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Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Das Phantom der Messe

| 8 Lesermeinungen

Heute morgen ist der Nebel wieder da.Die zehn jungen Männer, die in die Lokalzeitungsredaktion einfallen, geben sich nur noch halbherzig Mühe, ein wenig auf...

Heute morgen ist der Nebel wieder da.

Die zehn jungen Männer, die in die Lokalzeitungsredaktion einfallen, geben sich nur noch halbherzig Mühe, ein wenig auf Randale zu machen. Zu sehr zehrten die vergangenen Tage an ihrer Kondition: Die Nächte, die Feiern, der Alkohol. Die weißen Hemden verknittert, die schwarzen Anzughosen aus der Form, die Augen geschwollen und die Stimmen kratzig. Sie haben harte Tage hinter sich, doch sie halten eine Tradition aufrecht, die schon ihre Väter und Großväter begangen haben: Sie sind Kerweborsch. Sie holen den Kerwebaum aus dem Wald und stellen ihn auf dem Festplatz auf, sie deklamieren die Kerwerede in Anwesenheit des Bürgermeisters und feiern schließlich den Freitag, den Samstag, den Sonntag, da ist auch der Kerwegottesdienst und der Festumzug, und werden schließlich am Montag im Rathaus bewirtet. Danach kommen sie zu uns und holen sich ein letztes Bier ab, so ist das jedes Jahr. Wenn sie zu uns kommen, sind sie immer schon sehr, sehr müde.

Bild zu: Das Phantom der Messe

Auch ich habe harte Tage hinter mir, auch ich bin sehr, sehr müde und fühle mich leicht verknittert. So ganz allmählich sortiert sich im Kopf, was die letzte Woche an einem vorbeigerauscht ist. Was das große Thema war und wer der große Star.

Das große Thema war ein Phantom: Was, wenn jetzt doch bald die E-Books übernehmen? Davor haben alle Angst, sagen das aber nicht und beteuern daher auf jedem Podium, dass man nicht die Fehler der Musikbranche wiederholen dürfe. Was das konkret bedeutet, weiß aber auch keiner. Dazu kommt, dass kaum jemand so ein Gerät jemals in der Hand gehalten hat. Man weiß auch nicht, wieviel den Lesern an Büchern liegt und ob es soviel ist, dass sie für ein gebundenes Papierexemplar mehr ausgeben würden.

Insofern hat jeder eine Meinung dazu, die er meist mit einem vagen „ich glaube …“ einleitet, dann aber wird es sehr bald sehr schwammig. In fünf Jahren, so glaubt man am Suhrkamp-Stand, sieht die Buchmesse jedenfalls schon ganz anders aus.

Große Stars gab es wenige. Kaum jemand würde allen Ernstes Franz Müntefering als Star bezeichnen. Ich gehe auch so weit, nichtmal Dieter Bohlen als Star zu bezeichnen. Wenn es einen Star der Literatur gab, dann wohl Uwe Tellkamp, der von Interview zu Interview hetzte. Am dekorativsten: Charlotte Roche. Außer ihr wenig weibliches Schreibpersonal.

„Die Krise“ war erstaunlich weit weg. Keine Ahnung, was die Finanzwelt so treibt, in den Messehallen hat es keinen interessiert. Außer den amerikanischen Comic-Großhändler, der ich auf gute Zeiten freut: In times of economic struggle, entertainment sells well.

Am Stand gekauft: Don Quijote (bei Hanser), Steinaeckers Geister (Frankfurter Verlagsanstalt), Pletzigers Hundebestattung und Alison Bechdels Comic-Roman „Fun Home“ (bei KiWi). Dann war die Tüte voll. Bei Rowohlt schnell vorbei, ohne Ralf Königs Prototyp noch mitzunehmen. Flucht vor Mangamädchen, Flucht vor Menschenmassen.

Bild zu: Das Phantom der Messe

Ob ich was trinken will, fragt der Chef, der die Bierflaschen zur Bewirtung der Kerweborsch ins Büro trägt. Ach nein, ich winke müde ab, ich hab genug getrunken die letzten Tage und bleibe beim Kräutertee.

Es ist nicht viel passiert in meiner Abwesenheit und es sieht so aus, als ob auch nächste Woche nicht viel passiert. Alle sind verkatert, alle haben einen kapitalen Hangover, die ganze Stadt, und das ist mir recht, dann hab ich meine Ruhe. Zieh mich zurück und lese. Und danke allen, die mir dieses Blog hier eingerichtet haben und natürlich allen, die gelesen und kommentiert haben. Vielleicht liest man sich mal irgendwo wieder. Bis dahin, machts gut.

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8 Lesermeinungen

  1. Vielen Dank für all die...
    Vielen Dank für all die Beiträge, habe es sehr genossen und hole mir jetzt erstmal „Fun Home“ aus dem Regal. Lange nicht gelesen.
    Was das Feiern angeht: Beim Comic-Salon Erlangen damals verkündete Herr Scheck, dass man nach der Preisverleihung nicht heimgehen müsse. Man könne mit ihm durchfeiern und dann zum Salon wanken. Eindrucksvolle Konstitution.

  2. Stephan, ich bin keine...
    Stephan, ich bin keine FAZ-Mitarbeiterin. Oder: Ich war kurzzeitig eine, während ich das Blog geschrieben habe. Im sonstigen Leben arbeite ich für eine Lokalzeitung und blogge privat vor mich hin.

  3. so schreibt also eine FAZ...
    so schreibt also eine FAZ Mitarbeiterin einen Blog. Ganz andere Einsichten und Perpsektiven. Sehr persönlich.
    Interessante Darstellung von sozialen, ungeschreibenen Spielregeln auf Messen und Parties.
    Und darum wobei es bei der Buchmesse geht, oder eben auch nicht.

  4. Je mehr sich die Mangamädchen...
    Je mehr sich die Mangamädchen auf Buchmessen vermehren, desto weniger habe ich Lust darauf. Denn sie verdeutlichen mir, daß mal wieder ein Trend an mir vorbeigefahren ist. Dieses Jahr habe auch ich komplett auf die Buchmesse verzichtet: Ich lag das ganze Wochenende zu hause auf der Couch – und habe gelesen.

  5. Gern geschehen!
    Merzmensch,...

    Gern geschehen!
    Merzmensch, melde Dich, wenn Du nächstes Jahr da bist. Dann gehn wir einen Kaffee trinken (einen guten).

  6. Einfach vielen Dank!...
    Einfach vielen Dank!

  7. Stimmt, die Buchmesse ist zu...
    Stimmt, die Buchmesse ist zu Ende. Nun kann man sich den Büchern widmen.
    Ich war diesmal nicht in der Buchmesse. Das erste Mal seit über 10 Jahren. Ja, ich habe den Duft der Bücher vermisst (und davon gibt es jede Menge alle Jahre wieder im Oktober). Vermisst habe ich auch die babylonische Sprachverwirrungen.
    Doch ich bin nicht unglücklich diesbezüglich. Vielleicht das nächste Mal.
    Vielen Dank für den Blog. Das hat mich von meinen Buchmesse-Entzugserscheinungen bewahrt.

  8. Alles Gute, das war schön!...
    Alles Gute, das war schön! Danke!

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