Deus ex Machina

Deus ex Machina

Über Gott und die WWWelt

Es ist die Systemfrage, Dummerchen!

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Im naiven Glauben an die Transformationskräfte des Netzes haben die Vorbeter der Netzgemeinde viel zu lange die realpolitische Umwelt da draußen ausgeblendet.

Zu dem Vorgang „Sascha Lobo ist enttäuscht vom Internet“ ist womöglich schon alles gesagt, nur noch nicht von allen. Im Grunde könnte man die Befindlichkeiten des Berliner Binär-Bohemiens auch unkommentiert auf sich beruhen lassen, wäre die idealistische Verpeilung, welche seiner Enttäuschung vorausging, nicht typisch für eine ganze Blase von Erweckungspredigern und Evangelisten des Elektronikzeitalters, die den digitalen Diskurs der vergangenen Jahre maßgeblich mitgeprägt haben. Und nachdem das Feuilleton dieser Zeitung weitere Debattenbeiträge hierzu angekündigt hat, liefert das geradezu eine Steilvorlage, von dieser Stelle aus ein paar Gedankengänge beizusteuern.

Bereits zur Jahrtausendwende hatte Hans Magnus Enzensberger diagnostiziert, dass die Diskussion über Computer und neue Medien beherrscht wird von Heilsverkündern und Apokalyptikern. Beide hätten überdies etwas gemeinsam: „Propheten sind gegen die Tatsachen immun.“ Die offenkundigen Irrtümer der Weltuntergangspropheten möchte ich in diesem Zusammenhang mal außen vorlassen, mir geht es hier in erster Linie um die in netzaffinen Kreisen sehr weit verbreitete Heilsvorstellung, das Internet werde eine bessere Welt schaffen, mehr soziale Teilhabe ermöglichen, die Gesellschaft demokratisieren, Bildung und Kultur zu neuer Blüte führen und was nicht alles.

© FAZ 

Über die Genese dieser schönen Vorstellungen aus dem geistigen Erbe der Hippie-Ära und der Hightech-Industrie in Kalifornien (Stichwort: kalifornische Ideologie) und wie diese Ideen dem Internet gewissermaßen eingewebt sind, könnte man lange Abhandlungen schreiben. Aber um die Kurve etwas schneller zu kriegen: Bei aller Freude über das neue Spielzeug ist der Funke des auf das Netz gerichteten Heilsglaubens auf mich nie so richtig übergesprungen. Das war in meinen Augen so etwas spezifisch amerikanisches – wie die immer adrett-korrekt gekleideten Mormonen aus der neuen Welt, die so überaus enthusiastisch an den Haustüren und in der Fußgängerzone meiner Heimatstadt missionierten, mir aber nie so recht erklären konnten oder wollten, was genau denn nun ihre Theologie von den mir einigermaßen bekannten katholischen und lutherisch reformierten Glaubensinhalten unterscheide. Entscheidend wäre, dass ich mal ins Gemeindezentrum zum gemeinsamen Gebet käme, hieß es immer, dann sähe ich bestimmt klarer.

Bezogen auf das Netz lag für mich als nur leicht spirituell angehauchten Agnostiker jedenfalls ganz offen zutage, dass dem unbestreitbaren emanzipatorischen Potenzial stets auch konträr gerichtete Vektoren entgegenwirkten. Da war das völlige Hohldrehen der sogenannten „New Economy“ in den späten 90ern, das sich dann im Platzen der Dotcom-Blase entlud. In jenen Jahren war schon das weltumspannende Echelon-Horchprojekt der NSA ein Medienthema, der sogenannte Große Lauschangriff wurde vom Bundestag durchgewinkt, und kernige Aussagen von irgendwelchen Internet-Tycoons à la „Privatsphäre im Internet? Vergessen Sie’s“ standen schon damals im Raum.

Es gingen ein paar Jahre ins Land, plötzlich war die neue digitale Dachmarke „Web 2.0“ in aller Munde – und mit dem Aufkommen von Wikis, Blogs und anderen kleinteiligen Partizipationsformen schienen manche Verheißungen dann aber doch noch in greifbare Nähe zu rücken. Dass Internetcommunitybenutzer, die in jenen Jahren des erneuten Aufbruchs ihre Netzsozialisation erlebten, förmlich mitgerissen wurden von diesem Schwung und sich dank ihres fortschrittlichen Werkzeugs auf der richtigen Seite der Geschichte wähnten, ist menschlich nur allzu verständlich. Schließlich gaben Vorbeter und Fürbittenvorleser ihrer Netzgemeinde ja auch nicht zu knapp Zucker von ihren TED-Talk-Kanzeln herunter und mit hochbezahlten Keynotes auf Zukunftskongressen, wo sie dem „long tail“, der „share economy“, der „post privacy“ und der segensreichen Disruption das Hohelied sangen. Und schickte sich nicht wikileaks an, als zentrale Abladestelle für allerlei Enthüllendes das traditionelle Gefüge im Medienmarkt gründlich durcheinanderzuwirbeln?

© FAZ 

Ich will künftigen Historikern nicht vorgreifen beim Versuch, den Ort, Anlass und Zeitpunkt genauer zu benennen, an dem dieses Machbarkeitsgefühl und die Zuversicht umkippte in Lähmungsgefühle und tief empfundene Machtlosigkeit. Aber deutliche Dämpfer für die digitale Euphorie gab es schon vor den Enthüllungen des NSA-Whistleblowers Edward Snowden. Wolfgang Michal von carta.info beispielsweise hält das Scheitern von wikileaks für eine tiefgreifendere Zäsur, die viele Hoffnungen auf eine transparentere Gesellschaft zunichte machte. Bei Licht besehen waren auch die sogenannten Facebook- und Twitter-Revolutionen im arabischen Frühling nicht so glorreich, zumindest nicht, was die Rolle des Netzes dabei angeht. Aber zumindest konnten sich unsere einheimischen Twitteure und Twitteusen kurzzeitig in der Gewissheit sonnen, an etwas ganz Großem teilzunehmen: dem amtierenden Weltgeist, dargereicht und verteilt in 140-Zeichen-Häppchen.

Tja, und dann holten die NSA-Enthüllungen so manchen aus der erdnahen Umlaufbahn zurück auf den Boden der Tatsachen. Für Häme oder „Hab ich‘s nicht immer gesagt?“ sollte das aber keinen Anlass liefern. Die schlussendliche Gewissheit über das geradezu monströse Ausmaß der Datenschnorchelei nicht nur der NSA ist selbst für bekennende Aluhüte und Berufsparanoiker schwer zu verdauen. Vor Snowden hatte man zumindest noch eine Resthoffnung haben können, dass vielleicht nicht alles ganz so schlimm ist, wie man immer befürchtet hatte.

Auf die ambivalente Natur und die potenziell dunkle Seite des Netzes hat Evgeny Morozov, der von den Netzevangelisten und Propagandisten der kalifornischen Ideologie so gehasste advocatus diaboli, schon früh hingewiesen. In seiner Replik auf Sascha Lobos Zerknirschungsbeichte benennt er den zugrundeliegenden Internetzentrismus vieler Netztheoretiker als den zentralen Schwachpunkt im Weltbild. Internetzentrismus, so wie Morozov ihn versteht, ist, kurz gesagt, „die Vorstellung, dass allem, was im digitalen Bereich geschieht, eine kohärente Logik zugrunde liege“. Wobei das meiner Meinung nach nicht zwingend verhindert, auf dieser Grundlage zu brauchbaren Hypothesen zur weiteren Entwicklung des Netzes zu kommen. Der „wired“-Mitgründer Kevin Kelly ist in seinem Buch „What Technology wants“ sogar einen Schritt weiter gegangen mit seinem Versuch, die Summe aller technischen Entwicklungen als Wesenheit aufzufassen und der Frage nachzugehen, was diese Wesenheit salopp gesagt wollen könnte. Dabei haben sich einige recht interessante Trendlinien herauskristallisiert, die einer weiteren Diskussion durchaus würdig sind – ganz gleich, ob man bereit ist, an die von Kelly beschriebene fast schon biologisch agierende Entität der Gesamt-Techniken zu glauben oder nicht.

© FAZ 

Der Internet-Zentrismus, den ich in weiten Teilen des Netzdiskurses kritisieren würde, ist hingegen eher von der Sorte „Wer nichts hat als einen Hammer, dem erscheint die ganze Welt als Nagel.“ Mit der Schulbildung hapert’s? Na, dann mal schnellstens alle Schulen ans Netz. Die Medien informieren uns tendenziös oder nicht ausreichend? Blogs, Twitter und Podcasts werden die Medienlandschaft tiefgreifend umpflügen und der Wahrheit ans Tageslicht helfen. Wir haben ein politisches Problem mit dem repräsentativen parlamentarischen System? Das Netz wird es lösen, mit Online-Petitionen, Wahl per Mausklick und Liquid Democracy – Obama hat im Wahlkampf getwittert, ist das denn zu glauben? Yes, we can! Und jetzt alle retweeten: YES, WE CAN!

Schön wär’s. Ich will aber nicht ungerecht sein: Es hat in der netzpolitischen Ecke auch immer Protagonisten und Mitstreiter gegeben, deren Horizont über den Tellerrand ihrer digitalen Spielwiese hinausreicht. Die auch noch andere Sorgen hatten als die möglichst barrierefreie Runterladbarkeit interessanter Medieninhalte. Aber viel zu lange hat man sich in der Illusion eingerichtet, qua Netz wäre man schon auf der richtigen und auch auf der Gewinnerseite. Morozov, der wortgewaltige Kritiker der Netzideologie, fordert stattdessen eine Rückbesinnung oder besser noch einen neuen Glauben an die Politik. Aber er sagt leider nicht, worauf sich dieser Glaube gründen sollte, wie er konkret zu leben sein sollte angesichts der fatalen Verschränkung von datensammelnder Konzernmacht und einer Überwachungsobrigkeit, der (nicht zuletzt dank der fleißigen Sammelei von personenbezogenen Daten in der privatwirtschaftlich organisierten Digitalsphäre) so gut wie nichts mehr verborgen bleibt, was wir tun oder lassen. Die entscheidende Frage ist: Ist das ein Webfehler im System, den man mit systemkonformem politischem Handeln vielleicht noch ändern kann – oder müssen wir nicht das ganze System in Frage stellen? Wenn ja, was folgt daraus? Reicht die innere Emigration in ein möglichst analoges Leben, soweit das noch geht – oder ist gar bewaffneter Widerstand geboten?

Was wir meiner Meinung nach jedenfalls nicht brauchen, ist ein neuer Netz-Optimismus, wie ihn Sascha Lobo fordert (leider auch, ohne genau zu sagen, worauf der eigentlich gründen sollte). Die bisherige Entwicklung des Netzes hat ja wohl eher Gustave Flaubert bestätigt, der in seinem Wörterbuch der Gemeinplätze zum Stichwort „Optimist“ folgende Erklärung notiert hatte: „anderes Wort für Schwachkopf“.

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170 Lesermeinungen

  1. Nachdem
    ich erst den Beitrag „Küchenkrieg“ und nun diesen gelesen habe wundert mich die
    Datensammelwut der USA nicht mehr.
    Für mich ein hilfloses Unterfangen die digitale Gegenwart mit Hilfe der analogen Denkver-
    gangenheit in den Griff zu bekommen.

    • Tja,
      wenn das analoge Denken nicht mehr ausreicht, die binärsystemcodierten Gegenwartsentwicklungen zu verstehen, was genau schlagen Sie stattdessen vor? Jeglichen Versuch des Verstehens von vornherein bleiben zu lassen?

    • Das genau hab ich mich
      …auch gefragt. Wie viele andere wohl.

      Für mich bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass ich vor einer Wand stehe, je mehr
      Ich darüber nachdenke, desto höher wird sie.

      Mein Trost: dieses Schicksal, teile ich vermutlich mit 7 Milliarden meinesgleichen.

  2. Titel eingeben
    Bei Enzensberger muss ich immer an „Ins Lehrbuch der Oberstufe“ denken.
    Danke Mark für den nachdenklichen Artikel!

    • (...)
      “ (…) wut und geduld sind nötig,
      in die lungen der macht zu blasen
      den feinen tödlichen staub, (…)

      Danke fürs Erinnern, das hatte ich gar nicht mehr Arbeitsspeicher!

  3. Wer es schafft, in allen Dingen ...
    … ihre 2 Seiten wahrzunehmen, die sie nun mal haben, der kommt gar nicht auf die entweder-oder-Schiene.

    Mit einem Buttermesser kann man Gutes und Sinnvolles tun, nämlich ein Butter- oder Tofubrot (gnigger) streichen. Man kann mit dem Buttermesser aber auch jemandem ins Auge stechen. Jedes Ding hat zwei Seiten, eine helle und eine dunkle.

    So gesehen ist die Internet-Verklärerey schon immer eine dämliche Sache gewesen. Das Problem ist nicht der Rechner, das Problem sitzt von Regeierung, Geheimdienst an bis runter zum jungen Twitterer VOR dem Rechner.

    Dieses „das System stürzen“ ist aber auch wieder so ein entweder-oder-Ding. Und dann hat man „das System“gestürzt …, was kommt dann? Doch auch wieder nur etwas, das 2 Seiten hat. Je früerh man die Dualität begreift, umso besser.

    Der Mor hält das also für die falsche Fragestellung. Man sollte sich besser fragen, wie dieser wirklich nicht mehr zu begreifende Unsinn geht, dass wir immer mehr Maschinen, Roboter und Computer haben, die für uns die ungeliebte Arbeit und Wertschöpfung machen, aber die Gesellschaft nach wie vor danach strebt, „alle in Arbeit zu bringen“. ; -)

    Ja, und wer nicht ausgeschnüffelt werden will, der darf halt dann in keiner Krankenkasse sein (vielelicht gibt es ja mal einen Krankenkasse, die sich so positioniert, dass sie mit Papier arbeitet und auf Datensätze und Geschnüffel verzichtet … ;- ) ) und er darf halt nun mal keinen Internet-fähigen Kühlschrank besitzen. Er muss halt dann in Walden oder in Bargfeld leben. Geht auch. Und gar nicht schlecht. Mussja nicht gleich ein Stacheldraht drum herum sein sein, wie ihn Arno der Einsiedler gezogen hat.

    • Ich will nicht sagen,
      dass Ihre Fragestellung unwichtig wäre, aber nach meinem Empfinden führt das Rumhirnen über solche konstruierten Aporien auch zu nichts, es sei denn, man gehört zu den Theoretikern und Futurologen, die sich mit der Singularität beschäftigen. Wenn man das Thema dann genauer unter die Lupe nimmt, wird klar, dass das Wegnehmen von Arbeit durch immer mehr Rechner und Gerätschaften ab einem gewissen Punkt der technischen Entwicklung nicht unser größtes Problem ist (und bei Licht besehen auch noch nie war, nebenbei bemerkt).

      Was Ihren letzten Punkt angeht: Wieviel Rückzug aus dem Datenraum ist möglich, ohne genau dadurch in Verdacht zu geraten?
      http://blogs.faz.net/deus/2012/07/29/verdaechtige-verweigerungshaltung-858/

    • Nicht so ganz, oder?
      „…und er darf halt nun mal keinen Internet-fähigen Kühlschrank besitzen.“

      Also das ist Unsinn….. das Problem ist in Realität ein anderes.
      Ich glaube die Gretchenfrage hier ist: Muss ich immer und überall erreichbar sein, oder kann ich auch ohne smart-handy leben?

      Wer mit dieser kompromisslosen Grundfrage anfängt, wird sich auch niemals eine Internet fähige Zahnbürste oder Auto kaufen.
      Aber man muss sich entscheiden UND man muss sich darüber im Klaren sein, dass man dann zur Minderheit gehört. Ausreden interessieren kein Schwein, macht auch nichts, „Mitläufer“ zu sein war schon immer deutscher Nationalsport.

      Es geht nicht um die e-mails… wieviele mails schreiben sie denn so jede Woche die die NSA, BND & CO unter keinen Umständen lesen dürfen?

      Es ist zwar ein wenig permanentes Nachdenken erforderlich (was die grosse Mehrheit sowieso disqualifiziert) aber es ist möglich im Internet bewusst herumzugeistern. Von der Illusion man könne irgend ein Rad zurückdrehen, sollte man sich aber schnellstens verabschieden. Erfreulich ist, dass der Protest mittlerweile immer seltener wird, wenn ich wieder mal schreibe, dass der Zug längst abgefahren ist.

      Zurückgenommen wird da nichts mehr… alles was machbar ist wird getan.

    • Abgesehen davon
      …dass so manche Hochkultur an ihrem Erfolg zugrunde gegangen ist.

      Immerhin auch eine Möglichkeit, die man bedenken kann.

      Ich glaube es war Arnold Zweig, der sich wunderte warum zu Zeiten
      Der Merowinger so klägliche Neubauten entstanden.
      Die römischen Prachtbauten vor Augen.

    • Dann nehmen Sie meinen Widerspruch bitte schon mal zur Kenntnis.
      Denn die reine Tatsache, dass etwas möglich ist, heisst nicht, dass es auch gemacht wird. Und noch weniger, dass es auch gemacht werden muss.

      Es wäre bei uns aufgrund der Ohnmacht des Individuums gegenüber organisierter Gewalt ohne weiteres möglich, alle X (für X beliebiges einsetzen) in Arbeitslager zu stecken, deshalb wird es noch lange nicht gemacht.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Tyler, der Kater will nur demütigst ..
      … anmerken, dass seine vergekürzte Begrifflichkeit „internetfähiger Kühlschrank“ lediglich als pars pro toto gemeint war für jeglichen Gadget-Schnickschnack. Auch den Schnickschnack der „normalen“ Mobiles. Da fängt für den Kater schon der Schnickschnack an: Alles, was nicht nur telefoniert, sondern Spiegeleier brät plus Kühlschrank auffüllt, ungefragt nach Hersteller-Zuhause telefoniert plus aussieht wie ein glänzender Muckenpatscher für Debile …

      Beim Rest sind wir uns dann wohl einig.

      *zusammenringel*

    • Nicht nur beim Rest...
      Es gibt diese alten Handys mit denen man ausser telephonieren nur noch sms verschicken kann, sowas mit der 10 EUro sim card drin, die reichte beim mir länger als ein Jahr.
      Ich besitze mittlerweile nicht mal mehr das, diesen Computer fürs Intrenet und einen anderen der nie ans Netz geht…. das wars dann schon mit der Elektronik, ich bin halt sowohl ein schlechter Konsument als auch Staatsbürger.
      Mit mir ist kein Staat zu machen……

  4. Emigrations(?) ins Analoge
    „die innere Emigration in ein möglichst analoges Leben“
    .
    Komplett geht’s wohl nicht mehr, man kann das alles nicht zurückdrehen, aber in Maßen kann man’s versuchen: kein „Handy“, nicht bei Facebook u.ä. anmelden, nicht Twittern, alle möglichen Filter in seinen Browser installieren, undsoweiter.
    Ja, so mach‘ ich’s und es geht mir gut. Gehe allerdings oder außerdem zu Fuß (habe bewusst kein Auto mehr), rauche seit 25 Jahren nicht mehr, habe (und sehe) seit einigen Jahren kein TV (aber lese viel), …und da ist noch sicher das eine oder andere. Und bin glücklich mit ’ner quicklebendigen jungen Gattin gesegnet.

    • Letzteres
      ist überhaupt das größte Geschenk des Lebens. Eines, das man sich, Fortschritt hin oder, wahrscheinlich auch in ferner Zukunft nicht einfach irgendwo runterladen können wird.

      Ansonsten: Als unnütz empfundenes wegzulassen, nicht jeden Mist mitzumachen, das enthebt einen zwar nicht aller Sorgen, aber es hilft, sich auf die wesentlicheren Dinge zu konzentrieren.

      Ob eine Nichtpräsenz bei Facebook (jetzt nur mal als Einzelbeispiel aufgegriffen) den Kraken nennenswert viel Datennahrung vorenthält, weiß ich nicht. In meinem Fall gibt mein Blog mehr Infos über mich her, das einzige, was Facebook den Bloglesern an Wissen voraushat, ist der Klarname meiner Frau. Vor zehn Jahren meinte ich auch noch, wenn ich mir schon ein Handy aufschwatzen lasse, dann darf es unter keinen Umständen auf mich angemeldet sein. Ich habe das so beibehalten, muss da aber selber schmunzeln, wenn ich mir das nochmal vergegenwärtige. Und wenn ich aus irgendwelchen Gründen mal ein Alibi bräuchte und anhand der Bewegungsdaten meiner Sprechgurke klar wäre, dass ich zum fraglichen Zeitpunkt ganz woanders rumradelte, würde ich mich dann doch anstrengen, das Gerät samt SIM-Karte glaubhaft als meins zu deklarieren. ;-)

  5. es lebe die alliteration
    „die Befindlichkeiten des Berliner Binär-Bohemiens“
    .
    ach was, der hat ein rad ab, so einfach ist das.

    • alliteration, die zweite
      aber schön gesagt ist es schon, das mit den Befindlichkeiten des Berliner Binär-Bohemiens.
      danke, Marco.
      .
      kennt einer hier noch den Peter Altenberg? DAS war ein bohemien.

    • Nö,
      das wiederum wäre zu einfach. So sehr ich manchmal auch Kopfschüttel-Reflexe kriege von seinen Ergüssen, bei anderen Gelegenheiten habe ich seine Kolumne auch schon ausdrücklich zustimmend verlinkt.

      Und eins muss man ja auch sehen: Eine gewisse Größe gehört schon dazu, sich hinzustellen und zuzugeben, ich hab das nicht gepeilt, obwohl ich im Prinzip alle Infos hatte, um klarer zu sehen. Von diversen anderen digitalen Dampfplauderern (ich nenne jetzt keine Namen, aber der Link im Beitrag auf den newstatesman sollte klar machen, wen ich meine), vermisse ich so selbstkritische Einsichten nach wie vor.

