Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Ein Haufen metaphorischer Brücken

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Die Eröffnung begann in einer Schlange vor dem Kongresszentrum. Ich stand darin und wartete, und viele sich wichtig fühlende Menschen stürmten hoffnungsfroh...

Die Eröffnung begann in einer Schlange vor dem Kongresszentrum. Ich stand darin und wartete, und viele sich wichtig fühlende Menschen stürmten hoffnungsfroh an mir vorbei, um weniger hoffnungsfroh wieder zurückzukommen und sich anzustellen wie alle anderen auch. Ich bin gemein, mich freut sowas ja.

Bild zu: Ein Haufen metaphorischer Brücken

Fünf Meter und zwanzig Minuten später war ich kurz vor der Glastür angekommen, hinter der die Sicherheitskontrolle aufgebaut war. Dort lief eine Dame die Schlange ab und sortierte alle Leute aus, die keine Platzreservierung hatten.

„Aber wir haben eine persönliche Einladung!“ so das Paar hinter mir.

Bloß ohne Platzreservierung hilft die auch nicht, und die Dame verwies die beiden auf die Videoübertragung.

„Das ist kein Ersatz. Wir wollen ja schließlich unsere Freunde treffen!“

Wenn das mal kein schlagendes Argument ist. Um mich herum entlud sich derweil der Volkszorn in unflätigen Schimpfkaskaden. Das Volk zürnte, weil es da hinein wollte und zwar ohne anstehen zu müssen. Ich durfte hinein, anstehen mußte ich trotzdem. Nur der türkische Staatspräsident durfte einfach so durch. Aber der war von vielen Herren in dunklen Anzügen umgeben, die werden schon aufpassen, dass er keinen Blödsinn anstellt.

Wir Ansteher können alle noch von Hubert Winkels lernen. Der stellte sich zehn Meter hinter mir an und tauchte plötzlich zwei Meter vor mir wieder auf. Ich hatte nicht mal seine Ellenbogen in den Rippen. Ich glaube, Hubert Winkels kann sich teleportieren. Normalsterbliche wie ich brauchen geschlagene 40 Minuten, um ins Kongresszentrum vorzudringen.

Und wofür das alles? Freunde habe ich keine getroffen, aber eine Menge Reden gehört. Politiker mit guten Redenschreibern und Politiker mit erbärmlich schlechten Redenschreibern. Die Buchmesse als Brücke des Geistes, die Türkei als Brücke zwischen den Kontinenten und Anatolien war auch die Brücke für irgendwas. Ein Haufen metaphorischer Brücken kam heute zusammen. Wenn man die in Frankfurt aufbauen würde, könnte man den Main komplettübertunneln.

An diesem Abend der Brückenschläge und der deutsch-türkischen Freundschaft, an dem so vielen gedankt und die Freiheit des Wortes immer wieder beschworen wurde, möchte ich die Gelegenheit ergreifen und Murat danken. Murat ist mein Fitnesstrainer und hat den gestrigen Abend damit zugebracht, den eingeklemmten Nerv aus meinem Kreuz zu befreien. Die Freiheit des Nervs ist zwar nicht ganz so spektakulär wie die Freiheit des Wortes, versetzt mich aber in die Lage, diese Buchmesse aufrecht absolvieren zu können.

Und meine Nerven werde ich noch brauchen können.

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2 Lesermeinungen

  1. Ich hatte auch keine Freunde...
    Ich hatte auch keine Freunde bei dieser Veranstaltung, dennoch eien Einladung über Kontakte ergattert, mich auch wichtig gefühlt – trotzdem zu spät gekommen – und barsch auf die Videoübertragung verwiesen worden. Am Ende kam ich noch nicht einmal in den Kinosaal, sondern durfte im Stehen den Steinmeier auf einem Fernsehbildschirm bewundern.
    Ich glaube, ich habe noch nicht einmal das Ende seiner Rede abgewartet. Aber immerhin – anstehen musste ich nicht.

  2. Das mit den Brücken fand ich...
    Das mit den Brücken fand ich gut.

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