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Privatsphäre adé

10.11.2011, 13:24 Uhr  ·  Wie Postprivatist Christian Heller uns ein Dasein ohne Privatsphäre schmackhaft machen will - eine Buchkritik

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Dass ich mit dem Konzept der sogenannten Post-Privacy fremdle, wird für regelmäßige Leser dieses Blogs keine bahnbrechende Neuheit sein. Wenn nun also Christian Heller, einer der profiliertesten Vertreter dieser Denkrichtung, ein Buch zum Thema schreibt, dann ist es selbstredend ein Anliegen, mir das Werk mal kritisch zur Brust zu nehmen.

Die Ausgangslage, von der aus Heller (im Netz auch bekannt unter @plomlompom) seine Thesen entwickelt, ist die: Unsere Privatsphäre ist von allen Seiten heftig bedrängt, womöglich gar ein „Auslaufmodell”. Wozu also einen aussichtslosen Kampf auf verlorenem Posten führen, wenn man sich mit den daraus resultierenden Konsequenzen auch arrangieren kann? Es gelte, die vielen neuen Freiheitsräume zu erkunden, die sich auf dem Pfad in die Post-Privacy auftun. Und dass signifikante Teile der Bevölkerung mehr oder weniger bereit sind, diesen Weg mitzugehen, ist für Heller schon allein aus der Tatsache evident, dass sich Millionen Menschen bei Diensten wie Facebook tummeln, um der Selbstdarstellung im Netz zu frönen. Und das, wo Datenschützer und Verbraucherministerinnen doch immer eindringlich vor diesem Datenmoloch warnen.

Bild zu: Privatsphäre adé
Bevor der Prophet der Postprivatheit allerdings daran geht, das Versprechen auf dem Buchcover einzulösen und darzulegen, wie es sich denn „prima leben” lässt ohne Privatsphäre, schlägt Heller erst einmal einen weiten historischen Bogen. Wir lernen, dass unser heutiges Verständnis von Privatheit keine anthropologische Konstante darstellt. Allein schon im westlichen Kulturkreis haben sich Bedeutungsebenen und Grenzziehungen zwischen dem Privatleben und dem öffentlichen Bereich immer wieder verschoben. Angefangen mit der hohen Wertschätzung, die öffentliches Wirken in der römischen res publica genoss über die Erosion dieser politischen Öffentlichkeitssphäre im Mittelalter und der stärker werdenden Bindekraft überschaubarer Gruppen und Bezugssysteme wie Klöster, Zünfte und Dorfgemeinschaften bis hin zum Aufstieg der bürgerlichen Familie mit ihrer entstehenden Kultur der Innerlichkeit und dem biedermeiernden „home, sweet home” als sicherem Rückzugsort vom Trubel der Welt.

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Und jetzt, im anbrechenden digitalen Zeitalter, sind eben neue Techniken des Selbst erforderlich. Denn wie in den folgenden Kapiteln über die „Entfesselung der Daten” ausgeführt, nimmt die technologische Entwicklung auf kleinliche Bedenken wenig Rücksicht. Auch vom Datenschutz, der hierzulande einen hohen Stellenwert genießt, ist hier kein zuverlässiger Schutz mehr zu erwarten. Wie Heller ausführlich darlegt, nimmt der Staat das Grundrecht seiner Bürger auf informationelle Selbstbestimmung selber nicht ernst. Wo es dem System opportun erscheint, macht es uns nackig (etwa per Vorratsdatenspeicherung oder der immer weiter gehenden Überwachung des öffentlichen Raums). Der Datenschutz gibt vor, hehren Zielen zu dienen, aber oft wird nach Hellers Ansicht auch nur der Lust an der Reglementierung gefrönt. Und da, wo der Datenschutz wirklich gefordert wäre, gibt es meistens ein erhebliches „Vollzugdefizit”. Kurz gesagt, der Datenschutz ist für Heller ein zahnloser Tiger, von dem wir keinerlei ernsthaften Schutz erwarten sollten. Da würde man dem Verfasser gerne widersprechen, aber in der Tendenz ist seine Diagnose nicht von der Hand zu weisen.

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Überhaupt verdankt die Datenschutzdebatte Christian Heller und den Mitstreitern der „datenschutzkritischen Spackeria” einige sehr unangenehme, aber doch notwendige Einsichten. Nämlich dass Datenschutz an sich kein Wert an sich ist und auch immer gefragt werden sollte, wessen Interessen dieser oder jeder datenschützerische Aktionismus dient. Wenn man erst einmal verstanden hat, dass in der Debatte um Datenschutz das, was wir uns eigentlich davon erhoffen, oft genug den Blick darauf verstellt, was uns ständig für Mogelpackungen mit diesem Label untergejubelt werden, wird man Datenschutzkritik nicht mehr automatisch gleichsetzen mit der Forderung „macht Euch alle nackig bis dorthinaus”.

Heller ist klug genug (oder er hat vor dem Schreiben genügend Kreide gefrühstückt), um diese Forderung nicht zu stellen und keine wie auch immer konstruierte Ethik oder Normativität der Datenpreisgabe zu postulieren. Er legt dar, wie es die Sache der Frauen und der Schwulen vorangebracht hat, aus der privaten Abschottung und Vereinzelung herauszugehen und die Öffentlichkeit zu suchen – wie beispielsweise auf jenem legendären „stern”-Cover mit dem Titel „Ich habe abgetrieben”. Er beschreibt ansatzweise wie eine transparente Gesellschaft aussehen könnte, in der wir weit mehr übereinander wissen als bisher.

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Alles in allem liest sich das eigentlich auch recht fluffig. Heller geht dabei auch heißen Eisen wie „1984″ und ähnlichen Dystopien nicht aus dem Weg. Aber seine Begründungen, warum Post-Privacy unsere Gesellschaft eher nicht auf totalitären Kurs bringen wird, wirken ein bisschen bemüht wie das Pfeifen im Wald. Heller reißt die Machtfrage zwar an, aber er stellt sich ihr nicht. Er glaubt an das emanzipative Potenzial des Netzes und hofft, dass die richtige Mischung aus wikileaks und open data die Machtbalance zu unseren Gunsten verändern kann. Das Risiko, dass diese neue freiwillige und kuschelige Öffnung bislang privater Bereiche genauso gut ins Repressive umschlagen kann, sobald die Hose auf Knöchelhöhe die neue soziale Norm wird, hält Heller anscheinend für gering oder zumindest vertretbar angesichts der Chancen der neuen Offenheit.

Die alte Welt der Privatheit (auch durchaus mit ihren angenehmen Seiten) ist noch nicht tot, die neue transparentere Gesellschaft noch nicht errichtet. Und so stehen wir wahrscheinlich noch oft vor der Frage: „Privat oder öffentlich? Wieviele Daten von mir werfe ich den Datenfressern in den Rachen? Verhalte ich mich zurückhaltend und unsichtbar oder suche ich die Sichtbarkeit, die Reichweite?” Im Moment haben wir noch die Wahl, und das beruhigt ein wenig. Aber Christian Heller weist auch darauf hin, dass die persönliche Privatsphäre keine antiautoritäre Garantie bietet: „Sie kann genau so gut für die Macht arbeiten wie gegen sie.” Und zu guter Letzt nimmt der Autor etwaige Einwände gegen sein Werk auch schon gleich vorweg: „Vermutlich bin ich an vielen Stellen etwas zu sehr ins Optimistische, ins Utopische verfallen, wenn es um die Chancen der Post-Privacy ging.” Aus solchen Beschwörungen ließen sich leicht Heilsversprechen zimmern. Eine „große Gegendosis Skepsis” könne da nichts schaden.

Genau das wäre auch mein Fazit.

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (33)
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0 colorcraze 10.11.2011, 14:30 Uhr

Das mag durchaus sein, daß...

Das mag durchaus sein, daß man mit Begriffen wie Öffentlichkeit, Datenschutz, informationelle Selbstbestimmung usw. nicht mehr so wirklich weiterkommt. Aber all diese Begriffe, wie auch "Macht", "cui bono", "Risiken und Chancen" können eh immer nur Seitenansichten bieten, nie die volle existierende Wirklichkeit. Von daher wird man immer auf solche Krücken beschränkt sein. - Konkreter: das Buch scheint mir so eine Art Träumerei zu sein wie die "sexuelle Revolution", die auch keine Revolution war, sondern eine technikgestützte Hinwendung zur Tändelei um weniger menschliche Folgen zu zeitigen. Das ist die Ebene des Spielens, nicht des Machens. Also eher kindlich als erwachsen, weil es sich zwar im Ernst des Spiels befindet, aber nicht um die Möglichkeiten zum Spiel schert. - Ich bin Ihnen für Ihre Skepsis jedenfalls sehr dankbar, weil nur mit Skepsis überhaupt die Randbedingungene ausgelotet werden können. - "Transparentere Gesellschaft" ist wohl auch nicht der passende Begriff, eher geht es um jederzeitigen Zugriff auf Vereinzelte(s), die Veräußerung vitaler Zusammenhänge an Maschinen, das Festnageln von Einzelheiten bei gleichzeitigem Verunmöglichen einer Zusammenschau, bzw. Enteignung von Einzelheiten und Zusammenschau zum Zwecke eines mechanischen Mosaiks.

0 Marco_Settembrini_di_Novetre 10.11.2011, 15:24 Uhr

"Die transparente...

