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Deus ex Machina

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Über Gott und die WWWelt

Angst mit Zahlen

| 16 Lesermeinungen

Inflation ist die Lieblingsangst der Deutschen, meldet das Datenportal Statista. 58 Prozent fürchten sich davor, dass die Lebenshaltungskosten steigen. Angeblich liegt das an unserer kollektiven Erinnerung an eine Inflation zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Meine Theorie ist ja, dass wir einfach keine Lust haben, mehr Geld für unsere Pferdefleisch-Lasagne zu bezahlen. Dabei stiegen die Preise in letzter Zeit eigentlich immer, bis auf zwei Ausrutscher im Jahr 2009  Verhungert sind wir deshalb nicht.

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Würden wir uns mehr mit Statistiken beschäftigen, müssten wir unsere Ängste grundlegend überarbeiten. Am liebsten sorgen wir uns um unser Geld. Von den Sachen, die wirklich bedrohlich sind, von denen wollen wir lieber nichts wissen. Altersarmut fürchten 38 Prozent, Pflegebedürftigkeit 51 Prozent – und beides droht uns nach OECD-Erwartungen tatsächlich. Dennoch müssen wir zur Altersvorsorge regelrecht gezwungen werden, haben Verhaltensökonomen um Cass Sunstein herausgefunden. Viel lieber beschäftigen wir uns mit Ängsten, die uns nicht den Schlaf rauben. Weil sie irreal sind. Wie Inflation.

Es gibt übrigens gerade gar keine Inflation. Im Moment wird das Leben günstiger. Das liegt allerdings vor allem am Ölpreis. Für den Verbraucher lohnt sich nun das Sparen wieder. Wir könnten das Geld unters Kissen legen oder an die Wand nageln, völlig egal, nächsten Monat haben wir mehr davon, als heute. So ein Verhalten würde die Wirtschaft langfristig vollkommen lahmlegen und Kreditraten unbezahlbar machen. Und dann hätten wir wirklich einen Grund, uns zu fürchten, denn das betrifft auch unsere eigenen Schulden – Altersarmut, wir erinnern uns.

Realistisch ist auch diese Sorge derzeit nicht. Forscher vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IFW) haben für einige Güter mal nachgerechnet und festgestellt: Wir geben unser Geld lieber sofort aus. Das entspricht übrigens voll und ganz der mikroökonomischen Theorie, erstes Semester, Tag eins: Die Preise fallen, die Leute kaufen mehr ein. Und wahrscheinlich wussten die meisten Menschen das auch schon vor der Uni.

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Doch Angst war schon immer ein fantastisches Verkaufsargument. Der Deutsche bekämpft seine Angst am liebsten mit Verträgen. Als ich zuletzt ein Mobiltelefon kaufte, wollte mir der Verkäufer eine Versicherung andrehen. Schon das Geschäftsmodell der Versicherung funktioniert nur, weil die Menschen mehr für ihre Ängste zahlen, als sie am Ende zurückbekommen. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und sagte dem Verkäufer, mathematisch betrachtet lohnten sich Geräte-Versicherungen nicht.

Er sagte: „Für uns schon.“

Dieses Modell funktioniert fantastisch. VWL-Nobelpreisträger Daniel Kahnemann und der Psychologe Amos Tversky fanden schon vor Jahren heraus, dass Menschen nicht in der Lage sind, Risiken angemessen einzuschätzen. Wir haben viel zu viel Angst, etwas zu verlieren. Tatsächlich berührend sind Ängste, die deutlich weniger Menschen plagen: Die Angst vor der Einsamkeit (38 Prozent) und die Angst vor dem zerbrechen der Partnerschaft (18 Prozent). Dabei sind die Fakten frei zugänglich.

Mehr als jede dritte Ehe wird binnen 25 Jahren geschieden, die Zahl der Scheidungen im höheren Alter steigt langfristig betrachtet deutlich an. Die meisten Ehen halten sechs bis acht Jahre; im Schnitt halten es Paare keine 15 Jahre miteinander aus – und wenn sie geschieden werden, dann war die Ehe ja wohl in den Jahren davor auch schon kein Spaß mehr. Statistisch gesehen werden wir alle jahrelang unglücklich sein. Wir werden eher geschieden, als von einem Terroristen enthauptet, von der Inflation enteignet oder von einer Flutwelle fortgerissen.

