Deus ex Machina

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Über Gott und die WWWelt

Abschaltreflexe aus der analogen Ära

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Die politische Forderung, Randalierer aus sozialen Netzwerken auszuschließen und Dienste abzuschalten, doktert nur an technischen Symptomen von tieferliegenden sozialen Problemen herum.

Es ist so vorhersehbar, dass es fast schon langweilt: Läuft irgendwo gesellschaftlich etwas aus dem Ruder, findet sich mit Sicherheit ein Politiker, der sich mit der Idee zu Wort meldet, das Problem mit Internet-Sperren oder Netz-Verboten anzugehen. So zuletzt wieder in Großbritannien, wo Premierminister David Cameron die Überlegung ventilierte, Randalierern den Zugang zu sozialen Netzwerken zu blockieren: „Wenn Menschen soziale Netzwerke für Gewalt nutzen, müssen wir sie stoppen“, so der Premier vor dem Parlament. Man müsse überlegen, Krawallmacher aus sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook auszuschließen oder Dienste wie den Blackberry Messenger abzuschalten. Über dieses Smarthone-Chatsystem und die sozialen Netzwerke hatten sich britische Jugendliche zu Randale und Plünderungen verabredet.

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Nun sind das immerhin schwerere Tatbestände als etwa das Organisieren von Facebook-Parties, das hier in Deutschland schon politische Verbotsreflexe provozierte. Aber das gleiche Reiz-Reaktionsschema wiederholt sich in immer wieder neuen Varianten: Irgendein unerwünschtes gesellschaftliches Phänomen tritt auf, und sofort meldet sich ein Politiker zu Wort, der das Problem an seiner vermeintlichen Netzwurzel anpacken möchte. Daraufhin melden sich die Netz-Evangelisten empört zu Wort, da hätte mal wieder jemand das Internet nicht verstanden. Im Falle Cameron ist es der unvermeidliche Jeff Jarvis, der die Frage stellt, was die britische Regierung denn dann noch von arabischen Tyrannen unterscheide, die versuchten, Twitter und Facebook abzuklemmen. Oder von China, wo Meinungsfreiheit wenig gilt. „Wenn Einzelne keine Redefreiheit haben, hat keiner Redefreiheit“, folgert Jarvis. Womit er im Prinzip auch recht hat – aber am eigentlichen Kernproblem, das hier verhandelt wird, vorbei argumentiert. Als ob es hier ausschließlich um Fragen der Meinungsfreiheit ginge. Die liefert in unserem Rechtssystem nämlich keinen Freibrief zur Verabredung zu Straftaten.

Man muss dem britischen Premier auch zugute halten, dass er seine Überlegungen immerhin in Frageform verpackt hat – wohingegen deutsche Politiker ja gerne auftreten, als hätten sie die finalen Antworten auf alle Fragen. Dem britischen Innenministerium zufolge gebe es zwar im Prinzip die technische Möglichkeit, Dienste wie den Blackberry-Chat abzuschalten, aber derzeit keine Pläne, dies auch umzusetzen. Eine solche Maßnahme würde hauptsächlich Personen und Unternehmen treffen, die an den Ausschreitungen überhaupt nicht beteiligt waren. Hinzu käme der politische Gesichtsverlust auf dem internationalen Parkett: Anlässlich von Protesten in Kuweit hatte Cameron die sozialen Medien noch als „mächtiges Instrument in den Händen der Bürger“ gepriesen und „nicht als Mittel der Repression.“ Das Signal an alle autoritären Regimes der Erde wäre auch nicht zu überhören: Wenn der Westen das Internet zensiert und Netzwerke abschaltet, ist es ok. Dabei hätten die autokratischen Regimes im Nahen Osten genau das auch versucht, um das Aufbegehren ihrer Bürger zu verhindern. „Wie peinlich, dass unser eigener Premier darüber nachdenkt, Großbritannien in die gleiche Sackgasse zu steuern“, ätzt der Independent.

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So unbequem die Erkenntnis auch sein mag für alle, die gerne einfache Antworten haben: „Das Problem Camerons ist kein digitales, sondern ein soziales“, wie ein Kommentar auf zeit.de konstatiert. Wenn der Premier Gewaltausbrüche wie in den vergangenen Tagen verhindern wolle, müsse er Wege finden, die zornigen und teilweise abgehängten jungen Menschen wieder in die britische Gesellschaft zu integrieren. In der Tat erscheint es zunehmend weltfremd, das Netz und die Gesellschaft als getrennte Sphären zu betrachten. Mit den Abschaltreflexen aus der analogen Ära kommt man hier nicht weiter.

Das hat übrigens auch die New Yorker Polizei erkannt, die eine Einheit ins Leben gerufen hat, die in sozialen Netzwerken wie Twitter, Facebook und Myspace auf Streife geht. Hier würden sich jugendliche Delinquenten gerne mit ihren Vergehen brüsten und Straftaten verabreden, besonderes Augenmerk sollen die Cyber-Cops auch auf Hausparties, Gang-Aktivitäten und dergleichen richten. In einzelnen Fällen hätten die Hinweise aus den sozialen Netzwerken auch schon zur Aufklärung schwerer Verbrechen beigetragen. Das mag manchem Netz-Romantiker, dem jeglicher Einblick der Obrigkeit in seine Spielwiese Internet suspekt ist, unangenehm aufstoßen. Aber ein Verwertungsverbot von Beweismitteln aus der digitalen Sphäre wäre nur schwer zu begründen. „Wer dabei gesehen wird, dass er in ein Geschäft einbricht, muss damit leben, dass Zeugen ihn identifizieren, ob sie nun ein Phantombild am Postschalter sehen oder ein Foto auf Flickr“, kommentiert zeit.de.

