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Wahlkampf fürs Wohnzimmer

| 18 Lesermeinungen

Der digitale Wahlkampf gehört mittlerweile auch in Deutschland zum Standard. Doch Parteien sitzen einem Missverständnis auf: Hochglanz ist kein Gefühl. Was keine Kanten hat und zum Remix nicht taugt, verschmähen die Nutzer.

Der digitale Wahlkampf gehört mittlerweile auch in Deutschland zum Standard. Doch Parteien sitzen einem Missverständnis auf: Hochglanz ist kein Gefühl. Was keine Kanten hat und zum Remix nicht taugt, verschmähen die Nutzer.

 

Man konnte ihr seit Montagnachmittag kaum entgehen: der Currywurst aus NRW. Das Traditionsgericht, am Wochenende zunächst ein ‚Trending Topic‘ in sozialen Netzwerken, hat es zu Beginn der Woche in wohl jede Redaktionskonferenz im bevölkerungsreichsten Bundesland geschafft. Artikel folgten. In der Schlussphase des Wahlkampfes soll die Wurst nun für die SPD überall im Land plakatiert werden. Der Landesverband der Sozialdemokraten hatte Bürgerinnen und Bürger zu einem Plakatwettbewerb aufgerufen, aus dessen Einreichungen zunächst eine Jury fünf Motive ausgewählt hatte und Nutzer dann über Facebook abstimmen konnten, welcher der Entwürfe nicht nur im Netz, sondern tatsächlich gedruckt für die Partei werben soll. „Currywurst ist SPD“, lautet der Slogan auf dem purpurfarbenen Plakat. Das Gewinnerplakat ist eine Idee von zwei Studenten aus Tübingen. „Wir haben überlegt: Was ist das SPD-Gefühl, was ist der Ruhrpott, was ist die Partei? Der SPD-Wähler lebt auch gerne und genießt das Bodenständige“, sagte Erik Flügge der Süddeutschen Zeitung. Die Reaktionen auf das Plakat sind gespalten: knapp 4.500 Menschen hoben auf der Facebook-Seite von Hannelore Kraft für die Wahlwerbung mit der Wurst den virtuellen Daumen. Andere Nutzer drückten in den Kommentaren ihr Unverständnis für das Motiv aus. Medien und Vertreter anderer Parteien kommentierten hämisch und kritisierten, das Plakat transportiere keine Inhalte. Genau die Kritik also, die andere Parteien derzeit immer wieder an die Piraten richten. Dass Inhalte jedoch vor allem im Wahlkampf nicht ganz so wichtig sind, zeigt der Erfolg des neuen SPD-Plakats. Damit ein Beitrag zum Wahlkampf nicht nur über offizielle Parteikanäle verbreitet wird, muss er kantig sein. Er kann kontrovers sein, irritieren, verärgern, zum lachen bringen, schick aussehen oder irgendwie anders sein, als die Wahlwerbung, die so weich gespült ist, dass sie von ihren Zielgruppen kaum noch wahrgenommen wird.