  6. Kommt darauf an
    Mit einer guten Bookmark-Sammlung kann das Web schon was taugen.
    Und wer jeden Käse liest, ist selber schuld.
    Mir fällt häufig auf, dass die Begriffe Web und Internet oft synonym verwendet werden.
    Das Internet ist mehr als das Web. Ich möchte z.B. auf das Internet-Radio nicht mehr verzichten.

    • Eine Umfrage im Kollegenkreis
      würde womöglich zutage fördern, dass die Mehrheit eher von Webradio sprechen würde als von Internetradio. ;-) In den ersten Jahren (sprich: Mitte der 90er) meiner thematischen Beschäftigung mit dem Netz habe ich da auch schärfer getrennt, es dann irgendwann aber schleifen lassen. Ich hatte mich als Medienjournalist in zehn Jahren zuvor schon verausgabt damit, immer wieder vergeblich darauf hinzuweisen, dass Rundfunk nicht gleich Hörfunk (also Radio) ist, sondern der Oberbegriff für Hörfunk und Fernsehen. Die Erfahrung lehrt: Solche klugen Hinweise dankt einem kaum einer. ;-)

  7. Einfach nur ein paar unsortierte Gedanken:
    Ein vollständig überwachungsfreies Internet ist als Forderung wie als Utopie genauso blödsinnig wie gemeingefährlich. Technisch wie politisch.

    Da wir uns mit der prinzipiellen Überwachungsmöglichlichkeit genauso abzufinden habe, wie mit der prinzipiellen Ohnmacht des Einzelnen gegenüber organisierter Macht, wird es für das Internet also auch nur darum gehen, die Überwachung kontrolliert, eingeschränkt, richterlich überwacht und im mehrheitlich politisch gewünschten Masse zu bekommen. Analog zu dem Schutz, den der Einzelne durch den Rechtsstaat gegenüber z.B. staatlichen Behörden heute schon besitzt.

    Warum interessiert das Thema bisher nur eine kleine Minderheit in Europa ebenso wie in den USA? Ganz einfach – bisher wird im wesentlichen nur gesammelt, aber nicht gegen den einfachen Mann missbraucht. Keine grauen Lieferwagen und Männer in schwarzen Uniformen im Morgengrauen. Also fühlt sich die Masse der Menschen nicht bedroht. Da der Missbrauch sicher ist und irgendwann passieren WIRD, ist das heutige Desinteresse nicht von Dauer.

    Kann man sich denn überhaupt dagegen wehren, dass man durch einen Staat massenhaft ausgespäht wird, der nicht deutscher Gesetzgebung unterliegt? Natürlich. Notfalls durch Aufbau einer eigenen technischen Infrastruktur. Kann man sich dagegen wehren, dass irgendwer weiterhin die Möglichkeit zu Überwachung behalten wird? Nein. Aber das ist in vielen anderen Lebensbereichen auch nicht anders und wir leben damit ziemlich gut.

    Ist Post Privacy die einzige Perspektive, die dem Menschen durch die prinzipiell nicht zu verhindernde Überwachungsmöglichkeit bleibt? Quark. Schon heute sind Prominente aller Art in der realen Gefahr, zu 100% ausgespäht und überwacht zu werden (durch die perversen Voyeure genannt Paparazzi, nicht Geheimdienste) und schon heute hat sich ein ausgefeiltes, ständig verfeinertes rechtliches Instrumentarium ausgebildet, dieser Überwachung Grenzen zu ziehen und Überschreitungen notfalls zu ahnden. Das kann man ohne grosse Schwierigkeiten auf alle Menschen ausweiten, sobald jede/r jeden überwachen kann.

    Was ist heute, nach den NSA Enthüllungen, wirklich neu? Dass die Naiven ihre Naivität eingebüsst haben. An der Meinungsfreiheit kann ich bisher (!) keinen Schaden erkennen, mir ist es bisher einfach wurscht, ob die NSA mitliest. Sobald sich für mich persönlich erkennbar negative Konsequenzen ergeben bzw. durch Mitmenschenschicksale als Gefahr ergeben, kann und werde ich mich politisch engagieren, um diese Gefahr zu minimieren.

    Wirklich neu ist für manche wohl einfach nur, dass es neue Gefahren einer neuen Technik gibt, denen man nicht vollständig sicher ausweichen kann. Das aber gilt für fast alle Lebensbereiche. Und ist kein Anlass für Panik und Verzweiflung.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Ich denke mal,
      als US-Bürger würde ich mir da mehr Sorgen machen, dort braut sich eine ungemütlichere politische Großwetterlage zusammen, in welcher die totale Überwachung nur einer von mehreren beunruhigenden Faktoren ist.

      Ach ja, gehört jetzt nicht hierher, aber weil es in dem >600-Kommentar-Thread zu dem Väter-und-Kinder-Beitrag vom Don vielleicht untergegangen ist: Ich hatte auf Ihren allerersten Kommentar (Temor: Die Kinder von heute müssten einemleid tun) noch geantwortet…

    • Ich habe Ihre Antwort drüben gesehen, aber eine weitere Antwort darauf vermieden.
      Denn Ihre Antwort war ebenso richtig wie falsch – direkt und in jedem Aspekt vergleichbar sind die Kindheiten nie.

      Vergleichbar sind die Ängste und Obsessionen der Eltern. Und da bleibe ich bei meinen Beobachtungen und deren Generalisierungen. Die konkret, z.B auf Sie, gar nicht zutreffen müssen.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  8. Was die "Wesenheit" will?
    Was halten Sie davon: Die „Wesenheit“ heisst, Kapital, und was sie will ist Mehrwert extrahieren. Der Staat (die Politik) – ich zitiere Marx, wie schon in meinem kleinen Kommentar zu Morozovs Antwort auf Sasha Lobo – fungiert dabei als das „Exekutivkommitee des Kapitals“. Das Internet ist im Marxschen Sinne eine Ware, es ist warenfoermig, und der Fehler seiner romantischen Apologeten bestand schon immer darin, an dieser Ware nur die Gebrauchswert-Seite wahrgenommen zu haben. Ein „Optimist“ mag nun zwar ein Schwachkopf sein. Dennoch sollten wir mit Morozov moeglichst unverzagt darueber nachdenken, wie wir in eine Welt gelangen, in der das Internet nicht Google und dessen Staat gehoert, sondern uns allen. Der Weg in diese Welt fuehrt ueber die Uebrwindung des neo-liberalen, ideologischen Wiedergaengers dessen, was schon Marx als „politische Oekonomie“ kritisiert hat, und ueber die Wiedereroberung der Politik.

    • Im ersten Moment
      dachte ich schon, nanu, hat Herold Binsack einen neuen Benutzernamen? Jetzt habe ich drüben in den Kommentaren gesehen, dass Sie schon das Vergnügen miteinander hatten. Ich bin ehrlich gesagt kein großer Marx-Exeget, und auch wenn mir die „Wesenheit Kapital“ plausibel erscheint, hatte ich nicht den Eindruck, dass die Netz-Romantiker (oder Internet-Idealisten) immer nur zu sehr auf den Gebrauchswert der Ware Netz fixiert gewesen wären. Der unmittelbare Nutzen allein hätte nicht zu der geradezu kultischen Verehrung und den naiven Heilserwartungen geführt, die mit dem Netz verknüpft worden sind. Im Unterschied etwa zu irgendwelchen Apple-Gerätschaften ging es beim Internet von Anfang doch viel weniger ums Haben als vielmehr ums Teilhaben. Oder denken wir an die Vorstellungen von „dot communism“, wo Vergesellschaftung ja auch ein prominenter Aspekt ist. Kurz gesagt, das Internet auf den Warencharakter zu reduzieren, liefert ein ähnlich schiefes Bild wie sagenwirmal Sex nur als Ware zu betrachten. Auch wenn Sex in vielen Kontexten unbestreitbar Warencharakter hat, müsste wahrscheinlich selbst Marx zugeben, dass da insgesamt doch deutlich mehr dran hängt. ;-)

    • Ihr Beitrag ist einfachnnur albern...
      „Dennoch sollten wir mit Morozov moeglichst unverzagt darueber nachdenken, wie wir in eine Welt gelangen, in der das Internet nicht Google und dessen Staat gehoert, sondern uns allen.“

      Sowas heisst mit dem Alu Hut zu denken oder wie man es früher genannt hat, reines Wunschdenken, und sonst NICHTS!

      Wenn sie die noch albernere Marxsche Wortwahl weglassen würden, und statt von Kapital zu schwafeln, von der Habgier ALLER Menschen reden würden, die ALLE liebend gerne hätten, dass ihr Geld das Geld zum täglichen Leben verdient, dann würden sie wahrscheinlich etwas mehr Zustimmung finden!

      Es ist kaum zu fassen im 21.Jahrhunder diesen 19.Jahrhundert Unsinn lesen zu müssen…

    • @ Tyler Durden Volland
      Morozov, der an einer Institution arebeitet, die mindestens ebenso konservativ ist, wie die FAZ und deren Foristen, vermeidet die Marxsche Wortwahl – von dem Wort „Dialektik“ abgesehen – und desshalb haben sie nicht gemerkt, dass seine Ideologiekritik im Kern und in Ihrer Struktur Marxistisch ist. Ich meinerseits moechte Ihrer Fasungslosigkeit zum Trotz an meiner Wortwahl nichts aendern, denn sie bringt unmittelbar zum Ausdruck, was mich von einem Konservativen wie Ihnen unterscheidet.

      Konservative koennen – im guenstigsten Falle – durchaus begreifen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Aber sie begreifen niemals, warum. Das liegt daran, dass Konservative Probleme, die eigentlich gesellschaftlicher (System!) Natur sind, als Probleme der Moral missverstehen. Arbeitslosigkeit haben wir demnach, weil einige Menschen zu faul zum Arbeiten sind. Die Finanzkrise wurde demnach dadurch ausgeloest, dass einige Banker zu habgierig waren – dieselben Banker, die man vor der Krise anstandslos gefeuert haette, waeren sie nicht so „habgierig“ gewesen. Als ob die Welt, die wir uns geschaffen haben, es zuliesse, nicht habgierig zu sein.

      Kurzum, Konservative verfehlen stets die Systemfrage. Daher moechte ich Ihnen meinerseits den Titel von Settembrini di Novertes Einlassung in Erinnerung rufen: Es ist die Systemfrage, Dummerchen.

    • Die Kapitalfrage
      Ich glaube nicht, dass Tyler mit „konservativ“ besonders gut charakterisiert ist ;)

      Natürlich kann man auch „System“ statt „Kapital“ sagen und damit bemänteln, dass man das gleiche meint und außer der Kapitalanlyse gar keine Systemtheorie hat. Tyler hält den Menschen für schlecht und das nicht erst seit der Erfindung des Kapitalismus, weswegen er auch nicht so verrückt ist, die Abschaffung des Kapitals zu fordern. Er versucht sich dem einfach so gut er kann zu entziehen und es ist wohl klar, dass das nicht für alle ist, dass die Menge einfach ihren Gewohnheiten folgt.

    • Als blogeigener Reaktionär werde ich Tylers Konservatismus (ROFLMAO) nicht verteidigen.
      Nur meiner verwunderung darüber ausdrücken, dass einfach gestrickte Leute einfach gestrickten Leuten vorwerfen, einfach gestrickt zu sein.

      Die „Systemfrage“ … Jedes wirtschaftliche, politische oder sonstige System wird von Menschen entworfen, von Menschen ge- und missnutzt, von Menschen bevölkert, weiterentwickelt, verbogen, verändert, an ihre Interessen angepasst.

      Die „Systemfrage“ ist mit Radio Eriwan abschliessend beantwortet: Im Kapitalismus wird der Mensch durch den Menschen ausgebeutet, im Kommunismus ist es umgekehrt. Wer die Systemfrage stellt, drückt sich aus Gedankenarmut, Unwillen oder Bequemlichkeit vor der Erkenntnis, dass es in jedem System noch immer derselbe Mensch ist, die im Sozialismus versuchte Umerziehung zum Neuen Menschen darf ja wohl als krachend gescheitert gelten.

      Und von daher ist die einzig relevante „Systemfrage“ die, wie man es mit welchen Massnahmen schafft, die angeborene Neigung des Menschen in Grenzen zu halten, sich die Welt zu ihrem ganz persönlichen Vorteil zurechzubiegen.

      Zu dem Thema habe ich von Marxisten seit Marx noch niemals irgend etwas Brauchbares gelesen, sie scheinen sich mit dieser Frage noch nicht einmal zu beschäftigen, seitdem sie entschieden haben, dass mit der Abschaffung des Kapitalismus automatisch, umstandslos und umgehend das Paradies ausbricht.

      Wer die Systemfrage stellt, ist mit freundlichem Verlaub ein Dummkopf. Er vermeidet konsequent das Nachdenken über das Leben und Zusammenleben des real existierenden Menschen. Was mich persönlich am meisten amüsiert – die Systemfrager halten sich selbst für besonders tiefschürfend. QED.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Ach, Sie nun wieder.
      Ich kann da nur für mich sprechen, aber in meinem Sprachgebrauch ist „Systemfrage stellen“ durchaus nicht gleichbedeutend mit „Kapitalismus abschaffen“ oder gar „Diktatur des Proletariats einführen“. Mit der schlichten Einsicht, dass der Mensch halt ist und bleibt wie er ist, hätte man überspitzt gesagt auch auf den Bäumen sitzenbleiben können. Hinzu kommt: „Der Mensch“ als Kategorie ist doch kaum weniger ein Abstraktum als „das System“, „die Gesellschaft“ oder was auch immer, ich weiß gar nicht, wozu man auf diesem Scheingegensatz groß rumreiten muss – außer zu dem Behuf, sich selber als der große Durchblicker hinzustellen und die anderen in die Idiotenecke. Davon mal abgesehen teile ich Ihre Marxismus-Kritik in Teilen, als Analyse-Instrumentarium hatte er unstrittige Verdienste, aber als Handlungsanweisung taugt diese Lehre eher wenig.

    • @ Marco Settembrini di Novetre, zu Marx, und dem Internet als Ware
      Ich bedanke mich fuer Ihre Antwort. Ich bin neu hier in diesem Forum, die Gepflogenheiten sind mir daher noch nicht vertaut, und jener Herr Binsack ist mir nicht bekannt. Er scheint, wenn ich Sie recht verstehe, der einzige FAZ-Forist zu sein, der ausser mir selbst auch schon einmal Marx gelesen hat? Das ist etwas ueberraschend, angesichts der konservativen Propaganda, die im FAZ-Forum offenbar vorherrscht, denn angeblich steckt hinter jeder FAZ doch ein kluger Kopf. Von klugen Koepfen – auch von konservativen – darf man aber erwarten, dass Sie zumindest wissen, wovon sie reden, und kennen, was sie kritisieren.

      Ich moechte mich also noch einmal kurz erklaeren. Ich fange mit der „Wesenheit“ an, die mich ueberhaupt erst bewogen hat, Ihnen zu antwortworten. Marx fuehrt in Das Kapital eben dieses als „die Substanz“ ein, „die das Subjekt ihrer eigenen Bewegung ist“. Die selbe Formulierung findet sich bereits bei Hegel, in der Vorrede zur Phaenomenologie des Geistes. Nun hatte Marx viel Humor, und ich bin mir nicht sicher, ob er Hegel (ohne ihn explizit zu erwaehnen) aus systematischen, oder nur aus polemischen Gruenden zitiert. Jedenfalls scheint er nahezulegen, dass man das Kapital als historisches Subjekt im Sinne Hegels verstehen kann. Das heisst aber umgekehrt auch, dass man Hegels Geist als das deuten kann, was Marx Kapital nennt. Tatsaechlich laesst sich Marx‘ Analyse als eine radikale Historisierung von Hegels Geistbegriff lesen. Als Kapital ist der Geist nicht mehr das transhistorische Meta-Subjekt, dass sich in der Geschichte selbst verwirklicht, sondern eine quasi-Substanz, d.h. etwas, das zwar durch unser aller Praxis konstituiert wird, uns aber als eine von uns unabhaengige Macht gegenueberzutreten scheint, die uns als „Wesenheit“ erscheint. In der Marxschen Terminologie heisst dieser Vorgang „Verdinglichung“. Tasaechlich ist das Kapital in Marxens Analyse nichts Substazielles, was man gar sehen, oder anfassen koennte. Es ist, wie Marx am Ende des dritten Bandes von Das Kapital schreibt, „kein Ding, sondern eine soziale Beziehung“.

      Zur Ware: Das quasi-Wesen namens Kapital ist selbst nicht „sichtbar“, es erscheint uns uns nur in seinen zwei „objektiven Formen“, zwischen denen es staendig „oszilliert“, wie Marx schreibt, naemlich als Ware, und als Geld, wobei letzteres eigentlich auch eine Ware ist, diejenige naemlich, deren einziger Gebrauchswert darin besteht, gegen alle anderen Waren jederzeit austauschbar zu sein. Aus diesem Grund beginnt Marx‘ in Das Kapital nicht dogmatisch mit dem Kapital, sondern mit einer Analyse der objektiven Gestalt, in der es in Erscheinung tritt (Wesen und Erscheinung), also mit einer Analyse der Ware. Sie ist das phaenomenologisch Erste, was wir sehen, wenn wir den Kapitalismus betrachten: „eine ungeheure Warenmenge“ (siehe den ersten Satz des ersten Bandes von Das Kapital).

      Waren hat es freilich immer schon gegeben, wie Ihr Beispiel vom aeltesten Gewerbe zeigt. Neu ist hier allenfalls, dass die Warenproduktion niemals zuvor und nirgendwo sonst die dominierende Form menschlicher Produktion gewesen ist. Im voll entfalteten Kapitalismus werden nahezu alle Erzeugnisse menschlicher Arbeit als Waren produziert. Sehen Sie sich einmal bei sich zu Hause, oder in ihrem Buereau um, oder in den Spiegel! Was sehen Sie da? Waren, und einen Angestellten! Sogar die Arbeit (bzw. die Arbeitskraft) selber ist hier zur Ware geworden („Arbeitsmarkt“).

      Eine Ware ist ein Produkt menschlicher Arbeit, das produziert wird, nicht, um unmittelbar die Beduerfnisse des Produzenten zu befriedigen, sondern als ein Mittel, um die Produkte anderer Warenproduzenten zu erwerben (bzw. das Geld dazu). Aus der Sicht des Konsumenten – z.B. des Freiers einer Prostituierten – ist eine Ware ein konkretes, speziefisches Ding, dass aufgrund seiner besonderen Eigenschaften seine individuellen Beduerfnisse zu befriedigen vermag. Der Freier moechte halt auch mal was vom Leben haben, raus aus der Routine seines Familienalltags und der Enge seines Angestelltendaseins, und so weiter. Aus der Sicht des Produzenten – also der Prostituierten – hingegen ist die selbe Ware nichts als ein abstrakter, geldwerter Tauschwert, den der Sex als Ware aber nur heban kann, eben weil „doch deutlich mehr dran haengt“, wie Sie sagen. Es haengt eben fuer den Konsumenten auch noch ein „Gebrauchswert“ dran. Nur deshalb kann die Ware andrerseits fuer den Produzenten Tauschwert sein.

      Kurzum: eine Ware ist ein zwieschlaechtiges Ding, konkret und abstrakt zugleich, ein „konkretes Allgemeines“. Eben diese widerspruechliche, dialektische Natur der Ware bezeichnet Marx als „Warenform“. Eine bestimmte Schule der Marx-Exegese (die Georg Lukacs‘ und der Frankfurter Schule) hatt diesen Begriff auf die Verhaeltnisse im Kapitalismus insgesamt ausgeweitet, um auch kulturelle Phaenomene der Moderne, wie z.B. den scheinbaren Gegensatz zwischen rationalistischen und romantischen Haltungen zur Welt und zum Selbst – z.B. die des Liberalen und Freimaurers Settembrini im Gegensatz zu der des Romantikers und Jesuiten Naphta – nicht bloss als Opposition und in ihrer „Ambinguitaet“ (Settmbrini di Noverte), sondern als Widerspruch, und in ihrer „Dialektik“ (Morozov) fassen zu koennen. Man kann die Romantik dann als eine vom Standpunkt des Gebrauchswerts lancierte Kritik der Tauschwertseite der modernen Gesellschaft deuten, und den Rationalismus im weiteren Sinne als die dem entegegngesetzte Operation, und doch zugleich einsehen, dass beide Haltungen in ihrer Einseitigkeit Produkte der selben entfremdeten Verhaeltnisse sind. Mann hat das im Zauberberg ja schon zum Ausdruck gebracht.

      Dieselbe Einseitigkeit zeigt sich auch in der Haltung Lobo’s zum Internet. Er hat, ganz romantisch, zunaechst nur dessen Gebrauchswertseite gesehen, sein befreindes Potential, etc. Jetzt wiederum sieht er ebenso einseitig nur noch dessen dunkle Tauschwertseite. Morozov hingegen erinnert an dessen dialektische Natur, und die Moeglichkeit politischen

    • @ Dreamliner, Haupts, Settembrini di Noverte
      Jetzt muss ich es gar mit Dreien zugleich aufnehmen. Also:

      @ Dreamliner: Ich kenne „Tyler“ nicht, nur seinen Kommentar. Inwiefern ich den als konservativ bezeichne, habe ich in meiner Antwort erklaert.