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Dem ist kaum noch etwas hinzuzufügen. Außer vielleicht der Hinweis, dass Facebook & Co. hierzulande bislang eher selten zur Verabredung von Randale und Plünderungen genutzt wurde. Hier schlagen sich Verkehrsbetriebe eher mit dem Problem herum, dass zahlungsunwillige Fahrgäste einander per Smartphone und Facebook-Gruppe vor Kontrolleuren in Bussen und Bahnen warnen. Vielleicht mag sich ja ein Politiker dieses drängenden Problems noch mit einer Verbotsforderung annehmen.

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30 Lesermeinungen

  1. Die verd* Ideologen auf beiden...
    Die verd* Ideologen auf beiden Seiten des Zauns (nein, die Netzzauseln sind kein bisschen besser als unsere Politiker). Für die einen ist das Netz eine teufelsmaschine, die ihnen unheimlich ist, für die anderen das Heilsversprechen auf eine andere Wirklichkeit. Dabei sind Daten-Netzwerke vor allem zweierlei: 1) Werkzeuge zur Erfüllung menschlicher Bedürfnisse und 2) Integraler Bestandteil unserer täglichen Umwelt. Und die damit verbundenen Folgen müssen halt bewältigt werden, mit den auch in anderen Lebensbereichen angewandten Massnahmen in modifizierter Form. Zu denen nach meinem Wissen auch noch nie die Abschaltung des Telefonnetzes gehört hat, obwohl die Masse der Verbrechen zwischen 1930 und 1980 vermutlich (auch) darüber verabredet wurde. Zu diesen Massnahmen gehörte ebenso noch nie ein vollständig beobachtungsfreier oder gar rechtsfreier Raum. Und das wär´s dann, jede Mystifizierung des Internets geht mir inzwischen gehörig auf die Nerven. Wenn ich Netzromantik lesen will, greife ich zu Romanen von Gibson.
    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2. @ThorHa: Ja, aus exakt diesem...
    @ThorHa: Ja, aus exakt diesem Grund hatte ich damals bei der Lektüre von Enzensbergers Essay zum Digital-Diskurs (hatte ich ja neulich hier verlinkt) gedacht: Endlich sagts mal einer. Die Erweckungs-Evangelisten haben mich Ende der 90er schon genauso genervt wie die Apokalyptiker und Überregulierer.

  3. @ThorHa: *gg* "die damit...
    @ThorHa: *gg* „die damit vorhandenen Folgen müssen halt bewältigt werden“ – ganz richtig. Ich sehe auch nicht, wie man das durch Heils- oder Unheilserwartungen sonderlich besser hinbekommt. Es ist zunächst mal eine angreifbare Infrastruktur, durchwirkt/durchwürgt mit kommerziellen Interessen aller Art, und zusätzlich eine Öffentlichkeitssphäre. Und letzteres ist mE das Hauptproblem, das „gezähmt“ werden muß.

  4. da macht man einfach...
    da macht man einfach Durchgangssperren die nur mit gueltigem Ticket passiert werden koennen das ist halt erst mal eine Investition in Technik

  5. @Inge: Wo jetzt genau? Im...
    @Inge: Wo jetzt genau? Im Internet?

  6. Gerade wieder ein bißchen...
    Gerade wieder ein bißchen über Google gelesen, was die so alles wissen über einen, und mich wieder gegrault. Man müßte das separat halten können. Aber das geht wohl nur, wenn es diverse Anbieter für verschiedene Dienste gibt, und die zumindest soweit bezahlt werden, daß sie allzuviel Usertracking für Werbung und Geschäftsausweitung einfach nicht bräuchten.

  7. Das Karma-Konto ist mit der...
    Das Karma-Konto ist mit der nun doch durchgeboxten common-name-policy bei Google + ein ganz schönes Stück ins Minus gerutscht.
    http://www.dailymail.co.uk/news/article-2025677/Google-users-forced-identify–leave-site.html
    Sicher, man muss das ja nicht nutzen, aber als attraktivere Alternative zu FB kann ich die Veranstaltung von Tante Gu kaum noch betrachten.

  8. So lange ist das noch nicht...
    So lange ist das noch nicht her, dass auch ein deutscher Politikier wieder mal die Initiative ergriff.
    10.08.2011 – Innenminister: Internet darf nicht „gesetzlos“ werden. ->http://www.heise.de/newsticker/meldung/Innenminister-Internet-darf-nicht-gesetzlos-werden-1321504.html
    Mein Eindruck ist, dass all die Politiker, die solche Maßnahmen fordern, Internetsperren, besondere Gesetze, usw. keinerlei Ahnung vom Internet haben. Am deutlichsten wurde ja damals Kohl mit den Datenautobahnen vorgeführt.