Bild zu: Wahlkampf fürs Wohnzimmer

Ein weiteres Beispiel dieser Art aus dem NRW-Wahlkampf war ein Plakat der Grünen, die darauf die Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und die Spitzenkandidatin der Grünen, Sylvia Löhrmann, gemeinsam abbildeten. Die Botschaft: „Schön, wenn Frauen wieder den Haushalt machen.“ Neben der SPD-Kandidatin war zudem eine Sprechblase mit den Worten: “Zweitstimme Grün”. Das sorgte für Ärger in der SPD-Zentrale, wollte Kraft sicher keine Zweitstimmenkampagne für die Grünen machen. Das Plakat musste noch einmal geändert werden. Im Netz hatte es aber vorrangig aus einem anderen Grund für Aufsehen gesorgt: die Doppeldeutigkeit, den beiden Politikerinnen ‚den Haushalt‘ zuzuweisen, wurde teils für den ironischen Umgang mit den Rollenbildern beklatscht, teils als sexistisch betrachtet. Gut für die Wahlkämpfenden in jedem Falle: es wurde diskutiert, das Plakat wurde von Bürgerinnen und Bürgern vielfach in sozialen Netzwerken verbreitet. Dieses erfreuliche Schicksal teilen die wenigsten Wahlplakate. Auch aufwendig produzierte Werbespots werden online nur von einem kleinen Publikum wahrgenommen. Die Videos der Parteien überspringen nicht einmal die vierstellige Zuschauerzahl. Um die 7.000 Mal wurden die Videos von CDU, SPD und Grünen bislang geklickt.  In Schleswig-Holstein, wo eine Woche früher als in NRW gewählt wird, liegen die Zahlen noch niedriger. Wenn die Hiphop-Video-Plattform „Aggro TV“ zum ersten April ein Musikvideo mit Jimi Blue Ochsenknecht augenzwinkernd über Youtube ins Netz speist, hat der Clip in kürzester Zeit eine sechstellige Zahl geknackt. Songs von etablierten Rappern knacken mühelos die Millionengrenze. Geht das nur bei Musik? Vielleicht bei den Toren des Monats? Ganz simple von Nutzerinnen selbst produzierte Videos, die ein enormes Publikum erreichen, sind die sogenannten „Beauty Tutorials“. Vornehmlich junge Frauen filmen sich, während sie sich schminken, frisieren, die Augenbrauen zupfen und erklären gleichzeitig ihren Zuschauern, was sie dort tun. Die Reichweiten dieser Videos sind schon im deutschsprachigen Raum enorm. Klickt man sich ein paar Stunden durch Videoportale gelangt man zu der Einsicht, dass viele nutzerproduzierte Beiträge eine größere Fanschar haben oder gut verbreitet wurden. Bei politischen Videos, die zu diesem Zwecke erstellt wurden, will es jedoch einfach nicht klappen.

Wahlkämpfe  sind, so könnte man meinen, Zeiten höchster Emotionen. Es geht schließlich um etwas. Und Politik sei eine Droge, Parteien eine Heimat, manchmal sogar Familie. Die Gefühlsebene der politischen Kommunikation in Deutschland scheint jedoch eher gefesselt – und das nicht aus Lustgewinn. Nicht einmal die Befürchtung, dass deutsche Wahlkämpfe auf Obama schwören, hat sich befürchtet; sie begnügen sich mit Hochglanzprüderie, die zugeschnitten ist auf den nicht existenten Durchschnittswähler. Botschaften und Bildsprache bewegen sich zwischen Schockstarre und Traumschiff und widersprechen somit den Zielen, die sie eigentlich erreichen wollen: Bürgernähe, Wechselstimmung und Vertrauen. Der Mythos, doch über eine Top-Down-Kampagne Wählerinnen und Wähler für sich gewinnen zu können, hält sich hartnäckig. Dabei haben die Parteien die Verbreitung ihrer Wahlwerbung im Internet nicht mehr in der Hand. Die Nutzerinnen und Nutzer entscheiden, welche Clips, Bilder, Tweets und PDF-Dateien sie aneinander weiterreichen. Wenn ein Spot eingesprochen ist wie ein Gute-Nacht-Hörbuch für Kleinkinder, werden User ihn nicht einmal aus Häme weiterreichen. Das Beste, was einer Kampagne passieren kann, ist wohl wirklich ein Shitstorm und der Kontrollverlust über die eigenen Inhalte. Was glatt geschmirgelt, über zehn Schreibtische gegangen und den ästhetischen Ansprüchen von Luxusimmobilienbroschüren gerecht werden soll, lässt der Wähler links und rechts und in der Mitte liegen. Nutzerbeteiligung zu wagen, kann besonders im Hinblick auf die Gestaltung von Online-Kampagnen wertvolle Erkenntnisse bieten, auch wenn die Verantwortlichen zunächst gute Nerven brauchen. Das Currywurst-Plakat vom Schreibtisch zweier Studenten traf schließlich bei der nordrhein-westfälischen SPD, die diese Wahlwerbung nun drucken wird, auf höchst geteilte Meinungen. Doch es ist naheliegend, dass die „Tyrannei der Masse“, die in ihrer Freizeit Werbemotive für die Partei entwirft, der sie nahe steht, den Puls der online aktiven Wählerschaft besser fühlen kann, als ein beauftragtes Kreativteam mit eng gestecktem Briefing. Pinnwände in sozialen Netzwerken sind für manche Menschen wie die eigene Wohnzimmerwand. Nur wann haben Sie das letzte Wahlplakat gesehen, dass für die eigene Wohnung in Frage käme? Vielleicht eines aus einem lang verstrichenen Jahrzeit, dessen Retrochic nun wieder geschmackvoll anmutet, vielleicht auch ein wenig ironisch. Doch ironisch hängt man sich nur selten einen Politiker an die Wand. Die letzte Person, von der bekannt ist, dass sie mit vollem Ernst ein Helmut-Kohl-Poster im im Jugendzimmer hängen hatte, ist Familienministerin Kristina Schröder.