      @ Dreamliner, Haupts: Ich habe nicht die Abschaffung des Kapitals gefordert, sondern nur, ein Nachdenken ueber unsere Politik und eine andere politische Praxis, denn wir haben uns m. E. in globalem Masstab in eine ausserst prekaere Situation hineinmanoevriert. Wenn dieses Nachdenken nicht einsetzt, dann wird sich der Kapitalismus – jedenfalls in der Form wie sie ihn kennen und lieben gelernt haben – von selber abschaffen. Diese Einschaetzung muss man freilich nicht teilen.

      @ Settembrini di Noverte: Ich wollte mit meinen Abstraktionen niemanden „in die Idiotenecke stellen“, sondern versuchen, die Umrisse einer hier in Vergessenheit geratenen Methode, oder Erklaerung anzudeuten. Erklaerungen sind auf Abstraktion und Vereinfachung angewiesen. Waeren sie ebenso komplex und konkret wie das, was sie erklaeren, braeuchte man sie nicht. Sie waeren dann bloss Abbild, nicht Erklaerung.

      Ich habe micht nicht auf den „Marxismus als Handlungsanweisung“ (?) bezogen, sondern auf Marxesns spaeteres „Analyse-Instrumentarium“, d.h. einige seiner Konzepte (siehe meine weiteren Ausfuehrungen oben, falls veroeffentlicht). Sie sollten dazu dienen, einzusehen, dass das Internet weder nur Licht, noch nur Schatten ist, sonder sowohl das eine wie das andere, und dass unsere gesellschaftliche Praxis darueber entscheidet, was es fuer uns ist. Etwas aehnliches laesst sich vom Kapitalismus sagen, den nur zu verteufeln sehr unmarxistisch waere. Es ist der Kapitalismus, der, wie vieles andere, erst das Internet und liberale Freiheitsbegriffe moeglich macht, bzw. gemacht hat. Es sind allerdings auch die Verhaeltnisse im Kapitalismus (Staatskapitalismus inbegriffen, meine Herren!), unter denen eben diese Freiheit ad absurdum gefuehrt, oder ins Gegenteil verkehrt wird („Dialektik“, Morozov). Das Internet ist nur das juengste Beispiel dafuer.

      Ich habe das Gefuehl, hier in eine Art geschlossene Gesellschaft eingedrungen zu sein. Ich werde mich also wieder zurueckziehen, soviel Benimm muss sein ; )

    • Nein, nein,
      lieber Bosque Cimera, mein Kommentar mit der Idiotenecke bezog sich auf Thorsten Haupts. Dachte nicht, dass Sie das auf sich beziehen würden.

      Es ist zwar so, dass etliche hier in der Runde schon länger miteinander zu tun haben, aber wenn ich das Gefühl hätte, diese Gesellschaft sei so geschlossen, dass jeder Neue gleich weggebissen wird, würde ich da schon versuchen zu intervenieren. Es geht halt manchmal ziemlich direkt zu, aber doch selten so ruppig, dass ich mich zu Ordnungsrufen genötigt sähe.

      Ich fürchte, Ihr vorletzter Kommentar ist umfangmäßig in den Drehzahlbegrenzer reingerauscht. Aber ich weiß Ihre Bemühungen, mich marxologisch zu erhellen, durchaus zu schätzen – völlig unabhängig davon, ob ich mir das dann zu eigen machen kann oder nicht.

    • Aber, aber,
      …wer wird den gleich…

      Über Benimm lässt sich auch streiten.
      Sollten sie sich nicht eher über die Aufmerksamkeit freuen, die ihnen zu Teil
      wurde?

    • Bleiben sie ruhig an Bord, Bosque Ximera
      Bleiben sie ruhig an Bord, eine Bitte vielleicht noch, wenn sie zukünftig etwas knapper und mehr für die Dummies in Sachen linker Theorie schreiben könnten – Thorsten Haupts wird dann sicher bald zur Gegenrede antreten :-)

    • @ Settembrini di Noverte, E.R.Binvonhier, sambossa
      Ich bedanke mich fuer den Zuspruch. Mein angekuendigter Abgang haette in der Tat mimosenhafter nicht sein koennen. Eigentlich habe ich eine Ausflucht gesucht, mich wieder meiner verdinglichten Arbeit zuzuwenden, die mir gerade zum Hals raushaengt, und vor der ich in dieses Forum gefluechtet bin. Das Internet ist troz allem noch immer eine grosse Versuchung.

      Mein marxologischer Sermon oben ist tatsaechlich etwas aus der Facon geraten. Am Ende fehlt aber eigentlich nur das Wort „Handeln“. Sie, Herr Settembrini, pflichten oben Enzensberger bei, der „der Macht toedlichen Staub in die Lungen blasen“ will. Das ist, worauf ich eigentlich auch hinaus wollte, nur lyrischer. Die wirklich schwierige Frage ist, was das eigentlich heisst. Darauf weiss ich die Antwort auch nicht. Im fahlen Licht der Kristallkugel meiner politischen Intuition fuerchte ich aber, dass eher frueher als spaeter die Zeit kommt, da wir eine Antwort haben muessen. Die andere Seite bereitet sich schon darauf vor, allerorten, mit offenen Augen und Ohren, und mit geschlossenem Visir.

    • TH ist nicht dämlich, also meint er es auch nicht so....
      Wer heute eine Systemfrage stellen will ist nun mal völlig ignorant was die real existierende Welt angeht, kurz: „dämlich“. Da trifft sich der Konservative mit dem Anarchisten.

      Wenn wer einen anderen Vorschlag hat, dann bin ich gerne gereit zu lernen, aber der Mensch ist nun mal leiedr in erster Linie dumm und habgierig. Und ich meine ALLE, auch mich! Ich kenn mich vielleicht ein wenig besser als manch anderer sich.

      Ich warte immer noch auf eine positive Antwort. Es gibt NICHTS was man mit demokratisch-politisch möglichen Mitteln gegen die reale Machtverteilung auf der Welt tun könnte.
      Die Datendsammlerei ist da und es gibt NICHTS was man dagegen tun kann.

    • Kleiner Tip...
      Wenn sie sowas von sich geben: “ Er scheint, wenn ich Sie recht verstehe, der einzige FAZ-Forist zu sein, der ausser mir selbst auch schon einmal Marx gelesen hat?“, dann sind sie hier schlicht und einfach falsch. Sie scheinen andere für blöd zu halten… nach solchen Sätzen hölr ich grundsätzlich auf zu lesen, weil mir meine Zeit für alberne Menschen zu schade ist. Was bilden sie Komiker sich eigentlich ein wo sie hier sind? Bem SPiegel?

    • Alles, was der Mensch herstellt und benutzt, kann immer zu zwei Dingen gebraucht werden,
      Zu bösen wie zu guten. Eine Einsatzerkenntnis im marxistischen Jargon ausgebreitet wird dann zu einem Essay – kein Wunder, dass es nur noch so wenig Marxisten gibt.

      Inwieweit uns das bei der konkreten Frage weiterhilft, was gegen die massenhafte Überwachung getan werden kann, verstehe ich allerdings absolut nicht.

      Und das nur nebenbei – selbstverständlich stehen Marx, Engels und Lenin bei mir gelesen im Bücherschrank. Deswegen werde ich mich auch weiterhin weigern, Diskussionen im marxistischen Jargon zu führen.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • @ Tyler Durden Volland & Torsten Haupts
      Sie reissen meine polemische Bemerkung bezueglich der Belesenheit des heisigen Forums aus dem Kontext, Herr Volland. Immerhin bin ich auf meinen ersten unschuldigen 10-Zeiler hin sogleich als jener eine Herr identifiziert worden, der hier wohl auch schon mal Marx zitiert hat, und obendrein haben mir Sie dann auch noch einen Alu-Hut aufgesetzt! Da wird man ja wohl auch mal was sagen duerfen!

      Die „Einsatzerkenntnis“, Herr Haupts, dass „alles, was der Mensch herstellt oder macht …“, und so weiter, ist eben NICHT meine Erkenntnis. Das ist IHRE Erkenntnis (wenn man das eine Erkenntnis nennen will). Ich will ja – “ ‚daemlich‘ “ wie ich nun mal bin – die Systemfrage stellen, und das ist auf der Grundlage Ihres transhistorischen Allgemeinplatzes ebenso wenig moeglich, wie auf der Grundlage der Vollandschen Kapitulations-Anthropologie, derzufolge der Mensch an und fuer sich nun mal habgierig sei, und damit basta.

      Gegengruesse,

      xbosque

    • @Bosque: Bitte! Stellen Sie die SYSTEMfrage, anstelle eines Lehrvortrages über den Warencharacter
      Des Internet nach Marx. Konkret. Was muss anders organisiert werden, anders finanziert, wer soll Träger/Besitzer von was werden, wer profitiert oder verliert im neuen System, dass Sie sich vorstellen?

      Ich bin ja durchaus interessiert. Also los.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Nun denn. An der SYSTEMfrage bin ich natuerlich auch interessiert,
      aber die ist noch schwieriger zu beantworten, als die Systemfrage, die ich oben meinte. Bei der Systemfrage ging es ja zunaechst darum, das das Internet nicht isoliert verstanden werden kann, sondern nur im Kontext des grossen Ganzen, dessen Teil es ist. Marx stellt m.E. das analytisch schaerfste begriffliche Instrumentarium fuer dieses Verstaendnis bereit. Wenn die Praemisse aber stimmt, dass das Internet „kaput“ ist, weil das System „kaputt“ ist, dann kann man es folglich auch nur dadurch wieder hinbekommen, dass man das ganze System repariert, bzw. durch ein heiles ersetzt (eine Analogie: die Proudhonisten wollten das Geld abschaffen und durch Arbeitsgutscheine ersetzen. Marx hat dem zurecht engegengehalten, dass das so nicht laeuft, da unter fortbestehenden kapitalistischen Verhaeltnissen sich die Arbeitsgutscheine sogleich wieder in Geld zurueckverwandeln wuerden). Wo es aber „kein Richtiges im Falschen“ gibt (Adorno), stellt sich schliesslich unweigerlich auch die von Ihnen zurecht aufgeworfene SYSTEMfrage. Auf die koennte ich Ihnen auch dann keine befriedigende Antwort geben, wenn ich nicht gelobt haette, mich kuenftig kurz zu fassen. Die Antwort kenne ich naemlich selber nicht. Wenn wir vom System sprechen, muessen wir schliesslich mittlerweile ueber das sprechen, was der Ihnen ideologisch vielleicht weniger verdaechtige Peter Sloterdijk durchaus griffig als den „Weltinnenraum des Kapitals“ bezeichnet hat, und der stellt sich als ein hoch komplexes, riesiges Durcheiander dar, um nicht zu sagen, als ein Saustall von planetarischer Dimension. Angesichts der Groesse der wohl nur gesamtmenscheitlich zu bewaeltigenden Aufgabe, den Stall auszumisten, hat man nun allerdings guten Grund, pessimistisch zu sein. Da bin ich ganz bei Ihnen, wenn auch aus anderen theoretischen Gruenden. Dennoch glaube ich, das wir vor dieser Aufgabe nicht kapitulieren duerfen. Sonst bliebe uns nur, zu warten, bis einst vielleicht irgendeine Miltaer-Junta unser Ueberleben in den Ruinen dessen organisiert, was wir einmal als die moderne Welt gekannt haben.

    • Danke auf alle Fälle,
      dass Sie uns mit vulgärmarxistischen Platitüden à la „wir brauchen die digitale Diktatur des Proletariats“ verschonen. Und ist es nicht so, dass kranke Systeme zuvörderst an menschlichen Unzulänglichkeiten (Tyler sprach beispielsweise von der Habgier aller Menschen) kranken, die sich dysfunktional ins System eingegraben haben, so dass allem Rumdoktern am System letztlich Grenzen gesetzt bleiben, sofern nicht der erneute Versuch unternommen werden soll, mal wieder den neuen Menschen zu erschaffen, mit dem das Wunschsystem dann reibungslos funktionieren soll?

    • @Bosque: Dann haken wir das Systemthema besser ab.
      Ich wäre ohnehin nicht davon zu überzeugen, die alles in allem freieste, materiell bestausgestatttete, Minderheiten am konsequentesten schützende und allen mindestens das Überleben sichernde Gesellschaft gegen eine Chimäre zu tauschen, die angeblich alles noch viel besser kann, dafür aber einen gesellschaftlichen Grossversuch am lebenden Objekt erfordert. Ohne Vorbild und Anleitung.

      Statt dessen werde ich mich lieber mit der uralten Frage von Montesquieu weiter beschäftigen, wie man den real existierenden Menschen daran hindern kann, zuviel Macht anzuhäufen und diese dann zangsläufig zu missbrauchen. Es ist die einzige Frage, mit der die Beschäftigung wirklich lohnt, weil von der Güte der Antwort die Lebensqualität vieler, vieler Menschen abhängt.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • @ Settembrini & Haupts: "Danke" & "Systemfrage abhaken"
      Ich moechte daran erinnern, dass die Systemfrage (im Unterschied zu Haupts‘ SYSTEMfrage), zuerst von IHNEN aufgeworfen wurde, Herr Settembrini: „Es ist die Systemfrage, Dummchen“ – das ist IHR Titel. Wenn Sie aber der Auffassung sind, das System sei nur deshalb krank, weil der Mensch unzulaenglich ist, dann sollte Ihr Titel besser lauten: „Es sind die menschlichen Unzulaenglichkeiten, Dummchen“. Ich habe diese Frage am Beispiel der „gierigen Banker“ und „faulen Arbeitslosen“ oben schon mal kurz angesprochen und muss mich hier nicht wiederholen.

      Zudem gibt es hier noch ein anderes logisches Problem. Sie warnen vor einem gefaehrlichen Wunschdenken. Aber gemessen am Massstab welches Ideal- und Wunschmenschen definieren eigentlich Sie oder Herr Volland oder Herr Haupts den „real existierenden Menschen“ als „unzulaenglich“? Gewiss soll und kann man sich nicht gegen die Natur des Menschen auflehnen. Alles Herumdocktern ist hier in der Tat zum Scheitern verurteilt. Ihre Systemfrage, und dann auch Haupts SYSTEMfrage, machen daher nur Sinn, wenn man davon ausgeht, dass der Mensch „unzulaenglich“ ist, weil das „System“ es ihm nicht gestattet, „zulaenglich“ zu sein. Wer will hier also den Menschen zuegeln, oder gar seine Natur unterdruecken? Bin ich das? Oder sind das nicht vielmehr Sie, meine Herren?

      Herr Binsack (mit dem ich werder identisch, noch verschwistert oder verschwaegert bin) hat mich unten auf „die Dialektik zwischen konservativ und progressiv“ hingewiesen. Was uns allen gemeinsam vorschwebt, ist offenbar eine Welt, in der es dem Menschen nicht gestattet ist, bzw. er nicht genoetigt ist, des anderen Menschen Wolf zu sein. Und weil ich ihnen, Herr Haupts, den Weg in eine solche Welt, und den Bauplan dafuer, nicht in zwei Saetzen praesentieren kann, wollen sie die Systemfrage ganz abhaken, und sich praktisch und relaistisch dem einzig wirklichen Problem zuwenden, wie man dem boesen Menschen Zuegel anlegt. Also Bitte! Dann legen Sie doch jetzt mal IHRE Karten auf den Tisch! Schliesslich haengt ja, wie Sie selber sagen, „von der Güte der Antwort die Lebensqualität vieler, vieler Menschen ab[…]“.

      Ich habe bereits angedeutet, dass man mir die Errungenschaften des Kapitalismus nicht erst erklaeren muss. Ich frage mich aber doch, ob Ihre Darstellung des Kapitalismus als der ‚freiesten, materiell best ausgestatteten, …“ usw. Gesellschaft nicht mindesten ebenso plattituedenhaft ist, wie die Idologeme des Vulgaermarxismus, vor denen Sie zu verschonen Herr Sttembrini mir dankbar ist. Betrachten Sie den Kapitalismus doch zur Abwechslung mal nicht von der warte ihrer buergelichen, deutschen Wohlstandsinsel aus, sondern aus der Perspektive eines jener obdachlosen Tageloehner in Japan, die man – nach Abzug von Kost und Logis (!) – fur umgerechnet EUR 10.- (!) im Monat in Fukushima die Drechsarbeit machen laesst, oder aus der einer Naeherin in einer Textilfabrik in Bangladesh, oder der eines working poor in den USA. Oder sehen sie sich mal diese Visualisierung der Ergebnisse einer neueren Harvard-Studie zur Verteilung des Wohlstands in den USA, und zum Auseinanderklaffen von Wunsch, Idee und Wirklichkeit an: http://www.youtube.com/watch?v=QPKKQnijnsM

    • @ Bosque Ximera:
      Da haben Sie mich jetzt tatsächlich auf dem falschen Fuß erwischt, da das ‚%&§-Kommentarsystem, mit dem ich hier auch direkt im Admin-Modus antworten kann, meine Antwort an die Adresse von Herrn Haupts in den Orkus geschossen hat, in der ich versucht habe, den vordergründigen Widerspruch zwischen Systemfrage und der Betrachtung des Allgemein-Menschlichen (was ja wie gesagt beides Abstraktionen sind) etwas aufzulösen.

      Ich muss mich dazu nochmal neu sortieren, wozu mir im Moment leider die nötige Ruhe fehlt. Tatsächlich, und da bin ich auch als Nichtmarxist bei Ihnen, neigen wir dazu, das hiesige System mehr oder weniger für die gottgegebene oder zumindest natürliche Ordnung der Dinge zu halten, die vielleicht nicht in die beste aller denkbaren Welten führt, aber unter den gegebenen Optionen das am wenigsten schlechte Ergebnis zeitigt. Ich sage mal so: Solange es noch ernsthafte Systemkonkurrenz gab wie im früheren Ostblock, schien die Überlegenheit des Kapitalismus hiesiger Prägung klarer auf der Hand zu liegen. Wobei das System der SU und ihrer Satelliten ja keineswegs nichtkapitalistisch war, wenn man die irreführenden Eigenbezeichnungen mal ausblendet, es war nur eine andere Art von Kapitalismus, nämlich Staatskapitalismus. Vielleicht ist es (auch aufgrund der Natur des Menschen oder warum auch immer) nicht möglich, ein völlig neues und wirklich nichtkapitalistisches System auf diesem Planeten zu errichten, ohne dass in agrarkommunistischen Irrsinn wie in Kambodscha führt. Das heißt aber nicht, das es an dem bestehenden System nichts mehr zu verbessern gäbe. Die Frage nach dem Verbesserungspotenzial des Systems war es, was ich in erster Linie beim Formulieren der Überschrift im Sinn hatte und weniger einen kompletten Systemwechsel.

    • @Bosque: Ich kann mich kurz fassen, das ist bei volldurchdachten Fragen so.
      Der Mensch? Dazu gab es die beste und umfassendste Antwort im ehemaligen Grundsatzprogramm meines ehemaligen Studentenverbandes: Der Mensch ist zu gut und böse gleichermassen fähig, er ist gleichzeitig Individual- und Sozialwesen. Ich füge aufgrund meiner Lebenserfahrung hinzu, dass 90% der Menschen unabhängig von ihrer Intelligenz versuchen werden, sich und ihrer Familie den aus ihrer Sicht grösstmöglichen Vorteil zu verschaffen und diesen zu halten, schichtunabhängig. Das halte ich inzwischen für eine Tatsache, umso mehr, als etwas differenziertere soziologische Experimente schon lange Klarheit darüber verschafft haben, dass es natürlichen Altruismus nicht gibt.

      Aus dieser Erkenntnis erwächst ein Riesenhaufen von Schlussfolgerungen, die einfachste davon ist, dass weder Kommunismus noch Sozialismus noch Anarchie jemals eine dem Menschen angemessene Gesellschaftsform sein können.

      Zum Kapitalismus noch kürzer – Ihre Beispiele wären dann so richtig überzeugned, wenn Sie nachweisen könnten, dass es dem Menschen vorher irgendwie besser geht. Seit meiner Beschäftigung mit dem Kolonialismus habe ich z.B. das Luxusproblem des Wissenden, der zur Kenntnis nehmen musste, dass Afrika unter nahezu steinzeitlichen Stämmen aufgeteilt war, deren Hauptbeschäftigung das gegenseitige Massakrieren und der Verkauf der Überlebenden an arabische, später europäische, Sklavenhändler war.

      Das rechtfertigt den Kolonialismus nicht! Aber es relativiert in erheblichem Umfang die Schäden, die er angeblich angerichtet haben soll. Mit dem Kapitalismus ist es noch einfacher, er hat in Nordamerika und Europa die Massen aus hoffnungsloser Armut geholt und tut grad das gleiche für Asien und Südamerika. Das ist vorher noch keiner Wirtschaftsordnung auch nur annähernd gelungen, die Masse aller Menschen waren über Jahrtausende Subsistenzbauern mit einer Lebenserwartung von 45 und der guten Chance, an Hunger, Allerweltskrankheiten oder Gewalt zu krepieren.

      Mir reicht das, erstmal, vor allem dann, wenn die Gegenposition in reiner, ungenauer Utopie besteht. Die nicht in einem einzigen Fall nachweisen kann, dass eine „kommunistische“ Gesellschafts- oder Wirtschaftsordnung auch nur die erste Grundvoraussetzung erfüllt – überhaupt funktionsfähig zu sein.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • @ Haupts: Sie koennen sich kurz fassen, weil sie nicht auf meine Argumente eingehen
      – von der beilaeufigen Bemerkung ueber die Unzulaenglichkeit meiner Beispiele einmal abgesehen. Statt dessen erklaeren Sie mir erneut die Errungenschaften des Kapitalismus, die ich Ihnen nun schon mehrmals zugestanden habe, und unterstellen mir mangelden Realismus und utopistische Praxisferne. Ich hatte gehofft, Sie wuerden stattdessen die Frage beantworten, „wie man den real existierenden Menschen daran hindern kann, zuviel Macht anzuhäufen und diese dann zwangsläufig zu missbrauchen“ (Haupts). Vielleicht koennen wir hier ansetzen, anstatt immer wieder zurueck auf Los zu gehen?

