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Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Vom Ende her gesehen: Ein Messefazit

| 21 Lesermeinungen

Nun ist sie vorbei, die 61. Frankfurter Buchmesse. Und dafür, daß gerade überall große Krise herrscht, war es eine verdächtig entspannte und gutgelaunte...

Nun ist sie vorbei, die 61. Frankfurter Buchmesse. Und dafür, daß gerade überall große Krise herrscht, war es eine verdächtig entspannte und gutgelaunte Messe. Vielleicht gab es irgendwo versteckte Kammern, in denen heimlich geweint wurde, aber in der Öffentlichkeit und im Gespräch bekam man wenig davon mit. Vorbei ist auch das Gejammer auf hohem Niveau, das in den fetten Jahren noch so allgegenwärtig war, man klagte nicht, man machte einfach. Die unabhängigen Verlage etwa riefen kurzerhand als Indie-Version des Buchpreises die Hotlist ins Leben, Denis Scheck moderierte und Alexander Schimmelbusch (links im Bild) durfte sich mit dem Blumenbar-Verlag über den Preis freuen. Der immerhin mit 5000 Euro dotiert ist.

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Anschließend wurde im Kunstverein weitergefeiert, wo eine angenehm jugendliche Studentenparty-Atmosphäre herrschte mit vielen Bierflaschen, leeren Gläsern, Turnschuh- und Jeansträgern, in die Ecke geknüllten Jacken und keinem einzigen Stehtisch nirgends. Eine sehr frankfurterische Party in ihrer Lässigkeit, ganz anders als die sonstigen Verlagsempfänge, die hier immer ein wenig wie Fremdkörper wirken. Es sind auch viele Frankfurter vor Ort, mein Ersatzbegleiter Thomas Scholz (dem hiermit für seine Ausdauer gedankt sei) und ich kommen immer nur ein paar Schritte voran, dann kennt einer von uns wieder jemanden. Früher hieß es immer, zu Eichborn in den Südbahnhof kommen die Lokalen, aber eine höhere Lokalverbundenheit als die Party der jungen Verlage ist eigentlich kaum denkbar. Dabei sind die meisten nichtmal von hier.

Ebenfalls im Kunstverein waren die Open Books beheimatet, das ziemlich umfangreiche Lesungsprogramm, das ein Stück Messe in die Stadt geholt hat. „Darauf hat Frankfurt gewartet“, erzählt mir Irma Bergknecht vom Kulturdezernat, die als Mitorganisatorin die ganzen Tage vor Ort war. Auch zu den unmöglichsten Zeiten, etwa Donnerstag Nachmittag um zwei Uhr, hätte ihnen das Publikum die Bude eingerannt. Eigentlich haben die Open Books nur Vorteile: Leerer als die Messe, der Eintritt ist frei, die Autoren sind entspannter und das Essen im Café dort ist sehr viel besser als alles, was das überteuerte Catering sonst zustande bringt. Eine gute Sache, finde ich und freue mich auf eine Fortsetzung im nächsten Jahr.

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Außerdem war es eine Buchmesse der netten Gespräche, und eine ganze Menge davon am letzten Abend beim FAZ-Empfang. Wenn ich Maria Gazzetti, der Literaturhaus-Leiterin begegne, geht immer die Sonne auf. Leider nicht mehr lange, denn sie hat sich kurz vor der Buchmesse nun endgültig entschieden, die Leitung im nächsten Juni abzugeben. Ich kann mir ein Literaturhaus ohne sie bisher schwer vorstellen, aber ich konnte mir auch ein Literatuhaus nach dem Umzug nur schwer vorstellen. Und es ist auch nicht leicht in der neuen, alten Stadtbibliothek, dem verkehrsumtosten Porzellanschlößchen an der Schönen Aussicht, die leider mehr Schöne Aussicht verspricht als sie hält. Ich hatte keine Angst vor den Marmorsäulen, sagt Gazzetti, aber die Leute kommen zur Lesung und gehen gleich danach wieder. Und da hat sie recht, das war in der alten Bockenheimer Villa anders. Ich erinnere mich an legendäre Kamingespräche mit Robert Gernhardt, das waren schöne Abende, aber nun gibt es Robert Gernhardt nicht mehr und auch nicht den Kamin. Dafür viele neue Ideen und reichlich Publikum, und wenn die Baustelle erst einmal weg ist, vielleicht auch das, was man so schön als Aufenthaltsqualität bezeichnet.