Bild zu: Wahlkampf fürs Wohnzimmer

Online-Wahlkampf heißt mehr, als möglichst moderne digitale und schicke Kommunikationsmittel zum Abruf zur Verfügung zu stellen, denn im Netz surfen User nicht an Plakaten vorbei oder nehmen den Wahlwerbespot vor den Abendnachrichten zur Kenntnis. Sie bestellen auch nicht ein Päckchen mit Flyern, das sie anschließend an ihren Freundeskreis verteilen. Wahlkampf im Internet wird erfolglos sein ohne Erfahrungen damit, wie verschiedene Communities untereinander kommunizieren. Doch um das zu wissen, müssen Wahlkämpfende Teil der vielen verschiedenen Gemeinschaften im Netz sein. Im Umkehrschluss kann das nur heißen: Parteien müssen von der Herangehensweise, Wahlkampf für das Netz zu machen, dazu übergehen, Wahlkampf mit dem Netz zu machen: mit ihren und den potenziellen Unterstützerinnen und Unterstützern. Dieses Prinzip sollten Parteien bereits kennen: denn kein Großflächenplakat ersetzt die Aktiven vor Ort. Das Netz funktioniert an dieser Stelle wieder einmal nicht anders als das platte Land: ohne die Menschen, die es bevölkern, passiert nich viel. Und eines sieht man leicht, wenn man die Aktivitäten von Anhängern, Mitgliedern und offiziellen Parteikanälen im Netz vergleicht: das Leben, die spannenden Berichte, der Enthusiasmus und die Emotionen finden bei den ganz normalen Usern statt. Wahlkampfportale würden mehr Menschen erreichen, sie könnten Inhalte und Gefühle bündeln, die über Photoshopfreude hinausgehen, würde man die Nutzerinnen und Nutzer nicht nur ein Plakat entwerfen lassen, sondern sie einladen, aus dem übrigen Material eine Konfettischlacht zu starten. Alle reden vom Plastikwort „Partizipation“ – die in Wahlkämpfen längst vorhanden ist. Diese dem etwas älteren Modewort „Aggregation“ einmal vorzustellen, wäre ein Anfang.

Bild zu: Wahlkampf fürs Wohnzimmer

Die Wahrheit darüber, wie man außerdem im Wahlkampf Emotionen erzeugen kann, liegt nah an Deutschland und im Wein: in Frankreich. Nach der Wahlkampfwerbung von François Hollande möchte man aufspringen, die Beine in die Hand nehmen und die nächste Pariser Wahlkabine stürmen. Dass Hiphop und Politik ein ganz reizendes Paar sind, zeigen die Franzosen außerdem in diesem Video. Es grenzt sich nicht nur musikalisch von einem Rosamunde-Pilcher-Sountrack ab und verzichtet auf glitzernde Seen, grüne Wiesen und Windräder. Stattdessen sieht man, dass das unbekannte Wesen Wähler tatsächlich existiert. Während deutsche Jugendliche zu französischen Wahlkampfvideos tanzen können, schlummern ihre Großeltern sanft zu den sedativen Satzbausteinen der Landtagswahlkämpfe ein.

 

 

Anmerkung: die Autorin arbeitet als Referentin für Social Media beim SPD Parteivorstand und vertritt hier ihre private Meinung, wie auch auf weiteren Accounts bei Twitter, Tumblr oder Google+.