"Die transparente Gesellschaft" ist ein Topos, den Heller z.T. vom amerikanischen Futuristen David Brin übernimmt. Kurz gesagt: Wenn sich die allumfassende Überwachung schon nicht verhindern lässt, sollen ihre Ergebnisse wenigsten allen zur Verfügung stehen. Also alle nackig und alle können überall hingucken.
.
Im Grunde solls der technische Fortschritt richten, aber hier haben wir bei Brin wieder diese verblendete Sichtweise, dass Technologien per se einen emanzipativen Impetus hätten. Wenn es so einfach und kampflos ginge, diese Asymmetrie der Informiertheit zu Lasten der Mächtigen und ihrer Strukturen zu beheben, dann hätte man genauso gut auch einen Datenschutz erkämpfen können, der diesen Namen verdient und unsere informationelle Selbstbestimmung wirksam schützt. Der Punkt kommt mir auch bei Heller zu kurz. Wenn wir es nicht schafften, wirksamen Datenschutz gegen die Schnüffelinteressen von Staat und Wirtschaft durchzusetzen, wie können wir dann glauben, die Nutznießer des, ähem, Schweinesystems ließen sich freiwillig und gegen ihre Machterhalt-Interessen in die Karten schauen vor lauter open data und trallala?

Nehmen wir doch der...

Nehmen wir doch der Einfachheit halber an, Heller hätte Recht. Und die nackte Gesellschaft sei per se nicht mehr zu verhindern. Dann bleibt eine offene Frage: Wer hat wann, wo und unter welchen Voraussetzungen Zugriff auf die "Nackten". Und ein offener, unauflöslicher Widerspruch. Wer glaubt denn ernsthaft, diejenigen mit genügend Macht und/oder genügend Geld fänden etwa keine Möglichkeit, die Nacktheit für sich selbst de facto auszuschliessen? Bitte die Hand heben, ich würde gerne mal einen echten, äh, Idealisten kennenlernen :-). Gruss, Thorsten Haupts

0 Oliver-August Lützenich 10.11.2011, 21:04 Uhr

Huch!, wo sind nur meine...

Huch!, wo sind nur meine Klamotten?, sorry, ich bin gerade erst aufgestanden und ich schlafe nackt und wenn dieses verdammte Klima nicht so wäre, wie es nunmal ist, dann hätte ich auch keinerlei Lust auf Klamotten, obwohl ich gerne zugebe, das manchen Klamotte schon abgefahren gut aussieht und sich auch gut anfühlt, also gut, ganz möchte ich selbst bei 35° im Schatten nicht auf einen schönen bunten Fummel verzichten, und ab und zu bin ich auch froh um eine Unterhose, weil der Schniedel manchmal so stark schlenkert und schmerzhaft gegen die Schenkel schlägt, das Mann ihn sich hochbinden möchte, wie die Menschen in Amazonien, mit den schönen langen Röhren, was für ein Bild! Ähh, wo war der Ausgangspunkt? Ach so, die Transparenz. Die allseitige Durchsichtigkeit. Nun, ich stehe nackt vor Ihnen und gebe dabei ein zitterndes Bild ab, es ist schliesslich November, wo ist nur meine Hose?, ach hier, Moment, habs gleich .... so, nur noch den Schal, bin schliesslich etwas angekränkelt noch. @Thorsten Haupts: Sie drohen Uns ja gar nicht, mit Ihrem ableben, hat der Sonnenschein Ihren Lebensmut erwärmt? Ohh, verzeihen Sie, ich war zu nahe, ich trete einen Schritt zurück, aber bei dem Idealisten fühlte ich irgendwie einen inneren Drang (Impetus) die Hand zu heben, obwohl, Sie wissen das, ich das gerne auch unbedrängt tue, und gerade in diesem heimeligen Blog. Dank an @Marco Settembrini die Novetre für das Kaminfeuer aus Gedanken und deren Buchstaben. Aber zurück zu Herrn Haupts (ist doch ein Bartträger, oder, weiss Mann ja nie, in dieser VersteckspielWelt?) Besorgnis, dass die Macht bei all der zukünftigen Durchsichtigkeit noch weiter im Verborgenen manipulieren und intrigieren kann. Nö. Die Macht sinkt gerade zu Boden, das ist das, was ich empfinde. Langsam zwar, ist schliesslich eine lange bewährte Methode des Überlebens gewesen, im freien Spiel der Kräfte; aber, je weiter Wir Lebewesen die Kräfte und Gesetze des DaSeins frei gelegt haben (frei!) und umso besser Wir damit umzugehen wissen, umso weniger brachen Wir die Macht, als Schutz- und Trutzmittel der Masse. Das ist die Macht doch, oder? Die Frage lautete: Was Macht die Macht? Die Antwort: Die Macht Macht Mächtig was her, aber je mehr Wir die Macht wieder denen zurückgeben, von denen Sie stammt, umso weniger ist sie an einem Ort, oder bei wenigen konzentriert. Das ist eine normale Folge: wenn Mensch von einem Haufen, auf den Mensch einstmals ein Vermögen geworfen hat, den persönlichen Anteil des Vermögens wieder zurücknimmt, wird der Haufen von Mensch zu Mensch kleiner. Und Macht ist ein Vermögen, das Jedes Einzelne Wesen an die Gesamtheit, die Masse, abgegeben hat, vor sehr langer Zeit und das Wir Uns nun langsam wieder zurückholen. Aufklärung ist das Zauberwort! Aufklärung. Ich, als Hüter des Bewusst-Seins bin ganz hin und wegg von der Fülle, die das Projekt Aufklärung Uns hier bietet. WunderVoll ist das DaSein, je mehr ich davon weiss, umso mehr komme ich von falscher Schwärmerei, von Mystizismus, von mutlosem Defätismus und sonstigem Unheilschwangeren im Hier und Jetzt und auch bei dem Blick nach Vorne ab. @Marco, Sie wissen, das ich weder die Schrecken der Vergangenheit dabei unter den Teppich kehre, noch das alltägliche Risiko ausblende, mir ist klar, das mich jederzeit, wenn ich unaufmerksam bin erst recht, ein Unfall hinweggfegen kann, es bleibt jedoch die Gewissheit, dass die FREUDE insgesamt stärker zunimmt, als das LEID. Transparenz ist eine Tendenz im DaSein, die mit einer Ernüchterung der Macht einhergeht. Beides bedingt einander. Die Macht hält noch an den Privilegien fest, die sie von der unaufgeklärten Masse eingeräumt bekommen hat und bekommt, aber die Tendenz stimmt. Schauen, aber vor Allem spüren Sie herum, überall wanken die Mächtigen und das Wissen wird immer populärer (aufbereitet). Ein Projekt, das auch dieser Blog verfolgt, wenn auch vielleicht noch un-Bewusst, dem ich deshalb gerne folge und das ich deshalb gerne befeuere. Und nun, feuern Sie zurück! Mag ja sein, das ich zu sehr der Gleichheit zuneige, aber die UnGleichheit siegt? @colorcraze: zu "Macht" und "cui bono", haben Sie meinen Textfluss: "ProVolution" mal gelesen? Und, mit Skepsis fahren Wir auf jeden Fall besser, auch mit der vor dem Spiegel, es kommt nur auf die Dosis an, es kommt immer auf die Dosis an, aber ich merke, ich laufe gerade wieder hin zu den platten Allgemeinplätzen ... Gute Nacht.

0 colorcraze 10.11.2011, 21:15 Uhr

@Marco: ja, ich sehe auch...

@Marco: ja, ich sehe auch nicht, daß eine Technik per se emanzipativ sein sollte. Es kommt doch wohl immer auf die Arten der Verwendung an - so wie man mit einem Messer ein schönes Stück Brot schneiden oder jemand den Finger abschneiden kann. @ThorHa: das halte ich für eine richtige und wichtige Überlegung. Darüberhinaus bin ich sogar der Meinung, daß eine "total transparente" Gesellschaft so wenig funktionieren kann wie dauerhafte Eheanbahnung im FKK-Club.

Die Lust des Staates an der...

Die Lust des Staates an der Datensammelei mitsamt automatischem Abgleich und Auswertung wird - so auch in diesem Artikel - meistens auf das Gespenst der Vorratsdatenspeicherung bezogen. Weitaus besorgniserregender ist die hemmungslose Datensammelwut in der Finanzverwaltung: obgleich an und für sich ein Bleistift ausreichen sollte, um eine Steuererklärung auszufüllen, sehen die Billigkeitsregelungen eine Befreiung von allerlei elektronischem Firlefanz nur vor, wenn man eine 78-jährige erblindete und halbseitig gelähmte Schlaganfallpatientin ohne Telefonanschluß ist.

0 Enoch Root 10.11.2011, 22:58 Uhr

Privatsphäre und Vertrauen...

Privatsphäre und Vertrauen sind doch recht ähnlich. Vertrauen tut man nicht in der Öffentlichkeit. Würde man es tun, dann wäre es ja nicht mehr vertraulich. Ihr Pseudointellektueller dort hat das scheinbar nicht begriffen.

0 HansMeier555 11.11.2011, 07:24 Uhr

... Irgendein Drittland in der...

... Irgendein Drittland in der Nähe, wo man für nicht zu viel cash zu einem Arzt gehen kann, dessen Diagnose nicht automatisch in einer Datenbank landet... . Bald hat jeder zwei Krankenakten: Eine "offizielle" und eine private bei sich daheim. Glücklich, wer Latein in krakeliger Handschrift lesen kann.

0 HansMeier555 11.11.2011, 07:27 Uhr

Informationelles Asyl in...

Informationelles Asyl in sicheren Drittländern. Früher nur für Schwarzgeld, heute schon für alles.

0 Marco_Settembrini_di_Novetre 11.11.2011, 08:18 Uhr

@HansMeier555: Aber hallo. In...

