Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Geistiger Beistand und optische Stille

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Die Messen entstanden ursprünglich um die Kirchen herum, aber von diesem geistlichen Erbe ist nicht mehr allzuviel zu spüren. Dennoch gibt es auf der Frankfurter Messe weit abgelegen ein kleines Kirchenzentrum, das von einem evangelischen und einem katholischen Pfarrer betreut wird. Das wissen auch Muslime zu schätzen.

„Frau Roth ist meine Nachbarin“, sagt Jeffrey Myers. Die Bürgermeisterin hat sich zur Mittagsmeditation im Kirchencenter auf der Messe eingefunden, und mit ihr auch der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst. Aber auch ohne den hohen Besuch und die grimmig schauenden Leibwächter ist der kleine Raum schon gut gefüllt. Etwa dreißig Gäste haben sich aus dem Gewimmel der Buchmesse, aus dem dichter werdenden Besuchergedränge und dem steigenden Aggressionslevel verabschiedet und sich eine halbe Stunde in einem nüchternen Raum auf Holzstühlen versammelt. Zusammen mit Jeffrey Myers, sonst Pfarrer an der Nikolaikirche am Frankfurter Römerberg, beten und singen sie oder suchen einfach Ruhe.

Bild zu: Geistiger Beistand und optische Stille

Ursprünglich entstanden die Warenmessen um die Kirchen herum, denn vor allem an hohen Feiertagen konnte man mit reichlich Publikum rechnen. Nun ist das Verhältnis umgekehrt: Die Warenschau ist der Grund, warum die Menschen strömen, und das Kirchenzentrum ist nur ein kleiner Teil der Infrastruktur. Es ist erstaunlich, daß sich überhaupt jemand in den Raum verirrt, so abgelegen liegt er im Torhaus, ganz hinten am Messegelände, noch hinter dem S-Bahnhof. Und niemand, den ich frage, hat je davon gehört.

„Etwa die Hälfte der Besucher sind Wiederholungstäter“, sagt Myers. Nun sei eine richtige kleine Gemeinschaft entstanden, die nach dem Vaterunser noch nebenan in einem winzigen Raum zusammenkommt und Wasser oder einen Kaffee zusammen trinkt. Die Pfarrer Myers und sein Kollege Herbert Poensgen von der katholischen Stadtkirche sind dabei immer ansprechbar und begrüßen und verabschieden jeden einzelnen Gast.

Früher war die Kapelle größer und eine Wand verspiegelt, aber die Messe ließ die gesamten Räume renovieren. Nun gibt es eine häßliche Funktionsleiste mit Steckdosen und Telefonanschlüssen, jederzeit kann der Andachtsraum in ein Büro umfunktioniert werden. Der Altar ist ausnehmend nüchtern, nur einige Kerzen stehen darauf, darüber ein hängendes Licht, sonst nichts. Es soll nun wieder etwas verschönert und dekoriert werden, aber, so überlegt Herbert Poensgen, „vielleicht sind die Leute aber auch froh um die optische Stille“. 

Seit der ersten Stunde dabei ist die Harfenistin Karin Franke-André. Sie lehrt am Hochschen Konservatorium und spielte schon zur Einweihung des Raumes vor 21 Jahren. Anfangs hatte man nur an eine kirchliche Seelsorge gedacht, an einen Raum, den man bei Sorgen und Nöten aufsuchen kann. Aber auf Nachfrage der Leute kamen allmählich die Gottesdienste und nun die Mittagsmeditationen hinzu. Sonntags zur katholischen Messe ist besonders viel los, da kommen auch viele Südamerikaner, Spanier und Italiener. Gesungen wird dann weniger, der Sprachverwirrung wegen. „Das ginge höchstens auf Latein“, meint Poensgen. Doch bei den Meditationen ist die Musik ein fester Bestandteil, und da stellte sich die Frage, welches Instrument zum Einsatz kommen soll. Schließlich wurde nach einigem Herumprobieren Franke-Andrés Harfe zum festen Inventar. Sie schleppt sie zu Beginn jeder Messe hier ins Torhaus, da bleibt sie dann für ein paar Tage stehen, bis zum Ende der Messe.

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Achtmal im Jahr finden die großen Messen statt, da bildet sich eine Stadt in der Stadt, und die hat auch ihre ganz eigene Infrastruktur. Wenn sich die Stadt aus Buchmenschen bildet, mit ihren Verlagshäusern, die die Stände sind und den Stadtteilen, die die Hallen sind, mit den Verbindungsgängen, der Krankenstation, der Polizei, mit den Veranstaltungen, die die gesamte Bandbreite menschlicher Interessen abdecken von Datenbankanwendungen bis Molekulare Partyhäppchen, dann hat diese temporäre Stadt eben auch eine Kirche.

„Wir kämpfen darum, daß das hier erhalten bleibt“, sagt die Harfenistin. Vor allem bei der Buch- und Musikmesse sei die Mittagsmeditation gefragt, bei der IAA weniger: „Da haben die Leute gar keine Zeit.“ Bei den Textilmessen, ergänzt Myers, kommen auch viele Moslems.

„Wir haben extra einen Teppich zum Beten angeschafft und einen Kompass. Anfangs sind wir dauernd gefragt worden, wo Mekka liegt.“

„Macht es den Moslems nichts aus, in einem christlichen Raum zu beten?“ frage ich.

