für mich hat der Westen moralischen Bankrott erlitten, und völlig die Autorität verloren, in irgendeiner Diktatur nochmal irgendwas einzufordern. Das war unklug.

  17. @icke: Das Stichwort...
    @icke: Das Stichwort „Berechenbarkeit“ kam mir vorhin auch schon in den Sinn. Und dass es mit der Wertschätzung von Demokratie auch in unseren Tagen nicht mehr unbedingt zum allerbesten steht, mag man auch daran erkennen, dass sich ein deutscher Kanzler nicht entblödete, seinen Kumpel Wladimir Putin zum „lupenreinen Demokraten“ zu deklarieren.

  18. @Ali Baba: Da sagen Sie was!...
    @Ali Baba: Da sagen Sie was! Hinzu kommt: Mit welchem Recht kann sich die US-Diplomatie noch als Mahner in Sachen Menschenrechte aufspielen, wenn der sogenannte Krieg gegen den Terror zuhause auch als Vorwand genutzt wird, rechtsstaatliche Prozeduren außer Kraft zu setzen und Folter (nichts anderes ist Waterboarding, Schlafentzug und das ganze andere Instrumentarium) als Mittel der Wahl salonfähig zu machen?

  19. Es wird bald „zurück...
    Es wird bald „zurück geschossen“
    .
    Dass die Gefahr eines Militärputsches nicht unmittelbar drohe, klingt ein wenig schräg ob der einfachen Tatsache, dass das Militär doch an der Macht dort ist – seit Nasser, im Prinzip. Bedenkt man aber, dass Ägypten, nach Israel und zusammen mit Jordanien und Saudi Arabien der wichtigste Verbündete der USA dort ist, dann kann man sich schon so gewisse Worst-Case-Szenarien vorstellen. Solche, die alle etwas von einem Militärschlag haben (ich sage ausdrücklich – schlag, nicht – putsch). Madam Clintons Verstimmtheit spricht diesbezüglich Bände. Die ganze Nahost-Strategie der USA läuft Gefahr zu scheitern. Das bringt die subalternen Kräfte dort auf den Plan. Das macht Israel nervös, wie auch die Saudis, nebst all den anderen Operettenscheichs. Und den Iran dürfen wir nicht vergessen! Das einzige islamische Land, das die Vorkommnisse dort, mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis nehmen wird. – Scheint die Schia doch endlich zu obsiegen.
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    Ganz aktuell aber rechne ich mit einem Übergreifen der Proteste, wenn nicht gar des Aufstandes, auf die übrigen sunnitischen Länder, vorneweg der Türkei. Wird doch dessen Wirtschaftsaufschwung und damit dessen heimliches islamisches Regime faktisch aus der Portokasse der arabischen Länder finanziert (http://blog.herold-binsack.eu/?p=1367). – In der Absicht natürlich, die Erben der Osmanen in eine sunnitisch-wahabitische regionale Staatengemeinschaft einzufangen. „Atatürk“ dreht sich gerade mal wieder im Grabe.
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    Wenn es die Hoffnung der USA vielleicht gewesen war, den paniranisch-pantürkischen, resp. panarabischen Superkessel solange hoch zu kochen, bis dessen Inhalt verdampft wäre, so könnte es jetzt passieren, nämlich zusätzlich befeuert durch nicht mehr enden wollende Volksaufstände, dass der Koch sich am heißen Dampf dieses Kessels verbrennt.
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    Auf jeden Fall bedeutet das auch das Ende des Obamaregimes, wie doch ganz generell das Ende für jedes um den Frieden ringenden Regimes. Die Falken werden wieder gebraucht, denn die nächste Kriegsfront zeigt sich gerade am Horizont. Und wenn es ganz schlimm kommt, dann schwillt dieser Kessel zum Supergau. Die ganze Welt könnte von dort aus in Brand gesetzt werden. Wenn alle akuten Konflikte durch das arabische Nadelöhr gehen, dann wird’s nicht nur im Innern des Nadelöhrs heiß. Die Europäer können schon mal den Kopf einziehen, denn es wird bald „zurück geschossen“.

  20. @Devin08: uuh, keine schönen...
    @Devin08: uuh, keine schönen Aussichten, die Sie da ankündigen.

  21. @Devin08: Ja, viel Phantasie...
    @Devin08: Ja, viel Phantasie braucht es nicht, um sich ein paar plausible Worst-Case-Szenarien auszumalen. Das macht die mangelnde Begeisterung über die ägyptischen Entwicklungen in US- und EU-Kreisen sowie in Israel ja irgendwo verständlich. Je nach Windrichtung könnte ein Flächenbrand die Türkei auch erst mal verschonen und den längst noch nicht stabilisierten Irak in Mitleidenschaft ziehen, wo sich ja nicht nur Sunna und Shia gebenüberstehen, sondern auch diverse Ethnien. Man sieht noch nicht so recht ab, wohin die Funken fliegen, aber Pulverfässer gibts in der Gegend mehr als genug.

  22. Ein Freund behauptete 2008 :...
    Ein Freund behauptete 2008 : auch wenn der Spritpreis jetzt wieder unter 40$ sinkt, so wird er beim nächsten mal die 200 $ Grenze reissen.
    Das werden wir spätestens diesen Sommer erleben.
    Die Lunte brennt und niemand da, der Löschwasser hat. Es ist nur Öl drin, in den Löscheimern….

  23. In das Wort Demokratie stopft...
    In das Wort Demokratie stopft man gemeinhin zuviel hinein. Es gibt Demokratien, die nicht rechtstaatlich sind, Rechtstaaten, die foltern, gegen ihre Bürger rücksichtsvolle Staaten, die dauernd Kriege vom Zaum brechen, demokratisch bestallte Schurken – alle diese möglichen Merkmale kommen ziemlich frei kombinierbar vor, mit „Demokratie” sollte man bitte nur eine dieser verschiedenen kategorialen Achsen beschriften. Repräsentative Demokratie heißt im Kern nur, dass man die Bagage von heute irgendwann wieder friedlich los wird – mehr nicht. Man kann als Bürger eines demokratischen Staates oft schon zufrieden sein, wenn man wenigstens ein gutes Schauspiel geboten bekommt, indem man raffiniert betrogen wird und nicht so jämmerlich durchsichtig, wie es zuweilen (etwa heutzutage) der Fall ist, weil das für die Herde der Leichtgläubigen eben schon genügt.
    Im übrigen glaube ich nicht, dass sich unsere politische Klasse jetzt auf Dauer blamiert hätte. Das Bedürfnis der meisten nach einer im Prinzip moralischen Weltordnung und dabei inbesondere nach der Gewissheit, dass die „Eigenen” so leidlich gut und die „Andern” böse Teufel sind, ist viel zu groß, als dass nicht bald beruhigende Vergesslichkeit einträte. Hilfreich ist dabei zudem die so verantwortungsvolle Presse, bei der Information weit hinter Werbeerlösen, Unterhaltung, moralischem Pontifizieren, osmotischer Durchdringung des Lesers mit färbenden Adjektiven und anderen Wichtigkeiten rangiert. Wie es ja auch gewünscht wird, oben wie unten. Man muss ja sagen, was die glauben sollen, man muss ja wissen, was man glauben soll.
    Schließlich ist das Volk oft ebenso „vergesslich” wie seine Repräsentanten. Man bekennt sich zwar gerne zu hehren Werten, aber wenn in der Folge einer Politik, die diese etwa verfolgte, kleine persönliche Nachteile einträten, dann würde man schon bald schon immer dagegen gewesen sein. Die politischen Größen stellen sich in einer Demokratie also besser darauf ein, die für gewöhnlich heimlicheren finalen Wertungen mehr zu beachten als die großartig hinausposaunten. Eine ausnehmend offenherzige und naive Bekannte von mir, sonst zeternde Pazifistin, erklärte mir, sie sei für die NATO-Besatzung Afghanistans, weil sie gerne noch einmal in ihrem Leben eine große Reise durch den Orient unternähme, und das würde wohl für Europäer nur möglich werden, wenn dort die NATO für Sicherheit sorge. Bei einer gewissen emanzipatorischen Partei Deutschlands kann man den Eindruck haben, dass sie das Engagement vor allem deshalb unterstützt hat, weil es die einzige realistische Möglichkeit war, auch in diesem Land etwas an Stellen (beim Expeditionskorps) für den befreundeten Berufsstand der Gleichstellungsbeauftragten herauszuschlagen.
    Der derzeit geübte Eiertanz der Hohen Christlich-Jüdisch-Demokratischen Politik ist natürlich ein erst einmal recht belustigendes Schauspiel, an dem man sich allerdings bald satt gesehen haben dürfte; es ist ja ein altes Stück und wird durch Wiederholung nicht besser.
    Da fällt mir ein, wie wär’s denn jetzt, natürlich nur des Schauspiels wegens, wenn die „Eingeborenen” ein paar der uneigennützig um ihr weltliches Seelenheil besorgten Missionare mit Hummus und Petersilie im Topf kochten? – Égyptiens, encore un effort pour être de vrais gourmets républicains! – Nun gut, erst mal sollten vielleicht bei den Lehrmeistern rote Ohren und ein heißer Hosenboden genügen. – Aber wenn die Missionare, wie so häufig, mit Feuer und Schwert Einzug halten? – Dann können die Eingeborenen die mütterliche Überfürsorge ja immer noch mit einer ehrenden Prozession am Seil hinterm Technical oder einer Installation an Eisenbrückentraversen abweisen. Weniger Expressives wird nämlich immer zwanghaft falsch interpretiert.

  24. Blah.

    Ist es nicht zur...
    Blah.
    Ist es nicht zur genüge bekannt?
    Ägypten ist dem Militär zugefallen, vulgo dem höchsten Bieter.
    Die Auktion ist halt nur noch nicht zu Ende.
    Auch das ist Demokratie.

  25. Ägyptens Armee wird keine...
    Ägyptens Armee wird keine Gewalt gegen die Bevölkerung einsetzen, sie hält die Forderungen der Opposition für legitim. Dies gab ein Militärsprecher am Montagabend bekannt. Für heute planen die Regimegener einen „Marsch der Millionen“. Das gibt ja grosse Hoffnung, dass alles relativ friedlich zu Ende geht.

