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Auch Sozialwissenschaftler sind Wissenschaftler

08.12.2011, 19:11 Uhr  ·  Immer wieder wird den Sozialwissenschaften vorgeworfen, methodisch hinter den Naturwissenschaften zurückzubleiben. Dabei machen sie doch eigentlich aus den Möglichkeiten das Beste.

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Immer wieder wird den Sozialwissenschaften vorgeworfen, methodisch hinter den Naturwissenschaften zurückzubleiben. Dabei machen sie doch eigentlich aus den Möglichkeiten das Beste.

Falls Sie, lieber Leser, sozialversicherungspflichtig angestellt sind, haben Sie möglicherweise irgendwann an einem “natural experiment” teilgenommen, ganz ohne sich dessen bewußt zu sein. Natural experiments nämlich sind seit einigen Jahren der neueste Schrei in der empirischen Wirtschaftsforschung, wobei der Begriff äußerst irreführend ist: weder wird experimentiert, noch ist irgendwas natürlich, es wird nämlich vor allem gerechnet. In Zeiten beinahe unbegrenzter Rechnerkapazität liegt die Herausforderung allerdings mehr im Studiendesign als in der Effizienz oder Rechenintensität.

Korrekter heißt es manchmal auch quasi-natural experiments, denn die Idee dahinter folgt lediglich der Strategie richtiger Experimente. Das perfekte Studiendesign hat sich in der medizinschen Forschung herausgebildet, wenn die Wirkung oder deren Abwesenheit einer Behandlung beurteilt werden soll: viele Testpersonen, eine Behandlungs- und eine Kontrollgruppe, wobei die Behandlung zufällig zugeteilt und doppelblind durchgeführt wird: weder Patient noch Arzt wissen, wer die Behandlung und wer nur ein Placebo bekommen hat. Ergebnisse, die solcherart gewonnen werden, gelten weithin als zuverlässig und als solide Entscheidungsgrundlage.

Leider, leider, sind in den Sozialwissenschaften, die so gerne wissenschaftlicher wären und stets nach mathematischer Validierung streben, solche Experimente oftmals nicht zu machen. Man kann Schulkinder nicht einfach zu Tausenden zufällig in kleine und große Klassen aufteilen, ein paar Jahre warten, und dann schauen, wer bessere Abiturnoten hat. Ebensowenig klug wäre es, würde die Arbeitsagentur zur besseren Beurteilung ihrer Schulungs- und sonstigen Maßnahmen diese nur noch einem Teil der Arbeitssuchenden angedeihen lassen, auf daß man eine vernünftige Kontrollgruppe habe. Ein Sturm der Entrüstung bräche los, würde man all die vielen sozialstaatlichen Maßnahmen, von Transferleistungen bis zur Besteuerung, in echten, kontrollierten Experimenten untersuchen wollen. Also muß man sich mit bereits erhobenen Daten begnügen – zum Beispiel aus der Sozialversicherung.

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Machbar wären solche Studien natürlich theoretisch, nähme man den Erhebungsaufwand billigend in Kauf, ethisch vertretbar hingegen wären sie in den meisten Fällen nicht, zumal in Industrieländern – irgendwie scheint das Erkenntnisinteresse in den Sozialwissenschaften weniger zu wiegen als in der Medizin (wo ja auch mancher Kranke das neuartige Medikament nicht bekommt, zu Studienzwecken).

In Entwicklungsländern sieht es etwas anders aus, da sind echte Experimente seit einigen Jahren sehr populär und ein Buch, das sich vor allem auf experimentelle Erkenntnisse stützt, ist der aktuelle Renner der populärwissenschaftlichen Fachliteratur. In Indien zum Beispiel ist es nämlich durchaus machbar, eine Bank, die ohnehin nur eine begrenzte Anzahl von Filialen im Einzugsgebiet einer Stadt eröffnen möchte, dabei zu begleiten. Die Filialen werden einfach möglichst zufällig (und nicht nach Marktforschungskriterien) plaziert, dann muß man nur noch die Einwohner der Stadt auf breiter Basis befragen, ob und wie der verbesserte Zugang zu Bankdienstleistungen ihre Lebensumstände verändert hat. Manche Themen lassen sich also durchaus evaluieren, bei anderen hingegen sind die Hindernisse tatsächlich unüberwindlich.

In der makroökonomischen Forschung, wo man mit ganzen Ländern experimentieren müßte, wird wohl niemals jemand richtige Experimente durchführen. Angesichts der vielfachen Einschränkungen sind jedenfalls diese Methoden häufig das nächstbeste Forschungsdesign, bei dem versucht wird, möglichst nah an die idealerweise wünschenswerten Bedingungen heranzukommen.

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Manchmal begünstigen die Umstände solche Unterfangen. Während Doppelblindheit natürlich nur bei Medikamenten realisierbar ist, läßt sich die zufällige Zuteilung der Teilnehmer zur Behandlungs- und Kontrollgruppe durchaus annähernd nachbilden. Willkürlich von Gesetzgebern etablierte Schwellenwerte ermöglichen häufig eine Zuordnung von Individuen, die fast wie zufällig ist. Altersgrenzen für Teilnehmer an bestimmten Programmen wären ein Beispiel – mit ziemlicher Sicherheit unterscheiden sich 24-jährige Jugendliche nicht besonders von 25-jährigen Jugendlichen, wenn allerdings altersbedingt nur einer Gruppe die Teilnahme an einer Maßnahme erlaubt ist, ist die Zuordnung so gut wie zufällig und die andere Gruppe ist eine fast perfekte Kontrollgruppe.

Ein ähnliches Konzept, bezogen auf Testwerte, haben Forscher genutzt, um den – vermeintlich – positiven Einfluß von Privatschulen auf Schülerleistungen zu demontieren. Würde man Abgänger privater und öffentlicher Schulen ohne große Korrekturen vergleichen, die Ergebnisse wären hochgradig irreführend. Aller Wahrscheinlichkeit nach nämlich sind die Schüler auf Privatschulen fundamental anders als solche an staatlichen Schulen. Motivierte und ehrgeizige Elternhäuser, finanzielle Förderung, ehrgeizige Schüler – diese Faktoren beeinflussen die Wahl der Schule und die lebenslangen Leistungen, besonders im Rahmen der Ausbildungskarriere.

Eben weil die Zuteilung zu Schulen nicht zufällig erfolgt, sondern von Individuen bewußt gesteuert wird, ist ein systematischer Vergleich unterschiedlicher Schulformen wenig informativ. An einer kleinen Anzahl öffentlicher Privatschulen in amerikanischen Metropolen wird die Zulassung allein basierend auf Schulnoten und Testscores vorgenommen, und dies ist ein Hebelpunkt für einen quasi-experimentelle Analyse. Basierend auf der Annahme, daß Schüler die gerade eben zugelassen wurden und solche, die knapp abgelehnt wurden, in ihrer kognitiven und sonstigen geistigen Ausstattung und persönlichen Motivation relativ ähnlich sind, stellen letztere eine perfekte Kontrollgruppe dar. Die Autoren der Studie vergleichen also Schulleistungen in den letzten Jahren der Schulkarriere aus diversen Quellen für beide Gruppen und prüfen die Hypothese, daß die Beschulung durch eine „Exam School” einen positiven Einfluß hat – sei es durch verbesserten Unterricht oder Gruppeneffekte. Und kommen zu dem Ergebnis, daß der Einfluß minimal ist und vor allem durch Minderheitengruppen getrieben wird.

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Während diese Methode fraglos manches Problem löst und vielen früheren Ansätzen, wo oftmals Äpfel mit Birnen verglichen wurden, deutlich überlegen ist, gibt es trotzdem bei näherer Betrachtung Probleme, die im Detail stecken. Erstens sagen die Ergebnisse ausschließlich etwas über eine sehr eng definierte Gruppe aus – im obigen Beispiel über besonders leistungsstarke Schüler. Über die Wirkung von besonderer Förderung oder Gruppeneffekte bei anderen Schülern lassen die Ergebnisse keine Rückschlüsse zu. Weiterhin stellt sich in jeder Art von Studie immer die Frage nach „attrition”, also den Individuen, die irgendwann ausgeschieden sind. Überhaupt jede Art von nicht-zufälliger Variation in Subgruppen ist von Übel, aber nicht immer stehen alle Daten zur Verfügung, die nützlich wären, um solche latenten Muster zu entdecken, noch weniger, um sie zu korrigieren.

Insgesamt hat die empirische Wirtschaftsforschung dennoch in den vergangenen zwanzig Jahren enorme Fortschritte gemacht und die heutigen Methoden sind den älteren Ansätzen weit überlegen. Die relative Sauberkeit medizinischer Studien jedoch, oder gar die absolute Transparenz naturwissenschaftlicher Experimente wird sich jedoch wohl niemals erreichen lassen – daran können auch Computer nichts ändern (auch wenn diese die Forschung massiv verändert haben). Und damit bleibt eine der größten Streitfragen der Zunft offen: sollte man nur noch jene Fragen stellen, die sich mit den vorhandenen Methoden einigermaßen valide beantworten lassen, oder läßt man sich auf weniger saubere, glaubwürdige Methoden ein, wo anders kein Fortschritt zu erzielen ist?

 
 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (56)
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Ich glaube, das eigentliche...

Ich glaube, das eigentliche "Problem" der Sozialwisschenschaften ist ein anderes. Zum einen die unterliegende Ideologie. Man hat meistens das Gefühl, dass das Ergebnis so ist, wie vom Institut oder Professor gewünscht, bzw. meistens stimmen die Ergebnisse merkwürdigerweise mit der politischen Ausrichtung überein. Und zum zweiten sind sie bisher vornehmlich nur in der Lage, in Thesen Selbstverständlichkeiten zu publizieren. Dazu kann man entgegnen, dass eine wissenschaftliche These ein ganz anderes Niveau hat, als ein blosses Gefühl. Das ist schon richtig. Aber solange eine Wissenschaft nicht in der Lage ist, echte Neuigkeiten zu präsentieren, muss sie sich nicht wundern, dass sie niemand Ernst nimmt und deren Veröffentlichung höchstens Verwundern bis zu höhnischem Gelächter hervorrufen.

Werte Sophia, sie sprechen da...

Werte Sophia, sie sprechen da durchaus einige grundsätzliche Probleme experimentellen soziologischen Arbeitens an, welche so nicht in der Naturwissenschaft auftreten. Ich denke jedoch nicht, dass sie die Sozialwissenschaften grundsätzlich schwieriger machen als die Naturwissenschaften. Auch Naturwissenschaftler beschäftigen sich mit Dingen, die sich aus grundsätzlichen Gründen der experimentellen Erfassung entziehen - ja sogar in den Ingenieurswissenschaften ist dies allgegenwärtig. Wie gut das Containment eines Atomreaktors nach zehn Jahren Betrieb eine Kernschmelze übersteht, lässt sich nicht experimentell untersuchen. . Mir scheint jedoch, dass in den Sozialwissenschaften diese Probleme gelegentlich als Ausrede dienen, es mit der wissenschaftlichen Methode nicht ganz so genau zu nehmen. Denn wenn man in der Beobachtung aus Gründen wie Sie sie dargelegt haben eingeschränkt ist, muss man umso stärker darauf achten, belegbare Erkenntnisse von Vermutungen und Spekulationen zu trennen und die den eigenen Überlegungen zugrunde liegenden Annahmen zu nennen. Natürlich gibt es auch Sozialwissenschaftler, die das gewissenhaft tun und oft sind es in erster Linie die reduzierten Darstellungen der Ergebnisse in der Presse, welche diese Details weglassen. . Und um Ihren letzten Satz aufzugreifen: welchen Wert hat denn Fortschritt, welcher nicht zu einem nachhaltigen Erkenntnisgewinn führt? Was mir dabei auch einfällt ist ein alter Witz von einem Schüler, der dem Lehrer eine komplizierte Rechenaufgabe sofort beantwortet - zwar vollkommen falsch, aber dafür blitzschnell.