  9. Jaja, mir sind die vielen...
    Jaja, mir sind die vielen inländischen Präzedenzfälle durchaus bewusst, da war der Link zu dem geforderten Facebook-Partyverbot sozusagen die Spitze des Eisbergs.
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    Was nun die internette Ahnungslosigkeit angeht, würde ich nicht drauf wetten, dass die in der hiesigen Politikerkaste immer noch endemisch ist. Ich habe in einer von Internet-Topcheckern sehr arrogant geführten Diskussion zu diesem Thema mal die Frage eingeworfen, was wäre, wenn die Politiker das Internet verstanden hätten – und es gerade deswegen so richtig sch**ße fänden – müssten wir uns dann nicht erst recht Sorgen machen und engagierter gegen politische Eingriffe kämpfen? Ich glaube, die Diskussion um die Netzsperren hat ja gezeigt, dass aus Partei- und Fraktionsräson auch Leute dann doch dafür (oder zumindest nicht dagegen) gestimmt hatten, die genau wussten, dass das letztlich eine Mogelpackung ist.

  10. Die Aufhebung der...
    Die Aufhebung der Privatsphäre wird die große Herausforderung dieses Jahrzehnts.
    Zunächst zaghaft erscheint da der Versuch von Facebook und Co., die letzlich nur Sündenbock und Plattform derjenigen sind, die sich zeigen müseen/wollen oder eben nicht. Die einhergehende Entprivatisierung und Enttabuisierung ist zunächst aus einem narzistischen Grunde fähig, sich zu etableren. Menschen wollen sich zeigen, sagen, wer sie sind, was sie tun und andere Belanglosigkeiten austauschen. Doch der endlose Austausch von intimitäten hat seinen Preis: die Ausweitung wird ernste, sehr ernste Züge annhemen: vom AUfbegehren in der arabischen Welt über Facebook, bis hin zu den erweiterten Hase und Igel-Spielen bei den Kontrolleuren und Blitzern. Als Allgemeingut sollten Busse und Bahn sowieso nicht der freien Wirtschaft unterliegen, aber das steht auf einem anderen Blatt. Jedenfalls wird die nächste Generation ein Pendant zu Facebook und Google in der Realität suchen. Ebenjene steuern dagegen, um selbst Realitt zu sein. Fakt ist, das Zuckerberg Recht hatte mit seiner Vision, Privatsphäre abzuschaffen. Und nein, es ist nicht sein Willen, der letzlich zu dieser Umsetzung führt. sondern die gemeine internetöffentlichkeit selber. Es ist die selbstgewählte (Un-)Freiwilligkeit aufgrund des immer komplexer werdenden Lebens, möglichst transparent zu sein und andere transparent zu machen. Allerdings werden wir noch dicke Überraschungen erleben, welche betrügerische Eigenart uns Menschen gegeben ist,im kleinen, wie im großen. Die Plagiatsaffären waren davon nur ein Anfang und die schnappenden Sperrreflexe sind wie die Waffengestze in Texas: eine aus einer unwisssenden, gar ängstlichen, mit auf persönlichem Vorteil bedachten entsprungende Übersprungshandlung, die nachrationalisiert und dann routiniert wird. Schöne neue Welt.

  11. Ein Satz des Artikels trifft...
    Ein Satz des Artikels trifft es ziemlich gut auf den Punkt: Es ist weltfremd, Netz und Gesellschaft voneinander zu trennen. Das Netz ist nur in unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft unterschiedlich stark angekommen. Für die heute Jugendlichen ist eine Verabredung bei Facebook schon viel selbstverständlicher als für die meisten Mitte 20-jährigen. Mit zunehmendem Alter hängt es stark vom Interesse für den jeweiligen Dienst ab, ob man sich damit beschäftigt oder nicht.
    Ist das Netz in der Politiker-Gesellschaft angekommen? Wahrscheinlich schon. Die Verbotsreflexe gibt es schließlich auch in der Offline-Welt…

  12. @ron: Genau da steuern wir...
    @ron: Genau da steuern wir meines Erachtens auf eine große gesellschaftliche Bruchlinie zu. Man mag die Möglichkeiten, mit schwindenden Schamgrenzen die Welt immer mehr teilhaben zu lassen an der eigenen Existenz, als Befreiung empfinden. Aber wo das zur neuen Norm wird, zum kategorischen Imperativ (wie ihn etwa Michael Seemann mit seinem vermeintlichen „radikalen Recht des Anderen“ auf unsere Daten postuliert), schlägt das womöglich um in Zwang und Totalitarismus. In dem Roman „Corpus Delicti“ von Juli Zeh ist das sehr eindringlich bechrieben, wie eine an sich wohlmeinende Transparenzgesellschaft zur Gesundheitsdiktatur mutiert.
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    @Inge: Nanu, Sie hatten mir doch geantwortet, ich weiß im Moment nicht, wo Ihr Kommentar abgeblieben ist. Aber gegen eine Gesellschaftsform, in der jeder On- und Offlinezugang zu irgendwas an permanente Identitätsprüfung gekoppelt ist, müsste man eigentlich in bewaffneten Widerstand gehen, um sich seine Freiräume zu bewahren. In meinem ersten Blogbeitrag an dieser Stelle hatte ich aus dem Buch zur ZDF-Sendereihe „Datenschatten“ zitiert, ich darf Ihnen diese Passage nochmal ans Herz legen:
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    „Stell Dir vor, Du müsstest Dich in Deinem Privatleben so bewegen wie in einem Betrieb mit einem funktionierenden Zugangskontrollsystem, mit maschinenlesbaren Werksausweisen, und es würde ständig gespeichert, durch welche Tür Du gehst, wie lange Du Dich aufgehalten hast – selbst wenn nie etwas Unrechtmäßiges mit diesen Daten getan wird, allein das Bewusstsein, dass Du Dich nicht mehr frei bewegen kannst, das Wissen darum, dass das alles festgehalten wird über sehr lange Zeiträume, wirkt sich verheerend aus auf das Minimum an Persönlichkeit aus, das Du noch hast.“

