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Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Kleines Lob der Pressefrau

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Wenn ich die Wahl zwischen einem durschschnittlichen Journalisten und einem durchschnittlichen Schriftsteller zum Abendessen habe - und glauben Sie mir, ich wache mit diesen beiden elenden, divenhaften Faulpelzen jeben morgen auf und erblicke sie, wenn ich in den Spiegel schaue - dann würde ich vielleicht doch lieber mit den Pressedamen ausgehen. Einfach, um mir all die Geschichten um die Marotten der Schreiberlinge der Literatur und die gierigen Tricks der Schreiberlinge der Zeitungen anzuhören. So viel Ärger auf der Messe, und keiner dankt es ihnen.

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Gemeinhin sind es ja die Autoren, von denen man die grössten Klagen hört: Es gehört schon fast zum guten Ton, nicht auf die Buchmesse zu wollen, über den billigen Orangensaft und die fragwürdigen Hotels zu klagen, sich über Leseorte zu beschweren und generell so zu tun, als wäre man als Blutlieferant dieser Angelegenheit ebenso unersetzlich wie von Verlagen missbraucht. Nur Debütanten und Autoren von Books in Demand sagen, dass sie gern dort sind – die Ersteren lernen dort das professionelle Klagen über den O-Saft, und die Zweiteren sind vollauf damit beschäftigt, ihre Machwerke in den Ständern nach vorne zu räumen.

Immerhin, der Autor kann sich auf der Buchmesse wenigstens als Autor fühlen. Andere arbeiten dort im Verborgenen und unter schweren Bedingungen, und den schlechtesten Job von allen haben die PR-Frauen, im Idealfall die kundige Vermittlerin zwischen wohlinformierten Medienvertretern und geistreichen Autoren, in der Realität jedoch: Auf der einen Seite wanzt sie der Vorweiser eines Pressetickets um teure Rezensionsexemplare an, auf der anderen Seite jammern die Autoren, dass der Stand zu eng ist für die feinen Pfauenräder, die zu schlagen sie hergekommen sind. Kurz, die Pressefrau steht zwischen jenen beiden Personengruppen, die nicht wegen des Geschäfts, sondern nur zur persönlichen Bereicherung und zur Selbstverwirklichung auf die Buchmesse kommen. Geschäfte lassen sich auf Heller und Pfennig berechnen, aber als PR-Frau ist man eingeklemmt zwischen menschlich nicht immer angenehmen Unsicherheitsfaktoren, die nur Arbeit und Kosten verursachen.

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Im Zweifelsfall ist der normale Journalist übrigens der grössere Unsicherheitsfaktor, denn beim normalen Autor gibt es Mittel und Wege, divenhafte Anwandlungen zu zähmen. Er mag der Star sein – den längeren Atem im Verlag und die besseren Kontakte jedoch hat in der Regel die PR-Frau. Denn stets lechzt der Autor nach Anerkennung der Medien; Literaturpreise sind fein, aber wichtiger ist der TV-Auftritt, denn das hat man in den letzten Jahren lernen dürfte, als auch noch das letzte Fitzelchen Sprachübung aus der Musikglotzengosse an die Spitze der Bestsellerliste des Boulevardmagazins „Spiegel“ geschwemmt wurde. Daraus erwächst im Verhältnis zwischen beiden ein gewisses Druckpotential, das macht gefügig und rückt die Verhältnisse zurecht.

Journalisten jedoch. Ich hatte in meiner Zeit bei einer amerikanischen Zeitung gleich mehrfach das Vergnügen, angebliche Kollegen zu treffen, von denen ich eigentlich hätte wissen müssen. Mit der gleichen Unbekümmertheit, mit der manche die Mitgliedschaft in der Bundespressekonferenz beantragen, wird die Frankfurter Buchmesse als Gelegenheit zur Bereicherung betrachtet. Besonders fein ist es, wenn man ein paar Wochen nach der Messe ein Buch anfragt und dann erfährt, dass es schon bei der Messe an zwei angebliche Kollegen vergeben wurde. Ja, mitunter gibt es auch welche wie die Dame, die sich mit selbstgedruckten Visitenkarten als Zeitung ausgeben und einen fragen, seit wann man denn dabei sei und was man da tue. Ach? Chef in Deutschland? Also, sie macht das ja immer direkt mit New York aus. Im Prinzip ist das Elend ganz leicht zu beschreiben: Anzahl der insgeasmt auf der Buchmesse angemeldeten Journalisten minus Anzahl ernsthafter Rezensenten und Kulturberichterstatter ist gleich immer noch eine enorm hohe Zahl von Leuten, die keine beruflichen Interessen haben, aber dort auch etwas tun. Die PR-Frau nerven, beispielsweise. 