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18 Lesermeinungen

  1. Gut geschrieben und noch...
    Gut geschrieben und noch besser beobachtet!

  2. Im Grunde ist vier Jahre lang...
    Im Grunde ist vier Jahre lang Wahlwerbung. Das sollten sich Politiker bewusst machen und sich am Riemen reißen.
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    Ihre Plakate, offline und online, die interessieren doch am wenigsten. Obwohl ich prädestiniert Miss_brauchsgrafiker* bin (im Unterschied zum fast noch höflichen ältlichen Terminus Ge_brauchsgrafiker) und in der Blüte meiner damals noch ehrgeizigen, aber wehrlosen Angestelltenjahre gezwungen war, u. a. Politikplakate zu dengeln. Das Übelste, was einem Designer passieren kann: ein viel zu großes Entscheider-Gremium und eitle Entscheider, die lieber leblose Plastikfotos von sich machen lassen und sich überhaupt nicht für ihre Zielgruppe interessieren. „Zielgruppe, issndas ich gewinn meine Wähler im Bierzelt …. Ich bin Alles und du Werberbazille nix!“
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    And now for something completeley different:
    Wie das moderne Netz tickt, kann man hier schön sehen. Achim Schaffrina vom Designtagebuch hat sich die Mühe gemacht und eine wie ich finde sauber geordnete Übersicht auf 1 (!) Seite – pidde scrollen –über die aktuellen Kampagnen erstellt, nach Parteien sortiert.
    http://www.designtagebuch.de/plakate-zur-landtagswahl-2012-in-nrw/#more-12909
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    Zu meinem Leidwesen (mich als alten Haudegen interessieren mittlerweise Texte mehr als schicke Schnörkel, man durchläuft schließlich auch als oberflächlicher Grafiker einen Reifeprozess ^^) wurden diese Auftritte überwiegend aus optischer Sicht diskutiert. O. k., ist DESIGNtagebuch, da will ich nicht so sein. Doch es fällt schon auf, dass in den Kommentaren häufig zuerst nach „schick“ oder „nicht schick“ geurteilt wird, danach erst die Aussagen angeguckt werden. Die Aussagen/Plakatheadlines sind häufig für die dortigen User und Kommentaristen aber immer noch lediglich unglaubwürdige „Parteigrütze“, auch wenn etwas geschicktere Plakattexte mal versuchen zu polarisieren.
    Das sollte zu denken geben.
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    Der von der jeweiligen Partei empfundene Glücksgedanke, im Netz erfolgreich viral gewesen zu sein mit hach! polarisierenden Aussagen, ist das eine. Wie die Werbebra(n)che weiß, die sich damals auf den vermeintlich kostengünstigen Hype „Viral“ gestürzt hat wie auf frisch aufgeschnittenen köstlichen Parmaschinken (hier sehr schön karikiert vom Spoof-Spot „Virales Marketing im Todesstern Stuttgart “ http://www.youtube.com/watch?v=uF2djJcPO2A ), ist die Fachbranche über die Ergebnisse ernüchtert. Von alleine viral läuft fast gar nix. Es hat nicht zu knappe Seeding-Kosten, will man reüssieren. Und machmal haut das trotzdem nicht hin, weil man den richtigen Nerv nicht getroffen hat.
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    Die Parteien sollten also nicht so sehr auf vergängliche Werbe-Hypes schauen, die in der sonstigen Werbung eh am abflauen sind, sondern in die Zukunft, wie sie die Bürger im Netz beteiligen wollen. Und das geht über die ganzen 4 (bei Landtag 6) Jahre Legislaturperiode. S. o.
    :
    Politik im Netz ist schön, macht aber viel Arbeit.
    Wer als Partei ein Jahr bis ein halbes Jahr vor der Wahl anfängt, über das Beteiligen der Bürger im Netz nachzudenken und ein paar polarisierende Headline-Torpedos abschießt, um ein paar Tausend gelangweilte Facebooker zum Labern, Ätzen, Liken und Weiterverlinken zu bringen, kriegt sicher von der Kampa-Parteizentrale ein Lob, ein Sternchen und darf über Los. Ob das nachhaltig Wähler und Mitstreiter gewinnt, da zweifle ich arg.
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    * Anmerkung: Die Schreiberin war in jungen unschuldigen Jahren für 3 Jahre in der SPD (ich war jung und brauchte Aufmerksamkeit!), hat damals ein paar Zeitungsartikelchen zu putzigstem Zeilenhonorar geschrieben und es dank heftigem kumpelhaftem Bierkonsum samt Zigarillo-Missbrauch in Hinterzimmern bis zur stellvertrenden Juso-Vorsitzenden ihre Region gebracht. (Weiß die Mama bis heute nicht … .)
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    Zudem bereut sie ihre Berufswahl entschieden. Die Bezeichnung „Missbrauchsgrafiker“ soll ausdrücken, dass man lediglich der hilflose verlängerte Arm am Pinsel und am Computer ist. Werblich allerlei spießigste Allotria treiben soll mit schlechter Typo (Comic Sans!) und noch schlechteren Fotos („die roten Augen rausmachen reicht, sonst kosten Sie wieder zu viel!“) aber ansonsten fachlich die Schnauze zu halten hat. Wer zahlt schafft an:
    http://kunden.ausderhoelle.de/
    Danke für die Aufmerksamkeit.