  26. Devin08 sagt: "Die Europäer...
    Devin08 sagt: „Die Europäer können schon mal den Kopf einziehen, denn es wird bald ‚zurück geschossen‘.“
    Und in DER Situation fällt uns auch noch die Gorch Fock aus!!

  27. @nix: Je nun, wenn damit alles...
    @nix: Je nun, wenn damit alles gesagt wäre, könnten wir ja zur Tagesordnung übergehen und uns wieder mehr um die Zustände auf einem strategisch nicht weiter bedeutsamen Segelschiff von Y-Reisen kümmern oder uns Sorgen machen, ob Uns Lena ihre Titelverteidigung beim Örovisions-Trällerwettbewerb vergeigt (wovon realistischerweise auszugehen ist).
    .
    @Pérégrinateur: Bis auf den letzten Absatz würde ich Ihrem Kommentar größtenteils beipflichten. Ehrlich gesagt möchte ich den US- und EU-Granden (bei allem, was man ihnen sonst alles vorwerfen kann) nicht unbedingt einen Strick daraus drehen, dass man zunächst mal dem status quo in Kairo das Wort redete. Das ist nun mal hohe Politik, es gibt überdies historisch bedingte Sensibilitäten, die es für eine deutsche Regierung nicht unbedingt ratsam erscheinen lassen, allzu explizit und vorschnell Änderungen der Weltlage zu bejubeln, die sich konträr zu den vitalen Sicherheitsinteressen Israels entwickeln könnten.
    .
    @ebook leser: Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich diese Verlautbarung gefreut und erleichtert hat. Ich wünsche es den Ägyptern von ganzem Herzen, dass sie eine bessere politische Zukunft gestalten können und das ancien regime ohne allzu große Friktionen abtritt.

  28. Wenn das Militär derart laut...
    Wenn das Militär derart laut erklärt, daß es den Pöbel heute (noch) nicht zusammenschießen wird, dann kann das nur zwei Dinge bedeuten: Die Lage für die Mächtigen in Ägyptenland kann entweder so verheerend noch nicht sein oder es ist bereits alles im Argen und eh egal.

  29. @Hartmut. Wenn die deutsche...
    @Hartmut. Wenn die deutsche Regierung den Entschluß fassen würde, die Steuer(n) für Benzin und Diesel während der Zeit einer krisenbedingten Preiseskalation für Rohöl auszusetzen, dann ändert sich für uns an der Tankstelle nichts.
    Wer hat eigentlich richtig Ahnung von den Verhältnissen in Ägypten? Bekannt ist doch eigentlich nur, dass von den rund 80 Mio Einwohnern die Hälfte unterhalb der Armutsgrenze (2 Dollar pro Tag) leben muss. Ab 2,10 Dollar ist man ja aus dem Gröbsten raus, oder? Wenn man Bevölkerungszahl, Armut und Bildung in ein Verhältnis setzt, dann ergibt sich ja eine super Aussicht auf eine demokratisch-aufgeklärte Zukunft im Land der Pyramiden. Während meiner Jahre als Gastarbeiter im Mittleren Osten gab’s ein Sprichwort – frei nach einem Popsong aus den Achtzigern: Lie like an Egyptian. Und das war kein stumpfer Rassismus, sondern häufige Arbeitserfahrung. Und political correctness war noch nie mein Ding. Dafür aber arabische Musik. CD-Tipp des Tages: Oum Kalsum (oder: Umm Kulthum) – the voice of Egypt. Gibt’s häufig schon für 7,95 € im Angebot (also 4 ägyptische Pro-Kopf-Tageseinkommen).
    Einen Marsch der Millionen gab’s übrigens bei Umm Kulthums Beerdigung
    im Jahre 1975. Da waren angeblich bis zu 5 Millionen Menschen auf Kairos
    Straßen. Viel Glück jedenfalls für Ägyptens Zukunft und ganz persönlich für den ägyptischen Kantinenkoch Mustafa aus meiner o.g. Zeit in Middle East. Einer der bemerkenswertesten Menschen, die mir dort begegnet sind. Und seine Lasagne und die Lammkoteletts waren legendär.

  30. @Marco Settembrini di Novetre,...
    @Marco Settembrini di Novetre, 01. Februar 2011, 10:21
    Interessenpolitik, schön und gut, doch wer erkennbar heuchelt, erntet doch nur Verachtung. Ob das auf Dauer so „hilfreich” ist? Zudem, wenn es hauptsächlich um Vertretung eigener Interessen geht, dann sollte man sich doch vor allem Handlungsfreiheit verschaffen wollen, also möglichst vom Haken gehen wollen, an dem einen andere gerne – von wegen historischer Sensibilitäten – herumführen. Und wo ginge das besser als bei einem Thema, wo man die Fahne der Hehren Ideale flattern lassen kann? „Non possumus” klingt immer besser als „Wir wollen nicht”. Stattdessen schenkt vermutlich unsere in allem konsequent rückgratlose Bundesmutti beim Staatsbesuch wieder dem krakeelenden Gör schöne neue Streichhölzer. Schauen Sie mal in die Leserreaktionen bei der dortigen Presse, welches Maß an moralischer Selbstgefälligkeit in der israelischen Öffentlichkeit herrscht, tauglich für alles und jedes! Das führt bei den davon umspülten Regierenden dort erkennbar schon öfter zur Verwechslung des eigenen Propagandabildes mit der Realität. Ich sehe jedenfalls keinen Vorteil für unser Land und unsere vitalen Sicherheitsinteressen darin, beim nächsten Feldzug mit dabei zu sein. Wozu sich in fremde Händel einmischen, die noch dazu fast ausweglos sind?
     
    Aber ich vergaß, wir sind ja sowieso schon dabei, denn aus welchen Rohren werden denn wohl die Marschflugkörper mit den hamanvernichtenden Streichhölzern verschossen werden? Mitgefangen, mitgehangen. Mitgeheuchelt, mitgemeuchelt.

  31. ...
    @Pérégrinateur: Allzu heftig und öffentlich sollte die Bundespolitik vielleicht nicht am Haken der Historie zerren und zappeln, man befindet sich da schließlich in verminten Gewässern. Aber tendenziell bin ich durchaus bei Ihnen, dass wir bei einem weitergehenden Involvement in irgendwelche, äh, Instabilitäten in der Region mehr zu verlieren als zu gewinnen hätten. Wenn die ganze Weltgegend auf einmal Krisengebiet ist, kann die formidable deutsche Exportwirtschaft doch keine friedenssichernden Fahrzeuge (ja, die mit den Tiernamen) und großkalibrige Gerätschaften mehr liefern. Also offiziell zumindet.
    .
    Was die israelische Presse angeht, ist es meinem Seelenfrieden dienlicher, ihre Einlassungen allenfalls in homöopathischer Dosierung zur Kenntnis zu nehmen. Kann sich halt längst nicht jedes Blättchen einen Uri Avnery leisten…

  32. Das halte ich für eine...
    Das halte ich für eine schwere Fehleinschätzung, die Gorch Fock für unbedeutend zu halten, die Art Ausbildung, die dort möglich ist, ist _grundsätzlich_ sehr, sehr wichtig. –
    Ansonsten gehts mir auch nicht groß anders als Pérégrinateur, die Aussichten sind erstmal ziemlich trist, und die Lunten sind wieder ein Stück kürzer geworden.

  33. @Marco Settembrini di Novetre,...
    @Marco Settembrini di Novetre, 01. Februar 2011, 13:29
    Sie meinen, dass Sie bei der rechten Dosis schon die Nesselsucht bekämen? Oder vielmehr, dass ich nicht lege artis, sondern überdosiert hätte? Darf ich Sie im letzten Fall an Ihre eigene Aufforderung damals an den jungen Spund H.C. erinnern: „Urteilen Sie!” – Ich lasse mich auch gerne belehren; eine Begründung bekommt man bei Urteilen schließlich immer mit.
    Uri Avnery ist wirklich in mehr als einer Hinsicht ein seltener Vogel. Ein Engagierter mit Witz!

  34. @colorcraze und...
    @colorcraze und @Pérégrinateur: Ich sehe Ihre Kommentare im Controlpanel, aber noch nicht auf der Seite, kann also sein, dass ich die Reihenfolge durcheinander bringe, wenn ich gleich darauf antworte, aber ich muss gleich weg, deswegen noch schnell soviel:
    @Colorcraze, worin die Wichtigkeit dieses Segelschulschiffs besteht, darf man mir Landratte gern näher erläutern. Ich war bei der Luftwaffe, und da fängt man auch nicht an, Papierflieger zu falten und dann Drachen steigen zu lassen, um die Grundlagen zu lernen. Wofür es gut sein soll, mit so einem ollen Kahn rumzuschippern und was man dabei fürs Leben und Überleben lernt, würde mich also wirklich interessieren.
    @Pérégrinateur: Natürlich meinte ich, dass ich nicht allzuviel davon am Stück vertragen kann, mit Ihnen und Ihren erfrischenden Kommentaren hat das nichts zu tun.

  35. @Marco SdN: die Fahrzeuge mit...
    @Marco SdN: die Fahrzeuge mit den Tiernamen werden wir in der Süd-EU selber brauchen und Entwicklungskosten selber aufbringen müssen, so ungesund wie der Blick übers Meer aussieht. Zudem steht überall die Umstellung auf eine Nach-Öl-Wirtschaft an (ok, das ist noch eine Sache von mehreren Jahrzehnten, aber eine gravierende). China-Handel wird bereits z.T. über Land durch Rußland abgewickelt (Transsib), das Rheintal wird unbewohnbar durch die Zahl der Züge, die von Rotterdam nach Genua gehen, was doch wohl heißt, daß die Mittelmeerhäfen nur noch Verteiler sind, nicht mehr Anlieferungspunkte…

  36. @Marco SdN: das Physische (bei...
    @Marco SdN: das Physische (bei Windstärke 12 noch sinnvoll handeln zu können), und der nirgendwo sonst in diesem Ausmaß zu erreichende Aha-Effekt für die Wirksamkeit einer Gruppe.