Naturwissenschaftlich ausgedrückt: Unter 10.000 Autoren ist höchstens ein Genie. Unter 10.000 Journalisten sind dagegen höchstens 9.999 Genies, wenn es darum geht, die eigenen Vorteile zu nutzen. Und das, obwohl man meines sollte, dass die meisten sich die Bücher auch selbst leisten können. Zumindest jene, die sie auch tatsächlich lesen. Bei meinem Roman etwa hatte ich bei 100 „Rezensionen“ nur ein paar mal den Eindruck, dass er tatsächlich auch gelesen wurde – und der einzige Totalverriss kam von einer Frau, die seitdem zu einer sehr guten Freundin wurde, und wegen der ich glaube, dass es wirklich nur höchstens 9.999 Genies unter 10.000 Journalisten gibt. Der Rest hat die Pressemitteilungen abgeschrieben. Ich kaufe mit meine Besprechungsexemplare selbst, ich habe gar keine Lust, mir irgendwas nach Katalog zu bestellen. Ich gehöre zu jenen, die das Schicksal der PR-Frau gerne aus der Ferne betrachten, ich kann auch auf jene Anrufe verzichten, in denen mir vom Head of Public Communication ein ach so toller Neuling an ein kaltes, enges Journalistenherz gelegt wird, das eigentlich nach ganz anderen Dingen verlangt.

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Als wäre das nicht genug, muss sie obendrein lächeln. Besonders aus der Messe. Egal wie mürrisch der Journalist ist, der am Vorabend auf der falschen Party keinen Wein abbekommen hat, trotz seiner wichtigen Rolle im Feuilleton des Vierhartinger Gemeindeboten. Und sie muss hohe, nicht wirklich zum Ort passende Schuhe tragen: PR-Frau, das ist immer die mit den höchsten Absätzen und den Entlastungsbemühungen zu späterer Stunde. Lächeln, meine Liebe, lächeln, der Herr dort ist von der Zeit, lächeln. Und die Beschwerde über den O-Saft trägt der Autor, der daheim in Berlin als Freund des 99-Cent-Döners gilt, natürlich nur der PR-Frau und nicht dem Verleger vor, der angewiesen hat, dass es diesmal nicht so teuer sein darf.

Ich mag PR-Frauen auf Buchmessen, diese gezwungene Haltung im Sturm der Missmutigkeiten, die Kontrolle über sich selbst und das immer freundliche Reden, und doch: Nur zu gern wüsste ich, von was PR-Frauen in der Nacht träumen, wenn man sie mit dem Taxi in ihre Hotels gekarrt hat. Vielleicht von jenem nie kommenden Moment der Wahrheit, da sie dem Abkömmling des Vierhartinger Gemeindeboten in das Gesicht sagen, dass er ein übler Schnorrer ist, und dem Prinzesschen aus dem Literaturinstitut mit dem Freund im oberen Verlagskonzernmanagement mitteilen, dass sie nur Füllmaterial im Katalog, 120 Seiten hinter dem amerikanischen Bestseller ist, und auch immer sein wird. Vielleicht also träumt sie davon, nur einen Augenblick so zu sein, wie alles um sie herum, und obendrein auch noch ehrlich.

Morgen kommen dann die normalen Besucher, da muss sie auch noch auf die Diebe aufpassen. Und trotzdem lächeln. Und von einem schmerzenden Bein auf das andere wechseln. Die Heldin.

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43 Lesermeinungen

  1. @Don,
    Nein nein, Gnade braucht...

    @Don,
    Nein nein, Gnade braucht man auch im Alltag.

  2. Gnade braucht man nur in...
    Gnade braucht man nur in Religionen, die die Apokatastase nicht kennen. Und weil wir gerade so schön gnadenlos sind: Frau heidenreich mag das Internet nicht mehr und gibt dort ihre sendung aus:
    .
    http://meedia.de/nc/details-topstory/article/elke-heidenreich-hrt-auf-mit-lesen-_100023986.html?tx_ttnews%5BbackPid%5D=23&cHash=45f0097553

  3. @Don
    dann waren Sie noch nie...

    @Don
    dann waren Sie noch nie wirklich krank und sind es (hoffentlich) auch jetzt nicht.
    .
    Gnade, Don, Gnade, auch mit sich selbst. Das müssen Sie noch lernen.

  4. Savall, ich hoffe, diesem...
    Savall, ich hoffe, diesem Verdikt zu entgehen, wenn ich mir demnächst einmal Brideshead revisited vornehme. Im Kern könnte es ja doch so sein, dass man sich überlegt, welcher rezensent einem so nahe steht, dass man ihm die Aufgabe, sich all dem Buchmüll auszusetzen, gerne überlässt. Umgekehrt funktioniert es ja ganz hervorragend – gefällt ein Buch beim Bachmannpreis, wird es von Frau radisch gelobt, schätzt man besonders die Form, die Tiefe und die Schwere, und sagt dies ein Journalist – würde ich dann doch eher ins Buchregal zu etwas greifen, was ich schon habe.
    .
    Dieser beitrag, Hansmeier555, ist halb vorproduziert und halb heute nochmal wie ein Kiefer aufgebohrt. Krank sein ist keine Entschuldigung für gar nichts.