0 HansMeier555 08.12.2011, 21:04 Uhr

"Inder makroökonomischen...

"Inder makroökonomischen Forschung, wo man mit ganzen Ländern experimentieren müßte, wird wohl niemals jemand richtige Experimente durchführen." - Hm hm. Mal schaun!

0 HansMeier555 08.12.2011, 21:10 Uhr

Sozialwissenschaften sind...

Sozialwissenschaften sind notwendigerweise immer auch Legitimationswissenschaften. . Die Gesellschaft ist kein "Objekt", sondern ein Subjekt, und ausserdem noch mit einem selber verwachsen. Da der Sozialwissenschaftler sich eben immer auch selber erforscht, können Methode und Ergebnisse nicht "objektiv" sein. . Man könnte sagen: in einer aufgeklärten Gesellschaft, die über sich selbst zu reflexieren angewöhnt hat, ist die Sozialwissenschaft nicht zuletzt auch eine rhetorische Kunst. Es geht darum, politische Ziele als wünschenswert und die gewählten Mittel als geeignet hinzustellen. Das muß nicht unbedingt mit Fälschungen einhergehen, der Wissenschaftler (gerade der engagierte) handelt wohl zumeist im besten Glauben an die Richtigkeit seiner ERkenntnisse.

0 sophia.infinitesimalia 08.12.2011, 21:20 Uhr

destello, was wäre denn eine...

destello, was wäre denn eine angemessen neue These in Ihren Augen? Und sind Sie sicher, daß Sie alle derartigen Veröffentlichungen der letzten Jahre kennen, um zu entscheiden, daß da nichts Neues dabei war? Das Exam School Paper oben zum Beispiel ist doch durchaus ein neues Ergebnis? . Lieber Chris, manche Beschränkungen in der sowi-Forschung sind einfach nicht zu umgehen, siehe Makroökonomische Studien. Ob diese oder jene Gesetzesreform Auswirkungen hat oder nicht - das wird sich nach heutigem Ermessen niemals wissenschaftlich 100 % beweisen lassen. Indizien kann man hingegen sehr wohl sammeln - und viele Indizien sind doch auch ein Erkenntnisgewinn?

0 Oliver-August Lützenich 08.12.2011, 21:21 Uhr

Philo@Sophia: Wir sind auch...

Philo@Sophia: Wir sind auch ein Studienobjekt, das für das, was Uns studiert, absolut Transparent ist. Mehr noch, als es für Uns die Naturwissenschaften sind, denn das, was Uns studiert, ist auch in Uns. Hihihi! Es kitzelt und vibriert gerade. Und ES ist mit und um Uns, ES ist Forscher und ForschungsSubjekt in E(ine)S. Setzen Sie jetzt gerade an mit der Esoterik-Keule? Aber nein, das ist weder Geheim- noch ein Insider-Wissen, es ist nur nicht weit verbreitet und relativ neu. Aber es ist nun mal noch leichter und üblicher, das Mensch aus der Natur zu sondern (entnehmen) und Es auf einen Extraposten zu stellen, das ist eine sehr alte Meinung/Glaube und eine sprachliche Normalität. Was, wie ich vermute, Uns gar nicht gut bekommt, was aber bestimmt irgendwann korrigiert wird. Sie deuten diese am weitesten verbreitete Extremposition in einem Satz an: "Natural experiments nämlich sind seit einigen Jahren der neueste Schrei in der empirischen Wirtschaftsforschung, wobei der Begriff äußerst irreführend ist: weder wird experimentiert, -->noch ist irgendwas natürlich

0 sophia.infinitesimalia 08.12.2011, 21:21 Uhr

Werter HansMeier555, ich sehe...

Werter HansMeier555, ich sehe hier ungeahnte Chancen für die Wissenschaft, wenn erst Feudalismus wieder regiert. Dann könnte man auch einfach alle handwerklich unsauber arbeitenden Wissenschaftler rauswerfen. Man könnte sogar schauen, ob sich durch den Rauswurf die makroökonomische Situation mittelfristig verbessert...

0 HansMeier555 08.12.2011, 21:34 Uhr

Was die Sozialwissenschaft in...

Was die Sozialwissenschaft in einer Gesellschaft ist, hängt stark von der Erwartung ab, welche letztere der ersten entgegenbringt und wie sie sich selber auffasst. Wer die Bevölkerung als formbares, konditionierbares und in seinem Verhalten prognostizierbares Material betrachtet, wird den Sozialwissenschaften andere und größere Aufgaben zuweisen als jemand, der sein Menschenbild aus eigener Erfahrung und der klassischen Literatur bezieht. . Darin sehe ich die Ursünde der modernen Sozialwissenschaft: In der Neigung, Menschen zu Objekten zu degradieren -- und das nicht nur im methodisch notwendigen Mass, sondern ausserdem diese Degradierung auch zu wünschen. . Der Wunsch der Sozialwissenschaft, eine Naturwissenschaft zu sein, letztlich identisch mit dem Wunsch nach Errichtung einer totalitären Gesellschaft.

0 HansMeier555 08.12.2011, 21:43 Uhr

Liebe Sophia, . seltsame...

Liebe Sophia, . seltsame Vorstellungen haben Sie! . Gerade im Feudalismus ist der Rauswurf schludriger Gelehrter am schwierigsten durchzusetzen! . Die feudale Gesellschaft nimmt sich nach literarischen und religiösen Vorbildern wahr, niemals nach physikalisch-technischen. . Denn das ist die (totalitäre) Metapher der modernen Sozialwissenschaft: Die Gesellschaft sein ein "System", ein Apparat eine Maschine, die "richtig konstruiert" sein muß, damit sie "funktioniert". Aber schon diese Sprache ist unsinnig und verräterisch, und im Grunde vollkommen lächerlich. Über den Intellektuellen des 20. Jhs. (v.a. den Sozialwissenschaftler) ist im Grunde schon alles gesagt, wenn man weiss, dass er für seine Gesellschaft nie andere Bezeichnungen gefunden hat als immer nur: "System, System." Schrecklich!

"HM555 Darin sehe ich die...

"HM555 Darin sehe ich die Ursünde der modernen Sozialwissenschaft: In der Neigung, Menschen zu Objekten zu degradieren -- und das nicht nur im methodisch notwendigen Mass, sondern ausserdem diese Degradierung auch zu wünschen. " Die Naturwissenschaften - insbesondere die evidenzbasierte Medizin inklusive der RCTs - "degradieren" den Menschen genauso zum Objekt aus Alter/Größe/Gewicht/Vorerkrankungen/Blutrdruck/Puls. Darüber zu lamentieren mag moralisch überlegen wirken, nur so kann man aber vernünftige Forschung betreiben. . In den Naturwissenschaften wird auch viel schlechte Forschung betrieben, extrem viel sogar. Pubmed ist voll von handwerklich schlecht gemachten Winzstudien mit schlecht ausgewählter Patientenkohorte, unsauberer Fragestellung, falsch berechneter Statistik und Conclusions, bei denen ich mich frage, wie man anhand der Daten da hin gekommen ist. Die "Forscher" der sogenannten Alternativmedizin oder Integrativen Medizin sind da ganz groß, darauf fußt eine ganz Industrie. . So wie den Sozialwissenschaften nicht einfach ganze Länder einem Versuch zugeordnet werden können, kann man in der Medizin auch nicht einfach placebokontrollierte RCTs betreiben, weil es schlicht unethisch wäre. Ein Beispiel ist die Intensivtherapie und Rettungsmedizin. Bei der Reanimation der Hälfte der Patienten 1 mg Adrenalin vorzuenthalten erlaubt so keine Ethikkommision ;). Man baut auf einer Vielzahl an einzelnen Untersuchungen z.B. an Schweinen und Veränderungen in der Survivalrate auf. . Grundsätzlich kann in den Sozialwissenschaften auch sehr gute Wissenschaft betrieben werden, die mit den Naturwissenschaften m ithalten kann. Wichtig ist, dass man mit dem Zweifeln beginnt und anhand von Daten eine schlüssige Theorie erschafft, die in Einklang mit etablieten anderen Theorien stehen kann. Hier liegt der Hauptunterschied, den destello ja bereits angesprochen hat: Nicht das Betreiben von Wissenschaft ist das Ziel, sondern die Suche nach Beweisen für eigene Ideologien und Dogmen unter Ausschluss von anders lautenden Daten, auf die manche ihre ganze Karriere aufbauen. Das ist dann aber ein Problem der daran beteiligten Persönlichkeiten, nicht eines der Sozialwissenschaften an sich.

0 sophia.infinitesimalia 08.12.2011, 22:23 Uhr

Oliver-August Lützenich, ich...

Oliver-August Lützenich, ich korrigiere mich, etwas an natural experiments ist doch natürlich: die Zuteilung des Treatment, der Reform, der Maßnahme. Diese ist nämlicht nicht, wie im kontrollierten Experiment, gezielt zugewiesen, sondern auf anderem Wege entstanden. . HansMeier555, dann ist es gut, daß es immer noch genug Sozialwissenschaftler gibt, die mit den Beschränkungen des Fachs und all den methodischen Unzulänglichkeiten ganz zufrieden sind. Und ganz untotalitär. . Asper, danke, daß Sie mir dabei helfen, für die sozialwissenschaftlichen Methoden eine Lanze zu brechen. Keine Frage gibt es ganz viel miese Wissenschaft - aber in fast allen Fächern. Gute Wissenschaft zeichnet sich nicht durch diese oder jene Methode aus, sondern die Auswahl derselben - und den Umgang mit gegebenen Einschränkungen.

0 HansMeier555 08.12.2011, 22:39 Uhr

Liebe(r) Asper, . die Medizin...

Liebe(r) Asper, . die Medizin und die Biologie untersuchen den menschlichen Körper, d.h. den Menschen unter naturwissenschaftlichem Aspekt. Das ist legtitim und nicht inhuman, solange die Medizin sich über die Begrenztheit ihrer Aufgabe immer bewußt ist und z.B. nicht das menschliche Verhalten (als KOnsument oder Wähler oder Anhänger einer REligion) erklären und steuern will. . Ausserdem gibt es ja auch noch die "Rechtswissenschaft", die "Literaturwissenschaft", die "Religionswissenschaft" und was weiß ich nicht noch alles. Nix davon will Naturwissenschaft sein, und Zweifel an der Existenzberechtigung sind trotzem selten.

