Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

E-Röffnung

| 32 Lesermeinungen

Die Eröffnung. Große Hoffnungen, große Reden, dicker Veranstaltungskatalog. Worum geht es dieses Jahr? Vor allem um E. Und das ist ausnahmsweise nicht das Gegenteil von U.

Ach, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne: Eifrige Spediteure karren schon den ganzen Tag Kisten, Kasten und Container herbei, hocken zwischendurch erschöpft auf Stapeln von Weltliteratur und checken SMS. Andere kriechen demütig zwischen Standwänden herum und versuchen, den grauen Estrich mit noch grauerem Teppichboden zuzuflauschen. Die Vorhut des Ganzen, noch bevor der erste Praktikant den ersten Kaffee aufsetzt, sind die Handwerker. Für einige Stunden gehört ihnen die Buchmesse, und bis tief in die Nacht hinein kleben und heben sie, was geklebt und gehoben werden muss. Dann steht alles da, und dann gehört die Buchmesse jemand anderem. Nur wem?

Bild zu: E-Röffnung

Glaubt man dem diesjährigen Veranstaltungsprogramm, gehört die Buchmesse vor allem den Verkaufsstrategen. Anscheinend ist es ein unendlich mühsames Geschäft, sogenannte Verlagsprodukte unters Volk zu bringen: „Public Peer Review als Erfolgsfaktor“, nennt sich eine wahllos herausgegriffene Veranstaltung, eine andere zählt „Die 10 teuersten Google-Fehler bei Verlagsprodukten“ auf. Wenn das  alles nicht hilft, bleibt immer noch der „Erfolg mit Erlebnisgeschenkboxen“. Überall wird über E-Publishing geredet, über E-Content, E-Books, gern auch mal über Hyperdistribution, die das gute alte Single Source Publishing ablösen soll (haben Sie sicher schon gehört). Dem E-Book gehört, so sind sich alle einig, die Zukunft, und jetzt gehört ihm schon einmal die Buchmesse. Und in Zukunft gehört vermutlich alles überhaupt nur noch Google.

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Wer sich  ansatzweise für Literatur interessiert, wird auf dieser Veranstaltung nicht gerade üppig bedient. Gut, die üblichen Spitzentitelautoren werden durch die üblichen Fragerunden gereicht und erklären in den üblichen leicht verständlichen Häppchen, was sie zu ihrer Contentproduktion getrieben hat. Es gibt ja auch einigen Erklärungsbedarf, denn die Buchpreisträgerin kennt schon mal kein Mensch. Außerdem sind ein paar Promis da, die will man ja immer sehen. (Ich kenne einige, die zum Beispiel Roger Willemsen immer gerne sehen. Weiblich zumeist.)

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Auf dem Gastland ruhen einige Hoffnungen. Zwar waren sich die Eröffnungsredner nicht einig, ob es nun Borsches (Westerwelle) oder Borghes (Roth) heißt, aber beide behaupteten tapfer, ihn schon immer geschätzt zu haben. Mehr kann ich dazu nicht sagen, denn der Gastland-Pavillion war noch abgesperrt. Es gibt jedenfalls viele weiße Stoffbahnen und Wände mit Bildern drauf. Der Comicschwerpunkt meldet sich wie immer zu Wort, das ist schön, da gehe ich immer gerne hin. Und vielleicht muss man ohnehin das Messegelände verlassen und im Kunstverein bei den Open Books die entspannteren, ruhigeren Lesungen besuchen, anstatt durch den Trubel zu irren.

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Doch man gelobt, es dabei nicht zu belassen: „Wir wagen uns vor in das Abenteuer Inhalt“, verspricht Buchmesse-Direktor Jürgen Boos zum Abschluss seiner Eröffnungsrede. Ich wage mich auch vor, in das Abenteuer Buchmesse. Man muss das vermutlich als riesige Erlebnisgeschenkbox sehen, um das alles mit Erfolg auszuhalten.

