Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Bye bye, Wapitihirsch

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Beim F.A.Z.-Empfang saß ich zufällig neben Herrn Klett am Esstisch, der in diesem Jahr  seine 54. Buchmesse absolviert. Die erste schon im Alter von 12...

Beim F.A.Z.-Empfang saß ich zufällig neben Herrn Klett am Esstisch, der in diesem Jahr  seine 54. Buchmesse absolviert. Die erste schon im Alter von 12 Jahren, als er seinen Vater begleitete. Das Zimmer im Hessischen Hof habe sein Vater ihm irgendwann überlassen, denn Buchmesse-Zimmerreservierungen werden nach dynastischen Präferenzen vorgenommen.

Herr Klett erzählt ein bißchen von den wilden Zeiten, als an den Ständen noch die Flaschen herumgereicht wurden und morgens die betrunkenen Autoren lagen. Überall überquellende Aschenbecher und Rotwein. Was sind wir doch mittlerweile alle zivilisiert und professionell.

Dafür wird der Hessische Hof von Agenten belagert, die ihre Verhandlungen in den Fluren des Erdgeschosses und im ersten Stock führen. Da gehe es zu wie in der Karawanserei.

„Ich war heute im Agentenzentrum der Messe“, erzähle ich, „das ist auch nicht schön dort“.

„Ja, das ist spacig“, pflichtet Herr Klett bei. „Aber ein halbes Jahr im Voraus ausgebucht.“

Bild zu: Bye bye, Wapitihirsch

Dort, in einem Kasten gleich neben dem Pressezentrum, werden an vielen Hunderten Tischen, auf denen kleine Körbchen mit Äpfeln stehen, die Verhandlungen geführt. Ein junger Herr fährt mit einem Wägelchen, auf dem große Kaffeebehälter stehen, immer im Kreis herum. Ich war da noch nie, das ist auch neu für mich, denn Zugang zum Agentenzentrum hat man nur, wenn man dort einen Termin hat oder Agent ist und einen Tisch gebucht hat. Später hab ich den Ausgang nicht mehr gefunden. Gut, es gibt Äpfel und Kaffee – aber die Aussicht, dort längere Zeit herumzuirren, ist einigermaßen bedrückend.

Zumal ich dann den F.A.Z.-Empfang verpasst hätte: Gediegenes dunkles Holz, Kristallüster, gutes Essen und ein 1912 von Kommerzienrat Karl von Opel in Kanada erlegter Wapitihirschkopf, der vom ersten Stock aus über das Geschehen wacht. Das ist gut, dass zumindest irgendeiner wacht, denn man kann hier sehr schnell sehr betrunken werden. Die Kellner reichen Wein, und an der Bar gibt es für die, denen das nicht reicht, the Hard Stuff.

Viele, mit denen ich mich unterhalte, haben bei der Buchmessezeitung mitgearbeitet. Das heißt: Tagsüber Messe, nachts Partydienst oder Redaktion. Irgendwann nach Mitternacht, wenn die Zeitung gedruckt wird, kamen die Armen erst nach Hause – also in ihre beengte Unterkunft. Ich bin ja schon froh, wenn es jetzt langsam vorbei ist, aber was die mitgemacht haben, das war schon eine Stufe härter. Dementsprechend geht es jetzt für sie vom Empfang aus direkt in die Hellerhofstraße, denn morgen erscheint noch eine Ausgabe.

Um Mitternacht verabschiede auch ich mich vom Wapitihirsch und den Trinkenden, auf die er hinabschaut. Der Taxifahrer ist der gleiche wie Mittwoch nach der Rowohlt-Party.

„Ah, F.A.Z.-Empfang, wo Herr Ranicki Hof hält“, erkennt er sofort ganz richtig.

Den habe er ja eine Zeitlang öfter gefahren. Wenn er gut drauf gewesen sei, sei er mit den Worten begrüßt worden: „Nun, Taxifahrer! Was spricht das Volk?“ Sei er aus der F.A.Z.-Redaktion gekommen und habe gearbeitet, dann habe der Taxifahrer den Sitz ganz tief stellen müssen und HR2 einschalten. Dann habe Reich-Ranicki still im Sitz gelegen und mit einer Hand den Klassiksender mitdirigiert.

Bild zu: Bye bye, Wapitihirsch

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3 Lesermeinungen

  1. Das Wort "Partydienst" hat es...
    Das Wort „Partydienst“ hat es mir irgendwie angetan. Es verleiht dem Saufen so einen heroischen Charakter. Das würde mir gefallen: „Zuuum Partydienst abkommandiert!“, Dann noch einen Anruf bei der Frau: „Du, Schatz, ähem, ich hab heute Partydienst, brauchst nicht auf mich zu warten“. Dann beim achten Rotwein: „Meine Herren, auf die Republik!“. Und gegen Vier Uhr morgens, nachdem man das halbe kalte Buffet vor die Haustür gekotzt hat, das schöne Gefühl, wieder einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft geleistet zu haben. Partydienst eben.

  2. Ja, einmal, als ich Herrn...
    Ja, einmal, als ich Herrn Reich-Ranicki an der Leipziger Strasse erwischte, nannte er seinen Taxifahrer „Meisterr“.
    Aber LitAG, da habe ich zwei Jahre lang am Empfang gejobbt, und in der Mittagspause die Agenten mit meinen eigenen Manuskripten terrorisiert.
    Ich frage mich, ob auch diesmal LitAG und Pressezentrum falsch ausgeschildert wurde? Denn jedes mal, wenn wir einen mit Kamera bewaffneten Individuum sahen, wiederholte sich dasselbe „Nein, hier ist LitAG, das Pressezentrum finden da geradeaus und dann links“. Ich habe diesen Satz diese zwei Jahre lang zig mal ausgesprochen, daraus wurde sogar ein Gedicht und mehrere Blogeinträge.
    Und ein Sprachwitz konnte ich mir all die Jahre nur mit grosser Mühe verkeifen: man musste ja jeden Hineintretenwollenden fragen:
    „Do you have an appointment?“
    und falls man dies verneinte, wollte ich immer hönisch versetzen:
    „Oh, what a disappointment!“ (OK, ich weiss, doof isses).

  3. Telefongespräch eben:

    Ich:...
    Telefongespräch eben:
    Ich: Guckst du am Mittwoch Champions League?
    Kumpel: Da bin ich in München auf der Vor-Messe.
    Ich: Vor-Messe?
    Er: Die Vorbereitungsmesse zur BAU im Januar.
    Ich: Die Messe zur Messe?
    Er: Ja, ist die größte der Branche. Findet alle zwei Jahre statt.
    Ich: Hast du nicht letztens noch erzählt, du hättest bei ’ner anderen Messe DAS WOODSTOCK DER MESSEN getitelt!?
    Er: (lacht) Ja, zu der Aussage hat sich im Sommer einer auf der GaLa verstiegen. Das nimmt man gerne auf.
    Ich: Ja dann, …

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