@HansMeier555: Aber hallo. In dem Zusammenhang - wohlmeinende Transparenzdiktatur im Gesundheitswesen - darf ich der werten Leserschaft erneut Juli Zehs Roman "Corpus Delicti" ans Herz legen. Da kann man schön sehen, wo die von Ihnen skizzierten Entwicklungslinien hinführen könnten. . @Enoch Root: Vielleicht sind wir diejenigen, die auf dem Schlauch stehen und die Zeichen der neuen Zeit nicht begriffen haben. Vertrauen ist ein überflüssiges und archaisches Relikt aus einer technisch weniger entwickelten Vorzeit. Jetzt ist der Generalverdacht http://faz-community.faz.net/blogs/deus/archive/2011/10/17/unter-generalverdacht.aspx das neue Paradigma und die lückenlose Überwachung (die dann mit Begriffen wie "total information awareness" oder "Transparente Gesellschaft" gelabelt wird) die logische Konsequenz. . @deixes: Ich weiß nicht so recht. Musste man vor dem Finanzamt nicht schon immer die Hosen runterlassen? Wobei es natürlich richtig ist, dass die Hosen dank der elektronischen Zugriffs- und Speichermöglichkeiten von Knie- auf Knöchelhöhe gerutscht sind.

0 unausgeschlafener studi 11.11.2011, 08:43 Uhr

@HansMeier555:...

@HansMeier555: Dechiffrierfähigkeit lateinisch verfasster Amplituden, offline lebt/wieder auf. Übrigens würde ich daz tendieren, die häusliche, analoge Version als Krankenakte zu führen, wogegen das elektronische Spielchen tunlichst zu den Bewerbungsunterlagen gerechnet werden sollte die man bei Job- und Wohnungssuche freiwillig vorlegt. Man hat doch nichts zu verbergen. @Marco Settembrini di Novetre: Wenn Heller sich die Machtfrage klemmt und optimistisch (naiv??) Fortschrittsglauben verfällt, wird mir doch spontan weihnachtlich ums Herz. Jedenfalls klammert er so doch die (für mich) zufällig interessanteste Passage aus. "hmmm" Das sich spätestens Facebook schleichend zur sozialen Norm entwickelt, ist zumindest eine These, die sich mir (als Fb-Verweigerer) aufdrängt, wie weiland Handy als Technik eingeführt wurde und nun unverzichtbarer Bestandteil nicht nur des ÖPNV ist. Wer keins hat/nutzt, ist pervers. Also: Naivität als Strategie?

0 Marco_Settembrini_di_Novetre 11.11.2011, 08:57 Uhr

@Oliver-August Lützenich: Da...

@Oliver-August Lützenich: Da haben Sie mir ja wieder ein schön schaumiges Wörterbad eingelassen. Die Duftnote erinnert mich ein wenig an manche Affirmationsformel, die ich aus dem Zirkel von Eso-Tanten kenne, mit denen sich meine Mutter gern umgibt. Ich will die segensreichen Wirkungen des positiven Denkens damit auch gar nicht desavouieren, es ist wie Sie so richtig sagen alles eine Frage der Dosis. In Maßen stärkt es das Immunsystem gegen die Unbill der Welt da draußen, im Übermaß macht es blind für die Realitäten, und ich habe den Eindruck, dass Sie für sich die richtige Mischung gefunden haben. Natürlich mag man das Wanken des einen oder anderen Mächtigen als Vorboten des neuen Äons sehen, aber systemisch gesehen sind die Mubaraks, Ghaddafis (ja, in gewisser Weise auch die Berlusconis) Randfiguren. Und wir sollten uns davon nicht blenden und ablenken lassen davon, was hier bei uns noch alles im Argen liegt und verbessert werden muss. Ich kann in dem Zusammenhang auch ThorHa nur beipflichten, es wäre naiv zu glauben, dass wir die Asymmetrie der Informiertheit übereinander nur mit ein paar Mausklicks wirksam und dauerhaft beheben könnten. Vor allem sehe ich nicht so recht, wie es uns dabei Vorteile verschaffen sollte, wenn wir in Vorleistung gehen und uns immer nackiger machen.

0 HansMeier555 11.11.2011, 09:00 Uhr

Gesundheitsdiktatur, soweit...

Gesundheitsdiktatur, soweit muss man nicht gehen. Mir reichen die schlimmen Geschichten von Leuten, die versuchen im fortgeschrittenen Alter mit einer problematischen Diagnose in eine Krankenversicherung aufgenommen zu werden.

0 Herold Binsack 11.11.2011, 11:24 Uhr

Wider das nihilistische...

Wider das nihilistische Weltuntergangsgesäusel . Eben weil die Macht so mächtig wackelt neigt sie zur Repression. Und allein aus dieser Perspektive rate ich jedem, der dieser Macht kritisch gegenübersteht, zur Vorsorge. Ja, auch ich gehöre zu jenen, die sich schon mal Mut eingeredet haben, mit der Wunschvorstellung den Verfassungsschutz mit Daten so vollzustopfen, dass diesem schwindlig wird. (Und vielleicht ist das gar das Motiv für mein Vielschreiben, höre ich da schon welche unken.) Doch bleiben wir ernst. Die repressiven Strukturen sind so klar, dass für romantische oder auch sarkastische Gefühlen kein Raum bleiben sollte. Doch auch wenn es Grund für Zweifel gibt, so sehe ich in meiner Generation noch Potential auf Gegenwehr. Und das ist mein Motiv für mein Handeln. . Was mit den folgenden Generationen wird, wage ich gar nicht zu denken. Meine kleine Tochter ist jetzt sieben Jahre alt. Wenn sie in ihr politisches Alter kommt, wenn sie denn dahin kommt, weiß sie vielleicht gar nicht mehr, was Politik ist, und warum man dieser gegenüber eine kritische Meinung haben sollte. (Ja selbst mein erwachsener Sohn aus erster Ehe scheint schon keine Vorstellung mehr davon zu haben, wozu Politik gut ist.) Also schlage ich heute mit dem Vorschlaghammer zu. In der Hoffnung, dass die Risse groß genug bleiben, für die dann vielleicht nötigen Schlupfwinkel eben dieser Generation. Ja, wir leben am Rande eines neuen Zeitalters. An einem Epochenbruch. Keinem Denkenden kann das verborgen bleiben. Und weil w i r es sind, die das Zeitalter noch kennen, in dem Denken der wichtigste Aspekt der Subjektivität darstellte – Cogito ergo sum -, sollten wir unsere diesbezügliche Denkfähigkeit solange wie möglich nutzen. Solange danach gefragt wird. . Dennoch sollten wir uns hüten, mit diesem strukturell dennoch konservativen Wissen die Zukunft gestalten zu wollen. Niemand wird auf uns hören, wenn wir das versuchen. Wenn wir eingreifen wollen, müssen wir die Zukunft vom Standpunkt der Zukunft aus betrachten. Wir dürfen sie uns diese auf gar keinen Fall durch die Brille der Technikfeindlichkeit vorstellen. . Und zu diesem Zweck sollte man auch solche Zukunftsfetischisten ernst nehmen. Sie haben uns viel zu erzählen. Unsere kritische Haltung ihnen gegenüber ist dennoch berechtigt, so berechtigt wie eine selbstkritische. . So bin ich nach wie vor der Meinung, dass die Technik einer zukünftigen revolutionären Gesellschaft (die möglicherweise auch einer neuen evolutionären Epoche - http://blog.herold-binsack.eu/?p=1791 - korrespondiert) wohl mehr nutzt, als der Gesellschaft, deren Endkämpfe wir gerade teilhaftig werden. Eine jede Gesellschaft, die um ihr Überleben kämpft, hat schon verloren, gleich wie raffiniert sie auch immer die repressiven Möglichkeiten zukünftiger Techniken zu nutzen versteht. So wird auch der Einsatz von sich selbst organisierenden Drohnen im Krieg oder von Mikrowellenwerfer im Bürgerkrieg den Bürgerkrieg, bzw. den Aufstand, nicht unmöglich machen, sondern lediglich die Kombattanten des Aufstandes weiter disziplinieren. Auch hier findet sich die Rüstung in der Gegenrüstung wieder. Allein die Widersprüche des Kapitals, welche ebenso antagonistisch sind wie der Klassenwiderspruch, werden das ermöglichen. Sind es doch diese Widersprüche, die es diesen Gesellschaften unmöglich machen, sich gegenseitig zu solidarisieren. Und das Kapital bildet hierbei keine Ausnahme. Solidarität heißt hier Unterordnung. Erleben wird das doch gerade an jenem absurden Spektakel um die Eurorettung. Die Massen hingegen können sich solidarisieren. Doch nur, wenn ihr Kampf sich von revolutionären, ergo: nicht per se technikfeindlichen, Zielen leiten lässt. Also auf eine optimistische Zukunft gerichtet ist. Dieses nihilistische Weltuntergangsgesäusel - http://blog.herold-binsack.eu/?p=1891 - ist daher definitiv nicht im Sinne der Massen. Auf antirevolutionären/technikfeindlichen (wie auch antievolutionären) Wegen findet sich sowenig Einheit wie Anhang, sondern nur Zersplitterung und Verhöhnung.

0 Marco_Settembrini_di_Novetre 11.11.2011, 11:38 Uhr

@unausgeschlafener Studi:...

@unausgeschlafener Studi: "Pervers" vielleicht nicht, aber in den Augen einer technikaffineren Umwelt so rückständig wie ein Internetausdrucker oder Fassadenverpixler. Hatte mal für eine Illustrierte vor Jahren eine Geschichte geschrieben über Handyverweigerer. Der Text schmorte ewig im Stehsatz, dann musste ich nochmal aktualisieren und Fakten checken, aber auch in dem Telekommunikations-Special, wo sie dann erscheinen sollte, kam sie nicht ins Blatt. Habe erst später verstanden, dass der Auftrag wahrscheinlich darin bestanden hatte, eine Freakshow von verkrachten oder spleenigen Existenzen vorzuführen - und nicht ganz normale Leute zu zeigen, die gut ohne den Sprechknochen klarkommen.