Wie immer ist das Gastland bei mir viel zu kurz gekommen. Ich schaffe es gerade so, den Überblick über die heimische Buchszene zu behalten, ich bemühe mich pflichtschuldigst, mir zumindest Teile des Gastland-Auftrittes anzuschauen. Aber ohne Hintergrundwissen ist das nicht mehr als irgendwie bunt – was weiß ich schon über Peking-Oper? Wenig bis nichts. Und ausgerechnet in einer derart hektischen und reizüberfluteten Woche damit anzufangen, mich da hineinzuvertiefen, ist auch eher illusorisch. In Sachen Menschenrechte kann ich auch nicht mehr, als den einschlägigen Berichten vertrauen. Ist es nun ein Skandal? Ist es keiner? Ich kann das nicht entscheiden. Bitte sagen Sie es mir.

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Ich gratuliere an dieser Stelle lieber meiner Nachbarin Ju Honisch, die hat nämlich den Deutschen Phantastikpreis gewonnen, und zwar in der Kategorie Bester Deutscher Newcomer. Wie jedes Jahr seit vielen, vielen Jahren öffnete die Phastastikszene in Dreieich ihr Paralleluniversum, und in Frankfurt bekommt niemand etwas davon mit. Außerdem grüße ich meinen leider verhinderten Co-Blogger Don Alphonso, der eine Woche mit entzündetem Kiefer Bett und Blog hütete, während ich herumrannte.

Bücher, die ich auf legalem Weg erworben habe: Stephan Thome: Grenzgang, Keith Gessen: All die traurigen jungen Dichter, Verena Rossbacher: Verlangen nach Drachen, Andreas Platthaus: Freispiel, Max Goldt: Ein Buch namens Zimbo, Rayk Wieland: Ich schlage vor, dass wir uns küssen. 

Und das war es gewesen für 2009. Ich hoffe, es hat ein bißchen Freude bereitet. Ich ziehe mich nun zurück, um zu lesen.

Sie ja vielleicht auch.

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21 Lesermeinungen

  1. Savall, für die Bildbände...
    Savall, für die Bildbände hatte ich kaum Zeit. Ich habe aber auch kaum Platz dafür, die sind immer gleich so sperrig im Regal. Umso dankbarer bin ich für Ihre Hinweise. Überhaupt Hinweise! Wer welche hat, was dringend noch gelesen werden muß: Her damit.
    .
    Berthold, ja. Das einzig schlechte an Open Books war, daß es das nicht schon längt gegeben hat. (Der Verein zur Erhaltung der Deutschen Sprache allerdings hat, wie mir berichtet wurde, brieflich weitere Einwände angemeldet, unter anderem des Titels wegen.)
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    Don Ferrando, das Apostroph ist ein ewiger Streitpunkt bei uns in der Redaktion. Mein Chef behauptete immer Regeln, die es gar nicht gibt. Tatsächlich ist der Duden, was das angeht, sehr schwammig. Und schreibt sinngemäß, man könne das Apostroph bei solchen Zusammenziehungen einsetzen, wenn es der Lesbarkeit dient. Weil es meines Wissens nach das Wort „fürs“ nicht gibt, denke ich, es dient eventuell der Lesbarkeit, die Auslassung kenntlich zu machen.

  2. >>
    Ich glaub, ich hab 5 Kilo...

    >>
    Ich glaub, ich hab 5 Kilo abgenommen dieses Mal.
    << Das lag an dem zu vielen Kaffee in später Nacht! Aber Rayk Wieland ist ein guter, nicht wahr, sie scheinen ihm sogar den Zigarrenqualm verziehen zu haben. In der Villa Bonn staut der sich so ... Mein Chef lässt herzlich grüßen. Er sagt, wenn Ihnen Wieland sein Buch schenken lässt, dann schenkt lässt er Ihnen seins eben auch schenken; hätte er, das weiß ich, aber ohnehin getan, denn ich habe es für ihn schon Montag zur Post gebracht. Bloggen Sie schön! Und Genesungswünsche an den Herrn Fingerabspreizer.

  3. Danke für die guten Berichte,...
    Danke für die guten Berichte, man fühlte sich fast so, als wenn man selbst da gewesen wäre. Das ist ja auch das höchste Lob, das einem Schreiber ereilen kann. Lustig die Flaschen meiner Heimatsbrauerei, ja das sieht sehr studentisch und gelassen aus.
    Viel Spaß beim Lesen

  4. Danke für die schönen...
    Danke für die schönen Berichte von der Messe und dem Drumherum!
    Fürs aber bitte ohne Apostroph!
    DF

  5. Danke für den Artikel und ein...
    Danke für den Artikel und ein großes Lob für open books. Meine Frau und ich waren am Samstag dort im Kunstverein, die Lesungen und die Art der Veranstaltung war sehr gut. Diese stärkere Präsenz der Buchmesse in der Stadt war schon lange notwendig.

