Deus ex Machina

Deus ex Machina

Über Gott und die WWWelt

Statistik vor Gericht

| 27 Lesermeinungen

Es gibt unendlich viele Anwendungsfelder für Ökonometrie. Eine besonders spannende Nische ist die Verwendung als Beweis vor Gericht, vor allem bei Klagen im Wettbewerbs- und Diskriminierungsrecht.

Es gibt unendlich viele Anwendungsfelder für Ökonometrie. Eine besonders spannende Nische ist die Verwendung als Beweis vor Gericht, vor allem bei Klagen im Wettbewerbs- und Diskriminierungsrecht.

Es ist immer wieder verblüffend, welche Vielfalt manche Methoden bieten, was für abseitige Verwendungszwecke sich für Mathematik finden.. Regressionsanalysen zum Beispiel, werden oft und gerne in der Wissenschaft und Politikberatung genutzt – manchmal vielleicht auch mißnutzt. Ein sehr spezielles Anwendungsfeld für diese Art statistischer Analysen ist die Pharmakometrie, aber, wer hätte das gedacht: auch in Gerichtsverhandlungen kann Ökonometrie nützlich sein.

So nützlich, daß eine Reihe von Gerichtsverhandlungs-Ökonometrikern sich sogar in publizierten Fachaufsätzen damit auseinandersetzen, wohlgemerkt juristischen wie auch statistischen Fachzeitschriften. Fängt man erst einmal an, darüber nachzudenken, sind die Anwendungsmöglichkeiten natürlich gar nicht so abwegig. Insbesondere in Verhandlungen zu den Themen Kartell- und Wettbewerbsrecht Diskriminierungsklagen kann man mit Ökonometrie manches interessante Ergebnis produzieren.

In beiden Fällen liegt die Attraktivität der Regressionsanalyse darin, daß man das Zusammenspiel verschiedener Einflußfaktoren relativ gut auseinandersortieren kann. Besonders gut läßt sich dies am Beispiel von Diskriminierungsfällen erläutern. Unterschiedliche Gehälter von Männern und Frauen (oder Minderheiten) sind ja nicht automatisch Diskriminierung. Gehaltsunterschiede können sehr wohl gerechtfertigt sein durch Ausbildung, Erfahrung, Betriebszugehörigkeit, oder Verantwortung im Job, um nur einige Faktoren zu nennen. In begrenztem Umfang kann man sich in Firmen mit hinreichend großer Mitarbeiterzahl Durchschnitte, gestaffelt nach eben diesen Kriterien anschauen, so daß man nicht Facharbeiter mit Managern vergleicht, sondern sehr ähnliche Mitarbeiter. Dem sind aber zwangsläufig Grenzen gesetzt, schließlich kann man nicht beliebig viele Unterteilungen vornehmen und Tabellen haben nun einmal nur zwei Dimensionen.

Bild zu: Statistik vor Gericht

Anders die multivariate Regressionsanalyse: sie kann theoretisch annähernd so viele Faktoren berücksichtigen, wie Beobachtungen (in diesem Fall Mitarbeiterdatensätze) vorliegen. Im allerbesten Falle kann man nach Abschluß langwieriger statistischer Tests sogar feststellen, daß es sich nicht nur um eine zeitgleiche Korrelation sondern einen kausalen Zusammenhang handelt.

Dies allerdings nur, sofern – und hier beginnen die Einschränkungen – diese Faktoren irgendwo zahlenmäßig erfasst wurden. M Fall von Diskriminierungsklagen braucht man also ein Kriterium, das das berufliche Anforderungsprofil bzw. Verantwortungsniveau systematisch für alle Mitarbeiter erfasst – andernfalls fehlt ein entscheidender Faktor üfr die Gehaltsunterschiede, was aus allerlei komplizierten statistischen Gründen das ganze gedankliche Modell über den Haufen werfen würde.

Als Voraussetzung dafür muß man sich prinzipiell darüber einigen, welches die „relevanten preisbeeinflussenden“ Faktoren sind und ob eine Reihe von Grundannahmen erfüllt sind, auf denen die gesamte Methode basiert (zum Beispiel die Frage, ob der Zusammenhang linear ist oder nicht). Trotz all dieser Einschränkungen ist es nicht die schlechteste Methode, um festzustellen, ob beobachtete Gehaltsunterschiede innerhalb einer Firma systematisch oder zufällig sind, ob sie von Qualifikationsunterschieden getrieben werden, oder willkürlich sind – je nachdem, welche Art von Diskriminierung gerade zur Verhandlung steht. Auch aus dem Wettbewerbsrecht sind ökonometrische Methoden kaum noch wegzudenken.