0 colorcraze 11.11.2011, 11:48 Uhr

@HansMeier: welche sicheren...

@HansMeier: welche sicheren Drittländer? Mal abgesehen von Internet, es ist egal, wo Sie gehen und stehen auf der Erde (außer vielleicht, Sie halten sich unter einem Baum, auf dem oben eine große warme Affenhorde sitzt), es glotzt Ihnen trotzdem ständig wer per Satellit auf die Glatze. - Ja, das "Gesundheitswesen" wird zunehmend weiter renditekommerzialisiert. Zur Abstoßung schlechter Risiken bietet sich generalverdächtigendes Schwarmmobbing natürlich an. Mit Software als Interface hält man auch ein Stück weit das Bewußtwerden des Einzelnen, was er tut, von ihm fern. @unausgeschlafener studi: wobei ich damals beim Handy gleich dachte, daß das die bisherige Festnetzstruktur tatsächlich an den Rand drängt, und vor allem die öffentlichen Telefonzellen komplett killt (was ja auch schon eine Veränderung der öffentlichen Infrastruktur war: massiv einfachere Zuordnung eines Telefonanrufs zu einer Person und zu einem Aufenthaltsort, also Deanonymisierung). Bei Google und Facebook sehe ich das Problem bis jetzt mehr in ihrem monopolischen Übergewicht, durch das alle Redundanz qua weiteren Anbietern eingestampft wird. Daß besonders Facebook zur Vulgarisierung beiträgt, sehe ich schon so. @Marco/ThorHa: Informationsassymmetrie ist ein gutes Stichwort. Wobei solche Datenaggregate wie facebook mE nicht wirklich informativ sind, sondern eher allgegenwärtige Gängelbänder zur Verdächtigung. Und eben auch Datenabzocke, wie Sie richtig feststellen.

0 colorcraze 11.11.2011, 12:00 Uhr

@Binsack: naja, im Bergbau...

@Binsack: naja, im Bergbau gabs irgendwann Verbesserungen des Arbeitsschutzes, und die Zensur konnte die Zeitungen nicht dauerhaft aufs Intelligenzblättchenniveau beschränken. Bei den Eisenbahnen und Krankenhäusern hat sich "nächtens weniger, tags viel" eingependelt. Das waren aber jeweils jahrzehntelange Auseinandersetzungen. Es ist halt die Frage, in welchem Maße Kommunikationsmedien - Briefe, Telefon, Internet - von Abgrenzungen durchzogen werden sollten.

0 Marco_Settembrini_di_Novetre 11.11.2011, 12:51 Uhr

@colorcraze: Hier um die Ecke...

@colorcraze: Hier um die Ecke ist noch eine Telefonzelle. Und da stehen auch immer wieder Leute drin und telefonieren, wenn ich da vorbeikomme. Oft genug sind es Halbwüchsige, die die anzurufende Nummer in ihrem Handy-Telefonbuch nachgucken. Dieses Verhalten kam in den Szenarien der Futorologen von vor 20 oder 30 Jahren auch nicht vor. ;-) . @Herold Binsack: Ich bin nicht sicher, ob ich den zweifellos vorhandenen Repressivitätszuwachs des Systems als Symptom verstärkten Wackelns der Machtstrukturen deuten kann, aber es lohnt sich sicher, diese Hypothese im Auge zu behalten. Wie ich überhaupt den ersten Teil Ihres Kommentars zu weiten Teilen unterschreiben würde. Mir (als Vater einer knapp 7jährigen) gefällt dieser Herold Binsack sehr gut, der da zwischen den Sachargumenten auch mit seinen menschlichen Fragen und Zweifeln durchscheint und sich nicht nur hinter den revolutionären Vordenkern verschanzt, wenn er öffentlich über die Zukunft nachdenkt. Der Versuch, die Zukunft von der Zukunft her zu denken, ist eine Aufgabe, die den Schweiß der Edlen lohnt, aber da den wenigsten von uns dabei mehr gelingt, als ein paar Trajektoren und Vektoren entlang der x-Achse zu verlängern und von gedachten fernen Punkten aus zurückzublicken, sollten wir uns zumindest das Hintertürchen mehreren Szenarien offenhalten und nicht postulieren, "wahrlich, ich sage Euch, so und so wird es sein." Ihre Gedanken zu möglichen Rollen der Überwachungs- und Fernwirktechnik in künftigen Unruhen oder bürgerkriegsähnlichen Zuständen muss ich für den Moment erst einmal bisschen sacken lassen. Gebe Ihnen (und Herrn Lützenich) aber uneingeschränkt recht darin, dass Nihilismus und Weltuntergangsangst hier keinen Raum haben sollten. Wir wissen ja: "Fnord - die tun was".

0 Herold Binsack 11.11.2011, 12:57 Uhr

Die Unterdrückung des...

Die Unterdrückung des Internets zeigt auf die Achillesferse . @Colorcraze: Ich weiß jetzt im Moment nicht, worauf Sie sich in Ihrer Replik beziehen. Helfen Sie mir auf die Sprünge. . Wie die Herrschenden mit den neuen Medien umgehen, können wir sehr gut am Beispiel der Aufstandsbekämpfung in den aktuellen arabischen Revolutionen, aber auch in China, wie zuvor in Iran, studieren. Da sorgen gewisse Filter, dass das Internet für die Massen wertlos wird – zu langsam zum Beispiel. Gleichzeitig benutzen sie diese Medien um den Aufständischen auf die Spur zu kommen. So erzählt uns eine Widerständige aus Syrien - http://blog.herold-binsack.eu/?p=1882 -, dass dort zum Beispiel Facebook oder Twitter kaum eine Rolle spielen. Eben nicht nur, weil die Massen dort noch zuwenig Zugriff darauf haben, sondern weil sie als solchermaßen wertlos erwiesen haben. . So bleibt das Muster aller bisherigen Revolutionen erhalten. Von konspirativ arbeitenden Zellen aus wird der Aufstand quasi manuell organisiert. Keine Frage, dass der Einsatz von sich selbst organisierenden Drohnen, die klein genug sind auch für den Häuserkampf, das alles noch einmal dramatisieren wird. Doch kann ich mir vorstellen, dass wenn es gelingt, solche Drohnen auszuschalten, der Angreifer dann blind ist. Aber das eigentliche Problem dürfte sein, dass je massiver im Bürgerkrieg Maschinen eingesetzt werden, desto breiter wird der Widerstand. Die herrschende Klasse, die mit Maschinen gegen das eigene Volk vorgeht, demonstriert ihre definitive Isolierung. (Das soll übrigens mit ein Grund für gewesen sein, warum der Schah von Persien angeblich auf den Einsatz von Panzer verzichtet habe.) . Macht muss sich den Massen gegenüber immer wieder legitimieren. Und selbst wenn Bürgerkriegstruppen aufgestellt werden, müssen die als Menschen erkennbar sein. Denn ist es nicht das Volk, das die Herrschenden selbst dann vorgeben zu vertreten, wenn sie selbst denkbar volksfeindlich agieren? Das Volk muss glauben können, dass da nicht nur die Interessen einer kleinen Minderheit sind, sondern eben auch Masseninteressen, was ihnen widersteht. Und da zeigt sich auch das Erfolgsgeheimnis, bzw. die Grenze, einer jeden Machtpolitik: Solange es möglich ist Masse gegen Masse (jung gegen alt, Arbeitslose gegen prekär Beschäftigte, Mann gegen Frau…) auszuspielen, solange wirkt das Spiel legitim. Hier dürfte der wahre Grund liegen, warum im Klassenkampf, im Bürgerkriegsgeschehen, der Technikeinsatz immer etwas beschränkter sein wird als im gewöhnlichen Kriegsfall. Und wenn nicht, dann wäre das ein eindeutiger Hinweis auf das nahende Ende einer solchen Macht. Denn auch die Unterdrückung des Internets zeigt auf die Achillesferse.

0 colorcraze 11.11.2011, 13:54 Uhr

@Marco: um die Ecke steht hier...

@Marco: um die Ecke steht hier sogar noch eine gelbe(!!!!!) Telefonzelle, der Hörer ist magentafarben angepinselt. Aber ich hab seit Jahren, immer wenn ich dran vorbeikam, dort niemand anrufen sehen. U.a. ist auch das Kleingeld-in-der-Tasche-Haben zu diesem Zweck aus der Mode gekommen... @Binsack: ich wollte nur auf den historischen Verlauf hinaus, daß es immer wieder neue Techniken gab, die zeitenweise mit großem Elend einhergingen, zeitenweise zu recht annehmbaren Lebensverhältnissen beitrugen. - Ihre Überlegung zur quasi selbstsabotierenden Legitimität des Modus Maschinenherrschaft finde ich sehr interessant. Das könnte so ein "Riß, durch den das Bessere schlüpft" sein. Pessimistische Gegenüberlegung: was, wenn es auf Legitimität nicht mehr ankommt?

0 Marco_Settembrini_di_Novetre 11.11.2011, 17:27 Uhr

@colorcraze: Der öffentliche...