  13. Sorry, das war gerade die...
    Sorry, das war gerade die Kopie des falschen Textes aus dem falschen Blog. Ich bin da wohl erstmals Opfer des Multitaskings geworden. Wenn möglich nicht senden. Das ist der richtige!
    Werden wir das Subjekt oder das Objekt der Entwicklung?
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    Das Internet zeigt sich somit nicht nur als eine technische Antwort auf die unvermeidbare weitere Vergesellschaftung – welche ja in Gesellschaften, die noch Privateigentum, daher Privatsphäre kennen, seinen antagonistischen Gegensatz hervorruft -, sondern eben die typisch bürgerliche Antwort. Wenn schon Freiheit, dann totale (http://blog.herold-binsack.eu/?p=1713). Denn nur diese sichert dem Bürgertum die Werte, die Mehrwerte aus dieser Freiheit, den Marktwert, den Profit. Daten sind Produkte, Warenprodukte. Auch die Daten des Menschen werden das recht bald sein.
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    Das Internet folgt damit ebenso blind wie all die anderen Produktivkräfte, die da in der kapitalistischen Welt ständig freigesetzt werden, einer Tendenz, welche völlig unverstanden bleibt. Daher sie sich immer in ihrer ganzen Katastrophenhaftigkeit ausbreitet. Einer Tendenz, die Vergesellschaftung sagt, aber im Wesen eine in Richtung Sozialismus meint. Doch darin dem Alltagsbewusstsein völlig verschlossen bleibt. Somit sich als Sozialismus präsentiert, der die Quasi-Naturgesetzlichkeit nicht aufzuheben versteht. Sich selber somit nicht in Szene setzt, nicht als freier Akt, als Moment der Freiheit innerhalb eben dieser Tendenz, sondern als objektiver, quasi unvermeidlicher Prozess. Doch, obwohl unhintergehbar, bleibt diese Tendenz, solange sie nicht sich selber erfüllt, in der Erscheinung Sozialismus, unvollständig, nur wesenhaft, lückenhaft, gespenstisch (http://blog.herold-binsack.eu/?p=1746).
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    Solange dieser Akt der Freiheit nicht begangen wird, solange setzt sich diese Tendenz weiter fort, als quasi Naturgesetz, wie gehabt, als fortgesetzte Akte der Unfreiheit.
    Da sich darin aber immer auch die Freiheit zu orientieren sucht, ihre Wirkmöglichkeiten neu auslotet (die Freiheit kommt mir sehr bekannt vor!), wird das Internet selber somit auch zum Werkzeug der Freiheit.
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    Innerhalb der Spannweite dieses Widerspruchs – dieses „Klassenkampfes“ – vollzieht sich das, was wir auch das Ende der Geschichte nennen (vgl. meinen Beitrag „Phantasma und Albtraum“, unter: http://faz-community.faz.net/blogs/formfrei/archive/2011/08/13/sinn-und-tempo-director-s-cut.aspx).
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    Daher auch die Ambivalenz dem Medium Internet gegenüber. Es gibt aber nicht den Weg es abzulehnen (jede Maschinenstürmerei erwies sich als sinnlos), nicht innerhalb des bereits vollzogenen Prozesses. Sonst bliebe die weitere Entwicklung so lückenhaft, wie sie sich in ihrem Wesen eben zeigt. Was aber hieße, dass die Erscheinung nicht erschiene. Immer nur als das, was da den „Stachel löckt“. Der Kampf um die Beherrschung der Gesellschaft wird sich somit als Kampf um das Internet darstellen. Als vielleicht gar Endkampf zwischen Mensch und Maschine. Es wird der ultimative Kampf um die Frage werden: bleibt die Notwendigkeit oder setzt sich die Freiheit durch? Wird der Mensch endlich die Maschine beherrschen, die Geister also, die er selbst ständig in die Welt entlässt, oder von diesen Geistern unterjocht, in deren Dunkelheit eingeschrieben. Oder anders gefragt: Werden wir zum Planeten der Affen oder werden die Delfine uns zur nächsten Stufe der Menschheit führen.
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    Werden wir wieder zu sprachlosen Kreaturen? Verharren wir in der Epoche des Autismus, die ich schon als begonnen sehen möchte? Oder werden wir telepathische Mutanten?
    (http://blog.herold-binsack.eu/?p=1697)
    Und/oder, und das wäre die wichtigste Frage: Werden wir das Subjekt oder das Objekt dieser Entwicklung sein?