    • @ Settembrini Di Noverte
      Nein, es war mir schon aufgefallen, dass Sie sich gegenueber Herrn Haupts bereits in diesem Sinne geaeussert hatten (und dass sie hier gleichwohl nicht zu einer Revolution aufrufen). Ich habe nur die Gelegenheit beim Schopf ergriffen, noch einmal „jargonfrei“ auf den Punkt zu bringen, was uns hier m. E. grundsaetzlich trennt – und was uns verbindet. Denn selbst, wenn Sie sagen, das System lasse sich verbessern, muss ihnen ja etwas Besseres vorschweben, als das, was gerade der Fall ist. Zudem haben haben auch Sie ja andererseits schon dankbar festgestellt, dass ich hier meinerseits nicht leichtfertig die Errichtung irgendeines Arbeiter- und Bauernparadieses fordere. Allerdings habe ich den leisen Verdacht, dass diese Zurueckhaltung meinerseits ihre Ursache in einer gewissen Einsicht in die Komplexitaet der Wirklichkeit des kapaitalistischen Weltsystems hat, die viel realistischer und abgeklaerter ist, als die diesbezueglichen Vorstellungen so manch eines selbsterklaerten „Realisten“, der mir hier utopistisches Wunschdenken und „daemliche“ Realitaetsferne vorgeworfen hat. Und auch diese Einsicht, wenn ich das noch einmal unterstreichen darf, habe ich letztlich meiner Marx-Lektuere zu verdanken : )

      PS: Das Gespraech mit Ihnen und Ihrem Forum war mir ein grosses Vergnuegen, nicht nur, weil ich hier Hernn Binsack wiedergetroffen habe!

    • Gerne wieder!
      Man könnte zusammenfassend und grob vereinfacht sagen, der Kapitalist neige dazu, sich den status quo schönzureden, wohingegen der Marxist/Kommunist unrealistische Vorstellungen hat von dem, was menschlich machbar ist. ;-)

      Um von da ausgehend wieder die Kurve zum Netz zu kriegen: Eine entsprechende Trennlinie sehe ich auch zwischen Nutzern, die das Netz nur als eine Kombination von gelben Seiten, einem Kleinanzeigenmarkt und Zerstreuungsangeboten betrachten und jenen, die ein Bewusstsein dafür haben, dass im Netz auch die Verheißung einer anderen Gesellschaft eingewebt ist (jetzt mal losgelöst von der Frage, wie realistisch oder nicht diese Vorstellungen letztlich sind). Zweifellos haben diese Vorstellungen diverse Dämpfer bekommen, sei es durch Monopolisierungstendenzen der großen Datenkonzerne wie Google, Facebook & Co. sowie der allgegenwärtigen Ausspähung und Überwachung. Aber vielleicht ist dieser Schock notwendig, um das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass ein anderes (weniger von Skaleneffekten und digitalem Drückerkolonnentum geprägtes) Netz und eine bessere, freiere Gesellschaft uns nicht in den Schoß fällt, sondern gegen enorme Widerstände erkämpft werden muss. In einem anderen Thread zu diesem Beitrag (es gab bei Google plus dazu ein interessantes Zwiegespräch mit einem carta-Coautor) habe ich gesagt, die größere Bedrohung für das relativ freie Netz, wie wir es heute (noch) haben, sind womöglich nicht die rückwärtsgewandten Kräfte sowie das Beharrungsvermögen und Bremsen der etablierten Medienkonzerne, sondern der technische Fortschritt: Wenn sich immer mehr Nutzungszeit und Traffic ins mobile Netz verlagert, wo nicht mehr gesurft und gebrowst wird, sondern alles nur nur mit irgendwelchen proprietären Apps abgewickelt wird, weiß ich nicht, wieviel von dem emanzipatorischen Potenzial des Netzes (das sich in homöopathischer Dosis ja auch in solchen Debatten wie hier zeigt) dann noch übrigbleibt.

  9. Welche Freude am Sonntag Morgen!
    Endlich schafft es mal jemand den einzig sinnvollen Kommentar zu diesem Thema zu verfassen.

    Man könnte noch ein wenig mehr auf das Eigeninteresse so manches Protagonisten hinweisen. Ein Sascha Lobo zB will halt vom Publizieren seiner Weisheiten gut leben können, und kann am Verstehen der tatsächlichen Realität erst sehr spät ein Interesses entwickeln. Allein schon, dass er dies im unsäglichen (ehemaligen) Spiegel macht, disqualifiziert ihn als ernst zu Nehmenden sowieso. Und sein Gequake vom „neuer Netz-Optimismus“ zeigt auch nur, dass er, was da auch immer kommen mag, er weiter von diesem Internet zu leben gedenkt. Vielleicht recherchiert er ja schon, wieviel die NSA ihren Angestellten zahlt. Im Auffinden dummer Konsumenten ist er ja erfolgreich, und Leser seiner Weisheiten wird er auch künftig genug finden.
    Auch sein Kollege Morozov ist aus dem im Artikel je genannten Grund in die peinliche Ecke einzuordnen. Sein Positivismus verhöhnt jeden ehrlich nachdenkenden Menschen! So wie Lobo zur Spiegelkundschaft, passt Morozov zur FAZ.
    „…neuer Glauben an die Politik“, ja bei der gesammelten Dummheit der Angesprochenen wird es das wohl auch geben, nur wird es eben dieselbe, alte Politik sein!
    In diesem Fall Politik + Total-Überwachung….

    Allerdings: „Reicht die innere Emigration in ein möglichst analoges Leben, soweit das noch geht – oder ist gar bewaffneter Widerstand geboten?“ soweit würde nicht mal ich gehen. Selbstverständlich gäbe es genug Grund, aber wozu? Das dritte Reich hat uns eines gelehrt: Was auch immer passiert, die Mehrheit wird immer gern Blockwart werden wollen, und alle, die man nicht aus Ressentiment sowieso noch nie leiden konnte, die kann man denunzieren.
    Ja, ein weitgehend analoges Leben und weg von dieser Gesellschaft (a-sozial), mit ihren zwei Dritteln die nichts gegen Überwachung haben, weil sie ja nichts zu verbergen haben…

    Heute mal am Ende, als Hommage an Flaubert, die Signatur unter allen meinen e-mails:
    „Postives Denken ist das Gegenteil von Denken.“

    Und als PS: Danke für den netten Lacher zu Frühstück, mit dem Pizzeria Bild…

    (Bin schon gespannt wer hier das Hoheistrecht hat, die FAZ zensiert ja so ziemlich alles was von mir kommt)

    • An der Person/Figur Lobo
      wollte ich mich dann doch nicht zu sehr festbeißen, zumal ich es bei der hiesigen Leserschaft als einigermaßen bekannt voraussetze, dass er bei der Selbstvermarktung mit bewundernswerter Schmerzfreiheit agiert. Mir ging es hier wirklich mehr darum, diesem naiven Netz-Utopismus, der ja keine Lobo-Spezilität war, etwas genauer nachzuspüren.

      Es wäre nun übertrieben zu sagen, dass ich diesen Beitrag eigens für Sie geschrieben hätte, aber Sie werden lachen, ich hatte heute morgen irgendwann im vorletzten Absatz eine Schreibpause, wusste auch noch nicht so recht, wie ich die Schlusskurve kriege, hatte Schwierigkeiten, wieder in den Fluss zu kommen, und da kam mir ein Kommentar von Ihnen in den Sinn (wo Sie sinngemäß sagten, von der Politik sei bei dieser Thematik nun überhaupt gar keine Abhilfe zu erwarten) – und plötzlich hatte ich den richtigen Schwung, die Chose fertig zu schreiben.

    • Was Lobo angeht...
      … so finde ich ihn deshalb so unerträglich, weil er mit seinem Geschreibsel all jene die irgendwie ja sehen, dass da irgendwas in ganz grossem Rahmen falsch gelaufen ist und läuft, all jene Denkanstösse mit seinem unsäglichen Positivismus im Ansatz zerstört! Und zwar schon immer! Und das auch noch weil er mit seinem Geschreibsel für die Doofen beim Drecks Spiegel Geld verdient.

      Schön, dass ihm jetzt einiges aufgeht, aber ihn zum Ratgeber zu küren, weil er endlich was letztlich Banales eingesehen hat, halte ich für sehr riskant und Morozov tut dasselbe. Als erstes MUSS man sich der simplen Wahrheit stellen, dass die Machtverhältnisse es nicht ermöglichen den Ameikanern im Allgemeinen und deren NSA im Besonderen irgendwie beizukommen und ihnen etwas vorzuschreiben!

      DANN kann man sich zusammensetzen und sich überlegen wie man darauf reagieren kann, falls das überhaupt möglich ist… Das Geschwafel darüber wie man das alles wieder unter Kontrolle bekommt ist lächerlich und sogar kontraproduktiv, weil es die Menschen ignorant hält!

    • Polit- statt Netzoptimismus
      Morozov ist ganz sicher kein naiver Netz-Optimist. Dafür wirft er nun die Forderung nach Politik auf die Leser und man reibt sich die Augen, wie verdreht man sein muss, um in 2013 zu glauben, dass es ausgerechnet Politiker sein werden, die dem Internet zu Wahrheit und Sinn verhelfen. Morozov hat übrigens auch schon gegen die Open Source Communities geschossen, die zu genau jener Zeit, als das so richtig losging, die politische Agenda und Paranoia von Stallmann und Co. verraten haben. Jeder macht sein Ding, zu den Bedingungen, die ihm richtig und nützlich erscheinen, statt sich selbst zu transzendieren und im großen kommunistischen Projekt mitzuwirken. Tim O’Reilly wird dabei als Hauptverräter identifiziert, der Dark Lord, der das Rebranding von „Free Software“ zu „Open Source“ vornahm und es damit eigenhändig entpolitisierte. Wie immer bei Morozov ist das exzellent geschrieben, mit viel brillianter Polemik und geschichtlichem Hintergrund. Man benötigt einigen Abstand zum Text, bevor man merkt, dass es absurd ist.

    • .
      s/2013/2014. Man sieht, auch ich lebe schon in der Vergangenheit.

    • Ach ja, zu dem Pizzeria-Bild
      gibt es übrigens eine Vorgeschichte
      http://mark793.blogger.de/stories/1731415/
      Die Betreiber krampften damals ja rum, als ich dieses Etablissement fürs Blog ablichten wollte, aber so konsequent, ihre Butze bei Googles Gassenglotze zu verpixeln, waren sie dann doch nicht.

      @Dreamtimer: Die Abrechnung von Morozov mit dem Open-irgendwas-Gedöns hatte ich gelesen. Das war schon ziemlich brilliant, das stimmt. Oft geht es mir aber so, dass ich nach anfänglichem „Endlich sagts mal einer“ irgendwann doch mit dem Kopf auf die Schreibtischplatte knalle, wenn er da, wo es grundsätzlich wird, auf einmal mit Vorstellungen aufwartet, die völlig weltfremd und naiv sind. Etwa, man müsste in Gerätschaften mehr Fehler einbauen, um das Bewusstsein der Leute dafür zu schärfen, dass Technik fehlbar ist. Oder die Infrastruktur des Internets sollte uns allen gehören – da fragt man sich schon, in was für einer Welt lebt der eigentlich? Und wie geht das mit seinen brillianten Analysen mancher Ist-Zustände zusammen?

    • Kleinunternehmer am Meinungsmarkt
      GeWis haben ein langes Training absolviert, Aussagen anderer Autoren, Politiker usw. auf ihren ideologischen Inhalt hin zu untersuchen und entsprechend zu kritisieren. Sie sind oft schwach darin, Sachzwänge zu erkennen oder konkrete soziale Situationen zu verstehen und oft glauben sie, wie jetzt Morozov, sie irgendwie politisch, d.h. von oben herab, eliminieren zu können, d.h. alles ist machbar, wenn man nur genug Leute findet und das richige Kollektiv bildet, das das auch will. Sie fangen an das Ereignis zu beschwören, die Alternative oder eine andere Welt, die möglich ist, meinetwegen auch die Revolution. Das klingt dann alles eher wie säkularisierte Theologie und selbst Leute, die ihrer Kritik ein Stück weit folgen, fühlen sich von derlei Unsinn abgestoßen. Von der politischen „Praxis“ unzähliger Politsekten will man besser gar nicht erst reden.

      Nun kann man argumentieren, dass sie selbst eine Art Systemzwang in ihrer Produktion unterliegen und das nimmt ihnen auch niemand wirklich übel, außer sie sich selbst. Dass Philosophie enden soll um sich in gesellschaftlicher Praxis aufzuheben, hat sie in schizoide Neurotiker verwandelt, etwas das Außenseitern passiert, die sich für etwas anderes halten oder halten wollen, als sie sind. Persönlich möchte ich anmerken, dass ich ihrer intellektuellen Sensibilität viel verdanke. Ich sehe aber auch, dass das für sie kein wirklich gutes Verkaufsargument ist, weswegen sie den Verkäufer und den Markt am liebsten loswerden würden. Genau das bringt ihnen dann einen gewissen Erfolg am Markt der Meinungen, was sie in ihrer unglücklichen Kondition einsperrt. Ich kann das alles natürlich alles auch nicht auflösen und vielleicht ist das auch nicht wichtig …

    • Ja, da ist was dran.
      Man kann sich da auch auf Nebenschauplätzen verausgaben, dem Gegenüber erst mal reinreiben, dass er den Gegenstand ontologisch, aber nicht empirisch erfasst, womit man selber natürlich als der totale Topchecker dasteht. Irgendwelche akademisch weniger versierten Internetvordenker in ihrer Begeisterung sind da leichte Beute, wenn es darum geht, Löcher in deren Gedankengebäuden aufzuzeigen, aber in dem Moment, wo jemand wie Morozov dann gefragt ist, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen, was zu tun sei, da bleibt es total vage und praxisfremd. Nach dem Motto: Ein Wegweiser läuft ja auch nicht in die Richtung, in die er zeigt…

  10. Obama-Rede "Analyse"
    Es gibt bei Heise eine kurze Analyse dazu, was Obama gesagt hat.

    Richtig, unmissverständlich und kurz gefasst. Für alle positiv „Denker“ bestens geeignet:

    http://www.heise.de/newsticker/meldung/Kommentar-Lange-Rede-wenig-Inhalt-2088154.html

  11. Ich(!) kenne den Zeitpunkt!
    („…Historikern nicht vorgreifen beim Versuch, den… Zeitpunkt genauer zu benennen, an dem dieses Machbarkeitsgefühl und die Zuversicht umkippte in Lähmungsgefühle und tief empfundene Machtlosigkeit.“). Das war kurz nach der Jahrtausendwende. Naiv wie ich war, dachte ich noch, das Internet sei eine Plattform, auf dem man zu verschiedenen Themen seine Meinung vertreten könne und dass es dort im Netz selbstverständlich möglich sei, auch andere Ansichten zu zitieren und zu diesen Stellung zu nehmen. Selbstverständlich nur, wenn man diese anderen Kommentare auch richtig und vollständig – quasi „wissenschaftlich“ – zitiert. Das tat ich auch! Und zwar sehr gewissenhaft! Unter den Zitierten befand sich – nicht ungewöhnlich – auch die FAZ, die ich zudem teuer mit der Printausgabe schon zuvor 15 bis 20 Jahre lang als treuer Kunde abonniert hatte. Bis ich dann eines Tages von einem im FAZ-Auftrag tätigen Abmahn-Advokaten zwei mit einigen Tausend D-Mark strafbewehrte Abmahnungen erhielt – gleich doppelt, weil die Internet-Plattform, auf der ich meine politische Website betrieb, unglücklicherweise von meiner Firma angemietet war. Die Auflage lautete, dass die FAZ auf meiner Website nicht länger zitiert sein wolle, sonst würde noch über die Abmahn-Gebühr hinaus zusätzlich eine Monsterstrafe drohen! Seit genau diesem Zeitpunkt habe auch ich den Glauben an so „manche Verheißungen“ des Netzes verloren …

    • Was den Zeitpunkt
      „…kurz nach der Jahrtausendwende“ bin ich bei Ihnen.

    • @K. Peter Luecke:
      Das tut mir leid zu hören, aber ich bin nicht so sicher, ob Ihr bedauerlicher Fall die große Trendwende in der Gesamtwahrnehmung des Themas Internet markiert. Ein größerer Auslöser für Katerstimmung in jenen Jahren dürfte wohl eher das Platzen der Börsenblase und der Abschwung an den Kapitalmärkten gewesen sein, der letztlich den gesamten „Neuen Markt“ in den Abgrund riss.

      Dass Zitatrecht eine heikle Sache ist und die Frankfurter Allgemeine beim Durchsetzen ihrer Rechtspositionen zum Teil sehr rigoros vorgeht (Stichwort „Perlentaucher“), ist aber m.E. nicht primär dem Internet anzulasten. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass die FAZ in manchen netzaffinen Kreisen immer noch als ein Erbfeind des Netzes wahrgenommen wird.

  12. Demokratie und Gewaltenteilung...
    ..das muss schon so zusammengehen, um zu funktionieren. Und genau da hakt es ganz gewaltig – es gibt einfach keine unabhängige, internationale Instanz, die der NSA übergeordnet ist. Zu viel unkontrollierte Macht in zu wenig Händen hat das Potential, einem gehörig um die Ohren zu fliegen. Theoretisch ist die Bundeskanzlerin erpressbar, die Dame wurde abgehört. Dieser Gedanke lässt sich unschön ausweiten. Da teile ich den Pessimismus von Herrn Volland (und wundere mich über Herrn Haupts). Nur, ganz so naiv finde ich Sascha Lobo momentan nicht (und ihm vorwerfen, das er versucht, gleichzeitig Geld zu verdienen – öh – ach je nun, das wird der Autor dieses Beitrags genau so wie Don Alphonso tun, also, wenn man das ablehnt, ist es unlogisch, darunter noch zu posten…). Ich denke, eher weg von so einem fatalistischen „der Zug ist abgefahren“ hin zu einem „Wie verfrachtet man das Internet in dieses Jahrhundert?“ ist eine ziemlich sinnvolle Frage. Die Option *Vorsprung durch Technik* seh ich bis jetzt nicht. Deep web – meine Güte, da wird’s stellenweise wirklich zappenduster. Also, danke, aber, nein danke, erst mal, lieber nicht. Das bis jetzt absurdeste, aber vielleicht auch realistischste, das mir eingefallen ist, ist ein unabhängiges Kontrollgremium für die NSA. Die Reaktionen quer durch Europa waren ziemlich unterschiedlich, aber kein Land fand das so wirklich witzig. Es gibt die EU, (die deutsche Kanzlerin alleine hat da ja nichts bewegt); ist ein „Recht, nur im begründeten Verdachtsfall überwacht zu werden“ wirklich, ernsthaft, so schwierig bis unmöglich durchzudrücken? Und da entsprechend ein paar Augen mehr drauf zu haben?
    Es wirkt gleichzeitig so selbstverständlich wie absurd.

    • Im Ansatz richtig....
      .. abre hier wird wieder finster: „Ich denke, eher weg von so einem fatalistischen „der Zug ist abgefahren“ hin zu einem „Wie verfrachtet man das Internet in dieses Jahrhundert?“ ist eine ziemlich sinnvolle Frage“

      Leider bringen sie nicht das kleinste Argument warum der Zug noch nicht weg sien könnte, ausser, wie alle das tun , das ihnen das nun so gar nicht geafllen würde…. Wenn ihnen was einfällt, lassen sie es mich wissen.

      PS Was Herrn Hupts angeht, so glauben sie mir ruhig, er weiss was er tut und denkt, und es hat Hand und Fuss. Er hat halt andere Grundwerte wie wir, aber er ist konsequent. Angesichts der realen Welt da draussen kann man seine Werte verstehen, auch ohne sich diese zu eigen zu machen.
      Ich halte es für sinnvoller und lehrreicher mit Menshen zu diskutieren die anderer Meinung sind als ich selber….

    • Titel eingeben
      Zu Ihrem letzten Absatz – das sehe ich ganz genau so, insbesondere den letzten Satz!
      (Herrn Haupts kenne ich nicht, abgesehen natürlich von seinen posts)

      Was den abgefahrenen Zug betrifft: Die Daten, die die NSA jetzt hat, hat sie, daran ist nichts zu ändern. Der Zug ist tatsächlich weg.

      Aber zuschauen, wie das immer so weiter gehandhabt wird? Das meine ich mit fatalistisch.

    • Dann erleuchten sie uns doch ganz einfach.....
      Was genau glauben sie denn liesse sich daran ändern?

      Selbst wenn Merkel ein Interesse daran hätte, und so dämlich ist nicht mal sie, es gibt absolut nichts, das sie gegen die Abhörmassnahmen der Amerikaner oder der Konzerne unternehmen können.

      Das ist eine einfache Tatsache, nicht fatalistisch.

    • lieber nicht erleuchten
      Ok, Strand, wie Sie weiter unten vorschlagen, ist für mich gerade nicht umsetzbar. Herr Haupts Vorschlag mit dem europäischen Weg wäre nicht nur kostenintensiv, sondern auch ziemlich kontrollaufwändig. Wegen dem Schwarzmarkt für iPhones dann irgendwann. (Also, klar, es müsste alles in der EU gebaut werden, nicht nur das Netz abgekoppelt werden).