  5. wazzerpfärd, ich denke da...
    wazzerpfärd, ich denke da auch an den psychologischen Vorteil, grösser, gestreckter und genetisch ausgereifter zu wirken, als der Journalist in seinen billigen Kleidern und dem schlürfenden Gang zu erscheinen. Ich will hier gar nicht erst auf die Psychopathologie der Schreibenden zu sprechen kommen, aber nach meiner Erfahrung möchten viele Journalisten von oben herab behandelt werden. Hohe Schuhe zeigen da einfach: Wage es erst gar nicht. Ich finde das in diesem Kontext legitim, aber ich habe ja auch von Journalismus keine Ahnung.

  6. Ich glaube, dass Sie die...
    Ich glaube, dass Sie die Schuhe missverstehen, werter Don. Diese gehören zur Kampfausrüstung, und die PR-Dame träumt in ihren bescheidenen Träumen, denn zu anderen ist sie während der Messe nicht fähig, davon, mit diesen Absätzen wie zufällig auf die Füße der Nervenden zu treten. Möglicherweise erobert sie sich mittels dieser Absätze auch ein wenig mehr Beinfreiheit. Zu wünschen ist es ihr.

  7. Alter Bolschewik, da gibt es...
    Alter Bolschewik, da gibt es bedauerlicherweise noch mehr, und nach allem, was ich so auf meiner fernen Matratze von den Eitelkeiten des Betriebes so höre, ist heutigentags die DLL-Absolventin out und das Plappermaul aus der Glotze in. Mir ist das egal, ich halte das für austauschbar, aber – und das ist mein Punkt – ich mag Texte mit einem anderen Anspruch, als bei Kernerraabundwasessonstnochgibt vorstellbar zu sein. Nachdem ich obendrein das Vergnügen hatte, Opfer einer entsprechenden Kommentarspamkampagne für dieses Werk zu sein, ist von mir da wenig Nachsicht zu erwarten, und beim Thema TV bin ich ohnehin – wie soll ich sagen… ich mag einfach ein gewisses Vermarktunssystem nicht. Mit allem, das darin rumschwimmt. Ich war zu lange in der New Economy tätig, um da noch Toleranzreserven zu haben.

  8. Werter Don, wenn Sie mit...
    Werter Don, wenn Sie mit „Sprachübung aus der Musikglotzengosse“ das Büchlein von Frau Roche meinen: Der Text ist viel besser, als Sie vielleicht aufgrund des Medienrummels glauben möchten. Alles, was ich an Rezensionen oder Reflexionen darüber gelesen habe, schien mir ein grandioses Mißverständnis angesichts des eigentlichen Textes sein, der aus der Innensicht eines offenkundig ziemlich ver- und gestörten Mädchens geschrieben ist. Das ist zu Beginn noch ganz lustig, in der Tradition von Punk-Romanen wie Moses Arndts Chaostage (okay, nicht jeder mag diese Sorte Humor), sukzessive wird das aber immer deprimierender und am Ende weiß man noch nicht einmal mehr, was Realität und was Halluzination der Ich-Erzählerin ist. Ich fand es ein sehr lustiges und ein sehr anrührendes Buch.
    In den Medien wurde, aufgrund der Prominenz der Autorin, etwas ganz anderes gemacht, es wurde sich auf bestimmte „Ekel“-Stellen gestürzt, Debatten über das pro und contra von Schamhaarrasuren angezettelt etc. pp. Aber nirgendwo ging es um die eigentliche Geschichte, und den Humor haben die wenigsten begriffen. Schade eigentlich – aber dann hätten sich wohl auch höchstens ein paar tausend Exemplare verkauft.

  9. Hoffentlich ist der Beitrag...
    Hoffentlich ist der Beitrag vorfabriziert und der Don liegt im Bett und wird gesund.
    .
    PR-Frau zu sein ist ganz einfach, man darf einfach nur selber keinerlei literarische Ambitionen haben. Bücher, Kosmetik oder Zahnarztpraxiszubehör, darauf kommt es dann nicht mehr an. Mit männlicher Eitelkeit kein Problem haben zu dürfen ist für 9.999 von 10.000 Frauen tägliches Brot.

  10. Ach, Don Alphonso, Sie haben...
    Ach, Don Alphonso, Sie haben immer etwas so realistisches an sich, das der notlügenden Mitmenschheit so gar ins Angesicht schlägt. Ich finde ja immer die Katzentische so faszinierend, auf denen ein Schildchen „Für Presse“ steht. Und da ist dann so ein nettes Mädel bemüht, die angesagten Plattitüden zu verbreiten. Oh, ihr armen Verleger, ihr kennt uns nicht, die seltsamen Geschöpfe, die eure Bücher kaufen und nicht nur schnorren. Wenn ihr wüßtet, was unsereins Buchkäufer von euren Kreaturen hält, ihr würdet ihnen nicht einmal eine Erdnuß spendieren, geschweige denn ein Rezensionsexemplar.

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