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Erinnern Sie sich an die Schweinegrippe? Die Pandemie (ja, das Wort haben wir alle benutzt) ist jetzt tatsächlich mehr als fünf Jahre her. Erst hatten alle Angst vor der Krankheit, dann vor dem Impfstoff. Stichwort: Hunde-Krebszellen. Die Massenpanik war ein Millionengrab für Steuergelder und ein grandioses Konjunkturprogramm für Pharma-Konzerne.

VWL-Studenten haben einer nichtrepräsentativen Überlegung innerhalb meines Kopfes zufolge übrigens am meisten Angst vor der Statistik an sich. Intuitiv würde ich sagen, ich hege die größte Angst vor Spinnen. Das ist nicht lustig, ich bin in einem alten Haus aufgewachsen und habe wirklich Angst vor den Krabblern. Rational ist das nicht, wahrscheinlich aber genetisch bedingt. Vor einigen Jahren rief mich mal eine Leserin an; sie fürchtete sich vor einer Marienkäferplage. Ob sie für den Menschen gefährlich seien? Ich telefonierte mich quer durch die Welt der Entomologie und lernte: Marienkäfer sind nur dann gefährlich, wenn man sehr viele davon isst.

Wenn ich ernsthaft darüber nachdenke, habe ich wohl mehr Angst vor Verstümmelung. Acht Beinchen wie bei einer Spinne sind zu viel, aber meine zwei Beine und zwei Arme möchte ich wirklich unbedingt behalten. Also wähle ich als Lieblingsangst: Verkehrsunfälle. Weil ich aber ungern über Verstümmelung nachdenke, bleibe ich im Kopf lieber bei den Spinnen. Und das ist ein Problem. Wir haben alle nicht genug Angst vor Verkehrsunfällen. Langfristig betrachtet steigt die Zahl, hat das statische Bundesamt ermittelt. Das muss man sich mal durch den Kopf gehen lassen. Wir haben immer sicherere Autos. Die parken sogar für uns ein. Sie halten den Wagen in der Spur. Sie bremsen, wenn wir nur mal kurz mit dem Fuß wippen.

Die Verhaltensökonomik spricht von Versicherungseffekten: Uns fehlt die Motivation, einen Verkehrsunfall zu verhindern. Die Grundidee „Ich möchte lieber nicht verstümmelt werden“ funktioniert nicht mehr. Uns fehlt die Angst. Während die Zahl der Unfälle nämlich steigt, werden so langsam etwas weniger Menschen verletzt. So wenig Verkehrstote wie im Jahr 2013 gab es nicht, seit die Statistiker mit dem Zählen angefangen haben. Das klingt total toll, es waren aber im Schnitt neun Tote am Tag, dazu kamen knapp 800 Verletzte.

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Glaubt man dieser Destatis-Darstellung, dann starben im Jahr 2013 sogar mehr 18-Jährige, als eigentlich da sind. Stimmt natürlich nicht, liegt nur an der komischen Skalierung. Und egal, wie weit sie zurückschauen: Es sind in Zeiten der Sozialversicherung noch nie so viele Menschen an Inflation gestorben, wie an Autounfällen. Aber die Werbung hat doch erzählt, die Autos seien jetzt so sicher?

Ja, das stimmt auch, das belegen die sinkenden Opferzahlen deutlich. Sie brauchen keine Angst zu haben. So lange Sie im Auto sind und nicht darunter. Sie können mit den modernen Autos fahren wie ein Irrer im Schlauchboot und sich dabei von mir aus super mutig fühlen. Und wenn Sie dann ein neues Auto kaufen müssen, dann kurbeln Sie sogar die Wirtschaft an.

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16 Lesermeinungen

  1. Deflation
    Ja, wir haben keine Deflation, trotz sinkender Preise. Woran das liegt? Weil wir konsumieren. Sparen lohnt sich erst, wenn die Zinsen einen höheren Gewinn erbringen als die Investition in Güter und Dienstleistungen. Bei dem Zinssatz den wir zur Zeit haben, braucht sich da niemand sorgen machen :D

  2. Das Leben ist lebensgefährlich, denn es endet sicher mit dem Tode ...
    Ja, die Risikowahrnehmung des Menschen ist – behutsam formuliert – nicht risikoadäquat, streng statistisch betrachtet. Sie wird zusätzlich durch Medienkonsum nicht unerheblich belastet.