  37. Unter dem dicksten Pulverfass...
    Unter dem dicksten Pulverfass der dünnste Boden
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    @Marco Settembrini di Novetre: Ich will wirklich nicht den Propheten spielen, deswegen ist das auch nicht als „Ankündigung“ zu verstehen, sondern als Planspiel. Doch beobachte ich diese Region, insbesondere auch unter dem Aspekt des Reislamisierung der Türkei, schon seit gut 35 Jahren. 1985, wo kaum einer über Islamismus in der Türkei redete, schrieb ich meine Diplomarbeit zu dem Thema „Kemalismus, Islamismus, Faschismus und die Unterdrückung der Frau“. Noch durfte der politische Islam in der Türkei unter der kemalistischen Knute sein knechtischen Leben führen, doch mit dem letzten Militärputsch, im September 1981, überschritt der sog. laizistische Kemalismus seinen Zenit. Verspielte, in dem er die Revolutionäre Linke zu tode marterte, seine letzte Karte. Denn auch diese Linke war, wenn auch diesbezüglich sich darüber wenig bewusst, u.a. ein Erbe des Kemalismus. – „Die Revolution frisst ihre Kinder.“ Und ich neige nun mal dazu, nicht die „äußeren Bedingungen“ – die „Funken“ -, sondern die inneren Ursachen als entscheidend anzusehen. Und so besehen, sitzt die Türkei nunmehr nicht nur auf dem dicksten Pulverfass, sondern auch auf dünnstem Boden.
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    Die Türkei ist, in dieser Region, neben dem Iran das Land mit der größten Militärmaschinerie (von Israel mal abgesehen, aber das steht auf einem anderen Blatt), und sie hat auch vergleichbare Ambitionen. Ich nannte die Begriffe ja schon – pantürkische, bzw. paniranische. Beide Länder sind politisch ähnlich „inhomogen“ (Kurdenprobleme in der Türkei und Probleme mit den sunnitischen Belutschen in Iran, welche zugleich den Drogenhandel aus Afghanistan kontrollieren, und sich dadurch eine quasi politische Autonomie erkämpft haben). Daneben haben sie ähnliche Konflikte mit ihren religiösen Minderheiten. Die Aleviten in der Türkei sind die zweitgrößte religiöse Gruppierung und zugleich als solche fast deckungsgleich mit dem ständig aufständischen Volk der Kurden. Sie sind ähnlich liberal verfasst wie die Bahai vielleicht in Iran. Auch christliche und jüdische, oder auch armenische Minderheiten, haben sie, die sie nicht besonders mögen. All diese Konflikte versuchen die Islamisten unter Kontrolle zu bekommen, doch scheinen sie nicht begreifen zu wollen, dass sie selber als Teil dieses Konflikts, nicht dessen Lösung sein können. Die türkische Herrschaft, die Herrschaft der Türken, des türkischen Mannes, insbesondere auch dies unter Führung eines westlich orientierten Militärs, verliert allmählich ihre Legitimation. Die herrschende Klasse ist sich uneins darüber, ob ihr westliches Militär oder ihr arabisches Geld ihre Macht sichern soll. Und während ihr bald das arabische Geld ausgehen wird, haben die Militärs kaum noch die Macht einen Putsch wie gehabt, einen unter Natoführung, durchzuziehen. Und genau das ist die schwächste Stelle des gegenwärtigen Regimes.
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    Auch wenn das vielleicht nicht so deutlich erkennbar ist, doch ähnelt die Lage der Frau in der Türkei der im Iran zunehmend. Man muss in der Türkei kein Kopftuch tragen, aber im anatolischen Teil, besonders auf dem Land, läuft Frau kaum ohne rum. Doch das ist nur äußerlich. Entscheidend ist, was man nicht sieht. Die Frauen sind in beiden Ländern wirtschaftlich stark im Kommen. Das verschärft den eh schon angespannten politischen Konflikt, fügt ihm den Geschlechterkonflikt hinzu. Ein Phänomen, das die Türken bisher nicht kannten, hingegen aber schon die Iraner. Und das verändert auch die soziale Grundlage in beiden Klassengesellschaften. Die Bauern sind am verschwinden, die Arbeiter massiv politisch unterdrückt, ja als selbständige Kraft kaum noch erkennbar. Entweder vom Kemalismus erdrückt oder vom Islamismus verführt, so stellen sich die männlichen Massen dar. Was im Übrigen genau der Grund dafür ist, warum sich der Islam als politische Ideologie überhaupt anbot, nämlich als Waffe des Mannes gegen die Frau. Und genau das politisiert die Frau.
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    Im Iran kann man das noch nicht erkennen, da die Öffentlichkeit geblendet ist durch die gleichermaßen öffentlichen Schauprozesse. Aber wo der Mann, eben nicht nur der Mann im Proletariat, versagt (die herrschende, nämlich männliche Klasse, versagt im Angesicht der Frau unaufhörlich), verliert er neben dem Respekt auch die soziale wie wirtschaftliche Kontrolle über die Frau. Auch wenn es zunächst noch so aussehen mag, dass die Frau unter diesem sozialen Druck nieder gehalten wird, so erhöht genau dieser Druck ihre revolutionäre Potenz.
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    Wo die Frau gezwungen ist um ihre Existenz, ihre wirtschaftliche, ihre physische, ja ihre sexuelle – und damit um ihre besondere politische Identität – zu kämpfen, da hilft weder Unterdrückung noch patriarchalischer Charme. Nicht in modernen Nationen. – In Arabien dagegen vielleicht, aber auch das scheint sich im Moment ja gerade zu ändern. Auch dort kämpfen die Frauen in vorderster Front. Und auch das will mir ähnlich erscheinen: Das Patriarchat, will heißen: die Unterdrückung der Frau, ist sowohl in den arabischen wie auch in den turkstämmigen Völkern noch nicht all zu alt (im Iran hingegen schon sehr!). Mohammeds Ehereform, welche da den Bruch markierte, liegt erst gut 1400 Jahre zurück. Und so kommen die äußeren und die inneren Bedingungen zusammen, erhöhen den Druck besonders dort, wo die modernsten Konflikte mit den ältesten, doch wiederum nicht mit den ganz alten, sich paaren. Diese Region ist modern-politisch betrachtet noch nicht so alt (wie auch vergleichsweise noch nicht so überaltert!), wie auch nicht zu jung, für einen ordentlichen Aufstand. – Die Jugend bildet die revolutionäre Hefe.
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    Und dieser Druck muss vor allem auch ein intellektueller sein. Und auch diesbezüglich sind sich der Iran und die Türkei nicht unähnlich. Die Massen von intellektuellen Frauen wissen vielleicht noch einen Ausweg aus ihrer sozialen Not, aus ihrer sexuellen vielleicht auch noch, aber wohin mit dem intellektuellen Notstand? Ein Grund vielleicht dafür, warum sie ihr Leben geben – für einen Moment des Gefühls der Gleichberechtigung.
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    Die Proteste in der Türkei gegen die permanenten Verschwörungen der kemalistisch-faschistischen Diktatur, bzw. die Heucheleien jener faschistisch-islamistischen Pseudodemokratie diesbezüglich, werden so langsam für die politisch wach gewordene Frau zur Zumutung. Auch weil die Massen, insbesondere nämlich die weiblichen, längst wissen, dass diese Zumutungen eben auch den Zutritt zur westlichen Welt – und damit in Richtung „Freiheit“ – versperren.
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    So tritt der moderne Geist aus dem Schatten der Vergangenheit hervor. Zumindest intellektuell ist die Türkei zur Nation geworden – eine zunehmend weibliche. Und während die Frau in der Türkei – auch dies unter Einfluss der Islamisten – in den letzten Jahrzehnten aus dem Produktionsprozess gedrängt worden ist, nimmt ihr Anteil im Management zu. Europaweit an zweiter Stelle – nach Finnland, können wir da (http://www.kas.de/wf/de/33.19964) lesen. Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, einen geringen Zeit, wann sich die Massen der Frauen ihren Anteil daran erkämpfen.
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    Sollte sich in der Türkei eine Revolutionäre Linke re-stabilisieren, was mir wie gesagt, nicht nur wegen der aktuellen Schwäche der Herrschenden, sondern vor allem aufgrund des intellektuellen Zustandes in diesem Land, durchaus als reale Möglichkeit erscheinen will, dann rechne ich mit sozialen Aufständen, wie sie die Türkei, ja die Welt, bisher noch nicht erlebt hat. Die Linke, die Frauen und die Kurden, das wäre die quasi unbesiegbare Phalanx.
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    Und wenn die USA, bzw. die Nato, dann dort intervenieren sollten, dann holen sie sich die Pest an den Hals. In der Türkei wird das keiner mehr dulden.

  38. lieber Marco Settembrini di...
    lieber Marco Settembrini di Novetre,
    danke für den sehr interessanten survey und Ihre Zwischenkommentare !

  39. <p>@Devin08: Das sind sehr...
    @Devin08: Das sind sehr spannende Einsichten, und nur ein Ignorant wird leugnen, dass sich in der Türkei einiger Druck im Kessel aufstaut. Ich bin auch weit davon entfernt, die Frauenfrage als Nebenschauplatz zu sehen, könnte mr aber vorstellen, das gerade in der Türkei, wo der Frau zumindest im urbanen Terrain tendenziell eine Karriere im Business offensteht, der Druck der allgemeinen Veränderung längst nicht so kulminiert wie im Iran. Zumindest scheint es mir mehr als fraglich, dass daraus unausweichlich ein großer Massenaufstand inklusive der Kopftuchmuttis in Hochanatolien resultieren müsse. Womit ich es auch nicht ausschließen will, aber auf meinem Kurzfrist-Krisenradar taucht das derzeit nicht ganz so prominent auf wie bei Ihnen (was Ihre Expertise keineswegs abwerten soll).
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    @Colorcraze: Ja, so ungefähr hatte ich mir das auch schon gereimt, aber es bleibt mein Verdacht, dass nostalgische Traditionspflege den gewichtigeren Grund für diesen schwimmenden Anachronismus liefert. Mit ähnlichen Argumenten könnte man schließlich auch befürworten, in der Luftwaffe bemannte Fesselballons oder Zeppeline loszuschicken, in denen die Crew das Walten der Elemente nachdrücklicher vermittelt bekommt als in einem AWACS-Flugzeug. Oder wie wärs mit einem Ulanen-Regiment beim Heer? Das mit dem besonderen Zusammenhalt auf dem Schulschiff würde ich Ihnen ja zugestehen, wäre der spezielle Spirit an Bord nicht schon seit längerem Gegenstand der Debatte. Ich bin jedenfalls froh und dankbar, dass ich meine militärische Grundausbildung in einer Ausbildungskompanie genossen habe, deren Offizierskorps seinerzeit recht modern, ich würde fast sagen, sozialliberal geprägt war und Führungs- und Motivations-Prinzipien neueren Datums kannte, die mit der preußischen Kommiss-Schleiferei von anno Nullachtfuffzehn nicht mehr allzu viel gemein hatten. Von daher möchte ich, mit Verlaub, auch die Fische füttern, wenn ich höre, wie menschenverachtende Schinderei (ich sage nur: Deckschrubben mit der Zahnbürste – ich dachte immer, das wäre ein Joke) schöngeredet wird. Auf den tollen Zusammenhalt, der dabei entsteht, wenn Kameraden systematisch „der Arsch aufgerissen wird“, ist mir, mit Verlaub, geschissen. Davon abgesehen glaube ich Ihnen natürlich auch, dass es eine tolle Erfahrung sein kann, auf dem Dreimaster mitzuschippern. Aber da müssen die Rahmenbedingungen auch stimmen, und wenn das dauerhaft nicht der Fall zu sein scheint, dann sähe ich es lieber, diese besondere Form der Traditionspflege würde man sich bei der Marine in die Haare schmieren.
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    @Foersterliesel: Es mir (trotz des ernsten Themas) ein Vergnügen – und ein Privileg, intelligente Kommentatoren zu haben, mit denen es sich gut plaudern lässt.