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32 Lesermeinungen

  1. nnier, Helmut Newton und...
    nnier, Helmut Newton und Superman-Comics in direkter Nachbarschaft, nun denn. Ist nicht gerade selbsterklärend…
    .
    Liebe Frau Diener, ich gebe zu, mir ist die Buchmesse fremd. Zwar war ich rein privat bereits häufiger Gast auf diversen Messen, wobei mich meist der Zufall leitete, musste aber glücklicherweise nie beruflich auf eine solche Veranstaltung.
    Das denglische Marketing-Geschwätz in deren Umfeld ist mir schier unerträglich. Ich wünsche Ihnen jedenfalls viel Spaß an den Abenden.
    Ihr V

  2. Ja, diese Buchmesse beginnt...
    Ja, diese Buchmesse beginnt langweilig, trotz Nintendo, der argentinischen Pleite-Prinzessin wurde nicht die Handtasche gepfändet. Das wird den Griechen Mut machen. Und den Isländern, den Iren, den Belgiern, den Spaniern, den…
    Die Deutscher Sparkassen Verlag GmbH hat keinen Stand gebucht,
    keine Zielgruppe auf der Buchmesse, wer lesen kann, verzichtet auf´s Sparbuch.

  3. ja Andrea die Abende da...
    ja Andrea die Abende da treffen Sie sich dann inden Bars e-bars und koennen sich hoffentlich koestlich unterhalten (und falls die Fuesse heissgelaufen oder gestanden sind empfehle ich auch Ihnen die Seegurkendusche da koennen Sie Don fragen wie das geht und ich verspreche Ihnen das macht sie wieder munter nach einem langen Tag schliesslich wird das in Kureirichtungen auch als Kaltspuelung angepriesen und es hilft) Und nun viel Spass

  4. nnier, der Tag ist trist, aber...
    nnier, der Tag ist trist, aber die Abende, die Abende. Ich sag Ihnen.

  5. Werte Frau Diener,
    schön mal...

    Werte Frau Diener,
    schön mal wieder was von Ihnen zu hören.
    Ich freue mich auf die Einblicke in die Buchmesse, die für mich bislang immer nur bedeutet hat, dass sich mein Hotelzimmer von 150 Euro auf 350 Euro verteuert…
    Interessant der launige Kurzüberblick in der FTD heute morgen über einige der anwesenden Schriftsteller inklusive Kurzkritik.
    Schöne Grüße aus dem Norden,
    Moritz

  6. Die Idee, vor der Eröffnung...
    Die Idee, vor der Eröffnung Bilder zu machen und die entsprechenden Eindrücke zu schildern, gefällt mir sehr. Das alles hört sich schon jetzt nach einer sehr tristen Veranstaltung an. Bleibt zu hoffen, dass bei den Comics etwas Interessanteres zu finden ist als Supermann und Titten. („Borsches“ und „Borghes“ – sehr schön!)

  7. guten Morgen Andrea, als...
    guten Morgen Andrea, als Auftakt zur Buchmesse waren meine e-mails und Kommentare gedacht also ein Mini-Mini e-book zusammenfassend und nun viel
    Vergnuegen bei diesem Marathon der geistigen Erbauung

  8. hansgeier: Sagt der Don. Und...
    hansgeier: Sagt der Don. Und Sie glauben ihm das natürlich. Sie glauben ihm alles. Sehr schön, weiter so.
    .
    Don Ferrando: Willkommen! Wir werden sehen, was sich aus dieser Veranstaltung herausquetschen läßt. Eine Redakteurin seufzte schon, das werde die langweiligste Buchmesse ihrer Karriere.

  9. Ah, endlich wieder ein Andrea...
    Ah, endlich wieder ein Andrea Diener Blog in der FAZ!
    Die schöne Einführung läßt auf weiter Erhellendes und Unterhaltendes von der Buchmesse hoffen!
    Da capo Madame !

  10. Es ist eine Messe. Dort wird...
    Es ist eine Messe. Dort wird Umsatz gemacht. Abenteuer gibt´s in Italien. Bei Siena. Auf Drahteseln. Im Dreck. Sagt der Don. Auf der Buchmesse gibt´s den Dreck in Regalen. In riesigen Erlebnsgeschenkboxen. Im net sowieso.

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