0 HansMeier555 08.12.2011, 22:41 Uhr

@Sophia . "dann ist es gut,...

@Sophia . "dann ist es gut, daß es immer noch genug Sozialwissenschaftler gibt, die mit den Beschränkungen des Fachs und all den methodischen Unzulänglichkeiten ganz zufrieden sind." . Natürlich. Die Sozialwissenschaft muß sichs zu ihrer anthropologischen Seite bekennen, dazu, daß sie im Grunde eine Geisteswissenschaft ist.

HM555, die Medizin und...

HM555, die Medizin und Psychologie untersucht und erklärt das menschliche Verhalten und versucht sehr umfangreich pathologischen Formen entgegenzuwirken und vorzubeugen. Stichwort Missbrauch (Konsum) von (legalen) Drogen. Auch Rechts- und Literaturwissenschatler müssen sich der Logik und Regeln von guter Wissenschaft unterwerfen, egal ob "Natur" davor steht oder nicht. . Geehrte SAAI, ich habe zu danken. Das Thema Wissenschaft kann man gar nicht genug puschen. Auch ich gehöre ja zu den Naturwissenschaftlern, die sich gerne mal über die SoWis und insbesondere die GeWis lustig macht, ohne ersteinmal vor der eigenen Haustür gekehrt zu haben. Gerade mein Fach (Medizin) muss scih noch mehr den richtig harten WIssenschaften (Physik, Chemie, MAthematik, Biologie und all ihren Überschneidungen) annähern. . Ein Beispiel dafür, was Wissenschaft bedeutet sind die jüngsten Geschehnisse um die Entdeckungen von Neutrinos oberhalb der Lichtgeschwindigkeit. Anstatt die Reihen zu schließen und unerwünschte Ergebnisse zu ignorieren wurde mit gesunder Skepsis reagiert. Das heißt: Nachrechnen der DAten, Überprüfung der Versuchsanordnung, Wiederholung der Versuche durch ein anderes Team. UNd wenn man nicht hier eine Erklärung findet, muss man ein Ergebniss, was überhaupt nicht in das Theoriengebäude reinpasst, eben einbauen. Was mehr Versuche, mehr Wissenschaft bedeutet. DAS ist Wissenschaft! . Wer sich für die Untiefen der wissenschaftlich basierten Medizin interessiert möchte ich hier hin verweisen. Auch für (englichsprachige) Laien geeignet und gedacht: http://www.sciencebasedmedicine.org/index.php/ethics-in-human-experimentation-in-science-based-medicine/ http://www.sciencebasedmedicine.org/index.php/of-sbm-and-ebm-redux-part-i-does-ebm-undervalue-basic-science-and-overvalue-rcts/

0 HansMeier555 09.12.2011, 08:06 Uhr

Um zu erklären, was ich...

Um zu erklären, was ich meine, erlaube ich mir ein wenig Friedrich Engels zu zitieren, aus seiner Grabrede für Karl Marx: . "Karl Marx war einer jener hervorragenden Männer, von denen ein Jahrhundert nur wenige hervorbringt. Charles Darwin entdeckte das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur auf unserem Planeten. Marx ist der Entdecker jenes grundlegenden Gesetzes, das den Gang und die Entwicklung der menschlichen Geschichte bestimmt, ein Gesetz, so einfach und einleuchtend, daß gewissermaßen seine bloße Darlegung genügt, um seine Anerkennung zu sichern. Doch damit nicht genug, hat Marx auch jenes Gesetz entdeckt, das unsere gegenwärtige Stufe der Gesellschaft und ihre große Klassenteilung in Kapitalisten und Lohnarbeiter hervorgebracht hat. Es ist das Gesetz, demgemäß sich diese Gesellschaft organisiert, sich entwickelt, bis sie so weit über sich selbst hinausgewachsen ist, daß sie schließlich untergehen muß wie alle vorangegangenen historischen Phasen der Gesellschaft. Solche Ergebnisse machen es um so schmerzlicher, daß er uns mitten aus seinem Schaffen entrissen worden ist, daß er - so viel er hervorgebracht hat - dennoch weit mehr unvollendet zurückläßt. So teuer ihm die Wissenschaft war, hat sie ihn dennoch nicht vollständig ausgefüllt. Niemand empfand reinere Freude als er, wenn ein neuer wissenschaftlicher Fortschritt erzielt wurde, gleichgültig, ob praktisch anwendbar oder nicht. Vor allem aber sah er in der Wissenschaft einen großen Hebel der Geschichte, eine revolutionäre Kraft im wahrsten Sinne des Wortes. Und in diesem Sinne wandte er jene gewaltigen Kenntnisse, speziell in der Geschichte, auf alle von ihm beherrschten Gebiete an." . http://www.mlwerke.de/me/me19/me19_333.htm

0 sophia.infinitesimalia 09.12.2011, 08:52 Uhr

HansMeier555, keine...

HansMeier555, keine Geisteswissenschaft. Der Grundanspruch ist in meinen Augen schon, Hypothesen aufzustellen und diese zu falsifizieren, und das auf methodische und nachvollziehbare Art und Weise. Die Grundannahmen sind (ohne, daß ich übermäßig viel von geisteswissenschaftlicher Methodik verstehe) doch in meinen Augen transparenter. So gesehen würde ich Sozialwissenschaften irgendwo in der Mitte einordnen. Und ganz unabhängig davon sehe ich den Selbstwert von Erkenntnisgewinn, egal wie nützlich oder unnütz. . Werter Asper, die Debatte hier knüpft an einen der letzten Beiträge an, wo ich viel Prügel dafür bezogen habe, von Wirtschafts"wissenschaft" zu sprechen. Dabei finde ich, jedes Fach hat seine Methode und die eine ist nicht notwendigerweise schlechter als die andere - verbessern kann man sich aber immer (und sauber arbeiten _sollte_ man immer).

0 Thorsten Haupts 09.12.2011, 09:10 Uhr

Cher Sophia, seufz. Ich kann...

Cher Sophia, seufz. Ich kann mich Ihrer Auffassung nicht anschliessen, dass Sozialwissenschaftler Wissenschaftler sind. Ich begründe das aus Platzgründen mit nur einem Beispiel, der "Studie" der Friedrich Ebert Stiftung zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in Europa. http://library.fes.de/pdf-files/do/07905-20110311.pdf Aus dem Kapitel 2.3 "Offene und versteckte Vorurteile: "In modernen Vorurteilen drücken sich Stereotype in einer höflicheren Art und Weise aus, wie etwa in der Aussage, eine Gruppe sei doch nicht so leistungsstark oder sie vertrete nun völlig andere und unvereinbare Werte in Bezug auf Bildung oder die Gleichstellung von Mann und Frau." Aha. Beide Aussagen liessen sich falsifizieren (unterliegen also Poppers Abgrenzungskriterium zwischen Wissenschaft und Metaphysik). In ihrer begründungslosen Qualifizierung als "Vorurteil" stecken eine Reihe belegloser Urteile (aka Vorurteile), wie die, dass Leistungsunterschiede zwischen Gruppen ausgeschlossen sind oder dass es keine unvereinbaren Werte zwischen verschiedenen Gruppen geben kann. Das ist keine Wissenschaft, das ist Propaganda. Kapitel 4.1 "Fremdenfeindlichkeit": Fragestellung: "Es gibt zu viele Zuwanderer in (jew. Land)." Zustimmung = Indiz für Fremdenfeindlichkeit. Aha. In dieser Wertung steckt ihrerseits ein ganzes Bündel unhinterfragter, ungeprüfter und unbelegter Urteile (aka Vorurteile). So könnte die Aussage z.B. auf den gesellschaftlichen und ökonomischen Kosten beruhen, die die konkrete Art der Zuwanderung in einem Land geschaffen hat (Erfahrungswert). Oder/und auf persönlichen Erfahrungen mit Zuwanderern, z.B. die von Schwulen in Türkenvierteln. Und selbst, wenn diese Aussage keine derartigen Hintergründe hat, ist der umstandslose Schluss von "Ich bin gegen zuviele Zuwanderer" auf "Ich lehne Fremde pauschal ab" nur durch eine ganze Reihe von Zwischenschlüssen herzuleiten, deren Prämissen und Schlussregeln die Studie aber keineswegs leistet, die also vermutlich nicht existieren. Kapitel 4.3 "Rassismus" Fragestellung: "Manche Kulturen sind anderen klar überlegen." Zustimmung = Rassismus. Okay. Ich bekenne mich hiermit als aktiver Rassist. Ich bin nämlich tatsächlich der Auffassung, dass eine liberale und aufgeklärte Kultur der der pakistanischen Taliban in jeder Beziehung unendlich überlegen ist. Ich will hier abbrechen. Man reiche mir eine beliebeige soziologische Studie der letzten 10 Jahre - und ich werde für jede den Nachweis führen können, dass sie den Namen "wissenschaftlich" nicht verdient. Denn dafür reicht die Anwendung bestimmter mathematischer Verfahren schlicht nicht aus, wenn in den Axiomen, Schlussregeln und Bewertungen ungezählte Urteile stecken, die nicht selten ihrerseits schlicht Vorurteile sind. Solange die Soziologie im allgemeinen ihre Grundlagen nicht hinterfragt (die sich mit dem Zeitgeist ändern, seit etwa 40 Jahren politisch "links" geprägt), ist sie keine Wissenschaft und wird es niemals sein. Gruss, Thorsten Haupts

Im unteren Foto: Sind das alte...

Im unteren Foto: Sind das alte Donald Duck-Hefte im Regal?

0 astroklaus 09.12.2011, 10:35 Uhr

Ein wesentlicher Punkt jeder...

Ein wesentlicher Punkt jeder Art von Wissenschaft sollte doch sein, daß man Etwas verstehen oder etwas Neues finden will. Dazu gehört vor allem die Bereitschaft, auch das zu akzeptieren, was den eigenen Vorstellungen zuwiderläuft. Hier haben es zB die Physiker (natürlich) etwas einfacher: "You cannot fool nature". Bei Geistes- Sozial- und WirtschaftsWis ist es aus vielerlei Gründen wesentlich leichter, sich und anderen etwas vorzumachen. Sei es durch die mangelnde Abtrennung des Forschungsobjekts vom forschenden Subjekt, durch ethische Gründe oder eben durch Voreingenommenheit. Die Probleme sind bekannt und adressiert: man lese zB Jon Elster "Explaining Social Behavior" - insbesondere sein eindringliches Plädoyer am Anfang, das für sauberes Arbeiten wirbt. Ich will beileibe nicht behaupten, in den Naturwissenschaften würde immer sauber gearbeitet oder argumentiert - man fliegt aber wesentlich schneller auf als anderswo. Ein einzelner Forscher oder eine Gruppe kann sich auch in der Physik lebenslang etwas vormachen (daher das Bonmot, daß falsche Theorien nicht widerlegt werden, sondern aussterben), aber die "Gesetze", die man untersucht, existieren eben ganz unabhängig von uns und lassen sich auch nicht durch uns beeinflussen. Kompliziert ist die Debatte auch dadurch, daß man manchmal Umwege braucht, um zur korrekten Erkenntnis zu gelangen (auch in den Naturwissenschaften). Dies ist zB von Paul Feyerabend schön am Beispiel von Galileis Vorgehensweise beschrieben ("Wider den Methodenzwang").