  40. @Devin08
    Interessante...

    @Devin08
    Interessante Ausführungen, die sie da bieten. Ich erlaube mir jedoch ein paar Nachfragen.
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    1. Paniranismus. Was soll denn das mögliche einigende Band sein? Die Sprache? Sind die irakischen und iranischen Kurden wirklich von dieser Seite her ansprechbar, oder die Paschtunen in Afghanistan? Mir scheint, jedesmal spielt die Ethnizität auf kleinerer Skala die wichtigere Rolle, nämlich bis hinunter aufs Niveau des Clans. Und wollten die fernen Tadschiken sich mit dem Iran verbandeln? Denn sonst ist da ja nicht mehr viel an möglichem Irredenta-Material, anders als vielleicht für den Panturanismus. Spielt nicht die gemeinsame Religion des Schiismus jenseits von Sprache und Nation eine größere Rolle?
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    2. Mann und Frau. Wieso brauchen die Männer den Islamismus als Waffe gegen die Frau, wenn die Frau ohne diesen ohnehin schon unterdrückt ist? Was soll denn konkret heißen, dass der Mann im Angesicht der Frau versage? (Ich nehme ja nicht an, dass sie an Peeperkornsche Obsessionen denken.) Wieso reden Sie von „der Frau”? Mit Verlaub, fehlt da nicht – die Klassenanalyse?
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    3. Intellektueller Notstand. Was soll das sein? Dass gut ausgebildete Personen (Frauen) keine entsprechende Anstellung erreichen? Aber die taxifahrenden Geisteswissenschaftler gibt es doch bei uns auch, und dass die zum revolutionären Subjekt würden, ist nirgends zu sehen. Zugegeben, einer von denen hat einen gewaltigen Aufstieg gemacht, aber der war doch denn gerade individuell. Wobei ich im übrigen bei seiner Klassifikation als Geisteswissenschaftler noch reichlich tolerant war; der gute Mann hatte ja zum Beispiel eine so ausgeprägte historische Bildung, dass er beim zielgerichteten Gebrauch des Ausdrucks „raison d’État” geradezu aufs eigene Bein hielt und sein Argument hinkend schoss. Oder soll der intellektuelle Notstand darin bestehen, dass man dumm gehalten wir? Das ist nun allerdings ein Zustand, in dem man eher wenig revolutionäres Potential bietet.
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    4. Identität. Ich weiß wirklich nicht, was der Begriff für eine sinnvolle Verwendung haben soll außerhalb des mathematischen und dort reichlich banalen A=A. Gebraucht wird er natürlich trotzdem gerne, nämlich in der deutschnationalen Gemeinschaft-gegen-Gesellschafts-Küche. Man spielt da immer auf ein Herkommen an, das einem selbst Willen, Eigenbewusstsein, soziale Rolle usw. ohne eigenes Zutun und eigene Wahl vorgebe. Ich dachte eigentlich immer, Sie seien ein Progressiver – da muss man doch dann für freie Auswahl unter süßen Früchte sein („Zuckererbsen für alle, sobald die Schoten platzen”) und nicht für knorrige „Wurzeln”, an die der Einzelne geschmiedet werden soll wie Prometheus an den Kaukasus.
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    5. 1400 Jahre. Scheinen mir eine lange Zeit zu sein und keine kurze. Wer kennt denn hierzulande seinen Urgroßvater? Zugegeben, in Großfamilien mag die Erinnerung weiter zurückreichen, vielleicht zehn Generationen, aber länger wohl nie. Ich sehe deshalb nicht, inwieweit die „erst” 1400 Jahre patriarchalischen Islams auf die Position der Frau heute weniger drücken sollten als die vielleicht nochmal 1000 Jahre womöglich auch sehr patriarchalischer Gesellschaft unter achämenidischer und sassanidischer Herrschaft. Zumindest müsste man erklären, nach welchem Entwicklungsgesetz sich da welche Phänomene gehalten haben bzw. neu aufgetreten sind.
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    6. „Die Proteste in der Türkei gegen die permanenten Verschwörungen der kemalistisch-faschistischen Diktatur, bzw. die Heucheleien jener faschistisch-islamistischen Pseudodemokratie diesbezüglich, werden so langsam für die politisch wach gewordene Frau zur Zumutung.” – Um konkreter zu werden, es gibt in der Türkei Ärger mit dem „tiefen Staat”, aus dem heraus gefördert etliche Anschläge von anstelligen Rechtsnationalisten begangen wurden, die man dann hierzulande gerne reflexhaft den Islamisten zuschreibt, damit sich das schlichte okzidentale Weltbild rundet. Von, wie hier herausragend geübt, politischer Analyse durch bloße Bindestrichsetzung und Wortkomposition (heutzutage am beliebtesten: „Islamofaschismus”) erhoffe ich wenig Ertrag. Und wieder bleibt offen, wieso das nun gerade ein Problem für die politisch wach gewordene Frau und nicht auch den Mann sein soll.

  41. @Marco SdN: nein, Zeppeline...
    @Marco SdN: nein, Zeppeline und dergleichen bieten keinerlei physische Erfahrung. Damit meine ich Physis wirkend in Physik. Diese altertümlichen Fluggeräte (Ballon gefahren bin ich schonmal), wie auch Motorschiffe, bieten einen relativ beschaulichen Ausblick auf die Physik. Physis braucht man dafür nicht. Und darum gehts. Das ist eine lebenswichtige Erfahrung. Was die Rahmenbedingungen bzw. die Dienstaufsicht angeht, so kümmert sich vG anscheinend etwas zu wenig darum, aber Brutalität à la 20. Jhdt müßte doch inzwischen schlicht ausgestorben sein.

  42. Schlicht ausgestorben? Schön...
    Schlicht ausgestorben? Schön wär’s ja. Ich lese nicht jedes Jahr die Berichte des Wehrbeauftragten en detail, aber nach dem, was ich so mitkriege, ist es seit Ende der 90er eher wieder schlimmer geworden. Da rächt sich, dass kritisch denkende junge Menschen die Bundeswehr mehr denn je meiden und das Feld weitgehend der anderen Seite des politischen Spektrums überlassen. Die Kampfeinsätze tragen das ihrige dazu bei, Schleiferei als Daseinsvorsorge wieder salonfähiger zu machen.
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    Das Argument mit der Physis in der Physik überzeugt mich immer noch nicht so recht, dass es dafür unbedingt diesen altertümlichen Windjammer braucht. Aber wenn da so viele Herzen dran hängen…
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    @Devin08: Sind Sie noch dabei?

  43. Mubarak hat eine neue Chance...
    Mubarak hat eine neue Chance eröffnet, doch noch seinen Sohn (möglicherweise länger Muslimbrüder-resistent als Baradei) als Präsidenten zu installieren.
    @Marco SdN: auf dem Schiff wird alles per Muskelkraft bewegt. Und die Verantwortung für sich selbst und die Gruppe ist unmittelbar – entweder alle arbeiten zusammen, oder alle gehen unter. Derart direkt spürbar ist das nur auf einem Segler. Leute zusammenhalten kann man nicht auf der Uni oder qua Maschinenbedienung lernen. Auf dem Segler kann sich keiner hinter Maschinen verstecken. – „Kritisch denkende junge Menschen“ – ich denke, daß der Familieneinfluß die stärkste Komponente ist, die sie davon abhält. Die Gefahr, geschädigt zurückzukommen ist höher als in den 80ern.
    @Devin08: Die unternehmerischen türkischen Mittelklassefrauen sind mir auch schon aufgefallen, aber wie sich das auswirken könnte, ist mir sehr unklar.

  44. Die Chancen des Alten, Gamal...
    Die Chancen des Alten, Gamal noch als dauerhaften Nachfolger zu installieren, halte ich mittlerweile für allenfalls theoretisch. Einem relativ geordneten Übergang hätte sich das Militär unter halbwegs normalen Umständen wohl nicht entgegengestellt. Aber nach den jüngsten Entwicklungen sehe ich nicht, dass das Militär dazu bereit wäre, den Filius gegen breite Widerstände ins Amt zu hieven.