  14. @devin08: Auch auf die Gefahr...
    @devin08: Auch auf die Gefahr hin, auf den falschen Kommentar zu antworten: Sie stellen in den beiden letzten Absätzen die richtigen Fragen. Ihrer These weiter oben, nur die abolute Freiheit sichere dem Bürgertum seine Werte (und Profite) könnte man eine ganze Menge regulierter Teilmärkte entgegenhalten, die ihr Niveau an Profitabilität nicht halten würden, wenn die Regulierungen gänzlich wegfielen. Also mir scheint das zu einfach und holzschnittartig gedacht, für mich repräsentiert Bürgerlichkeit auch nicht gerade die Tendenz zur absoluten Freiheit, sondern eher ein spezifisches Geflecht von Regeln, von Do’s & Don’ts (aber zu dem Thema bürgerliche Werte wird Don Alphonso der kundigere Anprechpartner sein).
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    Ansonsten neige ich dazu, Ihnen beizupflichten in dem Punkt, dass das Internet ein zentraler Schauplatz im Kampf um die Beherrschung der Gesellschaft sein dürfte – wenn auch nicht unbedingt _der_ zentrale Schauplatz. Aber vielleicht geht es in Bälde tatsächlich auch um Mensch gegen Machine, Einzelner gegen das System, Kohlenstoffeinheit gegen Borg, was weiß ich. Meinetwegen auch um Ihren geliebten Klassenkampf. Das Internet ist als Möglichkeitsraum noch so wenig ausgeschöpft, dass noch so vieles möglich scheint – im Guten wie im Schlechten.

  15. @Devin: „Werden wir das...
    @Devin: „Werden wir das Subjekt oder das Objekt der Entwicklung?“ Zur Zeit sieht es eher nach „Objekt“ aus, und wenn wir es nicht schaffen, diese Entwicklung aufzuhalten, werden die Menschen zu blinden Affen. „Auch die Daten des Menschen werden das recht bald sein“ was heißt denn da werden??? SIND. Nachdem die Monetarisierung sexueller Perversionen etwas abgegrast ist (90er ff.), grast man weiter die Deformierung des menschlichen Körpers und Geistes ab. Zu diesem Zweck nimmt man sie ans elektronische Gängelband (always on, immer sichtbar, wo gerade), nimmt ihnen durch ständige Unterbrechung die Möglichkeit, irgendeinen Zusammenhang selbständig erkennen zu können, und serviert ihnen Verzweiflung, Elend, Dummheit und Verrohung als Unterhaltung. Dreistigkeit wird mit Aufmerksamkeit und Waren belohnt, danach erfolgt wieder ein Zurückfallen in den vegetativen Zustand. Ein Teil zappelt noch als Tagelöhner auf der Flucht, der Rest rottet vor sich hin. – Was die Notwendigkeit angeht, so halte ich die für nicht abschaffbar, einfach aus dem schlichten Grund, weil der Mensch atmen und trinken muß (z.B.), also einen materiellen Körper hat.
    @Marco: im schlechten hat man eine Verblödung durch das Anhängen eines jeglichen Menschen an eine monopolistische, abhängigmachende Technik (z.B. daß bisher einzelne Großsysteme nicht mehr abgetrennt sind), im Guten zumindest _noch_ recht weite Kommunikationsmöglichkeiten. Die in Form zu bringen oder zu halten, ist allerdings verdammt schwer.

  16. Die Katastrophe ist dem...
    Die Katastrophe ist dem Ereignis längst voraus gegangen
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    @Colorcraze: Ich sehe es noch nicht ganz so negativ. Ich denke, und da muss ich Zizek zustimmen, obwohl mir da Bauchschmerzen bleiben, dass im Moment das Internet, also die ganze Informationstechnologie, welche ja definitiv nicht nur die Wissenschaft umkrempelt, sondern mit dieser die ganze Gesellschaft, das zu Ende führt, was eigentlich erst im Sozialismus anstünde. Und nicht nur das. Erstmals taucht am Horizont eine sog. posthumane Epoche auf. Und diese könnte zusammenfallen mit der postbürgerlichen. Dahingehend untergräbt jede neue Technologie die Bedingungen ihrer eigenen Existenz. Will heißen: könnte sich gegen die Erfinder selber richten. Aber da der Sozialismus vorerst auf sich warten lässt, erledigt das Kapital zurzeit gewisse revolutionäre Aufgaben. Durchaus widerwillig, wie wir sehen, aber diesbezüglich alternativlos. Der ganze konservative Zirkus steht jetzt schon Kopf, fühlt sich verraten durch die eigene herrschende Oligarchie. Das dürfte auch der Hauptgrund für eines Schirrmachers Wirken sein. Ihm obliegt es vielleicht dem Bürgertum diesbezüglich Beine zu machen. Diesem die Alternativlosigkeit einsichtig zu machen.
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    Doch dürfen wir diesen Prozess auch nicht überschätzen, und da spüre ich einen Widerspruch zu Zizek in mir, denn der Klassenkampf könnte so auch im Konservativen weiterlaufen. Als innerer Klassenkampf der Bourgeoisie selber. Und das Proletariat spielte Zuschauer. Dann fände es allerdings selber nicht mehr den Weg raus, aus diesem Zirkus. Und die Entwicklung bliebe in der Unvollständigkeit stecken. Zombiehaft, halbfertig.
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    Die andere (negative) Option wäre, dass das Proletariat sich blind diesem Prozess anhängt (seine eigene Sache verrät) und dann eben als das Objekt behandelt wird, als das es schon am Horizont erscheint. Und dann wird es keine Freiheit geben. Vielleicht nicht einmal mehr Marktfreiheit.
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    Die Sache ist sehr komplex. Alles hängt davon ab, wie bewusst das Subjekt innerhalb dieses Prozesses wird. Rechtzeitig, bevor es zu spät ist. Das Revolutionäre Proletariat (nicht gleich „Arbeiterklasse“, sondern das politisch bewusste Subjekt) muss diesem Prozess gegenüber wachsam bleiben. Dennoch gibt es bereits jetzt schon keine Alternative. Die „Katastrophe“ ist dem Ereignis längst voraus gegangen. Die ganze bürgerliche Gesellschaft ist doch die Katastrophe.
    @Marco Settembrini di Novetre: Die sog. teilregulierten Märkte sind ein sog. Kompromiss innerhalb der bürgerlichen Klasse. Und sie sind dahingehend auch Ausdruck des realen Standes im Klassenkampf. Man könnte auch so sagen: Wo das Proletariat seine Sache nicht konsequent vorträgt, handelt auch die Bourgeoisie halbherzig. Denn sie fühlt sie sicher, also eben nicht bedroht. Lässt sich Zeit. Erarbeitet in dieser Zeit allerdings Strategien für eine mögliche schärfere Gangart.