0 Rainer Scheerer 09.12.2011, 10:59 Uhr

Medizinische Untersuchungen...

Medizinische Untersuchungen sind auch oft sehr grenzwertig. Letztens geisterte eine Meldung aus USA durch die Medien, der Konsum von süßen Erfrischungsgetränken (integriert als Verhalten, nicht unmittelbar vor der Aggression) ) verursache körperliche Aggressionen. Zu diesen gehört v.a. Coca Cola. Nun, wer trinkt denn viel von dem Zeug? Dass die Angehörigen der Unterschicht häufiger zuschlagen als Juppies, dürfte jedermann klar sein, man sagt es nur nicht so offen.

0 sophia.infinitesimalia 09.12.2011, 11:27 Uhr

Thorsten Haupts, erstens: Ich...

Thorsten Haupts, erstens: Ich meine große Studien, die nach bestem Vermögen versuchen, menschliches Verhalten und Reaktionen zu ergründen - je quantitativer und unvoreingenommener, desto besser. Zweitens: vielleicht haben wir grundsätzlich unterschiedliche Vorstellungen davon, was Wissenschaft auszeichnet? Für mich ist Wissenschaft methodischer, reproduzierbarer, transparenter Erkenntnisfortschritt. Für Sie vielleicht etwas anderes? . Jeeves, das ist die Bibliothek einer Schule, allerdings keine "exam school". . astroklaus, "die "Gesetze", die man untersucht, existieren eben ganz unabhängig von uns und lassen sich auch nicht durch uns beeinflussen." - das haben Sie schön gesagt. Genau das meine ich mit unausweichlichen Einschränkungen bestimmter Fächer - aber das allein macht das Fach doch nicht unwissenschaftlich.

0 sophia.infinitesimalia 09.12.2011, 11:27 Uhr

Rainer Scheerer, das geht aber...

Rainer Scheerer, das geht aber schon wieder in den "behavioural" Bereich über, denke ich, und da begegnen dann auch der Medizin alle Probleme, mit denen Sozialwissenschaften permanent kämpfen.

0 Herr G. aus B. 09.12.2011, 12:26 Uhr

Ich denke die Legitimation...

Ich denke die Legitimation jeder ernsthaften Wissenschaft ist gegeben und dass es soziale Phänomene gibt die der Betrachtung wert sind, ist auch keine Frage der Meinung, sondern Fakt. Das gänzliche Problem der Sozialwissenschaft ist wie beschrieben die nicht erfassbare Datenmenge, was zur Folge hat, dass der rein mathematischen Betrachtung nicht genüge getan wird, wenn man nicht den kompletten "Datensatz" benutzt und stattdessen meinungsbasierte Modelle anwendet. Allerdings ist das nun wirklich nicht nur ein Problem der Sozialwissenschaftler. (Wurde ja eigentlich auch schon gesagt: Ergo ich stimme zu.) Wo hingegen ich widersprechen muss, ist die These, dass es Naturwissenschaftler (das Beispiel Physiker wurde genannt) einfacher haben. Aus agnostischen Beweggründen sollte man Zweifel an Einsteins Worten: "Gott würfelt nicht.", haben und auch mit dem Gedanken spielen, dass wir in einer teilweise indeterminierten Welt leben, jedenfalls solange bis eine der beiden Thesen bestätigt wird - oder auch nicht. Was mich nochmals auf die Sozialwissenschaft zurückführt, die wenn es um Details geht, meiner Meinung nach alles andere als vorhersehbar ist.

0 HansMeier555 09.12.2011, 13:57 Uhr

Lieber Thorsten...

Lieber Thorsten Haupt, . "Wissenschaftlichkeit" bedeutet in den Sozialwissenschaften im Grunde nur, dass die Methoden und den Erkenntnisprozess, nach denen man zu seinem Urteil kommt, transparent macht. Mehr nicht. "Wissenschaftlichkeit" kann nicht bedeuten, dass auch alle Ergebnisse, zu denen der Autor der jeweiligen Studie kommt, unanfechtbar wären. . Was die oben von Ihnen angeführte Studie angeht, so dient sie m.E. tatsächlich eher dazu, das Auditorium auf einen bestimmten moralischen Konsens festzulegen als einer einer unanfechtbaren "wissenschaftlichen" Erkenntnis. Zweifellos fließen dort empirische Datenerhebung und moralische Bewertung ineinander. Die Frage ist, ob das überhaupt vermeidbar ist, ob es eine moralisch indifferente Erforschung solcher Fragen überhaupt geben kann und ob sie ethisch vertretbar wäre. . Oder anders gesagt: Es gibt Hoffnung, daß die Sozialwissenschaft der Gesellschaft den moralischen Selbstfindungsprozeß abnehmen kann. Die Frage, ob man Männern und Frauen, Afrikanern und Europäern, etc., gleiche Rechte zugestehen will oder nicht, und ob man sich überhaupt zum Postulat der Geltung universaler "Menschenrechte" bekennt oder nicht, ist eine genuin moralische. . Schon allein der Wunsch, mit "wissenschaftlichen Methoden" herausfinden zu wollen, ob Afrikaner nicht vielleicht doch irgendwie für "dümmer, aber dafür rhythmischer veranlagt" sind und darum benachteiligt werden dürfen, zeugt von niederer Gesinnung -- das jedenfalls ist meine Meinung, von der ich weiß, dass ich sie nicht "wissenschaftlich untermauern" kann.

0 sophia.infinitesimalia 09.12.2011, 20:04 Uhr

Herr G. aus B., vielen Dank...

Herr G. aus B., vielen Dank für die Schützenhilfe... ich wollte aber auch gar nicht sagen, daß Physik 100 % deterministisch ist (dafür habe ich zu wenig Ahnung), wohl aber, daß ein anderer Grad an Exaktheit oder Objektivität, oder methodischer Transparenz erreichbar ist. - Eben weil physikalische Gesetzt zumindest weniger mit unseren Handlungen interagieren. Aber wenn man sich Schrödingers Katze anschaut, ist ja sogar das fragwürdig. . HansMeier555, jetzt also Positivität vs. Normativität. Noch so ein Problem, mit dem sich natürlich eher auseinandersetzen müssen als Biologen. Wobei auch die manchmal in normative Probleme hineinlaufen. Viele neue Beitragsthemen für dises Forum hier, jedenfalls.

0 Thorsten Haupts 09.12.2011, 21:13 Uhr

@HansMeier555: "Schon allein...

@HansMeier555: "Schon allein der Wunsch, mit "wissenschaftlichen Methoden" herausfinden zu wollen, ob Afrikaner nicht vielleicht doch irgendwie für "dümmer, aber dafür rhythmischer veranlagt" sind und darum benachteiligt werden dürfen, zeugt von niederer Gesinnung" Aha. Der alte rhetorische Trick, eine Tatsachenaussage (der oder die ist dümmer oder intelligenter oder athletischer oder ausdauernder oder was auch immer) mit einer Wertungsaussage ("darum benachteiligt werden dürfen") unauflösbar zu verknüpfen und damit unmöglich zu machen. Geht´s auch ohne diese kindischen Tricks? Oder befürchten Sie, ich wolle das Dritte Reich durch die Hintertür wieder einführen? Ach nein - nur die alte Masche, eine Sachaussage zu verhindern, in dem man ihr eine moralische Wertung unterstellt. Geh´n Sie woanders spielen. Gruss, Thorsten Haupts

0 Thorsten Haupts 09.12.2011, 21:43 Uhr

@Sophia - Wissenschaft: "Für...

@Sophia - Wissenschaft: "Für mich ist Wissenschaft methodischer, reproduzierbarer, transparenter Erkenntnisfortschritt." Aber ja doch! Sobald man allerdings Erkenntnisfortschritt durch Moralurteilsverfestigung ersetzt, wird es eben unwissenschaftlich. Ich stimme HansMeier555 durchaus zu - vielen Sozialwissenschaftlern geht es um Denk- und Redeverbote (HM555 nennt es "moralischen Konsens"). Und da setzte meine Kritik an. Denn es ist eine Sache, zweifelsfrei nachzuweisen, wie eng alle Menschen genetisch miteinander verwandt sind. Und eine andere, daraus Forderungen an die Einwanderungspolitik eines Staatswesens zu destillieren. Das erste ist Wissenschaft. Das zweite Politik. Gruss, Thorsten Haupts

0 Johannes W. 10.12.2011, 00:27 Uhr

Mit Sicherheit ist es es in...