      Ich hab dann gerade noch so drüber nachgedacht, ob ich vielleicht so was wie „weder Merkel noch Obama haben aber ein Interesse an zu großem Misstrauen von zu viel Bevölkerung, genau so wenig wie Konzerne, der Onlinehandel & IT funktioniert gerade zu gut, also…“
      (was Sie mir dann wahrscheinlich eh auch wieder um die Ohren gehauen hätten) und dachte, ich lese vorher noch die posts unten fertig.

      Gut, das mit dem Erleuchten versucht da gerade eine Person, die sich als zwei ausgibt, um sich gegenseitig nach dem Mund zu reden. Das gibt’s ja echt noch. Inklusive Leute, die drauf reinfallen, obwohl sie eigentlich längst gemerkt hatten, das es bloß ein und dieselbe Nase ist.

      Vielleicht haben sie recht, ich bin zu optimistisch, das, was mir bei Ihnen fatalistisch vorkommt, ist vollkommen realistisch.

    • Also die IP-Adressen,
      soweit ich das als Laie überrreiße, stützen Ihre 2=1-Hypothese eher nicht. Da müsste der Betreffende, wenn es der ist, den Sie meinen (und bei dem mich das nach all der Zeit hier sehr wundern würde) seine Sockenpuppe mit Umweg über ein Nachbarland an- und ausziehen.

    • Verzeihen Sie,
      aber lesen Sie doch nur – der Sprachgebrauch! Und wie die beiden sich gegenseitig promoten.
      Es war doch sogar auch Ihr erster Gedanke (nicht in Bezug auf self promoting, da war es auch noch nicht so arg).

      IP-Adressen? Ach je.

      Ich will aber nicht ihre Diskussion kaputt machen. Klar, absolut denkbar, das ich mich hier gewaltig vertue. Ich glaub’s nur nicht.

    • Der Jargon
      ist typisch für Marxisten, ziemlich gleichlautenden habe ich zu Studi-Zeiten vielfach von Komilitonen gehört und gelesen (und in entsprechenden Winkeln der einschlägigen Blog-Szene, in denen ich aber nur gelegentlich vorbeischaue). Herold Binsack kommentiert in den FAZ-Blogs wahrscheinlich schon länger als ich hier mitblogge, und das sind auch schon drei Jahre. Wenn er es in den all den Jahren ausgehalten hat, mit seinen Ansichten ziemlich allein auf weiter Flur zu stehen, leuchtet mir überhaupt nicht ein, warum er sich grade jetzt verdoppeln sollte, noch dazu auf so plumpe Art. Nein, das ergibt keinen Sinn. Wenn er frisch hier aufgeschlagen wäre, wäre ich da auch eher skepttisch, aber er gehört schon mehr oder weniger zum Inventar, schreibt seit jeher so fleißig an seinen eigenen Einlassungen, dass ich schon allein Zweifel hätte, dass da noch Zeit für eine Zweitexistenz bliebe.

    • Oh, ich dachte,
      gelesen zu haben, Sie hätten Freie Kunst studiert? So genau hatte ich das allerdings nicht recherchiert.

      Würde ich ulkig sein wollen, würde ich noch erwähnen, vielleicht war es ihm schlicht einsam? Und deshalb hat er noch jemanden zweites erfunden.
      Das passierte früher wirklich in anderen Foren, ernsthaft. Und zwar genau dann, wenn sonst niemand auf posts eingestiegen ist.
      Und wenn dann jemand noch richtig gern seinen eigenen Blog promoten möchte…

      Na, mein bullshit-o-meter bleibt an, Ihrer aus, und das hier ist ganz eindeutig Ihr Blog!
      Ich bin, ab sofort, zu dem Thema ruhig.

    • Ich springe Mark mal bei - Binsack und ich kennen uns geschrieben auch schon länger.
      Was auch immer ich von seinen Thesen halte, ihn halte ich für eine ehrliche Haut. Und Bosque schreibt stilistisch deutlich anders, das überdeckt auch der marxistische Jargon nicht.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • @ Settembrini die Noverte, samt seinem immergleichen Gast
      Also bitte! was ist denn das fuer ein paranoides Getuschel? Mein Eindruck, eine Party aufgemischt zu haben, war wohl doch nicht gar so falsch:

      „Siehst Du die Schlampe da hinten, in dem Kleinen Roten? ist das nicht die, die … “
      „Nein! Das kann sie doch unmoeglich sein, die kenne ich doch von der Schule, die muesste jetzt viel aelter …“
      „Aber schau doch nur, der Fummel! Wer sonst zieht sich sowas noch an? Im 21. Jahrhundert!? …“
      „Hab ich ja auch erst gedacht. Na, dann muss sie jedenfalls einen tollen plastischen Chirurgen haben! Ich kenne mich da ja nicht aus …“
      „Unsereiner kann sich sowas ja auch nicht leisten … “
      „Recht hast Du! Bei mir hats diesmal gerade noch fuer einen neuen Alu-Hut gereicht …“
      „Mit dem Du uebrings hinreissend aussiehst, Liebes!“
      „Danke Schaetzchen. Man muss schliesslich mit der Zeit gehen … “
      „Hach, ja, das Diktat der Mode, wer koennte sich dem auch entziehen …“
      „Jedenfalls niemand, der nicht schlampig rumlaufen will! … also, SCHLAMPIG rumlaufen, Du verstehst schon …“
      „Hi-hi-hi : ) Gut gesagt! Kommst Du mal eben mit fuer Maedchen?“
      u.s.w.

      Ich verstehe ja, dass sowas einen Heidenspass macht, glauben Sie mir. Man moechte gar nicht mehr aufhoeren. Um so eindringlicher muss ich Sie aber bitten, mich nicht staendig zum Tratschen zu verfuehren. Denn xbosque hat in der Tat noch eine Erstexistenz zu pflegen, wofuer sie sich aber auf einem Maskenball wie diesem, und als aufgeklaerter Netizen, nicht schaemen muss. Und doch ist sie nicht bloss eine Chimaere, und allein ist sie schon gar nicht. Oder sehen Sie gar den Wald vor lauter Baeumen nicht?

      Auch die Paranoia ist mir nicht fremd. Wo einem doch heute alle hinterherschnueffeln! Wie sollte man da nicht paranoid werden?! Gestern zum Beispiel wollte ein Kerl aus dem Irak mein Skype-Freund werden. Habe ich natuerlich gleich geblockt. Fuer was haelt man mich? Ich geh doch nicht dem erstbesten NSA-Maulwurf auf den Leim!

      So, jetz muss ich aber wirklich erst mal weg.

      xbosque

      PS: Ich moechte noch auf den Unterschied zwischen Jargon und Terminologie hinweisen (zumal wenn diese als Zitat gekennzeichnet ist). Nicht jeder, der die theoretische Rede einer Sprache in Metaphern vorzieht, spricht auch schon einen Jargon. Oder, um im Bild zu bleiben: Wenn sie was auszusetzen haben, dann argumentieren und widerlegen Sie, anstatt sich die Maeulchen ueber mein Kleines Rotes zu zerreissen. Sonst brenne am Ende wirklich noch mit dem uebrigens ganz reizenden Herrn Binsack durch! ; )

    • Äh, Hallo?
      Wenn ich tuscheln wollte, würde ich die von den Gästen hinterlegten Email-Adressen nutzen. Sie konnten ja wohl problemlos mithören, wie ich meinen Gastgeberpflichten nachkomme und versuche, aufkommenden Unfrieden aus der Welt zu schaffen, wo nötig, ein paar Ordnungsrufe loszuweden, bevor sich hier Diskutanten Bierhumpen um die Ohren hauen. „Mäulchen zerreissen“? In meiner kurpfälzischen Heimat würde der Gastgeber jetzt sagen: „uffbasse!“ Wenn hier einer droht, dann ich.

    • @ Settembrini di Noverte: Jetzt haben Sie meine Absicht misverstanden
      Mein letzter post sollte zur Abwechlung eher lustig sein, als garstig, denn nach der Lektuere Ihres Dialogs mit Gast ueber mich als Ausgeburt und Verdopplung von Herrn Binsack war ich zum Scherzen aufgelegt. Die „Drohung“, mit Herrn Binsack durchzubrennen, und der smiley am Ende, sollte das deutlich machen. Mon excuse.

    • Jaja, passt schon,
      immer schön die Hose trockenhalten, das ist ein Stresstest, da muss jeder neue Kommentator durch:
      http://www.youtube.com/watch?v=rbEIX1giTho

    • @ /watch?v=rbEIX1giTho: Das war nun wirklich lustig,
      sehr lustig. Und dabei soll man die Hose trockenhalten! LOL & ROFLMAO, Das kannte ich noch gar nicht :D

      Btw, wuerde ich damit nicht gewisse Verschwoerungstheorien weiter befeuern, wuerde ich Herrn Binsack auch in seinem Lob dieses Blogs beipflichten, einschliesslich aller, denen ich hier auf die Fuesse getreten bin. Ich gelobe feierlich, mich kuerzer zu fassen, und freudsche Fehlleistungen zu vermeiden („Phallanx“).

  13. Die "Kalifornische Ideologie" war von Anfang an eine lächerliche Totgeburt
    Das Internet sollte, so die Anhänger dieser absurden Heilslehre, die Macht der Konzerne und der Regierungen brechen, da jeder dort im Netz seine Meinung äußern kann, frei von aller Bevormundung – so dass die Gesellschaft zwangsläufig liberal bzw. sogar libertinistisch werden müsse.

    Tatsache ist nur, dass durch das Netz der Umgang miteinander beleidigender und respektloser geworden ist (in schlecht moderierten Internet-Foren ist die Neigung zu vulgären Beschimpfungen unerträglich), Tatsache ist ferner, dass gewisse Blogs ganzen Bevölkerungsgruppen (Muslimen, Immigranten) ihr Existenzrecht absprechen und dass mit schöner Regelmäßigkeit shit-storms über jene Personen des öffentlichen Lebens hereinbrechen, die ein wenig aus dem gesellschaftlichen Hedonismus-Einerlei herausragen – das hat nichts mit zunehmender Liberalität zu tun, sondern im Gegenteil mit zunehmender Konformität. In einer Gesellschaft, in der alle paar Tage eine Hexenjagt angesagt ist, gibt sich jede(r) als mainstream-konforme Durchschnittsmagd, um nicht anzuecken. Bei facebook und Twitter nicht ge-liked zu werden, davor hat offenbar jeder Angst…

    Tatsache ist auch, dass eben dieser Mainstream weiterhin von den Machthabern bzw. vom Kapital gelenkt wird und nicht „von unten“ kommt. Wer Geld hat, hat Einfluss auf das, was über das TV Allgemeingültigkeit erlangt, und zwar nicht allein über die Werbung (dass im Privat-Fernsehen zurzeit bestimmte Berufsgruppen gehypet und mit einer vorsätzlichen Image-Aufbesserung versehen werden, ist m.E. unübersehbar) Wer Geld hat, der kann sich auch Server kaufen. Wer Geld hat, kann auch Menschen anstellen bzw finanzieren, die an bestimmten Image-Projekten im Netz arbeiten und bestimmte „Wahrheiten“ verbreiten…

    Die „Kalifornische Ideologie“ war von Anfang an eine späte Ausdünstung der Hippie-Ideologie, basierend auf einem völlig falschen Menschenbild. Wie andere Werkzeuge auch – und von denen gab es in der Geschichte der Menschheit schon viele, vom Fauskeil bis zur Atom-Spaltung – bringt das Internet nicht das Beste vom Menschen ans Tageslicht, sondern eher seine dunklen Seiten…. nicht seinen liberalen Edelmut, sondern eher seine lemminghafte Pogrom-Lust.

    • Die Folge des Schlechten
      Die Neigung jetzt ins andere Extrem zu verfallen, ist natürlich schon da, d.h. ein eindimensionales Menschenbild wird durch ein anderes mit umgekehrten Vorzeichen ersetzt.

      Nun hatte man auch schon vor der Benutzung des Internet eine alternierende Folge von Bezugnahmen auf das Gute und das Schlechte. Das Schlechte war z.B. die menschliche Triebnatur und das Gute die paradoxe Neigung des schlechten Menschen, sich selbst gut zu behandeln, indem er sich Gesetze auferlegt, die seiner Triebnatur zuwider laufen und dann auch noch befolgt – ein Mysterium ( 1-te Ordnung ). Umgekehrt kann man die Zügelung dieser Triebnatur für das Schlechte halten und die neurotische Gestörtheit der Zivilisierten den guten Instinkten des Wilden gegenüberstellen ( 2-te Ordung ), oder die Lockerung der Zügelung der Triebe für das eigentlich Schlechte, d.h. den Wiederabbau der Zivilisation durch Befreiung von ihren Zwängen ( 3-te Ordnung ), oder die neokonservative Wiederaneignung der Macht, die auf die Lockerung der Zügelung folgt (4-te Ordnung) oder die Störung der Wiederaneignung der Macht durch Aktivisten, die dafür sorgt, dass Agenten in Gefahr geraten und Terroristen in die Hände gespielt wird ( 5-te Ordnung ).

      Man kann nun annehmen, dass jeder Term der Reihe immer aktiv ist, d.h. die Triebnatur wird gezügelt und die Zügelung gelockert und die Lockerung kritisiert und korrigiert usw. Es gibt keinen Term, der alle anderen beherrscht und dem Ganzen sein Regime aufzwingt. Die Reihe entfaltet sich in der Zeit, d.h. jeder Term benötigt Zeit, um ein Reaktionsmuster und entsprechende Handlungen hervorzubringen. Entsteht ein neues Glied in der Reihe, so zieht dies besondere Aufmerksamkeit auf sich, die Leute sind ganz aus dem Häuschen und glauben, dies würde nun alles beherrschen bzw. uns von allem befreien, aber das ist nur eine vorübergehende Krise des Ganzen, die bald von der nächsten abgelöst wird.

  14. The consent of the surveiled
    Venkatesh Rao spricht schon vom „consent of the surveiled“ und hilft dabei die Debatte auf die Füße zu stellen:

    http://www.ribbonfarm.com/2014/01/10/consent-of-the-surveiled/

    Der Staat ist wieder da. Nicht, dass er jemals verschwunden wäre, aber ich habe den Eindruck, dass man in bestimmten Kreisen wohl daran glaubte, er würde sterben, das Sterben des Staates würde nun endlich Realität werden, mit dem Netz als Erlösung vom Staat, wie auch von Großunternehmen, die beide nicht mehr benötigt werden. Das Netzvolk bildet darin die neue politische Körperschaft und Internetaktivisten die Avantgarde der Transformation hin zu einer Welt ohne Staat und Großunternehmen.

    Die Frage ist nun weniger, ob diese Utopie einen Dämpfer bekommen hat, wie bei Lobo, sondern ob sie weiterhin geglaubt wird, d.h. ob der Staat von einem dummen August, der die neue Polis nicht versteht, zu einem Gegner wird, der all ihre Aktivitäten trackt und sie bedroht. Nun ist dieses Bedrohungsgefühl freilich auch nichts neues, nur galt sie einst einem Konzern, Microsoft, um präzise zu sein, der Verkörperung von allem was für einen Pinguin böse ist. Dort simulierte man schon im Kleinen die Utopie einer Welt ohne das große Böse und es verging kein Jahr in dem ihm nicht der baldige Untergang prophezeiht wurde.

    Raos „consent of the surveiled“ kommt dem auch ein Stück weit entgegen, denn sie betrifft eine der von ihm identifizierten Grund-Operationen von Staatlichkeit, d.h. solche die seine Autopoiesis garantieren. Bei Rao wird diese durch Nudges und Perks, wie bestimmten Erleichterungen des mobilen Lebens oder auch, prospektiv, durch ein Grundeinkommen, erkauft. Er bleibt damit Theoretiker des liberalen Staates, in der Konflikte auf Art von (wirtschaftlichen) Vertragsabschlüssen gelöst werden, im Gegensatz zu jenen, die sich nun berufen fühlen, den Kampf gegen die Willkürherrschaft des Polizeistaats aufzunehmen.

    Anders als die Grundoperationen des Staates, ist seine Funktion kontingent, d.h. sie kann variieren, „besetzt“ werden, wie man dies im politischen Jargon nennt. Das besondere an der Konstruktion des liberalen Staates ist, dass er die Vertragsgarantie selbst als seine Funktion setzt, d.h. ein Mittel zur Konfliktbearbeitung durch staatliche Institutionen. Er ist damit so nahe an der zirkulären Konstruktion, wie man nur sein kann, aber diese ist eben unvollständig. Die Existenz von Geheimdiensten, die nicht mehr zwischen innen und außen unterscheiden können – was freilich auch sonst niemand kann – Geheimgerichten, die eine Art Rechtssystem-Hack sind, sind dafür symptomatisch. Nun kann man fordern, wie fefe, diese abzuschaffen, aber hier hat man den Eindruck, dass einfach die Netzutopie erneut aufs Tablett gestellt wird, die bei Rao gar keine Beachtung findet. Rao beendet die Anomie auch nicht oder glaubt gar daran, dass der blinde Fleck im System verschwindet, dass nun alles ganz transparent wird usw. sondern entwickelt den „consent“ in der Art des Schnittpunkts von Angebot- und Nachfrage, zwischen Akteuren, die einander wesensfremd sind und sich i.a. nicht verstehen. Statt Angebot und Nachfrage könnte man auch sagen, es ist eine Übereinstimmung in der Weise wie die Bürger das Volk sehen und wie der Staat es sieht, d.h. sie haben eine punktuell geteilte Sicht der Dinge, trotz der Annahme, dass ihre Sichten auf die Welt nicht miteinander übereinstimmen.

    • Titel eingeben
      Solche punktuellen Übereinstimmungen bezeichnen durchaus etwas Reales; aber ob eine solche Punktwolke schon ausreicht, eine Gruppe (auch: Institution) zu konstituieren, erscheint mir doch sehr fraglich, denn mMn sind da immer und müssen da auch immer Vektoren im Spiel sein.

    • Theater der Politik
      Gewiss. Raos Artikel nimmt gar keinen Bezug auf die Politik, die in Bezug gesetzt werden muss zu dieser wechselseitigen Fremdheit von Staat und Individuum. Auf der Ebene auf der er diskutiert, ist sie vielleicht auch nicht viel mehr, als ein Theater der Vermittlung, eines das die Wahrheit der Beziehungen verzerrt, wenn auch nicht so, wie sich das die Anti-Kapitalisten vorstellen:

      „We like to pretend that the basic needs of government derive from the desire to fulfill the nominal social contract and current mandate of elected representatives, which we believe confers legitimacy on the existence of governments. We like to pretend that governments ought to exist solely to serve us. This is seeing like a citizen, the flip side of seeing like a state. A view of the state as, ideally, something like the bovine creature in Douglas Adams’ Restaurant at the End of the Universe, which had been carefully bred to want to be eaten.“

      Ich finde diesen Zugang zum Thema fruchtbarer als den von Morozov, der vom Internetzentrismus weg will und um das zu erreichen, den politischen Voluntarismus aus der Mottenkiste holt, den die intellektuelle Linke schon seit mehreren Jahrzehnten vergeblich wieder flott zu machen versucht. Dabei wühlt er sich durch die Technikgeschichte, an der es sicher an jedem Punkt andere mögliche Abzweigungen gegeben hat, aber das heißt nicht, dass es keine konvergente Evolution gäbe, d.h. Pfadunabhängigkeit. Das kann niemand beweisen oder widerlegen. Allein Gott kann allen Realitätszweigen folgen.

    • Consent der Überwachten....
      Von meiner Warte des Aussen-Stehenden aus, sehe ich da ein Mißverständnis was den Begriff des Staates bei ihnen angeht. Man muß den Staat den die Merkels und Obamas repräsentieren von den wahren Machtverhältnissen trennen. Beide sind Kasperles und haben keinerlei Handhabe den Sicherheitsapparat unter ihre Kontrolle zu bekommen. Ganz im Gegenteil, beide müssen auf das Wohlwollen jener Organsisationen hoffen, sonst kann man sie ganz, ganz schnell Kaiser mohne neu Kleider darstellen…
      Im Spiegel las sah ich heute: „Bundesregierung fürchtet Ermittlungen wegen Merkels Handy“
      Mit anderen Worten die deutsche Regierung hat Angst, davor der deutsche Rechtsstaat sei noch in Ansätzen vorhanden?
      Und da hat sogar eine Merkel mal recht.
      Denn, wenn sie von der Justiz tatsächlich gezwungen werden sollte dagegen anzugehen, so wird das für sie, und nicht nur für sie, üble Konsequenzen haben.

      Aber anstatt dieses Gesindel mit Mistgabeln aus Berlin raus zu jagen, wählt ein 80 Millionen Volk so was wieder?

      Ich bin keineswegs ein Anti-Kapitalist, aber ich sehe die Aufgabe des Staates darin den Bürger vor dessen Auswüchsen zu schützen. Musterbeispiel dafür wäre es gewesen die HRE Pleite gehen zu lassen. Heute aber sind wir in einer ganz anderen Situation als noch vor 30 Jahren. Auf Grund des Internets gab es einen ungeheuren Machtzuwachs für einzelne Teile des „Staates“, bzw der „Gesellschaft“ die heute allen deutlich machen, daß die Idee der Demokratie nur mehr eine lächerliche Farce ist. Und zwar in einem Ausmaß, das sogar einen Anarchisten wie mir vor nicht allzu langer Zeit völlig unvorstellbar war.
      Das im Augenblick noch völlig unüberwindbare Problem besteht wohl darin, daß die Machthabenden die Bewußtwerdung des Zustandes verhindern müssen. Der zweite Akteur, der Staat, also die Regierung kann kein Interesse daran haben kann, weil sie sonst bloß gestellt wären, und die Bürger sehen es lieber erst gar nicht sondern überlegen wie immer wie man daran verdienen kann.
      Ja, es wird wohl so etwas wie Raos Consent der Überwachten geben und ich gebe grinsenderweise gerne zu, daß ich solchen Bürgern auch nichts anderes wünsche. Dann haben sie ihre Menschwürde und ihre Menschenrechte ganz offen vor sich. Sie dürfen also dann eine Rolle spielen, die doch sehr an die der jüdischen Selbstverwaltung im Warschauer Ghetto erinnert…
      Ja, ich geb zu, sowas in der Art haben die Bürger auch verdient.