  3. Vroni, grunz, Kunden aus der...
    Vroni, grunz, Kunden aus der Hoelle! Wir haben Traenen gelacht.

  4. Bereits die Lorbeeren für den...
    Bereits die Lorbeeren für den Artikel beim Arbeitgeber abgeholt?
    Und auf den Webseiten von Hr. Hollande wird das Blaue vom Himmel runter versprochen gemäss dem alt bewährten Spruch:
    „Was, ich habs schon versprochen aber halten muss ich es jetzt nicht auch noch“…

  5. @irgendeiner Warum Lorbeeren?...
    @irgendeiner Warum Lorbeeren? Die ‚Anregungen‘ richten sich ebenfalls an die SPD.

  6. @Vroni Vielen vielen Dank für...
    @Vroni Vielen vielen Dank für Ihren Kommentar. Der Überblick vom Desigtagebuch ist auch irgendwo im Text schon verlinkt.
    Sie kennen vermutlich auch den Spruch: „Machen Sie mal etwas Virales!“
    Dazu empfehle ich von Markus Hündgen: „Mach doch mal ein Viral-Video“ – sehr erfrischen :) http://prreport.de/home/aktuell/article/5360-mach-doch-mal-ein-viral-video/

  7. Vor Jahren hab ich mir mal aus...
    Vor Jahren hab ich mir mal aus historischem Interesse auf youtube die Werbespots der 60er, 70er und 80er Jahre angesehen, die ich damals alle (mangels Fernseher) ja nicht gesehen hatte.
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    Und ich war schockiert. Von der haarsträubend miserablen Qualität. Die über Jahrzehnte nie nie niemals besser wurde. Diese Sprache, diese Stimmen, diese Bilder — von der ersten bis zur letzten Sekunde wirkt alles gepfuscht, gestelzt und unaufrichtig, so als fühlten sich die Politiker da selber nicht wohl, als absolvierten sie einen peinlichen Pflichttermin (so wie für Kinder das Gedichtaufsagen unterm Weihnachtsbaum).
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    Irgendwie macht das aber auch Hoffnung, wenn Politiker im Gespräch mit einem unabhängigen, kritisch fragenden Journalisten (oder im Plenum, wo ihnen der politische Gegner direkt gegenübersitzt und dazwischenbrüllt, etc.) überzeugender wirken als wie wenn sie auf die Stichwortfragen von Parteijüngern ihre Phrasen runterspulen. Wenn man sieht, dass ihnen das selber keinen Spaß macht.
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    Aber so ist halt Werbung.
    Was im Artikel als „Glaube an die Top-down-Mechanismen“ beschreiben wird, meint im Grunde schlicht eine strikt patriarchale, autoritäre Ordnung, die in allen Firmen nun einmal herrscht und die offene Kommunikation definitionsgemäß unterbindet.
    Die logische Fortsetzung dieser Ästhetik wäre dann der „sozialistische Realismus“.
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    Aber auch in der „offenen gesellschaft“ kam in den Wachstumsjahrzehnten irgendwie die Illusion auf, auch Politik verkaufen zu können oder zu müssen wie so eine Ware, ein Produkt. Und aus diesem Irrtum hat sie sich bis heute nicht befreit.
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    Weil man die Politik selber ja auch unpolitisch haben wollte.
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    Ich kann mich irren, aber nach meinem Gefühl war das zu Weimarer Zeiten nicht so. Da konnten Politiker (aller Parteien) noch REden vor Publikum halten und wussten, dass Politik eben Kampf bedeutet, und nicht Zahnpasta zu verkaufen.