Mit Sicherheit ist es es in den Sozialwissenschaften schwer methodisch sauber und mit naturwissenschaftlichen Anspruch zu arbeiten. Fakt ist jedoch, dass es nicht unmöglich ist und von vielen Wissenschaftler erfolgreich praktiziert wird. Die zugrundeliegende Problematik wird in dem oben genannten Wikipediaartikel kurz erläutert, wenngleich diese Quellwahl in dem Kontext etwas fehlplatziert zu sein scheint. Bitte lesen Sie ihn, wenn Sie sich zu dem Thema weiter äußern möchten... Wer meint, dass Sozial- oder meinetwegen auch Geisteswissenschaft nicht in der Lage wäre tatsächliche Erkenntnis zu gewinnen, weil der Mensch sich quasi selbst erforscht und die Subjektivität inhärent zu sein scheint, der fehlt weit. Zunächst einmal beschäftigt jede wissenschaftliche Diszipilin mit sich selbst und ihrem Gebiet: Physik mit der Physik, Medizin mit der Medizin und die Soziologie mit der Soziologie. Aus dieser Logik heraus resultiert meines Erachtens nach keinesfalls die Unmöglichkeit von Erkenntnis. Subjektivität wohnt allem menschgemachten inne und da ist auch die Forschung der Naturwissenschaften nicht auszuschließen. Diese Subjektivität zu reduzieren ist das Ziel a l l e r Wissenschaft. Die vermeintlich unreine Sozialwissenschaft hat dabei natürlich seit jeher ein schweres Los zu tragen. Nicht nur weil der Anspruch menschliches Handeln in all seinen Dimensionen zu verstehen sehr hoch gestochen ist und selten alle Drittvariablen, Mediatoren und Scheinkorrelationen aufgedeckt werden können (wie z.B. auch in der Medizin...). Sondern auch weil jeder dahergelaufene Stümper zu glauben scheint, dass er sich zu dieser Thematik fundiert äußern könnte. Menschliches Handeln zu verstehen muss dabei keineswegs an totalitären Interessen ausgerichtet sein. Vielmehr war es seit Aristoteles und Platon ein Wunsch des Menschen sich selbst und sein Wirken zu verstehen und sofern die Erkenntnisse dazu nicht missbraucht werden, was ja potentiell auch mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen passieren kann, müssen sich nichts schlechtes für uns bedeuten. Wobei Erkenntnis natürlich auch immer die Gefahr innewohnt uns etwas zu beweisen, was wir nicht sehen möchten. Weiterhin ist die Aussage, man würde den Menschen als System verstehen wollen grundsätzlich falsch. Erstmal WILL niemand etwas auf eine bestimmte weise verstehen, da Wissenschaft ergebnisoffen funktioniert und außerdem ist das Systemverständnis nur eines von vielen Ansätzen um menschliches Handeln zu erklären. Systemtheorien sind meines Wissens auch gerade in der Sozialwissenschaft recht verpönt, da sie eben versuchen zu sagen: wenn X dann Y. Aber so einfach ist es mit den Menschen nun einmal nicht. Oft kann es nur sein: wenn x dann wahrscheinlich auch Y. Es gibt keine absoluten Aussagen. Auch das ist Grundlage der Wissenschaftstheorie nach Popper: Jede Erkenntnis ist falsifizierbar. Und sollte das irgendwann mal nicht mehr stimmen, so haben wir die Wahrheit entdeckt... Die diskutierte Problematik ist ja schließlich nicht neu für die Sozialwissenschaften und seit jeher beschäftigen sich Wissenschaftler allein damit, wie bessere Methoden entwickelt werden können und welchen Ansprüchen gerade die Sozialwissenschaft dabei gerecht werden muss. Hierbei gibt es drei anerkannte Bereiche; normativ-ontologische und kritisch-dialektische Ansätze für die ich in diesem Kontext leider keine Lanze brechen kann, da sie sich ihrer Subjektivität bewusst sind und ergründen wollen, was das Richtige ist. Der dritte Ansatz jedoch, der empirisch-analytische, versucht tatsächliche Erkenntnisse zu generieren und ist zuweilen durchaus erfolgreich damit. Was hierbei also klar werden soll ist folgendes: Der Sozialwissenschaften per se zu unterstellen, sie könne nicht methodisch einwandfreie Ergebnisse liefern, ist nicht zutreffend. Vielmehr gibt es große Bereiche, wo auf methodisches Vorgehen nicht viel gegeben wird aber es gibt halt auch Wissenschaftler, die empirisch-analytisch mit einem nomothetischen Anspruch vorgehen und dabei äußerst erfolgreich sind. Zuletzt noch zu der Mär von der politischen Beeinflussung: Der kritische Blick auf alles was einem begegnet ist das höchste Gut der Sozialwissenschaften. Dieser Blick kann zwar getrübt werden, jedoch sitzt bei einem großen Forschungsprojekt meistens nicht nur ein Forscher an der Arbeit. Politische Beeinflussung kann natürlich stattfinden, wenn beispielsweise die FES Auftraggeber ist und somit ja klar einer Partei nahe steht oder meinetwegen die KAS eine Studie durchführt. Zahlreiche Erkenntnisse der letzten Jahre richten sich aber nicht nach dem politischen Mainstream sondern widersprechen diesem eher. Sie hinterfragen das Wertegerüst der OECD-Länder und unsere Vorstellungen von Leben. Auf diesem Wege kommen sie zu ausgesprochen differenzierten Ergebnissen und, ja, auch zu Erkenntnissen. Aber es ist sicherlich einfacher polemisch daher zu poltern, dass jegliche Sozialwissenschaft hochgradig subjektiv wenn nicht gar tendenziös ist. Ich empfehle Schnell/Hill/Esser für jeden, der sich tatsächlich mit der Komplexität sozialwissenschaftlicher Forschung auseinandersetzen und die Vielzahl ihrer Methoden zur Gewinnung tatsächlicher Erkenntnisse kennenlernen möchte.

Die verschiedenen...

Die verschiedenen Sozialwissenschaften unterscheiden sich ja auch nocheinmal stark hinsichtlich der Schwierigkeit eines exakten und objektivierbaren Erkenntnisgewinns. Grundsätzlich bin ich aber der Meinung das ja darin auch gerade der Reiz der Sozialwissenschaften liegt. Sich der eigenen Begrenzungen bewusst sein und weiter nach Fehlern und anderen Möglichkeiten suchen und sich somit einem Erkenntnisgewinn langsam annähern. Die oben genannte Studie von T. Haupts hat ja nichts mit Wissenschaft zu tun, trotzdem gibt es auch viele hoch interessante Studien zum Beispiel aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften, die ja aufgrund der Finanzkrise im Moment so stark in der Kritik stehen. (Ist ein bisschen als würde man die Medizin in Frage stellen weil eine Seuche ausgebrochen ist) Zum beispiel die Phillipskurve deren Zusammenbruch vorhergesagt werden konnte und die einen Zusammenhang zwischen sinkenden Reallöhnen (hier durch Inflation) und sinkender Arbeitslosigkeit nahelegt. Wen das interessiert; einfach mal bei Wikipedia nachschauen. Das die Schlussfolgerungen in den Wirtschaftswissenschaften manchmal weniger eindeutig sind ist klar, aber es können trotzdem interessante Studien sein die auch eigene Meinungen wiederlegen. Ein etwas gewagtes Beispiel dazu. In den Wirtschaftswissenschaften wird häufig davon ausgegangen das extrinsische Anreize Verhalten stark beeinflussen (Z.B. Akkordlöhne). Das ist natürlich auch in den WIWIs umstritten und hängt stark von der Situation ab. Eine Kommilitonin hat in ihrer Abschlussarbeit nun folgendes Untersucht. Der Kicker vergibt Noten an Fußballer. Diese sind subjektiv. Trozdem sind sie ja für alle Fußballer immer subjektiv und könnten trozdem, in ihrer Gesamtheit eine Leistungstendenz wiedergeben. Sie hat sich nun überlegt ob Fußballer die kurz vor ihrem Vertragsende stehen vielleicht bessere Durchschnittsnoten erhalten als Fußballer die noch lange einen Vertrag haben. Strengen sich Fußballer mehr an wenn sich ihr Vertragsende nähert weil ihre finanzielle Zukunft davon abhängt?? Oder denken Fußballer nicht so und geben immer alles? Gibt es da einen statistisch signifikanten Zusammenhang ?? Das Ergebnis könnte ja für die Vereine interessant sein. Ich muss zugeben, dass das jetzt nicht unbedingt ein Beispiel für wissenschaftliche Genauigkeit ist. Man sollte das Ergebnis also nicht unbedingt für unumstößlich halten weil auch andere Einflussfaktoren denkbar sind. Und Trozdem könnte ich mir Vorstellen das man jetzt schon gerne wissen möchte ob es einen Zusammenhang zwischen beiden größen gibt oder eben nicht ? Was glauben sie denn ? Wie ist ihr Menschenbild, glauben sie, dass es einen Zusammenhang gibt, oder eben nicht weil ein Fußballer der vorm Fanblock steht anderes im Kopf hat als seinen Vertrag?? Wenn es sie, trotz des geringen Erkenntnisgewinns interessiert können sie ja mal einen Tipp abgeben und ich reiche ihnen dann nach ob es einen Zusammenhang gab -; Gruß Ronin

0 DeiMuddaseiErgon 10.12.2011, 06:00 Uhr

Jaja Kultur und Natur, Geist...

Jaja Kultur und Natur, Geist und Materie, Subjekt und Objekt, Empirie und Rationalismus, gell ach und der Beweis der Empirie durch die Empirie, LOL, da sans ja alle versammelt die "Sozialphilosophen", ah geh und an Popper gibts glei no gratis obn drauf. Super lebendig...geh...

0 G. Schönbauer 10.12.2011, 06:47 Uhr

... kommt mir vor, als ob ein...

... kommt mir vor, als ob ein naturwissenschaftliches Forschungsdesign (Fragestellung, Experimenteauswahl, Versuchsanordnung etc.) sozusagen unbefleckt vom Himmel fiele. Würde demgegenüber vermuten, dass in einem naturwissenschaftlichen Forschungsvorhaben genauso viele (menschliche und damit fehlbare) Entscheidungen zu fällen sind wie in den Sozialwissenschaften. Zudem haben Physiker und Chemiker ja selbst auf die "Unschärfen" hingewiesen, mit denen ihre Untersuchungsgegenstände behaftet sind. Wie "menschlich" es in einem hochkarätigen naturwissenschaftlichen US-Forschungsinstitut zugeht, kann man exemplarisch in Karin Knorr-Cetinas "Fabrikation von Erkenntnis" nachlesen; könnte jeden der angesprochenen Punkte aus der Asthmaforschung bestätigen. Von gestern oder vorgestern scheint mir auch die im Kommentarteil vertretene Verteufelung des Systembegriffs zu sein. Wer den Untersuchungsgegenstand "Gesellschaft" (einschließlich "Kapitalismus", "Feudalismus" usw.) als emergente Entität akzeptiert, braucht derlei Begrifflichkeit nun einmal, nicht zuletzt um des theoretischen "Enforcements" willen; geradezu lächerlich ist es, dahinter eine inhumane Haltung zu vermuten. Und noch eine Berichtigung: Natürlich gibt es Soziologien, die "gesellschaftlich" (auch theoretisch) schwach auf der Brust sind: Wissenssoziologie, Ethnomethodologie, Symbolischer Interaktionismus ... Moderne Soziologie beschäftigt sich mit der Integration der zwei Seiten: Bourdieu, Giddens, ja selbst Habermas ("Lebenswelt" und "System"), und wie und welche Daten erhoben werden (ob mit hermeneutischen oder den klassischen Methoden der empirischen Sozialforschung) ist eine reine Zweckmäßigkeitsfrage, hängt von den Fragestellungen ab, die man untersucht. MfG Günter Schönbauer

0 sophia.infinitesimalia 10.12.2011, 07:01 Uhr

Thorsten Haupts,...

Thorsten Haupts, Sozialwissenschaftlern an der Uni geht es vermutlich wenig um Moralurteile - die FES-Studie ist da ein sehr ungünstiges Beispiel, weil es aus keinem neutralen Haus kommt und keiner Forschungsinstitution. Und Naturwissenschaftler wiederum müssen sich auch manchmal normative Fragen stellen (und tun das vielleicht zu selten). . Johannes W., bleibt aber doch festzuhalten, daß die Wirtschaftswissenschaften (und auch SoWi, teilweise) sich mit der Grenzziehung zwischen idiographisch und nomothetisch schwer tun? . Ronin, wenn Sie mich meinen: ich wünsche ein Beispiel ohne Fußball, der interessiert mich nämlicht nicht. Prinzipiell aber sehe ich es genauso: man darf die Erkenntnisse in manchen Bereichen der SoWis und WiWis nicht überbewerten, aber es sind dennoch Erkenntnisse.

0 sophia.infinitesimalia 10.12.2011, 07:03 Uhr

G. Schönbauer, vermutlich...

G. Schönbauer, vermutlich ist Research Design eine genauso wichtige Stellschraube in NatWis - aber irgendwie kommen die damit einfach besser durch. Manchmal wäre ich gerne Naturwissenschaftlerin mit mehr Verständnis der Praxis, allein, um andere Wissenschaften verteidigen zu können.

0 HansMeier555 10.12.2011, 07:09 Uhr

Lieber Thorsten...