    • Die Kontroller der Sicherheitsapparate
      Rao argumentiert nicht politisch, sondern organisationssoziologisch. Es gibt da diese Neigung, Politik weitgehend auszuklammern, sie für Theater zu halten, für eine Art flüchtige Vermittlung, wie Stoffwechselprozesse, die die Tätigkeit der Organe aufrecht erhält. Machtausübung erscheint dann eher als Defekt, als Folge einer verkürzten Epistemologie, die aber konstitutiv ist. Der Staat sieht nur was er sieht, durch seine eigene Art zu sehen und nicht, was er nicht sieht.

      Natürlich kann Frau Merkel die Sicherheitsapparate nicht „unter Kontrolle bekommen“, aber das kann die NSA ja auch nicht, wie man an Snowden sieht.

    • Die (Wunsch-)Vorstellung,
      der Staat würde verschwinden, und genausogut könnten wir künftig mit einer Facebook-ID rumlaufen statt mit einem Personalausweis, ist in netzaffinen Kreisen ja nicht selten anzutreffen und ziemlich typisch für den Internet-Zentrismus, den Morozov zu Recht kritisiert. Das Ding ist doch, selbst wenn der Staat sich aus dem Frontend weiter zurückzieht und sich aus der Daseinsvorsorge immer mehr ausklinkt, bleibt die Backend-Funktion, nämlich den funktionalen Rahmen zu setzen und zu gewährleisten, davon weitgehend unberührt. Hat die Neigung des Staates, alles und jedes zu regulieren und die Einhaltung dieser Regeln zu überwachen und durchzusetzen, in den letzten Jahren ernsthaft nachgelassen? Nicht dass ich wüsste. Raos Ansatz, den Staat als Wesenheit mit eigenen Grundbedürfnissen zu verstehen, geht in die richtige Richtung. Aber dieses ganze Gedöns um Mobilität, ich weiß nicht so recht, mir scheint das ein Nebenschaupltz, der zudem ziemlich hypothetisch ist oder zumindest auf Voraussetzungen beruht, die nicht hinreichend klar sein. Ich meine, was außer Krieg, Naturkatastrophen und Hungersnöten sollte weite Teile der Bevölkerung in aller Herren Länder auf dauernde Reise schicken? Wie sich halbwegs normale Lebensbedingungen dahingehend ändern sollten, dass viel mehr Zeit, Geld und Energiereserven in (nicht sonderlich produktive) Mobilität investiert werden, sehe ich irgendwie nicht so recht.

    • Mobilität
      Verursacht vor allem hohe Kosten.
      Da ist Geld zu verdienen.
      Jedenfalls in sesshaften Kulturen und Gesellschaften. Das ist ihre
      Achillesferse.
      In nomadischen oder halbnomadischen Kulturen ist Mobilität eingepreist.

  15. Leitwölfe und Schrebergärtner
    Wohltuend sachlicher und informativer Rückblick nicht nur auf die Wandlung eines Leitwolfs zum verunsicherten Schäferhund. Was liegen mir noch die Worte der Evangelisten einer grenzenlosen Endprivatisierung in den Ohren, ich sei rückständig wie ein Schrebergärtner mit seiner normierten Gartenhecke. Eine egalitäre und demokratische Webcommunity werde sich schon von selbst regulieren und all die Beschränktheiten des realen Lebens hinter sich lassen (jetzt sind die Kleingärtner auch im Netz).

    Und bei meiner ungläubigen Frage, wer solle denn all diese Serverfarmen, Datenkabel und Knotenpunkte bezahlen, wurde auf die wunderbare Welt der Werbung verwiesen. Dass Google uns mit seinen Straßenansichten das tägliche Leben erleichtere (siehe Don-Pizzeria), sei ja so was von cool. Dabei sein ist alles und stets auf der neuesten Welle mitsurfen, war das hippe Webmotto.

    Auch als der arabische Twitterfrühling gepriesen wurde, fehlte der Hinweis darauf, dass kurze Zeit später die aus dem Westen zugekaufte Aufklärungssoftware den Herrschenden dort in die Hände spielte, es also nur einen Twittervorspung von einigen Monaten gab (im Iran dann ab in den Knast).

    Das Dritte Reich war als Betriebsunfall der Menschheit nicht vorgesehen, Fukushima hätte es eigentlich nie geben dürfen – dumm nur, wenn es einmal die eigenen Daten treffen sollte (Auflistung aller Juden, Roma, Schwulen, Autonomen…). Datenachtsamkeit wäre ein wichtiges Schulfach für den netzaffinen Nachwuchs. In den nächsten Monaten wird sich zeigen, ob unsere Demokratien etwas gegen die ungebremste Datensammelwut ausrichten können.

    • Ich sehe keinerlei Anzeichen
      für nachlassenden staatlichen (und privatwirtschaftlichen) Datenhunger. Die Großkoalitionäre wollen weiterhin die Vorratsdatenspeicherung, der verschwindend geringen kriminalistischen Ausbeute zum Trotz. Tante Gu kauft Thermostathersteller, in Kürze werden auch verstärkt die ständig nach Hause funkenden „smart meter“ in die Haushalte gedrückt, so viele Pizzas von der Pizzeria Don Alfonso in Duisburg kann ich gar nicht essen, wie ich kotzen könnte, wenn ich anfange, mich mit dem Thema näher zu befassen.

    • Titel eingeben
      Marco, was bleibt uns da anderes übrig, als weiterhin Felsbrocken den Berg hinauf zu wälzen – bis er endlich den üblichen Verdächtigen auf die Füße fällt :-(

    • Vom vielen Rufen in der Wüste
      ist meine Stimme jedenfalls schon ganz kratzig.

    • Ach vielleicht gar nicht in der Wüste..
      Pardon, wenn ich mich hier kurz mit einschalte – es ist nur –
      was tun? Ganz konkret?
      Mal angenommen, die Möglichkeiten, sich digital auszuklinken oder bewaffneter Widerstand sind keine Option?
      Marx diskutieren macht ja wirklich Spaß (komisch, das bis jetzt noch niemand Flusser erwähnt hat) aber – den privaten Quantencomputer für jeden hat ganz sicher keiner von beiden im Angebot.

      Und auf eine vernünftige Idee bin ich bis jetzt auch nicht gekommen. Ich bin kein Jurist und kein Hacker – aber nach dem, was ich aus den Ecken so gelesen habe, wirken die auch ziemlich ratlos.

      Also – Ideen, Vorschläge, irgendetwas?

    • warum denn nimmer dasselbe....?
      Wer Steine wälzen will, dem sie das unbenommen.

      Ich würde aber stattdessen ein Leben am Strand empfehlen.

      Für wen zum Teufel wollen sie denn den Helden spielen? Können sie mir das mal ein weinig erläutern?

    • Aber ja doch!
      Wenn die einfache Analyse richtig ist, dass niemand ausserhalb der USA die NSA stoppen kann, dann liegt die Lösung auf der Hand: Eine eigene europäische Infrastruktur, mit Knotenpunkten nach aussen in Europa, durch die – falls vom Nutzer gewünscht – zumindest der Datenverkehr exklusiv geroutet wird, der innereuropäisch ist, verschlüsselt von der Quelle bis zum Ziel.

      Machbar ist das, es würde nur Geld und Zeit kosten, das aufzubauen. Zwingende Voraussetzung dafür sind entsprechende Mehrheiten in den europäischem Staaten – und genau die gibt es zur Zeit nicht.

      Wenn ich die gesamte Debatte der vergangenen 6 Monate Revue passieren lasse, ist mein sich verfestigender Eindruck, dass selbst die „durchblickenden“ Leute was ganz anderes wollen – das bisherige Netz, weltweit, aber ohne NSA. Und das ist mit Verlaub albernes Wunschdenken.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Es soll alles bleiben wie es ist
      Nur eine Sache hätten alle gerne geändert.
      Jeder eine andere.

      Die Chance, dass D. diese Sache alleine angeht, liegt für mich bei über 50 %.
      Soweit glaube ich meine Mitdeutschen zu kennen.

    • Eine
      Frau Doktor Angela Merkel sollte man nicht auf die Straße nach Damaskus
      schicken.

    • Wer Steine wälzen will, dem sie das unbenommen.
      Tyler, nicht jedes Sinnbild mag als Gebrauchsanweisung für’s reale Leben dienen, es fehlte halt das Smily-Symbol. Ob mit dem Wissen um Fukushima und seine Folgen für Fisch und Algen das dortige Strandleben noch so unbeschwert zu genießen ist, wage ich zu bezweifeln.

    • @Thorsten Haupts:
      Jaja, Europa solls richten (vielleicht auch, weil sich mancher nicht traut, offen zu sagen, am deutschen Wesen solle die Webwelt genesen?). Naja, jedenfalls hatten wir das mit der europäischen Infrastruktur ja auch schon in anderen Bereichen: Was macht eigentlich das Galileo-Projekt, das uns aus der Abhängigkeit vom US-amerikanischen GPS-System führen sollte? Über dieses Vorhaben hatte ich schon in den späten 90ern berichtet, und sonderlich viel scheint da in der Zwischenzeit kaum passiert zu sein, außer dass sich Cheops‘ Gesetz mal wieder bestätigt: Alles wird viel teurer als gedacht und dauert länger als geplant.

      Wolfang Michal auf carta.info über die Hoffnungen auf Europa:
      http://www.carta.info/69202/ersetzen-sie-internet-durch-europa-dann-wird-alles-gut/

    • Europa und alles wird gut?
      Bitte unterschieben Sie mir nicht diesen Dünnpfiff, das könnte ich ja nicht mal denken.

      Ich habe einen praktikablen Lösungsvorschlag für das aktuell brennendste Problem gemacht – den Datenhunger der NSA. Wenn jemand eine bessere Idee hat, nur zu. Ich höre.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Ich sympathisiere mit der Idee,
      aber wie realistisch ist das, dass diese Infrastruktur die Schlapphüte aus Übersee wirklich dauerhaft draußenhält? Das erscheint mir technisch fraglich, und da haben wir über die nicht-technische Seite noch gar nicht gesprochen. Einem Europa, das dem reichen Onkel aus Übersee in vorauseilendem Gehorsam wegen dessen Terrorpanik sämtliche Flugpassagierdaten in den Hintern schiebt, kaufe ich die Absicht, den hiesigen Datenverkehr nicht vollumfänglich zu teilen, nicht so recht ab. Dann haben wir noch den deutschen Sonderfall, dass die US of A ihre weitreichenden Befugnisse aus der Besatzungszeit mit großer Wahrscheinlichkeit in die Zeit nach 1990 rübergerettet haben. Solange die hier also mehr oder weniger ungehindert schnorcheln können wie sie lustig sind, würde ich auf die dauerhafte Integrität einer europäischen Infrastruktur ehrlich gesagt keine hohen Beträge wetten.

      Aber wenn sich Mehrheiten und Mittel dafür finden, warum nicht, vielleicht hats ja wenigstens standort- und strukturpolitische Segenswirkungen.

    • Fast alles richtig!
      Aber nicht nur Geld und Mehrheiten fehlen. Man müsste ihrem Vorschlag folgend auf alle US Webseiten verzichten (und vieles mehr), die Arbeit der NSA Programmierer würde sich dann auf die Umgehung der Blockade konzentrieren. Merh nwie ein Wochen würde das nicht dauern. Und wenn ich daran zurückdenke was ich in den letzten Wochen über von der NSA verseuchte Hardware gelesen, dann ist jede Trennung ein absurder Traum.

      Und:

      JEDER hat freiwillig auf seinem Computer eine Anti Viren Software installiert, die in ALLE Bereiche des Computers eindringen darf.

      Mal alle den Finger hoch, wer glaubt SEIN AV sei ganz bestimmt nicht mit der NSA oder wem auch immer unter einer Decke?

    • Ja, weil sie weit weg sind!
      Und zwar NUR dehalb bezweifeln sie es.

      Es ist zwar eine andere Baustelle, aber die Annahme AKWs in Japan oder auch DE und dem Rest der Welt, würden in absehbarer Zukunft tatsächlich abgestellt, ist genauso albern wie die Vorstellung man könne NSA & Co zu etwas bewegen.

      Die öffentliche Meinung, bzw die veröffentlichte Meinung hat mit der Realität nur mehr recht selten was zu tun. NSA und Fukushima sind ja nur zwei, leider völlig normale Beispiele.

    • Glauben sie das wirklich?
      Sie meinen wirklich es könne im Internet absolute Sicherheit geben???

      Das können sie doch nicht ernst meinen…

  16. Yeah
    Das Schöne am Web: Jeder kann seine Katzenbilder zeigen.

    • In dem Punkt
      ist der Position von Michael Seeman, das Internet sei nicht kaputt, definitiv beizupflichten: Die Katzengifs sind noch da, wo sie hingehören.

    • Jeder kann seine Katzenbilder zeigen
      Werte Kinky So, haben Sie eine Idee warum das so schön und wichtig sein könnte?

    • Titel eingeben
      Und Helge Schneider darf auch hier singen!

  17. Eine kleine Anmerkung
    Flauberts „Madame Bovary, c’est moi“ outet ihn als Romantiker.

  18. Ins unreine gedacht...
    Ich sprach s.o. von 7 Milliarden meinesgleichen. Tatsächlich gibt es ein paar
    100 Millionen nicht meinesgleichen.
    Was ist wenn diese zur Erkenntnis kommen meinesgleichen ist irrelevant.
    Entspricht nicht den Erwartungen und verursacht nur hohe Kosten.
    Es wäre besser sie vom Netz zu nehmen.

    Was dann?

  19. Den Vertrag mit dem Kapital kündigen
    In meinem Leserbrief zu Sascha Lobos Artikel habe ich unter dem Titel „Wenn die Klassengesellschaft nicht wäre“ – http://blog.herold-binsack.eu/2014/01/wenn-die-klassengesellschaft-nicht-waere/ – folgendes vermerkt: „Doch ist er (der „soziale Akt“, Einf. H.B.) natürlich in der Ökonomie angelegt, in deren Technik, als Möglichkeit, im Krisendiskurs. Denn die Steigerung der Produktivität einer Gesellschaft führt zur Freisetzung von Arbeit. Was eigentlich eine gute Sache wäre. Wenn von der Arbeit, besser: der Lohnarbeit, nicht die Lebensmittel abhingen, die die Menschen benötigen. Daher ist nicht nur das Eigentum an Produktionsmitteln, sondern die Lohnarbeit abzuschaffen. Und da diese sich auf der Arbeitsteilung gründet, wäre das Internet ein Weg, wenn die Klassengesellschaft nicht wäre.“
    .
    Damit will ich sagen, dass in jeder neuen technischen Revolution die soziale Revolution angelegt ist. Allerdings nicht als Automatismus, sondern, wenn, dann ob einer politischen Massenbewegung. Die Voraussetzung aber auch für diese Massenbewegung ist ein entsprechendes Bewusstsein, ein Bewusstsein, das sich auf der Höhe der Zeit befindet. Die Generation Facebook hat dieses Bewusstsein noch nicht (die Generation davor – die „68er“ – zum größten Teil nicht mehr, wenn sie es je gehabt hatte); aber sie lernt schnell. Schneller als alle Generationen vor ihr. Was im Übrigen auch ein Ergebnis der besonderen Qualität der letzten technischen Revolution ist. Denn das revolutionäre Bewusstsein, so sehr es auch die Apologie innerhalb der bürgerlichen Wissenschaften zu bekämpfen hat, ist an diese gebunden, an deren Entwicklungssprünge. Daher wäre es nicht verkehrt zu sagen, dass jede soziale Revolution mit der technischen Revolution und nicht gegen diese zu verstehen ist. Die Technikaffinität ist daher dem Grunde nach nicht falsch, sondern nur übertrieben, einseitig, wenn a-politisch. Auch wenn der Klassenkampf der ökonomisch zu verstehenden Notwendigkeit folgt, so ist er ein politischer Kampf, dem eigene Gesetze zu Grunde liegen.
    .
    In Lenins „Was Tun?“ finden wir immer noch nicht überholte Hinweise diesbezüglich. Das allerwichtigste ist, sich der Spontaneität zu widersetzen, das revolutionäre Subjekt zu stärken. Leute wie Sascho Lobo werden von den offiziellen Medien deshalb so hofiert, da sie nicht das revolutionäre Subjekt repräsentieren, sondern das spontane Massensubjekt. Sie sind Verführer der Massen, die deren Fetische repräsentieren, nicht Führer.

    Und in „Was müssen wir tun“ – http://blog.herold-binsack.eu/2014/01/was-muessen-wir-tun/ – schreibe ich – an Morozov gerichtet: „Wollen und Können befinden sich in einem dialektischen Verhältnis, welches sich als eine Art Übereinkunft darstellt. Doch in aller Regel wissen wir gar nicht, dass wir so eine Übereinkunft eingegangen sind. Denn sie stellt sich innerhalb des Kapitalverhältnis‘ dar, welches wir akzeptiert haben, ohne je danach gefragt worden zu sein. Wir haben akzeptiert, dass ein Teil der Gesellschaft sich zum Eigentümer an den Produktionsmitteln gemacht hat, und damit gleichzeitig den anderen Teil zum Lohnarbeiter. Die ökonomische Grundlage für diese Übereinkunft ist die Trennung des Produzenten vom Konsumenten. Doch das sog. Informationszeitalter stellt genau diese Trennung wieder in Frage. Indem wir das erkennen, deutet sich uns eine neue Übereinkunft an. Und dagegen sucht das Kapital sich zu schützen.“
    .
    In einer Antwort, an eine Leserin, die mir zustimmt erkläre ich das so:

    „Ich folge da der Erzählung des persischen Dichters Hafiz. So berichtet er, dass die Menschen mit Gott „einen Vertrag“ eingegangen sind. Und Verträge haben einen Beginn. Es gibt einen Tag X, wo der Vertrag abgeschlossen und damit auch einen Tag Y, wo er womöglich wieder gekündigt wird. Der Glaube an Gott hat also einen Beginn und ein Ende. Darin sehe ich das Wesen seiner Allegorien und erkenne damit den islamischen Häretiker; was das theokratische Regime natürlich leugnet. Solche Sätze werden dort mit der Todesstrafe belegt. Und wenn uns das Kapital seine Gesellschaftsordnung als „natürliche“ verkaufen will, will es uns auf ewig an diesen Glauben binden. Wir sind einen Vertrag eingegangen; und Verträge kann man kündigen.“
    Für mich ist ein Morozov als „Glaubender“ kein Deut besser als ein Lobo. Wir sollen weder an die Wunder der Technik glauben, noch an die der bürgerlichen Politik. Von beidem müssen wir uns frei machen, will heißen: den Vertrag mit dem Kapital endlich kündigen und eine revolutionäre Politik begründen. Denn ja: es ist die Systemfrage!

    • Das revolutionäre oder gar weltverbessernde Potenzial
      des Netzes ist von den Erweckungspredigern des Elektronikzeitalters ja nun hinreichend besungen worden. Ich war diesbezüglich auch grade mit Martin Lindner auf carta.info im Disput, aber leider ist die Seite heute morgen nicht erreichbar. Wie auch immer, für ihn ist es völlig unstrittig, dass jeder neue Anschluss die Welt ein wenig besser mache, schon wegen der „Ermächtigung“ – wohingegen ich (ohne dieses emanzipatorische Potenzial des Netzes ernsthaft in Abrede zu stellen) lieber frage, woran es denn hakt, dass noch nicht geliefert wurde, was Weltverbesserung versprochen worden ist die letzten 20 Jahre. Da finde ich Ihre Erklärung mit dem fehlenden Bewusstsein für den impliziten Vertrag, den wir nicht willentlich und bewusst unterzeichnet haben, der uns aber gleichwohl bindet, sehr bedenkenswert. Dass die Infrastruktur eines offenen Netzes uns nicht nur zu Konsumenten, sondern auch zu Produzenten machen kann, ist im Grunde längst ein Gemeinplatz, aber auch hier wäre zu fragen, warum diese Tatsache noch nicht für größere Umbrüche der Medienlandschaft gesorgt hat. Graswurzel-Gedöns schön und gut, aber damit sind die kumulativen Effekte der Aufmerksamkeitsökonomie nicht so ohne weiteres auszuhebeln – sprich: Alleine damit, dass ich zum medialen Kleinproduzenten geworden bin mit meinem Blog, Podcast oder dergleichen, ist die bestehende Marktordnung, welche die Nachrichten- und Unterhaltungskartelle (nicht zuletzt aufgrund der Skaleneffekte) begünstigt, nicht über den Haufen geworfen. Und so gehören meiner Meinung nach bestimmte Figuren und Vorturner trotz ihrer fortschrittlichen Sonntagsreden am Ende des Tages doch eher zu den Bewahrern des status quo, wenn sie uns einreden, allein schon mit dem Anschluss und dem Potenzial, etwas damit zu machen, wäre schon viel gewonnen. Da freuen wir uns per Retweet dann über Revolutionen im Maghreb und sonstwo, zahlen aber weiter schön unsere mobilen Datenflatrates und machen uns Gedanken über kapitalgedeckte Altersvorsorge. Als Verführer sehe ich Figuren wie Lobo eher nicht, im Grunde ist er selber ein Verführter.

