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Deus ex Machina

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Über Gott und die WWWelt

Google ist nicht böse, nur mal wieder gierig

| 26 Lesermeinungen

Es gab einmal eine Zeit, da rieten sog. Berater Medien dazu, ihre Inhalte doch in Second Life zu verkaufen. Das war kurz nach der Zeit, als sie den Medien empfahlen, Content Syndikatoren zu werden, weil Content is King, und in etwa zeitgleich wie jene Phase, da man am besten alle Ressorts zu Blogs machen sollte. Nach einigen hyperlokalen Echtzeitumwegen sind wir heute weiter und oftmals durch Schaden klüger, und die Berater haben jetzt tolle neue Ideen: Weg von der deutschen Sprache hin zu Englisch. Weg vom Text, hin zu Buzzfeed und Katzenbildern. Weg von seriösen Überschriften hin zu klicktauglichen Anreissern. Und ganz radikal: Videojournalist und Youtube-Star werden, und die eigene Seite einstellen und statt dessen alles in den sozialen Medien veröffentlichen, denn niemand liest heute noch Webseiten.

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Steht so auf der Website des Technikmagazins Wired, das in Deutschlaand dem Vernehmen nach nicht ganz optimal läuft, und geschrieben wurde es vom nicht zwingend erfolgreichen Verlag- und Werbenetzwerkgründer Johnny Häusler, der eine Weile die Bloggerei zurückstellte, um ein altbackenes Buch über Kindererziehung zu schreiben. Es wird also nicht alles so heiss selbst gegessen, wie es für andere zusammengekocht wird – man kann so etwas mal wegen der Aufmerksamkeit fordern, um sich als radikaler Querdenker zu positionieren, und es, wie alle Berater des Netzes das gern tun, in der schwierigen Umsetzung dann den anderen überlassen. Hauptsache, man wurde mal wieder auffällig und musste nicht darüber reden, dass man selbst auch keine befriedigende Lösung durchsetzen konnte.

Die Verlagslandschaft ist da jedoch etwas reserviert, weil es schon einmal schlechte Erfahrungen gab. Vor fünf Jahren scheuchte Springer-Chef Döpfner seinen Konzern und in der Folge auch viele Zeitungen in den iPad-Hype der Firma Apple hinein. Mit iTunes hatte der amerikanische Konzern eine auf dem Markt akzeptierte Bezahlfunktion, und genau das fehlte den Verlagen. Also begann man umfassend, die Printprodukte multimedial anzureichern, in Apps zu verpacken und über Apple zu vertreiben; Springer leistete sich gar ein eigenes Stilmagazin. Das kann man sich jetzt bei der Welt auch so als gute, alte Webseite anschauen. Denn dieser Hype ging schnell zu Ende, als Apple bei Preisgestaltung und eigenen Profiten das entscheidende Wort mitreden wollten. Die Verlage lernten auf die harte Tour, was es bedeutet, sich an einem amerikanischen Internetkonzern auszuliefern, der nicht bereit ist, die Vorstellungen der Deutschen im Kotau-Haltung umzusetzen.

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Fünf Jahre später sind die Medien voll mit Geschichten über Figuren wie Dagibee und Unge und Le Floid und wie sie alle heissen, die bei Youtube ihre Videos einem scheinbaren Millionenpublikum präsentieren. Das sind die neuen, selbstgemachten Stars, und ihre Vermarktung übernehmen Werbenetzwerke, die Traumgewinne versprechen. Manchmal kracht es zwischen Inhaltelieferanten und Vermarktern, dann wird es hässlich und im Internet toben Shitstorms. Manchmal kommen Vermarkter in Krisen und manchmal gründen die Youtuber selbst Firmen: Es herrscht Goldgräberstimmung auf Youtube, und glücklich kann sein, wer dann von einer Krankenkasse als Werbefigur eingekauft wird und seine Baseballkappe bei Twitteraktionen verlosen kann. Natürlich bekommt jetzt auch unsereins wieder zu hören, dass wir doch auf den Zug aufspringen und mehr Bewegtbild machen sollen. Das soll uns alle reich machen, wie damals der Werbevermarkter vom Häusler.