Lieber Thorsten Haupts, . solche Sachachaussagen sind immer und von allem Anfang schon mit Wertungen verknüpft. Diejenige Gesellschaft, die über solche Fragen frei und nüchtern, ohne "rhetorische Tricks" oder "kindische Verknüpfungen" sachlich diskutiert, die gibt es auf diesem Planeten nicht. . Und apropos Kinderspiele: Gerade als Kind kriegt man ja vor jedem Verwandtenbesuch dringend eingeschärft, welche Themen Tabu sind und auf keinen Fall angesprochen werden dürfen. Eben weil die Erwachsenen damit nicht so gut umgehen können, wenn man sie am Kaffeetisch fragt, warum z.B. ihre erste Ehe gescheitert ist. Und gerade den Kindern muß man das einschärfen, weil sie - im Gegensatz zu den erwachsenen - aufgrund ihrer kindlichen Naivität noch nicht wissen, welche "objektiven Tatsachen" mit welchen negativen Wertungen unauflöslich verbunden sind.

0 HansMeier555 10.12.2011, 07:23 Uhr

@Thorsten Haupts . Sie, lieber...

@Thorsten Haupts . Sie, lieber Thorsten Haupts, wollen das Dritte Reich durch die Hintertür vermutlich nicht wieder einführen. Aber der Rassismus als politische Ideologie ist und bleibt eine große Gefahr. . Schon Hannah Arendt hat davor gewarnt hingewiesen, dass eine künftige totalitäre Ideologie womöglich nicht mehr die Juden zum Feind oder Schädling erkären werde, sondern Menschen mit einem geringeren Intelligenzquotienten. . Und ich als potentielles Opfer soll da gleichgültig bleiben?

0 HansMeier555 10.12.2011, 08:16 Uhr

Und weil es so gut zum Thema...

Und weil es so gut zum Thema passt, erlaube ich mir auch hier noch einmal kräftig nachzutreten: . Rainer Hank möchte in seinem Wirtschafts-Blog "FAZIT" partout nicht danach gefragt werden, welche wirtschaftswissenschaftliche Expertise er besitzt. Das bezeichnet er dann als ein unfaires Argument "ad hominem", im Sinne von: "Bitte bleiben Sie sachlich und werden jetzt persönlich". . Auf der Redaktionsseite der FAZ kann man nachlesen, das Rainer Hank stattdessen Geisteswissenschaften wie Philosophie, Literatur, Geschichte und Theologie studiert hat. . http://www.faz.net/redaktion/rainer-hank-11123665.html . Ausserdem macht er dort Werbung für sein Buch "Das Ende der Gleichheit", das wohl eher ein publizistisches Pamphlet darstellen dürfte als eine wirtschaftswissenschaftliche Forschungsarbeit. . (Klicken Sie auf Amazon und lesen Sie die Jubelrezensionen dazu: http://www.amazon.de/Das-Ende-Gleichheit-Rainer-Hank/dp/3100300556/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1323504128&sr=8-1 ) . Für Herrn Hank wie für die übrigen FAZIT-Blogger jedenfalls war die Frage Anlaß, mich als Feind einzustufen, dessen Kommentare nicht mal mehr auf der Müllseite ("nichtveröffentlichte Kommentare") noch veröffentlicht werden. . Dabei hätte er seinen eigenen Werdegang doch offensiv kommunizieren können: "Ich bin zwar kein Wiwi, kann aber trotzdem Statistiken und Bilanzen lesen", oder so. . Aber sehen Sie lieber Thorsten Haupts: Auch Erwachsenen Personen fällt die Trennung in "pure Fakten" und ihre "Wertung" nicht so einfach. Rainer Hank leidet vermutlich gegenüber den "richtigen" Wirtschaftswissenschaftlern an einem Minderwertigkeitskomplex und möchte aus dieser Frage darum lieber ein Tabu machen.

0 G. Schönbauer 10.12.2011, 09:11 Uhr

Sophia Amalie Antoinette...

Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia, Sie duerfen natuerlich nicht Forschungen eines physikalischen Max Planck-Instituts mit dem Dillentantismus, den ein Soziologe mit der Abfassung seiner Diplom- oder Magisterarbeit hinter sich zu lassen hofft, vergleichen. Nehmen Sie die Forschungen des Koelner Max Planck-Institus fuer Sozialwissenschaftliche Forschung und Sie werden der Aehnlichkeiten sehr schnell gewahr werden. Gruss, G. S.

Hallo, eigentlich ging es nur...

Hallo, eigentlich ging es nur nebenbei um Fußball. Es sollte ein Beispiel sein wie in den Sozialwissenschaften versucht wird durch eine entsprechende Studie zu ergründen in wie fern Menschen sich durch externe Anreize wie etwa geldwerte Vorteile motivieren zu lassen. Es gibt ja auch Studien die zeigen, dass dies sogar einen negativen Einfluss haben kann (das nennt man dann wohl Crowding out), weil Menschen bei bestimmten Tätigkeiten intrinsisch motiviert sind. Z.B. gibt es ja Studien die zeigen, das Blutspenden zurückgehen können wenn man den Spendern Geld fürs Spenden gibt. Es sollte nur verdeutlichen, dass man min einem interessanten Studiendesign tatsächlich etwas mehr darüber herausfinden kann wie Menschen sich Verhalten. Ich denke das spricht für die Sozialwissenschaften und ist auch ein wissenschaftlicher Ansatz. @Hans Meier555 Natürlich bleibt der Rassismus immer eine Gefahr, wie übrigens auch viele andere Ideologien. Es ist nur die Frage ob man dieser Gefahr am besten dadurch begegnet, dass man bestimmte Fragen nicht mehr stellen darf. Dies könnte anhängern einer rassistischen Ideologie nämlich gerade als Beweis dafür dienen, dass sie sowas wie Märtyrer sind die gegen Tabus angehen weil andere zu feige sind sich damit auseinanderzusetzen. Ausserdem kann die Weigerung natürlich bedingte Ungleichheiten zur Kenntnis zu nehmen auch zu diskrimminierung führen. Stellen sie sich zum Beispiel vor, das Frauen beim Sportabitur die selben Zeiten laufen müssten wie die Männer. Wäre das dann gerechter weil man wirklich nur die Leistung beurteilt? Ich glaube nicht, dass das Tabuisieren die richtige Antwort ist. Nehmen sie einmal an man könnte zeigen, dass Männer aus genetisch bedingten Gründen aggressiver oder krimineller sind. Was würde sich denn dann ändern? Es würde ja immer noch darauf ankommen welche Schlüsse man daraus zieht. Das hängt ja nicht von der Erkenntnis ab sondern von der eigenen Weltanschauung. Sie könnten darin zum Beispiel eine chauvinistische Sicht bestätigt sehen gemäß der Männer halt einfach von Natur aus die schlechten Menschen sind und z.B. fordern sie von politischen Ämtern auszuschließen (Dann gebe es ja angeblich nie wieder Krieg). Sie könnten es aber genauso als Anreiz betrachten um durch gezielte Förderung zu verhindern, dass Männer 95% der Knastinsassen ausmachen (Positive Diskrimminierung). Oder sie sagen, dass nur der einzelne Mensch zählt und beachten die Erkenntnisse nicht weiter, sie könnten also darauf drängen, das jede Form, der positiven wie auch der negativen Diskrimminierung verwerflich ist, dann hätten sie aber auch ein Problem mit spezieller Mädchenförderung in Schulen oder dem Sportabi. Ich will ihnen damit sagen, dass nicht die Erkenntnis das Problem ist sondern welche Schlüsse man daraus zieht. Wenn man bestimmte Fragen nicht stellen darf heißt das noch lange nicht, dass man damit mehr Gerechtigkeit erhält. Das Problem wird durch Tabuisieren nicht kleiner. Wir müssen uns vielmehr überlegen was wir wollen. Ohne Wissenschaften werden Erkentnisse sonst eben durch Vorurteile ersetzt was uns auch nicht weiter bringt. Gruß Ronin Also nur ein Beispiel dafür das Sozialwissenschaften

0 sophia.infinitesimalia 10.12.2011, 16:45 Uhr

G. Schönbauer, ich habe von...

G. Schönbauer, ich habe von Naturwissenschaft einfach zu wenig Ahnung, als daß ich Paralleln oder Defizite in der Methode dort entdecken könnte. Dennoch finde ich es erstaunlich, daß hier und anderswo in den Kommentaren die Methodik der NatWis als Meßlatte angelegt wird. . Ronin, dann sind wir uns doch einig: es gibt total spannende Fragestellungen, die man mit intelligentem Research Design zumindest anpacken kann in den Sozialwissenschaften. Sehe ich ganz genauso.

0 sophia.infinitesimalia 10.12.2011, 16:48 Uhr

HansMeier555, das Blog in der...

HansMeier555, das Blog in der Nachbarschaft habe ich nur gelesen wegen Ihrer wunderbaren Kommentare, und das auch nur vereinzelt. das allerdings fand ich sehr unterhaltsam. Davon abgesehen wird in diesem Salon nur zensiert, wenn jemand den guten Umgangston vermissen läßt, oder spammt, das verspreche ich Ihnen.

0 Veil of ignorance 10.12.2011, 17:06 Uhr

Ich habe schon einige...

Ich habe schon einige Forschungsprojekte durchgeführt (Student). Gerade wenn man dem kritischen Rationalismus anhängt, muss noch da noch einige Aspekte nennen. Neben dem Problem der kausalen Reihenfolge, der Konstanthaltung von Kontextbedingung und Abhängigkeit von Drittvariablen, gibt es noch einige weitere Schwierigkeiten in der Methodenlehre. Man sollte zunächst doch mal klar stellen, dass man in jeder Wissenschaft nur probabilistische Aussagen treffen kann und jede Operationalisierung mit Hilfshypothesen arbeiten muss, weil die meisten Begriffe in der Natur nicht direkt beobachtbar. Besonders, dass man nur abfragen kann, was man bereits weiss, schmälert den Erkenntnisgewinn nochmal enorm. Beachtet man alle Restriktionen, produziert die Datenanalyse eigentlich nur Trivialitäten. In Anlehnung an Heideggers Aussage die Wissenschaft denke nicht: Mit welchem statistischen Verfahren kann ich bestimmten was Statistik ist? Welche Methoden muss ich anwenden, um herauszufinden was eine Methode ist?

0 G. Schoenbauer 10.12.2011, 22:15 Uhr

Hallo Veil of ignorance, man...

Hallo Veil of ignorance, man kann die Natur nicht direkt beobachten, schreiben Sie. Na und, wuerde ich dagegenhalten. So unterschiedliche Gestalten wie Platon ("Hoehlenbeispiel"), Kant ("Ding an sich") oder der Wittgenstein des "Tractatus" haben sich daran abgearbeitet. So ist es nun einmal um unser Erkenntnisvermoegen bestellt. Dass man nur das abfragen kann, was man bereits weiss, scheint mir uebertrieben, verweist jedenfalls auf den zurueck, der die Fragen aufwirft. Und wenn ein Philosoph auf Heideggers Spuren nicht bestimmen kann, was eine "Methode" (an sich?) ist, muss das ja einen Sozialforscher und Statistiker nicht davon abhalten, sie den Regeln gemaess anzuwenden. Der Einwand betraefe uebrigens auch die Naturwissenschaften; was Statistik ist, hat selbst Einstein nicht bedacht, gleichwohl hat er sich statistischer verfahren bedient. Darf Sie auch auf eine gewisse "Enge" hinweisen, die der Kritische Rationalismus fuer die Sozialwissenschaften bedeutet: die aufwaendigen kategorialen Vorarbeiten ("Grundbegriffe" bei Weber, "Theoriebezugsrahmen" bei Parsons) vermag er nicht systematisch zu verorten, was von Kuhn ("Paradigma") und besonders Lakatos ("harte Theoriekerne") m.E. ueberzeugender kritisiert als von dem hier an anderer Stelle erwaehnten Feyerabend. Mit anderen Worten: Die "Logik der Forschung" ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Beste Gruesse G.S.