„Die meisten sagen“, so Myers, „sie beten lieber in einem irgendwie kirchlichen Raum, als auf völlig säkularem Boden.“

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10 Lesermeinungen

  1. Nichtsdestotrotz ist die...
    Nichtsdestotrotz ist die Liebfrauenkirche und ihr Innenhof zum Kloster hin immer noch *die* Oase der Ruhe in der schrecklich hektischen Einkaufscity, da brauch es kein SoF zu.

  2. Manni1000, beim Sound of...
    Manni1000, beim Sound of Frankfurt wurde in der Liebfrauenkirche immer bewußt das Gegenprogramm zum Wahnsinn draußen gefahren. Es stellte diese „Oase der Ruhe“ dar, umgeben von diversen Bühnen im ganzen Innenstadtbereich. Ist aber auch schon wieder Jahre her, „Sound of Frankfurt“ wurde aufgrund von Finanzierungsproblemen eingestellt.

  3. Manni, das große Thema haben...
    Manni, das große Thema haben wir schon im Rahmen der Romreise zu Ostern mehr als nur angeschnitten. Drüben bei den Stützen war das. Insofern: Nur zu. Und eigene Gurus beleben das Geschäft.

  4. ...ja, da wird ein grosses...
    …ja, da wird ein grosses thema angeschnitten… GLAUBE, oder NICHT~ . ich finde:
    jeder muss das fuer sich selbst ausmachen, und frage deshalb mich, uns und andrea: ist das hier (= der blog im oeffentlichen rahmen) ge~/erwuenscht, oder darf jeder seinen eigenen guru mitbringen ???
    @doctor snuggles: auf den „Stillen Moment“, (z.b.) in der „Peterskirche“ zu nuernberg, freuen mein damaliger mitbewohner & ich uns seit ca. 25 jahren…., bisher war (leider??) nur immer rock’n roll….

  5. Der Herr und König Himmels...
    Der Herr und König Himmels und der Erde Sprach zu David: „Ich habe Jerusalem auserwählt, dass darin ein Name wohne.“ [2 Chron 6,5] „Dass du vorhast, meinem Namen einen Tempel zu bauen, ist wohlgetan. (…) Doch nicht du sollt denTempel bauen, sondern dein Sohn, der dir geboren wird; der soll meinem Namen den Tempel bauen!“ [Chron 6,8] Und so geschah es: Kaum zur Regierung gekommen, gab König Salomon den Befehl, „für den Namen des Herrn einen Tempel zu bauen.“
    Die Mittagsmeditation im Kirchencenter auf der Messe befinden sich in einer über dreitausend Jahre währenden ununterbrochenen Kette. Wo sich viele Menschen einfinden – um geistige Nahrung kümmern – ist es gut daran zu erinnen… „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein…“ (Matth. 4,4)

  6. Alter Bolschewik: die Kirchen...
    Alter Bolschewik: die Kirchen bzw. diverse Klöster mischen doch schon auf dem Wellness- und Weiterbildungsmarkt mit. Aber die Kirche will ja Deutungshoheit auf dem Feld der Religion, das ist ihr eigentliches Ziel. Der Entspannungsmarkt ist eher eine Nischensache, die man gerne noch mitnimmt.

  7. Beim "Sound of Frankfurt"...
    Beim „Sound of Frankfurt“ (früher – ich fühle mich gerade seeehr alt) gab es ja auch die stillen Momente in der Liebfrauen-Kirche. Draußen ging der Punk ab und drinnen die Stille bzw. die beruhigenden Konzerte – herrlich!

  8. Ich glaube, ich habe hier...
    Ich glaube, ich habe hier schon einmal (anläßlich der Rom-Reise), meine Urgroßmutter erwähnt, die vor allem deshalb gerne täglich in die Kirche ging, um dem permanenten Trubel ihrer Hausfrauenarbeit inmitten einer Schar von Kindern zu entkommen und etwas Ruhe zu finden. Hier vermischt sich säkulares und religiöses Bedürfnis, was den Kirchen bei ihrem unerbittlich sich fortsetzenden Mitgliederschwund zu denken geben sollte, eröffnet sich ihnen doch ein völlig neues Geschäftsmodell: Statt Jesus einfach Oasen der Ruhe zu vermarkten.
    Großartig in dieser Hinsicht fand ich immer das Bonner Münster, das, mitten in der Fußgängerzone gelegen, über einen Kreuzgang verfügt, ein locus amoenus inmitten des ganzen Kommerzrummels. Allerdings müßten die Kirchen als Ruhevermarkter erst einmal selbst mit gutem Beispiel vorangehen: also auch auf Harfenmusik und ähnliches verzichten; und vor allem das infernalische Gebimmel einstellen, mit dem sie mich jeden Sonntagmorgen aus dem Bett treiben.

  9. Ich bin ja auch kein...
    Ich bin ja auch kein gläubiger Mensch. Aber Sie glauben gar nicht, wie angenehm so eine optische und akustische Stille sein kann. Von mir aus muß niemand was vorbeten, aber allein der ruhige Raum, die freundlichen Gastgeber, die relative Abgeschiedenheit können Wunder wirken.

  10. Als echter "Heide" sage ich...
    Als echter „Heide“ sage ich frei nach Friedrich dem Großen:
    .
    „Die Religionen müssen alle toleriert werden und muss der Fiskal nur das Auge darauf haben, dass keine der anderen Abbruch tue, dahier muss ein jeder nach seiner Fasson selig werden“
    .
    Der Vadder

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