Die Sache hat nur einen Haken: Im Bestreben, immer gut zu sein, erwürgt die Youtube-Mutter Google gerade nicht die Vermarkter und schneidet ihnen das Fleisch von den Rippen. Nein, das wäre ja böse – Google stellt nur ein paar Dinge klar. Etwa, dass man natürlich weiterhin Werbung für Youtubebeiträge verkaufen kann, aber wichtige Formate dafür können nicht mehr einfach so eingebaut werden, sie müssen vom Vermarkter über Google selbst gekauft werden. In Medienformaten, die ohnehin die Tendenz zu Dauerwerbesendungen haben, ist das Einspielen von Firmenlogos normal und von der Kundschaft erwünscht: Nun muss man dafür Google beteiligen. Protest dagegen ist nicht möglich, Google verabschiedet solche Regelungen im Alleingang und wem es nicht passt, der kann sich ja eine andere Videoplattform suchen. Was angesichts des Monopols von Youtube gar nicht so einfach werden dürfte. Diese „Friss oder stirb“-Politik wird natürlich nett verkauft, es ginge darum, Videos mit Werbebotschaften nicht zu überfrachten. Aber wie schon bei der Suchmaschinenoptimierung und beim Konflikt um Google News gegen die deutschen Verleger – man erinnert sich vielleicht an das Leistungsschutzrecht – nimmt Google wenig Rücksicht auf die Interessen anderer Leute.

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Für die Networks, die vor wenigen Monaten noch als die Zukunft der Fernsehsender galten, ist diese diktatorische Anordnung ein Hinweis auf ihre wahre Grösse und Funktion als externe Dienstleister, die für Youtube Werbepartner heranschaffen. Zumindest so lange, wie es Google passt. Ob Google begeistert davon ist, wenn sich die ersetzbaren Networks mit den eigentlich gewünschten Youtubestars streiten, und ob Google das Geschäft mittelfristig nicht doch selbst macht oder die Networks zu weiteren Zugeständnissen zwingt, wird die Zukunft weisen. Aber wer immer sich darauf einlässt, ist vollkommen vom Wohlwollen Googles abhängig. Das kann immer noch ein lukrativer Markt sein, wenn man mitspielt und Werbegelder vom Fernsehen ins Internet fliessen. Aber man sollte da vielleicht auch an den gerade in Schieflage geratenen Spieleentwickler Zynga denken, der seine Existenz mit Facebook verknüpfte: Es sind nachgeordnete Geschäftsmodelle in einem von vielen Veränderungen geprägten Markt.

Das kann man als junge Firma machen, die eine Wachstumsgeschichte braucht. Man kann sich darauf als junger Inhaltelieferant einlassen und hoffen, dass die Viertel Stunde Ruhm, die auch ein Johnny Häusler als Blogstar mal hatte, mittelfristig das Leben und Einkommen sichert. Das sind kleine Strukturen, die man schnell aufbauen und radikal verändern kann, wenn es nötig sein sollte. Aber Medienhäuser sind gross, brauchen Infrastruktur und werden von Leuten gemacht, die länger als bis zum nächsten Döner oder Sushi denken. Bei der eigenen Webseite, bei der eigenen Medienmarke kann einem keiner etwas einreden, und wie sie läuft, wer sie repräsentiert, und wie sie auf den Betrachter und Dauergast wirkt, hat man selbst in der Hand. Als nachgeordnetes Geschäftsmodell eines Internetgiganten und seiner Forderungen verliert man viele Freiheiten, ohne die Sicherheit zu haben, dass die heutigen Absprachen auch morgen noch gelten. Und die Networks, die jetzt von Google zur Ader gelassen werden, waren sicher netter und pflegeleichter als Medien, die auch mal was Böses über die Blogger schreiben, die von einem angeblichen Institut gefördert werden, das trotz direkter Förderung angeblich unabhängig von Google ist.

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Natürlich glaube ich auch nicht, dass Google böse ist, wenn die in diesem Institut geförderten Post-Privacy-Spacken dann gegen diese Zeitung hetzen, und ich habe keinen Zweifel daran, dass diese Firma die schönsten Kränze schickt, wenn ihre ausgebluteten Partner zu Grabe getragen werden. Google ist nicht böse und es tut mir auch um kein ausgeplündertes Network leid – aber falsche Wege im Internet machen nur Spass, wenn man sich nicht darauf befindet und einen guten Blick auf jene hat, die dort krepieren. Bitte nur um Nachsicht, wenn dieses Blog also nicht auf Facebook oder Google Plus oder vertont auf Youtube läuft.

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26 Lesermeinungen

  1. Treffer, versenkt.
    Wann genau haben merkbefreite Teile der Menschheit wieder einmal vergessen, dass google ein Konzern, youtube seine Tochter und beide nicht am Gemeinwohl interessiert sind? Sondern an Umsatz und Gewinn, was eben der Sinn und Zweck von Unternehmen ist?