  45. Die Frau besitzt 1 % des...
    Die Frau besitzt 1 % des Welteigentums
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    @Pérégrinateur: Danke für die ausführliche Stellungnahme und für die wirklich intelligenten Anmerkungen.
    Auch wenn die Karawane nun womöglich weiter gezogen ist, möchte ich darauf doch noch Stellung beziehen.
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    1. Paniranismus: Das einigende Band liegt im Negativen. Beide haben noch nicht ganz überwundene, bzw. neue erwachte „dynastische Interessen“. Ganz besonders seit dem Zerfall der Sowjetunion. Es gibt da gewisse Gegensätze. So wird Aserbaidschan sowohl von der Türkei als auch vom Iran umworben. Nur die Haltung zur Armenierfrage hat die Iraner aus dem Rennen geworfen. Doch auch die Türken müssen ihre Haltung zu Armenien überdenken, denn Aserbaidschan ist nicht der Nabel der Welt, wenn auch eine lockende Öldestination. Und die Emirate betrachten die Perser ehe schon immer als zu ihnen gehörig.
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    2. Mann und Frau: Ich sagte, dass der p o l i t i s c h e Islam als Waffe gegen die Frau eingesetzt wird, nicht der Islam schlechthin. Als monotheistische Religion sehe ich da zum Christentum grundsätzlich keinen großen Unterschied. All diese Religionen sind per se frauenfeindlich http://blog.herold-binsack.eu/?p=1328. Doch der politische Islam ist eine quasi moderne Kriegswaffe. Ich verweise hier auf das wunderbare Buch von Nicholas D. Kristof und Sheryl WuDunn „Die Hälfte des Himmels“, wo zu dieser Frage auch recht gut Stellung bezogen wurde. Allerdings stimme ich nicht überein in ihrer etwas zu freundlichen Einschätzung bzgl. der Wirkungen der mohammed. Ehereform. Diese mag wohl im historischen Sinne als Fortschritt gelten, doch im sozialen Sinne war das die Manifestation der Entmachtung der Frau. Näheres hierzu in “Hafiz – die Homo-Erotik – der Nihilismus”
    Aber selbst das ist nicht mal das Wesentliche. Ich denke, es ist nicht verkehrt zu postulieren, dass wir im Jahrhundert, wenn nicht gar im Jahrtausend der Frau leben. Das Ende Klassengesellschaft wird wohl auch mit dem Ende des Patriarchats zusammenfallen, so wie beides auch zusammen begann. Und dass das nicht nur eine philosophische Vision ist, leite ich den politischen Geschehnissen ab. Was wir weltweit gerade erleben ist ein Weltbürgerkrieg – gegen die Frau. Nicht nur in islamischen Ländern. Dort aber ganz besonders. Und jetzt möchte ich noch ein paar Zahlen nennen um das zu verdeutlichen:
    In Afrika sorgen – laut Welthungerhilfe – die Frauen für 80 % der Nahrung, doch besitzen sie weniger als 10 % der Felder.
    Weltweit erbringen die Frauen 52 % der Arbeitsleistungen, erhalten aber nur 10 % des Welteinkommens und besitzen nur 1 % des Eigentums.
    Diese Zahlen sind insofern auch kritisch zu betrachten, da es schwierig ist, die nicht bezahlte Arbeit, die Arbeit in häuslicher Sklaverei, als die gesamte eben nicht Wertschöpfung der weiblichen Arbeit hier zu oder raus zu rechnen.
    Aber schon der erste Blick auf diese Zahlen macht deutlich, dass selbst bei Zerstörung der Lohnarbeit durch das Kapital selber – Stichwort: Prekariat -, die Ausbeutung der Frau nicht nur geblieben, sondern vermutlich hierbei sogar noch steigen wird.
    Das eigentliche Proletariat ist wohl die Frau. Und deren Epoche hat jetzt erst begonnen, auch und gerade in den Industrieländern. Denn dort erhalten die Frauen immer noch 22 % weniger Lohn für die gleiche Arbeit. (Zitiert nach „Die Hälfte des Himmels“, Vorwort, 1. Seite).
    Und das mag auch eine Erklärung dafür sein, warum die Klassenfrage hierbei nicht die alles entscheidende ist. Die sexuelle Unterdrückung der Frau, und ihre besondere Ausbeutung ergibt sich aus dieser, ist quasi die Klassenlage der Frau. Natürlich ist die Bourgeoisfrau hiervon Welten entfernt, doch als Frau teilt sie auf jeden Fall die Zuschreibung als eine solche auch mit der untersten Schicht ihres Geschlechts. Auch wenn sie die Mittel hat, sich bezüglich der Folgen zu wehren. Da aber nur ein Prozent am Eigentum an diese Frau fallen – und wir können davon ausgehen -, ist sie als Bourgeois genau genommen zu vernachlässigen. Ich verweise auf das interessante Buch von Roswitha Scholz „Der Mann ist das Subjekt“. Dass ich mit Frau Scholz, wie übrigens mit der gesamten Wertkritik und Wertabspaltungskritik, darüber hinaus wenig gemeinsam habe, habe ich in meinem Philosophus Mansisses http://blog.herold-binsack.eu/?page_id=7 dargelegt. Marx kann nicht in einen wert(abspaltungs)kritischen und in einen klassenkämpferischen Marx geteilt werden. Wer das versucht, verfälscht ihn.
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    3. Intellektueller Notstand: 65 % der iranischen Studenten sind Frauen. Die meisten davon erhalten dadurch bestenfalls einen höheren Marktwert auf dem Heiratsmarkt. Wenn das keinen intellektuellen Notstand kennzeichnet, dann weiß ich nicht, wie man ihn drastischer beschreiben könnte. Es entsteht hier ein unerträglicher Riss zwischen der sozialen und der intellektuellen Lage der Frau. Das allein besitzt Sprengkraft für das ganze aktuelle Jahrhundert. Vergessen wir nicht: Dass das politische Bewusstsein, soweit es ein revolutionäres ist, auch ein auf wissenschaftlicher Grundlage erarbeitetes ist. Und das kennzeichnet im Übrigen nicht nur die wichtigste revolutionäre Potenz eines revolutionären Subjekts sondern auch die der zukünftig wichtigsten Produktivkraft. Die Bourgeoisie kann diese Produktivkraft nicht ausbeuten, ohne sie wenigstens in Ansätzen zu befreien. Das gilt ganz besonders für die Frau. Wo das Hirn die wichtigste Ware zu werden scheint (Frank Schirrmacher – er nennt den Begriff Ware allerdings nicht), die Rede ist schon von „Menschencomputern“, also der Vernetzung von einer möglichst großen Zahl von menschlichen Hirnen, kann das vermutlich sogar intelligentere Geschlecht nicht weiterhin am Kochtopf versauern! Das erst bringt richtig Schwung in die soziale Frage. Im Übrigen scheitert im Moment die historische Bildung des Mannes. Sie versagt angesichts der neuen Herausforderungen in der Ökonomie und auch in der Politik.
    Ein Grund mehr das Versagen des Mannes schlechthin zu konstatieren. Nicht nur im Angesicht der Frau!
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    4. Identität: Selbstverständlich ist jede Identität nur eine relative. Das ergibt sich schon aus dem Gesetz der Dialektik, in dem die Einheit der Gegensätze relativ, der Kampf absolut ist. Wir reden trotzdem von Identität, um Dinge von einander abzugrenzen. Anders können wir die Welt nicht in Begriffe fassen. Und die besondere Identität der Frau, die, die sie vom Mann trennt, liegt in ihrer Rolle als unterdrücktes sexuelles Wesen. Und das macht auch ihre politische Identität aus. Ihre besondere, ihre „abgespaltene“, wie Roswitha Scholz sagen würde. Dass sie auch von der Wertverwertung abgespalten ist, liegt ja gerade darin begründet. Denn nur als sexuelles Wesen, kann sie weiterhin, nämlich neben dem Lohnarbeitersubjekt quasi als Sklavin gehalten werden. Ihre Produkte, soweit sie dort entstehen, oder ihre Dienstleistungen, soweit sie häuslich verrichtet werden, haben keinen „Wert“ im Sinne der kapitalistischen Verwertung des Wertes, stellen keine abstrakte Arbeit dar. Wenn man so will, ist das auch der Ansatz dafür, innerhalb des Kapitalismus eine vom Wert nicht erfasste „Ökonomie“ zu haben, eine, die unter bestimmten Umständen eine revolutionäre Potenz entwickelt.
    Mit ein Grund für, warum das Kapital auch die Frau vollständig zu verwerten sucht, selbst in diesem abgespaltenen Bereich. Obwohl der Kapitalismus eine patriarchal verfasste Gesellschaft ist, werden eben diese Grundlagen so in Frage gestellt. Das ist der ganze Grund für diesen Gender-Diskurs. Die Verwertungskrise des Kapitals – der tendenzielle Fall der Profitrate (http://blog.herold-binsack.eu/?p=1368) – zwingst dieses seine patriarchalen Grundlagen zu untergraben.
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    5. 1400 Jahre: Ja, da ist eine lange Zeit, doch auf die historischen Epochen bezogen nicht wirklich. Wenn man bedenkt, dass das griechische Patriarchat wenigstens 4000 Jahre alt ist, das der Juden, Sumerer und anderer Völker im Nahen Osten vielleicht sogar noch älter. So wären 1400 Jahre eines arabischen Patriarchats dagegen gar nichts. Die Unterdrückung der Frau, will heißen: das Bewusstsein hiervon, resp. die Selbstverinnerlichung diesbezüglich durch die Frau kann umso erfolgreicher sein, je länger sie schon andauert. Noch schlimmer allerdings wäre ein Bewusstsein des Vergessens diesbezüglich. Solches haben wir. Wir reden von Gleichheit vor dem Gesetz und akzeptieren 22 % Lohnunterschiede. Um nur einen Gegensatz zu benennen. Wenn Frau schon gar nicht weiß, dass sie als solche ausgebeutet und unterdrückt wird, dann wird’s problematisch.
    Für eine revolutionäre Bewegung sind daher Verhältnisse die noch relativ offen sind, immer die besseren.
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    6. Die Türkei: Das mit dem „tiefen Staat“ ist mir bekannt (http://blog.herold-binsack.eu/?p=1338). Doch ist das nur die Oberfläche. Hier habe ich zum ersten Mal versucht das Wesen der Schwäche des Kemalismus darzulegen. „Reflexhaftes“ Zuschreiben oder nicht, der Kemalismus und der Islamismus sind in einer Einheit verbunden. In einer negativen und in einer positiven. Sie schließen sich aus und sie bedingen sich gegenseitig. Ich habe es mehrfach beschrieben. Und auch hier ist das einigende Band die Unterdrückung der Frau. Die Kemalisten sind nicht wirklich an einer befreiten Frau interessiert, sondern nur an ihren säkularen Formen. Ich drücke es mal ganz ordinär aus: Der kemalistische Bourgeois ist nicht an der Betschwester interessiert, sondern an der Hure. Wer das nicht glauben mag, der suche mal die diversen Etablissements in der Türkei auf, in den besseren Wohnvierteln und unterhalte sich da mal mit diesen Leuten! So als Gelegenheitsschreiber in Sachen „Incentivreisen“ http://blog.herold-binsack.eu/?page_id=19 ist mir diese Szene recht gut bekannt. Und genau das scheint den Islamisten nicht zu passen. Doch auch die sind, in Konkurrenz mit den Kemalisten vielleicht, im selben Gewerbe aktiv – als Zuhälter ihrer Frauen wie als Waffenhändler zur Finanzierung der Konterrevolution, als die Hoteliers für die Vergnügungsreisen auch der türkischen herrschenden Klasse. Nur so als Randnotiz: Als Herr Öger von Ögertours in Kuba touristisch aktiv werden wollte, wurde er vom kubanischen Tourismusministerium – und dieses war schon immer Teil wie wirtschaftliche Grundlage für die Militärökonomie Kubas, sprich: gehörte schon immer Raoul Castro, wurde er speziell bedient, nicht nur vom Ministerium, aber auf dessen Veranlassung. Waffen und Prostitution, das gefiel mit Sicherheit auch Herrn Öger! Und man kann ohne Übertreibung sagen: die Türkei ist besessen von der Prostitution, wie auch von Waffen, und von der Gewalt. Und auch diesbezüglich finden wir interessante Hinweise in „Die Hälfte des Himmels“, wo genau der Zusammenhang zwischen der Unterdrückung der Frau und der Gewaltbereitschaft in einer Gesellschaft hergestellt wird. Graue Wölfe und Islamofaschisten arbeiten in derselben Szene, nur manchmal gegeneinander – als Konkurrenten. Doch die Aktivitäten des türkischen Auslandsgeheimdienstes MIT umfassen beide wieder. Der von mir schon erwähnte Mehmet Agar http://blog.herold-binsack.eu/?p=914 gehörte beiden Szenen an. Er war ein Protegé von Erdogan und zugleich ein Terrorkommandeur der türkischen Todesschwadronen, ein Agent des Gladio-Netzwerkes. Er ist Teil der herrschenden Klasse der Türkei und ein international aktiver Mafiosi.