  17. wahrscheinlichin einer...
    wahrscheinlichin einer Schublade aber ich kenn das ja schoen ist wenn man privat seine Ruhe haben kann das Normalste eben auf der Welt

  18. @colorcraze:
    Objekt der...

    @colorcraze:
    Objekt der Entwicklung? Vielleicht, aber dazu und dafür wird das Internet das wenigste beitragen. Wir werden sehen, ob die offenen Gesellschaften der Welt langfristig überlebensfähig bleiben. Daran kann man aus guten Gründen zweifeln. Das Internet wird, an welcher Entwicklung auch immer, nur insoweit beteiligt sein, dass es wesentlich schneller und wesentlich offensichtlicher als früher Entwicklungen offensichtlich macht. Im Guten wie im Schlechten.
    Noch gibt es keine ausreichenden Indizien für einen Totalabsturz der Menschheit. Und ich bin noch immer bereit, eine Dreissigjahreswette über ein Monatsgehalt einzugehen, dass wir niemals echte künstliche Intelligenz sehen werden. Die wäre die Voraussetzung für „Mensch gegen Maschine“.
    Ohnehin halte ich konservativen Kultur- und Entwicklungspessimismus für einen schlechten Wegweiser in die Zukunft. Dafür ist er zu häufig und zu offensichtlich ans Alter gekoppelt :-).
    Gruss,
    Thorsten Haupts

  19. @ThorHa: ich sehe das Internet...
    @ThorHa: ich sehe das Internet auch nur als eine Teiläußerung der Entwicklung. Und sonst ein zunehmendes Abhängigmachen aller von einer den ganzen Globus umspannenden Weltwirtschaft, die keine Steuerung auf die Reihe bekommt, nur noch Vernutzung, weil sie nicht in der Lage ist, adäquate Formen zu unterhalten.
    @Devin: Wenn man „posthuman“ als Aussicht akzeptiert, kann man sich gleich aufhängen.

  20. Auch ich hoffe, dass die...
    Auch ich hoffe, dass die Politiker noch lange die Internet-Deppen bleiben, die sie sind. Wenn sie’s erstmal begriffen haben, erst dann können sie’s auf ihre perfide Art benutzen. Also: Lasst sie möglichst lange im Dunkeln. Lacht auch nicht (zu laut) über sie, sonst merken sie was und lernen womöglich dazu. Zu unser aller Schaden.

  21. Es macht...
    Es macht Hoffnung
    .
    @Colorcraze: Das gilt doch nur für die historische, sprich: reflektierende Perspektive. Die ich hier mal skizziere. Wohl wissend, dass das nur ein Modell sein kann. Unser Alltagsbewusstsein wird davon kaum tangiert. Unser notwendig falsches Bewusstsein reicht für diesen Alltag nicht einfach nur aus, nein: es ist quasi die Voraussetzung für unsere Überlebensstrategie. In der Tat: Wüssten wir, was uns „am Ende“ erwartet, also an dem Ende, an dem wir vermutlich nie ankommen, wäre nach der bisherigen Lesart der Geschichte tatsächlich ein kollektiver Selbstmord wahrscheinlich. Zizek formuliert das, unter Bezugnahme auf Kant, so (jetzt mal aus dem Kurzzeitgedächtnis zitiert): Hätten wir direkten Zugang zum Noumenalen (noúmenon, griech.: „das Gedachte“, http://de.wikipedia.org/wiki/Noumenon) wären wir Maschinen. Unfertige Wesen. Keine Menschen. Da wir aber eben „nur“ zur phänomenalen Ebene (bis auf Hegel vielleicht, der dazu aber das Konstrukt „Weltgeist“ benötigte) Zugang haben, sind wir veranlasst, uns die Entwicklung schön zu schreiben. Bis dahin stirbt die Hoffnung bekanntlich zuletzt.