@colorcraze: Der öffentliche Münzfernsprecher hier ums Eck ist auch in einem gelben Häuschen, sein moderneres Magenta-Freiluft-Pendant vor der Schule erfreut sich nach meinen Beobachtungen deutlich geringerer Beliebtheit. Ansonsten hat sich Münzgeld als dauerhafter erwiesen als Telefonkarten. Ich habe vor einiger Zeit mal den Versuch gemacht, ob mit dem Kärtchen, das ich seit Ewigkeiten mir mir rumschleppte, noch was geht, und da hieß es Fehlanzeige, obwohl ich ziemlich sicher bin, dass da noch mehr als 5 Euro Restguthaben drauf waren. Dass so ein Guthaben verfallen kann, ist eigentlich auch ein Skandal. Aber genug von diesem Nebenschauplatz. . Tja, was wenn es auf Legitimität nicht mehr ankommt? Spielen im Bürgerkrieg oder in bürgerkriegsähnlichen Zuständen solche feinen Details noch eine Rolle? Hätte man sich in Sarajevo (nicht zu reden von Srebrenica) besser gefühlt, wenn halbautonome Drohnen auf die Bewohner geschossen hätten und nicht die Sniper aus Fleisch und Blut? Ich weiß es wirklich nicht.

0 Herold Binsack 11.11.2011, 17:27 Uhr

Es wird ihnen ein Leichtes...

Es wird ihnen ein Leichtes sein, den unwilligen Pöbel vor sich herzutreiben „Was, wenn es auf Legitimität nicht mehr ankommt?“ Der Anachronismus der bürgerlichen Herrschaft liegt ja gerade darin, dass deren ideale Form – die Demokratie -, die, die dem bürgerlichen Subjekt (im Sinne von „automatisches Subjekt“) den denkbar größten Spielraum gibt, nicht gleich die wirklich reale ist. Denn ob des Geschehens des Klassenkampfes neigt das Kapital zur Diktatur. Dennoch: aus dem Niedergang der faschistischen Diktatur hat das Kapital schon was gelernt. Zunächst sucht es mit allen Mitteln eine solche Diktatur zu umgehen. Zugleich aber bereitet sie sich auf diese vor. Es sucht nun nach einer Diktatur, wo das Subjekt äußerlich frei bleibt, doch innerlich „verhaftet“. Irgendwie dem Gefangenen ähnlich, der sich da mit elektronischen Fußfesseln in Freiheit bewegt. . Nicht mehr die Unreife der Massen, dürfte da ins Feld der Argumente geführt werden, sondern im Gegenteil deren gewissermaßen Überreife. Jene „römische Dekadenz“ also. Es ist interessant, wie man mit Assange umgeht. Er wird als eine Art überreifes Früchtchen vorgeführt, welcher sich bei der Verführung der Frauen an keine Regeln hält. Vor solchen Gestalten muss man diese postpatriarchale (dennoch immer jungfräuliche) und solchermaßen im Gendermainstreaming getaufte Gesellschaft schützen. Das ist schon ein bisschen wie die Jagd nach Casanova. Dieser war ja jener Unhold, der die spätaristokratische Gesellschaft an ihrer schwächsten Stelle zu treffen suchte – an ihrer verführbarsten. Denn das genau in der Zeit, in der die Verführung eben dieses schwachen Geschlechts am Hofe so beliebt war. Deswegen sind ja die Allüren eines Dominique Strauss-Kahn so ein Ärgernis. Die versauen den Herrschenden die Partie. Die Doppelmoral lässt grüßen. . Also machen wir uns gefasst darauf, dass die Diktatur der Zukunft ob der endlichen Durchsetzung jener so heftig diskutierten Political-correctness daherkommt. Das hätte den Vorteil, dass sie vermutlich genau die Spießer um sich zu scharren vermag, die derzeit noch so heftig dagegen opponieren. „Es muss ja mal gesagt sein!“, nicht wahr, Herr Sarrazin? Und gibt es nicht schon Bestseller, die den Anstand über alles zu setzen suchen? Den Knigge genau dort einfordern, wo eben gerade der Postbourgeois diesen ganz sicherlich nicht bricht. Sind wir doch heute vor allem anständig, gerade dort, wo wir Unanständiges einfordern. Eine Diktatur der Postaufklärer also. Dem Deutschen geradezu auf den Leib geschneidert (also vonwegen nicht legitimiert). Mit erhobenen Zeigefingern von allen Kathedern. Und es wird ihnen ein Leichtes sein, den unwilligen Pöbel vor sich herzutreiben.

0 Oliver-August Lützenich 12.11.2011, 07:55 Uhr

@Marco Settembrini di Novetre,...

@Marco Settembrini di Novetre, 11.11.11, 09:57: Wow!? Da ist Ihnen eine echte Premiere gelungen, das ich in einem Satz mit Esoterik und dem Kaffeekränzchen älterer Damen erwähnt werde! Jedoch, es gibt für Alles ein erstes mal, aber vielleicht darf ich Sie in diesem Zusammenhang auf das Neue Testament und darin auf Matthäus,7,3 hinweisen, oder war diese Korrelation nur ein Faschingsscherz, Helaaf und Aalau, es ist FaselNacht!, kann ja sein? Eine ausführllichere Ergänzung zum Thema Transparenz und Macht schreibe ich später. Einen sonnigen Tag, wünsche ich Allen.

0 Oliver-August Lützenich 12.11.2011, 21:07 Uhr

Titel: FreiRaumZeit. Was die...

Titel: FreiRaumZeit. Was die Tendenz zur Transparenz angeht, und dem Absinken der Macht, das damit einhergeht, möchte ich etwas verbessern und präzisieren: Die Macht wird nicht weniger, sondern sie wird fairer und feiner verteilt. Und der Mechanismus, der diese Veränderung bewirkt, ist die zunehmende Transparenz, also die wechselseitige Einsichtnahme in und auf die Anderen, in Organisationen, Administrationen, in Regierungen, in Firmen ... und auch in und auf jedes Einzelne der ErMächtigten. Denn, was braucht die Lebendigkeit, um Souveränität und Wohlgefühl zu erleben? Vertrauen. Genau das bewirkt ein Mehr an wechselseitiger Offenheit und Wissen voneinander. - Wir sprechen von den Mächtigen und die Augen gehen nach Oben, also ist die Macht Oben, also bauen Wir immer höhere Häuser und die Mächtigen nehmen konsequenterweise in den oberen Stockwerken Platz und schauen auf die Machtlosen herunter. Die Tendenz, die ich nun spüre und beobachte ist, dass die Macht immer mehr aufgeteilt wird, dass sie von einem Kulminationspunkt aus, den Wir in D mit Adolf Hitler erreicht haben, auf dieJenigen zurückgeht, die diese Macht abgegeben haben. Da ich nicht weiss, was Sie in das Wort "Macht" alles hineinfüllen und -fühlen, beschreibe ich kurz, was es mir bedeutet: Macht ist eine grösstenteils ausserkörperliche Handlungs- und Steuerungskompetenz, ist Handlungsfreiheit in Raum und Zeit, die Tiere, und das sind Menschen auch, in Gruppen, also sozial lebende Wesen, an wechselnde Einzelne oder Minderheiten abgeben, die damit beauftragt sind die Ausgestaltung, die Organisation und die Entwicklungsrichtung der Gesamtgruppe zu gestalten. "Ausserkörperlich", weil die lebensaufbauenden und -erhaltenden Prozesse des Körpers von einer Beherrschung durch Fremde[s] weitestgehend unabhängig ablaufen: Auslieferung behindert nur im schlimmsten Fall, das die inneren Kreisläufe ins Stottern geraten, dass das Herz schneller pumpt, oder Stoffwechselprozesse in Unordnung geraten, der Körper mag ausgeliefert sein und insgesamt tun, was Andere wollen, aber im Inneren funktioniert weiterhin das Meiste reibungslos. Dass das so ist, beweist auch, das die Abgabe von Macht ein weitgehend "natürlicher" und akzeptierter Zustand war. War? Noch weitgehend ist. Macht ist Gestaltungskraft, die die Mehrheit in sozialen Gesellschaften an Minderheiten abgibt. Das war und ist der Stand der Macht. Macht ist also die Möglichkeit einer Gruppe oder auch Einzelner innerhalb einer Gemeinschaft, Andere "fremd-zu-bestimmen", zu manipulieren, zu dirigieren. Soweit stimmen Wir wahrscheinlich noch überein. Diese Möglichkeit wurde den Mehreren abgenommen, weil sie von der Möglichkeit der Selbst-Initiative, also den Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten, welche die Lebendigkeit und die Freiheit, die das Bewusst-Sein birgt, noch nichts wissen/wussten. Den meisten Menschen ist deshalb bis Heute das Agens, die volle HandlungsFreiheit und -Vollmacht noch fremd, das ReAgens, also die Unterdrückung dagegen ist "normal" also akzeptiert, somit auch die Umstände, die zu diesem Zustand der Un-Gleich-Verteilung der Selbst-Er-Mächtigung führt. Die Masse gibt die Gestaltung und Lenkung des DaSeins noch weitgehend "frei"-willig an wenige Andere ab, die sich selbstverständlich dann auch REICHlich bedienen. Kann Mensch den Mächtigen das übelnehmen? Einerseits ja, vom Standpunkt eines langsam erwachenden Selbst aus, welches fühlt, das mehr da und drinn ist, als es kann/darf. Andererseits nein, vom Standpunkt der Er-Mächtigten aus, die sich einfach bei denen bedienen, die mit dem Selbst (noch) nichts anzufangen wissen, also geführt und bestimmt werden. - Das Versteckspielen und Täuschen, das Manipulieren, Insistieren und Intrigieren, all die Heimlichkeiten und Un[ge]Wiss[en]Heiten im Selbst und in den Anderen, die die Fremd-Beherrschung auch möglich machen, finden bald ein Ende. Das "auch" bedeutet, das ich selbstverständlich nicht die Willkür, die Drohungen durch grössere Körperkraft, durch bessere Technik, oder durch die grössere Anzahl an "Unterstützern" vergesse, die ebenfalls Macht auslösen und die völlig ohne Heimlichkeit oder Lüge auskommen. - Was brauchen Wir, um die Macht feiner und fairer zu verteilen, sie also all Jenen zukommen zu lassen, die sie bis Heute brav! abgeben, sich führen und lenken zu lassen, sich sagen lassen, was zu tun und was zu lassen ist? Ich denke: Erstens, die gesicherte und lebenslange Versorgung mit allen Notwendigkeiten der Lebendigkeit, für Jedes Lebewesen und Zweitens, die wechselseitige Aufrichtigkeit (also Wahrhaftigkeit und Transparenz). Beide Entwicklungen, so empfinde ich das, laufen bereits seit langem, sowohl in der technischen Richtung (die grossartigen Erkenntnisse und Ergebnisse der Natur-Wissenschaften, u.a. das WWW), als auch in der Ausweitung des Gefühls jedes Einzelnen auf die Mit-Welt, und der Selbst-Erkenntnis (der Gruppe und des Einzelnen), also der Ausweitung nach Innen (Geistes-Wissenschaften, insb. Geschichte, Soziologie und Psychologie). Die Verantwortung für das Selbst zu übernehmen, von den Mächtigen, ist mühevolles arbeiten und braucht vor allem Eltern und eine Gesellschaft, die diese Selbst-Ermächtigung vorleben; und nachleben lassen. Also einen FreiRaum und eine FreiZeit schaffen und ermöglichen, die LEID(für die Masse)er bis Heute nur sehr sehr sehr wenige Menschen geniessen.