  46. @devin08: Danke für die...
    @devin08: Danke für die ausführlichen Erläuterungen. Ihrer übergreifenden Gesamtdiagnose zur Lage der Frau würde ich beipflichten,, ich bin nur nicht so sicher, was dieser Grundkonflikt in welcher Weltgegend wann genau für Folgen zeitigen könnte.
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    Im Übrigen scheint es mir zumindest diskussionswürdig, in Umkehrung der klassischen marxistischen Tradition, die Frauenfrage zum Nebenschauplatz des Klassenkampfes herabzuwürdigen, jetzt die Klassenfrage zugunsten der Frauenfrage zu sehr hintenanzustellen. Das ist beides zu binär und holzschnittartig gedacht. Zum Beispiel sehe ich nicht, dass die Frauen die treibende Kraft hinter den Unruhen in Tunesien und Ägypten wären, man könnte als Beobachter fast auf die Idee kommen, das wäre in dem Fall eben doch ein Nebenschauplatz. Natürlich wird man in jeder Gesellschaftsform, die man irgendwo auf dem Globus findet, Ausprägungen des Mann-Frau-Konflikts finden, aber deswegen zu postulieren, nur hier läge das einzig wahre revolutionäre Potenzial für Veränderung, schiene mir wie ein Versuch, die ganze Welt als Nagel zu beschreiben, weil man halt zufälligerweise nur einen Hammer im Werkzeugkasten hat.
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    Gut, so eindimensional haben Sie es natürlich weder gemeint noch geschrieben, das ist mir schon klar. Allein Ihre Volte mit dem Kapitalismus und dem Genderdiskurs macht das hinlänglich deutlich. Auf diesen Aspekt werde ich sicher nochmal zurückkommen, wenn auch nicht unbedingt jetzt und hier.

  47. Es kann das Eine ohne das...
    Es kann das Eine ohne das Andere nicht
    @Marco Settembrini di Novetre: „Gut, so eindimensional haben Sie es natürlich weder gemeint noch geschrieben, das ist mir schon klar. Allein Ihre Volte mit dem Kapitalismus und dem Genderdiskurs macht das hinlänglich deutlich. Auf diesen Aspekt werde ich sicher nochmal zurückkommen, wenn auch nicht unbedingt jetzt und hier.“ Gut darauf warte ich. Im Übrigen verweise ich auf meinen „Philosophus Mansisses“ http://blog.herold-binsack.eu/?page_id=7, wo ich eindeutig, gerade in Abgrenzung zum Feminismus einer Frau Scholz, dem Klassenkampf den Vorrang gegeben habe. Doch ist das vielleicht nicht einfach als primär und sekundär zu verstehen, sondern als teilweise identisch und als teilweise eben komplementär („der Kapitalismus ist janusköpfig“, Philosophus…). Und besondere Situationen können da auch mal ein anderes Bild liefern, wo ich Ihnen eben auch nicht zustimme, gerade in Bezug auf die gegenwärtigen Kämpfe in Arabien. Auf jeden Fall aber fällt beides zusammen, kann das eine ohne das andere nicht.

  48. Wert ohne „Wert“
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    @Marco...

    Wert ohne „Wert“
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    @Marco Settembrini di Novetre: Der Philosophus, ich gestehe es, ist ein wenig schwierig. Vielleicht auch deshalb, weil ich mich da nur so nebenbei mit der Genderfrage beschäftige und ich mittlerweile auch weiter gekommen bin. Die Postulate dort sind noch sehr abstrakt. Hauptthema sollte die Verteidigung des Klassenkampfes in der Geschichte (gegen Wallner) und in der Theorie des Marxismus (gegen Kurz) sein. Die Genderfrage gewinnt insofern an Bedeutung, als der Klassenkampf sich durch die Prekarisierung des Proletariats als zunehmend inkonsistent darstellt. Und hier kommt Frau Scholz mit ihren „Differenzen“ („Differenzen der Krise – Krise der Differenzen“) und macht den Wallner quasi perfekt. Also: Der Klassenkampf sei ein Mythos (Wallner), überhaupt sei die „Geschichte“ ein solcher, und die „Differenzen“ sind das, was an Klassen übrig geblieben sei. So ungefähr lese ich dieses Tandem Wallner-Scholz. Also nicht nur, dass da der Klassenkampf mit einem Wallner (einer Wertkritik/Wertabspaltungskritik) auf den Hund gekommen ist, sondern auch jener postfeministische Feminismus einer Frau Scholz.
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    Auch wenn die Autoren das wohl nicht eingestehen werden, so stehen sie doch in der Tradition einer postmodernen Leugnung jedweder Identität, jedwedes Subjekts. Denn „das Subjekt ist in der Krise“ (Robert Kurz).
    Es wird so getan, als wäre Identität schon immer als etwas Absolutes gesetzt. So als müsste man Marx in der Dialektik belehren – posthum. Als wäre das Proletariat nie ein Krisensubjekt gewesen. Kapital und Lohnarbeit sind von Beginn an auf Krise hin organisiert. Ihrer beider Auflösung ist ihnen gewiss!
    Etwas schwieriger ist es allerdings mit dem Verhältnis von Klasse und Geschlecht – weiblichem Geschlecht. Es führt kein Weg daran vorbei, die Aussage Engels sich zu vergegenwärtigen. Nämlich, dass die erste Klassengesellschaft mit der Unterdrückung der Frau „zusammenfällt“ (Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates). Denn er sagt hier nicht, das eine sei primär, das andere sekundär, nein: es fällt zusammen!
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    Diese Definition ist ganz offensichtlich nie ganz verstanden worden, auch und gerade nicht von den Marxisten, die sich da in bürgerlichem Chauvinismus gefallen, immer noch. Nur lasse ich mir nicht von bürgerlichen Feministen erklären, dass der Klassenkonflikt obsolet sei, hingegen aber nicht der Geschlechterkrieg. Der Klassenkonflikt steht im Kapitalismus im Zusammenhang mit der Verwertung des Werts, der Ausbeutung von Lohnarbeit, der Begründung einer besonderen Produktionsweise, dem Kapitalismus. Und ist nicht etwa ein Anhängsel des Kapitals, gar eine Anekdote der Geschichte. Wo Kapital ohne Lohnarbeit nicht denkbar ist, da ist auch keine Verwertung des Werts ohne Klassenkampf möglich. Das eine geht ohne das andere nicht, ja es ist dies die Identität im Gegensatz.
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    Der Geschlechterkonflikt ist genauso alt wie der älteste Klassenkonflikt, doch ist er eben nicht die Grundlage für eine eigene ökonomische Basis. Er gehört zur Basis der kapitalistischen Produktionsweise, ja!, doch gehört er vor allem zum Überbau jedweder Klassengesellschaft. In der Basis ist er als negative, nämlich abgespaltene, Verwertung zu begreifen. Einer Verwertung, die soweit sie nicht zu Wert führt, eben nicht auf der Ausbeutung von abstrakter Arbeit beruht. Nicht Tauschwert wird hier geschaffen, sondern eine Art Gebrauchswert, allerdings ohne diesem einen Wert zuordnen zu können. Es gibt nämlich auch keinen Gebrauchswert ohne Tauschwert. Es gibt Gebrauchsgüter, Gegenstände, Dinge, welche aber keinen Wert darstellen – nicht außerhalb der kapitalistischen Verwertung. Denn nur der Tauschwert hat einen Wert.
    Doch Ausbeutung ist es, allerdings mehr oder weniger die Ausbeutung von Sklavendiensten, somit eine vorkapitalistische. Und in diesem Sinne gehört der Geschlechterkonflikt in den Überbau einer jeden Klassengesellschaft, ist deren Metagesellschaft.
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    Diese Ausbeutung wird nun im Zuge der Genderisierung der Gesellschaft in positive Verwertung umzuleiten gesucht, sprich: in Richtung Ausbeutung abstrakter Arbeit. Und zwar nicht nur in der Form der industriellen Lohnarbeit, sondern auch in der Form der privaten Hausarbeit. „Hausarbeit“ wird zunehmend auch als Lohnarbeit interessant. Der Computerarbeitsplatz macht es möglich. Die feministische Forderung von Bezahlung der Hausarbeit ist nichts anderes als eine Bestätigung dessen.
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    Dass das bisher nicht passierte, fußt wohl darauf, dass das Kapital bei der Ausbeutung die Sklavin Frau als unbezahlte Reserve des Lohnarbeiters bevorzugt. Das verbilligt nämlich den Wert der Ware Arbeit, senkt deren Reproduktionskosten, erhöht somit den relativen Mehrwert.
    Die Notwendigkeit überzugehen in Richtung Ausbeutung des Hirns des Lohnarbeiters, wo jedes Hirn gleichermaßen unverzichtbar wird, lässt eine solche Präferenz obsolet werden.
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    Das Kapital muss sich entscheiden: billige Lohnarbeit oder hochwertige Geistesarbeit!
    Keine leichte Entscheidung für das Kapital, das vom tendenziellen Fall der Profitrate getrieben wird. Diese Entscheidung trifft das Kapital aber auch nicht autonom, sondern letztlich abhängig vom Klassengegner. Geht es in die Richtung des Kapitals, dann sieht das so aus, als hebe sich die Geschlechterpolarisation auf, denn geht sie in den Klassenantagonismus über – vollständig. Frau proletarisiert restlos.
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    Bornemann spricht gar von einer Auflösung der geschlechtlichen Identität von Mann und Frau (Das Patriarchat). Die Gesellschaft wird eine androgyne. Allerdings setzt das den positiven Verlauf des Klassenkampfes voraus. Denn das wäre wohl die harmonischste aller Optionen. Das Kapital, gerade auch in seiner patriarchalen Metaverfasstheit, kann das Problem so oder so nicht lösen, denn nur zuspitzen.
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    Der Klassenkampf des Proletariats und der Kampf der unterdrückten Frau bleiben Verbündete, wenn auch nicht immer und überall. Je mehr das Kapital bestimmt, desto mehr gehen sie auseinander, bekämpfen sie sich, dann sieht es so aus, als würde der Klassenkonflikt ein weiblicher, während der männliche Teil prekarisiert. Je mehr das Proletariat die Richtung bestimmt, desto mehr gehen sie zusammen, und es könnte so werden, wie Bornemann es darstellt.
    Auf keinen Fall aber wird der Klassenkonflikt sich auflösen, sich restlos prekarisieren, denn auch der weibliche Teil würde diesen aufrecht erhalten. Nur der ständige Formwechsel, der ist ihm sicher.
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    Was uns hoffentlich noch ein wenig hilft, wäre das Bildungselement, das der Lohnarbeit ständig zufließt, und welches vielleicht den Klassenkonflikt und den Geschlechterkonflikt auf intelligente Weise zusammenführen ließe. Denn obwohl der Wert der Lohnarbeit mit steigender Produktivität sinkt, steigt dieser wiederum mit wachsendem Anteil an geistiger Arbeit. Die geistige Ausbildung des Lohnarbeiters erhöht nicht nur die Kosten der Reproduktion, sondern erfordert die volle Teilnahme der Frau und würde diese als Reserve für die Ausbeutung des Lohnarbeiters als kontraproduktiv, denn unökonomisch, erkennen lassen.
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    Je mehr Hirnanteile im Lohnarbeiter, desto mehr ist die Frau gefragt, als Lohnarbeiter. Die Hausarbeit, die Kinderaufzucht, etc. p.p. muss anders organisiert werden, vielleicht robotisiert.
    In diesem Sinne gilt also auch: je intelligenter die Gesellschaft, desto freier wäre sie.
    Im Idealfall lösen sich beide auf, im Prozess der sozialistischen Revolution, der kommunistischen Umgestaltung.