  22. "...sonst merken sie was und...
    „…sonst merken sie was und lernen womöglich dazu“.
    .
    Keine Angst Jeeves, das passiert nicht einmal, wenn man ihnen das Netz liebevoll und politiker-artgerecht erklärt.
    [Diesen Typus habe ich ab und an als KMU-Kunden. Was man da an Erklärungen des Netzes und an fürsorgliche Beratung investiert, kann man getrost als sinnlos abhaken.]

  23. "Außer vielleicht der...
    „Außer vielleicht der Hinweis, dass Facebook & Co. hierzulande bislang eher selten zur Verabredung von Randale und Plünderungen genutzt wurde. […]“
    .
    Ist es nicht auch ein „Verdienst“ der „Qualitäts“-Medien, die solche Fälle extrem sensationsheischend aufbauschen? (Blöd.de, Spiegel.de, Stern.de)
    .
    „Hier schlagen sich Verkehrsbetriebe eher mit dem Problem herum, dass zahlungsunwillige Fahrgäste einander per Smartphone und Facebook-Gruppe vor Kontrolleuren in Bussen und Bahnen warnen.“
    .
    Ja.
    Das ist eher die Realität: echte mehr oder weniger sinnvolle Anwendungsmöglichkeiten von „social media“. Aber: „sie“ werden „social media“, was es kann und wie es funktioniert, nie begreifen, zu kompliziert für deren 2D-Gehirne, siehe mein Post an Jeeves.
    .
    (Nein, ich bin kein „social-media“-Evangelist. Aber ich weiß, wie es funktioniert, was es kann und was es nicht kann.)

  24. Hat jemand gerade eben diese...
    Hat jemand gerade eben diese Sendung gesehen?
    http://www.tvmovie.de/Rot-Gruen-macht-Kasse.84.0.html?&detail=17730139
    .
    Da koennen einem allerdings sehr grundsaetzliche Bedenken kommen.
    Den tiefen Pessimismus von colorcraze, der mir in den letzten Monaten immer schlimmer zu werden scheint, teile ich nicht. Es gibt immer Mittel und Wege die Zwaenge eines Systems sabotierend zu unterlaufen.

  25. Naja, der Filou unterläuft....
    Naja, der Filou unterläuft. Das ist fast sicher. Mit oder ohne Calvados oder Souvignon.
    Vielleicht auch der Vronibär. Börbs.
    Der große Rest ist eher nicht subversiv unterwegs. Meine persönliche Mainstram-Studie.