  20. Sind wir nicht alle „konservativ“?
    Hallo, Herr Ximera, freut mich, Sie hier zu treffen. Und dass man mich mit Ihnen verwechselt, soll mir eine Ehre sein. Ich widerspreche Ihnen auch nur in einem Punkt, in der Einschätzung Morozovs. Aber vielleicht irre ich mich auch. Das kommt vor. Sie werden es in meinem Beitrag lesen, der noch nicht freigeschaltet ist. Übrigens ist das das beste Blog innerhalb der FAZ. Und wirklich nicht mit der FAZ zu verwechseln. Nur Thorsten Haupts scheint diese hier zu vertreten. Vielleicht bekommt er dafür irgendwann mal die verdiente Medaille. Und ja: Tyler mag konservativ sein. Doch sind wir das nicht alle? Ich spiele da auf die Dialektik zwischen konservativ und revolutionär an; und beziehe mich auf Zizek, den Sie ja auch kennen.

    • Warum Marxisten glauben, alle anderer Meinung als sie selbst müssten dafür bezahlt werden,
      lässt ziemlich tief blicken. In die schmutzigen Sümpfe ihrer eigenen Gehirne.

      Wie einer meiner Lieblings-Autoren seine Figuren völlig zu Recht sagen lässt: Mit Menschen, die ein gesundes Eigeninteresse haben, konnte ich mich meistens einigen. Den anderen begegne ich mit einem Schiessprügel oder ergreife die Flucht.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Ruhig, Brauner!
      Medaille und Bezahlung sind nicht das selbe, und ich wäre dankbar, wenn Sie Ihre Schießprügelrhetorik wieder ein bisschen zurückfahren könnten. Das ist nicht unbedingt der Stil von Auseinandersetzung, dem ich hier Vorschub leisten möchte. Und vielleicht könnte sich auch Herr Binsack direkter Anwürfe an Herrn Haupts enthalten, dann sollte das bei aller Kontroverse vielleicht doch einigermaßen funktionieren.

    • Ruhig Blut...
      …auch Herr Binsack versucht doch nur an einer „Wand“ hochzuklettern die , da keine Mauer
      auch keine Vorsprünge hat, an denen man sich hochhangeln könnte.

      Im Gegenteil:
      “ Die Wand steht dick und fett mitten im Raum“ (Zitat)

    • Sehr geehrter Herr Binsaack,
      die Freude ist ganz meinerseits. Jetzt koennen wir eine Phallanx bilden :). Ich wuerde gerne mehr schreiben, bin auch Herrn Haupts noch eine Antwort schulding, habe aber gerade Druck und muss das aufschieben. Also bis bald,

      xbosque.

    • @ Herold Binsack, PS
      Ich vergass Ihnen zuzustimmen, was die Dialektik zwischen konservativ und revolutionaer angeht (ich muesste mir andernfalls selbst widersprechen). Ich wollte oben nur die polemische Wuerze meiner meiner Replik auf Tyler Durden Volland nicht verwaessern. So, jetzt muss ich aber, also, bis demnaechst.

    • Übertreiben Sie's aber bitte bnicht
      mit dem mehr schreiben. Einer „Phallanx“ (sic) von revolutionären Riemenschreibern, die es kaum unter 6000 Anschlägen schaffen und die Threads zu sehr zuballert, werde ich bestimmt nicht dauerhaft zugucken.

    • @ Ich wollte ja nur hoeflich sein!
      (._.‘)

    • @Bosque Ximera
      Danke, und ich habe eben erst begriffen, dass Sie eine Frau sind. Bin manchmal wirklich selten ignorant. Darf ich fragen, was Vor- und was Nachname ist, und woher der Name stammt? Klingt in meinen Ohren spanisch/portugiesisch oder auch baskisch. Ich interessiere mich nicht nur aus persönlichen Gründen: Nomen ist hin und wieder Omen.

  21. Zur Dialektik von konservativ und revolutionär
    möchte ich diesen Beitrag von mir in Erinnerung rufen: http://blog.herold-binsack.eu/2009/10/eine-dialektik-von-konservativ-und-revolutionar/

  22. Der Mensch entscheidet, oder: ich werde nicht hysterisch, wenn die Barbaren über mich herfallen
    @Marco: Wie gesagt, die Idee mit dem Vertrag hab ich von Hafiz. An dem Beispiel könnte man ergänzen, dass wahrhaft Revolutionäres noch nach 1000 Jahren zu wirken scheint. Zumindest die Mullahs scheinen das zu glauben, da sie auf genau diesen Hafiz die Fatwa gesetzt haben.
    Zu Lobo: Witzig, dass Sie das sagen, ich wollte tatsächlich noch einfügen – als Verführter. Doch dann scheute ich, ob der Gefahr, dass ich dann die Dialektik zwischen Verführt-sein und Verführer erklären müsste. Wen‘s interessiert: ich habe das an anderer Stelle unter dem Begriff „Borderliner“ getan.
    Und natürlich haben Sie Recht: wir sollten schon mehr tun als räsonieren. Wo ich fordere die Theorie mit der Praxis zu vereinen – http://blog.herold-binsack.eu/2014/01/die-reduktion-die-illusion-und-die-suche-nach-dem-quell-des-freien-willens/ -, meine ich genau das.
    .
    Wegen Thorsten Haupt entschuldige ich mich. Ich habe nicht bedacht, dass meine freundlich gemeinte Ironie so böse verstanden werden kann. Doch dass ich nicht so verbohrt bin, wie Herr Haupts vielleicht glaubt, müsste er doch an meiner Stellungnahme zu Herrn Tylers Konservativismus bemerkt haben. Solange die Hoffnung besteht, dass sich konservatives Verteidigen von Besitzständen oder gewissen habituellen Vorlieben in revolutionären Widerstand verwandelt – und ich glaube das, solange das Kapital noch einen einzigen Lohnarbeiter übriglässt –, bleibe ich guten Mutes. Aus dieser Dialektik folgere ich auch, dass der Marxismus, und so verstehe ich ihn, die Welt nicht einfach in gut und böse teilt; das zu glauben, das überlasse ich gewissen Hysterikern von Berlin bis Washington. Ich meine das nicht rhetorisch, wenn ich frage, ob wir nicht alle konservativ sind. Auch ich, als Revolutionär, bin oft veranlasst, meine Besitzstände zu wahren; doch ob des Wissens, dass das nur eine vorübergehende Handlung sein kann, bin ich mir der darin enthaltenen Ersatzhandlung im Klaren. Ich werde nicht hysterisch, wenn ich doch alles verliere und die Barbaren über mich herfallen. Und vielleicht ist dieses „Wissen“ der einzige Unterschied zwischen einem Konservativen und einem Revolutionär.
    .
    Und vielleicht liegt darin auch die Antwort auf ihren Vorwurf, Marco. Das weltverbessernde Potential kommt in dem Maße zum Vorschein, als sich der Versuch der Erhaltung des Alten für möglichst viele unter uns blamiert. Der Kapitalismus als solcher hat schon das Potential diesbezüglich mit im Gepäck. Das hat Marx mehrfach festgestellt. Er ist unter den ökonomischen Gesellschaftsformationen so sehr die revolutionärste wie (vermutlich) die letzte. Doch, und da gebe ich Thorsten Haupts unumwunden recht: Der Mensch entscheidet.

    • Danke, Entschuldigung akzeptiert, ich habe vermutlich überreagiert.
      Was Ihre Hoffnung auf die Revolution des Lohnarbeiters angeht, ich bin einer.

      Vor der Revolution diene ich einem Unternehmen oder einem Unternehmer. Danach einem Sozialbürokraten, im allergünstigsten Fall. Widrigenfalls einem Despoten, Lokalfürsten, Möchtergernfeudalisten. Sofern ich noch am Leben und gesund bin etc. pp.

      Und solange ich das weiss, hält sich mein revolutonäres Potential in gaaaanz engen Grenzen. Ich ziehe weder Sozialbürokraten noch die ganze andere Mischpoke Unternehmen oder Unternehmern als Brötchengeber vor, ganz im Gegenteil.

      Abgesehen davon müssten Marxisten jetzt nur noch für ein bis zwei Generationen Geduld haben. Dann ist die Entwicklung entweder soweit, die Lohnarbeit über Automatisierung und Roboterarbeit weitgehend abzuschaffen ODER uns ist die Welt eh um die Ohren geflogen. Man reiche mir einen Würfel …

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Mir müssen Sie nicht dienen
      @Haupts: Ich verstehe so einiges was Sie sagen, sogar aus Ihrer Perspektive. Ich hatte nie etwas übrig für diese DDR-Bürokraten. Immer wenn ich dieses Land besuchte, wegen der Verwandten dort, oder um mich mit Marx-Engels-Werken billig einzudecken, habe ich gekotzt vor Wut. Dieses Regime war der wichtigste Grund dafür, warum in mir der Kommunist mit dem Anarchisten ringt, obwohl ich theoretisch mit dem Anarchismus nichts am Hut habe. Ich kann Ihnen nur eins versprechen: Mir müssen Sie nicht dienen. Alles andere hängt von Ihnen ab.

    • Mal so als Zwischenfrage....
      Als Anarchist ist es mir einfach nur zu dumm und zeit-verschwendend mit Kommunisten zu ringen… Sie schreiben ja selber: „Ich hatte nie etwas übrig für diese DDR-Bürokraten.“ Können Sie denn für uns weniger Linientreue wenigsten sein einizgstes Beipiel dafür anführen, wo sich in einem komministischem System irgendwann und irgendwo mal, nicht die Falschen durchgesetzt haben?

      Ich muss schon inder Demokratie damit leben, dass der grosse blöde Haufen wegen des Grundsatzes der Quantität darüber entscheidet wer regiert und dabei zumindest den Schein des Minderheitenschutzes aufrecht erhalten muss. Ich konnte beim Studium der Entwicklung Russlands von 1917 zu Stalin nichts Ungewöhnliches, der Theorie widersprechendes entdecken… Warum sollte ich also ein Leben in der zu Rcht so genannten am wenigsten schlechten Staatsform, der Demokratie, nicht der Diktatur des „Proletariats“, sprich einer Parteien-Nomenklatur, vorziehen?
      Die Herrschaft der Allerdümmsten und Aller-Ungebildesten scheint mir kein so erwünschenswerter Zustand….

      Ihr Verständnis des Anarchismus scheint mir zu Wünschen übrig zu lassen? Er ist eben gerade KEIN system, das man anderen aufdrückt, sondern lediglich die Entscheidung seine Entscheidungen selber zu treffen, ni dieu ni maitre, und mit deren Konsequenzen dann in Eigenverantwortung zu leben. Niemand, auch man selber nicht, hat ein Recht in das Leben eines anderen gegen dessen Willen oder auch ohne dessen Wissen einzugreifen.
      Was ist da so schwer dran zu verstehen?
      Was gibts da noch für Fragen?

    • Wie überwinden wir den Typus, den wir seit Tausenden von Jahren favorisieren?
      @Tyler: Sie sollen nicht glauben, dass ich Ihrer Kritik aus dem Weg gehe, nur weil ich jetzt erst antworte. Doch ich war die letzten Tage anderweitig unterwegs. Ximera hat mich ja daraus zitiert, siehe weiter unten. Und Ihre Kritik ist berechtigt. Doch nicht nur, dass für mich der Anarchismus darauf keine Antwort ist, nicht mal der Marxismus, wie ich ihn kenne, schafft diese Antwort zurzeit. Ich beschäftige mich mit dieser Frage eigentlich von Beginn an, also der Zeit, wo ich mich mit dem Marxismus erstmals identifizierte. Ich habe das Problem nie verdrängt. Zur sog. Stalinfrage habe ich mich an anderer Stelle ja schon beschäftigt. (Geben „Stalin“ in die Suchfunktion meines Blogs ein!)
      .
      Aber weder ihre Kritik, noch jede bisher vorgelegte Selbstkritik aus den Reihen der Marxisten fasst dieses Thema so, dass man es als abgearbeitet betrachten könnte. Es genügt nicht für Stalin die historische Verantwortung zu über einnehmen; diese Verantwortung muss in die Theorie hinein geführt werden. Aber nicht so, wie das die Bourgeoisie gerne hätte und mit dieser alle Renegaten des Marxismus, sondern in Theorie und Methode im marxistischen Sinne. Lesen Sie an dieser Stelle wegen mir Koenens „Schwarzbuch des Kommunismus“, dann aber auch Robert Kurzens „Schwarzbuch des Kapitalismus“. Es wird Ihnen vorerst nicht viel helfen, es sei denn, Ihre Unwissenheit weiter vertiefen, ihre Vorurteile verfestigen.
      .
      Ich bin weit davon entfernt diese Frage selber abschließen zu können, aber ich nenne Ihnen die Eckpunkte, an denen ich mich abarbeite, wissend, dass der Marxismus keinen Hund mehr vor die Hütte locken wird, wenn er hier versagt. (Und jetzt können es durchaus 6000 Zeichen werden, werter Marco/Don Alphonso. Ich hoffe, Sie lassen das durchgehen!)
      .
      Es muss mit der marxistischen Theorie gefragt werden, wie wir einen Typus, den wir für die Revolution favorisieren, zugleich überwinden. Ich sagte es schon an anderer Stelle, nämlich, dass für diesen Typus ja nicht die Revolution allein verantwortlich zu machen ist, sondern die Klassengesellschaft schlechthin. Der „Stahl“, der unter Stalin verherrlicht wurde, wurde schon viel früher „gehärtet“. Ich empfehle den stalinistischen Heroenroman „Wie der Stahl gehärtet wurde“ ausdrücklich – http://blog.herold-binsack.eu/2009/09/menschen-ohne-eigenschaften-oder-die-gier-zum-verstand/ -, dann aber auch gleich „Nackt unter Wölfen“, und Sie werden einer Ambivalenz womöglich auf die Spur kommen, von der die ganze Problematik gezeichnet ist.
      .
      Dieser Typus des Klassenkämpfers zeigt sich darin als historisch so unvermeidbar wie notwendig. Und mir fällt spontan das Gesicht ein, wie es John Reed in „10 Tage, die die Welt erschütterten“ beschreibt. Es war Stalins Gesicht. Dessen Hässlichkeit, nicht nur ob der Pockennarben, nein, wegen dessen sozialpsychologischen Prägungen, die sich darin spiegeln. Er war der Mann fürs Grobe. Eigentlich nicht zum Führer geeignet, denn viel besser zum Henker.
      Doch aus der Erzählung der Dramatik, wie Stalin dann doch zum Nachfolger Lenins wurde, wird deutlich, wie scheinbar alternativlos nicht nur die russische bolschewistische Partei sich da zeigt, sondern die gesamte damalige kommunistische Weltbewegung. Stalin war der Mann der Epoche. Eines Maxims Gorkis Ambivalenz diesbezüglich, sei nur stellvertretend genannt. Doch an Maxim Gorki denkend, fällt mir ein, was er von Lenin zu berichten hat. Ich erwähnte es an anderer Stelle: Lenin schon, verherrlichte die Tscheka im Kampf gegen die „sowjetfeindliche Intelligenz“, welche Stalin dann zu Ende zu führen gedachte – http://blog.herold-binsack.eu/2013/02/den-vogel-nicht-abgeschossen/. Eine Epoche, der bis dahin nicht gekannten Barbarei im Klassenkampf, tut sich da auf. Der Faschismus ward geboren und mit ihm ein Kommunismus neu gegossen, der ihm nicht von ungefähr sehr ähneln musste.
      .
      Und jetzt komme ich zu einer anderen Gestalt, beschrieben in Jack Londons Seewolf. Hier beschreibt Jack London mit dem Gegensatzpaar Wolf Larsen und Humphrey van Weyden auf äußerst dramatische Weise einen Menschentypus, wie er philosophisch betrachtet, der Geschichte vorweg zu greifen scheint. Der imperialistische Pragmatismus, wie er 50 Jahre später am amerikanischen Typus des Kapitalismus beschrieben wird, von Marxisten, tritt hier in Erscheinung. Doch eigentlich schon Geschichte ist. Denn es geht nicht um die philosophische Position eines Wolf Larson „Macht ist Recht, Schwäche Unrecht“, sondern um die Ambivalenz, die der Schriftsteller in den Leser hinein projiziert. Unvergesslich, wie Rainer Harmsdorff, in der deutschen Filmfassung, die rohe Kartoffel zerdrückt. Wer hätte da nicht den Helden gesehen, den Titan. Diese Masse Fleisch, die wie Stahl daher kommt. (Und wollte nicht auch Hitler den Übermenschen hart wie Kruppstahl gemacht haben wollen?)
      .
      Und wie wenig überzeugend war größtenteils der Reedersohn van Weyden, in seinen Versuchen, diesem Tier etwas Menschliches beizubringen, ihm die Kultur der Bourgeoisie anzudienen, zu der er doch jetzt als Kapital gehörte. Am Schluss muss er ihn töten. Wer hat hier eigentlich gesiegt, fragt man sich. Und hier fällt mir „Die Revolution frisst ihre Kinder“ ein. Aber das werde ich jetzt nicht weiter kommentieren. Da können Sie sich einlesen: http://blog.herold-binsack.eu/2011/08/und-die-konterrevolution-auch/
      .
      Es ist nicht die kapitalistische Klassengesellschaft allein, die diesen Typus zu vertreten hat, aber sie tritt das Erbe all der anderen Klassengesellschaften an. Sie sucht diese Gesellschaften ja nicht zu überwinden, sondern auszubeuten. Sie beutet nicht nur den Lohnarbeiter aus, sondern einen Menschentypus, wie er in den letzten 5000, wenn nicht gar 10000 Jahren, geschaffen wurde.
      Ich nenne diesen Typus heute den „Borderliner“. Darin sehe ich eben nicht nur den pathologischen Sonderfall, sondern den Borderliner als gesellschaftliche Struktur im Mensche

    • Eigentlich hatte ich doch 6000 Zeichen frei. Hier der Rest
      Darin sehe ich eben nicht nur den pathologischen Sonderfall, sondern den Borderliner als gesellschaftliche Struktur im Menschen.
      Hier ende ich. Aber ich verspreche Ihnen, dass das nicht das Ende meiner Beschäftigung damit sein wird.

    • Sorry, für die
      Fehler (Rechtsschreib-/Grammatik-/Sinnfehler) in diesem Blog, hab das in meinem Blog korrigiert. Hab noch nicht gefrühstückt.

  23. Pingback: Den Vertrag mit dem Kapital kündigen

  24. Schockschwerenot!
    Habe gerade auf Google Plus gelesen, dass ich für diesen Beitrag den hashtag #reaktion verpasst bekam.

    Zitat: dieser #FAZ -blogtext hier gibt eine sehr lesenswerte zusammenfassung all der verdummenden klischees über „Hippie-Naivität“ und mormonenhafte Dotcom-Disruptionsapostel , die jetzt über das „Web 2.0“ und den „Internet-Zentrismus“ in umlauf gesetzt werden. (und, das sei nicht verschwiegen, er relativiert das sogar selbst ein bisschen, aber eben dann doch folgenlos.) Zitat Ende

    Ich seh’s schon kommen: Über kurz oder lang werde ich aufgrund mangelnder Internet-Begeisterung fälschlicherweise zum Netzfeind (oder zum konterrevolutionären Qualitätsmedien-Kulak) erklärt und zwangsanalogisiert, wenn die digitale Revolution ihre Kinder frißt. Echt endschrill!

    • Die wahren Gläubigen
      Oh weh, das müssen die wahren Gläubigen sein; ich verstehe noch nicht mal ihre Sprache. Was ist denn ein „Disruptionsapostel“ (ich weiß was Disruption ist, doch „Apostel?), und dann noch ein „mormonenhafter dotcom“ davor?

    • Das nimmt in komprimierter Form
      Bezug auf Topoi, die ich in meinem Beitrag angerissen habe. Wir – also der Urheber dieser Zeilen und ich – konnten uns im weiteren Verlauf der Diskussion schon ziemlich mühelos verständigen und sind im Grunde auch gar nicht weit so auseinander. So Muster kenne ich auch aus meinem privaten Blogumfeld, wo es immer wieder Kontroversen darüber gibt, ob es statthaft ist, aus einer eher linksliberalen oder anarchistischen Position heraus bestimmte ins Extrem gehende Entwicklungen weiter außen links zu kritisieren – auch auf die Gefahr hin, damit den Fleischhauers, Broders und Konsorten Wasser auf die Mühlen zu geben. Oder wenn sich Don Alphonso mit bestimmten Ausprägungen des Feminismus anlegt und dann reflexhaft in die Hater-Schublade gesteckt wird. Wenn das Gegenüber aber nicht ganz vernagelt ist, und Martin Lindner würde ich dieses Etikett nun wirklich nicht anheften, kommt man auch wieder raus aus so einer Nummer.