  49. @devin08: So, vielen Dank für...
    @devin08: So, vielen Dank für die Präzisierung, damit sehe ich schon etwas klarer. Ihrer Prämisse vom Geschlechterverhältnis im Überbau der Klassengesellschaft könnte ich mich durchaus noch anschließen, ebenso der Beobachtung, je mehr Köpfchen in der Lohnarbeit gefragt ist, desto weniger Sinn macht es, die Intelligenz des weiblichen Bevölkerungsanteils systematisch außen vor zu lassen.
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    Dass sich das Rollenverhalten um so stärker nivelliere, je mehr das Proletariat die Richtung bestimmt, scheint mir als These indes ein wenig steil (oder vielleicht operieren Sie auch nur mit einem anderen Verständnis von Proletariat). In der DDR hatten sich die Geschlechterrollen schon mehr angeglichen als in der BRD, das ist natürlich richtig, aber einen Verdienst des Proletariats vermag ich darin nicht zu erkennen, eher ein noch perfekteres (im Sinne von umfassenderes) Ausbeutungssystem am Walten.
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    Zu kurz kommt mir in dieser Betrachtungsweise auch der ganze kulturelle (und religiöse) Faktorenmix, dessen Resultante ja längst nicht immer und überall in die gleiche Richtung weist, in welche die Kraftvektoren des Kapitals zielen. Da kann man sich natürlich mit dem Befund „…Opium fürs Volk“ oder mit irgendwelchen komplexeren Verblendungszusammenhängen aus der kritischen Theorie elegant aus der Affäre ziehen, aber für mich bliebe es dann doch dabei, dass der Marxismus nicht die Antwort auf alle Menschheitsfragen liefert. Auch und gerade nicht im nahen Osten (um die Kurve zu unserem Thema wieder zu kriegen).