    Ich gönne auch jedem youtube „Star“ seine Berühmtheit von Herzen. Umso mehr, wenn ich lese, was selbst die berühmtesten Deutschen unter ihnen, mit angeblich Millionen von Zuschauern, so mit Werbung verdienen. Die nachlesbaren Schätzungen sprechen von 30, 40, 50.000 Euro im Jahr, für die ganz wenigen absoluten Spitzengewinner. Maximal das Einstiegsgehalt eines Ingenieurs, nur dessen Job ist unter dem Strich nachhaltiger und sicherer.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2. Kein Google+ ?
    Unten drunter hat mein Ghostery allerdings & automatisch ein hier eingestelltes „Google Plus“ blockiert. Zu recht.

  3. Don't be a "E"VI"L", stay a "L"IV"E", try to be a working Earth-Gardener in daylight room..
    not a lazy Internet writer in the darkness of the Internet room.

  4. Gruß aus einem fiktiven Staatlichen DarkNet
    Für einen kleinen Augenblick überkam uns eine Schockstarre als 2013 über diesen Snowden die ersten Informationen verbreitet wurden, welche doch wirklich niemanden etwas angingen.
    Waren all die Milliarden für die Überwachung umsonst ausgegeben? Es waren ja schließlich Steuergelder.

    Ja, es ist geil auf Ihren Rechner zu schauen, Sie mit Ihrer Kamera zu sehen, wie Sie im Büro Pornofilme anschauen, hören wie Ihre Kinder nach dem Abendessen quengeln, und Ihre Frau zu hören, wenn sie lustvoll stöhnt (Sie könnten sich ruhig etwas mehr ins „Zeug“ legen), weil Sie glauben auch in der Nacht erreichbar sein zu müssen und Ihr Handy auf dem Nachkasten liegen lassen.

    Nach der Schockstarre, eine Besprechung folgte der anderen, Softwaresicherung, wo sind noch weitere Verräter, werden Gelder gestrichen ?

    Eigentlich schreibt man so etwas aus dem Dunklen heraus nicht, doch wir haben heute wieder Grund zum feiern.

    Es ist wieder alles beim Alten und sogar noch besser und wir optimieren uns weiter.

    Es war ja kaum zu glauben, daß Sie das alles, nach ihrer kleinen Empörungswelle so schlucken würden.

    Man, Sie glauben einfach alles ! Damit konnten wir nicht rechnen.

    Und nun schreibt Don Alphonso so eine Geschichte, eine Netzwerkgeschichte. Klasse, hat nicht mit uns zu tun, fast eine Aufforderung uns weiter zu bedienen.

    Sascha Lobo, der sich damals als der größte Empörer darstellte, erarbeitet nun Benimmregeln für www. ganz im Sinne eines Freiherr Adolf Knigge im SPIEGEL, und

    Jan Fleischhauer, ebenfalls vom, ehemals Linken Kampfblatt, SPIEGEL startet gar, wirklich, ganz ohne belastenden Druck von Irgendwo, bitte glauben Sie mir dies…, eine Vertrauenskampagne für die Kollegen. Für den Typen der da drüben im Büro gerade hackt zahlen wir ein Schweinegeld. Na ja, ich gebe zu eigentlich ist es ja Ihres.

    Das Schreiben fällt schwer vor lauter Lachen….. Wir tun Alles für IHRE Sicherheit…. und darauf trinken wir noch eines.

    Ja, jetzt gehe ich doch wieder zurück an meinen Rechner. Schreiben Sie in diesem Stile weiter für uns, Don Alphonso.

    • NSA kommt wieder, ich sitze gerade an einem Beitrag zu den geklauten Kryptoschlüsseln.

      In dem Fall bitte ich um Nachsicht, die Frage, ob wir Medien selbst machen oder sie amerikanischen Firmen überlassen, ist nämlich auch eine Frage zur Monopolisierung und wo man was besser sagten sollte und wo nicht.

  5. de.wiktionary.org/wiki/digital
    „Digital ist besser / Verlage, stampft eure Websites ein!“ – Als ob die Websites analog (oder „real life“ gewesen) wären!

    • Ja, das ist auch nochmal so ein hinweis auf die Kompetenz des Beraters. Was er eigetlich sagen will ist, dass Neu gleich Digital gleich besser ist und der Rest fällt dann automatisch hinten runter. Ausserdem ist eine Zeitung zwar real wie ein Computer, wird aber auch digital gemacht.

  6. Google ist nicht böse
    Medienberater sind keine Regenmacher.

    Unser Finanzminister Herr Schäuble ist nicht Shylock.