  8. Der Hollande-Spot ist in der...
    Der Hollande-Spot ist in der Tat sensationell – also in punkto Emotion durch Bild und Schnitt.
    Das wollen uns politisch Interessierten die Reklamefuzzis ja schon seit Jahren verkaufen: Parteien und Kandidaten sind auch bloß Produkte, die der doofe Konsument schon kauft, wenn man ihm nur genug Gefühl in Augen und Ohren schmiert. Und das am besten mild-ironisch für die gebildete Oberschicht. Ich möchte kotzen.
    Passt mal auf, ihr Kommunikationsbräter, Werbew***er, Verbrauchsgrafi*ker und Reklamefratzen: Wir wollen überhaupt nix verkauft kriegen! Auch keine Parteien und Parteinasen! Weder von der CDUCSUSPD, noch von den Grünliberalen und schon gar nicht von den Piraten (von den Losern ganz zu schweigen). Verstanden?! Wir haben euch satt. Deshalb zappen wir TV-Spots weg, gucken uns keine Anzeigen an, haben Ad Block installiert und ignorieren die Plakatpest auf unseren Straßen.

  9. @ Rainersacht
    mit diesem...

    @ Rainersacht
    mit diesem progammatischen „Wir“ habe ich so meine Probleme. Wer ist wir, ich bin alle? Das macht mich alle. :-)
    .
    Weg von der Stilkritik: Lästig und unwahr wirken sie alle.
    Der Hollande-Spot ist zumindest das, was deutsche Politik-Spots nie werden: emotional. Auch wenn er zuviele Themen aneinanderreiht, statt sich zu fokussieren (hat mich gestört.)
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    Die deutschen Politik-Spots: Bei denen erzählt ein Off-Sprecher oder Onkel den lieben Kindern eine Gutenacht-Geschichte von den Windrädern, werden mit softigem Eso-Tongeklingel unterlegt (nennt man in Deutschland emotional, ist es aber nicht. Sondern kalt kalkuliertes Pampers-Windel-Sounddesign). Und sind vor allem eins: meist (noch schlechtere) Plagiate des damaligen Jung v. Matt-„Du bist Deutschland“-Spots.
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    Unterschied:
    Das verschauket-werden-Gefühl stellt sich sofort ein.
    Beim Hollande-Spot erst, wenn man ihn zweimal gesehen hat.

  10. Manchmal ist Plakatwerbung...
    Manchmal ist Plakatwerbung sogar richtig lustig, ist aber auch schon 20 Jahre her.
    Lange lief in Holland die Kampagne „Melk de witte motor!“ (Milch, der weisse Motor). Die lief einfach so und war garnicht lustig, bis auf den Abend als die Werbeleute etwas Ordentliches zum Rauchen hatten und die Milchkampagne ins Irrsinnige verschoben. Es entstand „Gnerk de gnitte Gnotor!“.
    Das ging nicht lange gut. Versteht sich.
    .
    (Google-Bildsuche, Stichwort „Gnerk de gnitte gnotor“ eingeben.)

