Home
Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Die Frankfurter Buchmesse als gelobtes Land

| 22 Lesermeinungen

Ich war dieses Jahr nicht in Frankfurt, sondern fern des Trubels und hörte auf den Trubel von Blut und Schmerzmittel in meinem Kiefer. Aber es ist nicht weiter schlimm; war man einmal auf der Buchmesse, weiss man, wie es immer ist, und letztlich ist das auch nichts anderes als das Gelobte Land mit den Ausführungsbestimmungen, die einem jedes gelobte Land kräftig vermiesen können. Letztlich bleibt nur die Erkenntnis: ich habe meine Schmerzen überlebt, ich habe Israel überlebt, ich hätte auch die Buchmesse überlebt. Da bin ich mir fast ganz sicher.

Bild zu: Die Frankfurter Buchmesse als gelobtes Land

Immer am Besuchersamstag stopft die beste Buchhandlung meiner kleinen, dummen Stadt an der Donau einen Bus voll mit Kunden, fährt sie durch das herbstliche Franken an den Main und steckt sie ein paar Stunden in den Trubel, der da Frankfurter Buchmesse heisst. Als ich jünger war, bin ich als normaler Besucher auch mitgefahren, und ich fand es grässlich.

Bei uns daheim nämlich, in der AG Literatur des Gymnasiums, sassen die wohlerzogenen besseren Söhne und Töchter beim Tee zusammen und sprachen über ein Buch, das man zusammen gewählt hatte. Manches war modern, anderes reichlich alt, und so, wie Kinder eigentlich alles essen, lesen sie auch alles. Andere trödelten am Freitag Nachmittag in der Fussgängerzone herum, wir dagegen sprachen über Koeppen und Gide. Und fühlten uns natürlich schon ein wenig besser. Gebildeter. Also: Nicht unbedingt wie die. Ein Völkchen der Bücher. Im Vergleich dazu war die Buchmesse ein Schock. Bücher wie Schweinehälften, Gebrüll, Geschacher. Man ist froh, wieder daheim zu sein und bei den Keksen zu sagen: Also nein, Julchen, diese Buchmesse, schreckliche Leute!… und wendet sich wieder dem Schopenhauer zu.

Bild zu: Die Frankfurter Buchmesse als gelobtes Land

Die Buchmesse an den Besuchertagen, das ist nach meinem, nicht allzu zionistischen  Empfinden, ähnlich wie das real existierende Israel  in seiner Funktion als gelobtes Land für jene, die dort laut Verfassung des Staates eine Heimstatt finden sollen. Als ich etwa von einem Institut eingeladen wurde, um mit und über jüdische Internetautoren zu reden, fuhr ich mit diesem beklemmenden und schrägen Gefühl hin, dass man dort nicht mehr die Möglichkeit hat, sich auf eine Besonderheit zu kaprizieren. Jüdisch sind da fast alle irgendwie, mitunter auch in Versionen, die man im deutschen Gemeindealltag nicht unbedingt antrifft. Aus der Normalität des jüdischen Landes wird der Ausnahmezustand für jene, die eigentlich ganz gern in Deutschland sind und die Sache mit der Herkunft nicht so arg hoch hängen.

Im  Institut sind noch alle so, wie man sich das wünscht, jung, klug, bissig, eine wahre Freude. Aber wenn der Zug versagt, sind sie an der Bahn unverschämt, in Tel Aviv lässt man die Bauhaus-Architektur vergammeln, die Kontrollen bei er Ausreise sind fies, und man selbst ist letztlich auch nur Teil dieses vollgestopften Landes voller komischer Leute, die in Masse nicht mehr so arg besonders sind, sondern ein Benehmen an den Tag legen, das nicht immer mitteleuropäischen Westviertelnormen entspricht. Und wenn sie einen dann erst mal zu einem Tempeldienst schanghaien, weil Samstag ist und sie noch einen brauchen, und man hat nicht den Mut zu sagen, dass man ja Agnostiker ist…