  26. Das Subjekt fühlt sich...
    Das Subjekt fühlt sich bedroht, oder: notwendig frei
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    „Da wir aber eben „nur“ zur phänomenalen Ebene (bis auf Hegel vielleicht, der dazu aber das Konstrukt „Weltgeist“ benötigte) Zugang haben, sind wir veranlasst, uns die Entwicklung schön zu schreiben.“ Dieses von mir vorgebrachte Argument möchte ich selber noch einmal relativieren (unter Bezugnahme auch auf das von Filou zuletzt Gesagte). Meine Bezugnahme zu Zizek ist hierin nicht ganz korrekt. Zizek betreibt das dialektische Spiel, die parallaktische Verschiebung, bekanntlich bis zum Exzess und dabei kommen Einsichten zu Tage, die man zunächst nicht erwartet. So schreibt er selber, wieder in kritischer Auseinandersetzung mit dem wie hier Vorgebrachten: „In dieser vorübergehenden Schwebe der positiven Wirklichkeitsordnung begegnen wir der ontologischen Lücke, aufgrund deren die Wirklichkeit niemals eine vollständige, in sich geschlossene, positive Seinsordnung ist. Allein diese Erfahrung der psychotischen Realitätsflucht, des absoluten Selbstwiderspruchs, ist in der Lage, die mysteriöse „Tatsache“ der transzendentalen Freiheit, D.h. ein (Selbst-)Bewusstsein, welches wirklich „spontan“, dessen Spontaneität nicht das Ergebnis einer Verkennung irgendeines „objektiven“ Prozesses ist, zu erklären.“ (Die Parallaxe, S. 226)
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    Dieser Satz hat es in sich. Freiheit ist hiermit wieder auf die „Einsicht in die Notwendigkeit“ (Hegel/Marx) zurückgeführt, dennoch, dabei auf sehr elegante Weise. Denn, da diese Notwendigkeit, die wohl da ist, sich nicht eindeutig zeigt, sondern sich dem denkenden Wesen lückenhaft präsentiert (gleich aus welchem Grunde), ist dieses Wesen veranlasst, eine freie Entscheidung zu treffen. Selbst wenn diese Entscheidung dann „notwendig“ vorausgebildet wäre, spielte das in Bezug auf die Freiheit keine Rolle. Denn diese Vorausbildung ist dem Subjekt nicht bewusst. Und so scheint gerade dieses „falsche Bewusstsein“ die Grundbedingung für das „richtige“ Bewusstsein zu sein. Und zwar im doppelten Sinne: Einerseits ist das „falsche“ die Voraussetzung, andererseits, da es ein solch quasi gespaltenes Bewusstsein nicht gibt, ist es die Kehrseite. Nur indem das „richtige Bewusstsein“ sich des falschen nicht bewusst ist, ist es Ausdruck von Freiheit.
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    Um es ganz deutlich zu sagen, und das sage ich bewusst in Richtung der aktuellen Forschungen in der Neurobiologie: Selbst wenn sämtliche unserer Entscheidungen neuronal vorgebildet sind, haben wir einen kleinen, aber dennoch entscheidenden Freiraum. Also selbst die Illusion der Freiheit widerspricht dieser Freiheit nicht. Oder um es wieder mit Kant zu wiederholen: Wir haben keinen Zugang zum Noumenalen. Wir wissen nicht vom („letzten“) Ergebnis unserer Handlungen. Und genau aus diesem Grund sind wir keine Maschinen oder „denkende“ Tiere, denn freie Wesen.
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    Im Bezug auf die hier besprochene Thematik ergibt sich daraus die Konsequenz, dass das digitale Zeitalter den alten Widerspruch „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit“ gnadenlos zuspitzt. Es geht nicht mehr nur um die Frage, inwieweit die Gefahr besteht, dass der Mensch selber dabei sein könnte, das Moment der Freiheit aufzuheben, sich also Mensch aufzuheben, sondern inwieweit diese Freiheit überhaupt noch notwendig ist. Denn, wenn es ihm gelingt, die Entscheidungsprozesse derart zu beschleunigen (Stichwort: Menschencomputer), dass dem Einzelnen die Freiheit gar nicht mehr zum Bewusstsein gelangen kann, da es diesem als „natürlich“ vorkommen muss, kein Individuum zu sein, erübrigte sich die ganze Debatte. Doch genau diese Debatte führen wir, gerade und immer wieder. Und immer heftiger. Nicht nur hier.
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    Daraus ergibt sich für mich, als den Marxisten, eine selbstkritische Konsequenz. Wenn das Kollektiv, für die die Marxisten ja eintreten, derartige Optionen enthält, dann erklärt das vielleicht die instinktive (also nicht mehr nur ideologisch begründete) Ablehnung der Massen. Sie fürchten sich – ob solcher Optionen. Und sie identifizieren sie ausschließlich mit der sozialistischen Option. Verkennen also (hier ist wieder das „falsche Bewusstsein“ am Werk) die gewissermaßen „Notwendigkeit“ anhand des Grades der Vergesellschaftung des Menschen selber (wie den Sozialismus nur als politischer Teil dieser Entwicklung).
    .
    Die Frage lautet daher nunmehr nicht mehr nur auf der politischen Ebene (wir reden somit nicht nur vom sozialistischen Kollektiv): Wie garantiert das Kollektiv weiterhin die Freiheit des Individuums? Denn sie muss jetzt lauten: Wie garantiert der „Menschencomputer“ den Menschen? Bzw., muss sie dann auch lauten: Soll er das überhaupt?
    .
    Denn dass das eine konservative Fragestellung ist, darüber bin ich mir bewusst. Zizek hat sich damit auch kritisch auseinandergesetzt. Man könnte nämlich mit ihm darauf antworten, dass solche Fragen nur von Menschen gestellt werden, die so etwas wie ein Individuum überhaupt noch wünschen. Wo sie das von ihm so benannte „hysterische Subjekt“ doch seien.
    .
    Innerhalb der Spannweite – verteidige ich mein Subjektsein/brauche ich das überhaupt – vollzieht sich die ganze gegenwärtige Auseinandersetzung. Und genau darin ist sie ein ideales Abbild/Spiegelbild/die ideale Form des aktuellen „Klassenkampfgeschehens“. Der Kampf Bourgeoisie – Proletariat ist längst übergetreten in den Kampf um das Subjekt ganz generell. Das Subjekt fühlt sich bedroht!

  27. @Filou ("den tiefen...
    @Filou („den tiefen Pessimismus… teile ich nicht“): dafür sind wir Ihnen auch von Herzen dankbar – ich besonders. Das derzeitige Herumvegetieren schlägt mir aufs Gemüt, das ist schon so.
    @Vroni: hm.. kann es sein, daß die Leute sich halt das „herausschneiden“, was ihnen brauchbar erscheint? Und so wirklich brauchbare Werbeformate (also solche, die auch bei potentiellen Kunden ankommen) geben social media ja wohl eher nicht her, oder?

  28. @vroni, colorcraze, zumindest...
    @vroni, colorcraze, zumindest probiert man’s immer wieder. Mir ist aber schon oft die Tunneldecke auf den Dez gefallen.
    Wie sagt der Hoellaender? „Pompen of verzuipen!“ [1]. Klare Ansage, finde ich.
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    [1] Pumpen oder absaufen.

  29. @colorcraze, berlininduzierte...
    @colorcraze, berlininduzierte Depression?
    Vergessen Sie sich nicht (Stuetzen, 21. November 2010, 21:48)!!
    und
    Stuetzen, 21. November 2010, 21:36, zweiter Absatz.
    .
    Ende der Pastoraltaetigkeit.
    Wo steht mein Bordeauxchen? Ach da.
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    Ich arbeite gerade an einer Predigt fuer meine Katze, deshalb bin ich noch wach.

  30. @Filou: "berlininduzierte...
    @Filou: „berlininduzierte Depression“ – ach, ich glaub nicht, daß Berlin damit so viel zu tun hat, anderswo würde ich das wahrscheinlich genauso merken, daß die Brombeerhecke (die Sie so hübsch nochmal erwähnt haben) eben immer noch nicht sicher erreicht ist. Was das Pumpen angeht, so herrscht Ratlosigkeit, wo mit den wenigen noch vorhandenen anzusetzen…

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