  11. @Vroni Das "Wir" ist ein...
    @Vroni Das „Wir“ ist ein rhetorischer Trick wie ihn derzeit die Piraten besonders gern anwenden. Er dient dazu, dass Gute („wir“) vom Bösen („ihr“) abzugrenzen. Beliebtes Stilmittel auch der Wahlreklamefuzzis…

  12. Bin seit 12 Jahren keine...
    Bin seit 12 Jahren keine Reklamefuzzine mehr. War eigentlich nie eine echte, sondern als „reingelaufener Bildermaler“. Im Ernst, ich dachte damals, ich könnte in Ruhe Bilder layouten. Eher ein Störfaktor im hektischen Betrieb „Werbeagentur“. Was die die Reklamefuzzies machen, ist mir seit langem ziemlich egal.
    Das mit den Piraten und mir wird nix werden, sind mir langsam zu peinlich und können anscheinend nicht lesen. Also auch da kein „wir“.
    .
    Habe gehört, Hollande soll einen kleine Schlaftablette sein. Ein mitreißender Spot sollte das wohl kosmetisch hinbiegen.

  13. In allen Punkten dito - nur...
    In allen Punkten dito – nur von der Textseite und eher der PR kommend… Also doch „wir“ ;–))

  14. "Die Wahrheit darüber, wie...
    „Die Wahrheit darüber, wie man außerdem im Wahlkampf Emotionen erzeugen kann“
    Womit alles wesentliche über den Ansatz der Autorin zu Wahlkämpfen gesagt ist. Es geht darum, Gefühl zu verkaufen, nicht Inhalte. Aus Sicht des Artikels müsste ein erfolgreicher Spot, der schamlos an die Ängste von Menschen (z.B. vor Überfremdung) apelliert, vollkommen in Ordnung sein. Und genau mit dieser Herangehensweise habe ich ein grundsätzliches Problem
    Ganz nebenbei und OT – der so „unsägliche“ amerikanische Kandidat der Republikaner für das Präsidentenamt hat erstaunlich präzise Angaben dazu gemacht, was er wo und wie machen will:
    http://www.mittromney.com/issues/spending
    Da weiss man dann tatsächlich, was man ablehnt und was man bejaht. Und muss nicht mit Vermutungen und Unterstellungen operieren.
    DAS würde ich von welcher deutschen Partei auch immer ja zu gerne mal nachgeahmt sehen. Statt wahlweise des Appells an esoterisches Wohlfühlen, hysterische Angst, einlullendes Weiter So oder trändendüsendrückender Sozialromantik.
    Gruss,
    Thorsten Haupts

  15. ThorGa,
    jau.
    .
    Aber es bleibt...

    ThorGa,
    jau.
    .
    Aber es bleibt dabei: Der Spot hatte was, was den deutschen Politik-Schlaftabletten-Spots entschieden fehlte: Energie.
    Wirklich mitreißende „Reklame“, das gibt es in D wenig, dafür ist sie eher fad und steif. Egal, was „verkauft“werden soll. Ich nehme an, dieser Faktor hat die Autorin gestört. Das stand für mich jedenfalls deutlich im Raum.
    .
    Natürlich kann man emotionale inhaltslose Werbung bar jeder Information gerne geißeln.
    Das Gegenteil Werbung nur mit Ratio-Brocken, das wird jedoch auch unser ThorHa nicht freiwillig angucken. Der Unterhaltungsfaktor fehlt enorm, wenn es plötzlich ans reine feature fucking geht. Dieses „ff“ will kein Mensch. Außer genau 3 Nerds im alten Usenet. Dafür nicht.
    .
    Der energievolle Mensch ist immer Emotio und Ratio.

  16. Mein lieeeber Filou,
    darf ich...

    Mein lieeeber Filou,
    darf ich Sie eines Tippfehlers zeihen?
    Ihr Suchterminus muss heißen „gnerk de witte gnotor“. Und so sieht das dann aus: http://ponypeople.wordpress.com/2011/11/14/gnerk/
    Ähem. Was haben die geraucht.
    Was hat Filou geraucht.

  17. Vroni, ich rauche dasselbe,...
    Vroni, ich rauche dasselbe, was Sie in SPD-Hinterzimmern paff(t)en.

  18. Alle plakatieren und keiner...
    Alle plakatieren und keiner schaut mehr hin!
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    NRW-Botschaften von heute:
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    Kita für alle
    NRW im Herzen
    Schulfrieden erreicht
    Wir könne auch ohne Schulden
    Wir halten zusammen

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