0 Herold Binsack 14.11.2011, 09:37 Uhr

Revolutionär nicht...

Revolutionär nicht evolutionär . @Oliver-August Lützenich: So wie Sie kann man sich die gesellschaftliche Entwicklung nur vorstellen, wenn man den Klassenkampf ausblendet, sich diese als quasi naturidentisch-evolutionär imaginiert. Ein wenig nach Art Kalupners (ich nehme an, Sie kennen diesen Evolutionslogiker, dessen Repräsentanten der Zukunft mittlerweile von Putin über Schröder und Merkel zu Sahra Wagenknecht reichen, vgl. die Leserkommentare der FAZ hierzu: http://blog.herold-binsack.eu/?p=1890). Und entschuldigen Sie bitte, aber genau dort werden Sie „esoterisch“. . Mag sein, dass es sog. objektive Tendenzen in Richtung Machtdezentralierung gibt. Da wir aber im Kapitalismus leben, wird eben diese Tendenz auf kapitalistische Art wirksam (so ist der ganze Kapitalismus ja auch eine Tendenz hin zum Sozialismus, innerhalb des Kapitals zeigt sich diese Tendenz aber immer nur verzerrt, nicht wirklich, mal als Verstaatlichung, mal als Repression, mal als Korporatismus, ja auch mal als National-Sozialismus, ja selbst als „realen Sozialismus“…). Das Subjekt wird nicht befreit, sondern atomisiert, wenn nicht kaserniert, interniert oder zwangskollektiviert. Und das dürfte im Endeffekt auf das Gegenteil von Freiheit hinauslaufen. Die Macht wird dann nur entsubjektiviert, also objektiviert. Das Kapital selber tendiert zur Selbstaufhebung. Es erscheint dann allerdings virtuell, als reines Geldkapital. Und natürlich wird da die Macht der Industriebarone obsolet, aber diese Macht kommt dann wieder in Form der Diktatur eines sich für alternativlos erklärt habenden Finanzkapitals. Und dieses wiederum tritt auf als dessen eigener Manager. Alle sind sie Diener des Volkes, Diener des Kapitals. Keiner will mehr das Kapital selber sein. Doch wie real es als solches dennoch wirkt, zeigt uns die aktuelle Krise. Wie gesagt, das alles ist unter dem Aspekt der Entwicklungslinien des Klassenkampfes zu betrachten. (Auch dieser Klassenkampf selber - dessen Kapriolen - muss unter dem Aspekt der Hegemonie des Kapitals gesehen werden. Die gegenwärtige innere Debatte der CDU z.B. über den Mindestlohn (http://blog.herold-binsack.eu/?p=1878) zeigt deutlich den Einfluss des Klassenkampfes, wenn auch auf äußerst verzerrte Weise, da die Akteure nicht offen auftreten.) Nicht selten lässt die herrschende Klasse sich was einfallen, um solche Großtendenzen dann auf ihre Weise durchzusetzen. In den 70ern und 80ern des vorigen Jahrhunderts hatten wir dazu die RAF, jetzt haben wie das: http://blog.herold-binsack.eu/?p=1894. . Letztlich hebt der Klassenkampf alle objektive Bewegung auf, allerdings in Form der doppelten Negation. So dass am Ende die Bewegung sich wieder als objektive zeigt. Als historisch kontingente, ja mehr noch: als im ontologischen Sinne nicht zu hintergehende. Und rührt nicht daher überhaupt die Illusion bezüglich einer quasi naturidentischen Gesellschaft (http://blog.herold-binsack.eu/?p=1886)? Wir finden dies nicht nur wieder in der christlich motivierten Apokalypse, bzw. auch in einer sozialistischen Verirrung, namens naturnotwendiger Kommunismus, sondern eben auch in der Wahnvorstellung von einem alternativlosen, sich ewig zu wandeln verstehenden, Kapitalismus.

0 Thorsten Haupts 14.11.2011, 12:29 Uhr

"Wahnvorstellung von einem...

"Wahnvorstellung von einem alternativlosen, sich ewig zu wandeln verstehenden, Kapitalismus." Der wird natürlich obsolet. Ungefähr dann, wenn es keine knappen Resourcen (ausser vielleicht Grund&Boden) mehr gibt, also dann, wenn Energie beliebig in Materie umgewandelt werden kann. Durchaus möglich, dass wir diesen Zustand erreichen können/werden. Nicht mehr zu meinen Lebzeiten, ziemlich sicher. Und bis dahin werden wir eine Spielart des Kapitalismus haben, genauer, eines Systems, in dem Preise sich über Angebot und Nachfrage bilden. Unabhängig davon, was Marxisten dazu zu sagen haben :-). Gruss, Thorsten Haupts

0 colorcraze 14.11.2011, 15:30 Uhr

@ThorHa: und wenn wir die...

@ThorHa: und wenn wir die beliebige Umwandlung von Energie in Materie haben, quälen wir uns immer noch mit der Langweiligkeit herum, daß wir nicht recht wissen, nach welchen Maßstäben wir uns zueinander verhalten sollen. Den ganzen Tag knutschen und das immerfort kann ja irgendwie auch nicht alles sein...

0 Oliver-August Lützenich 14.11.2011, 18:55 Uhr

@Herold Binsack: Ich vermute,...

@Herold Binsack: Ich vermute, ich bin NICHT mehr "Eingeweihter" in die Abläufe und Zusammenhänge der Lebendigkeit, insbesondere des menschlichen Treibens darin, wie Sie, wie Marco Settembrini di Novetre, wie Thorsten Haupts oder colorcraze, deshalb habe ich mit Esoterik nichts am Hut, noch dazu, da das, wozu ich Stellung nehme: die Lebendigkeit, das Geschehen im Hier und Jetzt, im Grossen und Ganzen immer weniger Geheimnisse (ver)birgt; ich analysiere und formuliere nicht aus etwas heraus (ausser Sie meinten -mich- als Geheimnis, da mögen Sie Beide recht haben, ja, das bin ich mir noch weitgehend selbst, mir ist das Selbst noch Geheimnis, obwohl ich es schon ein paar Jahrzehnte bin und fühle, aber gut ...), sondern in etwas drinn, nämlich mitten in den Mit-Menschen und mitten in der Lebendigkeit, aber vielleicht ziehe ich aus dem, was auch Sie erleben und wissen andere Schlüsse. Ungewöhnliche, das mag sein, aber esoterisch, wie gesagt: nein. Was Ihre Vermutungen zum Klassenkampf und zur nur stotternden Weiterentwicklung des Kapitalismus hin zu einer faireren (mit (ge)Recht habe ich es nicht so, da das Recht immer eine aktuelle Setzung ist, was Heute Recht ist, ist Morgen un-; und "fair" stammt vom altengl. "faeger", das soviel wie "passend, angenehm, schön" bedeutet, und das ist weniger den Moden ausgeliefert, wie das Recht) ... hin zu einer faireren Verteilung der Vermögen, also von Lebensnotwendigem (saubere Luft, klares Wasser, abwechslungsreiche Nahrung), von Gütern (Unterkunft, Kleidung, Information und etwas Luxus), von wechselseitiger Anerkennung und Geborgenheit, von Bewegungsfreiheit und Sicherheit ist, so sind Ihre Vermutungen wahrscheinlich näher am aktuellen Geschehen, als die meinen. Manchmal schwebe ich in den Vorstellungen und Schlussfolgerungen noch ziemlich weit in eine (noch?) unfassbare Ferne, es ist quasi Science Fiction, deshalb ist es kein Wunder wenn Thorsten Haupts sich des öfteren schon im Grabe wähnt, im Umfeld meiner Beiträge ;-), aber ich arbeite daran die Aktualität näher zu treffen, als ich es bis Jetzt schaffe. Und manchmal gelingen mir im Kleinen schon richtige Treffer, das lässt hoffen, das auch im Grossen vielleicht bald ein Wurf gelingt. Was ich allerdings bin, ist ein hoffnungsloser Optimist. Ja, hoffnungslos, denn die Hoffnung ist etwas für den Glauben, also den Bereich des Vermutens, des Nicht-Wissens und davon möchte ich eher weggkommen, das ist beruhigender. Und aus Ihren Zeilen lese ich einen, zumindest leisen, Pessimismus, aber vielleicht ist es ja genau der, der mir noch fehlt, um meine Trefferquote zu verbessern, wer weiss? Seien Sie gegrüsst! @Thorsten Haupt: E = mc2, also warum nicht, und Grund und Boden ist, wenn Sie von Sand und Matsch absehen, fast unendlich vermehrbar, tun Wir ja bereits, indem Wir immer höhere Häuser bauen und das Meer zuschütten u.s.w., für eine fairere Verteilung und einen anderen Umgang gibt es keine Grenzen, wenn Mensch den Blick von der Vergangenheit abwendet, denn die Vergangenheit engt ein, je weiter ich zurückschaue umso enger ist sie ... @colorcraze: Ich entnehme Ihren Beiträgen, das auch Sie mehr mit einem angst- und not-freien Leben anfangen können, als ungehemmt Zärtlichkeiten auszutauschen, denn dazu ist diese kleine Erde und erst recht das Universum, viel zu interessant, und auch erst dann für Alle ausgiebig zu geniessen, wenn (s.o.) ... Guten Abend.