Bild zu: Die Frankfurter Buchmesse als gelobtes Land

Dann fühlt man sich in allen Aspekten sehr an die Frankfurter Buchmesse erinnert, diesen brüllenden Behemoth mit seinen schrägen Podien zwischen Desinteresse und Überfüllung, der es tatsächlich schafft, die gebildete Schicht der kleinen Stadt, die sich zumindest anders wähnt und gibt, für ein paar Stunden auf das Niveau einer Beutelratte, eines Hamsterers oder gar eines banalen Diebes zu senken. In der trockenen Luft ist das Interesse für das Buch, Lesen, Bildung plötzlich auch nur noch ein hektisches Gaffen und Rennen, man fragt sich, was daran so besonders sein soll, hier noch ein Autogramm und da, das ist doch, oder ne… furchtbar banal ist es, mit allen, die einem gleichen, in diesen Hallen eingesperrt zu werden und das gleiche zu tun: Sich über die unsauberen Toiletten und die gesalzenen Preise zu ärgern, und warum bleiben diese dicken Leute, die daheim vielleicht wirklich reizende Gesprächspartner über die Feinheiten von Zettels Traum wären, jetzt schon wieder in der Mitte des Ganges stehen?

Die meisten der Anwesenden könnte man vielleicht anhalten und sagen: Was halten Sie von Gide? Und sie würden antworten: Ah, die Falschmünzer! Und man selbst: Und die Verliesse des Vatikans! Und sie wiederum: Aber auch Baudelaire! Und man selbst: Oh Satan, meines Elends Dich erbarme! – und so könnte man äusserst kultiviert einen Nachmittag zubringen. Die Realität dagegen ist so kultiviert wie ein Treffen der Ultraorthodoxen am Samstag mit schwulen Surfern auf dem Weg zum Strand von Jaffa. Und man fragt sich in beiden Fällen wirklich: Geht das nicht anders? Sind wir nicht alle hier, um dem Wesen huldigen, dem zu Ehren wir uns versammeln – bevor einem der nächste den Ellenbogen in die Nieren rammt, um sich einen Katalog zu greifen.

Bild zu: Die Frankfurter Buchmesse als gelobtes Land

Genauso, wie in dieses kleine Land im Nahen Osten nach Jahrtausenden der Zerstreuung alle nur denkbaren Stömungen in dieses Land gestopft werden, quetscht man Verlage, Journalisten und andere Schnorrer und Autoren,  dazu Fachpublikum und am Ende auch noch Leser vom Faksimilefetischisten bin zum Mangamädchen in dieses kleine Areal. Über nichts sollte man sich deshalb wundern, wenn man dort ist, auf die Taschen gut aufpassen, und mitnehmen: Wertlose Kataloge. Blaue Flecke. Bücher. Aber bitte nicht anderer Leute Notebooks.

Und dafür eine Erkenntnis: Vielleicht wusste G`tt schon, warum er damals nach den Jahren in der Wüste hat Moses das gelobte Land nicht betreten lassen, und warum ich diesmal mit einer Kieferentzündung daheim in der kleinen, dummen Stadt liegen blieb. Am Schönsten sind gelobte Länder immer, wenn sie gelobt bleiben. Sonst endet man vielleicht in der Wüste Negev oder vor dem Gebäck der Messegestronomie – was vom Geschmack hier in etwa das Gleiche ist, nur ist das Gebäck sehr viel kleiner und teurer.

Bild zu: Die Frankfurter Buchmesse als gelobtes Land

0

22 Lesermeinungen

  1. @Meier555: Alles klar. So sehe...
    @Meier555: Alles klar. So sehe ich das auch. Aber solche Bewunderer kenne ich nicht. Ich spreche hier von der niederen Ebene der Schaffenden, und die kriegt immer nur die daemlichen Hymnen zu hoeren. Am Ende sind sie so bescheiden geworden, dass der Schwachsinn Teil der Identifikation wird. Dann kriegt man ueber die Jahre z.B. den Architekten, der sich sich allen Ernstes fuer genial haelt, obwohl er unter den Blinden nur der Einaeugige ist. Dito gilt-ich bin unbedarft-fuer den Buechermarkt: Es wird geschwaetzt von Scheck bis -wie heisst die doch, von „Lesen“-und wenn ich einmal, nur einmal (!) der Empfehlung folgte, kostete es mich das Dreifache an Cognac, um der Enttaeuschung, dem Gefuehl betrogen zu sein, zu entkommen.

  2. @Filou
    Implizit. Wenn Sie sich...