0 Herr G. aus B. 10.12.2011, 23:30 Uhr

Sehr geehrte Frau...

Sehr geehrte Frau Infinitesimalia, die Aussage bzgl. des Indeterminismus war weniger an Sie, als an einen meiner Vorredner gerichtet. Wenn dies eine große Runde in einem netten Lokal wäre, dann hätte ich spätestens jetzt einen nicht unbedeutenden Alkoholpegel und würde nach Hause gleiten - denn wie es leider nunmal so ist, kann man manche Fragen auch mit der größten rhetorischen Artillerie nicht lösen. Aber vorher gebe ich noch (lallend) die schuldig gebliebene Antwort auf die letzte (Suggestiv-) Frage Ihres Artikels zum Besten: Natürlich sollte man sich auch auf scheinbare unlösbare Fragen einlassen und versuchen Sie zu beantworten - auch unsauber (das Fachwort dafür ist dann wohl Axiom oder Theorie). Das ist in meinen Augen der Geist der Wissenschaft, egal in welcher Diszipiln. Und wie man nun zu Sozialwissenschaftlern stehen mag, alle verteufeln kann man sicher nicht.

0 Veil of ignorance 11.12.2011, 01:28 Uhr

@schoenbauer. -1. Mit Dingen...

@schoenbauer. -1. Mit Dingen die man nicht direkt in der Natur beobachten kann, meinte ich in erster Linie "Narrative Konstrukte," also zum Beispiel Begriffe wie "Intelligenz." Ich kann mich an eine Studie der Uni Göttingen erinnern, die zivilgesellschaftliches Engagement in strukturschwachen Stadtteilen untersuchen wollte. Dabei haben sie festgestellt, dass die Menschen mit diesen ganzen Begriffen, wie eben z.b. zivilges. Engagement, überhaupt nichts anfangen konnten und keinerlei Vorstellung davon hatten, obwohl es durchaus informelle Strukturen gab, die diese Begriffe abbildeten. Sicher der normale Prozess wäre ne qalitative Befragung, um sowas im Vorfeld herauszufinden. Deshalb kann man in der quantiativen Befragung widerum nur herausfinden, was man bereits weiß. 2. Man kann die Regeln der Statistik gemäß der Regeln der Statistik anwenden. Man hat dadurch aber keinerlei obejektives Prüfkriterium, denn die Regeln selbst sind kontingent: Prüfe ich bei einem Hypothesentest ein Signifikanzniveau von 95 Prozent oder 99 oder 99,9 oder 99,99? In den Soziwi. benutzt man gemeinhin 95 Prozent, in der Mathematik spricht man hingegen bei dem Wert nur von schwacher Signifikanz. Was mache ich wenn die Grundannahmen der linearen Regression teste und der durbin-watson test liegt im toten Winkel? Auch die Grenzen der Zusammenhangsmaße, also wann man von einem starken oder schwachen Zusammenhang spricht, sind, wenn sie überhaupt in der Fachliteratur genannt werden, alle willkürlich gewählt und man kann sie als Forscher fast nach belieben ausdehnen. 3. All diese Regeln, Methoden und Verfahren verschleiern für den Laien, wie und wo dann doch nur interpretiert wird. Wenn man dann noch die allgemeinen Schwierigkeiten resümiert, die bei Auftragsforschungen hinzukommen, muss man sich nicht wundern, dass die meisten Studien das Papier nicht wert sind auf dem sie stehen. Oder auch, warum die Wirtschaftswissenschaft gerade erst herausgefunden hat, dass es einen Finanzmarkt gibt. Was kommt als nächstes, die Einsicht, dass nicht jeder vollkommen informiert ist und zweckrational handelt? Das nenne ich mal Erkenntnis loool

0 Thorsten Haupts 11.12.2011, 01:32 Uhr

@HansMeier555 -...

@HansMeier555 - Kinderspiele: Verehrter Grossfeudalist, wenn Wünschen helfen würde, hätte Ihre Position ihre Berechtigung. Aber die Realität, zu der das (Vor)Urteilen von Menschen gehört, bricht sich immer Bahn. Und bei Denkverboten auch noch mit dem Impuls des zu Unrecht Verfolgten. Meine persönliche Wut als 25jähriger Soldat angesichts des wohlfeilen Bequemlichkeitspazifismus der stolzen Militärverächter, die sich ihre Meinung nur leisten konnten, weil ihr Spielraum vom Militär geschützt wurde, kannte keine Grenzen. Und das gilt auch für alle anderen Aufassungen, die gerade totgeschwiegen werden. Wehret der Diskussion? Dann blüht Euch ein Sarrazin. Am Ende des Tages zu Recht, es gibt keine politische Position, die sich ausschliesslich daran orientieren würde (und könnte), was dem Menschen ziemt. Gruss, Thorsten Haupts

0 HansMeier555 11.12.2011, 07:27 Uhr

@Ronin . Huch, da haben Sie...

@Ronin . Huch, da haben Sie wohl recht mit Ihren Einwänden! . Es geht tatsächlich um Tabuisierung. Tabuisierung ist immer ein Problem und erst einmal schlecht, und für jede Wissenschaft ein Ärgernis. Andererseits -- das muss ich offen gestehen -- bin ich mir mit fortschreitendem Alter gar nicht mehr so sicher bin, ob Tabus wirklich immer und in jedem Falle verzichtbar sind. Aber ich bin auch noch nicht so weit, Tabuforderungen offensiv zu vertreten. . Den Unterschied zwischen Geschlechtern würde ich anders zu bewerten als den zwischen verschiedenen Völkern oder Rassen. . Was die Kriminalstatistik (und andere Statistiken) angeht, so darf die sozialwissenschaftliche Forschung nicht auf ihre Nutzung verzichten. Aber in die Auswertung und Deutung wird niemals im naturwissenschaftlichen Sinn "objektiv" sein, sondern immer von Wertvorstellungen der Person bestimmt sein, welche die Auswertung vornimmt. (Was etwa bei der Teilchenphysik nicht der Fall wäre). . Und genau daraus geht aber keineswegs hervor, dass Sozialwissenschaften "weniger wissenschaftlich" wären als Naturwissenschaften. Es ist einfach nur so, dass sich der Untersuchungsgegenstand (nämlich wir selbst) mit den Methoden der Naturwissenschaft prinzipiell nicht angemessen erforscht werden kann und darum andere, weniger "eindeutige" und "exakte" Methoden entwickelt werden müssen. . Ansonsten müsste man -- und wäre ja die logische Konsequenz der Kritik an den Sozialwissenschaften -- überhaupt darauf verzichten, die Gesellschaft oder die Wirtschaft zum Objekt der (wissenschaftlichen) Forschung zu machen.

0 HansMeier555 11.12.2011, 11:21 Uhr

@ThorHa . Habe weder gedient...

@ThorHa . Habe weder gedient noch verweigert, ich mußte einfach nicht. Aber jedenfalls war mir selber (vor mir selber) klar, dass ich keine ungeheuchelten Gewissengründe hätte vorbringen können. . Wütend wurde ich erst im Frühjahr '99, als alle, die damals verweigert hatten, den Nato-Angriff auf Jugoslawien plötzlich voll unterstützen. "Das ist doch jetzt etwas ganz anderes als damals", sagten sie. . "Allerdings", dachte ich. "Damals war Westeuropa tatsächlich vom Warschauer Pakt bedroht, und heute von niemandem. Damals ging es tatsächlich um die Verteidigung des eigenen Landes und heute um die Sicherung von Einflußzonen. Also müßten Sie den jetzigen Krieg doch mit viel größerem Grund ablehnen als damals ihren Wehrdienst". -- Aber mit dieser Meinung kam ich mir so einsam vor wie der Mann im Mond.

Weil es so schön zum thema...

Weil es so schön zum thema passt möchte ich auf das Interview auf Seite 58 in der heutigen FAS von Jörg Thomann mit David Glowsky hinweisen. Es wird deutlich, warum es manchmal schwer fällt Soziologen und auch (Wissenschafts)journalisten überhaupt zuzuhören geschweige denn ernst zu nehmen. . In den Naturwissenschaften ist man generell vorsichtig mit Fragebögen und Interviews aus dem einfach Grund: Menschen lügen. Und hier werden nun allen Ernstes sogar ein ganzes Buch propagiert, was auf einer Studie mit einer Rückmeldequote von 26% fußt. 26 Prozent! Und das ist sogar "gar nicht mal so schlecht" für die Soziologie. Ohne einen Hauch von Ironie wurde sich noch im ersten Absatz über die pseudowissenschaftliche Literatur der Vorgänger echauffiert, also ob das eigene Kaffeesatzlesen statistisch irgendeine Aussagekraft hätte. Der interviewende Jörg Thomann hat natürlich keinerlei Kritik zu äußern und schreibt einfach mit. Auch hier Glückwunsch zur Desavouierung der eigenen Zunft.

0 sophia.infinitesimalia 11.12.2011, 16:11 Uhr

Veil of ignorance, Probleme...

Veil of ignorance, Probleme gibt es jede Menge, Spaß macht Forschung trotzdem, denke ich. Zumindest denen, die sich an solchen Fragen abarbeiten. . Herr G. aus B., ich habe vermutet, daß Sie weniger mich meinen, und stelle mir manchmal auch gerne vor, wie ich mit alle den Lesern und vielen Gläsern Wein oder Bier in einer Kneipe säße, und wie das wohl wäre. Auch virtuell sind die Diskussionen jedoch immer wieder eine Freude! . Asper, die Desavouierung der eigenen Kunst... das kommt in de besten Familien vor. Auch wenn Fragebögen auf freiwilliger Basis tatsächlich heikel sind als Grundlage - auch das fällt für mich unter die inhärenten Probleme mancher Wissenschaften, mit denen man halt so gut wie möglich leben muß.

0 G. Schoenbauer 11.12.2011, 21:23 Uhr

@ Veil of ignorance, ad 1. Das...