    • Diplomatieregel in der Kritik?
      Ich verstehe. Es geht also um so eine Art Diplomatieregel in der Kritik. Ich denke, dass man in der Formulierung darauf achten kann, ob da jemand einem näher oder weiter entfernt steht, bzw. ob man Wert darauf legt, mit dem in Zukunft überhaupt noch zu reden. Doch sollte mich das nicht daran hindern, meine Ansichten ungeschminkt zu formulieren. Und das gilt ganz besonders dort, wo man glaubt, sich nahe zu stehen. Ich halte es mit der Leninschen Regel, die da lautet: bevor man sich vereint, sollte man sich entschieden voneinander abgrenzen. Ich als „extremer Linker“ habe überhaupt keine Berührungsängste im Umgang mit Konservativen, selbst dann nicht, wenn ich da einem Linksliberalen auf die Füße trete. Ja, ich scheue nicht einmal die Marxkritik, sollte der Konservative Recht haben. Auch auf die Gefahr hin, dass das jetzt von den Konservativen ausgeschlachtet wird. Es gibt da so eine Stelle, wo Marx sich, berufend auf Bruno Bauer, über den „Juden“ ausgelassen hat, von dem man sich „emanzipieren“ müsse – http://blog.herold-binsack.eu/2011/06/der-antisemitismus-existiert-nicht-nur-als-%E2%80%9Ekeule%E2%80%9C/, was ich von Konservativen immer wieder um die Ohren gehauen bekommen habe.
      .
      Mag sein, dass damals Antisemitismus noch nicht so deutlich kritisiert wurde, in intellektuellen Kreisen, doch wo man den Goethe wegen Antisemitismus angreift, und zwar zu Recht, wie ich meine, kann man vor Marx nicht Halt machen. Auch und gerade wenn man bedenken möchte, dass Marx von einer zum Katholizismus hin konvertierten jüdischen Familie abstammt. Ich habe mich kritisch damit auseinander gesetzt, und zwar nicht nur ob des Antisemitismus, sondern wegen der darin enthaltenen unhaltbaren Position (was nicht überraschen sollte, denn Antisemitismus führt niemals zu richtigen Schlussfolgerungen).
      Dass Bruno Bauer später zum Renegaten wurde, überrascht mich nicht, doch dass Marx bzgl. dieser Entgleisung, die er damals mit Bruno Bauer teilte, keine Selbstkritik leistete, schon.
      Auch große Köpfe machen Fehler und nicht selten dann sogar ganz große.

    • Heiliges Blechle. Ich frag dann mal lieber nicht,
      In welchen Schubladen ich wohl schon verschwunden bin.

      So ganz kann ich mir nicht helfen – bisher war das Netz keine grosse Förderung der Debattenkultur, von Wissen, Kenntnis und Bildung vieler Ermächtigter schweigt des Sängers Höflichkeit sowieso.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Ach, Regeln.
      Diese Maxime des Wladimir Iljitsch Uljanow hat einiges für sich – in ihrem ureigenen Kontext. Inwieweit sie für meine Blogunterhaltungen taugt, die ja nicht primär auf den Endsieg der Arbeiterklasse zielen, steht auf einem anderen Blatt. ;-)

    • Dafür,
      dass das Rumdisktutieren im Netz nicht so der Bringer ist, Herr Haupts, sind Sie aber ganz schön ausdauernd dabei.

    • Mit der Methode Sokrates erwischt.
      Ja. Sehr, sehr selektiv. Genauer – auf ein paar faz blogs, beim Don und im blog von Jörg Lau bei der ZEIT. Da trifft man den einen oder anderen Kundigen, um was zu lernen, und der Umgangston ist i.d.R. Mehr als verträglich.

      Die Regel ist das nicht, repräsentativ für das Netz sind die ZON und SPON Kommentare, absolutes Highlight die Kommentarzone von heise (der Hauptgrund für meine sehr frühe Piratenskepsis).

      Also ein paar Dutzend (Teilnehmer) von einigen tausend. Ermächtigung nutzt eben nur dann etwas, wenn der Ermächtigte auch ermächtigungsfähig ist. Es gibt einen Grund für das bisherige Überleben professionellen Journalismus.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Stelldichein der Vordenker
      Da schreibt Marco einen ansprechenden Text und sofort wird hier die Systemfrage erörtert, beim munteren Stelldichein der Vordenker. War eine interessante Runde und zugleich eine Bestätigung dafür, das die Bloggosphäre zu ungewöhnlichen ad- hoc-Begegnungen führen kann (space is the place). Gutes Gedankenfutter!

    • Ich habe zu danken!
      Ohne die muntere Kommentatorenriege machte es hier nicht halb so viel Spaß. Mir wurde übrigens auch Ihr Lob drüben im anderen (javascript-freien) Salon zu Ohren gebracht. Das zwanglosere thematische und teils offtopische Mäandern der Diskussion dort hat auch seinen Reiz, ich würde das eine nicht über das andere erheben wollen, es sind unterschiedliche Bedürfnisse, die drüben und hier befriedigt werden. Aber so ein bisschen froh bin ich im Vergleich dann doch, dass ich hier nicht ganz so viel scrollen muss. ;-)

    • Aber, aber, Settembrini!
      So ist das nun mal in der Demokratie. Da zählt nur die Quantität. Was haben Sie denn von der „Entwicklung“ des Internets erwartet? Spätestens seit Anonymos und den Flash Mobs kann man das eigentlich wissen, dazu twitter und Facebook… und schon haben die Herrschaft der Blöden.

      Es gibt ein paar Oasen, ThorHa hat einige davon ja angeführt. Aber im Grunde geht es ausschliesslich darum möglichst viele zu finden, die der eigenen Meinung sind. Dummköpfe wollen sich bestätigt fühlen können, das war immer so. Ob auf dem Nürnberger Parteitagsgelände, dem Roten Platz vor dem Kreml, im Oktoberfest-Zelt und wegen der das Ganze jetzt sehr vereinfachenden Entwicklung der Technik, nun auch im Internet…

      Nachdenken, gar abweichend, war nie populär und wird es auch nie sein.

    • Was ich mir vom Internet eher nicht erwartet habe,
      steht ja oben im Beitrag. Ansonsten ist mir so Pauschalgedisse von twitter und facebook auch immer bisschen zu unterkomplex. Zugestanden, das 140-Zeichen-Ding benutze ich selber nicht, gucke da aber manchmal, was paar Leute dort so machen, und ich schätze wie bei facebook auch (wo ich in der Hauptsache mit früheren Kollegen und entfernteren Freunden verbandelt bin) kann man sich kuschelige Nischen einrichten. Solche Plattformen sind ja nicht das Ding an sich, sondern auch immer das, was man selber damit veranstaltet.

      Hier habe ich nicht ganz so viel Kontrolle, kann weniger bis so gut wie gar nicht beeinflussen, was die Kommentatoren beisteuern (außer nicht freizuschalten/löschen, was selten genug vorkommt) – und habe im großen und ganzen doch meinen Spaß dabei.

  25. Schräg
    Wird es nur, wenn man von einer ‚Debattenkultur‘ Lösungen erwartet.

  26. Das neue Blog
    wird sicher ein Straßenfeger.

    Ist mir nicht klar warum es so atemberaubend sein soll, dass
    12-Jährige sich über das Internet beobachten.
    Früher mussten sie halt noch Indianer und Cowboy spielen und sich die Kulissen dazudenken.
    Der Intensität des Erlebens tat das sicher keinen Abbruch.
    Die digitale Virtualität fördert m.E. eher die Distanzierung.

    • Ach,
      wir sollten das Projekt nicht vorschnell aburteilen. Womöglich erwarten uns da ganz außerordentliche Dinge. Hatte da erst neulich was gelesen, da gibt’s was, wo man sich – halten Sie sich gut fest – Avatare zusammenbasteln kann und die dann durch virtuelle Welten steuert. Hammer, oder?

      Jetzt fällt’s mir wieder ein: Second life hieß das (oder so ähnlich).

    • Hammer??
      Mich irgendwie zusammen basteln und durch virtuelle Welten schicken,
      mach ich täglich – lebenslang.

      Ohne Netz und doppelten Boden.

      Kostenlos und gewöhnlich komplett umsonst.;-)

    • Tja,
      was soll ich da sagen?
      http://mark793.blogger.de/stories/2368007/

    • Hhm...äh...
      So hab ich’s noch nicht probiert…

  27. Ein kleiner Nachtisch vom Wegesrand
    Philosophische Brocken, aufgelesen am Wegesrand:

    „Das Google Glass ist kein Werkzeug, also kein „Zeug“, kein „Zuhandenes“ im Heideggerschen Sinne, denn man nimmt es nicht in die Hand. Das Handy wäre noch ein Werkzeug. Das Google Glass rückt uns so sehr auf den Leib, dass es als Teil des Körpers wahrgenommen wird.“

    Aus: Die ganz normale Matrix

    http://blogs.faz.net/digitaltwin/2014/01/22/virtuelle-realitaet-16/

    —————

    Das Wesen der Technik sehe ich in dem, was ich das Ge-Stell nenne, ein oft verlachter und vielleicht ungeschickter Ausdruck. Das Walten des Ge-Stells besagt: Der Mensch ist gestellt, beansprucht und herausgefordert von einer Macht, die im Wesen der Technik offenbar wird und die er selbst nicht beherrscht. Zu dieser Einsicht zu verhelfen: mehr verlangt das Denken nicht. Die Philosophie ist am Ende. (…)

    Vielleicht darf der Satz gewagt werden: Dem Geheimnis der planetarischen Übermacht des ungedachten Wesens der Technik entspricht die Vorläufigkeit und Unscheinbarkeit des Denkens, das versucht, diesem Ungedachten nachzudenken.

    Aus dem Spiegel-Interview mit Martin Heidegger:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9273095.html

    • Gut, dass wir verglichen haben!
      Ich muss meinen ersten Kommentar weiter oben mit dem Stichwort „Second Life“ nochmal revidieren: Um Virtualität in engeren Sinne scheint es da gar nicht zu gehen. Ich für mein Teil würde ja nicht unbedingt so weit gehen, Flash-Filmchen aus der Du-Röhre und ähnliche Erscheinungen als Virtualität zu deklarieren, aber der Hinweis auf das smarte Nasenfahrrad von Tante Gu zielt schon irgendwie in diese Richtung. Ansonsten: Heidegger für eine Netzfundstück-Schau heranzuziehen, naja, kann man machen. Aber wenn man schon die Matrix bemüht, dann hätte ich Platos Höhlengleichnis für die passendere Referenz gehalten. Sei es drum, ich liefere hier keine unbezahlte Beratung für Blog-Start-ups. Und ich halte dem jungen Kollegen zugute, dass sein Debüt-Beitrag ohne die Modewörter „Disruption“ und „kuratieren“ auskam, da sehe ich über das Wortmonster „Echtzeitverschmelzung“ mal gnädig hinweg. ;-)

    • Titel eingeben
      Modewörter „Disruption“ und „kuratieren“
      oh fein, danke, jetzt habe ich der Wirtin von der Eckkneipe was Neues zu erzählen, wie sie ihre Tätigkeit beschreiben könnte: sie kuratiert die Disruption.
      Klingt doch mal echt dramatisch-verwegen – daring!

    • Titel eingeben
      (die Disruption besteht darin, daß Laptops dort nicht gern gesehen sind, und der Handyempfang öfters mal gestört)

    • Titel eingeben
      EDIT:
      dieser Blog frißt Tags in spitzen Klammern offenbar rückstandslos auf.
      Ich versuchs mal mit eckigen:
      [i]test[/i]

    • Titel eingeben
      Diese Sorte Klammern wird zwar nicht gefressen, bewirkt aber auch nichts. Das System killt alles im Kommentar, was nach HTML aussieht. Man muss schon froh sein, dass man Smileys tippen kann.

      In der Kneipe die Disruption kuratiert zu bekommen, hat was. Klingt nach wirklich zeitgemäßer Abendunterhaltung. Angeblich melden sich Berliner Hipster zum Pinkeln gehen in ihrer Runde mit den Worten ab: „Ich geh mal eben meine Privilegien checken.“ Diese Sorte Humor finde ich, wie soll ich sagen, sogar irgendwie anschlussfähig. ;-)

    • Moment noch vor dem Gang in die Kneipe...
      .. es kommt so drauf an – wenn sie (also, die Wirtin) selbst den Menschen sagt, sie hätten gefälligst ihre Laptops wegzupacken, performt sie die Disruption. Sogar live!
      Wenn sie das bloß ihre Angestellten machen lässt, ok, dann wär’s kuratieren.

    • Titel eingeben
      @Gast: danke danke, damit kann ich es noch ein wenig ausbauen.

  28. news from Mr. Snowden
    Vielleicht interessiert es ja jemanden:

    http://freesnowden.is/asksnowden.html

  29. Diesen Sonntag, 23 Uhr, “Snowden exklusiv – Das Interview” auf ARD
    Info:
    „In dem ausführlichen Interview geht Snowden neben aktuellen Themen zu den Folgen seiner Enthüllungen, die die Welt bis heute in Atem halten, auch auf Fragen zur Person und seinem Weg vom Wachmann bis zum wohl wichtigsten Whistleblower der Geschichte ein.“

    http://www.ndr.de/ratgeber/netzwelt/snowdeninterview101.html

  30. Notwehr gegen die NSA!
    Rechtlich kann und will ich den Inhalt des verlinkten Artikels nicht beurteilen:

    http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-01/notwehr-nsa-spionage-us-botschaft

    Aber vielleicht findet sich ja jemand, der’s ausprobiert. Wird eine interssante Schlacht vor Gericht, wenn der einen guten Anwalt findet.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Ich bin kein Jurist,
      aber wenn ich darauf wetten müsste, ob man damit durchkommen könnte, würde ich sagen: eher nicht.

    • Thorsten Haupts müsste wissen, dass ...
      es eine ausgedehnte Rechtsprechung über Notwehr-Exzess gibt und der Artikel in der Zeit deshalb äusserst mangelhaft ist.

      Meine Voraussage wie sich so etwas entwickeln könnte:
      Der ballernde Bürger wird von den Sicherheitskräften des US-Botschaft blitzartig erschossen, bevor er mit seiner Schrottflinte irgend einen grösseren Schaden angerichtet hat.

      Die Deutschen Gerichte werden feststellen, dass die Handlung des erbosten Bürgers völlig unverhältnismässig war und dass das Botschaftspersonal zu Recht um sein Leben fürchtete und aus diesem Grund völlig berechtigt war, den Angriff abzuwehren.

    • So schauts aus.

  31. Pingback: Ist das jetzt gut oder böse?

  32. Danke für den Nachschlag!
    – den in Ihrem anderen Blog, meine ich.
    Michael Seemann war mir bis dahin tatsächlich kein Begriff. Bemerkenswert, er landet bei ganz anderen Ergebnissen als ich.
    Zum Thema Privatsphäre fand ich es beispielsweise bezeichnend, das der erste, der sich wegen Verletzung selbiger eine Anzeige eingefangen hat, ein Künstler war, der eigentlich nur auf das Thema aufmerksam machen wollte.

    Noch kurz an die Herren Bosque Ximera und Herold Binsack:
    Entschuldigung, das war ein klarer Fall von Fehleinschätzung von mir. War erleichtert, das zumindest Herr Binsack es mit Fassung ertragen hat.

    (evtl. sollte ich mir auch einen Nutzernamen hier zulegen, ob *Gast* schon vergeben ist?)

    Und weil ich hier bisher noch keinen Verweis darauf gelesen habe, dachte ich, ich erwähne noch kurz „The day we strike back“. Vielleicht findet dort ja jemand etwas für sich.

    • „Gast“ ist glaube ich die Standard-Voreinstellung, wenn Sie wiedererkennbar sein möchten, sollten Sie vielleicht einen etwas orginelleren Benutzernamen wählen.

      Was diese Seemann-Geschichte und den CTRL-Verlust angeht: Es gab von ihm hier bei der FAZ ein Blog, in dem er die ersten Gedankengänge hierzu entwickelt hatte. Die Zusammenarbeit endete allerdings vorzeitig, und so entwickelte er seine Thesen auf einer eigenen Domain dann weiter. Es ist auch kein Geheimnis, dass ich nicht unbeträchtliche Teile seiner bisherigen Einlassungen dazu für reichlich naiv und weltfremd halte. Aber gleichzeitig will ich auch nicht verhehlen, dass mir seine Thesen da und dort eine willkommene Reibungsfläche geboten haben, die mir half, meine eigene Auffassung zu diesen Themenfeldern etwas zu präzisieren. Von daher freut es mich wirklich aufrichtig, dass er per Crowdfunding genügend Geld einsammeln konnte, um sein Buch zu schreiben – und das jetzt nicht nur aus lauter Vorfreude darauf, einen gesalzenen Verriss zu schreiben. ;-)

      Ich bin ja eigentlich kein Marxist, aber nicht zuletzt die Kommentare von Herold Binsack (und neuerdings Bosque Ximera) haben mich schon dafür sensibilisiert, vor lauter Digitalgedöns das Kapital als Subjekt der Geschichte nicht völlig aus den Augen zu verlieren. Wie las ich gerade gestern abend an ganz anderer Stelle: „Wer das Kapital als Subjekt der Geschichte ignoriert, steckt mit den Kopf tief im Sand eines humanistischen Ponyhofs.“ Wobei ich statt „humanistisch“ in unserem Kontext eher „digitalgläubig“ sagen würde.

    • Habermas...
      .. hm, ach, das sind auch nur wieder einige unfertige Überlegungen von mir, aber so wirklich kaputt, finde ich, ist das Internet noch nicht. Einfach weil noch völlig entspannt Marx diskutiert werden kann.
      Zumindest im Habermas’schen Sinne (public sphere) funktioniert es hier doch noch prima.

      Also ja, das System, in dem wir leben, kann man schon als Plutokratie bezeichnen und Überlegungen, ob und wie es möglich sein könnte, innerhalb einer Demokratie mehr Sozialismus auszuprobieren, denke ich wirklich gern mit.
      (In der Hoffnung, die beiden Herren da richtig verstanden zu haben.)

      Gleichzeitig – und da habe ich vielleicht etwas zu sehr ein Aluhütchen auf – denke ich, mit Marx zu argumentieren, ist bei dem, was ich (die ganze Diskussion ist ja auch ein gutes Stück weit Kafffeesatzleserei – wer schätzt was warum als Problem ein, gibt es eine Mehrheit, die sich auf etwas einigen könnte?) als dringlichstes Problem einschätze, das genaue Gegenteil von zielführend. Ich bin nicht sicher, ob es Zufall ist, das Morozov selbst kein einziges Mal Marx erwähnt. Es sind die US of A we are talking about here.
      (Land of plenty indeed. Trotzdem, es reicht doch ein verlegener Blick auf die Geschichte, um sich kurz klar zu machen, warum man mit Marx gerade jetzt eher das Gegenteil von wirklich guten Argumenten liefert, weshalb die USA bitte nicht so sehr die „Supermacht – Karte“ spielen sollten.)

      Hm, das ist letztlich auch nichts anderes als meine persönliche Prioritätenliste:
      Erst mal schauen, ob und wenn ja wie es Wege gibt, dafür Sorge zu tragen, dass im Internet auch in 5 Jahren noch munter verschiedenste Ideologien diskutiert werden können.
      Und die Bereiche, in denen ich mal dachte, sie seien privat, das auch bitte schön wieder werden. Aber da wird es ja schon problematisch, wenn ich mir die unterschiedlichen Einschätzungen so anschaue. In ganz vielen Foren liest man Menschen, die versichern, sie hätten sowieso nichts zu verbergen – eines der schlimmsten Argumente überhaupt, wie ich finde. Da funktioniert die Überwachung ja bereits, fürchte ich.

      Dann – hm, das wird jetzt schwierig – also, in der Blogosphäre bin ich am häufigsten über den Begriff *post privacy* gestolpert. Das verwundert nicht wirklich.
      Und es ist keinesfalls als Vorwurf zu verstehen! Es war nur eine meiner Überlegungen, das, wenn man eh ziemlich viel von sich ins Netz stellt, einen Überwachungen auch nicht weiter stören?
      Man hat sich ja längst einer viel größeren Form der sozialen Kontrolle ausgesetzt. (Und entsprechend scharf scheint der Umgang miteinander zu sein? Zumindest teilweise?)

      Ach wie gesagt, das sind wirklich unausgegorene Überlegungen von mir.
      Über einen weiteren *Nachschlag* von Ihnen würde ich mich in jedem Fall sehr freuen!

    • So unausgegoren kommen mir Ihre Gedanken nicht vor, ich kann Ihnen ohne große Mühe folgen. Mit Marx argumentieren, das Dilemma, das Sie ansprechen, sehe ich wohl. Kommt aber immer drauf an, was man damit verargumentieren will, und deutlicher als Marx hat es keiner analysiert, was den Kapitalismus in seinem Wesenskern ausmacht, wenngleich Marx nicht unbedingt jeden Transformationsprozess vorhersehen konnte, den das System seit damals durchlaufen hat. Aber wie gesagt, als handelndes Subjekt der Geschichte sollte das Kapital eigentlich auch für Nicht-Marxisten (wie mich) völlig evident sein. Alles andere hieße, den sprichwörtlichen Elefanten im Wohnzimmer zu übersehen. Was aus dieser Beobachtung folgt, gar, welches politische Handeln daraus abzuleiten ist, darüber lasst sich trefflich streiten. Aber selbst unter Linken wird man nicht (mehr) viele finden, die sich den totalitären Staatskapitalismus spätstalinistischer Prägung zurückwünschen.

      Interessant finde ich in diesem Zusammenhang aber auch, inwieweit der Internetismus (wie ich die Netz-Ideologie jetzt mal einfachheitshalber nennen will) durch die Hintertür wieder kollektivistische Vorstellungen propagiert und salonfähig macht: open-was-auch-immer, creative commons, digitale Allmende. Seemann hat in seinem Vortrag „Das radikale Recht des anderen“ mehr oder weniger den Versuch unternommen, einen ethischen Überbau für einen Daten-Zwangskollektivismus zu konstruieren, der das Zurückhalten persönlicher Daten, die irgendjemandem da draußen in irgendeiner Form nützen könnten, als egoistischen und systemschädlichen Akt geißelt. Ich denke, dass man auch „post privacy“ durchaus in diesem Zusammenhang sehen muss, die dot-commune, in der das Private politisch ist. In meinem allerersten Beitrag hier hatte ich mich dieses Themas schon angenommen:

      http://blogs.faz.net/deus/2010/12/07/dotcomsomolzen-steigen-dir-aufs-dach-197/

      Und ich werde da auch am Ball bleiben, wenn die nächste Vorlage kommt.

  33. Pingback: Es ist die Systemfrage, Dummerchen! | myim

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