    @Filou
    Implizit. Wenn Sie sich z.B. mit dem Autor eines Buches unterhalten, das Ihnen gut gefallen hat, dann können Sie auch beiläufig zu verstehen geben, daß sie es aufmerksam gelesen haben. Selbst aus einer kritischen Anmerkung kann er dann mehr Anerkennung heraushören als aus einem frontalen „fand ich ja so super“
    .
    Und dann gibt es die Egozentriker, die glauben, daß ihr Gegenüber ihnen ihr Desinteresse und ihr endloses Ich-Gelaber augenblichklich verzeihen wird, wenn sie ihn beim Abschied mit einer einer zuckersüßen Lob-Kaskade überschütten.

  3. @Don: Man sprach ueber...
    @Don: Man sprach ueber Koeppen? Echt? Einen Mann, der von Suhrkamp mehr Vorschuss erhielt, als er wegen Liebeskummer an Text zurueckgeben konnte?
    Ueber Unseld wurde ja nun viel gelaestert. Aber zu K. war er sehr nett. Zu Uwe Johnson war U. auch sehr nett. Wie nett ist der Unseld eigentlich gewesen?
    Mir als literarisch voellig Unbedarftem, macht das den Eindruck als ob die Gewinnmargen bei Literatur so unglaublich hoch sind, wie bei der Modeindustrie.
    200 Schreibmaschinenseiten werden zu 80 Mio. Druckseiten, und wie bei der Mode, ist die ganze Sache uebermorgen overdatet und wird zum Taschenbuch, landet spaeter im Kaufhof am Grabbeltisch.
    Ich habe schon immer geglaubt dass Literatur in der Regel ueberbewertet wird, zumindest die Belletristik.

  4. Lieber Herr Meier, wie bringt...
    Lieber Herr Meier, wie bringt man ansonsten Lob und Anerkennung zum Ausdruck?
    .
    Beim Gelobtwerden bin ich Ihrer Meinung. Wenn ich von Armleuchtern gelobt werde-was soll mir das?

  5. Wobei ich mich nicht erinnern...
    Wobei ich mich nicht erinnern kann, irgendwen jemals die Buchmesse loben gehört zu haben.

  6. Neulich ist es mir auch...
    Neulich ist es mir auch passiert, daß ich am Stehbüffet eine Frau gerempelt habe, die sogar ein Weinglas in der Hand hatte. Gut, sie hat sich auch sofort entschuldigt. Und zwar in einem so vorwurfsvollen Tonfall, daß mir auch jetzt noch das Blut gefriert. Natürlich habe ich mich zurück-entschuldigt, aber sie hatte sich schon weggedreht. Bestimmt hält sie mich jetzt auch für so einen Literaturliebhaber.
    .
    Überhaupt kann ich Lob nicht ausstehen. Loben ist meines Empfindens eine unangemessene, moralisch fragwürdige Form, Zustimmung und Anerkennung zum Ausdruck zu bringen.

  7. Nun, ich war nicht nur in...
    Nun, ich war nicht nur in Israel, sondern auch schon mal zu Karneval in Düsseldorf und habe es nicht mehr ganz rechtzeitig zum Flughafen geschafft: Das Drama an der Buchmesse ist ja, dass sie angesichts der Einstellung des Publikums das Zeug zum Besseren hat. Und genau das kann man von Karneval, Oktoberfest etc. nicht behaupten.

  8. Man haette auch auf eine...
    Man haette auch auf eine Kirmes gehen, oder aeltere Damen beim Kamellensammeln im Rosenmontagszug heranziehen koennen. Irrationaler Sammeltrieb, verholener Diebessinn, die auftreibende Kleinkriminalitaet des geringen Buergers, und eben auch der Kulturbetrieb als Kompensatorium des gelangweilten Provinzlers (auch Stadtbewohner sind Provinz); es haette sich fuer den prinzipiellen Vergleich so vieles aus dem eigenen Miefloch geeignet.
    Schwamm drueber.

  9. Es geht mir um das Prinzip:...
    Es geht mir um das Prinzip: Wie verändert man sich, wenn man von einem Individuum zum Teil einer eingepferchten Masse wird. Was lässt man sich gefallen, wie geht man miteinander um, und so weiter. Nie würde man doch auf einer heimischen Lesung dem Nächsten den Ellenbogen hineinrammen, ohne sich zu entschuldigen.

  10. Nun, das eine ist sehr eitel...
    Nun, das eine ist sehr eitel und oft dumm. Das andere ist existentiell, von manchmal panischem Ueberlebenswillen.
    .
    So also ist es kuehner Vergleich, dem man nur mit einer vollen Portion von Missverstaendnissen zustimmen kann.

Kommentare sind deaktiviert.