0 Herold Binsack 15.11.2011, 08:41 Uhr

...

Destruktionskräfte . @Thorsten Haupts: Sie mögen ja glauben hier auf eine Art Betriebsgeheimnis des Kapitalismus (wie der Klassengesellschaft überhaupt) gestoßen zu sein, doch übersehen Sie, dass die Geschichte eine von Klassenkämpfen ist. Ein Aspekt, der dann ganz besonders für den Kapitalismus gilt, da in diesem sich nicht nur der Klassenkampf – im linearen Sinne – noch einmal zuspitzt, sondern geradezu dramatisch potenziert. Die Knappheit der Ressourcen ist in vorkapitalistischer Zeit auch zu übersetzen mit einer technologischen Knappheit – mit technischer Unterentwicklung. Und genau diese war es, die der Klassengesellschaft - a posteriori quasi - eine gewisse Berechtigung zukommen ließ. Solange diese Knappheit nicht überwunden ist, blieb die klassenlose Gesellschaft eine Utopie, eine daher ins Jenseits verbannte Hoffnung (die sozial-philosophische Grundlage für jede moderne Form von Religion). Doch mit dem Kapitalismus tritt nun etwas ein, was diesem eine solche historische Berechtigung völlig versagt – im Verlaufe dessen Entwicklung. Nämlich in dem Maße wie das Kapital die technologische Entwicklung derart vorantreibt, dass diesem Knappheit an Ressourcen nicht mehr abgenommen werden kann. Ja mehr noch: Es desavouiert sich in dem Maße zusätzlich als von nun an Kapitalismus gleichbedeutend wird mit Verknappung von Ressourcen, infolge des Raubbaus an denselbigen. Marx und Engels haben wiederholt darauf hingewiesen, so zum Beispiel in „Die deutsche Ideologie, und zwar mit folgenden Worten: "In der Entwicklung der Produktivkräfte tritt eine Stufe ein, auf welcher Produktionskräfte und Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden Verhältnissen nur Unheil anrichten, welche keine Produktionskräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte…“ (Karl Marx, Friedrich Engels, MEW, Bd. 3, Berlin 1958, S. 69). Und die aktuellen Krisen zeigen sich diesbezüglich wie bestellt. Da wären die Rohstoffkrise (incl. der Spekulation auf dieselbige), die von Menschen verursachte Umweltkrise, die Energiekrise (auch als Teil der Rohstoffkrise wie auch Umweltkrise), schließlich die Finanzkrise, die Schuldenkrise… Muss ich noch mehr sagen? @Oliver-August Lützenich: Mag sein, dass Sie sich als Esoteriker nicht sehen wollen, doch aus meiner Perspektive kommt jeder Versuch menschliche Geschichte quasi widerstandslos in die Naturereignisse zu integrieren der Esoterik gleich. Ich glaube nicht daran, dass Gesellschaften sich „evolutionslogisch“ (Kalupner) entwickeln. Und ich glaube auch nicht, dass man das Recht beugen/ignorieren/relativieren kann, nur weil es jeweils historisch bedingt ist (bzw. vielleicht gar jedem Naturrecht unterlegen wäre). Im Kontext seiner historischen Bedingtheit ist der Kampf um Gerechtigkeit nicht zu hintergehen, wenn auch im Allgemeinen nicht zureichend für einen revolutionär zu führenden Diskurs. Marxismus steht nicht einfach für eine „gerechte Gesellschaft“, sondern für eine, die sich im historischen Verlauf als die jeweils revolutionärste zu erweisen hätte. Wäre Sozialismus nur gerecht, nicht fortschrittlich, dann wäre er den Marxisten keine Anstrengung wert. Doch Fortschritt ist als solcher einer Klassengesellschaft mitnichten identisch mit einer fortschrittlichen Gesellschaft. Nur fortschrittliche Klassen repräsentieren letztere. Fortschritt in der „Destruktion“ ist gleich Verhinderung jener fortschrittlichen Gesellschaft. Dennoch gibt es auch in der destruktivsten Gesellschaft keinen rein destruktiven Fortschritt. Im Ganzen und Großen untergräbt gar jener destruktive Fortschritt die destruktive Gesellschaft, wirkt somit „fortschrittlich“. Und in der Auseinandersetzung um diesen paradox erscheinen wollenden Widerspruch befinden wir uns, hier und in allen anderen Foren. Hier und dort geht es um den Gegensatz zwischen revolutionärer Theorie und bloß affirmativer „Esoterik“. . Um es auf den Punkt zu bringen: Die Marxisten unterwerfen sich nicht dem naiven Fortschrittsglauben des Kapitals. Fetischismus, auch und gerade der technologische, ist ihnen fremd. Ihr Glaube an den Fortschritt beruht einzig und allein auf der Überzeugung, dass die Intelligenz des Menschen auf Dauer unvereinbar ist mit jeder Form der Unterdrückung. Deswegen arbeiten die Marxisten am Bewusstsein des Menschen, um dessen Sein zu verändern. Da aber das Sein, das gesellschaftliche Sein, immer die Grundlage für ein jegliches Bewusstsein ist, ist die Teilnahme an den Kämpfen der revolutionären Klassen in mehrfacher Hinsicht unverzichtbar. Das Revolutionäre Bewusstsein, welches in der Theorie als Marxismus in Erscheinung tritt, ist in diesen Klassenkämpfen nicht nur zu verbreiten. Es wird dort auch zum Gegenstand des Klassenkampfes selber, findet darin seine ständige Veränderung. Und einzig allein ob des Vertrauens in die Kontingenz eben eines solchen Geschehens, diesbezüglich sich also selbstvertrauend, sind Marxisten Optimisten. In den technologischen Fortschritt vertrauen sie nur, insofern dieser ihnen den Beweis dafür liefert, dass Fortschritt überhaupt möglich ist und dass dieser den revolutionären Klassen letztlich mehr dient als den historisch überlebten.

0 Oliver-August Lützenich 15.11.2011, 18:38 Uhr

@Herold Binsack: Wo fühlen...

@Herold Binsack: Wo fühlen Sie in der Natur: Widerstandslosigkeit? Die Natur, die Lebendigkeit ist ohne Widerstand nicht gründbar. Die Lebendigkeit beruht auf einem Widerstand gegen das RaumZeitlose fliessen von Energie und Licht. Ist das nun wieder Esoterik oder ist es eine einfache Tatsache? Sie haben Recht(!), das Recht ist genauso in die Evolution eingeordnet, wie die gesamte Natur und die Schöpfungen der Lebendigkeit, also wird auch das Recht, wie ich ohne Zöger@Herold Binsack: Wo fühlen Sie in der Natur: Widerstandslosigkeit? Die Natur, die Lebendigkeit ist ohne Widerstand nicht gründbar. Die Lebendigkeit beruht auf einem Widerstand gegen das RaumZeitlose fliessen von Energie und Licht. Ist das nun wieder Esoterik oder ist es eine einfache Tatsache? Sie haben Recht(!), das Recht ist genauso in die Evolution eingeordnet, wie die gesamte Natur und die Schöpfungen der Lebendigkeit, also wird auch das Recht, wie ich ohne Zögern zustimme, immer fairer, immer mehr zum Ausgleich und zur Mässigung der Willkür zwischen den Menschen und deren Schöpfungen (Ideologien, Kunst (Individualität), Technik) beitragen. Das Recht ist unbestreitbar eine Quelle der Befriedung und Befreiung der Kreatur, ja das ist es. Der Neid, denke ich, ist eine Wurzel des Bemühens um Fairness, um AusGleich und Gleichbehandlung zwischen den Kreaturen (darin auch das Mensch) und die Fairness ist eine der Ursachen des Rechts. So ist also die Fairness die heilende Pflanze, die aus dem Neid wächst; da jeweils auch Schmerz aus dem Grund des DaSeins entweicht, ist die MissGunst, das Vorenthalten, das AusGrenzen von Gefühlen und Gütern wohl der Schmerz, den der Neid verursacht. Esoterik? Ich möchte die Dinge benennen und verbinden, damit ein klares Bild vom DaSein entsteht, damit ich wenigstens für mich die Frage beantworten kann: Was ist?, oder besser noch, da auch ein Kennzeichen des DaSeins der Wandel ist: Was wird? Und ich stelle es vor mich hin, vor Sie. Also ist, was ich tue vielleicht eher Exoterik, oder? Sie schreiben: "... dass die Intelligenz des Menschen auf Dauer unvereinbar ist mit jeder Form der Unterdrückung. Deswegen arbeiten die Marxisten am Bewusstsein des Menschen, um dessen Sein zu verändern. Da aber das Sein, das gesellschaftliche Sein, immer die Grundlage für ein jegliches Bewusstsein ist, ist die Teilnahme an den Kämpfen der revolutionären Klassen in mehrfacher Hinsicht unverzichtbar." Ich stimme Ihnen darin zu, in diesem Sinne bin ich auch Marxist. Auch. Und Exoteriker :-) und Platonist und Kantianer und Spinozist und Nietzscheaner und ... der Vielfalt verpflichtet und an der Freundlichkeit und an der friedlichen Erweiterung des Menschen arbeitend. Es war mir eine Freude! Bis demnächst. zustimme, immer fairer, immer mehr zum Ausgleich und zur Mässigung der Willkür zwischen den Menschen und deren Schöpfungen (Ideologien, Kunst, Technik) beitragen. Das Recht ist unbestreitbar eine Quelle der Befriedung und Befreiung der Kreatur, ja das ist es. Und ich vermute, die natürliche Fairness ist eine der Ursachen des Rechts. Der Neid wiederum, denke ich, ist eine Wurzel des Bemühens um Fairness, um AusGleich und Gleichbehandlung zwischen den Kreaturen (darin auch das Mensch).