    Bekam man früher nur die Verbrechen von da mit, wo sie wirklich relevant waren, in der Nachbarschaft, spülen einem überregionale Medien heute jedes „bemerkenswerte“ Verbrechen der ganzen Welt ins Haus, täglich. Dem konsequent folgend wird die statistisch signifikante und historisch konstante Abnahme der meistens Verbrechensraten begleitet von zunehmender Hysterie vor einem wahrgenommenen Anstieg der Kriminalität.

    Und auf meine erstaunte Zurkenntnisnahme eines faktisch unerklärlichen Studienergebnisses vor einigen Jahren, das besagte, Deutsche hielten mehrheitlich ausgerechnet den Zwergstaat Israel für die grösste Gefahr für den Weltfrieden (!), habe ich noch den trockenen Kommentar meiner Frau im Ohr „Logisch, schliesslich berichten überregionale Medien alle drei Tage über den neuesten Sack Reis aus dieser Weltregion.“

    Dabei sind die wirklichen, regional oder weltumspannenden Menschheitsrisiken schwer bis unmöglich messbar. An zwei Beispielen kulturellen und staatlichen Abstieges verdeutlicht: Als der Abstieg des Römischen Reiches in Dekadenz und späteres Chaos begann, hätten alle „harten“ Indikatoren Warnungen davor als blanken Unsinn entlarvt, das gleiche gilt für die Einbunkerung der venezianischen Eliten, mit der die venezianische Republik ihr Schrumpfen auf Zwergstaatniveau und ihr viele Jahrhunderte späteres Ende einläutete, während ihr inneres Wohlstands- und ihr äusseres Machtniveau noch beständig zuzunehmen schienen. Ähnlich mag es sich mit ökologischen oder Klimarisiken verhalten, wenn die Experten auf diesen Gebieten mit ihren Vorhersagen ins absolut Ungewisse Recht behalten.

    Angst hatte einen höchst rationalen Kern, als Angst noch dazu führte, sich vor regional bekannten Gefahren in einer vertrauten Umgebung fernzuhalten. Diesen evolutionär nützlichen Mechanismus der Angst haben wir beibehalten. Und in eine Umgebung dysfunktionaler Informationsüberflutung transportiert, wo der an sich nützliche Mechanismus mittlerweile mehr Schaden als nutzen könnte, weil wir aus der Informationsflut gar nicht mehr ausfiltern können, was uns denn wirklich bedroht, individuell wie kollektiv.

    Wenn wir es denn wissen wollen. Der Glaube ist des Menschen Himmelreich gilt natürlich noch immer unverändert, vor bestimmten Gefahren verschliessen wir deshalb die Augen, weil wir sie nicht kennen wollen.

    Weshalb die regelmässig wiederkehrenden Artikel über das Phänomen krasser Risikofehleinschätzung auf DEM zwar immer wieder zu amüsiertem Prusten führen – Sophia Infinitesimalia hate das thema häufiger auf der Tagesordnung – aber damit nicht mehr erreichen können, als das Thema zum Unterhaltungsprogramm lesender Kreise zu machen.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Lesensgefährlich
      Werter Thorsten Haupts,

      da sprechen Sie aber etwas an. Bleibt die Frage: Sind die lesenden Kreise nun weniger risikoanfällig, weil sie sich des Problems bewusst wurden? Oder sind sie einfach nur durcheinander? Vermutlich letzteres.

      Es grüßt Isabell Prophet

  3. Hm, hab' HIER gar kein Profil von Ihnen gesehen: Wessen Gastautorin sind Sie
    denn? DAs wohl kaum, denn der hält SPON für eine Seuche ( https://stuetzendergesellschaft.wordpress.com/2013/09/06/materielle-manner-in-meran/comment-page-1/#comment-13271 ). Oder muss das jetzt „hielt“ heißen?

  4. Die Menge der Geld-Inflationen und Geld-Deflationen...
    ist wohl proportional der Vernunftinflation…s. Weltgeschehen.

    Gruß
    W.H.