Bild zu: Statistik vor Gericht

Bei Verstößen gegen das Kartellrecht wird allgemein unterstellt, daß der mangelnde Wettbewerb Preise hochtreibt, sei es für Verbraucher oder auch für industrielle Abnehmer. Im Nachhinein den entstandenen Schaden ist einer komplexen Welt nicht einfach, und die „was wäre gewesen, wenn es kein Kartell gegeben hätte“ läßt sich niemals mit völliger Sicherheit beweisen, wohl aber quantitativ schätzen. Möglicherweise sind solche Modelle noch etwas schwieriger zu spezifizieren, weil noch mehr Faktoren mit all ihren Wechselwirkungen zu berücksichtigen sind und sich bereits bei den verschiedenen Preis, Angebots- und Nachfragemodellen die wissenschaftlichen Geister streiten. In der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Forschung ist die Methode schon seit Jahrzehnten angekommen, in amerikanischen Gerichten interessanterweise auch. Gleiches gilt für Klagen im Bereich des Wettbewerbs- und Kartellrechts.

Schon in den siebziger Jahren legten sich diskriminiert fühlende Kläger in der Verhandlung ökonometrische und statistische Schätzungen als Beweismaterial vor, das auch zugelassen wurde – der berühmte Präzedenzfall. Dabei hatte der erste Fall gar nichts mit Gehältern zu tun: in Castaneda vs. Partida (1977) ging es um ein hispanisches Mitglied einer Jury, und der Kläger versuchte mit Statistik zu zeigen, daß eine Diskriminierung nach Herkunft vorlag. Mittlerweile sind die Gerichte dort soweit gediehen, daß in manchen Fällen das Gericht in seiner Urteilsbegründung darauf verwies, daß eine Partei keinerlei statistische Beweise beigebracht hatte. Man könnte fast sagen: in bestimmten Fallgebieten ist der Ökonometriker aus der Beweissammlung gar nicht mehr wegzudenken.

In Europa hinken wir, wie so oft bei den Segnungen, die über den großen Teich auf uns kommen, noch ein wenig hinterher. Für Diskriminierungsfragen hat das Schweizerische Bundesgericht durchaus bereits statistische Auswertungen als Beweismaterial akzeptiert und man arbeitet sogar an einer Standardmethode, die irgendwann den Unternehmen den freiwilligen Selbsttest online ermöglichen soll. In Deutschland hingegen konnte ich keine Referenz dazu finden.

Bild zu: Statistik vor Gericht

Im Wettbewerbsrecht hingegen hat sich vor nicht allzu langer Zeit die EU-Kommission zur Frage der Verwertbarkeit statistischer „Beweise“ geäußert und einen entsprechenden Leitfaden für die Zulässigkeit bestimmter Methoden verabschiedet. Dieser ist zwar nicht bindend für nationale Gerichte und hat allenfalls Empfehlungscharakter – manche solcher Empfehlungen haben in der Vergangenheit allerdings groß Karriere gemacht und wurden irgendwann Standard. Aus Sicht der Ökonometriker dürfte das beinahe lachhaft sein – die Methode macht nach wie vor immer wieder erhebliche Fortschritte in Grundsatzfragen. Gar nicht zu reden von den Schwierigkeiten der Interpretation. Im Zweifelsfall muß das Gericht – mit oder ohne quantitative Kompetenz – entscheiden, was es glaubt. Im Fall Sheehan vs. Daily Racing Form (1997) klagte ein älterer Mitarbeiter einer Sportwettenzeitschrift über seine Entlassung und sah sich altersmäßig diskriminiert. Im Rahmen einer Firmenfusion waren vorwiegend Mitarbeiter über 48 Jahren entlassen worden. Tatsächlich konnten die Kläger in der Verhandlung eine ökonometrische Schätzung vorweisen, derzufolge das Alter ein entscheidender Bestimmungsfaktor der Kündigung gewesen war. Die Verteidigung hingegen zeigte ein anderes Modell, in welchem zusätzlich die vom Kläger vollständig ignorierten Computerfähigkeiten einbezogen wurden – womit das Alter (weil hochgradig korreliert mit Computerkompetenz) fast nicht mehr relevant war.