0 Thorsten Haupts 16.11.2011, 13:56 Uhr

"Doch mit dem Kapitalismus...

"Doch mit dem Kapitalismus tritt nun etwas ein, was diesem eine solche historische Berechtigung völlig versagt – im Verlaufe dessen Entwicklung. Nämlich in dem Maße wie das Kapital die technologische Entwicklung derart vorantreibt, dass diesem Knappheit an Ressourcen nicht mehr abgenommen werden kann." Pruuuust. Marx war in Geschichte keine Leuchte. Sonst hätte er gewusst, dass die ersten resourcenknappheiten - hanz ohne Technik - bereits im vorchristlichen Altertum auftraten. Holzknappheit bei den alten Römern, hervorgerufen durch hemmungsloses Abholzen von Wäldern in Italien (zum Flottenbau) und in Spanien (Entwaldung und Erosion für die Silberminen). Aber shon gut - auch in hundert Jahren wird es noch Marxisten geben, die anhand irgendeiner aktuellen Krise (die passieren, solange es Menschen gibt) noch "beweisen" werden, dass sich Marx zwar zeitlich, aber doch nicht grundsätzlich geirrt hat. Bei der Vorhersage der Zuspitzung - ach, von was auch immer. Wie die Zeugen Jehovas. Der Untergang der Erde wird kommen. Heute. Morgen. Übermorgen. Irgendwann. Die Zeugen wissen das! Gruss, Thorsten Haupts

0 Herold Binsack 17.11.2011, 14:47 Uhr

Niemals „nicht-technisch“...

Niemals „nicht-technisch“ bedingt @Thorsten Haupts: Das Abholzen der Wälder durch Griechen wie Römer war so besehen Ausdruck auch eines technologischen Rückstandes. Denn selbst nachdem Eisen schon zu Waffen verarbeitet worden war (etwa 2000 v. u. Z), dauerte es noch einmal knapp 4 Jahrtausende bis eben dieses Eisen auch (wie auch Stahl dann infolge, beides in England Ende des 19. Jhrdts) für den Bau von Schiffen (und da auch zunächst eben von Kriegsschiffen) Verwendung fand (es sein zu Nägeln oder anderen Hilfsmitteln schon wesentlich früher). . Dass die Wälder mit der Antike weitläufig um das Mittelmehr ausgestorben sind (übrigens auch die afrikanische Wüste ist so besehen zum größten Teil „menschengemacht“, denn auch die Wälder Nordafrikas sind dem antiken Schiffsbau zum Opfer gefallen), kann und muss als erste (solchermaßen bekannte) von Menschen gemachte Klimakatastrophe bewertet werden. Doch besteht der fundamentale Unterschied zu dem, was wir diesbezüglich heute erleben, genau darin, dass die in der Antike verursachten Schäden noch wahrhaftig dem technologischen Rückstand angelastet werden dürfen (obwohl natürlich sofort zu fragen ist, woran es denn gelegen hat, dass die Technik der Eisengewinnung so erfolgreich in jeder nur möglichen Waffenproduktion Anwendung findet, mit Aufkommen der Bronzezeit nämlich, also jener Zeit, wo das Metall Geburtshelfer der Klassengesellschaft spielen durfte, aber es eben nicht vermochte eine vergleichbare Assistenz bei der Schaffung einer des Menschen – solchermaßen ja erfolgreichen Menschen - würdigen zivilen ökonomischen Umwelt). Das Streben nach Maximalprofiten der Gegenwart verwandelt indes jeden nur denkbaren „technologischen Rückstand“ unwiderruflich in dessen scheinbares Gegenteil. . Infolge des im Kapitalismus nun ultimativ zugespitzten Klassenwiderspruchs ist „Rückstand“ nunmehr rein gesellschaftlich zu begreifen. (Insbesondere da auch dieser sich vorwiegend in der Form von technologischer Fehlentwicklung darbietet, welche sich groteskerweise auch als Opferungsritual zelebriert. Wo also auf den Altären der Zeit die technologische Innovation dieser Zeit jenen geopfert wird, die da, welch magischer Zauber, immer die einzigen Gewinner der Zeit sind – jenen also von Beginn der Klassengesellschaft an Zuständigen für Rüstung und Verteidigung.) . Erst wenn das Streben nach Maximalprofiten, nach Profiten überhaupt, obsolet geworden sein wird, wenn das Privateigentum an Produktionsmitteln (darin Kapital wie Lohnarbeit eingebunden), also erst wenn die Verwertung des Werts, Geschichte geworden sein wird, wird gesellschaftlicher wie auch technologischer Rückstand – gleich wie auch immer betrachtet - kein Diskursthema mehr sein. Möglicherweise lässt sich dennoch erst aus dieser Perspektive klären, welcher Rückstand da überhaupt für verantwortlich zu machen ist, damals, in jener Epoche, die da auch - absurderweise noch zusätzlich - als Geschichte von Klassenkämpfen Geschichte machen durfte. Einer Epoche, innerhalb derer die Menschen ob ihrer ökonomischen und solchermaßen „rückständigen“ Beziehungen (noch) nicht fähig zu sein schienen, sich von der Natur zu lösen, ja denen es offenbar nur möglich war, dieser Natur dabei (und sich damit selber) jeden nur denkbaren Schaden zuzufügen. Jener Zeit also, wo einzig die Klassengesellschaft für geeignet schien, so etwas wie technologischen Fortschritt überhaupt zu veranstalten. Und wo man die Tatsache von technologischen Fehlentwicklungen und das damit einhergehende Massenmorden als Kollateralschäden anzuerkennen suchte. . Vielleicht macht der Abstand aus dieser Perspektive es überhaupt erst möglich, den ganzen Raubbau an Mensch und Natur, vielleicht nicht gleich zu verzeihen – denn vermutlich werden die Schäden erst dort gezählt -, aber doch zumindest zu verstehen. Nämlich als einen bis dato Menschen technologischen Rückstand. . Verziehen wird hoffentlich niemals das Massenmorden innerhalb dieser Epochen. Gleich ob solches aus Habgier oder Leidenschaften erfolgte. Doch wird man vermutlich auch in diesen beiden Fällen dazu neigen, das jeweilige ethische Missverhalten in den ökonomischen Beziehungen der Menschen (und hoffentlich nicht nach Art Ralph Singers nur in dessen neuronalen Strukturen) verursacht zu sehen. . Denn was ist denn eine Leidenschaft die zum Mord gereicht nichts anderes als Leidenschaft aus Rückstand, diesmal einer nämlich, der, obwohl sich in der gesellschaftlich-phänomenologischen Sphäre abspielend, dennoch immer auch als psychologische „Unterentwickeltheit“ technologischer Unterentwicklung ist. Auch die psychologischen Evidenzen basieren mehr auf den äußeren ökonomischen Beziehungen des Menschen zur Natur als auf dessen originär-inneren, sprich: neuronalen. Auf dessen (technologisch bedingte) Fähigkeit nämlich, sein intimstes Inneres vom „natürlichen“ Äußeren zu trennen, und sei es auch nur für des Momentes eines rationalen Verhaltens. Oder anders: Das Maß zur Berechnung der Fähigkeit zu rationalem Verhalten können wir auch der technologischen Entwicklung als Maß anlegen, und vice versa. Das gilt auch und noch viel mehr, wo es uns nämlich gelingt, auf der neuronalen Ebene den direkten technologischen Zugriff zu installieren. Hier würde der psychische Zustand zu einem tatsächlich technischen mutieren, das Innere also zum Äußeren werden. . Vor allem aber sollten wir erkennen, dass „Ressourcenknappheit“ niemals „nicht-technisch“ bedingt ist, sowenig eben wie der Mangel an Fähigkeit zu rationalem Verhalten.

0 Herold Binsack 17.11.2011, 16:52 Uhr

Sorry - Übertragungsfehler -...

Sorry - Übertragungsfehler - bin offenbar schon ein wenig müde! . Es muss natürlich lauten: "Denn was ist denn eine Leidenschaft die zum Mord gereicht nichts anderes als Leidenschaft aus Rückstand, diesmal einer nämlich, die, obwohl sich in der gesellschaftlich-phänomenologischen Sphäre abspielend, dennoch immer auch als psychologische „Unterentwickeltheit“ technologische Unterentwicklung ist."

dichtete und vertonte in seinen sittlich desorientierten Jugendjahren Spottverse, deren Vortrag er mit der Mandoline begleitete.