  50. Die Notwendigkeit zur...
    Die Notwendigkeit zur Freiheit
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    Das Thema, das Sie jetzt hier anschneiden, ist für einen Marxisten, einen revolutionären Marxisten, selbst so spannend, dass ich befürchte, Sie jetzt in eine für Sie evtl. langweilige, da mehr oder weniger interne, Theoriedebatte, hinein zu ziehen.
    Ich überlege mir daher die ganze Zeit, wie ich Sie als Nichtmarxist, mit einer angemessenen Formulierung anspreche.
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    Ich versuche es mal:
    Es geht um das altbekannte Verhältnis von Führung und Masse, Partei und Klasse, Kader und Partei. Letztlich aber um das Verhältnis zwischen der ökonomischen Bewegung und der politisch-ideologischen, der subjektiven, und der zwischen der Basis und dem Überbau. Immer und überall ging es und geht es auch weiterhin um die Frage des ökonomischen Determinismus.
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    Bevor ich mich daher konkret zu den angeschnittenen Problemfeldern äußere, möchte ich aus einem Brief von Engels an Starkenburg aus dem Jahr 1894 zitieren, wo er sich hierzu sehr grundlegend, dennoch nicht konkret äußerte.
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    Engels, der Marx überlebte und daher dem neuen Zeitalter, das des herannahenden 1. Weltkrieges und damit auch der sozialen Revolution, aus der Perspektive von Krieg und Revolution nämlich, näher stand, beschäftigte sich zum Ende der alten Epoche noch mit dem Verhältnis zwischen Preußentum und russischen Zarismus. Richtig erkannte er, dass in der Vorkriegsepoche noch der russische Zarismus die Hauptgefahr für die demokratische und damit auch für die sozialistische Bewegung in ganz Europa war, was sich aber im Verlauf des 1. Weltkrieges dann insoweit erledigte, als dass der Imperialismus zur konterrevolutionären Hauptkraft wurde.
    Noch glaubte er, dass die demokratische wie sozialistische Bewegung eines kapitalistisch-„fortschrittlichen“ Westeuropas sich vor dem Zarismus zu hüten hätte; doch hätte er die Entwicklung zum 1. Weltkrieg noch voll erlebt, so wäre ihm schnell klar geworden, dass gerade die fortgeschrittensten Räuber die in aller Regel schlimmsten sind. Und hätte er die russische Revolution erlebt, so wäre er Leninist geworden, dessen bin ich mir sicher. Wie auch immer, mit den imperialistischen Kriegen, wurde die Theorie der proletarischen Revolution zur unmittelbar taktischen Aufgabe. Nicht mehr die Sammlung der proletarischen Klassenkräfte in den mehr oder weniger friedlichen Zusammenstößen mit dem Klassenfeind, stellte sich als Hauptaufgabe, sondern die Schmiedung dieser Kräfte im Dauerfeuer von imperialistischen Kriegen und faschistischen Konterrevolutionen. Diese taktische Wendung bedingte auch eine theoretische, nämlich die Notwendigkeit einer gesonderten Theorie des Parteiaufbaus, nämlich als die Grundvoraussetzung für die Schaffung eines revolutionären Subjekts. Doch hören wir Engels selber, wie er sich da dem bis dato noch nicht geborenen Leninismus annäherte:
    „Die politische, rechtliche, philosophische, religiöse, literarische, künstlerische etc. Entwicklung beruht auf der ökonomischen. Aber sie alle reagieren auch aufeinander und auf die ökonomische Basis. Es ist nicht, daß die ökonomische Lage Ursache, allein aktiv ist und alles andere nur passive Wirkung. Sondern es ist Wechselwirkung auf Grundlage der in letzter Instanz stets sich durchsetzenden ökonomischen Notwendigkeit.“ (Marx-Engels Briefe über „Das Kapital“, S. 366)
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    Und es war Lenin, der begriff, dass die Wechselwirkung nun das Subjekt zur entscheidenden Kraft hat werden lassen, das revolutionäre Subjekt. Dies galt es durchzusetzen auch und gerade im Kampf gegen besonders orthodoxe „Marxisten“, wie Karl Kautsky, Eduard Bernstein und andere. Solchen nämlich, die darauf pochten, dass der Gang der Revolution sich ihrer Spießbürgerphilosophie, die sie überheblicherweise mit dem Marxismus verwechselten, unter zu ordnen hatte. Da es den herrschenden Klassen nämlich gelungen war, „ihr“ Proletariat durch imperialistische „Extraprofite“ an sich zu binden, war die Sammlung der revolutionären Kräfte dort zunächst unterbrochen, war das revolutionäre Subjekt in seinem Verlauf blockiert. Der Sozialchauvinismus der reformistisch verkommenen Sozialdemokratie vor allen Dingen war es, welcher den proletarischen Klassenkampf da auf den Schlachtfeldern des Kapitals opferte.
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    Und dies war die Stunde eines antikolonialen, antiimperialistischen Befreiungskampfes – weltweit -, welcher von nun an die Hauptreserve für die sozialistische Revolution werden sollte, einer, die das marxsche Paradigma der Verbindung des Klassenkampfes mit einer Neuauflage von Bauernkriegen (http://blog.herold-binsack.eu/?p=301) in die Praxis umsetzte.
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    Die Fragen, die damit anstanden, waren vor allem solche des Verhältnisses zwischen Parteiführung und Masse, Kader und Partei, Intelligenz und Proletariat, wie Proletariat und Bauern. Fragen, die sich Marx und Engels so noch nicht gestellt hatten, jedenfalls nicht so konkret.
    Ja, ganz im Gegenteil. Die Partei der Kommunisten und das revolutionäre Proletariat, das waren bei Marx und Engels noch identische Begriffe. Dass das revolutionäre Subjekt etwas ganz anderes sein hätte können, als die sich in Bewegung befindende proletarische Klasse, das wäre diesen nicht in den Sinn gekommen.
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    In Was Tun? (http://blog.herold-binsack.eu/?p=1326) beschreibt Lenin, wie die Partei neuen Typs beschaffen sein muss, und wie sich das revolutionäre Bewusstsein innerhalb einer organisierten Partei gegen die Spontaneität der Masse – dem Trade-Unionismus der Klasse – zu behaupten hat. Ganze Heerscharen von Kommunisten haben sich seitdem um diese Frage die Hirne gemartert. Und lange Zeit sah es so aus, als wäre damit die Frage des Verhältnisses von Führung und Masse für alle Zeiten geklärt.
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    Die Zerstörung des ehemaligen sozialistischen Lagers, ja die restlose Entartung aller sozialistischen Länder, dürfte aber klar gemacht haben, dass das letzte Wort hierzu offenbar noch nicht gesprochen war.
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    Den Aufbau eines Sozialismus in einem Land, und dies gar in einem relativ rückständigen, ohne eine sozialistische Intelligenz wäre natürlich ein Unding gewesen. So besehen war die leninistische Linie in dieser Frage so konsequent wie historisch konsistent. Dass aber genau von dieser Intelligenz – der „sozialistischen“ – die Restauration des Kapitals betrieben wird und eben nicht die Überleitung des Sozialismus in den Kommunismus, das schien erst Stalin ansatzweise zu begreifen. Doch so spät und zugleich falsch er das was begriff, so falsch, so unsinnig, wie auch verbrecherisch (http://blog.herold-binsack.eu/?p=191), waren seine Handlungsweisen.
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    Doch auch schon Lenin beschwerte sich heftig über den Verrat der russischen Intelligenz, welche die junge Sowjetmacht mehr aus „Feigheit als aus Bosheit“ zu zerstören suchte. Und auch er setzte alle Hoffnung diesbezüglich in den „Instinkt“ eines Dzierzynski, jenes legendären ersten Führers eines sowjetischen Geheimdienstes (vgl. Maxim Gorki „Wie ich schreibe – Literarische Porträts – Aufsätze und Reden“ – Wladimir Iljitsch Lenin, S. 7, http://blog.herold-binsack.eu/?p=1355 ), den da allerdings noch die frische Aura des Revolutionärs und nicht den Mief des satten Bürokraten umwehte. Und Stalin folge dieser Linie. Daher sind die stalinsche Fehler, seine Verbrechen, systemische. Ein Problem der Theorie selber.
    Ich fasse das Ergebnis kurz, wohl wissend, dass ich damit das Thema nicht abgeschlossen, sondern nur neu aufgeschlossen habe – quasi zur Arbeitshypothese:
    Je rückschrittlicher der Kapitalismus, desto größer auch der Abstand zwischen den Klassen, insbesondere auch der zwischen den Gebildeten und den Massen. Der Niedergang des bisherigen Sozialismus ist kein Beleg für den Niedergang des Kommunismus. Je fortgeschrittener ein Kapitalismus, desto geringer wird der Abstand zwischen Intelligenz und Masse sein, desto relativer auch die besondere Rolle einer Parteiführung und desto objektiver die Klassenbewegung in Richtung Sozialismus selber und damit desto unbedeutender der Schaden, den solch privilegierte Schichten diesbezüglich anrichten können. Dennoch: nicht der Marxismus, nicht der Leninismus, sind da gescheitert, sondern nur eine Bewegung, die sich, wenn auch quasi zwangsläufig, von der hauptsächlichen Determinante weg entwickelte. In dem Maße, wie eine solche Bewegung aber scheitert, wird sie nicht einfach vernichtet, sondern eben nur „aufgehoben“, wieder in den Gang der allgemeinen ökonomischen Gesetze zurück verfrachtet. Jedes Scheitern ist da zugleich Bestätigung der Wirkmächtigkeit der Hauptbewegung, der Determinante.
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    Wir erleben gerade, in den aktuellen Revolutionen, wie schnell doch die Massen lernen. Wie sie vor allem Führungen misstrauen, ganz besonders ihren eigenen. Das bildet sie rasend schnell, schneller als jede kapitalistische „Notwendigkeit“ dies bisher zustande bringen konnte. Doch bleibt eben genau diese „Notwendigkeit“ die allgemeine Linie, die Hauptdeterminante. Diese Bewegung, so rasend schnell sie auch sei, wird nie weiter kommen, als die Hauptlinie dies zulässt. Und die lautet: Dem Proletariat werden ständig neue Bildungselemente hinzu gefügt. Gleich wie und gleich wozu. Und wenn auch damit schließlich jedwede Arbeitsteilung hinfällig wird, relativiert sich im weiteren geschichtlichen Verlauf jeder „Verrat“. Doch solange die Klassenteilung selbst existiert, bleibt das bürgerliche Recht aktiv, sind Privilegien so unaufhebbar, wie nur eingrenzbar. Es wäre schon merkwürdig, wenn es anders wäre. Die Usurpierung der Macht durch besondere Spezialisten, im Kapitalismus wie im Sozialismus ist somit mitnichten die Bestätigung der Unmöglichkeit der Revolution, der Befreiung des Proletariats, sondern die Bekräftigung deren Notwendigkeit. Aufgabe des revolutionären Proletariats ist es nämlich nicht nur die eigene Klasse aufzuheben, sondern mit der Aufhebung aller Klassen, zugleich die Voraussetzungen der eigenen Existenzbedingungen.
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    Ist die Partei damit obsolet? Ist die Herausbildung einer revolutionären Intelligenz damit von vorneherein zum Scheitern verurteilt? Nein, nicht wirklich! Doch Führung wie Intelligenz müssen sich vorsehen. Sie können zukünftig schneller obsolet sein als sie geschaffen worden sind. Es werden blutige Gemetzel folgen, auch in Bezug auf die Köpfe der führenden Köpfe. Denn auch diese sind oft nichts anderes als die Auswüchse der alten Gesellschaft – wenn auch dann gewendete. Dass die Revolution ihre Kinder frisst, ist somit eine Bedingung dieser Revolution, kein Betriebsunfall.
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    Diesbezüglich wird ein stalinscher Terror (http://blog.herold-binsack.eu/?p=329) , der ja ein „roter“, einer der Massen sein wollte, ein leninistischer nämlich, und der sich somit letztlich gegen die Massen selber richtete, ja richten musste, definitiv ab jetzt erst zum „Massenterror“. In dem Maße nämlich, indem die Massen führerlos agieren.
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    Eine sozialistische Klassengesellschaft, in der die proletarische Klasse von der proletarischen Führung – die ja in Wahrheit eine Führung durch die bürgerliche Intelligenz war und ist – ausgebeutet wird, kann es wohl noch geben, dennoch wird sich dann eine solche schnell blamieren. Sozialistische Revolutionen werden so nicht unwahrscheinlich, aber auch nicht wahrscheinlicher, zumal der Wegfall einer revolutionären Führung vor allem den Massen zunächst einen hohen Blutzoll abverlangt. Dennoch aber beschleunigt sich ein gewisser objektiver revolutionärer Prozess. Denn so wie die kapitalistische Politik sich den Massen gegenüber stets opportunistisch verhält, bzw. ihre Führer zu korrumpieren sucht, bringt sie stets auch die schlechtesten Eigenschaften der Massen hervor. Und in dem das geschieht, setzt sich die Masse gerade in ihrem Verhältnis zur bürgerlichen Politik wiederum durch. Und in dem Maße wird bürgerliche Politik wiederum noch unberechenbarer, noch krisenanfälliger. Eben genau diese Politik kehrt das Verhältnis von Führung und Masse nämlich um, womit objektiv dem Sozialismus, d.h. der Aufhebung der Klassenteilung, in die Hände gearbeitet wird.
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    Wie auch immer. So wie die Gesellschaft sich definitiv in zwei Klassen teilt – in Bourgeoisie und Proletariat, in Kapital und Lohnarbeit nämlich -, dort wird auch die Sonderrolle einer „sozialistischen Intelligenz“ permanent relativiert, gar völlig obsolet. So hinfällig, wie bereits jetzt schon die Arbeitsteilung zwischen Kopf- und Handarbeit im Zeitalter einer 3. Industriellen Revolution.
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    Und nur soweit die Wissenschaft selber noch eine Sonderstellung erheischt, bleibt diese auch in Bezug auf die Notwendigkeit der Erstellung der revolutionären Theorie durch eine besondere wissenschaftliche Intelligenz erhalten – als der letzten Domäne der Partei gegenüber der Klasse vielleicht. Jenseits hiervon, wird die Theorie bereits in der Praxis aufgehoben, die Führung von der Masse geführt, wie auch die Partei zum Dienstleistungsbetrieb der Klasse erhoben.
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    Und so erfüllt sich womöglich die Engelsche „Prophezeiung“ in Bezug auch auf die objektive Bewegung, welche sich nämlich in letzter Instanz durchsetzt, auf gar merkwürdige Weise – als Kapriole der revolutionären Bewegung. Denn es ist dies die Bewegung zweier ungleicher Kräfte, wo die schwächere Kraft, sich trotz gigantischer Anstrengung, nur dort behauptet, wo die stärkere dem bedarf. Doch geschieht solches nicht als quasi a-subjektive, ergo: rein objektive Bewegung, sondern als Bewegung der Massen selber, als deren Freiheit in der Notwendigkeit, wie als der Notwendigkeit zur Freiheit.

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