Wie bereits oben angedeutet, sind die Ergebnisse nur so gut und aussagekräftig, wie das Modell und die Erfüllung der Annahmen. Deren Beurteilung erfordert einige Sachkenntnis, auch die Fähigkeit, die Ergebnisse und ihre Implikationen und Einschränkungen einem statistisch ungeschulten Publikum zu vermitteln – durchaus vergleichbar mit spezialisierten medizinischen oder forensischen Gutachtern. Nur kommen letztere häufig in populären Fernsehserien vor – Ökonometriker habe ich dort hingegen noch nie gesehen. Vermutlich ist Statistik einfach zu wenig sexy für die Mattscheibe.

0

27 Lesermeinungen

  1. Gott würfelt nicht ! meinte...
    Gott würfelt nicht ! meinte Albert Einstein. Ein Richter würfelt vielleicht doch, um eine Entscheidung zu treffen, wenn mit ökonometrischen Gutachten gefochten würde. Anwälten Erfolgshonorare zu erlauben erhöht sicherlich die Bereitschaft großer Kanzleien, Mathematiker/Ökonometriker zu beschäftigen, um eine Laien-Jury im gewünschten Sinne zu überzeugen, speziell im US-Rechtssystem, dessen Auswüchse ich mir nicht für Deutschland wünsche. Im Zweifel zählen deutsche Richter bei ökonometrischer Argumentation ebenfalls zu den Laien. Als Erfahrung aus meiner kleinen Welt: Wer Mathematik in der Schule beherrschte, studierte nicht Jura. Und wer Jura studierte: na ja,…mit dem richtigen Parteibuch hat sich auch ein Job gefunden, stimmt´s, Karli ? (warum nur zitieren die Juristen der bayrischen Verwandtschaft so gerne den Rechtsanwalt Ludwig Thoma: „Er war Jurist und auch sonst von mäßigen Verstand.“) ;-)

  2. staff aureaus, ich bin auch...
    staff aureaus, ich bin auch nicht sicher, was ich davon halten soll. Einerseits glaube ich, daß Statistik aufschlußreich sein kann – andererseits braucht es Fachkompetenz, die Ergebnisse zu beurteilen. Eben deshalb gibt es ja Experten. Und mal ehrlich: von medizinischen oder forensischen Feinheiten haben Richter genauso wenig Ahnung – das ist also das gleiche Problem.

  3. staff aureus, die besten...
    staff aureus, die besten Mathenoten hatte ich in der Oberstufe in Stochastik.
    Habe mich trotzdem (oder gerade deswegen?) für Jura entschieden.
    .
    Dass das eine mit dem anderen vermehrt vor (ausländischen) Gerichten verwoben wird, macht mich ein wenig skeptisch. Ich hoffe, dass dieser Trend nicht auf uns überspringt. Wie gut, dass Sophia auf diesen Mißstand hingewiesen hat.

  4. Strafrecht, Kausalität,...
    Strafrecht, Kausalität, Korrelation. Eines davon paßt nicht.
    .
    http://xkcd.com/552/

  5. sven, wie meinen?...
    sven, wie meinen?

  6. @sophia
    Im Zivilrecht kann ich...

    @sophia
    Im Zivilrecht kann ich mir ja noch vorstellen, daß eine multivariate Regression gewürdigt wird. Im Strafrecht ginge es an die Fundamente der Rechtsstaatlichkeit. Kausalität und Statistik sind zwei Paar Schuhe, da ändert auch kein Lisrel o.ä. was daran.

  7. sven, ich habe aber keine...
    sven, ich habe aber keine Beispiele aus dem Strafrecht gefunden und selbst im Zivilrecht werden statistische Analysen wohl eher als Indizienbeweise gewertet. Hoffe ich.