  7. Ja. Jaa!! Und nun?
    Wie immer toll beobachtet und geschrieben. Das Problem: Ob wir Medien selbst machen oder es Google & Co. überlassen können wir erst dann selbst entscheiden, wenn wir in der Lage sind moderne Medien selbst zu machen. Sind wir aber nicht. Auch Burundi ( nichts gegen Burundi) kann eine A380-Produktion beschließen, dass würde aber bei Airbus keine Panik auslösen. Und während hierzulande die Politik sich gerade erst in das Thema Google ein arbeitet rollt längst die nächste Welle auf unsere „selbstgemachten Medien“ zu. Ich habe gestern Abend fern gesehen. „Dr. Who“ bei Amazon. Und Nahost-Berichterstattung bei „Vice“. Es braucht vielleicht noch ein bis zwei Jahre bis das deutsche Fernsehen seine Zuschauer in Mengen an die “ Neuen “ verliert die über das Netz aus Nordamerika kommen. Und wieder ist da nirgends ein taugliches Konzept zu sehen für Wettbewerb. ARD, ZDF und Co. werden statt dessen mit Gremienpapieren an der Startbahn wedeln wenn der Superjumbo „Next TV“ dort abhebt. Es hilft nichts, festzustellen wer gut oder böse ist. Wenn ich kein gleichwertiges Produkt anbieten kann bleibt mein Stand auf jedem Markt einsam.

  8. immer langsam
    … als andere bloggen sich ja fuer deutlich weniger als 50k im Jahr hier in der FAZ die Finger wund, und Mister Haupts – nicht jeder hat Lust Ingenieur zu werden und die Einstieggehaelter fuer Ingenieure sollte man eher nicht in der technikfeindlichen Umgebing dieses Blogs hier diskutieren …

    • Affektierte Betrachtung
      http://s.coop/ingenieure … Konstrukteur und Ingenieur … Ihn erfreut alles, was wahr und klar ist. Doch hören wir auch einmal auf eine andere Stimme! Paul Scheerbart [1863-1915] schrieb schon vor dem Kriege in einer Geschichte:

      „Der Architektenkongreß“ einen Ausblick in die Zukunft, worin ein Vater zu seinem Sohne folgendermaßen spricht: „Dein Sinn, mein Sohn, ist zu sehr auf das Praktische gerichtet, darum willst du Ingenieur werden. Laß das sein; es ist nicht mehr zeitgemäß. Die Zeit schreit nach den großen Architekten, die unser Leben endlich einmal lebenswert machen sollen.

      Vor zwanzig Jahren war das noch anders, da spielte der Ingenieur tatsächlich die erste Rolle im menschlichen Leben. Heute leben wir schon mitten im zweiten Viertel des 20. Jahrhunderts. Darum geh in dich, laß das Praktische beiseite und werde Architekt. Dann kannst du ein berühmter Mann werden und das Leben der Menschen köstlich ausgestalten.“


  9. Wie es der Zufall so will hatte ich auf einer Computerspiel-Messe die Gelegenheit mich mit Youtube-Stars aus der Gamer-Szene zu unterhalten.

    Sie waren sehr jung und so wie junge Leute heute nun mal sind. Als alter Sack empfinde ich ihre Videos kindisch, wie das ebenfalls heute nun mal so ist. Interessanterweise waren sie sich ihrer Abhängigkeit von der aktuellen Mode, dem Youtube-Hype, ihrem sprunghaften Publikum und von Google bewusst. Die wussten sehr wohl, dass alles schon morgen vorbei sein kann.

    Ihre Strategie dagegen war recht erfrischend. Dann machen sie halt was anderes. Das kam nicht naiv rüber. Früher hätte man das Gottvertrauen genannt. Irgendwas wird schon gehen.

    Die sahen sich jetzt auch nicht als Videojournalisten. Das Wort fiel gar nicht. Die sahen sich als Unterhaltungskünstler. So stehen sie in einer langen Tradition von Künstlern, die wissen das Kunst brotlos sein kann.

    • Völlig in Ordnung. Nur unterscheidet sie das eben von den "Experten",
      die den nächsten Hype auch meist erst dann ausrufen, wenn er schon wieder fast vorbei ist. Dann aber alternativlos.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  10. Sorgen
    Langsam mache ich mir Sorgen, um die FAZ.
    Don Alphonso hier, Don Alphonso da,
    jedes Thema, jede Zeit;
    sieht so als als hätten wir neben Mutti nun auch einen Vati.
    Das mag der Deutsche: Mutti und Vati, alles wird gut, alles erklärt;
    guten Abend gute Nacht, …..
    Wann fängt die Saison in Italien wieder an,
    nur zum Luft holen, Sie verstehen?

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