@ Veil of ignorance, ad 1. Das war ein Missverstaendnis meinerseits, weil ich Ihre Ausgangsbehauptung grundsaetzlicher, erkenntnistheoretisch, verstanden habe, und nicht methodisch. Wenn Sie schreiben, dass "man in der quantiativen Befragung wiederum nur herausfinden, was man bereits weiß", haengt das wohl mit ihrem Kritisch Rationalem Kredo zusammen: Man stellt eine Hypothese XY auf, erhebt dazu die Daten und freut sich, wenn sie empirisch bestaetigt wird. Das Mehr an Wissen besteht in der Bestaetigung. Immerhin. - Wenn ich mich etwa an Anna Katherine Barnett-Harts Studie ueber den "CDO Market Meltdown" erinnere, laesst sich diese auch als Hypothesentest begreifen, und da fand ich die Befunde ueber die Verwicklung von Rating Agenturen und Banken in das Subprime Mortgage-Schlamassel aufschlussreich und teilweise absolut verblueffend. Oder nehmen Sie die GESIS-Daten zur Dauerbeobachtung der Gesellschaft. Wenn Sie ueberhaupt etwas ueber gesellschaftliche Entwicklungen (Demographie, Ungleichheit, Heiratsverhalten, religioese Bindungen usw. usf.) wissen koennen und aussagen wollen, das ueber den individuellen Erffahrungshorizont hinausweist, dann aufgrund solchen Datenmaterials. 2. Dass die Festlegung eines bestimmten Signifikanzniveaus eine Entscheidung ist, ist keine Frage. Das ist aber nicht der Punkt, sondern nur eine weitere Dezision, eine unter vielen, die in natur- und sozialwissenschaftlichen Forschungsvorhaben nun einmal zu treffen sind. Dass sie falsch, womoeglich auch willkuerlich getroffen sein kann, ist klar, ebenso kann sie aber auch richtig sein, und dass sie richtig getroffen wird, dafuer sorgt idealiter die Kritik - auch und gerade nach Popper und Albert, wenn ich mich recht entsinne 3. Ich lasse die Probleme im Zusammenhang mit der Auftragsforschung mal beiseite, die, nebenbei gesagt, auch kein Spezifikum der Sozialwissenschaften sind, wenn ich an Medizin, Pharmazie, Chemie, Ingenieurwessen ... denke, und beschraenke mich auf Ihre Aussage: "All diese Regeln, Methoden und Verfahren verschleiern für den Laien, wie und wo dann doch nur interpretiert wird." - Das mag sein, dass oft geblufft wird (ebenfalls kein Spezifikum der Sozialwissenschaften). Das Verstaendnis von Laien scheint mir aber kein akzeptables Kriterium zu sein, um einen Forschungsprozess zu beurteilen. Auf der anderen Seite koennte ich Ihnen aus dem Stand Dutzende von Studien aufzaehlen, die Ihrer Einschaetzung widersprechen. Ich selber schreibe mir gerade privat (neben meiner Asthmaforschung) die diversen gesellschaftspolitisch relevanten Zeitdiagnosen U. Becks zusammen: interessant, informativ, anregend ...

0 veil of ignorance 12.12.2011, 00:42 Uhr

Die pointierteste...

Die pointierteste Liberalismuskritik kommt immer noch von Carl Schmitt. Kein Vergleich zu Mainstream Versager wie Ulrich Beck. Wer an relevanten Zeitdiagnosen interessiert ist, kommt an ihm nicht vorbei. Es ist wohl ein Treppenwitz der Geschichte, dass sich insbesondere (Post-) Marxisten auf Carl Schmitt und Heidegger berufen.

0 G. Schoenbauer 12.12.2011, 10:08 Uhr

... ausgerechnet Carl Schmitt,...

... ausgerechnet Carl Schmitt, von dem ich selber leider nur den Aufsatz ueber den "Begriff des Politischen" kenne, zudem nicht gerade in taufrischer Erinnerung habe. Leider scheint in Ihren Beitraegen von Schmitt aber ueberhaupt nichts aufzublitzen. Waere doch eine gute Gelegenheit gewesen, wenn relevante Zeitdiagnosen angeblich an Schmitt nicht vorbeikommen. Was sagt er mir, wenn ich an empirisch fundierten Einschaetzungen zur Entwicklung der Arbeitswelt und der Arbeitslosigkeit, zur Zukunft der Gewerkschaften, zu den Risiken moderner Technologien, zur Zukunft von Ehe und Familie, zur Rolle von Grossbanken und Versicherungen ... interessiert bin? Wuerde vermuten, nicht allzu viel. Was Heidegger, den ich etwas besser kenne, in diesem Zusammenhang soll, ist mir leider voellig schleierhaft, ja kommt mir eher wie ein Witz vor. Muss mich in den naechsten Tagen leider meiner Arbeit widmen, werde eine Replik Ihrerseits also nicht beantworten. Mit bestem Gruss G. Sch.

das lesen dieses artikels war...

das lesen dieses artikels war überflüssig. sozialwissenschaften und naturwissenschaften haben ganz anderen gegenstände, entsprechend ist die anwendung anderer methoden notwendig. diese konkurrenzkampf zwischen beiden ist schon längst eine alte geschichte.

0 astroklaus 12.12.2011, 14:05 Uhr

Eine Notiz noch zur...

Eine Notiz noch zur Statistik: In vielen Fällen liegt das eigentliche Problem bereits VOR der Festlegung eines Signifikanzniveaus: daß nämlich in vielen Fällen gar nicht a priori klar ist, welche Verteilung denn überhaupt vorliegt. Das ist in Physik & Co meist einfacher - oft kann man die Verteilung messen, bei echten Zufallsprozessen ("weißes Rauschen", radioaktiver Zerfall) ergibt sich eine Gaußverteilung etc. Bei So- und WiWis ist dagegen das Problem, daß ich nur dann rechnen kann, wenn ich eine Verteilung annehme - durch diese Wahl beeinflusse ich aber mein Ergebnis. Somit ist dann auch die Angabe eines Signifikanzniveaus nur dann von einigem Wert, wenn ich auch die korrekte Verteilung verwende. Im anderen Falle kommen dann halt Dinge alle paar Jahre vor, die laut Modell nur einmal pro Alter des Universums passieren sollten... Sorgfältige Sozialwissenschaftler kennen das Problem und sprechen es an. Aber leider gibt die "im Zweifelsfall einfach Gauß"-Methode halt die griffigeren Resultate, man kann auch noch tolle Korrelationen bestimmen und vorstandsgerechte Zahlen liefern...

0 Stefan Ackermann 15.12.2011, 22:59 Uhr

Liebe...

Liebe Kommentierende, vielleicht bringen ja folgende Zeilen noch eine andere Färbung in die Diskussion (Dank an Johannes W und G.Schönbauer) Im naturwissenschaftlichen mentalen Modell werden Tatsachen als Gegenstand der Erkenntnis durch Methoden der Generalisierung des Gegebenen (nomothetisches Verfahren) konstituiert, die es auf allgemeine Gesetze zurückführen. Hier ist das Ziel: Erklären. Der Einzelfall interessiert hier niemals für sich selbst. Naturwissenschaften heißen auch deshalb Naturwissenschaften, weil sie sich auf materielle Gegenstände, die uns Menschen als scheinbar unabhängig von uns existierend betrachtet werden können. Daher ist das Gütekriterium die „Objektivität“, was in den Methoden dann zu so etwas wie Doppelblindversuchen führt und zu einer Wahrnehmung der „Natur“ durch das Kausalitätsprinzip. Auch hier sind die Grenzen bekannt: Nur zwei Beispiele. Die Heisenbergsche Unschärferelation: Wenn ich zu sehr auf ein System einwirke, ... kann ich das System nicht mehr so sehen, wie es tatsächlich ist ... Messungen sind Erpressungen an die Natur ... link hier und hier Teil 2. Der Streit um Karl Poppers „Logik der Forschung“. Popper hatte behauptet, dass sich Theorien (Systeme) nicht verifizieren lassen, also für wahr erweisen, sondern lediglich falsifizieren. Findet sich also ein Gegenbeispiel, fällt die Theorie samt dem sie tragenden System. Interessanterweise galt dies in der Ansicht Poppers nicht für seine eigene Theorie. (Siehe ausführlich: Obermeier, Otto-Peter, Poppers "kritischer Rationalismus". Eine Auseinandersetzung über die Reichweite seiner Philosophie, München 1980 Sozialwissenschaften haben es immer mit (menschlichen) Beziehungen zu tun. Ein angemessener Name wäre für mich dann Kulturwissenschaften. Siehe ausführlich: Heinrich Rickert, Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft, 7. Auflage, 1986 Stuttgart, Reclam. Später auch Max Weber (Wirklichkeitswissenschaft), Edmund Husserl (Phänomenologie), Martin Heidegger (Existenzialismus) Hans-Georg Gadamer (Hermeneutik). Im mentalen Modell der Kulturwissenschaft geht es gerade um das Einzelne und dessen Seelenqualitäten des Denkens, Fühlens und Wollens. Die kulturelle (z.B. historische) Tatsache, der Erkenntnisgegenstand der Kulturwissenschaft, muss ebenfalls erst konstituiert werden. Das geschieht durch eine der naturwissenschaftlichen Generalisierung logisch entgegengesetzte Methode, der Individualisierung (idiographische Methode). Ihr Ziel ist: Verstehen. Wenn ich in Beziehung gehen muss, um die „Gegenstände“ zu erforschen, ist eine Methode, die in Beziehung gehen verbietet (Objektivitätsparadigma), keine, die hinter einer naturwissenschaftlichen Methode zurückbleibt, sondern einfach eine unangemessene Methode: Beispielhaft vorgeführt in Deutschland gerade in der Altenhilfe, wo die „Lebens- und Ergebnisqualität“ jedes der über 10.500 Altenheime „gemessen“ und mit einer Note (Quantifizierungsparadigma: Zahl =Mathematik= objektiv) bewertet wird. Lebensqualität erschöpft sich dann etwa im objektiv beobachtbaren „Klopfen an der Tür des Einzelzimmers“. Für mich taucht hier nochmal eine ganz andere Frage auf, nämlich die der Autorität und damit der Anerkennung und der Macht. Weiß oder glaube ich etwas, weil mir jemand sagt es sei so (weil mit naturwissenschaftlicher Methode begründet) – oder erlaubt mir die Methode eine eigene Urteilsbildung? Mir hilft hier Goethe (Herbst): „Gleich sei keiner dem anderen, doch gleich sei jeder dem Höchsten. Wie das zu machen? Es sei jeder vollendet in sich.“

0 Experimentell arbeitender Sozialwissenschaftler 18.12.2011, 21:53 Uhr

Liebe Sophia Amalie Antoinette...

Liebe Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia, Liebe Leser, ich möchte hier nur kurz auf eine experimentelle Studie aufmerksam machen. Diese Studie evaluiert zum ersten Mal in Deutschland anhand eines randomisierten Experiments eine Maßnahme im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Eine erste Veröffentlichung zu ersten Ergebnissen und Design der Studie ist unter dem Namen: "Zur Effizienz Früher Hilfen: Forschungsdesign und erste Ergebnisse eines randomisierten kontrollierten Experiments, in: Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung, Bd. 79 (2010), 3, S.79-97" zu finden. http://ejournals.duncker-humblot.de/doi/pdf/10.3790/vjh.79.3.79 Diese Studie ist ein Beleg dafür, dass auch in Deutschland die experimentelle Sozialforschung schon weiter voran geschritten ist als von Sophia und vielen Kommentierende beschrieben. Viele Grüße Experimentell arbeitender Sozialwissenschaftler

wurde schon frühzeitig von einem Magister der Mathematik bescheinigt, sie möge ob ihrer Unfähigkeit im Umgang mit Zahlen und Formeln nicht allzu betrübt sein, es gebe reichlich schöne Berufe ohne dieselbe, insbesondere ein Broterwerb als Kammerjungfer oder Hausfrau wurde ihr nahegelegt.