  8. Sophia, das Problem bei der...
    Sophia, das Problem bei der Verwendung von statistischen Untersuchungen im juristischen ist doch ganz generell, dass die Statistik immer nur Wahrscheinlichkeiten liefert und man dann entscheiden muss, ab wann man dies als Beweis interpretiert. Wenn ein Unternehmen nun nach den Ergebnissen einer statistischen Untersuchung mit 80% Wahrscheinlichkeit Frauen diskriminiert – soll man es dann verurteilen oder nicht? Wo ist die Grenze zu ziehen? Bei 50%, 70%, 90%, 99%?
    .
    Das ist vermutlich auch ein Grund, warum Statistik so wenig fernsehgeeignet ist – es gibt da keinen plakativen Beweis. Wenn der Fingerabdruck auf der Tatwaffe vom Verdächtigen stammt ist dies einfach zu verstehen (dass man Fingerabdrücke bekanntlich recht einfach fälschen kann mal dahingestellt). Wenn die Statistik sagt, der Verdächtige ist mit 80% Wahrscheinlichkeit der Täter schaltet vermutlich jeder zweite Zuschauer weiter…

  9. Auch wenn Gerichte seit...
    Auch wenn Gerichte seit längerem ökonometrische Methoden als Beweismittel heranziehen, halte ich dies für bedenklich. Mich steckt Nasim Nicholas Taleb mit seiner Skepsis an. Wenn man genug Daten sammelt, lässt sich alles (scheinbar) belegen.
    Im Feld der arbeitsrechtlichen Gleichbehandlung (bzw. Diskriminierung) wie auch im Wettbewerbsrecht frage ich mich, ob die Statistiker nicht völlig daneben liegen. Es handelt sich nicht um eine laborähnliche Situation, und ich bin auch skeptisch, ob in diesen Anwendungsfeldern nicht fälschlich Normalverteilungen angenommen werden – abgesehen davon, dass hierzu sehr viele Daten vorliegen müssten, obwohl die betrachtete Branche oder der betrachtete Betrieb/die Hierarchiestufe in ihrer Größe eher überschaulich sein dürften.
    Meiner Meinung nach möchten die Ökonometriker den Eindruck erwecken, dass sie aus einer Wasserpfütze auf die ursprüngliche Form des geschmolzenen Eiswürfels schließen können. Diese vorgetragene Gewissheit macht mich nervös.

  10. Der genetische Fingerabdruck...
    Der genetische Fingerabdruck kann auch nur mit „an Sicherheit grenzender“ Wahrscheinlichkeit zugeordnet werden. Ein Zeuge der etwas gesehen haben will wird sich auch mit gewisser Wahrscheinlichkeit irren.

  11. Umso mehr Daten man sammelt,...
    Umso mehr Daten man sammelt, desto schwerer wird es alles (scheinbar) zu belegen. Moderne statistische Verfahren legen oft gar keine Grundbedingungen an ein gewünschtes ‚Design‘ der zu Grunde liegenden Wahrscheinlichkeitsverteilung fest (vgl. nichtparamerische Statistik), diese Datengetriebene Statistik lässt sich zwar auch durch Auswahl der Parameter beeinflussen, die wissenschaftlich korrekte Anwendung lässt sich jedoch durch unabhängige Gutachter feststellen.
    Die Forschung ist in dem Bereich in den letzten Jahren so enorm voran gekommen, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, dass neue statistische Methoden Grundlage für Entscheidungen in Recht und Politik werden.

  12. Eine wirklich interessante...
    Eine wirklich interessante Diskussion. Aber es gibt wirklich keinen Anlass, bestimmte Berufsgruppen gegeneinander auszuspielen (Juristen gegen Ökonmetriker). Wie bei allen wissenschaftlichen Methoden, die im Rahmen der Rechtsfindung eingesetzt werden (z.B. Naturwissenschaften, Medizin etc.) geht es nicht um ein „entweder oder“. Es geht immer darum, dass eine Methode verantwortungsvoll eingesetzt wird und dabei Qualitätsstandards eingehalten werden. Das gilt für sämtliche Bereiche der Forensik und eben auch für den Bereich der gerichtlichen Aufarbeitung von wirtschaftlichen Sachverhalten. Im Bereich des Kartellrechts gibt es daher eine breite Diskussion, welche Qualitätsanforderungen an ökonomische und ökonometrische Untersuchungen zu stellen sind, damit ihnen eine gewisse Beweiskraft zugemessen werden kann. Einige Wettbewerbsbehörden haben inzwischen auch entsprechende Standards für ökonomische Gutachten veröffentlicht. Also: Kein Grund für dogmatische Frontstellungen. Qualitativ gute Ökonometrie, die auch die Grenzen ihrer Aussagekraft nicht verschweigt, kann immer dazu beitragen, dass bessere Entscheidungen getroffen werden. Der Ökonometriker ist aber auch nicht der Richter. Beide Berufsgruppen müssen voneinander lerner und gut zusammenarbeiten. Das ist wohl der richtige Weg.