  5. Kahnmann, Küsse und Verlustängste
    Es ist schon eigenartig mit den Menschen: Sie neigen laut Kahneman und Co. zu großen Ängsten bei Verlusten (siehe Inflation) und ärgern sich über Verluste mehr als sie sich über Gewinne freuen. Wenn es aber darum geht, etwas im Leben zu gewinnen (Partnerschaft eingehen: ja/nein?), dann neigen sie dazu, abwägend und risokoscheu zu sein. Dabei gibt es bei einer Partnerschaft wohl mehr zu gewinnen, als es bei einer gefühlten Inflation zu verlieren gibt. Oder ist es doch die vorauseilende Verlustangst, die den Menschen davor schützt, sich Hals über Kopf zu verlieben? Laut Kahnemann ist diese weitverbreitete These nicht stichhaltig. Denn bei drohenden Verlusten (auch des Partners), sind wir laut Prospekt Theorie besonders risikofreudig. Was bleibt also? Wir sind beziehungsscheue Wesen, die Angst vor fiktiven Götzen (Inflation, Migration) haben und das Schöne & Gute im Leben (Küsse und Kubareisen) meist nicht beherzt genug anpacken. ¡Que mundo absurdo!

    • Kahnemann, Kuba und Kosten
      Werter Fred, das klingt bedrohlich. Mittelfristig irrationales Verhalten mag uns vor den Folgen einer Deflation schützen, dauerhaft schädigt es jedoch die Wohlfahrt unserer ganzen Zivilisation. Ich rate zur klassischen Kosten-Nutzen-Analyse, unter Berücksichtigung verschiedener Zeithorizonte und Risikosituationen.

      Viel Glück wünscht
      Isabell Prophet

  6. Wenn es so einfach wäre
    Natürlich ist es im Interesse des öffentlichen Friedens, immer wieder herzubeten, dass es ja gar keine relevante Inflation gibt und alle Ängste nur Ausdruck des Unvermögens der menschlichen Psyche. Vergleichen Sie aber doch bitte einmal den Anstieg der Geldmenge (M3) mit der Entwicklung der durchschnittlichen Nominallöhne von 9/10 der Gesellschaft über die letzten 50 Jahre hinweg, und sie werden feststellen, das Mittel- und Unterschicht allen Grund haben, sich ausgesaugt zu fühlen. Wäre die Entwicklung auf beiden Seiten gleich verlaufen, würden Sie heute um die 100 EUR pro Stunde verdienen. Der Punkt ist also, dass zum Glück viele Dinge so preiswert geworden sind (weil sie effektiver produziert werden können), sodass Sie den Eindruck einer Preisstabilität haben. Schauen Sie jedoch auf die Vermögensumverteilung, die dabei stattgefunden hat, würden Sie so eine Artikel nicht mehr schreiben.

  7. Titel eingeben
    Die zierlichen, netten Marienkäferchen können übrigens durchaus zur Plage werden. Mein Mann erlebte mal einen Riesenschwarm von denen (vermutlich aus einem Gewächshaus entfleucht), und wurde ziemlich gebissen davon. Also, Marienkäferplage gibt es durchaus.

  8. :)
    schön geschrieben – sehr lustig

  9. Mathematik und statistische Wahrheiten
    Wer 1m links vorbeischiesst, muß um statistisch ins Schwarze zu treffen beim zweiten Schuß 1m rechts vorbeischiessen.

    Würden Menschen sich nur noch mit Statistik beschäftigen, tja was würde wohl geschehen?
    Vermutlich vollständige Verblödung?
    Formalisierte Sprache schafft Wirklichkeit? Oder Realität?
    Es gäbe da eine weitere denkbare Variante, die sich nicht mit tiefem Glauben an die einzig wahre Wahrheit beschäftigt

    Was der Franz Arwee sagt:
    http://pastebin.com/3UugGdDh

    Laut lachend über die Einfalt der Gläubigen…

  10. Manchmal
    sind Rechenknechte und Zahlenzusammensteller doch informativ.

    Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass unsere lieben Nachbarn
    In Holland das höchstverschuldete Land der westl. Welt sind (SPON).
    Dicht gefolgt von anderen lieben Nachbarn – den Dänen.

    Muss ich mich jetzt fürchten?

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