  6. Ich fand die Messe auch...
    Ich fand die Messe auch entspannter als früher. Und zumindest die Fachbesuchertage waren nicht so überfüllt, als es bei uns in Leipzig immer ist. Insofern sind diese Tage schon sinnvoll. Daß man nach wie vor an den Ständen nichts kaufen darf, halte ich für überzogen. Das ist vom Börsenverein etwas zu dogmatisch gedacht. Gerade für die kleineren Verlage wäre es doch ein minimaler Beitrag zur Refinanzierung. Sie würden dann auch bereitwilliger zur Messe kommen und erhalten so die Vielfalt. Der Buchhandel würde wegen der paar Tausend Euro schon nicht zusammenbrechen.
    Herzlichen Glückwunsch an Ju Honisch. „Obsidianherz“ liegt schon bereit. Für Leute, die auch an der dunklen Seite des Mondes Interesse haben ist es auf jeden Fall interessant.
    Jenseits der Literatur sind mir ein paar schöne Bildbände aufgefallen. Bei Theiss ist der Begleitband zu der sensationellen Qatna-Ausstellung erschienen: „Die Schätze des alten Syrien“. Sehr interessant. Wer es noch etwas opulenter mag: „Die verbotenen Gräber in Theben“ bei Zabern. Wirklich prachtvoll. Gleichermaßen, wenn auch keine Neuerscheinungen mehr, die Bände zur Wandmalerei der Renaissance in Italien bei Hirmer. Die stelle ich immer nur mit einem unterdrückten Seufzer ins Regal zurück. Und last but not least ein Geschenktipp für Weihnachten: eine illustrierte Ausgabe von Fontanes Wanderungen bei Faber und Faber. Schön gemacht und repräsentativ. Leider nur eine Auswahl, aber für Fontane-Einsteiger eine feine Sache.

  7. Frau Dr. Heuse, vielleicht ist...
    Frau Dr. Heuse, vielleicht ist das so. Vielleicht stellt sich irgendwann heraus, daß Thalia eine schlimmere Bedrohung für die Lesekultur ist als Google.
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    Rob, glauben Sie es oder nicht: Keine. Besonders entzückend war man bei Kunstmann, wo ich mir Rayk Wielands Buch haben wollte (der ist mir beim FAZ-Empfang über den Weg gelaufen). Man fragt ja immer höflich nach Rabatt für Journalisten, und als der Herr das Stichwort „Buchmessezeitung“ hörte, meinte er: Ach ja, toll. Nehmen Sie’s so mit. (Bei Rowohlt werden Taschenrechner gezückt und auf Heller und Pfennig ausgerechnet, bei Suhrkamp heißt es: Das geht über die Presseabteilung, ich krieg hier sonst Ärger. Auch irgendwie bezeichnend.)
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    Ach was, Herr Hartmann, das ist mir ja völlig entgangen! Guter Tip für’s nächste Jahr. Danke. Hoffentlich fällt das nicht irgendwelchen Krisen zum Opfer. (Ich glaub, ich hab 5 Kilo abgenommen dieses Mal.)

  8. Ju Honisch war tatsächlich...
    Ju Honisch war tatsächlich eine angenehme Überraschung. Leider ist das „Paralleluniversum“ bei mir dieses Jahr ziemlich kurz gekommen.
    Auch ich versuche das Essen auf der Messe möglichst zu vermeiden und versuch mit Eigenversorgung über den Tag zu kommen.
    Eine große Ausnahme im „Catering des Grauens“ ist übrigens das Restaurant, das Tre Torri zusammen mit Accente im Foyer Ost der Halle 3 betreibt. Auch nicht teurer als anderswo auf der Messe aber dafür richtig lecker und man sollte sich vorab einen Platz reservieren.
    Open Books war eine prima Idee und wird hoffentlich noch ausgebaut.
    Im übrigen frag ich mich immer wieder, was die Fachbesuchereinschränkung soll, wenn scheinbar ganze Lehrerkollegien die Messe besuchen, Jugendliche unter der Woche im Comicbereich sind und jeder ohne weiteres an der Tageskasse an Fachbesucherkarten kommt.

  9. So fehlen noch die Bücher,...
    So fehlen noch die Bücher, die nicht auf legalem Weg erworben worden sind…

  10. Nach diesem aufschlussreichem...
    Nach diesem aufschlussreichem Endspiel ziehe ich mich auch zurück, suche meinen vielgelesen Tomasi di Lamedusa heraus, und amusiere mich mit des Leoparden Weisheit: ‚Wenn wir wollen, daß alles so bleibt, wie es ist, müssen wir zulassen, daß sich alles verändert.‘

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