  13. Chris, ja, Statistik ist wenig...
    Chris, ja, Statistik ist wenig sexy, aber wir unterschätzen auch oft, wie sehr viele andere Dinge auch Wahrscheinlichkeitsverteilungen haben – siehe den Kommentar von Fetzer.
    .
    Fetzer, Entscheidungsgrundlage sind sie doch jetzt schon, bei allen möglichen Studien. Wobei ich dem sehr kritisch gegenüberstehe, weil man Statistik mit Sachkenntnis differenziert beurteilen sollte – was nicht jeder Politiker kann.
    .
    Christian Ewald, bedauerlicherweise haben manche Ökonometriker eben doch eine Tendenz, die Grenzen der Aussagekraft zu verschweigen. Würden alle damit vernünftig umgehen, bräuchte es diesen Beitrag nicht.

  14. @Fetzer: Die Wissenschaften...
    @Fetzer: Die Wissenschaften sind bestimmt in den letzten Jahren in vielen Fällen
    weiter gekommen . Bis sich dies unter den Leuten herumgesprochen hat und zur
    Praxis wird – ist sie schon wieder weiter.
    Will sagen: beurteilen lässt sich nur was wie angewandt wird.

  15. Die Unkenntnis des Richters...
    Die Unkenntnis des Richters von der vor Gericht zwischen den Parteien verhandelten Sache ist nicht außergewöhnlich, sondern die Regel. Sie ist der programatische Ausgangspunkt des Prozessrechts. Es dient vor allem dazu, in einer organisierten Form die tatsächlichen Verhältnisse aufzuklären. Originäre Kenntnis hat der Richter ausschließlich vom Recht; nur hierfür ist er ausgebildet.
    .
    Dies wird völlig offensichtlich, wenn man sich vor Augen hält, dass kein Richter aus eigener Kenntnis wissen kann, wie z.B. der Reiseverlauf in einem Reisevertrag festgelegt worden ist, um den nun gestritten wird. Es ist ebenso offensichtlich, dass ein Richter nicht Fachexperte für Alles und Jedes sein kann.
    .
    Um die tatsächlichen Verhältnisse aufzuklären sieht z.B. die Zivilprozessordnungen für die Parteien eines gerichtlichen Streits als ersten Schritt eine Vortragslast vor. Wenn eine Partei der Auffassung ist, ein für den Ausgang des Rechtsstreits relevantes Stück Realität sieht so-und-so aus, dann muss sie dies zunächst einmal behaupten. Widerspricht die andere Partei, muss Beweis erhoben werden. Wenn es so speziell wird, dass ein Richter dies nicht mehr allein beurteilen kann, so kann und muss er sich Sachverständiger bedienen. Dazu gibt es detaillierte Regeln (§§ 402 folgende ZPO). Diese Gutachter werden vom Gericht bezahlt, sollten also insoweit unabhängig sein.
    .
    Natürlich können auch die streitenden Parteien Gutachten vorlegen, die sie dann aber auch selbst bezahlen…
    .
    Bei allen ökonomischen Gutachten spielt die saubere Methodik eine große Rolle, auch und gerade vor Gericht. Darum hat z.B. das Bundeskartellamt, das in Deutschland für die länderübergreifende Durchsetzung des Kartellrechts zuständig ist, Standards für ökonomische Gutachten veröffentlicht, um hier ein Mindestmaß an Qualität sicherzustellen:
    http://www.bundeskartellamt.de/wDeutsch/download/pdf/Merkblaetter/Merkblaetter_deutsch/Bekanntmachung_Standards_final.pdf

  16. E.R. Binvonhier, und manches...
    E.R. Binvonhier, und manches spricht sich gar nicht herum.
    .
    Justus, wobei die oben genannten EU-Leitlinien vermutlich ruck-zuck wieder überholt, eben wegen der wissenschaftlichen Fortschritte.

  17. Es gibt auch rechtstechnische...
    Es gibt auch rechtstechnische Fortschritte. Ein Federstrich des Gestezgebers … hier das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG, in der BRD verspätet eingeführt) aufgrund einer EU-Richtlinie und alle im Dunkeln tappenden Regressionsanalysten wie in Sachen Sheehan vs. Daily Racing Form (1997) können stempeln gehen. Ob sich die Multivariablenselektion in der deutschen Jurisprudenz durchsetzen wird, wage ich stark zu bezweifeln. Im Wettbewerbsrecht geht es um die Abgrenzung der relevanten Märkte. Da haben Erbsenzähler nichts zu suchen. Die Amis haben eh eigene Regeln. Guxxdu
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,781238,00.html
    Die ganze Diskussion hier wie auch die Thematik ist ein Streit um des Kaisers Bart oder l´art pour l´art oder DaDaDa(ismus)

  18. Lektüre schützt vor...
    Lektüre schützt vor Irrtum.
    .
    Die „Standards für ökonomische Gutachten“ des Bundeskartellamtes legen sich nicht auf bestimmte mathematische oder statistische Methoden fest. Sie beschreiben – ähnlich einer Metamethode – wie aus statistischen Berechnungen ein verwertbares Gutachten erstellt werden kann.
    .
    P.s.: Das Bundeskartellamt ist kein Behörde der EU, sondern eine obere Bundesbehörde im Geschäftsbereicht des Bundeswirtschaftsministeriums. Die „Standards“ sind daher auch keine „EU-Leitlinie“.

  19. Nun ja, das läuft dann auf...
    Nun ja, das läuft dann auf Modellvergleich vor Gericht hinaus – d.h. der Angeklagte muß sich dann möglichst umfangreich rechtfertigen, bzw. Verteidiger haben, die ein Gegenmodell zuwegebringen. Nur die überzeugende Annäherung an die verborgene Wahrheit sehe ich damit nicht so sonderlich gegeben…

  20. Ingeborg, alle Statistiker...
    Ingeborg, alle Statistiker sind Erbsenzähler? Und das AGG macht die Methode hinfällig? Ich denke nicht. Statistiker sind auch nicht schlimmere Erbsenzähler als andere Professionen, wenn es um das Handwerkliche geht, ist Pedanterie in meinen Augen eher eine gute Eigenschaft. Davon abgesehen verbessert das AGG doch eher die Grundlage für Diskriminierungsklagen, und ja: in großen Unternehmen können statistische signifikante Gehaltsunterschiede eben durchaus ein Indiz (von vielen) für systematische Diskriminierung sein. Oder habe ich Sie falsch verstanden?
    .
    Justus, mir ist klar, daß es sich um zwei verschiedene Dokumente handelt. Ich war einfach zu faul, die Bundeskartellamt-Dokumente zu lesen, vermute aber, daß beide sich relativ überholen werden – weil das nun mal für solche Dokumente typisch ist.

  21. colorcraze, in den USA scheint...
    colorcraze, in den USA scheint genau das der Fall zu sein. Was ist schon Wahrheit? Ich befürchte, es gibt ziemlich viele Verhandlungen, in denen die Wahrheit (egal mit welcher Methode) nicht herauskommt.

  22. so viel ich auch suche, ich...
    so viel ich auch suche, ich finde das wort „mißnutzen“ in keinem wörterbuch.

  23. Hans, sicher nicht. Der...
    Hans, sicher nicht. Der Vorteil meiner Ecke hier ist, daß ich mir solche Freiheiten nehmen darf. Und ich nehme doch an, der Sinn ist klargeworden?

  24. Regressionsanalyse häufig...
    Regressionsanalyse häufig verwendet? Das glaube ich nicht.
    Sie gehört zu den primitivsten statistischen Methoden und sagt relativ wenig aus. Wenn das wirklich bei Gericht öfter vorkommen sollte (darüber bin ich nicht informiert) wäre das wirklich ein Armutszeugnis für das deutsche Justizwesen.

  25. JonSwift, in den USA offenbar...
    JonSwift, in den USA offenbar schon. In Deutschland weniger. Welche statistischen Methoden wären denn in Ihren Augen weniger primitiv?

  26. Was ist den dem Kollegen...
    Was ist den dem Kollegen Christian Ewald widerfahren, auf dessen lesenswerten Beitrag Sie, beste Sophia, vorgestern um 17:12 noch Bezug genommen haben?

  27. Justus, vielen Dank für den...
    Justus, vielen Dank für den Hinweis, der war irgendwie plötzlich wieder „unpublished“. Vielleicht ein Ausrutscher beim klicken oder eine Eigenmächtigkeit des CMS.

Kommentare sind deaktiviert.